Ausgezeichnete Kommentare der letzten 7 Tage

First vor 3 Tagen
37 Auszeichnungen
Der Smaragd des Herzens spricht Parsel
Der Smaragd des Herzens ist ein Begriff aus der Aura-Soma-Lehre, eine von der Heilerin Vicky Wall entwickelte Lehre zur Harmonisierung des menschlichen Lichtkörpers. In der Aura-Soma-Lehre, die auch eine Farblehre ist, hat der Smaragd des Herzens das gleiche, kräftige Dunkelgrün wie der Flakon von Muglers Duft Aura und ist - wie sollte es anders sein - dem Herzchakra zugeordnet.

Kennt Mugler die Lehre von Aura-Soma? Oder ist dieses erstaunliche Zusammentreffen von Name (Aura), Form (Herz), Farbe (dunkelgrün), und die Edelsteinassoziation (Smaragd/Flakon im Edelsteinschliff) ein sogenannter Zufall?

Egal, ob bewusst oder unbewusst von Mugler eingesetzt: Aura von Mugler transportiert schon durch den Namen und den Flakon eine enorme Menge an Assoziation und Tiefe.
Und natürlich fragte ich mich sofort, ob sich diese Verdichtung von Information auch im Duft selbst fortsetzt.
Ich kann vorwegnehmen, zumindest bei mir riss die Assoziationskette nicht ab:

Im Auftakt frisch, zitrisch, mit einem Hauch von medizinisch-krautigem Reinigungsmittel, wendet sich Aura schon nach etwa zwei Minuten ins Blumige.
Aber Mugler wäre nicht Mugler, wenn man den Eindruck hätte, diese Blumen zu kennen. Sie sind ein wenig wie nicht von dieser Welt: Blumen, die nicht blümeln. Blumen, nicht natürlich, aber auch nicht leblos. Blumen, die man kennt und doch nicht kennt; gleichzeitig frisch und herb und süß und auch ein wenig betörend. Am ehesten eine Lilie mit etwas Phlox und einer Prise Veilchenblatt sowie etwas Zitrischem, mit leichter, herber Bitterkeit. Die Orangenblüte hat sich verkleidet, so dass man sie nicht ganz wiederzuerkennen meint und sich fragt, ob es sich nicht doch um die Orange selbst handelt, die man vielleicht mit der Lilie gekreuzt hat. Immer mal wieder blitzt ein kurzer Gedanke an etwas Animalisches auf, das fast unterschwellig bleibt, aber auf seine Art dazu beiträgt, den Duft ein wenig lebendiger und irdischer erscheinen zu lassen, ohne dass die Frische und Fröhlichkeit verloren ginge.
Langsam macht sich meiner Nase nach nun Maltol bemerkbar, das angeblich hier gar nicht verwendet worden sein soll. Vielleicht ist es auch nur etwas ähnlich Süßes. Auf eine sehr gut eingebundene Art unterwandert und wandelt es langsam den Eindruck. Das ist so gut gemacht, dass mich nichtmal das leicht Stickige daran besonders stört. Jetzt weiß ich plötzlich, woran mich der Duft unterschwellig immer mehr erinnert: An Waldmeister! Süßen Waldmeister.

Waldmeisterbrause als ganz kleines Kind. Nur wenige Monate, nachdem wir sie entdeckt hatten, wurde sie verboten. Was waren mein Vater und ich enttäuscht! Aber Waldmeister in diesen Mengen, wie er offensichtlich in der Brause war, war giftig! Oh, hatten wir vielleicht schon Schaden genommen? Zum Glück wohl nicht.
So wie Zimt, Tonka und bestimmtes Gras, enthält Waldmeister Cumarin. Der Duft des Cumarins kommt erst dann so zustande, wie wir ihn kennen, wenn der Waldmeister oder das Gras trocknet. Deshalb riecht Heu manchmal ein wenig nach Waldmeister und beide wiederum haben eine kleine Ähnlichkeit mit Tonka. Zimt scheint für uns dagegen anders zu duften, das liegt daran, dass die Gesamtzusammensetzung der verschiedenen Pflanzen natürlich eine andere ist, aber Cumarin ist auch in Zimt drin. Cumarin ist blutverdünnend, kann in größeren Mengen Leberschäden hervorrufen und steht im Verdacht, krebserregend zu sein.

Enthält Aura wirklich Cumarin oder nur etwas, das riecht wie Cumarin? Cumarin ist nicht generell verboten und es duftet traumhaft schön würzig und gleichzeitig fröhlich-leicht. Die Brause muss schon ziemlich viel echten Waldmeister enthalten haben, damit sie vom Markt genommen werden musste.
Wieder eine Assoziation: Giftgrün.

Ehe ich noch weiter darüber nachdenken kann, kommt mir schon die nächste Erinnerung: bestimmte Wohnungen von Schulfreunden. Ich habe viele Jahre nicht mehr an diesen Geruch, den manche Wohnungen damals hatten, gedacht, denn heute riechen Wohnungen irgendwie nicht mehr so. Lag das an bestimmtem Putzmittel, Waschmittel, Teppichausdünstungen? Keine Ahnung. Ich mochte den Geruch, den ich ohne Aura wohl niemals mehr erinnert hätte: ein dezent, warm-würziger und doch dichter Geruch, der, so kommt es mir vor, vor allem bei eher zufriedenen Leuten vorherrschte. Vor meinem inneren Auge erscheinen modern und wohnlich eingerichtete Zimmer, alles gut gestaubsaugt, aufgeräumt, freundlich hell.
Ich habe mich in diesem Umfeld immer wohl gefühlt, diese Wohnungen hatten etwas, was mich gut aufgehoben sein ließ. Es waren Haushalte in denen sich jemand kümmerte, nicht nur um die Wohnung, sondern auch um die Kinder.

Meine Assoziationen haben eine weite Strecke zurückgelegt, sind über verschiedene Zeiten und Themen gewandert. Genau so eine Bandbreite und Tiefe umfasst auch der Duft. Und er hält über bestimmt 14 Stunden!

Am Ende klingt er dezent und weich mit einem Hauch von warmer, leicht würziger Vanille, fast pudrig aus.

War das nun giftig oder heilsam? Ich kann mich nicht entscheiden.
Es ist ein wenig wie mit den Schlangen: Ihr Gift kann töten, aber auch retten. Sie zieren nicht umsonst den Aesculapstab der Medizin.

Insofern fand ich Apocalindas Statement zu Aura doppelt passend, in dem sie vermutete: "So so, Mugler ist also ein Slytherin?!" Bislang hatte die Mehrheit wohl angenommen, er sei, wie sein Name schon sagt, eben ein Muggle.

Ich dachte immer, der sprechende Hut würde mich selbst wohl am ehesten Ravenclaw zuordnen, aber eines lässt mich zweifeln: Wieso verstehe ich dann Parsel?

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Palonera vor 4 Tagen
36 Auszeichnungen
wie es war und wie es sein wird
Ich ahne: Ich werde nun gescholten.
Banausin gescholten, geruchsblind gescholten, verkorkst womöglich und ahnungslos.
Weil "Chamade" anders ist, anders auf meiner Haut, anders, als er sollte sein, der Duft, nach dem Willen des Aufklebers auf dem Flacon, der mir sagt, dies sei ein Florientale, ein blumiger Orientale.
Anders auch als die Einordnung, die Wahrnehmung so vieler Nasen, die ihn blumig-pudrig finden, diesen Guerlain, der ein Jahr jünger ist als ich und so viel reifer doch, weiser doch und stärker auch an Bodenhaftung, Geist und Charme.

Kühl und grün und sehr, sehr sauber begrüßt mich "Chamade" wie ein früher Sommertag - die Luft noch klar und rein, die Haut trägt noch den Duft der Seife vom morgendlichen Ritual.
Dicht belaubte alte Bäume spenden schattig-kühles Grün, herb und frisch und doch so tief, dunkeltief, chypretief, guerlaintief - verwandt dem alten Balmain, dem Neunzehnachtzig-Elfenbein, dem ersten Scherrer, der noch ein Jahr eher kam.
Lichter, leichter als die beiden wie ein älteres Geschwist, zurückgenommen, ohne bleich zu sein und blaß.
Wärmer werdend mit der Zeit, goldenweicher, sonnengleicher – ein Garten tief in Licht getaucht, staubüberhaucht, die alte Bank, der morsche Zaun.
Ein Hauch von Schweiß auf heller Haut - sauber, doch nicht rein, nicht mehr morgenblütenrein.
Englands Süden, Frankreichs Norden, ein bißchen Rauh, ein Kratzer Spröd.
Und immer Grün, immer Grau, immer Braun unter warmem Silbergold.
Die alte Guerlinade – feines Lächeln, Strahlenkranz, Erde unter Fingernägeln, leichter Wind im Seidenhaar.
Halbverwelkte Blumen, schmale Gärtnerinnenhand, ein gerader, starker Rücken und ein klarer, warmer Blick.
"Chamade" – mein "Chamade".
Wie es war und wie es sein wird, jeden Tag und jedes Jahr.

PS: Wo gestern "blumig-pudrig" stand, prangt heute "holzig-grün" - so schnell kann's manchmal geh'n!

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Meggi vor 5 Tagen
31 Auszeichnungen
Das Tigertier, das Tigertier...
„Was riecht denn hier so nach Cola?“ Kaum eine Minute nach dem Aufsprühen von Tigre du Bengale betrat mein Sohn mit dieser Frage auf den Lippen den Raum. Kindermund… Er hatte nämlich nicht Unrecht, das Gebräu zeigt nach kurzem, tabak-bitteren Start zunächst tatsächlich einen entsprechenden Dreh. Ich vermute, irgendwas an der Myrrhe ist dafür zuständig. Kommt offenbar gelegentlich vor, ich denke etwa an Heeleys Eau Sacrée. Bei Rume von Slumberhouse ist Cola sogar direkt als Duftnote aufgeführt - womöglich eine Flucht nach vorn. Und in beiden Genannten ist zuuuuufälligerweise ebenfalls Myrrhe wichtiger Part. Meine Tochter brachte einen Gedanken an Chinotto mit seinen Spezi-Anklängen ins Spiel und wie der Zufall wollte, standen von beiden Getränken Reste zum Schnuppern zur Verfügung. Es folgten einige Minuten fröhlichen, gemeinsamen Vergleichens, ehe wir Richtung Schule und Arbeit aufbrechen mussten. Familie!

Mehr als ein paar Minuten steht die Cola ohnehin nicht durch, der Duft kehrt rasch seine Tabak-Seite wieder hervor: bitter, dunkel, würzig. Er reicht bis ins Ledrige und nimmt damit einen Zweifellos bibergestützten Leder-Effekt vorweg, der ihm binnen der ersten Stunde folgt. Als roter Faden fungiert hinfort die cola-freie Myrrhe. Ich mag dieses Ledrig-Biberig-Rauchharzige sehr gern. Bloß ein bisschen still ist unser Tiger, lediglich beim Näherkommen entfaltet er seine Aromen ganz.

Gegen Mittag entwickelt der Duft staubige Amberitionen, flankiert von vanilligen Aspekten. Das wirkt hochwertig und hält sich stundenlang, bis in den Abend hinein. Stets aufs Neue umweht außerdem Harzig-Bitteres die Nase und gemahnt uns an die Myrrhe. Erst nach gut acht Stunden wittere ich eine Ahnung von Holz als Ergänzung zur Basis, aber da mag ich mich auch täuschen.

Das Knurren des Auftakts vermag der Tiger nicht über die Zeit zu retten. Am Nachmittag finde ich ihn zunehmend brav und es ergeht mir wie manchen anderen: Ich habe das Gefühl, das alles bereits zu kennen, kann nur nicht präzisieren, woher. Armanis Myrrhe Imperiale ist es jedenfalls nicht, den habe ich daneben gehalten. Grundsätzlich nach meinem Gusto ist Tigre du Bengale selbstverständlich trotzdem.

Da war doch noch was? Ach ja! Animalik. Das Schlückchen Biber finde ich jetzt nicht wirklich viehisch. Da hatte ich insbesondere in der zweiten Hälfte etwas mehr erwartet, vielleicht Labdanum-Leidenschaft oder natürlich ein wenig richtiges Großkatzen-Pipi.

Hm. Ich habe den Tiger (vielen Dank!) von Gerdi übernehmen dürfen. Der hatte von ihr aus keine 15 Kilometer zu reisen - gleichwohl hinterließ der Weg anscheinend gewisse Spuren:

Das Tigertier, das Tigertier,
statt in Bengalen ist es hier.
Aus Hamburg kommt's auf leisen Pfoten,
ihm wird bei mir Quartier geboten.

Das Tigertier, das Tigertier
markiert mit Sorgfalt das Revier.
Streckt kratzend sich am Stamm nach oben,
im Anschluss wird das Bein gehoben.

Das Tigertier, das Tigertier
ist überfordert vom Spalier
der Bäume schon ab Hamburg-Nord,
dabei geht’s noch viel weiter fort!

Dem Tigertier, dem Tigertier
versiegt der Saft um kurz nach vier.
Es hilft kein Schütteln oder Wringen,
kein Tropfen ist an’s Ziel zu bringen.

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Angelliese vor 5 Tagen
27 Auszeichnungen
Irgendwann, spät in der Nacht .......


Die Luft war warm und weich. Der langsam einbrechende Abend brachte sanftwürzige Aromen in den Säulengang. Ein Atem aus Myrrhe, ein wenig Kardamom und nur unterschwellig wahrnehmbar softherb fruchtigen Aromen vermischte sich mit dem leichthauchigen Duft der Blüten aus dem Garten.

Langsam schritt sie auf die große Halle zu. Es fing an zu dunkeln und die ersten Feuer waren in den Schalen entzündet worden, tauchten die Umgebung in ein ruhiges, sanftes Licht.

Ein leichter Dunst zog auf. Zart wie Gaze legte sich der seifige Nebel um sie. Und in ihren braunen Augen spiegelte sich der Schein der Flammen.

Sie sah sich um, sie war allein. Bald würden die Gäste eintreffen, über Rosenblütenblätter gehen, sich auf den samtweich braunrot durchwirkten Kissen niederlassen, den Duft der in einigen großen Krügen drapierten Blüten atmen.

Dabei war genau darauf geachtet worden, dass die Bouquets nicht übermächtig nektarschwer den großen Raum mit ihrem Duft fluten. Weder der Jasmin noch die Lilien oder die anderen kleinen Blüten würden sich erheben können. Dafür sorgten die Schalen mit den Gewürzen auf dem Tisch, der feinst harzhauchig süßliche Rauch der ganz sanftzart aus in den Ecken der Halle angebrachten Schälchen aufstieg und sich in die weichwarm würzige Aura integrierte.

Noch ein paar Schritte, dann hatte sie hatte die Halle durchquert. Hier würde sie heute neben ihm sitzen.

Ihre Augen fielen auf das mattseidig schimmernde Holz eines kleinen kunstvoll geschnitzten Tischchens dessen Intarsien im Lichtschein softhonigfarben ineinander zerschmelzen zu schienen.

Noch einmal schaute sie sich um, atmete tief den warmweichwürzig blumig unterlegten Duft ein in dem jetzt auch eine vanillige Ahnung lag, strich mit den Fingern sanft über das balsamische Holz, ließ den Blick über die samtweichen Kissen gleiten.

Irgendwann, spät in der Nacht, würden die Gäste gehen .......

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Angelliese vor 2 Tagen
24 Auszeichnungen
....... frisch bricht an der neue Tag


Da wo der Quell entspringt

Da ist es frisch und klar und kühl

Da tanzen Nymphen durch Nadelbäume

Da ist das Grün würzherbaromatisch

Da schillern taukristallene Tropfen

Da duftet es grünkrautig

Da sind Stämme zart bemoost

Da fällt zu Erden lichter Sonnenstrahl

Da frisch bricht an der neue Tag

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Meggi vor 3 Tagen
22 Auszeichnungen
Nicht bloß kühl, sondern kalt
Ein schwieriger Kandidat für mich. Es ist naturgemäß keine leichte Aufgabe, einen Duft zu testen, dessen hier als vorherrschend eingestufte Note man nicht kennt. Ich muss nämlich leider einen Bogen um das Shiso-Blatt schlagen und hoffe, das gelingt mir. Für mich ist allerdings ohnehin das Grün frischen Korianders vorrangig, schon innerhalb der Auftakt-Stunde. Unterlegt wird es von einer homogenen Schicht aus Allgemein-Würze, deren Bestandteile schwer einzeln erriechbar sind.

Doch von vorne: Die Feige ist zwar derart grün, dass es grüner kaum geht, sie wird aber sogleich von einem abdämpfenden Sinus-Holzton begleitet, aus dem womöglich mal Muskat werden soll. Noch während der ersten Minute wird das Grün mithin aufgeraut. Bittergrün. Muskat wird in diesem Stadium allenfalls baukastenhaft plausibel, setzt man ihn sozusagen zusammen aus der Holznote und irgendeiner diffusen Würze (ich wittere vom Koriander zunächst die Samen). Nichtsdestoweniger scheint mir das für den rauen Eindruck verantwortlich. Mit nur kurzer Verzögerung bringt es außerdem eine Idee Wärme in den Duft.

Zum Glück schwindet die Sägespäne-Anmutung alsbald und wird zur Unterlage. Wie bei den Stars in der Manege. „De Bachmakov“ wäre immerhin auch ein toller Name etwa für eine Jongleurs- oder Trapez-Truppe. Definitiv handelt es sich jedenfalls um einen artistisch ausgerichteten Zirkus, sprich: ohne Kamel-Kacke, Pferde-Pipi etc. Im Gegenteil: Die Abstrahlung des Duftes vermittelt eine Aura elegant-feinwürziger Frische, dabei nunmehr vollständig hesperidienfrei.

Binnen einer Viertelstunde finde ich den Duft trotzdem eher holzig als grün, als werde jetzt der holzige Part der Sagen-wir-Muskatnuss betont. Eine Vorkommentatorin verweist im Hinblick auf diese relative Milde auf Muskatblüte. Gleichwohl lässt sich eine floral-würzige Bitterkeit nicht leugnen, die sich indes mit dem vermutlich wenigstens teil-laboriellen Holz gut verträgt. Hinsichtlich Muskat ergänze ich hiermit (und das nicht als erster) die pyramidale Angabe um ein –ellersalbei. Das wäre eine schlüssige Erklärung für jene Spur Stink, die das Cumin-Schweißige streift und – dies vorab - spätestens am Nachmittag direkt auf der Haut gut zu bemerken ist.

Koriander hatten wir in beiden Varianten. Zudem Cumin-Andeutungen. Im Laufe des Tages entwickelt De Bachmakov daher absolut folgerichtig einen Currygewürz-Dreh. Als stünde ich mal wieder vor meinem Mörser und würde die Blätter und Körner verhackstücken. Es bleibt zwar holziger, als ich eine solche Gewürzmischung gerne auf dem Teller hätte, doch die Tendenz ist da. Dessen ungeachtet wirken die letzten Stunden fein miteinander verwoben aus holzigen, grünen und würzigen Aspekten – wie zu einer Creme glattgerührt. Das Holz hat seine obige Labor-Attitüde erfreulicherweise recht gut im Griff. Nach hinten raus wird’s dann noch einigermaßen muskatig unter dem Primat des Holzes. Aber nicht pieksig-beißend-rau, sondern becremt. Das ist ganz angenehm-gentlemanmäßig.

Fazit: De Bachmakov kann an einem nicht allzu heißen Tag gewiss tadellos erfrischen – und das inklusive einer Portion Originalität. Mich kühlt er freilich nicht bloß, er lässt mich kalt, könnte für mich also nicht mehr als den Rang eines entsprechenden Gebrauchs-Duftes aus der Ordentlich-Riege belegen.

Ich bedanke mich bei MisterE für die Probe.

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FRAgrANTIC vor 5 Tagen
19 Auszeichnungen
Eine Geschichte in drei Teilen - Wächter der Einsamkeit, Hüter der verlorenen Stunden
Io non ho mani ist ein kurzes, nichtsdestoweniger berührendes Gedicht von Vater David Maria Turoldo, publiziert 1948, das die Entbehrungen und Einsamkeit der Priester beschreibt.

Io non ho mani che mi accarezzino il volto,
Ich habe keine Hände, die mir das Gesicht streicheln
(duro è l'ufficio di queste parole che non conoscono amori)
(hart ist die Botschaft* jener Worte, die keine Liebe kennen)
non so le dolcezze dei vostri abbandoni:
Ich kenne die Süße eures Verzichts nicht:
ho dovuto essere custode della vostra solitudine:
Ich musste Wächter Eurer Einsamkeit sein:
sono salvatore di ore perdute.
Ich bin der Bewahrer der verlorenen Stunden.

* an die Italienisch-Muttersprachler unter Euch: ich habe ufficio mit Messe = Botschaft übersetzt, bin aber dankbar, wenn Ihr eine bessere anbieten könnt.

Anfang der 1960er Jahre inspirierte es den italienischen Fotografen Mario Giacomelli zu einer sehr eindrücklichen Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien, in denen er eine Gruppe von Priesteramtsanwärtern außerhalb des Unterrichts einfing. Das für mich schönste Foto ist die kleine Gruppe, die lachend in einer Wolke von Schneeflocken tanzt.

Vermutlich war es auch das Bild, das Filippo Sorcinelli, den Gründer und Eigentümer von Unum, bei der Gestaltung, insbesondere der Verschlusskappe mit der weichen schwarzen Lederhülle inspirierte. Sie lässt sich falten und formen, wirbelt stoffgleich wie die Gewänder der sich Drehenden um den Flakon.

Io non ho mani ist kein einfacher Duft, er umschmeichelt den Träger nicht, ist in gewisser Weise unbequem, man muss sich mit ihm auseinander setzen. Doch vermutlich war Giacomelli, wie viele Künstler seiner Generation genau so: all seine Bilderserien sind existentialistisch, fangen die Grundfragen menschlichen Lebens ein. Auch wenn der Betrachter keinen unmittelbaren Bezug zu den abgelichteten Personen hat, erschließt sich doch empathisch die Aussage des Bildes, förmlich als Beweis dafür, wie ähnlich wir uns Menschen in all unseren fundamentalen Nöten, Bedürfnissen, Wünschen und Hoffnungen und sind.

Ich empfinde Io non ho mani ebenso wie meine Vorkommentatoren als anfänglich sperrig, irritierend. Die überaus präsente metallisch-medizinische Note erweckt in der Tat Assoziationen an Einsamkeit des Individuums in einer kalten Welt, doch da entwickelt sich mehr. Die hölzern-balsamischen Noten, unterlegt mit Zimt, Rauch und blumigen Akkorden zeigen: Du bist nicht allein.

Schlusswort: Rilke schrieb einmal, in einer Ehe (das trifft sicherlich auch auf jede andere nahe menschliche Gemeinschaft zu) ist jeder der Wächter des anderen Einsamkeit. Für mich beinhaltet dies, den anderen als eigenständige Persönlichkeit zu akzeptieren, zu vertrauen ohne alles verstehen zu müssen, den anderen sich selbst sein zu lassen anstatt ihn zu verbiegen, und ihm so manch verloren geglaubte Stunde zurück zu geben.

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Maggy4u vor 4 Tagen
19 Auszeichnungen
I call shot gun in your car
Es passiert nicht so häufig, dass man seinen Signaturduft ändert. Zumindest mir nicht. Es sind bisher immer Düfte gewesen, die irgendetwas mit mir anstellen. Jenseits der Pyramide und des Olfaktorischen. Jenseits bekannter Skalen. Die meinen inneren Ressonanzboden vibrieren lassen. Ein wundervolle Form von eigeninduzierter Fremdbestimmung.

Wenn ich nun also 51 pour homme EDP beschreiben soll, so bin ich nicht der analytische Chemiker, oder gar ein Kenner des Faches, der die Natürlichkeit der Bergamotte charakterisieren kann und einzuordnen vermag. Düfte sind - trotz ihrer absolut identischen Beschaffenheit im Flakon - beim Erleben etwas sehr subjektives.

Beim Aufsprühen des EDP überkommt mich immer wieder eine tiefe Ruhe. EIn unerklärliches Gefühl der Leichtigkeit. Etwas ähnliches habe ich bisher nur bei Spice and Wood erlebt. Ich, der Orientalen-Fan. Ein bisschen, wie Ankommen nach einer langen Reise. Dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte und die erhaltene Belohnung im schlichten Sein des Moments. Eben Signatur. Essenz des Ichs.

Rein olfaktorisch startet das 51 EDP mit einer frischen, fast fruchtigen Note, die aber nie in eine spezielle RIchtung kippt oder gar explizit süß oder eine identifizierbare Frucht hätte, der man dieses Erlebnis zuschreiben könnte. Sehr schnell kommen Akkorde aus der Basis hinzu, die subtiles Leder und sich sinnliches waberndes Oud klingen lassen. Ja, die Pyramide sollte eher so gelesen werden, was sich nach und nach an Noten verabschieden wird in den nächsten 12 Stunden. Denn der Auftritt ist ein vollständiger. DIe gesamte Pyramide sagt "Hallo" und ist gekommen um zu bleiben.
Profil: frisch-würzig-sinnlich.

Dabei wohnt allem eine unfassbar Gelassenheit und doch Fokussiertheit inne. Distinguiert und doch völlig uneitel. Ein Pool der Möglichkeiten. Gespannt darauf, was Du erleben willst. Genauso facettenreich, wie Du individuell. Ein Vergrößerungsglas für die Momente, auf die es ankommt.

PS: Mein Titel ist ein Zitat aus Sorcha Richardsons - Last Train, welches gerade bei mir abwechselt im Original und im Lexer Remix läuft.

Call: "shot gun!" in your car
Don't care where
Drive me far
Out of the city with the windows down
Somewhere where we can't be found
Spend this sun and months
Learning how to hunt

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Mydarkflower vor 2 Tagen
16 Auszeichnungen
Plätzchen/Guetzli bei Nacht
Ich habe beruflich schon viele Wege eingeschlagen - einer davon führte mich zur SBB, der Schweizer Bundesbahn. Daher der Schrägstrichtitel - ich bin Deutsche, lebte aber sehr lange in der Schweiz.

Ein paar Jahre lang fuhr ich tagtäglich bzw. allabendlich kreuz und quer durch den Kanton Zürich, traf nette und weniger nette Menschen, hatte viele lustige, manchmal anstrengende Begegnungen - immer begleitet von "Kenzo Jungle/Jungle L'Élephant", meinem damaligen Signaturduft.

Manche Bahnhöfe waren sauber, manche waren allgemeiner Treffpunkt, manche irgendwie gruselig, manche einfach klein und für einige wäre der Begriff Bahnsteig noch fast zuviel der Ehre gewesen.
Manche rochen nach See, manche nach Menschen, manche nach Wald, einer nach Suppe (Maggi Hersteller).
Und einer roch an manchen Abenden nach Keksen/Guetzli. (Für die Schweizer/innen unter uns - die Rede ist von der Midor-Großbäckerei in Meilen/ZH.)

Dieser Bahnhof war an den “Backtagen“ für uns immer das Highlight. Wir standen auf dem Bahnsteig/Perron, hielten die Nasen in die Luft und gaben uns Phantasien hin, wie wir in die Großbäckerei einbrechen und uns mit den frischen Backwaren vollstopfen könnten.

Im Winter wärmte uns dieser Duft, wenn wir frierend draußen auf den nächsten Zug warteten.
Im Sommer, vermischt mit dem Duft der warmen Nacht und der üppigen Natur rundherum, war er zärtlich, schmeichelnd - ich hätte ewig dasitzen und nur einatmen können.

Diesen Duft von Bäckerei, Sommer und meinem Dschungelelefanten finde ich hier, eingefangen in “Lavender for Women“, den ich eigentlich gar nicht testen wollte.

Gottseidank hab ich's getan.
Er ist nämlich wunderschön.

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Kellner vor 6 Tagen
15 Auszeichnungen
Tiefe, tiefe Nacht
Mann, ist der gut. Den würde ich mir am liebsten nicht auf die Haut, sondern in meine Nase sprühen. (Kinder: bitte nicht nachmachen.) HOLZ! Nicht dieses knarzige staubtrockene, alte Holz von Dark Forrest (The woods collection) und auch kein grünes Waldholz (wie bei Ho Hang von Balenciaga). Lebendiges Holz. Ich glaube, zu Anfang eine feine Zimtnote zu erkennen und etwas Rauch. Das wird vermutlich Guajakholz sein. Das soll leicht süß und rauchig riechen. Mann ist das gut!
Eigentlich muss ich arbeiten. Aber das geht nicht, wenn meine Unterarme ständig knapp unter der Nase hängen.
Die Zeit vergeht, der Duft bleibt präsent. Ich denke darüber nach, dass ich mit diesem Duft an mir in eine Bar gehen sollte.
Dieser Duft wird rauchig, holzig, warm, dunkel, so dunkel. Auf eine spannende Weise. Das ist ein Duft für die Nacht, für eine lange, lange Nacht. Ein schwarzer Mantel, der schützt, unangreifbar macht. Eine Verlockung. Aber das ist auch eine Drohung, für alle, die ihn wahrnehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Duft so sehr eine Farbe haben kann: das ist strahlendes Schwarz. Ich bin begeistert.
Sandelholz meldet sich. Es ist fein verwoben mit dem Rauch. Rauch und Zistrosenharz werden bestimmend. Das ist sehr lebendig. Ich sollte heute Nacht nicht schlafen gehen. Ich werde nicht schlafen können, in diesem lebendigen Mantel, der aus purer schwärzester Nacht gewebt wurde. Ich werde ein schwarzer Schatten am Deutzer Hafen sein und dort den Sternen zusehen, wenn sie vorbeirasen. Und wenn ihr Licht verdeckt wird von aufziehenden Regenwolken, dann sammle ich mehr Schatten wie eine Mannschaft um mich. Auf dem Weg durch die nachtdunkle Stadt fallen die Häuser hinter uns ins Knie, die Gassen biegen sich uns schief entgegen, die Plätze weichen aus, wir fassen sie, und unsere Schritte klingen lauter, jetzt im Regen (frei nach Rilke).

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