Ausgezeichnete Kommentare der letzten 7 Tage

loewenherz vor 5 Tagen
44 Auszeichnungen
„Der schönste Parfumname der Welt”
Neulich traf ich zu fortgeschrittener Abendstunde eine - nicht mehr blutjunge - Kollegin im Büro, die normalerweise immer recht zeitig nach Hause geht. Sie schien nicht besonders gut gelaunt zu sein - wie oft, wenn man schon längst woanders sein wollte - und gestand mir dann irgendwann, dass sie eigentlich seit zwei Stunden 'ein Date' hatte, und er sie jetzt im Halbstundentakt vertröstete, weil es bei ihm noch länger dauerte. Und sie war empört - halb über ihn, halb über sich selbst - dass sie jetzt ihre Zeit damit verplemperte, AUF EINEN MANN ZU WARTEN. Und ich war ernsthaft überrascht, dass sie eben das tat - warten.

Da saß ich nun mit dieser fünfzigjährigen Frau - erfolgreich, schlau und selbstbewusst, bisweilen ein bisschen zynisch, aber nicht verbittert, attraktiv und stylisch (sie trägt die von ihrer Tochter, die sie alleine großzieht, vor Jahren aus Fimo-Elementen aufgefädelte Halskette montags mit derselben coolen und selbstsicheren Attitude wie dienstags Cartier) - die aufgeregt war und nervös vor einem Date - und überrascht und irritiert von sich selber, dass sie (noch immer) so nervös und aufgeregt war. Und dass sie tatsächlich wartete. Und doch selbstironisch genug war, um mit mir darüber zu lachen.

In Love, verliebt. Es kann jedem passieren. Vielleicht schon morgen. Again and again. Man kann es nicht verhindern, nicht erzwingen. Nicht unterdrücken und auch nicht verlängern. Es passiert mit zwölf und mit zwanzig, mit fünfzig und - wieso denn nicht? - auch noch mit achtzig. Es ist jedes Mal neu und aufregend. Und es kann furchtbar sein, das weiß man vorher aber nicht und kann es ja auch nicht lenken. Man kann es nicht kaufen und nicht dafür üben, sich nicht drauf vorbereiten. Es muss einem geschenkt werden. Und es ist jedes Mal so groß, dass es uns überwältigt - vielleicht ist es das überwältigendste Gefühl der Welt.

Was für eine großartige Idee - all das, was ich im letzten Absatz ganz flüchtig zu umreißen versucht habe, in einen Parfumflakon zu füllen. Wissend, dass jede potenzielle Käuferin wiederum wissen wird, dass man dieses Gefühl nicht abfüllen und nicht kaufen kann. Aber den reinen Gedanken, es könnte vielleicht doch funktionieren, wunderschön findet. Nichts anderes löst so viele Erinnerungen, Sehnsüchte und Träume aus wie dieses Gefühl: verliebt. Und mit welchen anderen Assoziationen verkaufte sich ein per se eigentlich überflüssiges Luxusprodukt wie Parfum besser als mit eben dem: Erinnerungen, Sehnsüchten, Träumen?

In Love Again von Yves Saint Laurent - und das halte ich für Absicht - zollt der Alterslosigkeit des Verliebtseins dahingehend Tribut, als dass er als Duft ebenso alterslos ist. Nicht ausgesprochen mädchenhaft, nicht pointiert ladylike, schon gar nicht ältlich. Für einen fruchtbetonten Duft ist er erstaunlich körperreich und wenig lieblich, raffiniert verblendet und - ganz ohne negativen Beigeschmack gemeint - sehr interessant gemacht. Beere / Blume / Balsam könnte man seinen Dreiklang simplifiziert zusammenfassen, doch fehlt ihm jene Süße, die sonst so typisch ist für Beerendüfte. Stattdessen sind da etwas Frisches, etwas Aufbrechendes und etwas Beginnendes - verblüffend kapriziös für einen Ellena - und auch das passt ja ganz wundervoll zu seinem Thema und seinem Namen. Die Kopfnote verfliegt irgendwann und weicht einer vibrierenden Wärme und körperlichen Sinnlichkeit - wie es beim Verliebtsein ja auch sein sollte. Thema wunderbar umgesetzt, Yves Saint Laurent.

Fazit: gegen halb zehn hat er sich dann gemeldet, dass er jetzt fertig sei. Wirklich geworden ist dann doch nichts draus. Aber seit jenem Abend, an dem ich diese halbe Stunde bei ihr saß, trinken wir ein bisschen häufiger Kaffee miteinander als früher. Vielleicht erzähle ich ihr das nächste mal von Yves Saint Laurents In Love Again.

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Rebirth2014 vor 5 Tagen
37 Auszeichnungen
Wow!

Wow! - Joop!

8.5
„Willkommen in der Nische!”
Nein, mit WOW! wird JOOP! keine kommerziellen Erfolge feiern. Warum? Nun, eigentlich schreibe ich lieber kleine Geschichten, die meine Dufteindrücke verbildlichen sollen. Doch hier komme ich um eine „gewisse“ Gesellschaftskritik nicht herum.

„Happiness, Flutsch Flutsch, Fun Fun … Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier!“ (Songtext Nina Hagen – TV-Glotzer).

Ja, laut und schrill ist unsere Zeit. Manche reden sogar von Reizüberflutung. Während gestern noch die Generation-X gepflegte Langeweile verbreitete, ist heute ein Großteil der Gesellschaft auf die Überholspur geraten.

Statt dem stoischem TV-Konsum der vergangenen Jahre (sorry Nina, du zählst eben zu den Urgesteinen der Konsumkritik) strebt man gegenwärtig nach dem „Klick-Star-Titel“ im Youtube-Himmel: Teilen, kritisieren und (vielleicht) mit etwas Mut auch ein paar eigene Darstellungen veröffentlichen.

Was man nicht kennt, das wird gegoogelt. Ja, so wurden wir letztendlich alle zu Experten. Das eigene Ego profitiert on-the-line und kann jederzeit durch die Nutzung der sozialen Netzwerke Bestätigung erfahren; von Freunden, die man nicht (wirklich) kennt.

Permanent summen die Smartphones, als würden sie unter der Dauerlast ihrer Nutzer stöhnen. Und wer noch intuitiver in die Dauerbeschallung eintauchen möchte, schnallt sich einfach eine Smartwatch um. Welch schönes Kribbeln am Handgelenk. Triggermassagen, sponserd by Spam – auch eine Art Recycling - und Sinnfindung für den ganzen virtuellen Müll.

Düfte brauchen, um mit diesem Lebensstil Schritt halten zu können, eine Hammer-Sillage. „I'm significant!!!“ , schreit Parfum und Träger/in.

Sogar die Dauerpornografiserung im Internet verlangt nach neuen Duftstoffen, die dem gewünschten Sexualpartner die Kleider vom Leibe reißen. Jawohl, Pantydroper mit Energydrinks, damit der Abend kommen kann! Partytime! Doch - er - kommt zu früh. Deshalb muss wenigstens das Duftwässerchen Stehvermögen und Dominanz zeigen.

WOW! - Ja das flasht!!! Denn versprochen ist versprochen! Doch Joop!, was macht ihr da? Ihr haltet eure Versprechen nicht?

Schreit die Werbung noch den ganzen Narzissmus unserer Zeit heraus, versteckt sich dahinter tatsächlich ein leiser Duft.

„Das ist nicht innovativ! Viel zu schwach auf der Brust! Wie langweilig! Kardamom und am Ende vielleicht - mit viel Wohlwollen - noch eine Prise Cashmeran! “ Die Neuentwicklung im Hause JOOP! nennt man auf der Überholspur deshalb leider nur abfällig: „Abgehängt!“.

Für die Zeitgenossen, die sich dem schnell getakteten Streben nach Glück, dem amerikanischen Traum in der Endlosschleife, widersetzen wollen, kann WOW! aber tatsächlich etwas Ruhe vermitteln. Die Kontraste sind sanft und entwickeln eine feinwürzige Süße auf der Haut - damit definitiv zu introvertiert und zurückhaltend für den Mainstream unserer Zeit.

Tja, JOOP!, was wollt Ihr eigentlich? Eure Werbung entspricht dem Zeitgeist, der Name „WOW!“ klingt reißerisch und der Duft riecht unendlich zart (gemacht für eine lila Kuh). Ihr seid doch nicht etwa vom Geiste Moschinos erfüllt und übt ironisch Kritik an eurer eigenen Zielgruppe? Ts, ts, also bitte! Seit Jahren liefert ihr zuverlässig Limo für Limo mit klebrigem Zucker in Parfumform ab. Wie soll der geschätzte Stammkunde den plötzlichen Wechsel werten?

Ach, Neukunden? Danach strebt ihr also? Die findet ihr damit wohl kaum. Diese sind bereits von Vorurteilen zerfressen und arbeiten sich allein an eurem Namen ab. Letztendlich habt ihr einen feinen Duft auf den Markt gebracht und dabei doch alles falsch gemacht. Willkommen in der Nische!

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Angelliese vor 2 Tagen
25 Auszeichnungen
„Brückenschlag nach mehr als 60 Jahren ......”
Sehr gespannt war ich auf den Vergleich zwischen den beiden Düften. „Colony“. Von Patou lanciert 1938 und dann die Neuausgabe von 2015.

Würde es Thomas Fontaine gelungen sein den Zauber des Duftes neu zu beleben, ihn in die heutige Zeit zu transportieren dabei aber noch in seinen Ursprüngen erkennbar zu erhalten?

1938 :
Taillierte Kostüme, die Röcke schmal und über die Knie reichend. Plissee ist angesagt. Wollstoffe und auch Seide. Dazu Sakkos, Boleros und Capes. Die Kleider oft mit Ornamentmuster. Die Farben werden bunter und die Garderobe durch auffällige Accessoires betont. Die Abendgarderobe aus Chiffon mit Spitze, das Decolleté schulterfei und gern genommen dazu sind große Ansteckblüten. Getanzt wird zu den Andrews Sisters, Benny Goodman und anderen Swing und Jazzgrößen. In Clubs, Bars und großen Tanzlokalen mit Orchester. Allerdings nicht mehr überall ....

Dazu passt das „Colony“ aus dieser Zeit. Die Begrüßung übernimmt eine säurefreie Ananasnote die von holzigen Nuancen begleitet wird und so keine Fruchtfanfare wird. Blüten fließen mit ein. Warm, weich und würzig. Nelke ist auf jeden Fall dabei und sie wird ummantelt von leicht pudrig floralen Ornamenten. Aber es fängt nicht an süßlich zu blümeln. Zart herbkrautige Noten deckeln ab und ein feinseichter Lederakkord schwebt in dem Duft. Leicht erdig moosige Akkorde lassen ihn sacht ausklingen. Wobei die Blüten und eine gewisse fruchtige Ahnung noch über eine lange Zeit erkennbar sind. Und für mich ist dem Duft ein zart forderndes Wispern zu eigen.

2015:
Die Mode ist vielfältig. Getragen wird im Großen und Ganzen was gefällt. Es werden Trends aufgezeigt. Besonders bei den Farben. Tragetechnisch geht es von Mini zu Maxi über Hotpants, Jeans, Lagenlook, Boho, klassisch und bauchfrei. Piercings, Brandings und Tattoos. Nichts muss, alles kann. Musikrichtungen gibt es wie Sand am Meer. Von Klassik bis Experimentell, von Pop zu Blues, von Rock bis zu Ballade, Chanson und Schlager.

Und „Colony“ 2015? .......

Eröffnet ebenfalls fruchtig. Die Ananas ist erkennbar aber verhaltener. Ihr Saft tropft mir nicht durch die Finger, sie ist eher etwas introvertiert. Ohne sich jedoch zu ducken oder nur kurz schüchtern um die Ecke zu linsen. Einen leichten Kick bekommt sie durch einen weichherb orangigen Einschlag der zugleich eine unterschwellig süßliche Ahnung dabei hat.

Und sie hat sofort Begleitung dabei. - Um nochmal zur Mode zurück zu kommen: Hier wird Korsage getragen. Weich, schwarz, vielleicht ganz leicht verrucht. Aus feinstem, anschmiegsamen Leder. Sie sitzt wie eine zweite Haut. Anschmiegsam bei jeder Bewegung. Matt und seidig. Kein Lackglanz, keine Nieten, keine Gedönse. Einfach und dabei sehr edel zieht sich diese Note durch den Duftverlauf bis sie langsam seicht und fein ausklingt.

Sacht warmwürzig unterlegte Blüten. Nicht dominant aber spürbar. Gewürznelke auch hier. Mit einem hellen Hauch von Iris und dunkelsamtiger Rose. Ein Triumvirat das sich versteht, gut harmoniert, sich facettenreich dreht und dem fein austariert, balsamweich aromatisch hauchfeine Nuancen ebenso wie zart holzige und erdkrautige Akkorde eben dieses Wispern einhauchen, das auch dem Vintage inne ist. Dazu trägt wohl auch eine sehr fein dosiert süßlicher Atemhauch bei. Und immer noch ist da diese fruchtweiche Komponente. Wenn sie sich jetzt auch immer mehr zurückgezogen hat, so hinterlässt sie doch für einige Zeit immer noch mehr als nur eine vage, nebulöse Anfangserinnerung.

Für Vintage Düfte habe ich ein Faible. Aber in diesem Fall gefällt mir die Neuinterpretation noch einen Tick besser als das Original. Ein Duft der charaktervoll ist, der für mich durchaus einen Wiedererkennungswert hat und Facetten aufweist. Der für mich eine gewisse Eleganz mit einer ungekünstelten Lässigkeit verbindet. Das heutige „Colony“ ist für mich ein sehr gelungener Brückenschlag nach mehr als 60 Jahren.

Herzlichen Dank, liebe Gerdi!

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Louvre vor 6 Tagen
24 Auszeichnungen
Wow!

Wow! - Joop!

2.0
„Der duftende Narziss”
Bringen wir's rasch hinter uns, denn das Uninteressanteste an WoW! ist der Duft: Der leicht pfeffrige Kardamom aus der Kopfnote macht flugs die Biege und überlässt das Terrain ohne weitere Gegenwehr dem den gesamten Duftverlauf dominierenden Kunstholz. Mit viel gutem Willen kann ich mir noch eine undefinierbare gedimmte Würze einreden und gegen Ende eine dem omnipräsenten penetranten Cashmeran an die Seite gestellte leicht vanillige Süße.

Das Ganze ergibt das Surrogat eines holzigen Duftes, einen synthetisch anmutenden und zu dünn geratener zweiten Aufguss von etwas, das schon im Original weder intensiv noch reizvoll roch. Parfum-Muckefuck. Die von manchen meiner Vorkommentatoren wahrgenommenen zitrischen oder fruchtigen Noten wurden - so was kann ja mal vorkommen - in meinem Flakon vergessen. Der ähnelt je nach Betrachtungsweise einem schwangerem Flachmann oder einer auf Zwergengröße geschrumpften Flasche Dalmore. So oder so empfehle ich eine in Wow! geplante Investition lieber in Hochprozentigem anzulegen.

Wohlwollend ausgedrückt ist Wow! ein Duft gediegener Langeweile: sanft, dezent, unaufgeregt, linear - ehrlich gesagt jedoch eine einfallslose Komposition ohne einen einzigen innovativen Gedanken, bar jeder Entwicklung, synthetisch anmutend, ein zum Gähnen ödes überteuertes Sedativum mit schwachbrüstiger Ausstrahlung.
Gerne hätte ich mich erleichtert gezeigt, dass Joop nach den quietschbunten Flakonattacken auf mein Geruchsempfinden mit Wow! wieder in die Spur zurückfindet, doch ist diese vage Hoffnung - Coty kann anscheinend wirklich nur Mist – angesichts dieser völlig belanglosen Duftgeburt verpufft. Wer mag sich des Joopschen Wickelkindes annehmen? Die üblichen Verdächtigen, sprich die Klientel der süßen Jungs bis Mitte Zwanzig? Für die riechen die Windeln des Kleinen wahrscheinlich immer noch nach zu viel Holz. Oder adressiert WoW! sich an die altersmäßig nächste Käufergeneration, die sich auch mal entspannt zurücklegen will? Blöd nur, dass dieser 'Gentlemanduft' nicht relaxed und nonchalant rüberkommt, sondern seriös-bieder und stockkonservativ. Bleiben wohl nur rechtsgescheitelte Studenten, verarmter ostpreußischen Landadel, Liebhaber von Volksmusik und Kunstholz-Fetischisten.

Während der Werbetext zu WoW! in seinem Bemühen, auf knappem Raum möglichst viele sinnentleerte Worthülsen, abgedroschene Phrasen und dümmliche Klischees aneinanderzureihen, ebenso banal wie der Duft selber ist, scheint mir der von Olivier Dahan – als Kinoregisseur bekannt geworden mit Biopics über Edith Piaf und Grace Kelly - in Schwarzweiß inszenierte und elliptisch erzählte Videoclip durchaus bemerkenswert.

Eine im Stile Hollywoods der dreißiger Jahre mittels Stop-Motion eingewirbelte Zeitung informiert darüber, dass ein als Kind im Jungle verschollener Adliger nach fünfundzwanzig Jahren unversehrt aufgefunden wurde – ein Photo seiner verwilderten Lordschaft zeigt ihn bärtig, langmähnig und ob der Strapazen tränensackbehangen. Er sei im Begriff, sein vorheriges Leben auf dem südfranzösischen Familienschloss wieder aufzunehmen.

Ein langsam aufschwingendes schmiedeeisernes Tor, das den Blick freigibt, auf die kopfsteingepflasterte, buchsbaumgesäumte Zufahrt des Schlosses. In der Totale ein sich nähernder Luxuswagen. Sprung in den Fond: der finster dreinblickende Rückkehrer im Profil, die langen strähnigen Haare vor dem Gesicht baumelnd. Ankunft am mit Zwiebeltürmchen bewehrten Stammsitz. Mit einer unwirschen Armbewegung schlägt der Ankömmling die angebotene Hilfe eines livrierten Lakaien aus, sich des eng um den nackten Oberkörper gezurrten Umhangs zu entledigen. Eiligen Schrittes stürmt er einen Gang entlang, dann eine Treppe hinauf, an deren Fuß ein steinerner Löwe wacht. Die zuvor lieblichen Geigen schwellen zu einem bedrohlichen Staccato an. Der treu ergebene Kammerdiener schärft ein Rasiermesser, um dessen Klinge alsbald über die eingeseiften Wangen seines Herrn zu ziehen. Als bereite ihm die Rasur körperliche Schmerzen, krallt sich dessen Hand knarzend um den Lehnenknauf des lederbezogenen, thronähnlichen Gestühls, in dem er breitbeinig und -armig Platz genommen hat. Dann wird die Mähne gestutzt. Eine Haarsträhne rieselt zu Boden, gesellt sich zu bereits gekappten. Die Kamera fährt auf die immer noch böse schauenden Augen des Lords zu. Es folgt ein rasant geschnittener Blickwechsel zwischen ihm und der schwarzen Statuette eines zum Sprung ansetzenden Panthers – akustisch unterlegt von Fauchen und dem Schnippeln der Schere. Der Aristokrat, nun mit adretter Kurzhaarfrisur, wirft sich ein frisches weißes Hemd über. Auf einem silbernen Tablett, eingerahmt von anderen Flakons, serviert der Butler in weißen Handschuhen ein als einziger Farbakzent des Films wie eine sakrale Reliquie in Szene gesetztes Fläschchen WoW!, aus dem sich unserer Held einen Sprüher auf die blanke Brust gibt. Schnelle Ab- und Aufblende: Der lang Verschollene, nun wie aus dem Ei gepellt im feinen Tuch, vor einem monumentalen Seestück im uns bereits bekannten Sitzmöbel, zwei Finger der rechten Hand affektiert an den Hals gelegt, den nun deutlich aufgehellten Blick fest in die Kamera gerichtet.

Parfumwerbung als ritualisierte Mensch- und Gentlemanwerdung, aber auch als Akt der Rechristianisierung: Das wilde, isoliert von anderen Menschen aufgewachsene Wolfskind, in seiner äußeren Erscheinung an Lord Greystoke/Tarzan erinnernd, verwandelt sich mit Hilfe von Messer und Schere wieder in einen kultivierten Menschen. Die Bestie im Mann wird weggeschabt und abgeschnitten. Höhepunkt dieser Metamorphose ist schließlich die Selbsttaufe mittels Wow! - ein Duft- als Weihwasser. Erfolgreich baptisiert steht der Wiederaufnahme in die christlich geprägte Zivilisation nichts mehr im Wege. Deren Ornat – der Smoking. Willkommen zurück im Club, Eure Lordschaft.

Während sich religiöse Metaphorik in die Werbung für Herrendüfte hineingeschlichen hat, haben sich die Frauen peu à peu aus ihr herausgestohlen. Wurde uns Männchen bislang immer zu suggerieren versucht, Parfum ziehe als ultimativer Sexuallockstoff die Weibchen magisch an, fahren viele Spots in letzter Zeit eine ganz andere Strategie. Der Mann bedarf nicht mehr der sichtbaren weiblichen Bestätigung seiner erotischen Attraktion, er ist sich, in jeder Hinsicht, selbst genug. Sei es - um zwei Beispiele zu nennen, die einen gegensätzlichen Männertypus propagieren - der sich auf seinem Streifzug durch New York an der eigenen Wichtigkeit berauschende neoliberale Banker aus Boss Bottled oder der esoterisch angehauchte, großstadtmüde Kreative aus Sauvage, der sich in der Wüste auf Sinnsuche begibt. In Wow! endet diese Nabelschau schließlich allein und selbstverliebt im Lederfauteuil - als mehr schlecht denn recht duftender Narziss auf dem Thron. Irgendwie traurig.

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Meggi vor 4 Tagen
24 Auszeichnungen
„Solotoje Kolzo”
Zagorsk… Sagorsk… Da war doch was? Ab in den Keller! Schnell sind ‚Die Räuber‘ ‚Woyzeck‘ und weitere Reclam-Hefte beiseite gepackt, Königs Erläuterungen zur ‚Judenbuche‘, zum ‚Fräulein von Scuderi‘ etc. folgen. Schließlich liegt einer jener Umzugskartons frei, die den Inhalt meines alten Jugend-Zimmers verwahren.

Treffer! Gleich obenauf finde ich die gesuchte flache Schachtel, beschriftet in kyrillischen Buchstaben mit den Worten „Solotoje Kolzo“. Darin eine Papp-Platte voller Anstecknadeln (siehe Album, Bild 100044), Mitbringsel einer Chor-Reise in die sterbende Sowjetunion. Bekanntermaßen war dort vieles knapp - diese mehr oder minder propagandistischen Anstecker waren es nicht. Der Preis hatte exakt vier Rubel und sechzig Kopeken betragen (Bild 100045), umgerechnet waren das Pfennige, und in jugendlich-übermütiger West-Dekadenz hatten wir pfundweise davon weggeschleppt. Die Dinger waren zu allem und jedem verfügbar: zu Personen, Ereignissen, Errungenschaften, Bauwerken und – zu Städten. „Solotoje Kolzo“ heißt nämlich „Goldener Ring“ und bezeichnet eine Reihe altrussischer Städte nordöstlich von Moskau. Die blecherne Würdigung zu Sagorsk, heute Sergijew Possad, ist links unten zu sehen, Bild 100046 zeigt dieses Prachtstück sozialistischer Fertigungs-Technik im Detail.

In Sagorsk mit seinem Dreifaltigkeitskloster, auf das sich der Duft stellvertretend für den Rauch der russisch-orthodoxen Kirche anscheinend beruft, waren wir damals zwar nicht, wir hatten freilich in Moskau eine andere Berührung mit der Orthodoxie, über das Touristische hinaus. Denn neben dem eigentlichen Konzert-Programm waren wir spontan eingeladen worden, in einem der angeblich ersten offiziellen Gottesdienste nach der russischen Wende zu singen, in der "Kirche des Gedenktages der Auferstehung an der Himmelfahrtsschlucht", gelegen unweit von Kreml und Rotem Platz. Ein einmaliges Erlebnis, inmitten einer fremden Liturgie, umgeben von der predigenden und singenden Stimme eines Priesters und vom üppig verteilten Weihrauch.

Wieviel davon weiß der Duft zu beschwören?

Wenig. Ich spüre einen deutlich iris-behellten Auftakt von fast karottenhafter Frische und dann sogleich helles Holz. Säuerliche, für einige Sekunden beinahe hesperidisch-adstringierende Kiefer. Rasch gesellt sich heller, pfeffriger Weihrauch hinzu. Da ist nix mit Kirche, jedenfalls nicht bei mir. Stattdessen sind mühelos Erinnerungen an den russischen Winter evoziert. Bei minus 20 Grad lag Schnee ohne Ende, umweht wurden wir von schneidender, trockener Kälte.

Vor allem aber riecht Zagorsk nach Holz; tatsächlich eine ‚Matrjoschka-Holznote‘ (ein Dank an Jumi für dieses Bild!), sowie auch weiterhin Nadelholz. Dazu säuerliches Harz mit einem Gewürz-Stich. Früher, als Piment noch „Gewürzkorn“ hieß und bei Mama ins Essen kam, konnte man beim versehentlichen Darauf-Beißen derlei verspüren. Das steuert hier einen Piekser bei, der nichts mehr mit kalter Luft zu tun hat, sondern eher – sagen wir: allegorisch - an den strengen Geruch alter Möbel erinnern mag.

Das Zagorsk-Holz ist mithin herber, spitzer, kälter, stechender als der fahle Kollege aus dem Geschwister-Parfüm Kyoto, trotzdem darf ein über banale Einzel-Aromen hinausweisender, verwandtschaftlicher Bezug als gelungen gelten. Gut möglich übrigens, dass (wie verschiedentlich gemutmaßt) Vetiver höchstpersönlich für Zagorsk eine tragende Rolle spielt. Dafür sprechen die nussig-erdigen Aspekte im Untergrund. Die üppige Matrjoschka allerdings hat mit Vetiver sicherlich nichts am Hut.

Das Duft-Gebäude steht nun im Wesentlichen: Helles Holz plus Karotten-Iris, daneben eine Säuerlichkeit, die auf Vetiver zurückgehen kann. Plus geradezu minimalistischer Weißweihrauch.

Anderswo ist mir gelegentlich aufgefallen, wie sich helles Holz, vornehmlich welches von laborieller Abstammung, mit Iris veredelnd aufpimpen lässt. Heute funktioniert das leider nicht, weil sich das Karottige sehr seltsam hineinmischt und obendrein mit seiner gewissermaßen statischen Süße recht steril wirkt.

Hm. Seinerzeit, in besagtem Gottesdienst, habe ich verstanden, dass eine Liturgie berauschen, fesseln, umgarnen, verführen kann. Das vermag Zagorsk mir nicht zu vermitteln. Er betritt die Kirche überhaupt nicht.

Ich bedanke mich bei Ergoproxy für die Probe.

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Meggi vor 27 Stunden
24 Auszeichnungen
„Um welchen Pilz geht’s hier eigentlich?”
Dem Aufsprüh-Aerosol entsteigt ein Geruch nach Pflaumenmarmelade. Oder nach dem Belag eines Pflaumenkuchens. Jedenfalls mit ordentlich Zuckerzeugs drumherum. Ein bisschen (rosen?)-beschwipst geht es außerdem zu, das mag allerdings der Transport-Alkohol sein; zum Thema Rum siehe unten.

Das Gewirbele beruhigt sich binnen Sekunden und macht einer safran-rauen Leder-Andeutung Platz. Bin gespannt, welche Sorte es am Ende werden wird. Ich bleibe dabei, dass Rose beteiligt ist, die irgendwie ins Pflaumige gedreht wurde, wie auch immer das funktionieren mag. Vielleicht hilft die Orange. Daneben jene diffuse Dosenobst-Note, für die ich Davana im Verdacht habe.

Nach fünf Minuten erahne ich schließlich den Rum. Seltsam, dass ich als Fast-nicht-Trinker diesbezüglich nicht empfindlicher bin, aber Rum eröffnet sich mir meist nicht oder nur im Ansatz oder als zuckriger Amber. Hier rieche ich nach wie vor eher beschwipste Rose als Rum. Und – um das vorwegzunehmen – im Fortgang dann zuckrigen Amber. Hmpf.

Guajak hält sich erfreulich zurück und liefert allenfalls von Ferne was Sahniges. Angesichts des Potentials der angegebenen Zutaten finde ich den Duft überhaupt rasch vergleichsweise still und kompakt. Alles kapriziert sich auf die nunmehr drängende Frage: Aus welcher Ecke wird das Leder kommen?

Es kommt aus der Halspastillen-Ecke – sehr edel! Wir erleben ab der zweiten Stunde einen weichen Halspastillen-Lederduft mit feiner Würze und nur noch wenig Frucht. Der Eukalyptus ist bloß als Hauch bemerkbar und vornehmlich in der Projektion tätig. Eine Spur Vanille auf hellem, staubigem Holz mag im Untergrund rumoren, dazu am späten Vormittag der oben bereits erwähnte zuckrige Amber; insbesondere freilich besagtes Halspastillen-Leder. So weit, so angenehm. Ich wollte Gold Leather schon als solide-vorhersehbar abhaken.

Bis am Nachmittag eine Überraschung erscheint, den verwendeten Pilz betreffend: Ich rieche Trüffel. Konkret: Trüffel-Öl. Gedacht ist das wohl als Annäherung an Oud – ich vermute eine dunkel-synthetische Holznote in Kombination mit irgendeiner Moschus-Variante. Auf mich wirkt derlei eben wie Trüffel, und das nicht zum ersten Mal. In Oxford Street von Hugh Parsons war Trüffel als Zutat sogar genannt, auch in Jewel for Him von Micallef habe ich ihn gewittert, ohne pyramidalen Hinweis. Den grundsätzlichen Zusammenhang zeigt (der ansonsten unschöne) Lômusk von Santi Burgas in seiner Konzentration auf Moschus gut nachvollziehbar auf.

In Gold Leather runden Leder und Süße das Aroma behutsam ab, das mich in den kommenden Stunden begleitet. Ein Klecks Frucht ist unverdrossen im Spiel, ich hätte Mandarine gesagt, dürfte indes die diffuse Davana-Fruchtnote sein. Ein verblüffend hartnäckiger Anklang von Eukalyptus schwebt weiterhin still im Raum, vor allem jedoch umweht mich die Ich-nenne-es-störrisch-Trüffel-Note. Wäre mal spannend zu lesen, wie andere das wahrnehmen.

Fazit: Ein eleganter Duft für kühlere Tage.

Ich bedanke mich bei MisterE für die Probe.

15 Antworten

Meggi vor 5 Tagen
22 Auszeichnungen
„Ge-wanted-er Wanted”
Rauchiges, eben-gerade-nicht-schinken-mäßiges Patchouli, im Auftakt leicht arzneimittelhaft verpackt. Aha, die ergänzende Gewürznelke zeigt offenbar keineswegs ihr Küchen-, sondern lieber ihr Zahnbehandlungs-Können. Lässt mich tatsächlich an das Zeug denken, mit dem in meiner Kindheit (keine Ahnung, ob es das Medikament noch gibt) ein kaputter Aua-Zahn vorläufig beruhigt wurde. Das schmeckte beißend nach praktisch aromafreier, konzentrierter Gewürznelke - was vermutlich kein Zufall war, denn selbige ist ein altes Hausmittel gegen Zahnschmerzen, schmerzlindernd und entzündungshemmend.

Wacholder passt meinetwegen auch, dann aber der von außen am Wacholderspeck! Die Würzung insgesamt erinnert mich charakterlich an ‚She came to stay‘ von Timothy Han (im selben Jahr erschienen), bloß ohne derart aufzudrehen, ist heute einfach runder geraten. Gleichwohl muss der Träger schon eine Mehrstunden-Portion Eugenol vertragen. Etwas Zimt könnte dabei sein, da verwischen ja gerne mal die Grenzen. Außerdem riecht es verkokelt-erkaltet, wie unlängst ausgeblasenes Streichholz. Ein markanter und selbstbewusster Duft.

In der zweiten Stunde bildet ein pieksewürzig gespicktes und säuerlich-rauchiges Patchouli die Klammer um den Duft, wenngleich es in der Spitze durchaus dem Gewürz den Vortritt lässt. Im Untergrund deutet sich cremiger Moschus an, aus der Sauber-Richtung, spürbar freilich allein direkt auf der Haut.

Mir persönlich ist die anhaltende Kombination aus Sauer-Rauch und Nelke mittlerweile ein Zacken zu viel. Nelke ist nicht mein bevorzugtes Aroma und bereits beim Han hatte sie mich mehr gestört als beglückt. Leider – im vorliegenden Fall – hält sich der Duft-Charakter ziemlich stabil über den Vormittag hinweg.

Eine ledrige Anmutung, gespeist zweifellos ebenfalls aus der Patchouli-und-Gewürz-Ecke, veranlasst um die Mittagszeit zur Überlegung, ob hier womöglich das Leder versteckt ist, das für den Geschwisterduft To Be Honest versprochen worden war, sich dort jedoch sehr zurückhielt. Das gefällt mir nun besser, nicht zuletzt, weil zudem der Nelken-Eindruck allmählich weicht.

Was jetzt fehlt, ist ein kleines bisschen Süße zur Abrundung.

Et voilà – da ist sie! Die Abrundung. Zwar nicht vermittels Süße, nichtsdestotrotz zeigt sich am frühen Nachmittag ein leichter, mildernder Anflug. Der Moschus? Mag sein, gänzlich überzeugt bin ich nicht, tippe auf eine eingedickte Laborholz-Note. Dass ich an einem Testtag zwischendurch sogar kurz an Vanille dachte, dürfte indes ein Hirnfurz sein. Egal, die Süße - wahlweise Milde - tut jedenfalls gut. Diese Phase kann in puncto Gefallen mit dem Mittelteil nicht ganz mithalten, aber immerhin.

Ein Test-Tipp für Nelken-Freunde, insbesondere für jene, die die zweite Charge von She came to stay mochten (die erste ist angeblich weniger vollgenelkt).

Fazit-Kalauer: Azzaros ‚Wanted‘ wanted ich nicht. Pernets ‚Wanted‘ want ich eher.

Ich bedanke mich bei Ergoproxy für die Probe.

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Leimbacher vor 3 Tagen
21 Auszeichnungen
„Die zarteste Versuchung seit es No. 5 gibt ”
No. 5 ist das Damenparfum der Damenparfums. Das größte olfaktorische Werk in der Geschichte dieser Kunst. Das kann & will man gar nicht toppen, fast 100 Jahre später & mit "L'eau" betitelt. Und trotzdem gefällt mir "No. 5 L'eau" unheimlich gut. An meiner Freundin vor allem, doch sogar auch etwas an mir. Eines der schönsten Frühlingsparfums, die in den letzten Jahren den Weg in die Parfumregale dieser Welt geschafft haben. Ich bin kein No. 5-Profi, doch kenne das Original gut genug um 1) eine extrem verdünnte & modernisierte DNA in "L'eau" zu erkennen & 2) sagen zu können, dass dieses Update für alles steht, für das No. 5 nicht (mehr) steht. Das perfekte No. 5 für jüngere Mädchen. Facelifting done right. Etwas flach, lieb, dezent & naiv, doch ein wunderschöner Creme-Engel, der einem den Kopf verdrehen kann & jeden Tag erhellt. Schön das es dich gibt!

Wo No. 5 eine Diva ist, bleibt L'eau jugendlich unbedarft. Wo No. 5 dick aufträgt & umhaut, setzt L'eau auf Understatement. Wo No. 5 nervt & zu schick ist, kann ich von L'eau nie genug kriegen. Wo No. 5 die Monroe nackig im Königinnenbett trägt, trägt das L'eau eine ungeschminkte Unbekannte nackt auf einer feuchten Frühlingswiese. Wenn No. 5 mit Aldehyden überfordert, schmeichelt das L'eau mit cremigem Moschus & typischer Chanel-DNA des neuen Jahrtausends. Wo No. 5 nur zu großen Events geht, funktioniert L'eau unkompliziert jeden Tag. Wo No. 5 selbst für deine Oma altbacken wirkt, guckt mit dem L'eau sogar deine 16-jährige Schwester neidisch zu dir hoch. Wenn No. 5 trällert, flüstert dir L'eau ins Ohr. Wenn No. 5 Gold ist, ist das L'eau Keramik. Wenn No. 5 zeitlos ist, muss dies das L'eau noch beweisen. Und trotz aller Vorteile, guckt das schüchterne L'eau voller Ehrfurcht auf die Über-Großmutter No. 5 & kann noch viel lernen. Doch insgeheim ist sogar die Omi stolz auf ihre Ur-Enkelin!

Flakon: hell, klar, linear - Chanel im neuen Jahrtausend.
Sillage: Understatement done Chanel.
Haltbarkeit: 6 Stunden Cremigkeit von Wolke Chanel.

Fazit: wie Marilyns kleine Urenkelin - spritzig, sympathisch, schön. Kein Aldehydgewitter, sondern ein cremig-strahlendes No. 5, das man nur lieben kann. Oder hassen, wie einige Vorrednerinnen beweisen. Kein Jahrhundertparfum, doch das schönste No. 5 für junge Damen, alle Tage & jede Stimmung. Ein großer Wurf im Stillen. Daseinsberechtigung locker flockig erzaubert.

6 Antworten

Louvre vor 24 Stunden
21 Auszeichnungen
„Mitsy oder das Geheimnis einer spröden Schönheit”
'Von' – im Amerikanischen zu einem quarkigen 'One' breitgetreten – war im Hollywood der zwanziger Jahre der Spitzname eines der schillerndsten Regisseure der Kinogeschichte: der aus Österreich stammende Erich von (er adelte sich in USA kurzerhand selbst) Stroheim war in vielerlei Hinsicht die Nummer Eins – in Sachen Talent und Können, aber auch was Egozentrik und Extravaganz anbelangte. In seinen Filmen warf er einen gnadenlosen Blick auf die amerikanische Gesellschaft, in der von ihren geschäftstüchtigen Männern vernachlässigte Ehefrauen leichtes Opfer des von ihm selbst gespielten erotischen Freibeuters in schicker Uniform wurden. Mit maßlosem Realitätsfanatismus und manischer Detailversessenheit entwarf er auch bildgewaltige Sittengemälde der untergegangenen K.-u-k.-Monarchie. Die Vorgaben der Produzenten missachtend, sprengte er alle Budgets und überzog jede Drehzeit. Ins Kino gelangten seine überlangen Filme nur stark gekürzt, manchmal auch radikal verstümmelt.
Stroheim war der erste 'Maverick' Hollywoods – er drehte in der sengenden Hitze des Death Valley, bis die dehydrierten Schauspieler am Rande des körperlichen Kollapses standen, ließ für eine einzige Einstellung über Wochen zehntausende künstlicher Apfelblüten an den Zweigen eines Baumes befestigen, bestand bei Festgelagen für die Kamera auf dem matten Glanz echten Kaviars. Und er verlangte von Komparsen, unter ihren Kostümen seidene Unterwäsche zu tragen – denn erst das Gefühl des exklusiven Stoffes auf der Haut verleihe ihnen die erwünschte Körperspannung.
Ob Stroheim auch angeordnet hat, sich mit Mitsouko (von Guerlain im selben Jahr lanciert, in dem der Regisseur seinen ersten Film inszenierte) zu parfümieren, ist nicht überliefert – wundern sollte es einen nicht. Denn dieser Duft hat eine spezielle Aura: er strafft – Körper wie Geist. Stärkt einem den Rücken, befeuert das Denken zu größerer Klarheit. Kein Duft, der zum 'sich gehen lassen' einlädt, vielmehr einer, der mit einer gewissen Strenge zur Ordnung ruft und von seinem Träger ein bestimmtes Maß an Haltung einfordert. Gleichsam einem Korsett bringt er einen in Form – nicht sportiv, sondern ästhetisch. Nicht zuletzt auch dank seiner Legende. Wie nur wenigen anderen Parfums ist ihm die eigene Historie eingeschrieben. Jenseits des Mythos gibt es kein Parfum namens Mitsouko. Wir riechen seine Geschichte mit – selbst wenn wir sie nicht kennen.

Beim Stichwort Legende gilt es gleich ein Gerücht auszuräumen: Zwar borgte sich Jacques Guerlain den wohlklingenden Namen Mitsouko von dem 1909 erschienenen Roman „Le Bataille“ des befreundeten Schriftstellers Claude Farrère aus, der Duft selbst jedoch hat mit dem melodramatisch-traurigen Schicksal einer Japanerin, deren Männer – Gatte und Geliebter– auf gegnerischen Seiten in eine Schlacht des russisch-japanischen Krieges ziehen und sie am Ende als zweifache Witwe zurücklassen, nicht das Mindeste zu tun. Vielmehr revanchierte sich der Parfumeur bei dem Autoren dafür, dass dieser in einem seiner früheren Werke Guerlains Jicky Referenz erwiesen hatte. Ein Freundschaftsdienst. Mit anderen Worten: Die Jungs haben sich – eine Gepflogenheit, die mir auch bei Parfumo nicht unüblich zu sein scheint – gegenseitig die Eier geschaukelt. Die Fans des Duftes haben die Japanerin eh rasch europäisiert – bei ihnen heißt der Klassiker schlicht Mitsy.

Mitsouko ist durch und durch ein Parfum der Nachkriegsmoderne – entstanden in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und revolutionärer Umbrüche. Es trägt Wandel und Aufbruch in sich, riecht nach weiblicher Emanzipation und Androgynität, nicht nach betulicher Damenhaftigkeit, nach erotischer Libertinage, nicht nach romantischer Liebe. Der Duft blickt nicht zurück Richtung 'Belle Epoque' und 'Art Nouveau', sondern schaut voraus zu den 'Roaring Twenties' und der Neuen Sachlichkeit. Selbst der noch auf die Vorkriegszeit verweisende herzförmige, jugendstilverschnörkelte Flakon ist zeitgeschichtlichen Umständen geschuldet: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sah sich Guerlain aus akutem Rohstoffmangel gezwungen, auch Mitsouko in das von Georges Chevalier 1912 für L'Heure Bleue und Fol Arôme entworfene Behältnis abzufüllen.

Von den beiden Duftvarianten EdT und EdP bevorzuge ich generell meist Erstere. Ich schätze deren scharf konturierte Einzelnoten, die knackigen Übergänge, das Filigrane und Transparente. Für meine Nase verhalten sie sich zueinander wie eine Jazzcombo zu einer Big Band oder – wer es klassischer mag – wie ein Kammermusikensemble zu einem Symphonieorchester. Abstriche bei der Lautstärke nehme ich gerne in Kauf. Bei Mitsouko hingegen liegt der Fall deutlich anders. Schon bald nachdem die zitrischen und floralen Noten verklungen sind, bestimmt beim EdT der volle samtene Klang des Pfirsichs die Melodie und erst gegen Ende des Stücks übernehmen nach und nach andere Instrumente wie Eichenmoos und Vetiver die musikalische Führung. Mir ist der reife, langlebige Pfirsich viel zu laut und dominant – fast vergesse ich, einen Chypre vor mir zu haben, so sehr scheint die Balance zu Gunsten der fruchtigen Herznote verschoben. Beim EdP sind die konträren Duftakzente weit harmonischer austariert – die Bergamotte bleibt wesentlich länger präsent, der Pfirsich tritt seine Herrschaft später an und muss seinen Machtanspruch früher mit Harzigem und Herben teilen: vom Solisten wird er zum Mannschaftsspieler.

Thierry Wasser, seit 2008 Chefparfumeur bei Guerlain, unternahm 2011 den Versuch einer Neureformulierung – zuvor zeichnete Edouard Flechiér für die durch die Restriktionen der IFRA notwendig gewordene „Modernisierung“ des Duftes verantwortlich –, die dem Original von 1919 so nahe wie nur möglich kommen sollte. Weniger die Rekonstruktion des Eichenmooses entpuppte sich als Schwierigkeit, sondern das Unterfangen, der Bergamotte und dem Piment mehr Tiefe und dauerhaftere Geltung zu verschaffen. Für seine Version erhielt Wasser 2013 in Frankreich den von einer Jury aus Experten und Journalisten erstmals vergebenen Preis für die beste Rekonstruktion eines Parfums. Doch im Sommer 2015 irritierte Kenner zunächst eine ungewohnte Leder-, dann auch störende Benzin- und Teernoten. Daraufhin beschloss Guerlain Ende des Jahres, keine weiteren EdP und Extraits mehr an den Handel auszuliefern. Wie sich herausstellte, waren die geruchlichen Veränderungen Folge einer chemischen Instabilität der synthetischen Riechstoffverbindung Iriséine, die einen Veilchen-Iris-Charakter mit holzigen und fruchtigen Facetten besitzt. (Wer tiefer in die überaus komplexe Problematik eindringen möchte, sei der Artikel „Mitsouko et L'Heure Bleue: Un Problème de Base“ auf der Webseite www.auparfum.com empfohlen). Nach einer erneuten Reformulierung durch Wasser, kam die aktuell erhältliche, immer noch ansprechende, an Volumen und Ausgewogenheit aber hinter der vorherigen zurückbleibende Version im September 2016 auf den Markt.

Mitsouko hat vor knapp hundert Jahren dem abstraktesten und intellektuellsten aller Parfumgenres zu Popularität verholfen: das Chypre schnitt alte Duftzöpfe ab und lehrte, geruchliche Gegensätze zu goutieren, scheinbar Widersprüchliches reizvoll zu finden. In seiner oftmals sperrigen, spröden und distanzierten Art erscheint Mitsouko wie ein Antipode der kuscheligen Seelenschmeichler von heute, mit seiner Transparenz und Komplexität wie ein Gegenentwurf zur synthetischen Kompaktheit und kompositorischen Simplizität unserer Tage. Sicher – man muss Mitsouko nicht mögen, aber kennen schon.

3 Antworten

Meggi vor 6 Tagen
20 Auszeichnungen
„Offline-Apotheke”
Laut Marketing soll der Duft das Erlebnis spiegeln, während eines Waldspaziergangs unvermittelt auf eine alte Kirche zu stoßen, aus der die Gläubigen (wohin auch immer) just entschwunden sind. Ohne die Kerzen auszumachen! Ts ts ts… Na ja, Gottvertrauen halt.

Ich oller Ketzer stoße stattdessen auf eine wahrhaftige Offline-Apotheke, betrieben in einer alten Kate von einer greisen Kräuterhexe. Im Ausschank: Kräuter-Arznei-Myrrhe. Beißend und hell zunächst, inklusive einer hell-harzigen Tipp-Ex-Weihrauchnote (Elemi?) im Hintergrund. Doch nach ein paar Minuten dunkelt der Sud ein. Ziemlich medizinisch, das Ganze. Helle und dunkle Rauch-Harz-Amber-Aspekte gleichermaßen, garniert mit einer Art Schluckimpfungs-Süße.

Dass sich bereits binnen der Auftakt-Stunde helles Holz blicken bzw. riechen lässt, tut dem medizinischen Anstrich keinen Abbruch, unsere Myrrhe ruft offenbar sorgfältig ihr arzneiliches Potential ab. Beschweren will ich mich freilich nicht – ich mag den Duft bis hierher leiden. Für Myrrhehaftes habe ich eh eine Schwäche.

Leder deutet sich an, ich bin noch nicht sicher, aus welcher Ecke, aber jedenfalls wird es nicht die florale. Dieser Eindruck wurde übrigens von extern bestätigt. Rätsel gibt mir demgegenüber ein kokoshafter Dreh auf – sonst gerne ein Kunstholz-Indiz, im vorliegenden Fall kann ich ihn indes nicht recht einsortieren. Pfeffer geht in Ordnung, zeigt sogar die ihm innewohnende, latente Rauchigkeit.

Im Laufe der zweiten Stunde legt sich das Medizinische und eine seltsame Mixtur entsteht: Sie zeigt einerseits Holz-Kokos-Anwandlungen, dann wiederum zeigt sie Kerzenwachs. Die Rauch-Harz/Amber-Ecke mutiert zum Begleiter. Darunter liegt eine pointiert muffige Ledernote, die es allerdings lange bei besagter Andeutung belässt. Erst in einen leisen, gleichwohl charakterlich markant-kräftigen, rauchigen Patchouli-Hauch um die Mittagszeit kann ich ernsthaft welches hinein-interpretieren. Dessen ungeachtet bleibt ihm unverändert eine gewisse Muffigkeit eigen, die mich an Fetish von Neil Morris oder Lui von Mazzolari erinnert, obschon heute weitaus weniger ausgeprägt.

Am frühen Nachmittag denke ich an sacht angeräucherten Hustensaft. Ein Zwischenspiel, denn im Fortgang erlebe ich vornehmlich, wie sich dem verbliebenen rauchig-harzigen Part allmählich eine zuckrige Anmutung, von ferne die mürbe Ledernote sowie vielleicht bappiger Alt-Pfeffer beimischen. Der Duft beginnt, sich im Diffusen zu verlieren. Mit etwas Abstand ist er kaum mehr zu spüren, direkt auf der Haut kabbeln sich stechende, muffige, bittere und süße Komponenten jetzt eher unglücklich und lassen bloß noch punktuell die charaktervolle Myrrhe halbwegs solistisch durch. Ich finde das schade. Nun gut, fast acht Stunden sind vergangen, da kann das passieren. Trotzdem insgesamt ein prägnanter und individueller Duft. Ihn zu testen, hat mir Freude gemacht und ich danke Ergoproxy für die Möglichkeit dazu.

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