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Profumo's Kommentare zu Parfüms (64)

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6 Kommentar-Auszeichnungen

Bryant Park von Bond No. 9

Freitag, 30. Juli 2010 um 22:44 Uhr

Blitzblank sauber und adrett!

Für mich ist Bryant Park ein Duft mit einem gewissen Retro-Feeling – es erinnert mich deutlich an die Patchouly-seligen 70er Jahre; weniger allerdings an die derben, ziemlich muffig riechenden Patchouli-Öle aus den Hippie-Läden, sondern vielmehr an so feine und überaus berauschende Patchouli-Rosen-Düfte à la Aromatics Elixier oder dessen maskulines Pendant: Aramis 900. Bryant Park ist im Gegensatz zu diesen allerdings nicht ganz so ‚high and mighty’, ist schlanker, weniger große Oper: eher eine kleine, schöne Melodie, die man gerne vor sich hin summt.

Ein kleiner Twist in eine fruchtige Richtung ist es, der diesem Duft seinen Charakter verleiht: eine überaus realistische Himbeer-Note die sofort nach dem Auftragen aufstrahlt, nur leider recht bald von den übrigen Noten eingefangen wird. Dennoch: ich habe noch nie in einem Parfum eine deutlichere, nur für sich stehende Himbeer-Note entdeckt, die noch dazu – und das ist das Schöne – nicht klebrig süß wie Himbeersirup ist, sondern gerade so süß und durchdrungen von feiner Fruchtsäure wie eine reife Himbeere.

Dieser Solo-Auftritt der Himbeere ist – wie gesagt – von kurzer Dauer und ihr Aroma verschmilzt überraschend schnell mit den sich in den Vordergrund drängenden Rosen-und Patchouli-Noten. Keine schwere Rose und kein erdiges Patchouli, nein, beide eher ätherisch leicht, fein poliert und dennoch von dauerhafter Präsenz. Darin verwebt, das Blütenbouquet diese Parfums aufhellend und erfrischend: der leise Duft der Maiglöckchen. Überhaupt ist dieses Bouquet eher frühlingshaft-zarte, denn ein sommerlich-üppig: ein kleiner Strauß von fragilen Frühjahrsblüten – frisch, elegant und dezent duftend, dabei leicht wie ein Schleier und weit entfernt von sommerlicher Schwüle, herbstlichem Vergehen oder winterlicher Schwere.
Getragen wird dieses Bouquet von einer leichten, vollkommen unanimalischen, ja sauberen Moschusbasis, die dem Duft Tiefe und Halt verleiht und auf der sich die Blüten- und Fruchtakkorde ungehindert entfalten können.
Und wirklich: ‚sauber’ ist das diesem Duft angemessene Attribut. Er ist blitzeblank sauber, gestriegelt und gekämmt, kein Härchen strebt widerborstig zur Seite, alles sitzt und ist perfekt geglättet – ein Duft für junge, adrette Frauen. Nein, kein Girlie-Duft, denn dafür fehlt es ihm an zuckriger Süße. Aber auch keiner für reifere Damen - dafür fehlen wiederum Üppigkeit, Wärme und Tiefe. Eben einer für junge Frauen, vor allem solchen, die mit Neugier, Optimismus und einer gewissen Sorglosigkeit durchs Leben gehen. Denn eines ist dieser Duft ganz gewiss nicht: schwermütig.

Warum Bond No.9 Düfte allerdings derart teuer sein müssen erschließt sich mir nicht, ja ich empfinde es geradezu als unverschämt einen derartigen Preis aufzurufen. Vermutlich aber steckt das Ansinnen dahinter diesen Düften via Preisschild eine exklusivere Aura zu verleihen, wenn schon der Inhalt diese nicht rechtfertigt - sind die meisten von ihnen doch von einer kaum überbietbaren Banalität. Nur leider werden mittelmäßige Düfte in aller Regel auch nicht besser, wenn man sie teurer verkauft.... Nein, Danke!

Bryant Park ist (wie Chinatown) eine kleine Ausnahme: wenigstens der Duft ist gut!

PS: Vielen Dank an Frau Lolle für die Probe!
11 Kommentar-Auszeichnungen

Fetish von Neil Morris Fragrances

Mittwoch, 21. Juli 2010 um 15:39 Uhr

Neulich auf dem CSD...

Ich muss gestehen, ich habe so meine Probleme mit diesem Material: Aoud, Oud, Adlerholz oder Agarwood. Nicht nur, dass es mich – wie so viele – permanent an den Geruch von Arztpraxen oder Kliniken erinnert, es erinnert mich vor allem an die kalte Hochnäsigkeit der Chefärzte, ihren schlaffen Händedruck bei der Visite und die Frage wie es uns denn heute gehe, ohne eine Antwort abzuwarten... Nein, der Geruch dieses Räucherholzes (es fällt mir schwer von Duft zu sprechen) ist meine Sache nicht, und nur in ganz wenigen Parfums, wie beispielsweise Black Aoud von Pierre Montale, ist er für mich tolerabel.

Bei Fetish von Neil Morris liegen die Dinge allerdings ein wenig anders: dieses Pafum ist gut, sehr gut sogar! Denn Neil Morris weiß um die Sterilität dieses Materials, um dessen herrschsüchtige Attitüde alles mit dem eigenen schrillen, an Desinfektionsmittel gemahnenden Geruch zu durchdringen. Und so macht er das einzig Richtige in meinen Augen: er erhebt es zum Fetisch. Er versucht erst gar nicht es zu bändigen und seine Schärfen durch Kontraste zu mildern, nein, er lässt bewusst die Zügel schleifen und diesem Material den Raum den es braucht um seine ganzen Facetten zu entfalten. Dabei versteht er es diesem hochtönenden und schwingungsarmen Duftstoff wesentlich mehr Körper zu verleihen: ja, er macht es geradezu fett und saftig – und genau das ist das Großartige an diesem Duft: dieses Auod riecht zwar immer noch nach Desinfektionsmittel, aber auf einmal hat es in seiner Schamlosigkeit eine gewisse erotische Komponente und erinnert mich eben nicht mehr an besagte Arztpraxen und Kliniken, sondern vielmehr an die Jungs mit Faible für hautenges Lack- , Leder- oder Gummi-Outfit, nebst aufwändiger Schnürung und Betonung der erogenen Zonen – sehr zu bewundern zuletzt auf dem CSD in meiner Wahlheimat Frankfurt.

Interessanterweise benötigt Neil Morris für diese erotische Aufladung des eher spröden und steifen Duftstoffes Aoud keinerlei animalische Essenzen, oder zumindest nur in so geringen Maßen, dass diese nicht in den Vordergrund dringen. Und das ist gut so, denn Auod verträgt sich meiner Ansicht nach überhaupt nicht gut mit Moschus, Amber oder Zibet – am ehesten vielleicht noch mit Castoreum, aber auch mit diesem nicht wirklich. So ist Auod Cuir d´Arabie von Pierre Montale meines Erachtens auch ein Beispiel dafür, dass Auod und besagte Essenzen überhaupt nicht harmonieren, oder sich in Kontrasten ergänzen – dieser Duft erweckt in mir nur Würgreize...

Zum Glück hat sich Neil Morris entschlossen mit Fetish einen anderen Weg zu gehen, denn das Animalische, das braucht dieser zu Fetisch gewordene Duft überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: wie die synthetischen Lack- und Lycra-Klamotten der Jungs auf dem CSD ist er eher die Verheißung von dreckigem Sex, als dieser selbst. Der Fetisch, bzw. dessen Zurschaustellung, steht vor dem animalischen Übereinander-Herfallen – ist mit diesem allerdings untrennbar verbunden - hier aber blendet Neill Morris Fetish gnädiger Weise aus, handelt es doch um einen Duft, und nicht um einen Porno....

Bei aller Fetisch-Assoziation sollte nicht verschwiegen werden, dass Fetish von Neil Morris ein sehr gut komponierter orientalischer Duft ist, gut ausbalanciert, von angenehmer Strahlkraft – er schreit nicht, macht sich aber dennoch bemerkbar – und von großer Haltbarkeit.
Nur, ich assoziiere überhaupt nichts Orientalisches mit diesem Duft: keine Sultanspaläste, keine Basar-, oder Oasen-Seligkeit. Nein, dieser Duft ist für mich absolut urban, westlich-urban, und als Duft-gewordener Fetisch geradezu dekadent urban.

Sehr schön!

PS: Danke an Apicius für die Probe!
8 Kommentar-Auszeichnungen

Bois de Paradis von Parfums DelRae

Mittwoch, 07. Juli 2010 um 17:35 Uhr

Paradiesisch sinnlich!

Michel Roudnitska hat einmal in einem Interview (nachzulesen auf 'boisdejasmin') erzählt, dass Bois de Paradis der Duft gewesen sei, dessen Komposition ihm am meisten Freude bereitet habe, obwohl es ihn zwei Jahre Arbeit gekostet hat und an die 300 Probeläufe, bis die perfekte Formel gefunden war. Zuvor aber hatte er schon eine ziemlich präzise Vorstellung welche Noten den Duft charakterisieren sollten, nämlich: Zedernholz, wilde Rose, Konfitüre von exotischen Früchten und glasierte Maronen (marron glacé). Klingt erst einmal schrecklich süß, und letztlich ist der Duft auch ziemlich süß geworden, aber doch wieder nicht so süß wie man es angesichts einer solchen Zutatenliste hätte erwarten können. Seine Süße ist schwer und dunkel wie die Süße von Karamell, oder wie die Süße von Waldfrüchten, von Brombeeren, Feigen und Kastanien. Und diese Süße ist bei Bois de Paradis während des gesamten Duftverlaufes präsent – zunächst kontrastiert von etwas Zitrus und Bergamotte, und fast zeitgleich von einer mächtig aufblühenden Rose. Eine sehr beständige Rose, die sozusagen die Klammer bildet zwischen dem frischen Start und dem holzigen, von leichten Weihrauchtönen durchzogenen Finish - sie ist das zentrale Element dieses Duftes. Von üppigem Baumwuchs umstanden, reifen unter ihren schweren, kräftigen Blüten aromatische Beeren und saftige Feigen schweben über ihnen. Ein Hauch von Zimtrinde würzt die quellenden Aromen die zu einem Wohlgeruch der sinnlichsten Art verschmelzen – und dieser Duft ist wahrhaft sinnlich, geradezu paradiesisch sinnlich! Er ist aber nicht wollüstig, dafür fehlt ihm die animalische Dimension (und der Sündenfall ist ja auch noch nicht eingetreten....). Nein, seine Sinnlichkeit ist schamhaft, berauscht sich an den Genüssen des Garten Edens und man (ich) möchte gar nicht aufhören an diesem Duft zu schnuppern, sein Aroma einzuatmen, ja es auszusaugen wie den Nektar einer reifen Frucht – ich gerate ins Schwärmen!

Dieser Duft ist aber auch etwas zum schwärmen: er ist derart gut gemacht, dass man nur staunen kann! Und das eigentliche Wunder dieses Duftes ist, dass er sich bei allem Reichtum, bei aller schweren Süße eine fast luftige Leichtigkeit, und dazu Transparenz und Trockenheit bewahrt. Die Luft in diesem paradiesischen Waldes ist nämlich nicht atemverschlagend schwer und stickig, sie ist vielmehr klar und sonnendurchflutet. Und wirklich, der Duft raubt einem nie den Atem, selbst wenn man ihn überdosiert!

Dieses kleine olfaktorische Wunder unterscheidet ihn auch deutlich von jenen Düften mit denen Bois de Paradis häufig verglichen wird: mit den Düften von Serge Lutens, insbesondere den frühen ‚Feminitè du Bois’, ‚Bois et Fruits’ und ‚Arabie’. Auch hier die Themen: Blüten, Hölzer und Früchte, aber den Düften von Serge Lutens ist eine derartige Lautstärke – als würde jemand in ein Megaphon schreien! - und beinahe übergriffige Intensität zu eigen, dass ich sie fast als untragbar empfinde (schließlich möchte ich mein Gegenüber – und auch mich selbst – nicht mit meinem Duft erschlagen...), Bois de Paradis dagegen hat nichts von der öligen Schwere und Schreihalsigkeit der Lutens-Düfte, ganz im Gegenteil. Allem Reichtum und aller überschwänglichen Sinnlichkeit zum Trotz bewahrt er Contenance und hält sich dezent zurück, statt übermütig aufzutrumpfen.

Ähnliches ist Michel Roudnitska mit Noir Epices gelungen, einem Duft, der ebenso opulent und sinnlich, ebenso süchtig machend wie Bois de Paradis ist, und dabei ebenso zurückhaltend. Ich vermute, dass er dieses Talent, oder dieses Wissen – einem substanzreichen Duft die ihm angemessene Lautstärke zu verleihen, ihn nicht schreien zu lassen – von seinem Vater, Edmond Roudnitska, dem Schöpfer von Diorissimo, Eau Sauvage und Diorella, geerbt bzw. mitbekommen hat. Jean-Claude Ellena - wie Michel Roudnitska Schüler von dessen Vater - beherrscht das ebenso, hat sich aber entschlossen die minimalistischen Bestrebungen von Roudnitska Senior weiter zu entwickeln, während sein Sohn sich eher auf die reichhaltigeren Kreationen seines Vaters stützt – in besagtem Interview nennt er, auf die Frage nach dem für ihn wichtigsten Parfum seines Vaters, daher auch ‚Le Parfum de Thérèse’.

Interessant ist es auch die verschiedenen Reaktionen und Beschreibungen von Bois de Paradis im Internet zu verfolgen – sie sind fast durchweg positiv bis überschwänglich, allein in der Zuordnung zu einem Geschlecht herrscht einigermaßen Konfusion. Ist der Duft also eher für Frauen geeignet, was viele bejahen, oder können auch Männer ihn tragen, was häufig, gerade von Frauen, geradezu angemahnt wird. Nun, ich kann dazu nur soviel sagen, dass ich als Mann ihn problemlos trage. Ich würde ihn aber dennoch nicht als Unisex-Duft bezeichnen, denn meiner Ansicht nach ist er ganz klar ein femininer Duft, allerdings mit maskuliner Tendenz – hierin Bulgari Black nicht unähnlich, wie Bois de Paradis ein Duft in welchem man das Echo der großen femininen Düfte der zwanziger und dreißiger Jahre vernehmen kann, jener Düfte also, die noch für elegante Damen in mitunter maskulinem Outfit kreiert wurden, und nicht für Girlies in Flip-Flops und Bijou-Brigitte-Geschmeide...

Ein femininer Duft also, den Männer mit Sinn für gut gemachte Düfte problemlos tragen können. Und schließlich: wer mit den schweren Orientalen von Serge Lutens keine Probleme hat, der wird mit Bois de Paradis erst recht keine haben!

Unter den ausnahmslos guten Düften von Parfums DelRae ist mir dieser bei weitem der liebste! Und nicht zuletzt kommt er in einem schönen Flakon und in einer geschmackvoll schlichten Verpackung – was will man (frau) mehr?

Bravo!
6 Kommentar-Auszeichnungen

Eau de Guerlain von Guerlain

Sonntag, 04. Juli 2010 um 16:14 Uhr

Zitrone, Eisenkraut und Guerlinade - der perfekte Duftcocktail für den Sommer!

Noch alle das Haus Guerlain bisher prägenden Parfumeure haben sich an einem ‚Eau’ versucht. Und da das Haus bis vor kurzem in Familienbesitz war und das Amt des Parfumeurs quasi vererbt wurde, ist die Anzahl der ‚Eaux’ noch überschaubar - 157 Jahre nach der Einführung des berühmten Eau de Cologne Impériale (von Pierre-François-Pascal Guerlain) hat Guerlain nunmehr das fünfte ‚Eau’ angekündigt: Thierry Wassers ‚Cologne du parfumeur’. Dazwischen liegen Aimé Guerlains ‚Eau du Coq’, Jacques Guerlains ‚Eau de Fleurs de Cédrat’ und Jean-Paul Guerlains ‚Eau de Guerlain’ – das letzte ‚Eau’ eines Mitgliedes der Guerlain-Familie, lässt man Patricia de Nicolaï einmal beiseite, die zwar der Familie entstammt, in dessen Unternehmen aber bisher – leider! - noch nicht tätig war (ihr neues ‚Eau Mixte’ würde sich wunderbar in diese Reihe einfügen!).

Jean-Paul Guerlains ‚Eau’, dem er den schlichten Beinamen ‚de Guerlain’ gab, ist ein multiples Geschöpf: zum einen steht es in der Tradition des klassischen Eau de Cologne, zum anderen im Wettstreit mit den großen ‚Eaux’ der 60er und 70er Jahre wie beispielsweise ‚Ô de Lancôme’, Diors ‚Eau Fraiche’ und ‚Eau Sauvage’, aber auch ‚Eau de Rochas’ und ‚Eau de Patou’. Und wie diese überwindet es die engen Grenzen des klassischen Eau de Cologne, indem es vor allem in den Herz- und Basisnoten einiges an Gewicht und Volumen (will sagen: Guerlinade) zulegt, und so zu einem eigenständigen Charakter wird: einem ‚Eau de Guerlinade’ sozusagen, jener Melange mitunter leicht indolischer Blumen- und provençalischer Kräuterakkorde in ihrer sonnigsten und strahlendsten Variante.

Über einem klassischen Cologne-Gerüst entwickelt sich der Duft zu einem reichhaltigen Zitrus-Chypre: frische Noten von Eisenkraut, Bergamotte und Zitrone, blumige Noten von Jasmin, Lavendel, Rose und Nelke, aromatisiert mit etwas Kümmel, Basilikum und einer Spur Minze, auf einer Basis von leichten Sandelholznoten, Patchouli und Eichenmoos, angereichert mit Nuancen von Amber und Moschus.
Im Vergleich mit anderen frischen Chypres ist Eau de Guerlain besonders frisch, zumindest im Auftakt, was vor allem der Verbena zu danken ist, deren metallischer Beiklang jegliche Süße der zitrischen Noten eliminiert. Und es ist besonders herb, im Sinne von ‚herbal’, also voller trockener, aromatischer Kräuter, die gemeinsam ein wunderbares, provençalisches Bouquet ergeben. Zu guter letzt aber verlieren all die frischen und herben, all die aromatischen Töne wie im Dämmerlicht der abendlichen Sonne ihre Spitzen, werden runder und weicher und verschmelzen zu einem Aroma sinnlicher Wärme.

Eau de Guerlain ist – man kann das als Manko empfinden - ein leiser Duft. Er zieht sich recht schnell auf die Haut zurück, bleibt dort aber eine gute Weile präsent. Die Abstrahlung ist somit nicht besonders intensiv, aber die Menschen die dem Träger dieses Duftes nahe kommen, werden sein dezentes und delikates Aroma durchaus wahrnehmen können – nur Räume füllen wird man mit diesem Duft, zurückhaltend wie er ist, nicht können.

Im Guerlainschen Kosmos ist Eau de Guerlain am nächsten verwandt mit Sous le Vent –ein ebenso frisches, trockenes Chypre, allerdings mit unvergleichlich stärkerer Projektion und kräftigeren animalischen Untertönen.
Gewisse Ähnlichkeiten hat es auch, besonders im Fond, mit Mouchoir de Monsieur. Dessen edel polierte, seidig-herbe Basis von Moosen, leichten Amber- und Patschouli-Noten, durchwirkt vom Nachklang der allgegenwärtigen ‚Guerlinade’ findet sich, leicht modifiziert, in Eau de Guerlain wieder.
Beide, Mouchoir de Monsieur und Eau de Guerlain, werden heute in den so genannten ‚Bee-Bottles’ präsentiert (neben den anderen ‚Eaux’), was ihr verwandtschaftliches Verhältnis auch optisch unterstreicht.
Und so bilden sie auch eine Art perfektes Duo, nämlich eines, das die großen traditionellen Themen der Herrenparfümerie - Lavendel und Zitrone - zu schönster Vollendung führt. Oder gibt es einen luxuriöseren Lavendelduft als Mouchoir de Monsieur, bzw. einen luxuriöseren Zitrusduft als Eau de Guerlain - zwei Düfte, die wie Monumente französischen Raffinements und französischer Eleganz vor uns stehen?
Dabei sind beide keine reinen Soliflor-Düfte, sondern solche die zwar jeweils eine Solostimme haben, die eine wunderschöne Melodie anstimmt, die aber vom Klangteppich eines gewaltigen Orchester-Apparates getragen wird.
Ursprünglich als Unisex-Duft konzipiert, neigt sich Eau de Guerlain heute, im Umfeld allzu süßlicher und blümeliger Wässerchen von irgendwelchen Celebrities für Boys´n Girls, ein wenig auf die Gentleman-Seite, was vor allem der besagt metallischen Verbenen-Note zuzuschreiben ist, die ebenso das berühmte ‚Monsieur de Givenchy’ charakterisiert. Im Gegensatz zu jenem ist ‚Eau de Guerlain’ aber wiederum mit viel mehr femininen Anklängen ausgestattet, sodass es tatsächlich ein Unisex-Duft im klassischen Sinne ist, wie ‚Jicky’ oder ‚Bandit’, und weniger ein Unisex-Duft im modernen Sinne, will heißen: ein Duft ohne Sex.

Fazit: Wer einen Duft sucht der Frische, Eleganz, klassische Anmutung und dezentes Raffinement vereinigt, der wird um ‚Eau de Guerlain’, diesem Meisterwerk von Jean-Paul Guerlain, nicht herumkommen. Unbedingt probieren!!
7 Kommentar-Auszeichnungen

Cruel Intentions von by Kilian

Samstag, 26. Juni 2010 um 14:30 Uhr

Ein teures Déjà-vu!

Nun, welche ‚cruel intentions’ mag Madame Lancesseur wohl im Sinn gehabt haben als sie diesen Duft kreierte? Waren es böse Absichten ‚eiskalter Engel’, oder gemeine Pläne ‚gefährlicher Liebschaften’..... Oder erschöpften sich ihre ‚cruel intentions’ einfach nur in dem Versuch ein Plagiat zu platzieren?
Denn ein solches ist dieser Duft - was aber weiter nicht schlimm ist, da in der Parfumbranche bekanntlich gängige Praxis. Düfte wie Vent Vert oder Cool Water wurden hundertfach kopiert, zumeist mit mäßigen Ergebnissen.

Welche ‚cruel intentions’ diesem Duft also auch immer zugrunde gelegen haben mögen, welche ihn inspirierten, oder auch in mir als potenziellen Benutzter hervorgerufen werden sollen – all das erschließt sich mir nicht. Das einzige was sich mir erschießt, ist eine innige Verwandtschaft mit einem Duft, der dem Genre der Aoud-dominierten Parfums, ordentlich Auftrieb gegeben hat, ja der in gewisser Weise verantwortlich dafür ist, dass Parfums mit dieser Ingredienz seit einigen Jahren geradezu wie Pilze aus dem Boden schießen, obwohl er selbst alles andere als ein Erfolg war, bzw. nicht der, den man sich erhoffte. Ich meine Yves-Saint Laurents M7.
Dabei ist Cruel Intentions keine exakte Kopie von M7: der Auftakt ist etwas frischer, der mittlerer Teil nicht ganz so süßlich-schwer nach Brombeeren und Gummi riechend, und die Basis erhält mit Styrax eine etwas rauchigere Prägung, ansonsten ist aber beider Gerüst identisch: Bergamotte – Aoud – Vetiver – Moschus

Ein weiterer Duft mag Cruel Intenstions als Blaupause gedient haben, nämlich Habit Rouge EdP. Hier wurde das klassische Habit Rouge Aroma mit einem kräftigen Schuss Aoud angereichert, was dazu führte, dass dieser Duft zwar seine typische pudrige Frische und Staubigkeit behielt, nunmehr aber von beinahe dröhnendem Adlerholz dominiert wird – ein Kontrast, der seine Reize hat, für eingefleischte Habit Rouge Fans aber eine ziemliche Zumutung darstellt. Ich mag diese Variante von Habit Rouge dennoch, und habe bisher kaum einen Duft erlebt, der dem schwer zu bändigenden, medizinischen Ton des Adlerholzes ein eleganteres Umfeld böte.
Cruel intentions nun borgt sich die Kopfnoten von Habit Rouge EdP, schwenkt im Mittelteil Richtung M7, nimmt dabei ein paar kreidige Noten mit, ist dann eine lange Zeit absolut identisch mit M7, und erst ganz zum Schluss entwickelt der Duft so etwas wie eine eigene Aussage: einen leisen, fast schüchternen Akkord von kaum wahrnehmbaren Castoreum im Zusammenspiel mit Storaxharzen und Vanille. Ein kleiner Epilog, ein scheues Aufflackern von Eigenwilligkeit, nicht mehr.

Es versuchen sich ja viele an diesem komplexen Material mit Namen: Aoud, Oud, Agarwood oder Adlerholz (eigentlich ein Räucherholz), allen voran Nischenfirmen wie Montale und Micallef aber auch einige andere. Mal versucht man es in ein blumigeres Gewebe einzubinden, mal in ein fruchtiges, dann wieder in ein ledriges – aber in bisher noch jedem Gemenge schneidet es fanfarengleich durch die Komposition hindurch und beansprucht lauthals die Primadonnen-Rolle. Aber, wie Primadonnen eben so sind: mal möchte man sich ihnen zu Füssen werfen, dann wieder sind sie derart pentrant und peinigend, dass man nur noch Reißaus nehmen möchte... Das macht Düfte mit Aoud-Dominanz für mich so anstrengend: sie sind in gewisser Weise immer laut und exaltiert – Primadonnen eben.

Aber nein, vor Cruel Intentions muss man nicht fliehen: der Duft ist wahrlich nicht schlecht. Er ist gut gemacht, hat Substanz und exzellente Haltbarkeit, und, was gar nicht so unwichtig ist: er riecht gut!
Nur, von einem Parfum dieser Preiskategorie, einem Parfum also, das zu den Edelsten der Edlen zählen möchte, für das man 175 Euro für einen 50ml Flakon (die 150 € für den 100ml Nachfüll-Flakon sind immer noch happig...) von mir haben möchte, wollte ich es mein eigen nennen, von einem solchen Parfum verlange ich ein wirklich hohes Maß an Originalität und Qualität. Letztere mag gegeben sein: die Inhaltstoffe und Parfumöle sind vermutlich nicht die billigsten – ich kann das nicht beurteilen, aber man darf davon ausgehen. Einen derartigen Preis aber rechtfertigen sie noch lange nicht.
Bleibt die Originalität, und die ist meiner Ansicht nach nicht gegeben: der Duft ist ein uninspirierter Klon, dem ein exklusives Mäntelchen umgelegt wurde – mir genügt das nicht.
Ich muss allerdings gestehen, dass es mir mit allen Kilian-Düften die ich bisher getestet habe so erging – sie sind gut gemacht, aber das war´s auch schon. Kein Mut zu neuen Ufern aufzubrechen oder neu Pfade zu betreten, stattdessen werden bereits erfolgreich beschrittene, oder sogar längst ausgetretene Pfade einmal mehr eingeschlagen, mit einem kleinen Twist hierhin oder dorthin, aber – wie gesagt – immer darauf bedacht nicht zu weit abseits von Vertrautem zu gelangen. Dem Kunden, dem dieses Luxus-Produkt angedient werden soll, traut Kilian offenbar recht wenig zu, jedenfalls nicht den Mut einen außergewöhnlichen Duft zu tragen.
Frederic Malle beispielsweise geht bei seinen Kunden doch von weitaus mehr Mut und Ungebundenheit in Geschmacksdingen aus, denn seine Kreationen besitzen - zumeist – ein hohes Maß an Eigenwilligkeit und Charakter. Man muss sie, wenn man sie mag, ihrer Einzigartigkeit wegen mit einem gewissen Stolz tragen, denn sie fallen auf und provozieren Reaktionen, welcher Art auch immer.
Die Düfte von Kilian (Credo: Perfekte Verbindung von Eleganz und kompromisslosem Luxus) gehen gar nicht erst so weit. Sie setzten auf Vertrautes und Bewährtes und ihr Träger bzw. ihre Trägerin werden nie Gefahr laufen sich mit ihnen über Gebühr zu exponieren.
Harmlos wie sie sind, erfordern sie weder Mut noch Stolz – nur ein kompromisslos gut gefülltes Portemonnaie.

PS: Vielen Dank an Eternity und Apicius für die Probe!
7 Kommentar-Auszeichnungen

Angeliques Sous La Pluie von Editions de Parfums Frédéric Malle

Dienstag, 22. Juni 2010 um 19:14 Uhr

Ein kleines Aquarell in zart-pastellenen Tönen...

Ach ja, was ließe sich nicht alles an Adjektiven für diesen Duft finden: luftig, leicht, ätherisch, schwebend, frisch, trocken, zart, leise, raffiniert, delikat.... oder auch in einem Wort: Ellena!

Ein schöner Duft, zugegeben, aber einer der mit seinen wenigen pastellenen Farben auch arg blass und ohne nennenswerte Substanz daherkommt. Eine feine Engelswurz-Note kombiniert mit den – ich muss es leider sagen – üblichen Verdächtigen: rosa Pfeffer, Koriander und Zedernholz, sowie ein bisschen Moschus. Et voilà, fertig ist ein gut komponierter und gut ausbalancierter, vor allem aber – zumindest für mich - langweiliger Duft.

Man muss das schon mögen, diesen leisen Hauch von einem zarten Schleier, dieses überverfeinerte Raffinement, diesen exquisiten Minimalismus, den man auch als akademischen Snobismus missverstehen kann.
Ja, diese vergeistigten Düfte mit leptosomem Körper und ohne Sex, die muss man mögen um 'Angeliques sous la pluie' (ein schöner, sehr poetischer Name!) wirklich schätzen zu können – ich mag sie nicht, bzw. nicht mehr. Ich bin ihrer müde geworden.

Aber im Grunde mochte ich Aquarelle noch nie.
11 Kommentar-Auszeichnungen

Une Rose von Editions de Parfums Frédéric Malle

Dienstag, 22. Juni 2010 um 17:39 Uhr

Von Rosen, Trüffeln und schwerem Rotwein...

Na, das ist doch mal eine Rose! Kein zart-empfindliches, altrosa Windröschen, das - kaum in der Vase - augenblicklich das Köpfchen hängen lässt. Nein: eine starke Rose, eine stolze, tiefrote Rose, mit festen grünen Blätter und kräftigen Dornen. Und eine strahlende obendrein!
Ach, was sag´ ich, eine Rose..... ein ganzer Strauß Rosen, nein, ein ganzer Strauch Rosen, ein riesiger, blühender Rosenstrauch - wow!!

Als ich diesen Duft gekauft habe, fragte mich der Verkäufer – jawohl, ein Mann! – ob er ihn als Geschenk verpacken sollte. Ich lehnte dankend ab, mit dem Hinweis, dass er ohnehin für mich sei. Ungläubiges Staunen und ein fragender Blick, dann: für Sie?!
Ja, warum? Finden Sie das so ungewöhnlich?
Oh, nein! Wir haben diesen Duft nur noch nie an einen Mann verkauft, der ihn auch selbst tragen möchte. Aber er hat Muskeln - find´ ich gut!
Er sagte genau das: ‚er hat Muskeln’. Augenblicklich sah ich eine Rose in der Muckibude vor mir, Gewichte stemmend und sich bei Sit-ups abmühend.....
Aber, er hatte ja Recht. Diese Rose hat wirklich unglaubliche Kraft und eine starke maskuline Aura. Das soll allerdings nicht heißen, dass sie dem männlichen Geschlecht vorbehalten sein sollte, nein, sie ist durch und durch feminin – wie Gertrude Stein: nämlich gar nicht! Eine Frau, dem Aussehen und Habitus nach ein Mann, und dennoch Frau, kein weiblicher Transvestit. ‚Eine Rose ist eine Rose, ist eine Rose, ist eine Rose....’, es stammt von ihr, Gertrude Stein.

Wie auch immer. In der Tat ist es jedenfalls ungewöhnlich, dass ein Mann einen Rosenduft trägt, in dem die Rose auch wirklich im Mittelpunkt steht und nicht unter lauter Tabak-, Leder-, Aoud- und Holznoten schamhaft verborgen wird. Ungewöhnlich jedenfalls in unseren westlichen Gefilden, auch wenn in den letzten Jahren eine Tendenz in Richtung Herrendüfte mit stärkeren floralen Akzenten zu beobachten ist. In orientalischen Ländern dagegen war es lange Zeit durchaus nicht ungewöhnlich, dass ein Mann zu einem kräftigen Rosenduft griff – die Rose war, olfaktorisch gesehen, nicht im alleinigen Besitz des weiblichen Geschlechtes und orientalische Herren hatten durchaus kein Problem damit kräftige, mitunter auch sehr süße Blumendüfte zu tragen. (Ich werde nie vergessen wie ich einmal am Flughafen einen älteren, sehr arabisch aussehenden Mann beobachten konnte, der sich großzügig mit Chanels No 5 einsprühte, so großzügig, dass ich instinktiv einen Schritt von ihm wegrückte, um nicht gleichfalls von seiner ihn augenblicklich umgebenden Wolke erfasst zu werden....)
Mittlerweile sind aber auch bei uns Herrendüfte mit starker floraler Präsenz nicht mehr ganz so undenkbar, ja sie sind sogar regelrecht en vogue: man denke nur an Dior Homme (Iris), Fleur du Mâle (Orangeblüte), Montales Black Aoud (Rose) und Rose d´Homme von Parfums de Rosine, sowie an einige andere. Und auch auf einen maskulinen Tuberosenduft werden wir hoffentlich nicht mehr allzu lange warten müssen....

Aber zurück zu 'Une Rose'. Das Besondere an dieser Rose ist, jedenfalls für mich: sie ist überhaupt nicht süß, bzw. keine der sie umgebenden Noten ist es. Eine opulente, tiefdunkle, Rose, von kräftigem Aroma und noch in der Erde wurzelnd. Edouard Fléchier unterstützt deren Duftfacetten mit etwas Geranium, was die Rose noch frischer und strahlender macht, und im weiteren Verlauf mit einem Trüffel-Akkord (kaum wahrnehmbar), sowie einer Note von schwerem, tanninhaltigen Rotwein (sehr wohl wahrnehmbar), welche die wärmeren und tieferen Facetten der Rose stärken. Die Basis bilden schließlich dezente holzige und animalische Duftnuancen, die aber der Rose – ein ‚rose absolute’ der türkischen Rose in hoher Konzentration – zu jeder Zeit genug Raum geben, um unangefochten im Mittelpunkt zu stehen, bis zuletzt.


Die Haltbarkeit des Duftes ist sensationell: er will einfach nicht verfliegen! Selbst am Tag danach ist er gut wahrnehmbar und besitzt noch immer Strahlkraft. Kein Wunder bei einem Duftöl-Anteil von 25% - ein echtes Parfum! Ich rate daher allen die an diesem Duft interessiert sind: ein kleines 50ml Fläschchen reicht völlig aus. Der Duft ist nämlich nicht nur sehr haltbar, sondern obendrein auch SEHR teuer!

Alles in allem: eine fulminante Rose, für alle, die Rosen lieben – egal ob Frau oder Mann. Keine liebliche Rose allerdings, eher eine ernste. Luca Turin nennt diesen Duft: ‚... a fragrance endowed with the alarming beauty of an angry Carmen.’
Sehr treffend.
10 Kommentar-Auszeichnungen

Aramis von Aramis

Donnerstag, 17. Juni 2010 um 13:51 Uhr

Brusthaar und Kernseife...

Was für ein Duft! Starkgliedrig statt leptosom, reichhaltig statt minimalistisch, mehrdimensional und voller mysteriös-animalischer Tiefe, statt eindimensional und einfach nur frisch. Ein Duft aus einer anderen Zeit, noch immer präsent und noch immer erfolgreich, aber unter Parfum-Liebhabern, besonders unter solchen die es werden wollen, von zweifelhaftem Ruf. Ein Ruf, der zumeist mit Begriffen wie ‚altmodisch’ oder ‚riecht nach altem Mann’ einhergeht. Scheinbar ein Duft von vorgestern, ein Opa-Duft. Das war nicht immer so.

Zu Beginn der sechziger Jahre verpflichtete Estée Lauder einen jungen Meisterparfumeur, der gerade mit einem großen Duft Aufsehen erregte: Bernard Chant. Er hatte für Madame Grès ‚Cabochard’ komponiert – ein Lederchypre der Sonderklasse, die Reihe der großen Lederchypres à la ‚Bandit’ und ‚Jolie Madame’ von Germaine Cellier weiterführend.
Estée Lauder versprach sich von dem angeheuerten Talent einen ebenso großen Wurf wie er ihr mit Josephine Catapanos ‚Youth Dew’ gelang - und ihre Erwartungen sollten mehr als erfüllt werden!

Adressat des neuen Duftes sollte diesmal nicht die junge amerikanische Frau sein, ebenso wenig die europäische, Haut Couture tragende Dame, sondern der junge amerikanische Mann, dessen Duftvorlieben sie etwas anders einschätzte als jene des europäischen Mannes, der zumeist nach frischen, das Eau de Cologne-Thema variierenden Düften griff – nach Monsieur de Givenchy, Pour Monsieur von Chanel, Pino Silvestre oder neuerdings nach Vetiver von Guerlain. Der amerikanische Mann aber, im Herzen noch immer Siedler und auf seine Freiheit und Unabhängigkeit bedacht, verlange nach Aromatischerem, Würzigerem, nach weniger städtisch Verfeinertem, sondern vielmehr nach Ursprünglichem, Natürlichem, Maskulinem – so vermutete sie.
Den europäischen Kunden wollte sie jedoch nicht aus den Augen verlieren, und so sollte ein Duft geschaffen werden, der einerseits den amerikanischen Mann ansprach, den europäischen aber ebenso einlud. Allein in dessen Namensgebung lässt sich der Versuch dieses Brückenschlages ablesen: 'Aramis', einer der drei Musketiere. Ein wilder Reiter und Krieger, ein Streiter für das Gute – kein Beamter in der Stadtverwaltung, kein Leiter einer Bankfiliale. Aramis, eine europäische Figur, die die Phantasie des amerikanischen wie des europäischen Mannes gleichermaßen beflügelt, eine gemeinsame Identifikationsfigur.

Bernard Chant griff, ähnlich wie es vor ihn Germaine Cellier gemacht hatte, auf das Thema seines erfolgreichen Duftes zurück und entwickelte auf dessen Basis ein neues Lederchypre mit einem frischeren Auftakt, einem würzigeren Herz und einem holzigerem Nachklang – auf diese Weise hellte er sein Cabochard auf, nahm dessen schwer lastende Robe ab und legte dem neuen Duft stattdessen eine getragene Lederjacke um, an der noch die Aromen der Prärie hafteten, ebenso ein leiser animalischer Hauch – der Geruch eines zivilisierten Cowboys, nach vollbrachtem Werk, frisch gebadet und rasiert. Zum Baden aber, man kennt das ja aus Western-Filmen, benutzt der Cowboy nicht Dusche und Duschgel, nein, da müssen schon Zinkwanne und Kernseife her. Und so haftet diesem Duft folgerichtig auch eine leicht seifige Note an, die mitunter etwas scharf durchdringt, mit schweißiger Nuance – so wie mit Seife geschrubbte Haut, die wieder leicht zu transpirieren beginnt. Der Geruch der Seife und des frischen Schweißes verschmelzen so zu einer Duft-Nuance von Aramis, die wahlweise als erregend oder als abstoßend empfunden werden kann, in jedem Fall aber als männlich empfunden wird - heutzutage vorwiegend als alt-männlich.

Ich muss allerdings gestehen, ich kann diesem seifig-schweißigen Unterton durchaus etwas abgewinnen, nicht immer, aber hin und wieder, obwohl ich ihn als problematisch empfinde. Anderen Düfte aus dieser Epoche wie beispielsweise 'Balafre' von Lancôme, 'Monsieur' von Rochas oder 'Para Hombre' bzw. 'Pour Homme' von Loewe haftet dieser Unterton ebenso an. Aber es war ja auch die Zeit als man(n) noch kräftige Schnurrbärte trug, quellendes Brusthaar aus zu weit aufgeknöpften Nylon-Hemden wuchern ließ und das Benutzen eines Deos noch längst keine Selbstverständlichkeit war. Nun, und wenn ich´s mir recht überlege, so sind mir persönlich Seife und eine üppige Brustbehaarung doch allemal lieber als Duschgel und eine glattrasierte, oder gar epilierte Brust...

Aramis wurde der von Estée Lauder erhoffte Welterfolg und zugleich Auftakt einer großartigen Serie von Herrendüften, die allesamt von Bernard Chant komponiert werden sollten. Und Aramis wurde darüber hinaus für seine Zeit zu einer Art Stil-Ikone, ebenso wie die berühmten Lava-Lampen, Plateau-Schuhe und Schlaghosen. Ein Duft aber auch, der in immer wiederkehrenden Retro-Wellen erneut in den Focus gerät, dem vermutlich immer etwas Altmodisches anhaften, der aber dennoch nie gänzlich aus der Mode kommen wird. Ein ähnliches Duftwunder wie 'Eau Sauvage' - und wie diesem 'Diorella' folgte, da der Erfolg so gewaltig war und die Damenwelt nach einem eigenen Eau Sauvage verlangte, so folgte auf Aramis wenige Jahre später 'Azurée'. Im Grunde identisch mit Aramis, fehlt Azurée allerdings die seifige Note, es ist etwas üppiger, vor allem im würzig-floralen Mittelteil und strahlender, sonniger zu Beginn.
Wer einmal studieren möchte wie geringfügig, ja unerheblich im Grunde die Unterschiede zwischen einem vermeintlich maskulinem und einem femininem Parfum sind, der nehme Aramis und Azurée zur Hand, oder Eau Sauvage und Diorella, und vergleiche!

Zu erwähnen bleibt noch, dass beide Düfte, Aramis und Azurée, einigermaßen unbeschadet die letzte Reformulierungswellen überstanden haben, was wie ein kleines Wunder wirkt, da ihr kräftiges Chypregerüst unter der unerhörten Restriktion von Eichen-und Baummoos eigentlich hätte zusammenbrechen müssen.
Hut ab vor jenen, die sich hier ans Werk gemacht haben, zwei wirklich große Düfte, an denen ihr Erschaffer jahrelang gearbeitet hatte und die das Zentrum seines Schaffen bilden, zu retten – es ist ihnen gelungen!
Gomma

70%
6 Kommentar-Auszeichnungen

Gomma von Etro

Montag, 14. Juni 2010 um 15:09 Uhr

Erfolgreiches Update!

Edouard Fléchier hat mit Gomma (ital.: Gummi) eine Verbindung geschaffen zwischen den eher lose verwandten Klassikern Tabac Blond von Caron und Knize Ten, so als hätten diese sich zu einem Paar zusammen gefunden und ein gemeinsames Kind gezeugt. Ein eher schüchternes allerdings, zumindest im Vergleich mit den reich begüterten, opulenten und so gar nicht zurückhaltenden Eltern.

Nicht ganz so ledrig wie Knize Ten, nicht ganz so ausladend rauchig und blumig wie Tabac Blond, aber doch sind alle Nuancen, alle Facetten der beiden Düfte in Gomma enthalten. Und für all jene, denen Knize Ten zu old-fashioned, zu Gentleman-like ist, und Tabac Blond zu voluminös, zu gewaltig, denen sei ‚Gomma’ wärmstens empfohlen – ein erfolgreiches Update eines klassischen Themas, heutigen Bedürfnissen angepasst und dennoch kein seelenloser Massenartikel.

An Gummi erinnert es mich allerdings nicht wirklich, oder doch nur mit viel Phantasie. Nein, ‚Gomma’ ist schon ein genuiner Lederduft und eignet sich daher auch bestens als Einstieg in die Welt der klassischen Lederdüfte (die schon genannten, aber auch Chanels Cuir de Russie oder Santa Maria Novellas Peau d´Espagne u.a.). Die Verbindung von ledrigen Akzenten, vor allem Birkenteer und Styrax, mit indolischem Jasmin, ein paar unaufdringlichen Gewürzen und frischen Zitrusnoten, ist wunderbar und ohne Misstöne gelungen.

Sollte allerdings jemand an ‚Gomma’ keinen Gefallen finden, dann sei von den genannten Vorgänger-Düften dringend abgeraten – sie haben noch mehr Charakter, sind noch eigenwilliger und von daher noch schwerer zu tragen.
‚Gomma’ dagegen ist viel umgänglicher, und auch leichter zu tragen. Es vermeidet jede Zuordnung zu einem Geschlecht und ist für Frauen wie Männer gleichermaßen geschaffen. Darüber hinaus hat 'Gomma' recht ansprechende Umgangsformen: es schreit nicht laut herum und versucht sich so Beachtung über Gebühr zu verschaffen, ist aber auch kein verhuschter Schatten der am liebsten in der Masse abtaucht.

Da ursprünglich als Eau de Cologne konzipiert darf man von diesem Duft keine überdurchschnittliche Haltbarkeit erwarten, und sie ist in der Tat eher bescheiden. Aber der schöne, quadratische Flakon lässt sich problemlos in einer Handtasche, einem Aktenkoffer oder Rucksack verstauen, und auch der Preis spricht nicht unbedingt gegen einen kleinen Spritzer ‚Gomma’ zwischendurch...
Ein schöner Duft, nicht sonderlich originell, aber das Rad muss ja nicht ständig neu erfunden werden. Einer der Besseren aus der Etro-Reihe!
10 Kommentar-Auszeichnungen

Geranium pour Monsieur von Editions de Parfums Frédéric Malle

Samstag, 12. Juni 2010 um 14:35 Uhr

'Pour Monsieur', nicht 'pour Homme' - der perfekte Anti-Jogginghosen-Duft!

Zugegeben: Der Auftakt von Geranium pour Monsieur ist gewöhnungsbedürftig, und die erste Assoziation ist auch bei mir immer wieder: Zahnpasta. Nach mehrmaligem Tragen aber empfinde ich diesen Auftakt gar nicht mehr als Zumutung, ganz im Gegenteil – ich habe mich nicht nur an diese Explosion von Pfefferminze gewöhnt, ich erwarte sie geradezu und ich würde sie vermissen, wäre sie auf einmal nicht mehr vorhanden. Dennoch, beim Aufsprühen von Geranium pour Monsieur zucke ich innerlich immer noch ein wenig zusammen. Aber ich weiß ja, nach ein paar Minuten vermindert die Pfefferminze ziemlich deutlich ihre Lautstärke und überlässt die Bühne einer mächtig aufblühenden Geranium-Note. Diese an den Duft von Rosen erinnernde Note ist so delikat, so süchtig-machend in Szene gesetzt, dass ich meine Nase kaum von meinem eigenen mit Geranium pour Monsieur besprühten Arm bekomme. Als Bestandteil vieler floraler Düfte dient diese Note vor allem dazu den Düften frische Strahlkraft und leichte grüne Nuancen zu verleihen. Als Soliflor wird Geranium dagegen selten herausgestellt, aber wenn, dann hinterlässt es bleibenden Eindruck und den Wunsch nach mehr. Einer der besten und beeindruckendsten Geranium-Soliflor-Düfte ist für mich ‚Geranium Bourbon’ von Miller Harris, der die Zitronengeranie in denkbar schönstes Licht rückt.

Dominique Ropion verstärkt diesen Geranium-Effekt mit einer zusätzlichen Dosis Rhodinol, das wiederum aus Geranium-Öl extrahiert wird und in Kombination mit diesem die wachsig-grünen Facetten des Geranium noch stärker betont.
Nach einer Weile gesellen sich zum frisch-strahlenden Geranium luftig-trockene Zimt- und Nelken-Nuancen, die alles andere als schwer und lastend, und auch ohne obligatorische Süße im Gepäck daherkommen. Nein, schwebend und leicht fangen sie das Geranium nach dessen großem Soloauftritt ein, bitten auch die Minze (den Pfeffer-Mantel hat sie zwischenzeitlich abgelegt) nach vorn, und bilden so ein schönes, kontrastreiches Zwischenspiel und Übergang zum letzten Akt: einem langen von harzigen Anklängen, Weihrauch und feinen Moschusnoten gehaltenen Ausklang, der mich immer wieder an Serge Lutens großartiges ‚Serge Noire’ erinnert. Allerdings ist ‚Geranium pour Monsieur’ zum Ende hin - obwohl harzig - nicht ganz so kompromisslos harzig wie ‚Serge Noire’, es ist feiner abgestimmt, von einer gewissen Rest-Frische durchdrungen und einfach delikater.

Diese drei Phasen des Duftes, der erste starke Auftritt der Pfefferminze, folgend das Geranium-Solo und schließlich der holzig-harzige Weihrauchausklang sind phantastisch herausgearbeitet, wunderbar miteinander verbunden: keine knarzigen Übergänge, keine Dissonanten Überlagerungen – alles gleitet perfekt ineinander über ohne ein homogenes, nicht mehr zu dechiffrierendes Gemenge zu ergeben: die einzelnen Noten bleiben identifizierbar und bilden dennoch eine Einheit.

Die Proportionen dieses Duftes erinnern mich daher auch sehr stark an die klassischen Herrendüfte der 50er und 60er Jahre: frischer Auftakt, würziges Herz, warmer Ausklang. Und als wollte Geranium pour Monsieur ganz bewusst an dieses Erbe anknüpfen, besteht schon in der Namensgebung eine nicht zu übersehende Verwandschaft: Monsieur de Givenchy, Pour Monsieur de Chanel, Monsieur Balmain. Nicht ‚pour homme’, nein: ‚pour Monsieur’, dass ist der Adressat. So eignet sich dieser Duft meines Erachtens auch konsequenterweise überhaupt nicht als frischer Duft nach sportlicher Betätigung oder zum halbnackten Herumgammeln am Strand, ebenso wenig zu einem Cineplex-Kinobesuch mit riesigem Popcorn-Eimer im Arm, und auch nicht zum bierseligen Skatspiel in der Eckkneipe. Man könnte ihn den idealen Anti-Jogginghosen-Duft nennen, denn schlabberiges, ausgebeultes oder gar zerschlissenes Outfit ‚geht gar nicht’, um mal eine Neu-Deutsche Sprachwendung aufzugreifen. Nein, dieser Duft – wie die ‚Monsieurs’ vergangener Tage, vor allem Chanels Version – benötigt eine gewisse körperliche Gepflegtheit, sowie Sorgfalt und auch Stil in der Wahl der Kleidung. Es muss nicht zwingend ein klassisches Outfit sein, zwingend aber ein stilvolles. Denn ein schlecht sitzender Anzug samt unpassendem Hemd und hässlicher Krawatte kann schrecklicher sein, bzw. ist schrecklicher als Jogginghose und T-Shirt.

So passt der Zusatz ‚pour Monsieur’ im Namen dieses Duftes, wie ich finde, sehr gut. Dominique Ropion hat hier in Zusammenarbeit mit Frederic Malle einen Duft kreiert der sich wirklich abhebt von allen aromatischen ‚pour homme’-Fourgères, allen aquatischen Cool-Water Klonen und den unzähligen Gourmand-Varianten in der Nachfolge von Yohij Homme.
Endlich also einmal ein wirklich modernes, neues Parfum, das mutig einen großen Schritt in eine andere Richtung geht und dennoch die Vergangenheit im Blick hat – es ist großartig gelungen, finde ich!

Etwas skeptisch war ich allerdings als ich las, das ‚Geranium pour Monsieur’ gerade mal 5% Parfumöl-Anteil hat, also hart and der Grenze zwischen Eau de Cologne und Eau de Toilette angesiedelt ist. Skeptisch vor allem, weil ich in der Regel doch eher kräftigere Düfte bevorzuge, die ich dann allerdings nur in sozusagen ‚homöopathischen’ Dosen tragen kann – was irgendwie ein gelebter Widerspruch ist...
Aber ich muss sagen: ‚Geranium pour Monsieur’ ist trotz seiner Cologne-Stärke extrem potent, besitzt eine gute Abstrahlung und lange Haltbarkeit. Und wie die klassischen ‚pour Monsieurs’ zieht sich der Duft recht schnell auf die Haut des Trägers zurück und umgibt ihn mit einem dezenten und delikaten Aroma, statt den Raum in dem Monsieur sich aufhält mit wahren Duftwogen zu erfüllen – das überlässt er, ganz Gentleman, dann doch lieber den Damen!
Auch am Tag danach lassen sich auf der Haut noch leichte Nuancen des Duftes wiederentdecken – was will man(n) mehr?!

An die Frauen unter uns Duftliebhabern: schnappt euch den Duft von den Regalen der Männer, oder legt ihn euch selbst zu! Denn auch wenn ‚Monsieur’ draufsteht - er ist einfach zu gut, um ihn sich entgehen zu lassen! Und ich habe – und liebe – ja auch ein Parfum, da steht einfach nur ‚Femme’ drauf... macht nix, ist trotzdem klasse!

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