Top Kommentare - 2012

Esclarmonde vor 7 Jahren 83
10
Duft
7.5
Haltbarkeit
7.5
Sillage
5
Flakon

Der Bon Jovi-Song unter den Düften
Also, ich will ja wirklich keinen eingefleischten Fan mit diesem Kommentartitel beleidigen oder Schubladen aufmachen (obwohl – doch! Schubladen sind manchmal super) oder irgendetwas dergleichen, das gleich vorweg!

Auf was ich abziele ist: es gibt Dinge, die sind voll geil aber irgendwie auch peinlich. Es gibt einige Bon Jovi-Songs, die finde ich voll Hammer. Keep the Faith zum Beispiel. Runaway. Dead or Alive. Und andere auch. Für meinen Geschmack aber haben die leider zu viele Kuschelrock-Nummern gehabt, das ist gar nicht mein Ding. Drum ist es mir immer ein bisschen unangenehm zuzugeben, dass ich die ab und zu höre. Ich muss dann immer dazu sagen: „Aber nur die fetzigen Nummern!“ Und dieser Weichspül-Vokuhila-Look war auch irgendwann ein bisschen drüber.
Ähnlich geht es mir bei 90er Jahre - Eurodance - Mucke, die Dancefloorklopper wie Rythm of the Night oder Rythm is a Dancer oder Open Sesame... Auch so ein Kapitel.
Das alles macht mir manchmal sooo viel Spaß, ich flippe durch die Wohnung und spiele Luftgitarre… Und doch: irgendwie ist einem das eben manchmal peinlich.

Übersetzt in Duft ist das Jil Sanders Sun. Passt übrigens auch voll in diese Zeit, sowas von 90er! Ein bisschen zu viel von allem, aber mit einer Durchschlagskraft, die ihresgleichen sucht. Ein Orkansturm aus Vanille, Heliotrop, Hölzern und weiteren Blumen, ich find Sun immernoch total toll!

Wollt Ihr auch meine persönliche Geschichte mit Sun hören? Den Grund, warum ich es IMMER in meiner Nähe habe?

Also, es begann als ich mit 12 ins Internat kam. Die coolen, großen Mädels hatten Sun. Das fand ich sooo toll. Wollte ich auch. Mit 14 bekam ich meinen ersten Flakon von meiner geliebten Patentante zur Firmung. Wenige Wochen später erlitt ich einen schweren Unfall bei dem ich fast draufgegangen wäre. Massiver Blutverlust, Krankenhaus, ein schwerer heftiger Einschnitt in meinem Leben. Als ich das Krankenhaus verlassen durfte und langsam zu mir kam, war es draußen Sommer geworden. Ich ging wieder zur Schule und erholte mich. Ich schrieb meine versäumten Schulaufgaben nach und trug dabei Sun. Ich musste oft zum Arzt und trug dabei Sun. Ich musste zur Polizei und vor Gericht und trug dabei Sun. Und dann kam der Tag eines Schulausflugs zu den Kaltenberger Ritterspielen. Wir fuhren im Reisebus mit der oben beschriebenen musikalischen Untermalung hin, draußen tobte das Leben, ich duftete wieder nach Sun, stürzte mich ins bunte Getümmel auf dem Ritterturnier und wurde zum ersten Mal wieder gewahr: Ich bin noch da! Ich lebe! Ich bin zurück!!!!

Den Tag meines Unfalls feiere ich jedes Jahr als meinen 2. Geburtstag. Und Sun steht für mich für Leben, Überleben, Lebensfreude, Sonne, Aufbruch, Hoffnung, die Tür ist offen, der Sommer ist da, die Welt wartet. Es erinnert mich an diese unglaubliche Zeit.

Ich verstehe alle, die Sun nervig finden. Und dass ihn so viele hatten und sich daran „überrochen“ haben macht es mir manchmal schwer, ihn unterwegs zu tragen. Denn auch ich denke wenn ich ihn in der U-Bahn erhasche „Och nöö, da hat sich also jemand mit Sun eingedieselt!“ Sun riecht man an sich selbst gerne, an anderen findet man es eher so mittel.

Sun ist laut. Sun ist ein Massenduft. Sun ist sperrig. Wenn man Sun trägt kommt man kaum durch schmale Türen oder in Busse und volle U-Bahnen. Sun ist in diesem Sinne wie eine gigantische Afro-Frisur. Oder wie ein Strauß knallbunte Luftballons: versucht mal, damit NICHT aufzufallen!

Dennoch: Sun ist auch unglaublich positiv, überschwänglich, mitreißend.

Es ist wie eine angenehm vertraute Marotte, die man sich eigentlich mal abgewöhnen wollte, in die man dann aber doch immer wieder zurückfällt weil es ohne nicht geht:

Wie das Lieblingspaar Turnschuhe: eigentlich viel zu ausgelatscht, aber an manchen Tagen passen sie einfach am besten und man kann nicht auf sie verzichten.

Wie ein richtig gutes Stromgitarrensolo, das man schon tausendmal gehört hat – egal, immer wieder geil!

Oder wie der fette Lidstrich, den man einfach nicht missen möchte und der zwar Porno und Drama ist, aber einfach auch Hammer, drum trägt man ihn halt doch jeden Tag auf.

In diesem Sinne: This is the Rythm oft he Night… My Life… Oh yeah…
39 Antworten

jakdelind vor 8 Jahren 79
10
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
9
Flakon

Mein Vater, sehr persönlich zwischen mir und mein Vater
Ich brauchte nicht lange zu überlegen zur welchen Duft ich mein ersteres Kommentar schreibe!
Mein Vater, der genau vor 31 Jahre gestorben ist, war Gärtner, ich war sieben Jahre alt als er gestorben ist!
Ich habe nur verschwommene Bilder von ihm im Kopf.
Als ich Ninveo Mio gerochen habe, war mein Vater auf einmal vor mir, in seinem Arbeitskleider der Grade von der Arbeit zurück gekommen ist, und ich mich in seinen Armen rannte vor Freude, und ich seine Hände fest küsste, die voll nach Feige, Kräuter und Zitronen gerochen haben. Als ich mit dieser Duft nach Hause kam! Habe ich auf der Handgelenk meiner Mutter drauf gesprüht, die inzwischen 82 Jahre alt ist! Und ich beobachtete sie wie sie ihre Mimik mit ein Grinsen verändert hat, sie war einen Moment still und ich auch.
Dann habe Tränen in ihre wundervollen schwarzen Augen gesehen, wie sie dann sagte es ist dein Vater der selbe Geruch als er von der Arbeit zurück kam meinen Sohn.
Ich liebe dich und danke dir sehr herzlich Madame Camille Goutal das du nach so langer zeit mein Vater zum leben erweckt hast.
Das ist meine Geschichte zur diesen Duft.
17 Antworten

Siebter vor 8 Jahren 65

Die Bernsteinblume
Diptyque gehört zu den tradionsreichen Nischenhäusern, 1961 wurde das erste Ladengeschäft am Boulevard Saint Germain eröffnet, wo zunächst verschiedene Stoffe, dekoratives Handwerk und aus England importierte Eaux de Toilette verkauft wurden. Später kamen Duftkerzen hinzu, seit 1968 stellt Diptyque eigene Parfums und Seifen her. Schon früh wurde Neuland beackert: alle Düfte von Diptyque sind und waren unisexoid, nicht selten werden starke Kontraste heraufbeschworen und mit Vinaigre de Toilette warf Diptyque bereits 1975 einen Duft auf den Markt, den man auch als beherztes "Fuck you!" in Richtung herkömmliche Duftkonzepte interpretieren kann.

Diesem Duft liegt ein klares Konzept zugrunde: es handelt sich um den Versuch, den olfaktorischen Eindruck des bereits genannten Ladengeschäfts in Flaschen zu bannen. Diese Herangehensweise wurde von Olivier Pescheux umgesetzt, der seit etwa fünf Jahren regelmäßig für Diptyque arbeitet, aber auch schon Düfte für Dior und Lanvin einerseits sowie Heidi Klum und Paco Rabannes 1 Million andererseits erschaffen hat. Viel Liebe scheint in diesen Duft geflossen zu sein, dies suggeriert zumindest der anspielungsreiche Flakon mit Kerzendocht-Sprühschlauch, einer siegelartigen Magnetkappe aus Bakelit und dem niedlichem Stoffsäckchen, in dem der Flakon steckt. Es entsteht der angenehme Eindruck, ein persönliches Kleinod in der Hand zu halten.

34BSG wartet mit ganzen Lastwagenladungen unterschiedlicher Noten auf, Diptyque gibt an, über 40 Rohmaterialien für diesen Duft verwendet zu haben: zitrisches ist dabei, holziges ebenfalls, das Feigenblatt wird herangezogen sowie Patschouli, Rose, Tuberose, Veilchen, Eukalyptus, Benzoe, Kardamom, Zimt, Gewürznelke und überhaupt: Gewürze! Man muss aufpassen, wenn man keinen Baustein auslassen möchte. Als ich diesen Duft das erste mal testete, kannte ich die Duftpyramide nicht und das erste Wort, welches mir in den Sinn kam war: Chaos. Würzig und mit kräftiger Melisse sprang mich der Duft zunächst an, das Holz war bereits zu erahnen, ebenso das Feigenblatt und recht kräftige florale Noten, mit denen ich nicht selten auf Kriegsfuß stehe - obwohl dieser Duft eigentlich rein gar nichts mit dieser Art von Düften gemein hat, erinnerte mich das Ganze zunächst an Männerdüfte der 70er und 80er Jahre; kakophonisch, überladen, irgendwie würzig und ziemlich old fashioned. Nicht mein Stil.

Trotzdem kehrte ich immer wieder zu diesem sich mir zunächst so biestig präsentierenden Duft zurück. Irgendwann wurde mir bewusst, dass diesem Duft eine Komponente fehlte, die mir klassische Herrendüfte fast immer verleidet: er ist nicht grob, sondern bis zur Perfektion ausbalanciert. Olivier Pescheux schafft es, eine unüberschaubare Vielfalt an Dufteindrücken zu bündeln, sie in harmonischen Einklang zu bringen und sie dennoch für sich scheinen zu lassen. Es ist schwierig, diesen Duft zu beschreiben und dabei allen Facetten gerecht zu werden; wenn ich dies hier versuche, bitte ich die geneigten Leser, immer im Hinterkopf zu behalten, dass dieser Duft im gesamten Verlauf ausgewogen und sanft ist, auch wenn es sich hier zum Teil liest, als würden olfaktorische Feuerwerke abgebrannt werden. 34BSG drängelt nicht, seine eigenwillige Präsenz belebt das Gemüt, ohne zu nerven.

Diptyque weist auf ein Chypre-Gerüst hin, und wenn man nicht dogmatisch ist, kann man diesen Duft durchaus als floralen Chypre bezeichnen. 34BSG startet mit einer zitrisch-fruchtigen Eröffnung; Melisse und Johannisbeere dominieren mit spritziger Frische, zu der sich bald das Feigenblatt gesellt, welches mit seiner weichen und leicht süßen Cremigkeit einen sanften Kontrapunkt setzt. Dies wiederum kontrastiert mit den Gewürznoten, die sich nach rund fünf Minuten zeigen - Zimt und Kardamom empfindet meine Nase als vordergründig, aber auch sie bleiben nicht lang allein, die floralen Zutaten zeigen sich nach etwa einer viertel Stunde, Eukalyptus noch einen Tick früher. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich hier keinen kompletten Duftverlauf beschreibe, sondern die ersten Minuten nach dem Aufsprühen und außerdem wiederholen, dass auch diese Phase bereits sehr harmonisch ist und nur denjenigen überfordern wird, der sich allzu verkopft diesem Duft widmet. Die verwendeten Noten erscheinen nicht mal entfernt synthetisch und sie sind fein aufeinander abgestimmt.

Als zitrische Komponente zieht sich die Melisse bis zur Basis, in der Herzphase assistiert sie dem nun auftretenden Strauß floraler Noten. Eine leichtfüßige Tuberose und die Rose erscheinen als frische Blüten, tief, anheimelnd und gleichsam aufhellend schmeicheln sie der Nase, aber da sind noch andere florale Mitspieler: eine abstrakte Anmutung getrockneter Blumen, welche die crispness der nun in den Hintergrund tretenden Gewürze weiterführen. Dieser Duft ist abwechslungsreich und widersprüchlich: immer wieder begeistert mich die Ausgewogenheit und Geschlossenheit dieses Dufts, und immer wieder erstaunt mich, wie einzelne Zutaten bisweilen hervortreten, um sich ein wenig länger im Nasenspotlight aufzuhalten. Stellt Euch ein transparentes Kartenspiel vor, welches laufend von neuem auffächert wird, um dann wieder eine farbliche Einheit zu bilden.

34BSG ist nicht avantgardistisch. Sein grundsätzlicher Charakter ist klassisch. Dies ist kein herausfordernder Duft, dazu sind die einzelnen Phasen zu schmeichelnd. 34BSG ist eine großartige Wahl für Ausstellungen oder einen Theaterbesuch. Von Altersfreigaben für Düfte halte ich wenig, tendenziell ist dies aber kein Parfum für ausgehfreudige Nachtküken, die hormonell aufgepeitscht über Tanzböden robben wollen, eher suggeriert er nonchalanten Luxus. Saisonal präsentiert sich 34BSG vielseitig, für mich ist dies aber vor allem ein herausragender Duft für den Herbst - warm, sanft würzig, balsamisch, im weiteren Verlauf holzig-floral, keinesfalls aber dunkel oder schwer, sondern uplifting. Kräftig genug für kühle Witterungen ist er, ich empfehle sogar eine achtsame Dosierung, auch wenn dieser Duft keine raumfüllende Sillage besitzt - aber er ist sehr präsent und dicht, für rund acht Stunden ist er ein verlässlicher Begleiter.

In der Basis werden die holzigen Anteile in den Vordergrund gestellt. Unverkennbar wurde viel Sandelholz verwendet, selten erlebe ich Holz derart butterig und balsamisch. Ich erahne auch Zeder und sehr feinen Patschouli, die crisp-floralen Noten halten sich lange und verändern sich nur wenig. Zuletzt möchte ich Benzoe nennen, der dem Duft eine leichte und elegante Süße verleiht. Sehr herbstlich, das alles, und zudem einfach wunderschön.

34BSG ist ein gelungener unisexoid. Mir erschien er zunächst eher maskulin, spätestens mit dem Auftreten der floralen Noten, die den Dreh- und Angelpunkt dieses Dufts ausmachen, gleicht sich das wieder aus. Dies ist ein Duft, der nicht zu einem Geschlecht, sondern zu einem Charakter passt, einem Charakter, der kultiviert, aufgeschlossen und entspannt ist. An Komplexität ist er kaum zu überbieten, zu keinem Zeitpunkt wirkt diese Komplexität aber gewollt oder bemüht, sondern bleibt stets elegant und dabei distinguiert. Keine seiner Phasen wird ein überraschtes "Wow!" erklingen lassen oder gar das Geräusch droppender panties, seine herausragende Qualität liegt in seiner unfassbaren Liebe zum Detail, in seinem interessanten Duftverlauf und den über jeden Zweifel erhabenen Zutaten.

Wirklich ein sehr feiner Duft.
24 Antworten

Profumo vor 8 Jahren 64
10
Duft
10
Haltbarkeit
7.5
Sillage
7.5
Flakon

Zum Niederknien!
Selten geschieht es, dass mich ein Duft derart begeistert, aber vor ‚Chypre Palatin’ möchte ich beinahe niederknien - was für ein Duft!
Ein volles, sattes Chypre, modern einerseits - ein typischer Duchaufour, mit all seiner Raffinesse, seiner fein gewebten, dennoch robusten Textur - aber andererseits mit der Grandeur alter Chypre-Legenden ausgestattet, die augenblicklich an ‚Mitsouko’, an ‚Diorama’ oder ‚Azurée’ denken lassen.

Und das heute!
Wer hätte gedacht, dass in unserer Zeit noch einmal ein solches Chypre das Licht der Welt erblickt – in einer Zeit, da einer regulierungswütigen IFRA zufolge schon der Untergang des Chypre-Duftes ausgerufen wurde, zu sehr ging es ans Eingemachte, ans Essentielle, an das Herz des Genres, genannt ‚Evernia Prunastri’ bzw. ‚Evernia Furfuracea’, Eichen- bzw. Baummoos. Bekanntlich wurde es auf eine Weise inkriminiert, dass an einen Fortbestand des Chypres im klassischen Sinne nicht mehr zu denken war. Viele Parfumeure versuchten in der Folge dieses für viele als Königsklasse geltendes Genre neu zu definieren. Düfte wie ‚31-Rue Cambon’ oder ‚Timbuktu’ entstanden, Eichenmoos-lose Chypre, die zwar die Grenzen dieser Gattung etwas weiteten, für mich persönlich aber – so gut sie sind ¬ nie wirkliche Chypre-Düfte wurden.
Nicht so ‚Chypre Palatin’. Dieser Duft wartet mit einer Neuigkeit auf, und die heißt: ‚Oakmoss extract – low atranol’, einem Eichenmoos-Substitut der französischen Firma ‚Biolandes’, das – wie das Unternehmen betont – mit den Vorgaben der IFRA nicht nur absolut vereinbar ist, sondern darüber hinaus auch noch zu 100% natürlich.
So ‚chyprig’ wie der neue Duft von MDCI riecht, kann Betrand Duchaufour mit diesem Ersatzstoff nicht gegeizt haben!

Doch zum Duft selbst: ‚Chypre Palatin’ ist, wie gesagt, ein sattes Chypre mit allen Insignien der ganz Großen seiner Zunft – frisch und herb-fruchtig beginnend, mit grünen und würzigen Akzenten, einem üppig aufblühendem Herzen und einer warmen, holzig-bitter-moosigen Basis, angereichert mit dunklen orientalischen Tönen und feinen animalischen Beiklängen. Die Vielzahl der Noten – der Duft ist erkenn- bzw. erriechbar üppig ausgestattet und reich orchestriert – ist perfekt verblendet, sodass es schwerfällt einzelne isoliert betrachten zu wollen. Dennoch sind es einige, die diesen Duft für mich im besonderen Maß charakterisieren: Mandarine (bzw. Clementine) und Thymian zu Beginn, gefolgt von Rose und pudriger Iris, rauchigem Styrax und feiner Vanille, weichem Leder und einem ordentlichen Schuss Bibergeil. Alles durchdringend: der celloartige Moll-Ton des Chypre-Duos Labdanum (Zistrose) und Eichenmoos. Sie alle erzeugen zunächst eine pudrig-seifige Aura, die unter Zuhilfenahme einer dezenten Prise Lavendel entfernt an uralte Fougères à la ‚Zizanie’ oder ‚Mouchoir de Monsieur’ erinnert, sich aber zusehends in eine Velours-artige, weich-ledrige verwandelt.
Die Entwicklung verläuft gemächlich und nach ca. drei Stunden hat der Duft seine vollen Basis-Noten entfaltet, die wiederum Stunde um Stunde nicht aufhören wollen ihre warmen und dunklen Wogen auszusenden. Dabei ist der Duft in keiner Sekunde flach und eindimensional, sondern entfaltet jederzeit ein angenehmes Volumen, offenbart Tiefe und entwickelt eine akzeptable Sillage. Man bedenke: dieser Duft ist dem Manne zugeeignet – was nicht bedeutet, dass er nicht ebenso gut und gewinnbringend von Frauen getragen werden kann – und eine überbordende, offensive, ja raumsprengende Abstrahlung, die manche der alten Chypres durchaus haben konnten, ist hier zum Glück nicht zu erleben. Dennoch, ‚Chypre Palatin’ entwickelt eine energische Präsenz und Ausdauer, die trotzdem nie laut oder übergriffig wird.

Warum eigentlich ‚Palatin’?
Hat nicht schon Guerlain vor einigen Jahren versucht einem Chypre-Duft mit römischer Namensgebung (Coriolan) imperiale Größe zu verleihen? Nun, geglückt ist es damals nicht wirklich – der Duft geriet zaghaft, spröde und blutarm. ‚Chypre Palatin’ ist dagegen das genaue Gegenteil: zwingend, energisch, kraftvoll, dabei überaus zivilisiert und auf diese Weise vielleicht wirklich ein olfaktorisches Abbild einer stark idealisierten Vergangenheit.
Aber greifen wir nicht mittlerweile gerne auf solche Bilder zurück?
Bietet womöglich die heutige Zeit nicht mehr genug Sehnsuchtspunkte à la ‚Timbuktu’ oder ‚Dzongkha’ – um bei weiteren Duchaufour-Kreationen zu bleiben – die sich in ein Parfum einfangen ließen, und liegt vielleicht deshalb der Blick in vermeintlich glorreiche, vergangene Tage nahe? Histoires de Parfums hat hier Exemplarisches geleistet und dahingegangenen Heroen posthum Duftdenkmäler errichtet: z. B. ‚1740 – Marquis de Sade’ oder ‚1725 - Casanova’. Aber auch Duchaufour selbst hat mit ‚1697’ für Frapin einen solchen, die Vergangenheit beschwörenden Duft geschaffen. Doch obwohl diese Düfte allesamt weit, weit zurükgreifen und zugleich die großen Werke der näheren Vergangenheit zitieren, sind sie dennoch unverkennbar zeitgenössische Kreationen – neoklassische gewissermaßen, mit einem kleinen Twist ins Moderne.

‚Chypre Palatin’ spielt nun wirklich virtuos mit diesen fast schon mehrfachen Rückgriffen: Roms Palatin zum einen, der Hügel auf dem einst Augustus’ gewaltiger Palast stand (symbolisch vielleicht durch eine zarte, leicht malzige Immortellen-Note im Fond vertreten), zum anderen die Heroen glorreicher Chypre-Tage, fruchtige wie ‚Mitsouko’, ‚Diorama’ oder ‚Le Parfum de Thérèse’, über grün-florale wie ‚Vent-Vert’, ‚Diorella, ‚Cristalle’ oder ‚Alliage’, bis hin zu orientalischen wie ‚Vol de Nuit’ oder ‚JHL’. Und schließlich klingen Bertrand Duchaufours vorangegangene Kreationen selbst erneut an: die schon erwähnte Immortellen-Note – Amouages ‚Jubilation XXV’ entlehnt, die Kombination von Trockenfrüchten und weichem Leder – direkt dem Herzen von ‚Traversée du Bosphore’ entnommen, der weiche, dunkle, fast bitter-schokoladige Fond – ein Wink in Richtung Frapins ‚1697’.
All diesen Rückgriffen zum Trotz, diesen Querverweisen, Zitaten und Huldigungen ist ‚Chypre Palatin’ – wie gesagt - kein altmodischer Duft, sondern ein durchaus moderner, einer, dem der Spagat zwischen Gestern und Heute auf beeindruckende Weise gelingt.

Dass dieser Duft mit seinem vollen Chypre-Sound ausnahmsweise mal dem männlichen Geschlecht gewidmet ist, empfinde ich im Übrigen als höchst erfreulich. Sicher, es gab und gibt zum Glück noch immer Chanels ‚Pour Monsieur’, ein vertiabler Chypre-Duft (nur leider im Cologne-Dress), aber im Großen und Ganzen sind die bedeutendsten Chypres der Vergangenheit mit all ihrer Opulenz, ihrem spannungsgeladenem Reichtum an bitteren und fruchtigen, an floralen und erdigen Nuancen doch allein der Damenwelt gewidmet, während die Herren jahrzehntelang mit zahllosen Fougère-Variationen bedacht (und vernachlässigt) wurden.

Männer (an Jungs kann ich ihn mir nicht denken), wenn ihr euch nicht traut ‚Mitsouko’ zu tragen, nehmt diesen Duft hier.
Ein bisschen teuer ist er, aber jeden einzelnen Cent wert!
Wer mag, kann sich den Flakon ja noch für ein paar hundert Euro mit einer hübschen Statuette krönen – mir genügt der Refill.
19 Antworten

Peanut vor 8 Jahren 63
10
Duft
5
Haltbarkeit
5
Sillage
10
Flakon

Eine letzte Minute
Hätte ich nur noch exakt eine Stunde zu leben, würde ich sie wie mir folgendermaßen einteilen: Ich würde

55 Minuten lang meine Lieben festhalten,
eine Minute lang Yirumas Klavier zuhören (nein, ich bin kein „Twilight"-Fan),
eine Minute lang frisch geschlagene Sahne pur genießen,
eine Minute lang über Chaplins Brötchentanz lachen,
eine Minute lang ein letztes Mal ich sein dürfen („och, war nett mit mir“)
und eine Minute lang am „Eau des Merveilles“ schnuppern.

Denn: „Eau des Merveilles“ ist das, was (für mich) olfaktorischer Vollkommenheit am nächsten kommen dürfte. Und das ganz ohne die üblichen Verdächtigen – die Blumen (dies ist wahrscheinlich der unblumigste Duft, der mir bis jetzt begegnet ist).

Alles tanzt leichtfüßig und anmutig um sanften Amber, vollkommen schön wie zarte Sonnenprismen: Unbeschreibliche, milde Orange, leicht kitzelnder Pfeffer, die herrliche Würze völlig „ungrüner“ Tanne. Und was nicht alles noch. Alles mit höchster Präzision und überfließender Liebe zum Duft zusammengefügt und zwecks totaler Entrückung dankbaren Nasen überlassen.

Dieses Parfum ist zauberhafte und unvergessliche Millimeterarbeit, an der sich die meisten anderen Düfte messen lassen müssen. Gleichzeitig lässt sich „Eau des Merveilles“ mit keinem anderen Duft vergleichen: Mir fällt keine Schublade, in die ich diese Kostbarkeit quetschen könnte—so sehr ich mich bemühe (was mich beunruhigt, denn ich brauche Schubladen wie die Luft zum Atmen).

Nur so viel: In meine „Wie-Frisch-Gepflegt“-Lieblingsschublade passt „Eau des Merveilles“ insofern perfekt, als dass es zart nach hochwertiger, leichter aber reichhaltiger Pflege auf sehr glücklicher, sonnengewärmter Haut duftet (NICHT Sonnencreme!).

Vor langer Zeit dank Peet kennen gelernt, seitdem weder vergessen noch entliebt. Wie könnte ich? Bei „Eau des Merveilles“ eine völlig absurde Vorstellung.
25 Antworten

Peanut vor 8 Jahren 63
10
Duft
7.5
Haltbarkeit
5
Sillage
10
Flakon

Intime Morgenfreuden
Liebe Jungs! Sonntagmorgens nach dem Aufwachen können wir Mädchen (manchmal) gut und gerne ALLEIN SEIN. Wir sind uns selbst Sinnesfreude genug! Also: Raus aus dem Bett (*schubs*), ran an die Kaffeemaschine und bitte nicht stören.

Luken zarte Sonnenstrahlen durch den halboffenen Vorhang und lassen sich wärmend auf unseren Luxusschenkeln nieder, ist die pure Sinnlichkeit bedufteter Bettwäsche auf nackter Haut (manchmal) so viel aufregender als eine unrasierte Backe im Nacken. Wir wollen uns strecken und recken und wälzen und wühlen –ohne gleich missverstanden zu werden.

Lasst uns die Freude einer endlosen Dusche bei offenem Fenster und mit Terence Trent D´Arby im Duschradio („Delicate“: Alles klar?). Nein, Ihr könnt nicht mit! Wir wollen allein sein mit der 36-Euro-Seife, die wir vor Euch unter den Handtuchstapeln verstecken. Einer sahnigen Oooh-Gott-Seife. Einem Stück purer Sünde zwischen zehn Fingern, die einfach auf unsere Haut gehört. (Wehe Ihr klebt mit einem Ohr an der Badezimmertür!). Hhhmmm: Pfingstrose und frische Rosenknospen auf Sahne von himmlischen Kühen.

Und tigert uns ja nicht hinterher, wenn wir euphorisiert aus der Dusche schweben. Jetzt wird es nämlich noch viel teurer und noch viel intimer. Wir sind nun schwer beschäftigt mit unserem brutal seidigen Körperpuder. Und mit der Myla-Unterwäsche, deren Anschaffungspreis jede risikobeladene Benutzung gänzlich unmöglich macht. Zu zart und zu kostbar für „(Raaaatsch!) Hoppla! Der Träger lässt sich doch bestimmt wieder ankleben.“

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Weil nun aber leider nicht jeden Tag Sonntag ist, braucht frau eine Art Substitut für intime Morgenfreuden dieser Art. Eine Instant-Variante, die sie wie ein hyperfemininer, zarter Schleier umweht und ihr ein Mona-Lisa-Lächeln auf die Lippen zaubert.

„Stella Nude“ ist so ein Schleier. Intim und feminin. Morgenfrische Frauenhaut und Luxusseife, Pfingstrosenhauch und Rosenblütentau. Körperpuder und Seide.

Saubere, seifig-waschmittelartige Rose wie bei „Chloé“, intime Pudrigkeit wie bei „Love, Chloé“. Ein Hauch entwaffnender Weichheit wie bei Jil Sanders „Eve“. „Stella Nude“ ist wieder so ein bezauberndes Weib! Und so viel besser als „Stella“. Ist „Stella“ ein hübscher, moderner Rosenduft unter vielen, vermag „Stella Nude“ eine klare (intime) Aussage zu machen. Trotz oder gerade wegen fehlenden Duftverlaufs und Kapricen welcher Art auch immer.

Und nun genug von weiblichen Morgenfreuden und irgendwelchen Substituten. Liebe Mädels, Hand aufs Herz: This is a woman´s world—but it would be nothing without unrasierte Backen.

(Ich danke Mari für diese Erkenntnis. Und für einen neuen Duftliebling!)
30 Antworten

Duftbetty vor 8 Jahren 57
8
Duft

Berlin - Symphonie einer Großstadt
Mit „1A-33“ verbindet mich eine Geschichte, genauer gesagt, ein wenig Familiengeschichte.
Sie ist (mir) wichtig für die Besprechung des Duftes. Wen es nicht interessiert, der gehe am besten gleich zum sechsten Absatz über. Für die anderen geht es hier los:

Mein Vater, Jahrgang 1916, war das, was man heute mit wissender Miene businessman nennt. Zu seiner Zeit sagte man, wenn man es gut meinte: Er ist ein Kaufmann. Das steht auch in meiner Geburtsurkunde. „Tochter des Kaufmanns Hans-Werner H.“ Meinte man es hingegen schlecht, sagte man: Der macht Geschäfte. Das traf wohl eher auf meinen Vater zu. Im Jahr 1946 war er wohl nicht der einzige, der Geschäfte machte. Am Berliner Reichstagsgebäude, am Nollendorfplatz, unter den Bahnbögen. Mein Vater hatte dazu ein außerordentliches Talent. Schon früh war er in das Galanteriewaren-Kaufhaus seiner Mutter (meiner Oma) eingestiegen. Das Geschäft florierte selbst in schweren Zeiten und konnte auch während des Krieges auf seine Kundschaft zählen. Einen Treffer hatte es kassiert, das war noch wenig. Es blieb genug, was sich zu Geld machen oder tauschen ließ. Man könnte glauben, dass die Leute andere Nöte hatten, als bei meinen Vater Lebensmittel gegen Handschuhe und Seidenkrawatten einzutauschen. Aber da sollte man das kaufmännische Geschick meines Vaters nicht unterschätzen. Und man sollte auch die Sehnsucht der Menschen nach Luxus nicht unterschätzen (das lehrte mich mein Vater). Und so brachte er mit den paar Kisten Ware, die von Feuer, Phosphorbomben, Schutt und Löschwasser verschont geblieben waren, seine eigene kleine Familie, seine Mutter und Geschwister durch.

Als größter Schatz erwies sich dabei ein Karton mit „1A-33“. Besonders bei den Amerikanern erfreute es sich großer Beliebtheit, denn es war das Lieblingsparfum von Emma G.*. Jeder wusste davon, jeder wollte es riechen, jeder wollte es haben. Mancher GI brüstete sich sogar damit, es seinem Liebchen zu Hause mitbringen zu wollen. Vielleicht aber hat man damit auch die Fräuleins hierzulande geneigt gemacht. Ein bisschen Schauer, ein bisschen Nervenkitzel. Die Blume des Bösen - daran wollte man mal schnuppern. Vielleicht um zu begreifen? Zu verstehen? Meinem Vater jedenfalls brachte genau die Emmy-Information sehr bald höhere Preise ein. Das Parfum gegen Schinken, Speck und Schnaps. Er musste seine letzten Duft Vorräte tatsächlich sogar teilen (sharen!), so groß war die Nachfrage. Er kam ihr nach. Ihm war es gleich. Zu Hause saßen Frau und Kinder (meine Halbgeschwister). Die hatten Hunger. Ich sagte ja: Mein Vater war ein businessman.

Ihr könnte Euch vorstellen: Ich war erstaunt und neugierig zugleich, als mir zu Ohren kam, dass der Duft neu aufgelegt wurde. (Es ist leider nicht die alte Formel). Kennt denn keiner die Geschichte dieses Parfums? Nun, man kann ja die Produzenten eines Parfüms nicht dafür verantwortlich machen, wer ihn trägt. Aber ein wenig Aufklärung hätte doch gut getan.

Aber auch ich habe diese Geschichte, die mir ja sehr nah ist, ausgeblendet. Spätestens dann nämlich, als ich im Fenster von Harald Lubner zwei Originalflakons aus den 1930er Jahren erblickte (siehe Parfumfoto): Aerodynamisches Art-Deco-Design, das mich sofort auf eine Reise durch die Zeit schickte.

Juli in Berlin 1929. Ein Spaziergang auf dem Boulevard Unter den Linden. In der Luft liegt ein feiner Blütenduft, süßlich, klebrig, weich. Ein Junge mit Strohhut schält eine Orange. Ein Blumenmädchen verkauft Sträuße voller zarter weißer Blüten. Im nahegelegenen Mon-Bijou-Park macht man Rast. Man legt sich ins Gras und genießt, wie einen die Sonne liebkost. Die Augen fallen zu, man lässt sich treiben – die Gedanken sind frei. Der Liebste im rechten Arm neckt mich mit seinem Zweig Jasmin, die Liebste, die gerade noch an der Herzensseite gelegen hat, hat sich aufgerichtet. Mit einem Span aus Zederholz versucht sie sich eine Zigarre anzuzünden. Sie überlegt es sich anders. Pudert sich stattdessen die Nase und zwinkert mir zu. Das warme Holz verströmt seinen würzig-harzigen Duft. In der Ferne hört man das Knattern einer Zündapp. Am Weg parkt ein Mercedes-Benz. Ein schwäbisches Auto mit dem Berliner Kennzeichen: „1A-33“. 1A – das wollen sie alle. Denn das sind wir alle hier: 1-A! Beste Güteklasse. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Das ist die große Weite Welt, das ist die Moderne, das ist der Fortschritt, und der dreht sich auch in unseren Herzen. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Ach, wir drei. Wir sind so frei. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

November in Hamburg 2012.
Am Handgelenk immer noch ein glatter Blütenduft. Modern, frisch-zitrisch, blumig; intensiv, ohne aufdringlich zu sein. Ein Stadtparfum. Für Mann und Frau und alle dazwischen, frisch und fortschrittlich. Blumig ohne Süße. Ich kann den Glamour dieses Parfums verstehen. Auch ohne Emma G.*


* Name ist der Redaktion bekannt.
30 Antworten

Markyta vor 7 Jahren 54
8
Duft
10
Haltbarkeit
10
Sillage
5
Flakon

Cinnabar ach Cinnabar im Winter bist du wunderbar - im Sommer, das ist allerhand, fall'n Tod die Fliegen von der Wand..
Im "reifen" Alter von 16 schenkte mir meine Freundin (wie gewünscht) Cinnabar zum Geburtstag. Ich fand den damals wie heute absolut toll. Mein Mutter verbot mir aber den zu hause zu tragen, der sei ihr zu heftig.
Also trug ich den "passender Weise" in der Schule. Dort stanken wir Mädels alle um die Wette,- die einen mit Patchouliöl aus dem Orientshop, andere mit Jovan Muskoil, wieder andere, wie meine Freundin und ich, mit Cinnabar, Opium, Youh Dew und ähnlichen Krachern. Im Nachhinein betrachtet tun mir unsere Lehrer fürchterlich Leid - das Klassenzimmer muss von etwa der 9. bis zur 11. Klasse gestunken haben wie ein orientalischer Wanderpuff - fehlte nur noch das Aroma von Kameldung, Ziegenaroma fehlte leider nicht, denn viele der Jungs hatten damals noch ein erhebliches Problem mit der Geruchswahrnehmung ihrer persönlichen Körperhygiene. Mit der Zeit ließ der "Mädelsgeruch" deutlich nach (wir wurden etwas dezenter),- dazu kamen aber Pitralon, Old Spice, Drakkar Noir und Lagerfeld Classic. Dass das eine wirkliche Verbesserung war kann ich nicht behaupten, aber wenigstens die Ziege war weg.
Ich benutzte Cinnabar nur während der kühleren Jahreszeit und auch dann nur sehr dezent. Mein Miniflakon mit 30 ml hielt mehrere Jahre. Diese Weisheit hatten jedoch viele Benutzerinnen des Duftes nicht.
An einem wunderschönen Hochsommernachmittag im Biergarten unseres Reiterstübchens, eine Freundin und ich waren mit den Pferden schwimmen gewesen, wir rochen lecker nach nassem Pferd und Stall wie alle anderen auch, und stärkten uns mit einer Radlermaß und einer bayerischen Brotzeit mit leckerem scharfen Kren. Eine Dame in einem weißen Hosenanzug aus Ajourstrick, (damals der letzte Schrei) stöckelte auf Stilettos durch den Kies und schimpfte, hier könne man ja nichts essen, es würde so stinken. Das tat es auch - eine Wolke von Cinnabar zog hinter diesem menschlichen Fremdkörper an unserem Tisch vorbei, der Kren, der Obatzte und der Schinken alles schmeckte auf einmal nach Zimt, Gewürznelken, Patchouli und Weihrauch. Als sich Madame setzte, beschwerten sich einige der anderen Gäste, die wie wir dort faktisch zum Haus gehörten und sie verließ schimpfend das Anwesen. Weihrauch in einem Stall funktioniert halt nur in Bethlehem.
13 Antworten

MisterRossi vor 8 Jahren 51
3
Duft
7.5
Haltbarkeit
7.5
Sillage
10
Flakon

Lustwicht XIV. oder: Was vom Beischlaf übrig blieb.
Vorab: Einen weiteren Kommentar zu Bodoir zu verfassen erscheint mir ebenso halsbrecherisch zu sein wie den Duft zu tragen. Ein unter Umständen schwieriges Unterfangen. Vor allem weil meine VorrednerInnen ihn zu mögen scheinen. Und ich mag euch allen zurufen: Tragt ihn! Ihr seid PUNK!

Um das Geheimnis zu lüften, ohne jemandem die Freude des Tragens von Bodoir nehmen oder vergällen zu wollen: Ich mag ihn nicht. Ich mag aber die Idee dahinter.

Zur Verdeutlichung meiner Zweifel ein Gedankenexperiment. Man nehme:
- Eine große Flasche Bodoir;
- ein schickes Loft, sehr teuer, sehr weiß, sehr edel, sehr aseptisch;
- die in dieses Loft passende weiße, edle, aseptische Besitzerin.
Nun: Besprühe man sämtliche Textilien in diesem Loft inclusive der Besitzerin mit einer guten Brise Bodoir, um dann Besucher hereinzuführen, denen vor dem Betreten des Loftes die Augen verbunden wurden.
Und? Wie durch Zauberhand schaltet sich in den Köpfen der "blinden" Besucher eine rote Laterne an. Violá! Wenn sie die Augenbinde abnehmen, schaltet sich die rote Laterne wieder aus; zurück bleibt Irritation und Verwirrung. Und das ist PUNK!

Wie konnte das geschehen? Ich denke, um Bodoir zu verstehen, muss man sich die Mühe machen, in die Biografie seiner Initiatorin zu schauen, denn:
Ich verstehe Bodoir nicht als Duft (im Sinne eines schmeichelnden Begleiters, wobei das meine subjektive Meinung ist), sondern vielmehr als Ausdruck der Lebenshaltung von Vivienne Westwood. Losgelöst davon halte ich persönlich Bodoir für untragbar. Erst in der Kombination von Duft und innerer Haltung der Trägerin wird m. E. daraus ein Statement.

Frau Westwood, Jahrgang 1941, stammt aus einer englischen Familie, deren Mittellosigkeit sie zwang, ihre Talente weiterzuentwickeln. 13 Meilen entfernt von Manchester - der Wiege des Punks - fiel die Idee der "Erschütterung des Establishments" auch bei Frau Westwood wohl auf fruchtbaren Boden. Als Lebensgefährtin von McLaren, dem langjährigen Manager der "New York Dolls" und später der "Sex-Pistols", kreierte sie lange Zeit deren Bühnenoutfits. Provozierendes Aussehen, rebellische Haltung und nonkonformistisches Verhalten und Ideen waren die Instrumente, mit denen die Punks das englische Establishment in Frage stellen und – evtl. - an den Rand des Wahnsinns bringen wollten. Soweit die Idee.

Nun kommt Frau Westwood ins Spiel, deren Idee es war, einen Duft zu gestalten, der - wie der Name schon sagt – die Assoziationen eines Bodoirs (=Ankleidezimmer, Rückzugsraum für die Dame) wecken soll: Staub, Puder, Textilien, Schweiß, Körperflüssigkeiten. Eben all das, was so an Gerüchen in einer abgeschiedenen Kemenate so anfällt – und je nachdem was dort so getrieben wird.

Wie riecht Bodoir nun? Ich finde: Genau so. Schauerlich. All die Gerüche und Ausdünstungen, die man am liebsten durch die tägliche Toilette vor der Öffentlichkeit zu verbergen sucht, sind hier vereint. Schwülstig, süß, staubig, schweißig, animalisch, pudrig, ungewaschen, ungelüftet, ranzig, abgestanden. Mme de Pompadour lässt grüßen (in Versailles gibt es keine einzige Toilette; es gab spezielle Bedienstete, deren Aufgabe es war, die Notdurft der feinen Gesellschaft vom Parkett zu entfernen).
Doch Bodoir schafft es, diese scheinbar abstoßenden Gerüche so miteinander zu verweben, dass ein Duft dabei herauskommt, den viele als angenehm und tragbar empfinden - und dies auch tun. Punk im Flakon! Bravo!

Verrückterweise schafft Frau Westwood mit Bodoir etwas, was dem Punk nicht vergönnt war: Eine Haltung als leb- und tragbare Idee vom "Überwerfen des Althergebrachten" in den Alltag zu integrieren.
Irritieren. Verwirren. Ins Nachdenken bringen. Verkrustete Strukturen in Frage stellen. Und an dieser Stelle finde ich Bodoir gelungen.

Also, ihr Bodoir-tragenden PunkerInnen: Weiter so!!
18 Antworten

Sisyphos vor 8 Jahren 51
10
Duft
10
Haltbarkeit
7.5
Sillage
5
Flakon

On The Road
Die Lebensversicherung kündigen und das Handy wegwerfen,
den Rucksack packen und den Bahngleisen folgen,
ein Laguiole-Messer im Stiefel tragen und hinfallen,
sich das Gesicht aufschlagen und Erde ausspucken,
die verletzte Stelle notdürftig desinfizieren und weiter gehen,
mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren und im Abteil auf abgewetzten Ledersitzen sitzen,
in Wladiwostok in einer dunklen Spelunke rumhängen und sich schlagen,
einen Zahn verlieren und zu einem zwielichtigen Zahnarzt gehen,
lachen (mit Goldzahn) und am Abend Liebe kaufen,
in ein Freibad gehen und sonderbares Eis essen,
sich zugewanderten Chinesen anschließen und im Zirkus arbeiten,
Elefanten pflegen und auf dem Boden in einem Zelt schlafen,
am Lagerfeuer sitzen und süßen Kräuterschnaps von was weiß ich woher saufen,
zähes Rindfleisch essen und wieder lachen,
Liebe finden und beim Abschied einen Talisman geschenkt bekommen,
mit einem Containerschiff fahren und hart arbeiten,
schwitzen wie Sau und müde wie ein Hund in die Koje fallen,
kaum was zu essen und keinen zum Reden haben,
in der Kabine auf ein Kruzifix starren und Jazz auf Vinyl hören,
Moby Dick lesen und irgendwann in Boston ankommen, um
mit Neil Morris eiskalte Coke zu trinken und einen neuen Flakon Fetish zu kaufen.
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