Top Kommentare - 2016

Turandot vor 4 Jahren 76
7.5
Duft
8
Haltbarkeit
5
Sillage
8
Flakon

Keine leichte Aufgabe für Olivier Polge.
Bevor Olivier Polge diesen Duft kreiert hat, könnten ihm folgende Gedanken durch den Kopf gegangen sein:

Es ist der erste Duft der Serie, der für Herren gedacht ist, also darf er nicht zu speziell sein, sondern soll möglichst ein breites Spektrum ansprechen. Das birgt natürlich die Gefahr, dass er für alle die Verwender zu brav wirkt, die etwas Spektakuläres suchen. Aber sind das die Kunden, die üblicherweise in eine Chanel-Boutique gehen? Eben nicht. Denn anders als z.B. bei den Privé-Linien von Dior oder Armani, ist das Sortiment der exclusiven Chaneldüfte kaum ausserhalb der Boutiquen zu bekommen.

Chanel-Düfte sind bisher keinem Trend hinterher gehechelt, haben aber auch noch keinen Trend gesetzt. Es muss also weder auf den Gourmand- noch auf den Oud-Zug aufgesprungen und das Rad auch nicht neu erfunden werden. Vielmehr soll jeder Kunde, oder jede Kundin, die den Duft für einen Mann aussucht das Parfum angenehm empfinden. Der Duft durfte keinesfalls polarisieren.

Offensichtlich soll der Duft idealerweise auch eine Klientel ansprechen, die sich mit der Biografie von Coco Chanel schon befasst hat, denn wer das nicht getan hat, der könnte beim Namen des Duftes vermuten, dass er auf besonders junge Käufer abzielt. Aber "Boy", das war der Spitzname von Arthur Capel, dem Liebhaber von Coco Chanel, der ihr den Start in die eigene Karriere ermöglicht hat und der bei einem Autounfall ums Leben kam. Arthur Capel war erfolgreicher Geschäftsmann und stammte aus einer Industriellendynastie. Ein neureicher Playboy war er also nicht und so sollte auch der Duft eine gewisse Seriosität ausstrahlen.

Nun, wenn ich all diese Gedanken zugrunde lege, dann hat Olivier alles richtig gemacht. Aber das Ergebnis ist eben ein relativ unspektakulärer edler Herrenduft. Die fast unvermeidbare Lavendelnote zieht sich durch den gesamten Ablauf des Parfums, das sich als freundlich weicher Fougereduft zeigt und dem ich bei aller Seriosität doch ein paar freche Effekte gegönnt hätte. Schließlich war Arthur Capel nicht nur Industrieller, sondern auch ein Mann, der schnelle Autos, die Rennbahn und eben einen recht illustren Freundeskreis liebte. So aber ist das ein Duft, bei dem es mir schwer fällt, ihn wirklich im Duftgedächtnis abzuspeichern. Ich finde keinen Wiedererkennungswert, keine besondere Note, erst recht keine Verlockungen, sondern Schönheit, Zuverlässigkeit und Eleganz. Ich möchte fast ketzerisch behaupten, Allure Homme, Antaeus und erst recht Pour Monsieur haben mehr Charakter als Les Exclusif de Chanel-Boy. Aber vielleicht ist das ja nur der Auftakt zu einer Reihe weiter Herrenparfums. Coco sind damals ja noch ein paar schillernde Männer über den Weg gelaufen, die vielleicht zu aussergewöhnlicheren Duftkreationen animieren könnten. Wir dürfen gespannt sein, ob russischen Großfürsten oder englischen Politikern auch noch einmal ein Duft in der Exclusif-Linie gewidmet wird.

Ich glaube, Coco Chanel hätte zu Olivier Polge gesagt: Junger Mann, nicht so zaghaft, das können Sie besser!
30 Antworten

Couchlock vor 4 Jahren 75
10
Duft
10
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Die olfaktorische Heimreise: Geborgenheit aus einem Flakon
Muscs Koublaï Khän ist die wundervollste Entdeckung, die ich durch Parfumo machte, und die größte olfaktorische Überraschung, hatte ich doch beim erstem Test Raubtierfütterungen, das letzte Hemd eines Obdachlosen, tote Tiere und Schlimmeres im Hinterkopf! Doch es kam ganz anders...

Moschus in der Duftpyramide ist eine schwammige Angabe, gibt es doch viele synthetische Riechstoffe, die unter diesem Namen gelistet werden. Es gibt den sauberen weißen Moschus, den extrem intensiven schwarzen Moschus, den "Jovan Musk" usw.

Der echte Moschus aus der Duftdrüse des Moschushirsches ist ein extrem teurer Duftstoff, man findet ihn heutzutage fast nur noch in exklusiven arabischen Parfums, die keinen Regulationen unterworfen sind. Und dann gibt es die Nische der Nische, die Natural Parfumery. Wer im Netz sucht, findet kleine Firmen, die in Kleinstmargen Duftöle anbieten, die ausschliesslich hochwertige Naturstoffe wie echtem Ambergris, Sandelholz- und Oudöl und Hirschmoschus enthalten und pro ml oft mehr kosten als ein Nischenflakon.

Meinen ersten Kontakt mit Hirschmoschus hatte ich in Manali, als ich 1992 während einer halbjährigen Indienreise 2 Monate in Himachal Pradesh verbrachte. Manali liegt auf ca. 3000m Höhe im Kulutal in den Ausläufern des Himalaya und ist ein beliebtes Ziel für Inder, die der Hitze des Subkontinents entfliehen möchten und ein Mekka für Kiffer. Cannabis wächst dort ÜBERALL und man kann handgeriebenes schwarzes Hasch von höchster Qualität (Charas) problemlos zu für uns lächerlichen Preisen erwerben, zufällig war ich dort während der Erntezeit:-) (Für Interessierte: Die beste Qualität (Malana Cream) gibt es im nahe und seehr abgelegenen Bergdorf Malana, das man nur durch einen beschwerlichen und abenteuerlichen Aufstieg auf 4500m Höhe erreichen kann, die Strapaze lohnte sich aber...)
Nach ein paar Tagen entfloh ich dem Trubel und fuhr weiter in das viel ruhigere Parvatital, dort verbrachte ich in der kleinen Pension eines Lehrers in einem wunderschönen kleinem Dorf wundervolle 2 Monate.

Ich schweife ab...in Manali bot mir ein Junge mal zur Abwechselung kein Dope, sondern ein rundliches und leicht behaartes Objekt an, das ich damals irrtümlich für einen Tierhoden hielt. Ich muß ihn wohl sehr irritiert angesehen haben und er sagte "Good Smell". Er nahm das Teil in seine Faust und strich mit seinem Handrücken über meinen Arm, was einen wunderschönen Duft auf meiner Haut hinterliess. Ich dachte natürlich, daß er ein Parfum auf seiner Hand hatte und probierte es selbst aus, es hatte den gleichen Effekt! Es klingt verrückt und ich weiß bis heute nicht, wie es funktionierte...

Der Duft faszinierte mich und ich kaufte es ihm für 1,50 DM ab. Heute weiß ich, daß es die Duftdrüse eines Moschushirsches war, diese enthält durchschnittlich 30 gr des Moschusgranulates. Ein Jäger bekommt aktuell ca.1500 Euro dafür, weit mehr als ein indischer Jahreslohn. Wahrscheinlich war die Drüse "abgeernetet" und wieder zugenäht. Die Preise waren damals wohl niedriger, aber er hätte bestimmt viel mehr dafür bekommen können.

Dann bekam ich letztes Jahr von einem sehr großzügigen Parfumeur, der auch Parfumomitglied ist (danke nochmal, wenn du das liest!), Miniproben von Ölen mit echtem Ambergris und Hirschmoschus. Zudem lernte ich durch einen Ebay-Kauf einen lieben Menschen kennen, der sich mit dem Handel mit Duftstoffen sein Studium in Pakistan, nahe der indischen Grenze und dem Gebiet im Himalaya, in dem ich mich Jahre vorher aufhielt, finanziert. Bei einem Besuch brachte er neben Oudölen und Amberbris Hirschmoschusgranulat mit, einen Teil hatte er in Sandelholzöl und einem White Musk Parfum eingelegt.

Purer Moschus riecht nicht gerade lecker, erst durch Verdünnung oder Kombination mit anderen Duftstoffen wird es für viele Menschen angenehm. Zumeist wird es in Parfums benutzt, um die Haltbarkeit anderer Duftstoffe zu erhöhen und dem Parfum das "gewisse etwas" zu geben. Es ist einer der komplexesten natürlichen Duftstoffe und der am stärksten duftende.

Nach diesem langen Intro komme ich nun endlich zum eigentlichen Thema, dem Muscs Koublaï Khän:

Der erste Test ist mir noch in sehr guter Erinnerung: Ich saß in unserer Küche, nicht weit von Waschbecken und Seife entfernt, hatte ich doch aufgrund der Kommentare wirklich böses erwartet. Ich hatte mir fest vorgenommen, dem Parfum eine Chance zu geben und es zumindest 1-2 Stunden auf der Haut zu lassen, da in einigen Kommentaren zu lesen ist, daß das Parfum nach krassem Start schöner wird.

Mutig aufgesprüht...den Arm langsam der Nase genähert...und ein wundervoller Duft stieg in meine Nase, mehr noch: ich spürte sofort, daß ich olfaktorisch zu Hause war. Dies war der Duft, den ich nie bewusst gesucht, aber lange herbeigesehnt hatte. Es roch unglaublich vertraut, ein Gefühl von tiefer Geborgenheit überkam mich... ich war beschützt, getragen und von Wärme umhüllt. Und dann wurde der Duft immer schöner, nicht unangehmes oder gar ekliges konnte ich wahrnehmen, nur olfaktorische Schönheit.

Ich bin nicht gut in der Analyse von Düften. Original Musk Blend No. 1 von Kiehls's ist hier als Duftzwilling aufgeführt, dem ich eine gewisse Ähnlichkeit attestieren würde. Am ehesten erinnert es mich bei allen Unterschieden an das Absolue Pour le Soir. Jemand schrieb in einem Kommentar auf Fragrantica, daß Muscs Koublaï Khän "Jovan in a limousine" ist, was ich nachvollziehen kann, das Jovan Musk geht gaaanz grob in eine ähnliche Richtung.
Es gibt aber doch einen Duftzwilling: es ist die Hirschmoschusprobe, die ich von dem lieben Parfumeur bekam. Es ist nicht nur der Moschus im Muscs Koublaï Khän, das dieser Probe gleicht, der Hirschmoschus weist fast alle Facetten dieses Parfums auf. Hier wurden alle Duftstoffe so kombiniert, um eine verblüffende Annäherung an den Orginalstoff zu erzielen, für mich eine absolute Meisterleistung der Parfumeure!

Muscs Koublaï Khän polarisiert wie kaum ein anderes Parfum. Ich glaube, daß hier die Hautchemie eine große Rolle spielt. Das Thema ist umstritten, aber ich konnte schon oft feststellen, daß ein Parfum auf der Haut eines Freundes anders duftet als auf meiner eigenen. Ich bin blond, meine Haut ist hell, er ist ein dunkler Typ. Vielleicht besänftigt meine Hautchemie Zibet und Bibergeil, ich mag auch andere Parfums mit diesen Duftstoffen.

Für mich ist dieses Parfum absolut tragbar, ich benutze es sogar in der Arbeit, keiner meiner Kollegen sah mich komisch an oder sagte mir, daß ich wie ein ungewaschener Mongolenkrieger dufte. Meine Gattin mag Muscs Koublaï Khän ebenfalls an mir und sie ist kein Freund krasser Düfte.

Es gibt kein anderes Parfum, daß ein solch tiefes Wohlgefühl in mir auslöst. Vielleicht roch die Haut meiner Mutter ähnlich, als ich ein Baby war, vielleicht trug sie ein Parfum, da ähnlich roch...irgendetwas ist olfaktorisch in meiner Vergangenheit verankert, das diese positiven Gefühle in mir auslöst, dieses zutiefst vertraute. Ich schätze alle Düfte meiner Sammlung, viele liebe ich wirklich, aber es sind höchstens eine Handvoll Parfums dabei, die mich ganz tief ansprechen und mich wirklich in meiner Seele berühren. Muscs Koublaï Khän schafft dieses am intensivsten und so ist es in dieser Hinsicht wirklich essentiell für mich.

Die Haltbarkeit auf meiner Haut ist übrigens extrem: Auf dem Handgelenk kann ich es noch nach 40 Stunden wahrnehmen!Die Sillage ist perfekt für mich, wahrnehmbar, aber nicht raumfüllend.

Lasst Euch nicht abschrecken und testet den Mongolen selbst!
28 Antworten

loewenherz vor 4 Jahren 74
7.5
Duft
6
Haltbarkeit
4
Sillage
7.5
Flakon

Für das Mädchen, das beim Völkerball immer zuletzt gewählt wurde
Neben der grundsätzlichen Unterscheidung in 'blumig', 'aquatisch', 'animalisch' (und welche es sonst alle gibt) ist da noch eine weitere Komponente, die Duftnoten bzw. das aus ihnen erschaffene Parfum ausmacht - eine Komponente, von der ich glaube, dass sie - gerade bei jenen, die schon mehr als nur einen Duft in der Nase hatten - nicht unerheblich dafür ist, ob wir einen Duft(akkord) nun mögen oder eben nicht. Es gibt Duftnoten, die per se 'laut' sind und vordergründig, die sich kaum zähmen lassen und - sind sie denn Bestandteil eines Duftes - diesem fast automatisch ihr Signum geben. Oud ist ein Beispiel dafür oder auch Lilie oder Rose - Diven alle miteinander, opulent und schwelgerisch - und wenn verwendet, dann stets im Mittelpunkt. Und dann sind da andererseits jene, die ganz oft dabei sind, aber fast nie im Zentrum eines Duftes stehen - nicht, weil sie nicht ausdrucksstark wären oder erkennbar, sondern weil ihr olfaktorisches Charakteristikum eben schnell zurücktritt, sobald es auf andere, stärkere, kapriziösere Akkorde trifft. Galbanum, Eichenmoos und Enzian etwa gehören zu diesen Leisetretern, aus denen 'eigene' Düfte zu erschaffen Erfahrung einfordert und Kennerschaft - doch wenn es gelingt, sind diese Düfte oftmals ungewöhnlich und solche, an die man sich lange erinnert.

Hermès' Hiris widmet sich der Iris, jenem stillen, duftgewordenen Hellgrau, das so oft an Schminke oder auch Lippenstift erinnert (hier beinahe gar nicht) - und war einer der ersten, die sich die Pudrigkeit der Schwertlilie bzw. ihrer Wurzel ins Zentrum eines Duftes zu stellen trauten. Die namengebende Iris erscheint zunächst scheu, beinahe schüchtern - so wie eine Blume, die im Halbschatten unter den Birken beinahe kaum zu blühen wagt - aus Sorge, den Rosen oder Sonnenblumen vielleicht die Show zu stehlen. Und doch ist dies ein Duft voller verhaltener Wärme und voll großem Stolz, hautnah und keine Diva - aber voll stiller Zufriedenheit, voll Herzensruhe und voll Lebensklugheit.

Hiris ist ein Parfum ein bisschen wie das Mädchen, das jeder von uns in seiner Klasse hatte - das Mädchen, das niemals die Hausaufgaben nicht gemacht hatte und dessen Marmeladenbrot nie interessant genug war, um eingetauscht zu werden gegen was auch immer. Das Mädchen, das alleine zum Tanzkurs ging und nicht zum Abschlussball - weil eben kein Junge es gefragt hatte, ihn dorthin zu begleiten - und das den ersten Kuss unter dem Setzkasten mit Monchhichis mit einem Kopfkissen probieren musste. Das Mädchen, das beim Völkerball immer zuletzt in die Mannschaft gewählt wurde, weil es weder werfen, geschweige denn fangen konnte - und das dann auch gleich getroffen wurde und den Rest der Stunde still und ohne Klage an der Seite stand.

Fazit: auf meinem letzten Klassentreffen habe ich (zufällig und ungeplant) eine Stunde neben ihr gesessen - und an diesem Abend zum wahrscheinlich ersten Mal wirklich mit ihr gesprochen. Sie ist Ärztin geworden und war voll jener ruhiger Selbstsicherheit, die wohl nur die entwickeln, die jene Jahre früher Erfolglosigkeit unbeschadet überstehen. Die Kraft, die sie daraus schöpfen, reicht dann ein Leben lang.
25 Antworten

Rejuco vor 4 Jahren 72
0.5
Duft
10
Haltbarkeit
9
Sillage
1
Flakon

Das perfekte Geschenk für Ex-Partner, GEZ-Eintreiber, und alle anderen, die man abgrundtief hasst
Ich hätte es wissen müssen... Dieser beispiellos billig wirkende Flakon, sowohl von Material, als auch Farbe und Aufdruck her. Diese Website des Herstellers. Und dann noch die Tatsache, dass der Duft sich damit rühmt, von der „offiziellen 24-Fernsehserie“ lizensiert worden zu sein. Das alles schreit doch geradezu nach „James Bond Drogerie Duft, nur in schlecht“ und „Finger weg!!!“. Tausend rot strahlende Alarmlampen hängen von der Decke, jemand steht vor mir und drückt mir ein überdimensional großes „STOP“-Schild ins Gesicht. „Tu es niiiiiiiiicht.....“ höre ich jemanden mit ausgestrecktem Arm hinter mir hallen...

Was mach ich? Ich strahle dem Duft-Flakon am Ende des dunklen Ganges entgegen, der wie das Artefakt in Indiana Jones’ „Jäger des verlorenen Schatzes“ auf einem belichteten Podest steht. Meine Augen funkeln. Nach Vanille soll er riechen. Und nach Vanille. Außerdem noch nach Vanille! OMG, ja, den muss ich haben. Schließlich liebe ich CH Men, und wenn der Duft nicht süß ist, wer dann? Wie bitte, da unten hat erst ein anderer CH Men Liebhaber vor diesem Duft gewarnt? Ach, geschenkt. Die Geschmäcker sind halt verschieden. ICH werde diesen Duft lieben, denn ich liebe Vanille! Und wenn man so vor sich hin an Vanille denkt, hat man natürlich immer diese schöne natürliche Bourbon Vanille vor Augen bzw. in der Nase. Eine schöne, milchige Kugel Vanilleeis, gekauft vom besten Eisladen der ganzen Stadt, an einem schönen Sommertag. Hach, herrlich! Was rede ich noch, ich muss den Flakon da vom Sockel nehmen und ihn mir aufsprühen. Wie bitte? Ach ja, vorher natürlich die Bezahlung für die Probe. Hier, 5 €, bitteschön, jetzt lass mich endlich schnuppern!!

...

...

ACH DU SCH
*!!!! Was zum Teufel ist DAS denn??

Wer diesen Duft liebt (und sich folglich ganz offensichtlich ein Leben lang krankschreiben lassen darf), der lese bitte nicht weiter. Denn jetzt beginnt ein Verriss der übelsten Sorte. Denn etwas anderes hat diese Kreation der Hölle nicht verdient.

Eigentlich steh ich überhaupt nicht auf Schwarzmalerei, enthalte mich meist bei Düften, die mir nicht gefallen. Aber DAS hier ist kein Duft (weshalb ich mich fortan übrigens weigere, ihn als Duft zu bezeichnen, aus Rücksicht auf die Gefühle der anderen 66.000 Parfums hier - nennen wir den Duft ab jetzt RTL, da Geruch und Sendeprogramm aufs Gleiche hinauslaufen). Dieses Zeug ist Vanillepudding, der im Sommer 2013 in die pralle Sonne gestellt wurde und seitdem immernoch am gleichen Platz steht. Mittlerweile sind schon zig Insekten reingekrabbelt und unverzüglich dahingerafft. Und während die in diesem Gammelpudding vor sich hin modern, kommt eine Person von ScentStory und füllt das ganze in Flakons ab. Natürlich undurchsichtig, damit man die Pampe innen nicht sieht. Kurz in der Mülltonne gekramt und etwas goldene Plastikfolie vom vergangenen Karneval entdeckt. Drumgemacht, die „24“ eines Radioweckers aus dem 1€-Laden abgepaust und ab in die Verkaufsregale. Oh schade, selbst Parfumerien wie Douglas haben einen Ruf zu verlieren und weigern sich, diese Sache anzubieten. Nachdem eine Douglas-Mitarbeiterin beim Probeschnuppern unverzüglich ins Koma gefallen ist und man mit Strafanzeige gedroht hat, läuft der Mann von ScentStory aus dem Laden und grübelt. Wie bringt er den Müll an den Mann/die Frau?

„HA!“ *schnippt mit den Fingern wie Wickie* „Da gibt’s doch diesen YouTuber, Jonas, Jeremias, oder wie der heißt. Der meinte doch mehrmals, er würde sich auch Scheiße auftragen, wenn die Frauen drauf stehen würden! [Originalaussage, Anm. d. Red.] Dem geb ich den Schrott, sage ihm, die Frauen würden tierisch drauf abfahren, nehme zum Beweis meine Oma und meine Schwester mit, die ein bisschen „Ohhhh!“ und „Ahhh!“ faken (nachdem sie sich vorher Neutralisationssalbe aus der Pathologie unter die Nase geschmiert haben) und BOOM, wird er Werbung dafür machen und ich werde reich, ahahaha, REIIIIICCCHHH!!“

Und tatsächlich schafft RTL unfassbare 7.9 in der Parfumo-Wertung. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Leute, die den Rotz bisher bewertet haben, dachten, es handele sich um ein Schulnoten-System von 1 bis 6, und die 6 war ihnen nicht genug. Wär sie mir nämlich auch nicht.

Wieso zum Teufel stehen hier keine Zahlen im Minusbereich zur Verfügung?!

Projektion und Haltbarkeit kann ich leider Gottes definitiv bestätigen. Für mich eine glatte 10! Ich hab mir einen Mini-Spritzer auf den rechten Arm gesprüht und sofort kam ein Rettungssanitäter ins Büro gestürmt, der mich fragte, wo der Patient läge. Trotz mehrmaligen Waschens bekomme ich RTL nicht von der Haut. Ich befürchte mittlerweile, dass man ihn auf meiner Hochzeit noch riechen wird (und ich habe nicht vor, in den nächsten zehn Jahren zu heiraten). Haha, meine Hochzeit! Als ob ich mit dieser Stinkbombe jemals eine Frau finden würde... Forever alone, dank 24 – das wäre zumindest ein ehrlicher Slogan!

Also, um Himmels Willen, bitte kauft euch nicht diesen Duft! Ihr könnt euch gar nicht so sehr selbst hassen, als dass ihr euch das hier antun wollen und dafür gar noch Geld hinblättern würdet!

Apropos Hass, dieses RTL hier ist perfekt für Misanthropen! Ihr möchtet eure Ruhe haben? Wollt nicht blöd von der Seite angequatscht, wie etwa nach dem Weg gefragt werden? Setzt euch eine Gasmaske auf und tragt RTL! Schon wieder das ganze Fitnessstudio voll, alle Geräte belegt? Tragt RTL und die Trainingsfläche gehört euch! Ihr gebt eine Party und die Gäste wollen partout nicht gehen? Tragt RTL und geht zehn Sekunden später in aller Ruhe schlafen. Dieses Ding ist eine bessere „Rausschmeißmusik“ im Club als jeder langsame Walzer!

Vielleicht bin ich das Ganze bisher aber auch einfach falsch angegangen und habe RTL als „Duft“ betrachtet, dabei liegt sein Einsatzzweck in einem ganz anderen Feld: der Selbstverteidigung! Zu Zeiten, wo sich alle Welt Pfefferspray und Co. zulegt und dessen Preise in die Höhe geschnellt sind, wie Helikopterpiloten, wenn sie RTL am Boden riechen, kommt 24 Gold gerade richtig! Dieses Ding ist besser als jedes CS-Gas, das ihr im Handel bekommen könnt. Eine Ladung davon auf den Angreifer und er wird laut schreiend das Weite suchen. Das Beste ist, dass ihr hier nicht einmal das Gesicht treffen müsst. Ein Sprühstoß auf die Kleidung reicht. Oder einfach auf die Litfasssäule 20 m entfernt von ihm. Kein Handy oder Portmonee, dass er euch klauen könnte, wird ihm das wert sein.

Und die Zartbesaiteten, die um Satiremagazine wie „Titanic“ immer einen großen Bogen machen, mögen mir diesen schwarzen Satz verzeihen, aber würden mehrere Menschen RTL tragen, wäre Köln nicht passiert. Eine Armlänge Abstand? Guter Witz, Frau Reker! Ein kleiner Sprühpartikel von RTL auf Haut oder Kleidung und der Domplatz gehört euch allein!

Von daher als Duft gnadenlos durchgefallen (bis ins Innere der Erde, auf der anderen Seite wieder rausgeschossen und irgendwo in der Weite des Weltalls verschwunden, wo er von Aliens gefunden wird, die aus Rache für einen neuen „Independence Day“ auf der Erde sorgen), aber als „Ich hasse euch alle und möchte auch, dass ihr das wisst!“-Ausdrucksmittel perfekt.

PS: Ich biete den Scheiß im Souk an, möchte aber niemandem raten, es zu kaufen. Nicht einmal für im Titel erwähnte Ex-Partner, die einen erst betrogen, dann den Porsche zu Schrott gefahren und anschließend das Bankkonto leergeräumt haben. So sehr kann man einen Menschen nicht hassen, als dass man ihm diesen Duft schenkt.
45 Antworten

Achilles vor 4 Jahren 70
10
Duft
7
Haltbarkeit
10
Sillage
10
Flakon

Leider geil
Es tut mir leid, doch
ich muss leider gestehen,
es gibt Düfte auf der Welt
die sind –
leider geil.

Parfums machen arm,
Konto überzogen
doch 'n fetter neuer Flakon is'-
leider geil.

Ich kauf wieder mal nen neuen,
Mama sagt 'Lass das!'
doch es entspannt mich-
leider geil.

Diagnose Psychose,
mir doch egal,
wenn man hibbelt
vor dem Auftragen-
leider geil.

„Das zieht bis hierher!“,
hörst du sie schreien,
ich sprühe nochmal nach-
leider geil.

Hab' ihn endlich drauf,
muss morgen früh raus,
versack' in 'ner Kneipe-
leider geil.

Tu doch' nicht so,
du magst es doch auch,
ich bin ein Teil von dir.
Guck dich doch um,
sieh' sie dir an,
sie sind genauso wie wir!

Ich kann gar nichts sehen
alles dunkel,
doch Sonnenbrille im Club is´-
leider geil.

Oh Gott wer ist diese Schrulle,
neben mir im Bett,
ich war wohl gestern Abend-
leider geil.

Dieser Kommentar hier
is nich' so mein Ding,
doch dieser Duft ist-
leider geil.

Ich sprühe gerne viel,
ich sprühe gerne lang,
kennen Sie Christian Dior?
leider geil.

Hör' auf zu denken,
dieser hier geht immer,
follow your instincts-
leider geil.

Schlecht für die Sammlung,
schlecht für die Umwelt,
schlecht für Tom Ford-
doch leider geil!

Schlecht für die Börse,
schlecht für die Nordsee,
schlecht für die Wahrheit-
doch leider geil!

In diesem Kommentar
hat sich gar nichts gereimt,
hat niemand gemerkt....!
leider geil.

(Ich hoffe, jemand von *Deichkind liest das nie ;D)
29 Antworten

Turandot vor 4 Jahren 69
8
Duft
7.5
Haltbarkeit
7.5
Sillage
7.5
Flakon

Zurück in die Zukunft?
Chyprefans haben es derzeit ja nicht leicht. Die Duftrichtung entspricht so gar nicht den aktuellen Trends und viele der klassischen Chypres hätten wohl heute auch gar keine Chance auf dem Markt.
Umso erstaunlicher ist es, dass eben doch neue Parfums auftauchen, die gegen den Strom schwimmen. Wer Scherrer aus alten Zeiten kennt, wird wie ich sicher erst mal skeptisch sein, ob das funktionieren kann. Wird die Marke nun eine neue Klientel bedienen, oder alten Wein in neuen Schläuchen präsentieren. Ich denke: Weder noch oder sowohl als auch.

Mit One Love ist ein Parfum gelungen, das die Parfumliebhaber entzücken könnte, die sich nach den sauberen, strahlenden, hellen Chypredüften sehnen und gut und gerne auf Vanille, Patchouli, Amber und den restlichen vorderen Orient verzichten können. Andererseits wirkt es überhaupt nicht überholt und biedert sich nicht mit Vintage-Anmutung an. Es ist wirklich ein moderner, transparenter Chypreduft mit einem feinen leisen Lächeln.
Spritzig und blumig im Auftakt, ist das Thema der Herznote zartgrün, seidig-pudrig und von einer schlichten Raffinesse, die mich begeistert. Die Basis ist mit das Schönste, das ich in letzter Zeit bei neuen Düften erleben konnte, denn sie spinnt den roten Faden weiter, der eben ohne süße und opulente Noten auskommt und doch Eleganz vermittelt, auf meiner Haut übrigens über Stunden. Es gibt keine Brüche im Verlauf, der Duft entwickelt sich spannend aber irgendwie logisch. Klingt seltsam? Ich meine damit, dass sich das Parfum auf der Haut gar nicht anders entfalten kann, als es das tut. Es ist stimmig, perfekt und das ohne deshalb langweilig zu sein, im Gegenteil. Man war auf dem Weg und ist angekommen.

Der besagte rote Faden hat mich noch zu einem anderen Ziel geführt, denn mir kam One Love seltsam vertraut vor, obwohl ich wusste, dass ich den Duft noch nicht kannte und er mich auch nicht wirklich an ein anderes Parfum erinnert. Jedoch hat er eine mir vertraute Harmonie, eine Stimmung, eine Wellenlänge, in der ich mich sofort zu Hause fühle. Es hat ein bisschen gedauert, bis mir auffiel, dass ich wieder einmal dem Stil eines Parfumeurs auf die Schliche gekommen bin, denn Thomas Fontaine zeichnet sowohl für die neuen Düfte von Le Galion verantwortlich, als auch für Diverses aus dem Haus Patou und Lubin. All das sind Marken, die ich liebe, in die ich gerne eintauche und ich freue mich deshalb, dass es doch auch wieder Chypreparfums gibt, die nicht nur von alten Zeiten erzählen, sondern mit Fug und Recht in die heutige Zeit passen - allen Oud- und Vanillehypes zum Trotz.

Ich vermute, One Love wird nicht das einzige Parfum von Thomas Fontaine bleiben, das auf meiner Wunschliste landet.
28 Antworten

MelBushman vor 4 Jahren 63
9
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Brust oder Keule?
Hier im Süden brennt die Sonne schon frühmorgens wie ein gelber Pfirsisch vom Himmel, als ich eine SMS meines Freundes Karl auf dem Handy finde: "Badesee? Um 12:00?"
Warum nicht, ich habe seit heute Urlaub, 3 faule Wochen liegen vor mir.
Also, rein in die Badehose, das Notwendige in die Badetasche gepackt, ein Spritzer Creed in den Nacken: Badewonnen in der Sonnen, Bushman kommt!
Von Limettenduft umweht werfe ich mich an den Badestrand des naheliegenden Sees und döse mit geschlossenen Augen in der Sonne.
"Könnten Sie mir den Rücken einölen?" Ich blinzle mit zusammengekniffenen Augen in die grelle Sonne.
"Bitte!"
Nun sehe ich sie: Schwarzes glattes Haar bis zur Hüfte, ein Nichts von einem Bikini, schräge dunkle Augen und 2 Reihen blitzweißer Zähne.
Volltreffer, ich fühle mich wie einst Marlon Brando auf der Bounty.
Als ich das intensiv duftende Kokosöl auf ihren Rücken einmassiere, sauge ich den süßen Jasminduft ihrer Haare ein. Im Hintergrund spielt ein unsichtbares Radio "Summer wine" von Nancy Sinatra.
Sie dreht sich um, ihr schönes Gesicht ist nun ganz nah. Als sie den Mund öffnet glaube ich, weißen Rum riechen zu können. Hatte sie sich Mut angetrunken?
Als ich sie küssen will, wendet sie sich lachend ab und beißt mir spielerisch in den Oberarm. Aua! Ich versuche den einsetzenden Schmerz zu ignorieren, als sie mich aufs Ohrläppchen küsst und leise wispert: "Brust oder Keule?"
Da ich nicht genau weiß, was sie damit meint, halte ich meine Augen geschlossen und belasse es bei einem genießerischen Grunzlaut.
Als ich sie nun endlich küssen will, bemerke ich, dass dieser köstliche Kokos-Jasmin-Rum- Tropen-Cocktail von einem anderen, weit profaneren Geruch verdrängt wird: Der Geruch gerösteter Haut!
Im gleichen Augenblick brüllt sie mich nun deutlich lauter an: "Brust oder Keule?"
Was???
Verstört reiße ich die Augen auf und sehe bleiche, haarige Beine, die zum meinem Freund Karl gehören. Er hält einen Teller in der Hand, den er steif von sich hält, als wolle er eine Kollekte abhalten.
"Sag mal, pennst du? Ich hab uns vom Hendl und Haxen ein halbes Hähnchen mitgebracht! Was willst du denn nun? Brust oder Keule?"
Verwirrt sehe ich mich um. neben mir liegt eine Mutti mit 2 Kleinkindern aus deren Kofferradio der SWR1 Moderator unerfreuliche Nachrichten in den Äther plärrt.
Ich sehe Karl an, der inzwischen befremdet meinen Oberkörper inspiziert. Ich halte meine Badetasche aus Nylon fest an mich gepresst und auf meinem Oberarm leuchtet ein fetter Insektenstich .
Ermattet und verwirrt lasse ich meinen Kopf wieder auf das Badelaken sinken während Limetten und Kokos dem Hähnchenduft trotzen und flüstere mit heiserer Stimme: "Brust! Bitte!!"
14 Antworten

Can777 vor 4 Jahren 63
10
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
9
Flakon

Der Sonnensturm
Heute schreibe ich über einen Duft,der nicht mein eigener ist.
Er heißt Sunshine,und er gehört meiner Frau.
Würde man die Seele meiner Frau extrahieren und ein Parfum daraus machen,würde es mit aller größter Wahrscheinlichkeit so duften wie Sunshine.
Keiner der mir bekannten Düfte,könnte ihre Aura so treffend skizzieren wie dieses Parfum.
Es gibt Düfte die nur auf der Oberfläche bleiben und es gibt Düfte die bis tief in deine Seele gehe,wenn du sie riechst,....Sunshine ist so ein Duft.

Sunshine ist für mich der schönste Sonnensturm den eine Frau entfachen kann.
Ein duftendes,leuchtendes Geschöpft aus Licht und Wärme.
Eine Sillage aus purer Sonnenenergie und Weiblichkeit.
Extrem anziehen,sinnlich und positiv,mit sehr viel sexyness.
Sunshine ist kein aggressiver-animalischer und fordernder Duft,...Nein.
Sunshine symbolisiert für mich ewige Jugend,Verspieltheit und tiefste Herzenswärme einer Frau,...meiner Frau!

Jede der Duftnoten gleicht einer Sonnen-Eruption.

In der Kopfnote dampft es nach Mandel und süffigen Johannisbeeren und süßen Likör.

In der Herznote kommt ein heißer Stoß aus Osmanthus und Vanille hinzu.

In der Basisnote explodiert der Duft förmlich,und setzt ein Feuerwerk aus zarten Tabakrauch und feinen Patchouli frei.

Was die Sillage angeht,so reicht sie weiter als mancher Sonnenstrahl.
Was die Haltbarkeit betrifft,von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Der Flakon ist so gelb und schön,wie eine Sonnenblume die auf der Sonne wächst.

Meine Frau liebt ihn abgöttisch,und wenn sie ihn aufträgt lächeln ihre Augen,ihr Mund und ihre Seele.
Er macht sie immer glücklich,....so wie sie mich!
Sie ist mein Sunshine,und sollte ich mal einsam und traurig sein würde dieser kleine,gelbe Flakon mein Herz erwärmen und mich trösten,....mit Sicherheit!
18 Antworten

loewenherz vor 4 Jahren 62
7
Duft
7
Haltbarkeit
5
Sillage
5
Flakon

Like Petting in the Partykeller
In den 80ern - der Geburtsstunde des ersten und echten Poison, Inbegriff des schwülschweren Duftes einer männermordenden Femme fatale, die Liebhaber erst auf ihr Lager lockt und dort dann zwischen ihren Schenkel wie ein Insekt zerquetscht - war in Jugendratgeberforen (damals noch ausschließlich in Printmedien) oft von 'Petting' zu lesen, einer frühen und irgendwie unschuldigen Form von Safer Sex. Grundtenor: man könne ja mit seinem Traumboy (oder –girl) erst mal nur ein bisschen fummeln, ehe es 'richtig zur Sache gehen muss', wurde uns damals geraten – dann gibt es nämlich später keine Tränen, und es muss auch niemand überstürzt nach Holland fahren, so das Versprechen. Petting hatte seinerzeit etwas gleichermaßen niedlich Harmloses wie irgendwie Klemmiges – denn im Grunde wollte man ja endlich Fakten schaffen. Um Missverständnissen vorzubeugen (auch wenn das wohl 'too much information' ist): es war und ist nichts auszusetzen am Rumfummeln – ganz im Gegenteil – aber irgendwann kommt dann eben doch der Moment, in dem man leicht ungeduldig raunzt: 'Und der Schlüppi bleibt jetzt an oder was?'

Ähnliches ist man versucht, der neuen kleinen Schwester des legendären Original-Poisons zuzurufen – klein und rund und rosa und im selben (nur eben anders eingefärbten) bekannt-berüchtigten Flakon, in den das Haus Dior bisher all seine Giftwässerchen abfüllte. Nichts von der lasziven Verwegenheit (die man mögen kann oder auch nicht) des großen purpurroten Bruders findet sich in Poison Girl, der wie die runden Plastikbeulen einer Barbie nur andeutet, wo etwas sein sollte. Der Auftakt ist frisch und (halb-)synthetisch-blumig, um sich dann puderzart herabzusenken und ein vanillig-warmes Finish auf der Haut zurück zu lassen - zu sanft und zu gefällig, um irgendjemandem ernsthaft zu missfallen. Diese warmsüße Note zieht sich durch seinen Duftverlauf wie ein rosa Faden - und einen solchen gibt es! - und bleibt als vages, aber merkliches Zitat des 'echten Poison' durchgehend vorhanden - was man als wenig kreativ bemängeln kann, aber durchaus nicht ungelungen ist. Kein großer Duft - niemand hat das ernsthaft erwartet, oder? - doch aus dem Wesen von Poison, dieser olfaktorischen Kriegsgaleere, einen jugendlich-zarten Duft zu machen, der harmlos ist im besten Sinne und jenseits impertinenter Billigkeit, verdient zumindest Anerkennung.

Fazit: ein Duft für das Mädchen mit nassglänzendem Erdbeerlipgloss, das im Unterricht gelangweilt unter dem Tisch mit seinem Smartphone spielt (mit rosa glitzerndem Gehänge dran) und sich beim Abchecken von Jungs auf Tinder aufgeregt eine Strähne nach der anderen splissig kaut. In Anlehnung an die Namen der drolligen Drogeriemarktwässerchen für Teenager – ein Parfum 'like Petting in the Partykeller'. Mädchen statt Weib. Fummeln statt Beischlaf. Überhaupt nicht schlimm.
19 Antworten

loewenherz vor 3 Jahren 62
8
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
7
Flakon

Winter 1946
Es war Weihnachtstanz im Dorf gewesen - hinten bei den Kasernen, wo die französischen Soldaten wohnten. Sie hatte nicht gewagt ihre Mutter zu bitten, ob sie hingehen darf - die Antwort wusste sie, ohne dass sie darüber sprechen mussten. Aber als der Soldat mit den blauen Augen, der ihr schon manchmal zugezwinkert hatte, sie auf dem Marktplatz gefragt hat, ob sie kommen würde, hat ihre beste Freundin auf sie eingeredet, dass sie gehen soll. Und sie hat ein Stück Taft gefunden und einen neuen Kragen davon auf ihr bestes Kleid genäht.

Sie schlich durch den Keller zurück ins Haus. Im verschossenen, abgetragenen Wollmantel ihres Vaters mit Flicken auf den Ellbogen, darunter das alte Kleid mit dem Taftkragen. Es war eiskalt im Flur und die Treppe hinauf in den ersten Stock, vorbei am Schlafzimmer der Mutter und ihrer Schwestern, die unter allen Decken schliefen, die sie hatten. Sie konnte ihren Atem sehen, als sie den Mantel an den Haken hängte. Und in der Manteltasche fühlte sie das kleine Fläschchen, das kostbarer war als alles, was sie geglaubt hatte, jemals zu besitzen.

Es war winzig und sah aus wie mit flüssigem Sonnenlicht gefüllt. Sie konnte sehen, dass es aus Frankreich kam, aus einem Geschäft in Paris. Und die goldfarbenen Tropfen darin dufteten so herrlich, wie sie noch niemals etwas hatte duften riechen. Da war eine köstliche Wärme, waren Sommerblumen und dunkle, unendlich tröstliche Vanillesüße - ein Duft wie eine Liebkosung, ein lange ersehntes Ausatmen nach langer Zeit. Einen Tropfen davon hatte er auf ihr Handgelenk getupft - und dann ihre Finger sanft um das Fläschchen geschlossen.

Der Duft erzählte ihr von einer Welt mit Wein und Kuchen, mit geheizten Wohnzimmern und feinen Herren, die feinen Damen Blumengebinde schickten - einer verlorenen Welt vor dem Krieg, an die sie sich kaum erinnern konnte, neunzehn Jahre alt, wie sie war. Und er hat seine warmen, weichen Lippen an ihre kühle Hand gedrückt und sie gebeten, dass sie das kleine Fläschchen behalten soll. Und dann hatte sie seinen Kuss erwidert - im Halbdunkel zwischen den Lastwagen, wo das Licht aus dem beleuchteten Saal nicht hinreichte.

Am nächsten Morgen war der süße Duft noch immer auf ihrer Haut. Als ihre Mutter in ihr Zimmer kam, und das kleine, goldfarbene Fläschchen auf der Kommode stehen sah. 'Eine Dirne bist du.' hat sie gesagt - und dass sie nicht bedauern könnte, wenn man ihr auf dem Marktplatz den Kopf abscherte, 'wie man das macht bei solchen wie dir.' Und dann hat sie das Fläschchen aufgemacht, und die restlichen Tropfen über ihr ausgeschüttet, 'damit auch jeder riechen kann, was du bist!' Und sie haben nie wieder davon gesprochen.

Siebzig Jahre später sitzt sie alleine am Fenster. Die Wintersonne scheint schräg in den Raum, sie hat eine Wolldecke auf dem Schoß, weil es trotz der Zentralheizung so kalt ist. Und in ihren schmalen Händen hält sie eine kleine Flasche Shalimar. Benutzt hat sie ihn seit Jahren schon nicht mehr - wird sie auch nicht - aber wenn sie den Deckel vorsichtig aufmacht, ist alles wieder da. Der Taftkragen auf dem verschlissenen Kleid. Der beleuchtete Saal. Und der junge Soldat und seine warmen Lippen auf ihren Händen und auf ihrem Mund.

Fazit: es mag eine Handvoll Parfums geben, die solche Geschichten erzählen können. Mehr nicht.
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