Abbrechen



Abbrechen

Profumo's Kommentare zu Parfüms (74)

Kommentare 31 - 40 von 74

11 Kommentar-Auszeichnungen

Allure Homme von Chanel

Sonntag, 09. Mai 2010 um 14:38 Uhr

Kommerzieller Erfolg und künstlerisches Desaster

Eine bekannte Versuchsanordnung: man befrage jede Menge Leute nach dem schönsten Gesicht und lasse die Probanden von diesem eine Phantomzeichnung anfertigen. Diese lege man übereinander und bringe sie auf einen allen gemeinsamen Nenner, einen Mittelwert. Herauskommen wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Gesicht, ähnlich dem Heidi Klums: schön, aber irgendwie belanglos; perfekt geformt, aber ohne Charakteristik. Alle werden sagen können: ja, schön ist es schon, aber es fehlt etwas.

Bei Allure Homme ist man im Grunde ebenso verfahren: man befrage eine große Anzahl nach ihren Duftvorstellungen, ermittle eine Schnittmenge, teste diese wiederum an Männern jeden Alters, in alltäglichen Situationen - Büro, Freizeit, Sport, romantischem Diner etc. - heraus kommt der 'perfekte' Duft. Einer, auf den sich eine möglichst große Anzahl wird einigen können, einer ohne verstörende Ecken und Kanten - eine durchgestylte Schönheit, die einen seltsam emotionslos zurückläßt und schläfrig macht.
Genauer: ein frisch, aromatisches Fougère in der Nachfolge des immens erfolgreichen Cool Water - ein Duft der so häufig kopiert wurde wie kaum ein anderer.
Nach dem kommerziellen Desaster mit Egoïste, wollte man bei Chanel partout kein Risiko mehr eingehen. Nicht die Inspiration und Überzeugungskraft des Parfumeurs sollten weiterhin entscheidend sein - nein, man fragte die Masse: was wollte ihr dann? Und bekam zur Antwort: Maoam!
Und tatsächlich: Allure Homme wurde ein kommerziell erfolgreicher Duft, nicht ganz so erfolgreich wie einst Antaeus, aber die vermeindliche Scharte die mit Egoïste geschlagen wurde, war ausgewetzt. Doch um welchen Preis? Um den Preis eines künstlerischen Desasters. Ernest Beaux, Henri Robert und Jacques Polge selbst haben die Meßlatte bei Chanel so hoch wie vielleicht nur noch bei Guerlain gehängt - sie von Mal zu Mal zu überspringen ist ein extrem ehrgeiziges und anspruchsvolles Unterfangen, das nicht immer gelingen kann. Es aber absichtsvoll zu unterlaufen, den Sprung erst gar nicht zu wagen, stellt schon ein Novum dar, das leider Schule macht - man denke nur an Guerlain Homme...
Ich hoffe, bei Chanel wird man diesen Weg nicht weiter beschreiten. Und dass sie die Meßlatte noch immer locker nehmen können, haben sie mit den neuen Düften der 'Les Exclusifs'- Reihe eindrucksvoll bewiesen.

Noch etwas zum vermeindlich kommerziellen Desaster von Egoïste: es wäre interessant zu sehen wie sich die Verkaufszahlen dieses Duftes im Lauf der Jahre entwickelt haben, denn ich habe den Eindruck, dass er von Jahr zu Jahr beliebter wird - mancher Erfolg wächst eben langsam aber stetig, bleibt dafür aber auch länger erhalten.

Ob Allure Homme in zehn Jahren noch Bestand haben wird wage ich zu bezweifeln. Egoïste aber wird bleiben, da bin ich mir ganz sicher - wie ich mir sicher bin, dass man auch in zehn Jahren noch, wenn Heidi Klum längst vergessen ist, Linda Evangelista eine schöne Frau nennen wird!
2 Kommentar-Auszeichnungen

Eau de Vetyver von Givenchy

Freitag, 07. Mai 2010 um 12:09 Uhr

Hubert de Givenchys persönlicher Duft

Jahrelang habe ich mich schwer getan mit Vetiver-Düften, zu omnipräsent war das Guerlain´sche Vetiver, zu viele trugen es in meiner Umgebung, auch solche, die mir alles andere als nahe standen, die ich häufig - und immer vergebens - weit, weit weg wünschte und die nicht aufhörten mich mit ihrer Person und diesem, ihrem Duft zu belästigen. Ich gestehe, ich habe diesen Duft gehasst, und es gelingt mir auch heute noch nicht, ihm einigermaßen unvoreingenommen nahe zu kommen, um ihn ansatzweise objektiv beurteilen zu können – also lasse ich es lieber, vorerst.

Aller Ablehnung des Guerlain´schen Vetivers zum Trotz hat sich meine Haltung zu Vetiver-Düften im Allgemeinen jedoch komplett gewandelt. Habe ich zuvor noch alle sozusagen ‚in einen Topf geworfen’ und pauschal mit dem Verdikt versehen: mag ich nicht, kann ich nicht leiden; muss ich nunmehr zugeben: ich mag sie doch, kann sie sehr wohl leiden, nur eben den einen nicht. Aber wer weiß, die Zeit heilt ja bekanntlich Wunden, und vielleicht werde ich eines Tages sogar diesen einen doch noch mögen, ich bin nicht mehr so weit entfernt davon.
Der Vetiver-Duft, von dem aber hier die Rede sein soll, ist einer, den ich von Anfang an mochte, ja, den ich schätze und bewundere.

1959 lancierte das Haus Givenchy gleich zwei Düfte für den Herren, Monsieur de Givenchy und Eau de Vétiver – das spätere Vetyver. Komponiert wurden beide von Fabrice Fabron, der zwei Jahre zuvor schon L´Interdit für Givenchy schuf und auch so große Klassiker wie L´Air du Temps, Le Dix und Baghari kreierte. Das Eau de Vétiver ist wohl auf besonderen Wunsch des großen Designers Hubert de Givenchy entstanden, der, vermutlich inspiriert von Carvens Vetiver, das zwei Jahre zuvor – 1957 - für Furore sorgte, selbst einen Vetiver-Duft sein Eigen nennen wollte. Wiederum zwei Jahre später – 1961 – kam schließlich Guerlain mit seinem Vetiver auf den Markt und stellte ziemlich schnell seinen beiden Vorgänger in den Schatten. Bis 1995 blieb Vetyver im Katalog von Givenchy, es verkaufte sich mäßig, doch solange Hubert de Givenchy die Geschicke des Hauses lenkte wurde es weiterhin produziert. Er, der so immens elegante, distinguierte und gut aussehende Mann von Welt und Herr der Mode, er soll es all die Jahre hindurch getragen haben. Als er sich schließlich 1995 zurückzog, verschwand auch sein Vetyver vom Markt, zum Leidwesen vieler Parfum-Enthusiasten, die es fast unisono für das beste aller Vetivers hielten.
Dreizehn Jahre später war es dann auf einmal wieder da, gemeinsam lanciert mit vielen Klassikern des Hauses in einer ‚Les Mythiques’ genannten Reihe, und in Einklang gebracht mit den neusten IFRA-Bestimmungen. Laut jenen aber, die das alte Vetyver noch kannten, ist das Neue so gut wie eh und je (auch die anderen Düfte dieser Serie sind exzellent reformuliert!).

Ungetestet habe ich es mir sofort bestellt und war augenblicklich begeistert: ein wirklich großartiger Vetiver-Duft. Ein klassisches Chypre kombiniert mit drei verschiedenen Variationen dieser Wurzel die in der Kopfnote, wie in der Herz- und Basisnote jeweils eine neue Facette offenbart – vom frischen, kühlenden Start, über eine feuchte, grüne Phase bis hin zum rauchig-erdigen Finish, begleitet von Bergamotte, Koriander, Sandelholz, Patchouli und Eichenmoos. Alles ist wunderbar miteinander verwoben, perfekt ausbalanciert und atmet Klasse, durch und durch. Ein Duft von gepflegtem Understatement, ein Duft für den soignierten Gentleman mit Sinn für eleganten, dabei dezenten Luxus. Kein Duft allerdings für die Heerscharen von Vertretern, Büroangestellten oder sonstwie tagtäglich Beschäftigten, für die Masse also. Nein, Givenchys Vetyver ist – ähnlich wie Eau d´Hermès – eher ein Duft für jene, die angekommen sind in dem Kreis derer, die arbeiten lassen und deren Arriviertheit und (vermeindliche) Lässigkeit einen duftenden Ausdruck in diesem Parfum finden.
Ich selbst gehöre wahrlich nicht zu den Hubert de Givenchys oder Robert Dumas-Hermès’, aber etwas von ihrer nonchalant zur Schau gestellten Ruhe und Abgeklärtheit, ja, Überlegenheit steckt in diesem Duft und kann sich auch auf Andere übertragen, selbst wenn diese ganz kleine Lichter sind, die täglich ihrem Broterwerb nachgehen müssen, so wie ich.
Givenchys Vetyver ein elitärer Duft? Im Grunde ja, und wäre er nicht so gut würde ich ihm dies als Manko ankreiden, aber er besitzt zugleich soviel Klasse, soviel Eleganz wie eine maßgeschneiderte Robe von Givenchy, dass ich meine elitenskeptische Haltung augenblicklich vergesse, steigt mir das Aroma dieses Duftes in die Nase. Und man fühlt sich tatsächlich sofort besser angezogen, trägt man diesen Duft, zumindest mir geht das so. Da ein Duft aber Gut-Angezogen-Sein nicht ersetzen, es bestenfalls ergänzen kann, ist ein gewisses Maß an Dress-Up vonnöten: ein gebügeltes Hemd und nicht gerade die verschlissenste Hose sollten es schon sein.

Ein Wort noch zur Haltbarkeit des Duftes: sie ist, gemessen an heutigen Erwartungen, eher bescheiden. Der Duft zieht sich recht schnell auf die Haut zurück, bleibt dort allerdings ziemlich lange erhalten und umgibt den Träger mit einem anhaltend feinen und leisen Aroma. Die Abstrahlung des Duftes ist dabei gering, aber ein offensives oder gar übergriffiges Parfum für den Herren war zu jener Zeit noch nicht denkbar – Chanels Pour Monsieur oder Diors Eau Sauvage sind ähnliche Beispiele für die Vorstellung jener Zeit wie ‚Mann’ zu duften habe, nämlich dezent. ‚Mann’ ging damals z.B. noch vor der Dame ins Restaurant um alles zu regeln, half ihr aus dem Mantel, zog den Stuhl vom Tisch zurück, damit sie sich setze, und ließ vor allem ihrem Parfum den gebührenden Raum, nämlich den ganzen.
Dass ein Mann ähnlich intensiv nach Parfum duftete wie eine Frau war einfach nicht erwünscht, bzw. entsprach nicht dem zeittypischen Rollenverständnis. Und so dürfen wir heute von diesem Duft, und von anderen aus dieser Epoche ebenso, nicht jene Qualitäten verlangen die wir von den ‚Powerhouse’-Düften der 70er und 80er Jahre her kennen – sie hatten andere, die nicht unbedingt schlechter waren – ganz im Gegenteil.
7 Kommentar-Auszeichnungen

Devin von Aramis

Sonntag, 02. Mai 2010 um 17:40 Uhr

Ein Wald von Pinien...

Um die Reputation der Düfte von Aramis, einem Zweig des Estée Lauder Konzerns, ist es bekanntlich nicht zum Besten bestellt, was Vor- und Nachteile hat, denn obwohl ganze Heerscharen von vermeindlichen Duft-Connaiseuren bei der alleinigen Erwähnung der Marke Aramis schon missbilligend die Nase rümpfen und auf die scheinbare Altbackenheit der Düfte und deren Billigimage (kurz vor Drogeriemarkt-Ware) verweisen, gibt es dennoch eine ganze Reihe von Duftliebhabern, die um diese Missachtung gar nicht so traurig sind. Im Gegenteil, manche sind sogar ziemlich froh, dass die Düfte unbeschadet der mächtig anbrandenden Moden ein jahrzehntelanges Schattendasein auf den untersten Regalen führten durften, denn zum Glück kam keiner auf die Idee sie in bestimmtem Turnus aufzuhübschen und mit immer neueren Varianten dem gerade herrschenden Zeitgeist anzudienen. Nein, sie blieben was sie waren, Jahr um Jahr, ein- und derselbe Inhalt im immergleichen Flakon, und selbst als in den späteren achziger Jahren die Düfte nicht stark genug sein konnten, alle Welt nach ‚concentrée’ und ‚intense’ verlangte und eine neue Duftkonzentration eingeführt wurde: das Eau de Parfum; selbst in dieser Zeit waren einige Düfte der Aramis-Serie, nämlich die, die von Anfang an als Eau de Cologne konzipiert waren, auch weiterhin ‚nur’ in dieser Stärke erhältlich. War es pure Missachtung der veränderten Kundenwünsche oder war es ganz einfach Respekt vor der Genialität dieser Werke, die den Estée Lauder Konzern daran hinderte an diesen Düften herumzudoktern?
Ich vermute letzteres - man malt ja auch nicht ständig an einem Chagall herum, nur weil die Öffentlichkeit auf einmal pastellenere oder kräftigere Farben liebt! Und ich denke bei Estée Lauder, einem der wenigen Konzerne die noch in Familientradition geführt werden, war und ist man sich bewusst, dass es sich bei diesen Düften durchaus um Kunstwerke handelt, die einen verantwortungsvollen Umgang erfordern.

Ein großer Glücksfall, der kaum historische Parallelen kennt und allenfalls vergleichbar ist mit der künstlerisch höchst produktiven Zusammenarbeit von Coco Chanel und Ernest Beaux, war das Zusammentreffen von Estée Lauder mit dem Meisterparfumeur Bernard Chant. Gemeinsam kreierten sie eine ganze Reihe wirklich großer Parfums, häufig als Duos - eine Eau de Toilette Version für die Dame und eine Eau de Cologne Version für den Herren: Aramis/Azurée, Alliage/Devin, Aromatics Elixier/Aramis 900, Cinnabar/JHL, Estée/Lauder for men – so als wollten sie zeigen wie schmal der Grat zwischen femininem und maskulinem Parfum ist. Dabei besitzen beide Teile dieser Duos ihre jeweils eigene Wertigkeit und sind bei aller Ähnlichkeit doch verschieden, wie zweieiige Zwillinge verschieden sind und dennoch unverkennbar zusammen gehörend. (Einfach genial und ihrer Zeit um Jahre voraus!)

Devin war nun sozusagen das ‚Alliage pour homme’. Beider Grundstruktur ist quasi deckungsgleich: ein grünes Chypre mit viel Galbanum und pudrigen Facetten. Während Alliage eher florale Akzente setzt, geht Devin in die herbere, krautigere Richtung und nennt sich folgerichtig nicht mehr Sport Spray (damit hat Alliage eine gänzlich neues Genre begründet!) sondern Country Eau de Cologne. Im Zusammenspiel mit Galbanum ist es nun vor allem die Pinie, die - im Gegensatz zu Alliage - deutlicher hervortritt. Der leicht harzige Duft der Piniennadeln war ja seit jeher beliebter Bestandteil in der Herrenparfümerie: man denke nur an Klassiker wie Blenheim Bouquet von Penhaligon´s oder das unverwüstliche Pino Silvestre. War, bzw. ist ersteres aber von britischer Blässe und mit ‚stiff-upper-lip’, letzteres hingegen von mediterranem Überschwang, kennzeichnet Devin eher der französische Hang zur Verfeinerung und Raffinement, untermalt von einer leichten, als très-chic empfundenen animalischen Facette, die aller Noblesse zum Trotz dem Duft eine frivol-erotische Nuance verleiht. Auch Devin besitzt diese Nuance, sehr dezent allerdings, doch durchaus wahrnehmbar je mehr man von diesem Duft aufsprüht.

Es ist als ritte man auf dem schweißfeuchten Rücken eines Pferdes durch einen aromatisch nach Nadelhölzern und Moosen duftenden Wald - der Geruch des Tieres, verwoben mit den Aromen der Natur. Passend zu dieser Assoziation ist auf der Box sowie dem Flakon oberhalb des Namens ‚Devin’ ein kleines Postillon-Horn abgebildet – auch der Postillon ritt früher durch Wald und Flur, von Ort zu Ort, sein Kommen mit Hornstößen ankündigend, und neueste Nachricht bringend (le devin – der Seher, Weissager).

Gestehen muss ich allerdings, dass ich diesen Duft jahrelang überhaupt nicht mochte. Immer wieder habe ich ihn trotzdem getestet, um ihn anschließend abzuwaschen, bzw. den Teststreifen zu zerknüllen und wegzuwerfen. Irgendwann aber hat es ‚Klick’ gemacht und ich habe Devin sozusagen ‚verstanden’. Ganz ähnlich erging es mir mit Guerlains ‚Derby’ - wie ‚Devin’ ein Chypre mit grünen und ledrig-animalischen Akzenten, allerdings wesentlich aufwändiger orchestriert!
Es kann sein, dass es genau diese Kombination war die mich abschreckte, denn ‚grün’ war doch zumeist mit Frische einhergehend, und eine Kombination mit dunklen, tierischen Anklängen eher ungewöhnlich. Aber Devin (wie Derby) ist auch ein ungewöhnlicher Duft, nicht nur was den Reichtum an Kontrasten und deren kunstvolle Verblendung angeht, er ist auch ungewöhnlich gut komponiert, hat einen fein abgestimmten Duftverlauf und exzellente Langlebigkeit, zumal für ein Eau de Cologne!

Vor kurzem, anlässlich der von der IFRA erzwungenen Umarbeitung sämtlicher alter Düfte, fasste Estée Lauder, bzw. Aramis ihr duftendes Erbe zu einer ‚Gentleman´s Collection’ genannten Reihe zusammen – gleiche Verpackung, gleicher Flakon, allein die Etiketten künden vom ehemaligen Design. Schade eigentlich, denn die alten Aufmachungen besaßen einen gewissen Retro-Chic, aber sei´s drum, Hauptsache der Inhalt stimmt. Und tatsächlich, allen Befürchtungen zum Trotz sind die Düfte so gut wie eh und je, und Unterschiede kaum zu entdecken. Bravo Aramis!!

Zugegeben: das neue Design ist so schlecht gar nicht, und aufgereiht - einer am anderen - macht die Gentleman´s Collection doch ganz schön was her – und ein bisschen mehr Aufmerksamkeit haben sie auch wirklich verdient, diese kleinen Wunderwerke der Parfumkunst!
7 Kommentar-Auszeichnungen

Jules von Christian Dior

Freitag, 23. April 2010 um 11:04 Uhr

Riecht das noch, oder stinkt das schon?

16 Jahre nach dem großen Erfolg mit Eau Sauvage kam Dior mit einem neuen maskulinen Parfum auf den Markt: Jules (frz. umgangsprachlich für: der Kerl, der Galan, oder auch der Zuhälter). Die ‚Nase’ hinter diesem Duft: Jean Martel, der wenige Jahre zuvor mit Paco Rabanne pour Homme ein neues Genre begründete, das der aromatischen Fougères. Auch Jules ist ein aromatisches Fougère, und was für eines! Heute wiederum, 30 Jahre nach der Einführung von Jules liegt dieses Genre danieder, quasi im Wachkoma: zum Glück noch gerade so am Leben, aber auch nicht viel mehr. Ob dessen Revitalisierung eines Tages bevorsteht bleibt abzuwarten, aber angesichts des unbedingten Frischedogmas, das die Herrenparfümerie seit vielen Jahren beherrscht, fällt es mehr als schwer sich vorzustellen, dass der junge, metrosexuelle Mann von Heute statt zu Acqua di Giò wieder zu Yatagan, Kouros oder eben Jules greifen sollte. Nun denn, wir werden sehen: Moden kommen, Moden gehen, diese hält sich aber nun schon verdammt lange...

Zum Duft: der Gegensatz zu seinem Vorgänger, Eau Sauvage, könnte kaum größer sein! War letzterer noch ein frisch-herbes Chypre, elegant, dabei zurückhaltend im Auftritt, ist Jules eine echte männliche Diva: laut, fast schrill, alle Blicke auf sich ziehend, keinen Nebenbuhler duldend, von beinahe raumsprengender Präsenz (ähnlich gegensätzlich sind Chanels Pour Monsieur und dessen Nachfolger Antaeus!). Jules nicht wahrzunehmen ist schier unmöglich, aber die Konkurrenz war eben auch eine andere als zu Zeiten von Eau Sauvage.
Yatagan, Paco Rabanne pour Homme, Azzaro pour Homme, Halston Z-14, Patou pour Homme, das waren die Mitstreiter um die Gunst des Käufers – schwere, kraftstrotzende Düfte mit teilweise starken animalischen Akzenten (Azzaro, Yatagan). Da war ein schüchterner Auftritt nicht opportun und so versah man den neuen Duft mit kräftigen Muskeln, einem breiten Kreuz und einem deftigen Schuss Virilität. Wie schon für Eau Sauvage zeichnete René Gruau, der berühmte Illustrator und Freund Christan Diors, den Jules-Mann auf´s Papier, allerdings nicht als schmächtigen Jüngling von lässiger Eleganz, sondern als einen Schrank von Mann in schwarzer Lederjacke, mal alleine, mal eine blonde Frau in den Armen haltend, die ob seines Duftes in Ohnmacht zu sinken scheint.
Ob einem nun angesichts dieses Mannsbildes ('Fort et tendre' war der Werbeslogan) die Sinne schwinden oder nicht, dieser Duft hat es jedenfalls in sich. Kräftige Galbanum-Noten zum Auftakt, balsamisch abgerundet und mit ordentlich Pfeffer und einer Vielzahl von Kräutern gewürzt: Lavendel, Basilikum und jede Menge Salbei. Ein paar Blüten lugen unter all dem Grün hervor und ziemlich rasch wird das Geschehen von einem aufreizend animalischen Aroma durchzogen, das so seine Tücken hat. Russisch-Leder, herb-süßer Honig, Coumarin, Eichenmoos und etwas Amber beenden den Reigen.

Ein inhaltsschwerer Duft, der vor allem seiner animalischen Intensität wegen keinen ungeteilten Beifall findet, heute noch weniger als damals. Im Gegenteil: die meisten stößt er ab, sie fühlen sich häufig an den Geruch von Urin erinnert, an Katzenpisse, an Toilette im Allgemeinen. Selten findet sich jemand der diesem Duft uneingeschränkt Bewunderung zollt. Offenbar ist Jean Martel mit Jules ziemlich weit gegangen in Sachen animalischer Beimischungen, vielleicht zu weit, ich weiß es nicht. Mir geht es da auch nicht anders als den meisten – selten kann ich mich diesem Duft so richtig hingeben. In der Regel sprühe ich nur ein klein wenig auf das Handgelenk und begnüge mich mit einem Jules-Erlebnis im Kleinen. Das reicht mir dann auch meistens: ich bin begeistert und kurz darauf abgeschreckt, es ist – fast – immer das Gleiche. Ganz, ganz selten nur kann ich in diesen Duft förmlich hineintauchen, kann mich an ihm berauschen und ihn in allen Facetten genießen – zumeist steht mir dessen animalische Seite im Wege und ich, der Düfte mit ein bisschen ‚haut goût’ eindeutig schätzt, bin mir nicht mehr sicher: riecht das noch, oder stinkt das schon?

Diese, meine eigenen Unentschiedenheit hält mich dann letztlich davon ab Jules zu tragen, leider. Denn Jules ist, glaube ich, ein richtig gut gemachter Duft – man riecht die Qualität, der Komposition wie der Inhaltstoffe, förmlich. Dies ist, denke ich, auch der Grund warum Dior die Produktion dieses Duftes nie gänzlich eingestellt hat, er war immer zu haben, wenn auch nur an wenigen, ausgewählten Orten, zumeist in Frankreich und Belgien. Man machte sich sogar die Mühe den Duft den Regeln der IFRA gemäß zu reformulieren. Und so hat Jules auch diese Hürde genommen, ohne in den Orkus der vom Markt genommenen Düfte zu verschwinden – offensichtlich ist man sich bei Dior bewusst welchen Schatz man mit Jules im Portfolio hat!

Mein Fläschchen Jules (ich habe sogar ein zweites, da ich mal Angst hatte es würde eingestellt...) werde ich immer in Ehren halten, und mich weiterhin an ihm abarbeiten...
13 Kommentar-Auszeichnungen

Eau Sauvage von Christian Dior

Donnerstag, 22. April 2010 um 14:00 Uhr

Stille Wasser sind tief!

Dieser Duft ist ein Phänomen: seit nunmehr über 40 Jahren ist er Jahr für Jahr der meistverkaufte Herrenduft in Frankreich, weltweit einer der erfolgreichsten die je kreiert wurden und er kommt und kommt einfach nicht aus der Mode. Erst kürzlich hat Dior seiner Kampagne für Eau Sauvage wieder ein neues Gesicht gegeben, bezeichnenderweise das des jungen Alain Delon. Warum kein neues, könnte man einwenden, so wie Enrique Iglesias seit einiger Zeit für Azzaro pour Homme wirbt, warum der gute, alte Alain Delon? Ganz einfach, weil er zum einen heute noch gut aussieht und sich wahrlich ‚gut gehalten’ hat, vor allem aber weil der Stil seiner frühen Tage heute wieder schwer en vogue ist – die sechziger und siebziger Jahre feiern wahre Urstände in Mode und Musik, aber auch in der Parfumwelt (mit Tom Ford als Hohepriester dieser Retro-Bewegung). Und so wundert es nicht wenn ein Magazin wie die GQ dem jungen, korrekt gescheitelten, Hornbrille und Beatnik-Outfit tragenden Mann von Heute nicht etwa ein neues, ach-so-frisches Wässerchen anempfiehlt, sondern das gute, alte Eau Sauvage – wenn schon Retro, dann richtig! Ein bisschen Authentizität kann ja nicht schaden, und mit dem jungen Alain Delon an seiner Seite können wir zwei Stilbildende Ikonen von erstaunlicher Modernität bewundern.

Apropos Ikonen: Dior warb vor einigen Jahren für sein Eau Sauvage mit der berühmten Comic-Figur Corto Maltese von Hugo Pratt und dem Slogan: ‚Méfiez-vous de l´eau qui dort’, was soviel heißt wie: hüten Sie sich vor schlafendem Wasser, oder auch: ‚stille Wasser sind tief’. Ich liebe dieses Bild: Corto, wie er mit durchdringendem Blick unter der Seefahrermütze den Betrachter ansieht, wie er sich den Kragen seines Pullovers gegen die steife Meeresprise über das markante Kinn zieht, und dann dieser Spruch darunter- einfach großartig! Kein noch so tolles Model hätte das Wesen dieses Duftes besser transportieren können, selbst Alain Delon nicht. Auch der berühmte mit Christian Dior befreundete Illustrator René Gruau zeichnete für Eau Sauvage, wie schon für Miss Dior, eine ganze Serie wunderbarer Bilder: zumeist einen frisch der Dusche entstiegenen Mann mit verwuschelten Haaren, mal lässig ein Handtuch über die Schulter geworfen, mal in einem weißen Bademantel, mal gänzlich nackt vor einem Spiegel stehend – immer ein Fläschchen Eau Sauvage in Reichweite oder in Händen, immer ein wenig ironisch zwinkernd. Parfumwerbung at it´s best!

Doch zurück in die sechziger Jahre, genauer: in die Mitte der Sechziger. Was war das für eine Zeit! Geradezu eine Art ‚Big-Bang’ in der Geschichte der Herrenparfümerie: so lancierte Guerlain 1965 das erste orientalische Parfum für den Herren: Habit Rouge – eine Legende! Im selben Jahre brachte Estée Lauder das originale Aramis auf den Markt und kurz darauf, 1966, zog Dior mit seinem ersten maskulinen Duft nach: Eau Sauvage – zwei Düfte die für Generationen zum Inbegriff des ‚guten’ Parfums und zum olfaktorischen Abbild ihrer Zeit wurden. Gemeinsam mit Habit Rouge, das nie auch nur annähernd die Verbreitung der beiden anderen erlebte, dafür aber immer als etwas exklusiver galt, revolutionierten sie nicht nur die Welt der Herrendüfte sondern den Habitus der Herren überhaupt, denn diese trugen plötzlich einen Duft, und nicht mehr nur vereinzelt, sondern ‚en masse’!
Interessanterweise waren alle drei Parfums auch bei den Damen derart beliebt, dass zwei der drei Parfumeure die diese Düfte schufen noch einmal zu Werke gingen und leicht modifizierte ‚pour femme’ Düfte kreierten: Bernard Chant komponierte für Estée Lauder ‚Azurée’ und Edmond Roudnitska ‚Diorella’ für Dior. Liebhaberinnen von Habit Rouge hatten ja ohnehin schon mit ‚Shalimar’ ihr feminines Gegenstück.

Edmond Roudnitska hatte die Angewohnheit seine Düfte sozusagen genealogisch zu entwickeln. So entstand Eau Sauvage aus dem früheren Eau Fraiche. Diorella wiederum bezog sich einereseits auf das Eau Fraiche, ebenso aber auf Eau Sauvage. Sein posthum erschienenes Le Parfum de Therese wiederum entwickelte sich aus Diorella.
Wie seinem eigenen Eau Fraiche liegt Eau Sauvage ein klassisch-frisches Eau de Cologne-Gerüst zugrunde. Eau Fraiche gewinnt seine Charakteristik durch eine die Frische kontrastierende herb-bittere Chypre-Basis, die Edmond Roudnitska für sein späteres Eau Sauvage allerdings wieder etwas zurückfährt, sodass der Chypre-Charakter zwar noch erhalten bleibt, den Duft aber nicht mehr so deutlich beherrscht. Und da ein wildes Wasser in der Regel auch durch eine wilde Natur fließt, fügte er ihm allerhand Krautig-Aromatisches wie Rosmarin und Basilikum bei, während ein paar flüchtige Blütenakkorde von Iris, Nelke und Rose vorüberrauschen – das wilde Wasser ist auch ein schnelles! – um letztlich in einem Delta von leisem Vetiver, sanften Moos, dezenten Ambertönen und etwas Moschus zur Ruhe zu kommen.

Klingt alles recht solide und nicht sonderlich aufregend, und wäre es vermutlich auch nicht, fügte Edmond Roudnitska dieser Komposition nicht noch ein entscheidendes Quentchen einer damals recht selten verwendeten und wenig beachteten Substanz bei: Hedion, ein entfernt nach Jasmin duftender Riechstoff von multiplen Fähigkeiten (bessere Haftung, größere Strahlkraft und Transparenz). Für den Einsatz dieser Hedione wurde Eau Sauvage in Fachkreisen berühmt – obwohl immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass es gar nicht so viel davon enthalte (Cliniques Happy soll voll davon sein!) Aber Roudnitska zeigte mit diesem Parfum wozu Hedion in der Lage ist: ‚...es zaubert den Tau auf welke Blumen zurück’ (Luca Turin). Und tatsächlich verleiht es diesem ‚Eau’ eine geradezu sprudelnde Feuchtigkeit und wie ein tosender Wasserfall die Luft mit abertausend kleinster Wassertröpfchen schwängert, so verströmt Eau Sauvage das feuchteste, dabei denkbar frischeste Aroma. Es lässt mich immer an vom Wasser umspülte Kieselsteine an einem sonnigen Strand denken. Was Intensität und Haltbarkeit des Duftes angeht, kann Eau Sauvage nicht mit Eau Fraiche oder gar Diorella mithalten – sollte es aber auch gar nicht. Die Funktion eines Duftes für den Herren war zu jener Zeit hauptsächlich ihn nach der Morgentoilette zu erfrischen und ein wenig dieser Frische mit in den Tag zu nehmen – nicht zuviel, das Parfümiert-Sein war damals noch definitiv Sache der Dame, sondern gerade soviel, dass ein frisches, und im Falle von Eau Sauvage auch herbes Aroma den Träger leicht und dezent umspielte. Man musste ihm schon recht nahe kommen um einen Hauch dieses Duftes wahrzunehmen.

Heute aber, die Gewohnheiten ändern sich, wie die Ansprüche an einen Duft, wird dieses ‚sich dezent auf die Haut des Trägers zurückziehen’ als Schwäche von Eau Sauvage empfunden – einstmals aber war es genau seine Stärke. Es ist ja auch nicht so, dass er einfach verschwinden würde. Nein, über viele Stunden bleibt er leise und dezent auf der Haut (oder auch Textil) erhalten und blüht sogar noch einmal kräftig auf wenn der Körper des Trägers z.B. beim Sport noch einmal in Wallung gerät. Ganz ähnlich funktioniert Chanels Pour Monsieur, wie Eau Sauvage ein Duft dem häufig mangelnde Intensität und Ausdauer vorgehalten wird. Dabei verkennt man im Grunde nur was sie eigentlich sind: Wunderwerke an nobler und leiser Zurückhaltung, bei bestmöglicher Langlebigkeit!

So modern dieser Duft zu seiner Entstehungszeit war und auch so empfunden wurde, haftet ihm heute doch etwas Konservatives an. Das mag daher kommen, dass man ihn zum einen schon lange genug kennt, dass er viele Erinnerungen an Menschen und Situationen ‚konserviert’. Vor allem aber hat er sich über die Jahre als geradezu perfekter Duft für den Büroalltag bewährt und wird folgerichtig zumeist auch als eher formaler Duft beschrieben, will heißen: weniger sinnlich, eher kühl. Trotz jahrelangem und geradezu massenhaftem Gebrauch ist er dabei interessanterweise nie in den Geruch des Ordinären gekommen.

Dass er heute, nach all den Jahren, auf einmal wieder derart ‚gehypt’ wird (GQ!), zeigt was für ein Geniestreich Edmond Roudnitska damals geglückt ist – ein Geniestreich, der nur ganz, ganz wenigen Parfumeuren bisher vergönnt war: vergleichbar Ernest Beauxs No 5 oder Jacques Guerlains Mitsouko.

PS: Hände weg von Eau Sauvage Extréme – ein unnötiger und absolut verunglückter Versuch dem originalen Duft mehr Gewicht zu verleihen. Eau Sauvage Fraicheur Cuir ist da schon besser, aber auch nicht wirklich überzeugend. Das originale Eau Sauvage ist unübertroffen, und bleibt es vermutlich auch.
6 Kommentar-Auszeichnungen

Lui von Mazzolari

Montag, 19. April 2010 um 15:16 Uhr

Kompromisslos animalisch!

‚Pantaloon-bursting potency’ – dies schrieb vor Jahren einmal ein Mitglied von Basenotes über diesen Duft. Es prägte sich mir ein. Und tatsächlich: dieser Duft ist nicht nur derart potent, sondern auch derart animalisch, dass ‚pantaloon-bursting potency’ eine überaus zutreffende Kennzeichnung ist. Unverschämt exhibitionistisch protzt er mit den eigenen Genitalien und stellt seine schwellende Männlichkeit zur Schau – vollkommen egal, ob andere das nun als ekelerregend empfinden oder Bewunderung zollen, er ist einfach so.

Ich kenne kein Parfum, auch nicht Kouros, Yatagan oder Jules, das diesen Duft an tierischen Ausdünstungen übertreffen würde. Es ist definitiv ein Grenzfall, und der Parfumeur, wer auch immer es war, hat den Grenzbereich zwischen Wohlgeruch und Gestank bis auf den letzten Millimeter ausgelotet. Eine klitzekleine Umdrehung mehr und dieser Duft wäre restlos untragbar, was er für die meisten ohnehin sein dürfte. Wer möchte schon freiwillig riechen wie ein ganzer Raubtierzoo? Nun ja: ich! Jedenfalls manchmal.... ich gestehe. Aber wenn ich diesen Duft trage, dann nur in den allergeringsten Dosen – ein Spritz auf´s Handgelenk, das andere darauf gedrückt, am Hals, hinter den Ohren, etwas verrieben – das reicht. Mehr geht nicht und wäre definitiv zu viel.

Ein Bekannter von mir nannte diesen Duft einmal: dreckig. Und das ist er auch: schamlos dreckig, alles andere als züchtig und frisch geduscht. Und nach gebügelter Wäsche riecht er erst recht nicht – eher nach Fell, dem Fell einer Raubkatze, einer schwarzen, männlichen Raubkatze: einem Panther. Durch und durch dunkel ist dieser Duft, und nicht eine helle Note schimmert aus diesem tiefschwarzen, erdigen Gebräu hervor. Die mit schwarzem Samt ausgeschlagene Schachtel in welcher der Flakon ruht sowie die tiefbraune Farbe des Elixiers verstärken den Eindruck von dunkler Schwärze natürlich immens, aber auch die das Parfum beherrschenden Noten: Patchouli, Patchouli und noch mal Patchouli, Amber, Sandelholz, Leder und viel Castoreum (Bibergeil), vielleicht auch etwas Zibet. Ein paar würzige und florale Noten schauen hie und da hervor, aber nur ganz zaghaft, die Dominanz von Patchouli und animalischen Noten nicht eine Sekunde in Zweifel ziehend.

Was für ein unzeitgemäßer Duft! Heute, wo sich alles irgendwie in der Mitte tummelt, im Unisex-Bereich sozusagen, wo keiner eine ihn exponierende Aussage treffen will, aus Angst die Mitte könne ihn verstoßen – da soll jemand diesen extremen, kompromisslosen Macho-Duft tragen? Nun, ich fürchte, ich werde nie einem anderen Mann begegnen, der den Mut aufgebracht hat ‚Lui’ aufzutragen. Schade eigentlich, denn im Grunde ist dieser Duft grandios, und falls es doch einer wagen, und ich zufällig auf ihn treffen sollte, so wundere er sich bitte nicht wenn ich eine Weile hinter ihm her laufe – ich glaube nämlich anfällig zu sein für dieses tierisch-herbe Aroma, ab und zu jedenfalls.

Also meine Herren, wer einen Duft sucht der so maskulin ist wie es maskuliner nicht geht, voilà, hier ist er: ‚Lui’ von Mazzolari. Aber bitte nicht wundern wenn so mancher sich angewidert von Ihnen abwenden wird! Ganz bestimmt aber werden Sie auch jemanden finden der (oder die) sich an Ihnen nicht wird sattschnuppern können!

Nur Mut!
3 Kommentar-Auszeichnungen

Mazzolari von Mazzolari

Montag, 19. April 2010 um 13:05 Uhr

Balsamischer Weihrauch

Puh..... wer diesen Duft aufsprüht wie er gewohnt ist derzeit hoch im Kurs stehende ach-so-dezente Düfte à la Hermès oder Guerlain aufzusprühen, der wird vermutlich augenblicklich nach Luft schnappen und ein anderer wird ihm (oder ihr) dieselbe zufächeln müssen, um eine drohende Ohnmacht abzuwenden. Dieser Duft ist derart potent - wie übrigens alle von Mazzolari, besonders aber die älteren -, dass man mit Fug und Recht von einem Parfum sprechen kann, zumindest aber von einem sehr kräftigen Eau de Parfum. Wahrscheinlich liegt der Duftölanteil irgendwo zwischen 14 und 20 Prozent, sodass sowohl die eine wie die andere Zuordnung möglich ist. Mazzolari selbst schweigt sich aus, und den schlichten, edlen Flakon, der in einem schönen, mit blauem Samt ausgeschlagenen Schächtelchen ruht, schmückt außer dem Wappen des Hauses allein der Name des Duftes – kein Hinweis auf dessen Konzentration, kein ‚pour homme’ oder ‚uomo’, nichts, einfach nur: ‚Mazzolari’.

Wie auch immer, hier bekommt der Kunde jedenfalls einiges geboten für das viele Geld, das er für ein Fläschchen der Mailänder Profumerie Mazzolari bezahlen muss. Sieht man sich aber die Preisentwicklung auf dem Parfum-Markt insgesamt an, so wird man feststellen, dass Mazzolari, die einstmals zu den wirklich hochpreisigen Marken zählten, ihre Preise jedoch in den letzten zehn Jahren nicht erhöht haben, nunmehr fast schon im Mittelfeld gelandet sind – schön, dass sie diese teilweise absurde Preis-Rallye bisher nicht mitgemacht haben, ich hoffe, sie bleiben dabei!

Doch nun zu ‚Mazzolari’ selbst, dem Signatur-Duft des Hauses Mazzolari, dessen vorherrschende Farbe ‚Grün’ ist: Grün, vor allem in seinen dunklen Schattierungen wie Moos-Grün oder Tannen-Grün. Weniger helles Grün, dafür ein höherer Anteil holziger Töne. Dieser Duft ist ein Herbstduft, durch und durch – ein Frühherbstduft um genauer zu sein, denn alles Grüne steht noch im Saft, und der mit Moos und Flechten überzogenen Waldboden verströmt noch seinen schweren, von Pilzen, feuchtem Laub und Baumharzen durchsetzten Duft. Diesen frühherbstlich-, fast noch spätsommerlich-üppigen Waldgeruch fängt Mazzolari gekonnt ein, verleiht ihm mit einem Spritzer Zitrone einen kurzen, frischen Moment im Auftakt, und im Ausklang sorgt eine dezente, lang anhaltende Weihrauchnote für Tiefe und sakrale Weite. Dazwischen jede Menge Galbanum, Vetiver und viel Holz. Harzige und balsamische Untertöne, vermutlich Labdanum, verbinden alles zu einem dunklen Gebräu, wie zähfließender Nadelholzsaft. Blütennoten sucht man in diesem Duft allerdings vergebens und sein Verlauf ist vorhersehbar: man riecht schon zu Beginn wohin die Reise geht. Der Weg den man zurückzulegen hat ist nicht lang, aber man wird ein Weilchen brauchen, denn es geht gemächlich voran, ohne große Überraschungen.
Ein wirklich maskuliner Duft, der aber nicht mit etwaigen animalischen Reizen auftrumpft, sondern vielmehr mehr mit einer durchweg herb-bitteren Aura, die auch der ein- oder anderen Frau gefallen dürfte!

Ein ähnlicher Duft ist übrigens Knize Sec, der alles in allem etwas trockener, weniger balsamisch und dessen Weihrauchnote etwas dominanter ist. Ich bevorzuge allerdings ‚Mazzolari’, wie ich überhaupt sagen muss, dass dieser Duft zu meinen liebsten ‚grünen’ Düften zählt. Ich trage ihn nicht oft, aber immer wenn ich ihn trage denke ich: Wow, was für ein gutes Parfum! Andere bestätigten mir das ebenso, auch spät am Tage, wenn ich selbst den Duft kaum mehr wahrgenommen habe!
4 Kommentar-Auszeichnungen

Cédrat Intense von Parfums de Nicolaï

Mittwoch, 14. April 2010 um 17:37 Uhr

Bitter-herbes Zitronat in Milch getaucht

Kein besonders komplexes Parfum, sondern eher eines, das sich ganz in den Dienst der Zedrat-, oder Zitronatzitrone stellt und alle ihre Duftfacetten einzufangen versucht. Die Frucht selbst wird hauptsächlich wegen ihrer dicken, bitter-herben Schale angebaut, nicht wegen ihres spärlichen Fruchtfleisches. Diese grün-gelbliche Schale findet bei uns vor allem als Backzitronat Verwendung, die in ihr enthaltenen ätherischen Öle werden aber ebenso in der Parfumherstellung geschätzt.

Patricia de Nicolaï hatte sich schon einmal mit der im Gegensatz zur gängigeren Zitrone ein gutes Stück herberen Zitronatzitrone beschäftigt und ihr Cologne Cedrat geschaffen – ein wunderbares Cologne, dass die bitteren Schalen mit etwas Bergamotte, frischem Pfeffer und leichten Holznoten vereint. Dieses Cologne erfreute sich ihren Angaben zufolge so großer Beliebtheit, dass sie sich entschloss es in ihre neu geschaffene ‚Les Magnifiques’-Reihe einzugliedern und zu diesem Zwecke umzuarbeiten. Entstanden ist Cedrat-Intense, eine nicht nur etwas intensivere Variante ihres Colognes, sondern auch eine etwas reichere.
Geblieben sind die das Zedrat begleitenden holzigen und pfeffrigen Noten, unterlegt wird dieser frische und würzige Auftakt aber nunmehr mit etwas Opoponax, Patchouli und einer Spur Leder, gerade soviel dass der Duft an Tiefe und Haltbarkeit gewinnt, dabei aber kaum von seiner herben Frische verliert. Dieses etwas Weniger an Frische -im Vergleich zum Cologne - macht für mich aber den eigentlichen Reiz des Duftes aus: die beinahe scharfen Spitzen der Zitrusfrucht werden gemildert, geradezu abgerundet durch einen balsamischen Akkord (Opoponax und Patchouli) und geben dem Duft etwas fast milchig-pastellenes.

Cedrat Intense rückt mit diesem aufgewerteten Fond ein wenig in die Richtung klassisch-frischer Herrendüfte mit Cologne-Gerüst wie Pour Monsieur von Chanel oder Eau Sauvage von Dior, allerdings ohne deren Chypre-Basis und ohne deren Komplexität. Die Zitronatzitrone bleibt bei Cedrat Intense immer im Mittelpunkt, vom Zeitpunkt des Aufsprühens an bis zum letzten Verhauchen, nur ihr Umfeld ändert sich etwas, allerdings unwesentlich. Der Duftverlauf ist daher ziemlich linear, während die Langlebigkeit für ein von zitrischen Noten geprägtes Parfum erstaunlich gut ist, aber nicht überragend (Monsieur Balmain!).

Wer einen frischen, eleganten Zitrus-Duft sucht, der nicht einfach riecht wie Zitroneneis oder Zitronenbonbons schmecken, und der noch dazu mehr als die ersten Stunden des Tages erlebt, dem sei Cedrat-Intense wärmstens empfohlen – neben Monsieur Balmain mein Lieblingsduft in Sachen Zitrusfrucht!
8 Kommentar-Auszeichnungen

Ambre Fétiche von Annick Goutal

Mittwoch, 14. April 2010 um 14:13 Uhr

Ein alter Ledersessel...

So mag ich Amber: dunkel, holzig, rauchig, mit trockener Süße. Angesichts einer ganze Phalanx zuckrig-schwerer Amber-Düfte à la Ambre Sultan von Serge Lutens oder Ambre Narguilé von Hermès hat sich Isabelle Doyen zum Glück entschieden einen anderen Weg einzuschlagen und kombinierte Amber einmal nicht mit Zimt und Honig, sondern mit Weihrauch, Labdanum und Styrax, etwas Vanille, Russisch-Leder, Iris, Benzoin und Zibet. So entsteht in mir weniger das Bild eines von süßlichen Schwaden durchzogenen Sultanspalastes, als vielmehr das einer kleinen, etwas staubigen Hausbibliothek voller alter Bücher, einem großen, etwas abgewetzten Ledersessel darin, auf dem Tisch eine Vase blau blühender Iris, deren Duft sich mit dem Aroma eines frisch gebackenen, trockenen Kuchens mischt, der in der Küche auf einem Gitter auskühlt. Diese Gourmand-Facette gibt Ambre Fétiche etwas geradezu Appetitanregendes, ohne dass diese aufdringlich wäre: ich sehe einfach hin und wieder ein frisch angeschnittenes Brot oder einen schlichten, eher unsüßen Kuchen vor mir - umgeben von sympathischer, heimeliger Patina.

Der Duft, in Eau de Parfum Konzentration, ist extrem langlebig und verändert sich nicht besonders auffallend in seinem Verlauf: vor allem die kontrastreichen Noten verschmelzen zusehends zu einer weichen, warmen Melange, die sich selbst Stunden nach dem Aufsprühen nicht gänzlich auf die Haut des Trägers zurückzieht sondern diesen auch weiterhin mit einer delikaten Aura umgibt. Selbst am Tag danach macht sich der Duft noch immer bemerkbar, besonders auf Hemdkragen und anderem Textil. Für das Tragen dieses Duftes habe ich schon so viele Komplimente bekommen, dass ich manchmal ganz erstaunt bin, dass es ausgerechnet dieser ist, der so gut ankommt und nicht der ein oder andere, den ich eigentlich sogar noch mehr schätze, der aber selten, oder sogar nie positiv bemerkt wird. Es muss also schon etwas Besonderes an diesem Duft sein!

Zu erwähnen bleibt noch, dass dieser Duft in zwei verschiedenen Flakons angeboten wird, deren Inhalt jedoch identisch ist: einer für die Damen bestimmt, mit eher runden, fließenden Formen und 50ml Inhalt, und ein kantiger, rechteckiger für Herren von 100ml Inhalt. Bedenkt man die unterschiedliche Füllmenge ist der Preisunterschied mehr als enorm – aber es war ja schon immer so, dass die Damen einiges mehr für ihre Düfte hinlegen mussten als die Herren, aber in dem Moment wo beide Inhalte identisch sind wird diese Preispolitik schon ziemlich absurd und lässt sich auch nicht weiter mit qualitativen Unterschieden rechtfertigen (50ml zu 100€ und 100ml zu 125€).
Also, wer bereit ist soviel Geld für ein wirklich gutes Parfum auszugeben, der lege lieber noch etwas drauf, er bekommt nicht nur viel mehr dafür, sondern obendrein auch noch den schöneren Flakon!
2 Kommentar-Auszeichnungen

Hermèssence Poivre Samarcande von Hermès

Freitag, 09. April 2010 um 21:54 Uhr

Ein Haiku des Herrn Ellena...

Ein typischer Ellena: stilvoll, fein ausbalanciert, von schwebender Eleganz und minimalistisch bis zur Selbstverleugnung. Er selbst nennt die Düfte dieser 'Hermèssence' genannten Reihe seine Haikus. Gemeint sind kleine japanische Gedichte, auch bekannt als die kürzeste Gedichtform der Welt. Wie passend!
Da bekommt man für richtig viel Geld ein paar klitzekleine aber feine Strophen rezitiert, darf sich ein Momentchen freuen... und dann? Schweigen im Walde.
Ich gestehe: ich bin kein Freund der minimalistischen Lyrik, ich liebe dicke Romane, Bücher die keine Ende nehmen, Geschichten die ausufern.... Aber bitte, bitte keine 17-silbige Minigedichte!

Dabei könnte dieser Duft so großartig sein, und anfangs ist er es ja auch: frischer grüner Pfeffer, zwischen den Fingern zerrieben, Noten von grünem Tee, etwas Zeder, Patchouli und ein wenig Eichenmoos, und über allem eine leichte, aromatische Rauchfahne - sehr schön, sehr delikat, aber beim kleinsten Windstoß ist die ganze Pracht zerstoben. Schade!

Die Idee war gut - ein frischer Lederduft passt bestens zu einem Haus wie Hermès (immerhin einstmals Sattler). Und tatsächlich, wer einen Hauch von Poivre Samaracande zu erhaschen vermag, der kann das Gefühl haben an einer frisch genähten Rindsleder-Tasche zu schnuppern.

Bitte Herr Ellena, machen Sie eine Eau de Parfum Version von diesem Duft, oder am besten gleich ein Parfum! Schmücken Sie es noch ein bisschen aus, ihr kleines Haiku, da steckt noch einiges an Potential drin. Eine, meinetwegen kurze, Novelle könnte es schon werden - muss ja nicht gleich ein dicker Wälzer sein!

Kommentare 31 - 40 von 74