Ausgezeichnete Kommentare der letzten 7 Tage

FabianO vor 4 Tagen
58 Auszeichnungen
„Vom Blog zum Kommentar - 9 Wege des Beschreibens nach DaveGahan101”
Lässt sich die herrliche Liste an Kommentarstilen, die DaveGahan101 so umjubelt erdacht hat, in einem Kommentar zur Anwendung bringen und ausführen? Ich versuch´s mal mit einer Auswahl, ein Amouage bietet sich aufgrund seiner Prachtfülle ja per se dafür an.

a) Emotionaler Kommentar ("verhaltensauffällig"): Wow. Platt. Das bin ich. Ich könnte heulen, so schön hat es Amouage mal wieder geschafft, mich einzuebnen. Orient, wohin das Auge schaut. Safran. Eine dicke Wachsschicht. Ich schmelze dahin. Saftige Orangen, weit weg, aber trotzdem. Ich kriege obstige Gänsehaut....

b) Kommentar mit Einleitung und Geschichte ("zu wenig über den Duft"): Es gab da mal einen Mann. Nennen wir ihn einen modernen Sultan. Hadschi Buzzini. Angekommen in der Moderne, aber in seiner familiären Tradition eng verwurzelt. Man erkennt es an seinem Modestil. Morgens um 8 steht er auf und spaziert erstmal durch seinen Garten. Ein herrlicher übrigens, Orangenbäume stehen da. Um 9 Uhr trinkt Hadschi Buzzini einen Tee. Die Orangenschalen kocht er mit. Er mag das Wachsige daran. Seine Frau.....

c) Sachlicher und knapper Kommentar ("phantasie- oder emotionslos"): Angenehm unaufdringlicher, zart wächserner Duft. Moderat orangig, mit Safraneinsprengseln zum Orient hin verschoben. Schick.

d) Kommentar mit persönlichem Erlebnis ("gehört nicht "hierher""): Ich saß gestern in der U-Bahn und hörte die neue CD von Anouar Brahem. Kennt den jeder? Toller Oud-Spieler. Orient pur. So flüchte ich aus meinem stressgeplagten Berufsalltag. Neben mir nimmt ein sehr gepflegt aussehender junger Mann Platz. Cashmereschal, Mantel, braune Budapester. Und als wollte das Schicksal meine musikalische Flucht in arabische Weiten olfaktorisch untermalen, weht von ihm plötzlich ein ganz sanfter, frühlingshafter, aber irgendwie doch uneuropäischer Hauch eines Parfums herüber.....

e) Chemisch basierter Kommentar ("zu analytisch"): Wächsern und zugleich fruchtig - das mag daher rühren, dass Amouage hier Elemiharz (C20H32O), auch Ölbaumharz genannt (lat.Resina elemi), in nennenswerter quantitativer Dosierung eingefügt hat. Orangenöl, zu 90 % aus Limonen bestehend, trägt zu zweitgenannter Aromatik bei....

f) Kommentar mit dem Wort "Döner" und "fetter 3er BMW" ("intolerant, "schlichter Schubladendenker""):
Also, ein Duft für 3er-BMW-Fahrer (ich meine die getunten) ist das tendenziell eher nicht. Dafür ist der Duft zu elegant, zu zurückhaltend, zu vornehm. Ihm fehlt das Laute, Krachmachende, mit dem man auch bei seinem täglichen Besuch in der Dönerbude gegen Knoblauch und würziges Fleisch ausreichend anstinken kann....

g) Kommentar, wie einem der Schnabel gewachsen ist ("Troll oder "Asi"): Ihr könnt mich alle mal gern haben. Echt jetzt. Geiles Teil. Is so. Nicht gerade richtig für´n kleines Portemonnaie, das Orient-Zeug. Aber seine Asche wert. Quasi wie "Lawrence von Arabien" auf DVD gucken, würd ich meinen. Jau. Nicht anders. Vielleicht mehr so 2.0.

h) Kommentar selbstbewusst ("arrogant oder überheblich"): Ich hab nun schon wahrhaftig viele Amouages gerochen und auf Herz und Nieren geprüft, insofern weiß ich, wovon ich rede. Speerspitze sind und bleiben auch nach "Beloved Man" ganz uneinholbar "Memoir Man" und "Jubilation XXV", da beißt die Maus keinen Faden ab. Definitiv ein guter, aber eben kein sehr guter. Das ist so.

i) Kommentar aalglatt und es jedem recht machen wollend ("alles in Ordnung"): Ich persönlich - aber das sehe auch vielleicht wirklich nur ich so und es hat wirklich keinerlei Allgemeingültigkeitsanspruch - mag "Beloved Man" gerne. Gerne heißt jetzt nicht "immer gerne". Morgens kann er auch mal zu viel sein. Was nicht heißen soll, dass ich diejenigen beleidigen möchte, die ihn schon nach dem Aufstehen benutzen....

31 Antworten

Pluto vor 4 Tagen
45 Auszeichnungen
„Wäre der Tag ein Fisch, ich würde ihn wieder ins Wasser werfen...”
Achtung, das ist ein „das gehört hier nicht her“ Kommi, danke DaveGahan101, für diese humorvollen Kommi Kategorien…:o)

Gestern war einer dieser grauen Tage. Besuch beim Vater im Heim, der will unbedingt nach Hause, was soll er hier, ständig schreibt man ihm vor, was er zu tun hat, das kann man mit ihm nicht machen. An solchen Tagen ist es schwierig, beruhigend einzuwirken, Gott sei Dank ist er nicht immer so. Die hutzelige, zahnlose Frau U. beschimpft alle in Fäkalsprache im Aufenthaltsraum, zum Schluss auch mich und die Sozialarbeiterin. Sonst ist sie lieb und ruhig und will oft von mir ihre Hände gestreichelt haben, „die sind so kalt“. „Meine Tochter beleidigen sie nicht, so geht das nicht, man kann doch nicht sagen, was man will.“ Bei Beleidigungen wird mein Vater fuchtig. Frau U. rollt näher und schimpft weiter, will ihn schubsen, mein Vater ballt die Faust im Rollstuhl… ich gehe dazwischen und vermittel, versuch es. Herr B., der nur noch brabbeln kann, steht dicht neben mir und verfolgt alles mit Interesse, seine Hose ist voll, das ist kein Geheimnis. Frau T. will jetzt endlich Aufmerksamkeit und blökt die Schwester im Kommandoton an, „haben sie mich vergessen, ich will meinen Kaffee, aber ein bisschen plötzlich..“ Was für ein harmonischer Nachmittag, ich bin froh, als ich raus bin, zurzeit bin ich ein wenig dünnhäutig. Mir fiel der Kalenderspruch ein, „wäre der Tag ein Fisch, ich würde ihn wieder ins Wasser werfen..“ Draußen Regen und stürmische Böen…, Kapuze auf und ab zur Bahn. Vielleicht noch ein Abstecher ins Kaufhaus, ich will mir jetzt was gönnen.

Nichts lockte mich, nicht meine Größe, falsche Farbe, gut, dann in die kleine Parfümerie, auch dort gab es nichts für mich und jetzt wollte ich auch nur noch nach Hause auf die Couch. Die Verkäuferin fragte im Rausgehen, „darf ich etwas von Boucheron aufsprühen, eher fürs Frühjahr, aber ein wirklich hübscher Duft.“ Sie durfte, na klar wen wundert's, es war Place Vendome, den hab ich schon…

Place Vendome zu Hause aus dem Schrank geholt, noch einen Sprüher aufgelegt, warm und frisch zugleich, der Auftakt zart fruchtig, dann steht eine pudrige Rose im Vordergrund mit einer Spur Jasmin. Der Duft ist lieblich, hat so was Adrettes, leicht süß, aber nicht klebrig, eher pikant. Eine leicht pfeffrige Note gibt einen Frischekick, zum Ende dominiert eine saubere Moschusbasis. Nun weiß ich wieder, warum ich den gekauft habe. Ein spritziger Florale mit guter Alltagstauglichkeit. Eher für die warmen Monate und für Kerle nur bedingt, sie sollten Puder mögen. Sillage und Haltbarkeit sind mittel, der geriffelte Glasflakon ist handlich und schlicht, mir gefällt er. Düfte können graue Tage nicht in sonnige umwandeln, aber sie können sie schon ein wenig erträglicher machen.

28 Antworten

Palonera vor 5 Tagen
32 Auszeichnungen
1270

1270 - Frapin

9.5
„Was es braucht zum Glücklichsein”
Abendsonne, dunkelgoldenwarm.
Nußecken mit Schokolade, messerrückendick.
Meine Hand in seiner, groß und warm und stark.
Kinderlachen, lauthals, sorglos, frei.
Warme Füße und ein klarer Kopf.
Ein dicker Wälzer, tausend Seiten stark.
Portwein, funkelnd im kristall'nen Glas.
Die Umarmung deines liebsten Menschen.
Weihrauchharz, bernsteinkupfergold.
Ein spinnwebleichtes Kaschmirplaid.
Raschelndbuntes Laub, Oktoberwald.
Weiches Leder, altes Holz.
Cordsamt, etwas abgenutzt.
"Es war einmal vor langer Zeit..."
Heiße Schokolade in Essen, Café Cult.
Ein Wochenende Langsamkeit.
Kuschelsocken, Früchtetee.
Eisblumen für Kindernasen.
Ein Blick aus tiefem Strahlenkranz.
Fester Boden unter warmem Schuh.
Sanfte Hände, weiche Haut.
Weihnachtsbäckerei.
Sorge dich nicht – lebe.
Die Highlands, Jamie, Claire.
Nächte auf dem Bärenfell.
Zu Hause sein, wo immer auch.
Boadiceas "Exotic", ein Hauch von "Eau de Fröhliche".
Pfeifentabak, noch nicht angebrannt.
"Du duftest fein!" aus kleinem Kindermund.
Kerzenschein auf Terracottasamt.
Schwere Sessel, knisternder Kamin.
Zeit, die keine Rolle spielt.
Lächelnde Gesichter, unverstellt und wahr.
Das Wissen um Geborgenheit.
All dies und noch viel mehr in einem Tropfen nur.
1270 – mein kleines Synonym für großes Glück.

PS: Bigalchen - danke für dieses wundervolle Geschenk!

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Meggi vor 6 Tagen
30 Auszeichnungen
„Sicherheitshalber schon um 17 Uhr”
Wie bitte? Oud Burmi riecht nach Kuhstall? Blödsinn. Müsst Ihr so untertreiben? Kuhstall reicht hier nicht ran. Oud Burmi riecht nach kurzem, typisch säuerlich-holzig-ledrigem Anflug direkt, ohne Umwege durch den Stall, nach Misthaufen, nach Gülle. Ich frage mich, ob ich je einen heftigeren Auftakt für ein …äh… der Begriff „Parfüm“ trifft es einfach nicht … eine zum Applizieren auf die Haut vorgesehene Flüssigkeit erlebt habe. Puh.

Es dauert zwar, aber es wird: Binnen rund zwei Stunden verzieht sich der Gülle-Geruch und macht einem kraftvollen, dunkel-würzigen, fast tabakhaften Oud-Holz Platz. Im weiteren Verlauf des Vormittags wird diese Note heller und heller, beginnt gar zu schimmern (mit „r“, nicht „l“). Vom Gestank ist allenfalls noch eine Andeutung da, Oud Burmi ist geradezu artig geworden - jedenfalls vergleichsweise. Am Nachmittag setzt sich diese Entwicklung behutsam fort, immer hellholziger, gleichzeitig säuerlich-ledrig, zudem passt nunmehr der Gedanke an ein fernes, kaum spürbares Lüftchen aus dem Kuhstall. Letzteres bemerkbar einzig ganz nahe der Haut, gewiss allein für den Träger.

Oud Burmi ist zweifelsohne kein Duft für Unbedarfte, aber tragbar wird er doch – wer hätte das anfangs gedacht? Alles von vorne bis hinten lässt sich wohl unter die vielfältigen Facetten von Oud subsummieren, insofern scheint die schlichte Angabe eines einzelnen Inhaltsstoffes in diesem Fall nicht manieriert, sondern angebracht.

Fazit: Wer den Duft abends tragen will, sollte ihn spätestens gegen 18 Uhr auflegen. Sicherheitshalber bereits um 17 Uhr.

Ich bedanke mich bei 0815abc für die Probe.

20 Antworten

Angelliese vor 5 Tagen
30 Auszeichnungen
„Und dabei ist sie doch noch viel mehr .......”
Rozy ist nicht schüchtern.
Rozy geizt nicht mit ihren Reizen.
Rozy holt sich ihre Aufmerksamkeit.
Rozy hat eine volle Stimme.
Rozy kann einen Raum fluten.
Rozy ist kein Magermodel.
Rozy hat Ausdauer

Rozy ist ......

Würzfruchtzart gewaltige Tuberose – im ersten Moment
Honigwachsüppiger Hüftschwung – ganz geschmeidig
Weichharzfließender Rosenatem – samtig verhalten
Lederahnungsvolles Summen – sich erhebend
Sanftholzwarmweicher Atem – ruhig sanft

Und dabei ist sie doch noch viel mehr .......

„Rozy“ hat für mich vielen Facetten.

Eher schwer als leicht und dabei fein abgewürzt, mit fruchtseichtem Einschlag startet der Duft mit einer durchaus präsenten und extrovertierten Tuberose die zu Beginn schon ein bemerkenswertes Brustkorbvolumen hat.

Nachdem die Grande Dame ein paar Mal atemtechnisch gepumpt hat fließt Honig ein. Erst winztropfzart, dann etwas fließender. Nicht zäh, nicht pappig, nicht künstlich, nicht laborsynthetisiert. Eine leicht wächserne Nuance an der Peripherie.

Die Tuberose nun zahm und deutlich leiser, sich verhaltend orientierend, sich seicht im würzfeinen Honignebel bewegend, samtiges Rosenblatt flankierend und von softhell cremeharzigen Tönen begleitet.

Ein entferntes Summen. Sich langsam verstärkend. In den Duft einfließendes Leder. Nicht hell, nicht dunkel. Zart aber dennoch durchaus profiliert und mit sehr subtil fast zartanimalisch wirkendem Touch. Dazu ein zartwarm holziger Hauch bei dem ich mir einbilde auch eine fast transparent anmutende nebulös rauchige Nuance auszumachen.

Bewegung und immer wieder leichtes Changieren.

Die floralen Elemente nun vage im Hintergrund agierend und dabei doch nicht zu verzichtbaren Statisten verkommen.

„Rozy“ ist für mich ein Duft mit ganz eigenem Charakter und fein, harmonisch abgerundeten Kanten. Eine markante Persönlichkeit die sich trotz anfänglicher Präsenz nicht aufdrängt. Deren honigharz lederwarm abgewürztes Floraltimbre ich sehr schätze.

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Zora vor 5 Tagen
29 Auszeichnungen
„In Gold gehüllte Harmonie”
Als ich diesen Duft bei den Versteigerungen gesehen habe wusste ich nur eines. Den muss ich haben, unbedingt. Nicht dass ich gewusst hätte wie er riecht, keine Ahnung. Aber wenn hier steht blumig-pudrig, dann ist es für mich schon im Voraus klar.
Als ich den Zuschlag bekommen habe, war die Freude riesig. Immerhin waren noch ca. 65ml von 100ml drin. Und mit der Hoffnung, er möge nicht gekippt sein, wartete ich jeden Tag voller Ungeduld bis er endlich kam.

Da war er nun, der schöne und bekannte Flakon. Die Neugier war nicht mehr zu bändigen und der leise und feine Duft am Deckel lies mich schon erahnen welchen Schatz ich da bekommen habe. Der erste Versuch zu öffnen scheiterte erbarmungslos. Auch die weiteren Versuche führten nicht zum ersehnten Inhalt, nur zu wunden Fingern.
Sofort ins Forum auf die Suche, unsere Vintage-Spezialistin Flori angeschrieben. Klopfen, drehen, klopfen. Zaghaft auf der Tischkante, stets in Angst der dünne Hals bricht ab. So habe ich schon Mal einen Flakon beschädigt. Hier darf es einfach nicht sein, nicht bei diesem Duft, auf gar keinen Fall.

Da fiel mein Blick auf den Schlagzeugerstock vom Ian Paice. Mein geliebtes Andenken an den Schlagzeuger der Deep Purple. Das müsste gehen, ist ja schliesslich Hartholz und die Masse sind perfekt.

Ein paar Mal drauf gekloppft und der Stöpsel lag auf der Handfläche, wie von Zauberhand geflutscht. Da war er nun, der Duft meiner Begierde.

Wie die Fliege riecht kann ich nicht beurteilen. mein Kommentar bezieht sich nur auf das Vintage EdT. Und obwohl ich nicht die Supernase hier bin und auch keine so detaillierten und tollen Kommentare schreiben kann, wie so viele hier, hat mich der Blog von Dave ermutigt, es wenigstens zu versuchen. Den der Duft verdient es auf jeden Fall. Und ich habe mir viel Zeit gelassen ihn doch intensiv zu testen. Natürlich ist jeder Tropfen wieder einer weniger aber dafür ein Genuss auf höchster Ebene.

Von Anfang an, ist hier pure Harmonie. Ein fruchtig-blumiger Auftakt in einer wunderschönen Eleganz. Fein dosiert und harmonisch. Nichts schrilles und nichts stechendes. Eher warm und leicht pudrig. Im Verlauf kommt eine zimtige Note dazu. Woher diese kommt kann ich nicht sagen, in der Pyramide ist sie nicht als solches aufgeführt, aber es erinnert mich an Tage der Geborgenheit in der Kindheit, als ich noch Milchreis mit Zimt so gerne gegessen habe. Es ist ein feiner und warmer Zimtgeruch. Dann kommen die Blüten dazu. Alles perfekt und harmonisch und doch bilde ich mir ein die Gartennelke gut heraus riechen zu können. Und diese Kombination der Gartennelke mit dem feinen Zimtgeruch untermahlt von allen anderen Duftnoten, die ich jedoch nicht einzeln herausriechen kann, bildet eine perfekte Harmonie.
In der Basis bleibt die gesamte Harmonie erhalten. Keines der Basisnoten würde diese stören.

Fazit: Ein perfekter Duft mit einer leichten Süsse, pudrig und voller Harmonie und Wärme, ohne jedoch zu irgend einem Zeitpunkt seine elegante Note zu verlieren. Ein Duft den ich jederzeit sehr gerne tragen würde, den ich niemals als altmodisch empfinden könnte und der in jeder Zeitepoche seine Liebhaber finden würde.

Falls mein Kommentar Fehler hat, bitte nicht böse sein, es ist immer noch die grenzenlose Begeisterung über diesen seltenen und wundervollen Schatz.

26 Antworten

Meggi vor 4 Tagen
26 Auszeichnungen
„Hustensaft für Erwachsene”
Ein extravaganter Auftakt: Bisschen Räucherschinken, ins Bittere gedreht. Dazu ist die genannte Kamille absolut plausibel, vor allem in der Projektion ist der Duft nämlich tee-haft luftig. Tee ist überhaupt ein Stichwort, der Hersteller nennt Lapsang Souchong, einen Räucher-Tee. Somit fügt sich alles.

Binnen einer Minute kommt eine einerseits franzbranntwein-mäßige, andererseits auch süß-konzentrierte Nadelholz-Note durch, die unserem Aufguss eine Hustensaft-Anmutung verpasst. Ein besonders verräucherter Hustensaft freilich, sprich: echt nix für Kinder.

Zwischenstand der Medikation: Lapsang Souchong fürs Gemüt, Kamille für den Magen, Franzbranntwein für die Gelenke und diffuser Hustensaft für die Bronchien. Darf es noch etwas gegen Halsschmerzen sein? Unser Apoteker ist zwar eine Niete in Ortografi, aber dafür ein beeindruckendes Verkaufs-Talent!

Vornean ist allerdings nunmehr der Hustensaft. Er erinnert mich, mal abseits von der Nadelbaum-Geschichte gedacht, gewissermaßen im Habitus an Aspecton Hustentropfen (aus Thymian) und Prospan Hustensaft (aus Efeu). Das heißt nicht, dass ich hier konkret Thymian oder Efeu herausröche (außer vielleicht, sie wären arg verkokelt), der Hinweis soll nur unterstreichen, wie ölig-arzneiisch der Duft wirkt.

Das beruhigt sich jedoch im Laufe einer Stunde und es erscheint ein im bisherigen Kontext überraschend heller, luftiger, fast holziger Weihrauch. Direkt auf der Haut steht ihm indes ein schwererer, süßerer (Tannenhonig?), eingedickter und weitaus sinnlicherer Rauch gegenüber. Ein medizinischer Einschlag lässt sich gleichwohl auch in diesem Teil nicht leugnen.

Mäuseschrittchen für Mäuseschrittchen nähern sich die Antagonisten alsdann einander an. Per saldo handelt es sich also stundenlang um einen mild-süßlichen Weihraucher mit einem medizinischen Dreh. Erst am späteren Nachmittag macht sich mehr und mehr dunkel-komprimiertes Holz bemerkbar, das den angeräucherten Hustensaft sukzessive ersetzt. Heimelig.

Fazit: The Holy Mountain ist über weite Strecken einfach ein schöner, nicht un-origineller, winterlicher Stimmungsduft. Nur zur äußerlichen Anwendung.

Ich bedanke mich bei Gerdi für die Probe.

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Kleopatra vor 3 Tagen
23 Auszeichnungen
„Vom Luder zu Bambi”
Von diesem Duft hatte ich mir eine Abfüllung ersoukt, weil ich meistens, wenn ich irgendwas mit „Musk…“ lese, wuschig werde. Ich habe übrigens immer noch keine exakte Übersetzung gefunden. Heißt es nun „Ball der Moschusochsen“? Wie auch immer.

Bal Musqué startet zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Eher herb-würzig und luderig-lederig. Ja, da ludert was. Ich vermute was Tierisches, auch wenn es nicht aufgeführt ist. Aber da ist durchaus eine animalische Note, und auch Leder würde ich nicht ausschließen. Lakritze mag ich zwar gerne essen, muss das aber nicht im Parfum haben, und glücklicherweise rieche ich in diesem Duft nichts davon. Blumig-Blühendes rieche ich ebenfalls nicht deutlich heraus. Überhaupt rieche ich wenig von dem, was in der Pyramide steht, auch keine Kirschkerne...

Bal Musqué hat einen sehr langen Atem und wandelt sich über viele Stunden vom Herb-Animalischen zu einem wunderschönen, cremig-weichen, weiblichen, sanften, leicht süßlichen, zart pudrigen Moschus-Hautduft. Und in dieser Phase mag ich den Duft erst so richtig gerne. Der Duft hat außerdem eine angenehme Sillage. Er ist zwar nicht raumfüllend, aber auch nicht zu hautnah. Man(n) wird ihn wahrnehmen.

Und warum mache ich mich jetzt nicht sofort auf die Jagd nach diesem – wie könnte es anders sein – eingestellten Schätzchen? Weil Geduld leider nicht meine Stärke ist. Es dauert mir einfach zu lange, bis Bal Musqué so ist, wie ich ihn gerne hätte. Ich bin auch kein Freund von langen und womöglich noch extremen Duftverläufen. Ich will schon zu Beginn wissen, wohin die Reise geht. Und hier ist die Wandlung schon deutlich: Aus dem Luder wird zunehmend Bambi. Wobei mir hier ausnahmsweise mal Bambi lieber ist… ;)

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loewenherz vor 3 Tagen
23 Auszeichnungen
„Die Rockröhre”
Es gibt ja manche Dinge (und mit diesen Dingen ihre Namen), bei denen man auf einmal merkt, dass sie ganz klammheimlich verschwunden sind. 'Bundeskegelbahnen' etwa sind so ein Beispiel. Aber auch den Begriff der 'Rockröhre' - für die jüngeren LeserInnen hier will ich gleich gerne erklären, was das ist bzw. war - habe ich bestimmt seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört. Und auch sehr lange schon keine Rockröhre mehr gesehen.

Die Rockröhre ist eine Frau. So zwischen dreißig und fünfzig, würde ich sagen. Sie gilt bei Männern als attraktiv, ist aber selten im ganz klassischen Sinne schön. Gerne trägt sie Lederkleidung - eher motorradmäßig als dominahaft - und wenn sie nicht selbst Motorrad fährt, sitzt sie zumindest auf dem Sozius. Häufig raucht sie, und auch unter den Tisch getrunken hat sie den einen oder anderen Typen schon, ohne dass sie sich dafür hätte anstrengen müssen. Sie ist die unkomplizierte Art Frau, von der es heißt, 'mit der könne man Pferde stehlen'. Ihre Stimme ist kehlig und rau, ihre Ausdrucksweise ungekünstelt, und sie hört Hardrock oder Heavy Metal - daher der Name - oft singt sie auch selbst in einer Band. Wichtiges, wenn nicht entscheidendes Kennzeichen der Rockröhre ist ihre lange Löwenmähne - blond, aber auch andere Farben sind möglich. (Wahrscheinlich - so stelle ich gerade fest - hängt das Aussterben der Rockröhren ja mit dem weitgehenden Aussterben der Dauerwelle zusammen?) Sie kann Billard spielen, vielleicht auch Dart, und sie ist tätowiert - so richtig - also Schlange in Totenkopf und nicht Delphin auf Fußknöchel oder 'Frieden' auf chinesisch. Typische Rockröhren waren etwa Bonnie Tyler oder Doro Pesch.

Die Rockröhre braucht einen kräftigen und markanten Duft - aber keinen, der zu ladylike ist, zu chichi. Nichts Duftiges, nichts Pudriges, nicht Anspruchsvolles, Zartes. Und entgegen seines tropisch-filigranen Namens - 'Noa Noa' hieß eine Art Tagebuch von Paul Gauguin, das er während seiner ersten Reise auf Tahiti schrieb - ist Otto Kerns ikonisches Parfum aus den frühen 90ern genau das: kräftig, markant, irgendwie rockig. Aus unserer vermeintlich aufgeklärteren Sicht der Gegenwart würde man ihn ohne Zögern als unisex bezeichnen - und auch damals schon war er bemerkenswert unlieblich für einen Damenduft. Noa Noa ist ein ungewöhnlicher Hybrid aus holzigen und Floralakkorden - mit einem wuchtigen und viehischen Unterbau. Das Gegenteil von schüchtern oder leise ist er und doch unkompliziert im Wesen - wie die Rockröhre, die heiser ruft: 'Noch 'ne Runde Kurze, Jungs?'

Fazit: die Rockröhre ist jetzt Mitte fünfzig. Sie trägt die Haare kürzer und hat das Rauchen aufgehört. Aber im Schrank hängt noch ihre alte Lederjacke - und einmal im Monat trifft sie sich mit ihren Jungs, sie trinken Bier und Schnäpse und hören Deep Purple und Uriah Heep. Und manchmal trägt sie dazu die letzten Tropfen Noa Noa.

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Jumi vor 6 Tagen
22 Auszeichnungen
„Geschäft mit der Heilung oder heilendes “Geschäft”?”
Was macht man, wenn man krank ist? Heutzutage geht man zum Arzt. So gehört es sich in der zivilisierten Welt. Aber nicht in meiner Familie :) Meine Mama, eine leidenschaftliche Anhängerin von Kräuter-, Natur-, Volks- und sonst welcher Medizin mit Herz und Blut, behandelte uns immer (zusätzlich zu oder anstatt der traditionellen Methoden) mit allerlei ungewöhnlichen, teils absurden und recht abenteuerlichen Mitteln. Nicht immer, aber doch öfters mit großem Erfolg. Eins der Heilmitteln meiner Mama war Mumiyo, auch in der ayurvedischen Praxis bekannt als Shilajit, zu finden zwischen den Steinen und Felsen der Himalaya-, Tibet- und Altaigebirge. Eine teerähnliche, braunschwarze, streng riechende, bittere Substanz, über deren Entstehung es einige Theorien gibt (u.a. pflanzliche und tierische Herkunft). Nach einer der Theorien handelt es sich um (ich kann es nicht glauben, Mutter! :)) die (halb)fossilen Fledermausexkremente! Und da wären wir bei meiner Überschrift :) Alles nur ein Gerücht, versuche ich mir selbst einzureden.

Es ist mir klar, dass es für euch weniger hilfreich ist, aber ich komme nicht um den Vergleich herum: der Auftakt von Carpathian Oud erinnert mich fast 1:1 an die besagte Heilsubstanz - es riecht streng, doch zu keiner Zeit fäkal, urinös oder dreckig, sondern bitter harzig-krautig. Dies zur allgemeinen und meiner eigenen Beruhigung – kein Graf Dracula, keine Fledermäuse und auch niemand sonst hat hier sein “Geschäft” verrichtet :) Diese bittere Note bleibt nur kurze Zeit alleine, denn sofort mischen Gewürze mit. Viele Gewürze. Nelke und Zimt kann ich gerade noch ausmachen. Außerdem ist der Duft durchzogen von koniferigen balsamischen Noten als stünde man im tiefsten immergrünen Bergwald. Trotz viel erdigem Patchouli wirkt er nicht muffig oder modrig – Eigenschaften, die mich bei Patchouli manchmal abschrecken. Eine leicht blumige Note scheint durch. Veilchen und Iris klingen aufgrund herber Pudrigkeit plausibel, wobei laut Herstellerseite auch Rosengeranie, Ylang-Ylang, Bergmohn und Gartennelke außer der oben genannten mitspielen sollten - dann sind aber all die Blumen irgendwo tief vergraben. Oud? Kann ich nicht aufspüren. Ich besitze auch nicht die Frechheit zu behaupten, dass ich eine Oud-Expertin bin. Der immer noch krautig-harzig-würzigen Komposition fügen sich Holznoten hinzu und an dieser Stelle ist meine Analysekapazität erschöpft – ich kann nichts konkretes mehr herausfiltern und erkläre hiermit feierlich mein eigenes Scheitern an diesem Duft.

So sehr ich Mamas Salben, Bäder, Aufgüsse, Tees und Wickel damals gehasst habe, haben sie wohl einen Einfluss auf meine Nase gehabt. Heute faszinieren mich Kräuter, unabhängig davon, ob ich sie als Duft für tragbar befinde oder nicht. Und ich muss gestehen: ich mag diesen Duft! Finde ihn untragbar und faszinierend zur gleichen Zeit. Wobei ich meinen Vorrednern recht geben muss – Hexentrank/-sud trifft es schon eher! Ungewöhlich, komplex, dunkel, waldig, krautig, bitter, mystisch, irgendwie schräg. Unisex? Jawoll - Schrägheit kann man einfach nicht geschlechtlich zuordnen. Für die Hobbyhexen, Hexenmeister, Kräuterfans und einfach Neugierige unter uns sei eine Testempfehlung ausgesprochen. Und ich schüttle jetzt schon gedanklich dem/derjenigen die Hand, wer den Duft im Alltag tragen könnte!

Danke, Fluxit, dass du mein Interesse an dieser Marke geweckt hast!

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