Top Kommentare - 2017

FabianO vor 3 Jahren 117
8
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Vom Blog zum Kommentar - 9 Wege des Beschreibens nach DaveGahan101
Lässt sich die herrliche Liste an Kommentarstilen, die DaveGahan101 so umjubelt erdacht hat, in einem Kommentar zur Anwendung bringen und ausführen? Ich versuch´s mal mit einer Auswahl, ein Amouage bietet sich aufgrund seiner Prachtfülle ja per se dafür an.

a) Emotionaler Kommentar ("verhaltensauffällig"): Wow. Platt. Das bin ich. Ich könnte heulen, so schön hat es Amouage mal wieder geschafft, mich einzuebnen. Orient, wohin das Auge schaut. Safran. Eine dicke Wachsschicht. Ich schmelze dahin. Saftige Orangen, weit weg, aber trotzdem. Ich kriege obstige Gänsehaut....

b) Kommentar mit Einleitung und Geschichte ("zu wenig über den Duft"): Es gab da mal einen Mann. Nennen wir ihn einen modernen Sultan. Hadschi Buzzini. Angekommen in der Moderne, aber in seiner familiären Tradition eng verwurzelt. Man erkennt es an seinem Modestil. Morgens um 8 steht er auf und spaziert erstmal durch seinen Garten. Ein herrlicher übrigens, Orangenbäume stehen da. Um 9 Uhr trinkt Hadschi Buzzini einen Tee. Die Orangenschalen kocht er mit. Er mag das Wachsige daran. Seine Frau.....

c) Sachlicher und knapper Kommentar ("phantasie- oder emotionslos"): Angenehm unaufdringlicher, zart wächserner Duft. Moderat orangig, mit Safraneinsprengseln zum Orient hin verschoben. Schick.

d) Kommentar mit persönlichem Erlebnis ("gehört nicht "hierher""): Ich saß gestern in der U-Bahn und hörte die neue CD von Anouar Brahem. Kennt den jeder? Toller Oud-Spieler. Orient pur. So flüchte ich aus meinem stressgeplagten Berufsalltag. Neben mir nimmt ein sehr gepflegt aussehender junger Mann Platz. Cashmereschal, Mantel, braune Budapester. Und als wollte das Schicksal meine musikalische Flucht in arabische Weiten olfaktorisch untermalen, weht von ihm plötzlich ein ganz sanfter, frühlingshafter, aber irgendwie doch uneuropäischer Hauch eines Parfums herüber.....

e) Chemisch basierter Kommentar ("zu analytisch"): Wächsern und zugleich fruchtig - das mag daher rühren, dass Amouage hier Elemiharz (C20H32O), auch Ölbaumharz genannt (lat.Resina elemi), in nennenswerter quantitativer Dosierung eingefügt hat. Orangenöl, zu 90 % aus Limonen bestehend, trägt zu zweitgenannter Aromatik bei....

f) Kommentar mit dem Wort "Döner" und "fetter 3er BMW" ("intolerant, "schlichter Schubladendenker""):
Also, ein Duft für 3er-BMW-Fahrer (ich meine die getunten) ist das tendenziell eher nicht. Dafür ist der Duft zu elegant, zu zurückhaltend, zu vornehm. Ihm fehlt das Laute, Krachmachende, mit dem man auch bei seinem täglichen Besuch in der Dönerbude gegen Knoblauch und würziges Fleisch ausreichend anstinken kann....

g) Kommentar, wie einem der Schnabel gewachsen ist ("Troll oder "Asi"): Ihr könnt mich alle mal gern haben. Echt jetzt. Geiles Teil. Is so. Nicht gerade richtig für´n kleines Portemonnaie, das Orient-Zeug. Aber seine Asche wert. Quasi wie "Lawrence von Arabien" auf DVD gucken, würd ich meinen. Jau. Nicht anders. Vielleicht mehr so 2.0.

h) Kommentar selbstbewusst ("arrogant oder überheblich"): Ich hab nun schon wahrhaftig viele Amouages gerochen und auf Herz und Nieren geprüft, insofern weiß ich, wovon ich rede. Speerspitze sind und bleiben auch nach "Beloved Man" ganz uneinholbar "Memoir Man" und "Jubilation XXV", da beißt die Maus keinen Faden ab. Definitiv ein guter, aber eben kein sehr guter. Das ist so.

i) Kommentar aalglatt und es jedem recht machen wollend ("alles in Ordnung"): Ich persönlich - aber das sehe auch vielleicht wirklich nur ich so und es hat wirklich keinerlei Allgemeingültigkeitsanspruch - mag "Beloved Man" gerne. Gerne heißt jetzt nicht "immer gerne". Morgens kann er auch mal zu viel sein. Was nicht heißen soll, dass ich diejenigen beleidigen möchte, die ihn schon nach dem Aufstehen benutzen....
42 Antworten

Yatagan vor 3 Jahren 82
10
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon

Mein letzter Besuch in der Parfümerie Jeanette
In einer hübschen Stadt im mittleren Westen der Vereinigten Staaten von Deutschland liegt eine Parfümerie, die sich durch einen bemerkenswerten Umstand von allen anderen unterscheidet: Sie wird mit außergewöhnlicher Leidenschaft und Kompetenz von einer über 80jährigen Dame - allein - geführt.
Die Dame, nennen wir sie Jeanette nach dem Namen ihrer Parfümerie, beriet in einzigartiger Weise ihre Kunden und wurde damit zur Legende weit über die Grenzen der mittelgroßen Stadt hinaus: Sie war stets fest davon überzeugt, dass sie nach einem kurzen Studium des Typs, der Kleidung und des Auftretens eines Käufers einen individuell passenden Duft aus ihrem Fundus (viele Raritäten, alte Guerlains, Carons, Boucherons, Balenciagas, aber auch einige wohl ausgewählte neuere Düfte von Rancé, Piguet usf.) finden könne. Tatsächlich war ihre Treffergenauigkeit nachgerade erstaunlich. Mehrfach beriet sie mich überzeugend und ich kaufte Düfte, die ich anfangs gar nicht in die engere Wahl genommen hätte - und bereute es nie!

Vor vielen Jahren, es könnte vor annähernd zwei Jahrzehnten gewesen sein, empfahl sie mir nach einem längeren Gespräch Mouchoir de Monsieur. Damals kaufte ich ihn nicht, verstand ihn nicht, vergaß ihn lange Zeit, aber erinnerte mich an ihn, als ich hier auf Parfumo aktiver wurde und meine Sammlung vergrößerte. Nachdem ich die wichtigsten Herrenklassiker von Guerlain in meiner Sammlung hatte, fehlte noch Mouchour de Monsieur. Vielleicht würde der Duft immer noch fehlen, wäre ich nicht von einer aufmerksamen Leserin der Lokalzeitung jener Stadt darauf hingewiesen worden, dass Frau Jeanette schließen müsse, weil das Haus, im dem ihr Ladengeschäft liegt, abgerissen werde. Um das Haus ist es nicht schade. Es handelt sich um einen gesichtslosen sanierungsreifen 70er-Jahre-Bau ohne Charme. Traurig aber, dass Frau Jeanette nun ihre Kunden nicht mehr beraten kann. Mit über 80 müsse nun Schluss sein, so sehr sie das abrupte Ende bedaure, hätte sie doch gerne noch ein paar Jahre weiter gemacht, bliebe das Haus nur erhalten.

Mein letzter Besuch hatte vor allem ein Ziel: jenen Duft, den sie mir vor wenigstens 15 Jahren empfahl, endlich zu kaufen, und zwar natürlich bei ihr - und nur bei ihr. Auf Nachfrage hatte sie tatsächlich noch einen klassischen Guerlain-Bienenkorb-Testflakon im Schrank versteckt, ziemlich neu und gut gefüllt, den ich zu einem vernünfitgen Preis erstehen konnte.
Nun steht auch Mouchoir de Monsieur bei mir zu Hause. Hüten Sie ihn gut und erinnern sie sich an mich, sagte sie mir zum Abschied. Mir blieb nichts weiter übrig als Jeanette alles Gute zu wünschen.

So verschwinden die letzten inhabergeführten Parfümerien aus deutschen Städten und Großstädten, in diesem Falle auch noch mit einer geradezu einzigartigen Auswahl alter Schätze. Das bedauern sicher nicht nur Nostalgiker.

Mit Mouchoir de Monsieur verbindet mich eine seltsame Leidenschaft. Vielleicht mag ich ihn deshalb so gerne, weil mir ausgerechnet Jeanette diesen Duft vor langer Zeit empfahl? Schließlich ist er doch sperrig, aus der Zeit gefallen, heutzutage schwer tragbar. Die Lavendelnote wird von einer animalischen Basis eingerahmt, ich würde Zibet vermuten, auch wenn es nicht angegeben ist. Im Kontrast dazu stehen die süße, liebliche, etwas schwere Vanille - und vielleicht das Eichenmoos, einstmals natürlich das echte (bei meinem damaligen Besuch sicher noch). Darüber hinaus sind die charakteristischen Bestandteile der Guerlinade enthalten, hier jedoch nicht so sanft wie in vielen Damendüften von Guerlain (Rose, Bergamotte, Tonkabohne, Vanille, Jasmin sowie diverse Gewürze wie Zimt; sehr typisch in Shalimar oder Habit Rouge). Das alles ist jedoch mehr als seine Teile: der Duft ist rau, erdig, sperrig, altertümlich, kantig. Eine etwas weichere Unisex-Verwandte ist das legendäre Jicky, das ich immer sehr ähnlich wahrnehme und das ich zum Vergleich empfehle.

Nun steht der Flakon im Schrank und ich werde mich also erinnern.
Die Parfümerie jedoch ist geschlossen. Der Vorhang gefallen.
47 Antworten

loewenherz vor 3 Jahren 76
8
Duft
6
Haltbarkeit
6
Sillage
8
Flakon

Drei Monatsgehälter
Heute Mittag war ich spontan mit zwei Kolleginnen beim Lunch. Beide sind Ende zwanzig, studiert und blond und attraktiv - und beruflich wie auch - das hab' ich während des Mittagessens festgestellt - privat sehr ehrgeizig. Eine von ihnen erzählte, dass sie glaubt, dass ihr Freund ihr wohl demnächst die Frage aller Fragen stellen könnte. Und ich dachte kurz daran, ihr für den großen Tag Guerlains Le Plus Beau Jour de Ma Vie ans Herz zu legen. Aber dann erzählte sie, dass sie ihn - damit er auch keinen Blödsinn macht - jüngst noch mal an die 'Drei Monatsgehälter-Regel' erinnert hätte. Ich kannte diese Regel zugegebenermaßen nicht - zumindest nicht als ein Werkzeug der Gegenwart - und wurde etwas mitleidig - als lebte ich unter einem Stein - belehrt, dass der Verlobungsring drei Monatsgehälter des Mannes kosten müsse. Das käme daher, weil man sich nach dem Eheversprechen ja einander womöglich schon hingäbe - vorher nicht? I don't think so - und falls er einen dann doch sitzen ließe, sei man ja 'angeschlagene Ware' und hätte dann als kleines Goodie wenigstens den Ring. Und ich legte den Kopf leicht schief und musterte die beiden und dachte: 'Deutschland 2017 - wow.' Und ich war froh, dass ich ihr doch nicht von Guerlain und seinem schönen Hochzeitsduft erzählt hatte.

Genau kann ich mich nicht an den Preis von Le Plus Beau Jour de Ma Vie erinnern, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es deutlich unter fünfhundert Euro waren - und mithin weit entfernt von den Ansprüchen der beiden jungen Damen. Und ich weiß noch, wie ich während seines Testens dachte - in diesem Frühling in einem Guerlain-Store in Paris - was für ein wunderbares Verlobungsgeschenk die hübsche kleine Flasche mit dem Pumpzerstäuber doch sicher wäre. In meinem Kommentar zu Le Bouquet de la Mariée hab' ich den Duft beschrieben - Extrait und Eau de Parfum unterscheiden sich für mich nur kaum - es ist ein Parfum voll Zärtlichkeit und Lebensfreude und voll Überfluss. So leuchtend wie jubilierender Zucker und lebhaft wie weiße und zartrosa Schmetterlinge - und ganz unschuldig und einer, der nichts wissen will von 'drei Monatsgehältern' und von 'angeschlagener Ware', sondern nur von einem Versprechen für ein ganzes Leben - in guten wie in schlechten Zeiten - von Lachen und von Küssen vor dem Traualtar, von zahmen Tauben und von Rosenbögen, von klirrenden Champagnergläsern und von stolzen Eltern - die Brautmutter in Abricot, die Bräutigamsmutter in Flieder oder Blasstürkis - und der allerbesten Freundin, die am Schluss den Brautstrauß fängt.

Fazit: ein bisschen tat der zukünftige Bräutigam mir beinahe leid. Doch sicher ist es so ein blondgelocktes Bürschchen mit Barbourjacke und mit Jagdlizenz - und das Mitleid gab sich wieder. Und wenn sie im nächsten Frühling mit ihm und ihrem Einkaräter von Maximilianstraße, Goethestraße oder Neuem Wall vor den Altar tritt, wird sie nichts wissen von Guerlain und seinem schönen Hochzeitsduft. Und das ist gut.
27 Antworten

Yatagan vor 2 Jahren 76
8
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Wie Du jede betriebliche Weihnachtsfeier sprengen und den Abgang aus deiner Firma vorbereiten kannst!
Deine Chefin geht dir bereits seit geraumer Zeit mit ihrem Hang zu Tuberosedüften auf die Nerven (und da sie eher einfallslos ist und sowieso dazu neigt, alle Projekte zu versemmeln, trägt sie seit Jahren nur Poison bei der Arbeit)?
Trage Slowdive, denn in dieser wüsten Mixtur ist Tuberose noch der harmloseste Blumenduft und die Kombination mit Orangenblüte und Trockenfrüchten ist so wuchtig, dass deine Chefin so blass wirken wird wie ihre inhaltlichen Vorschläge!

Dein Teamleiter ist seit geraumer Zeit von Zigaretten auf Zigarillos umgestiegen und geht nun allen mit seiner aufgesetzten Weltläufigkeit auf den Wecker (hinter der nicht viel mehr steckt, als dass er im Supermarkt an der Kasse schnell noch ein paar Standardzigarillos einsteckt)?
Trage Slowdive, denn die Tabakblüte in Kombination mit den dichten Harzen lässt in deiner Gegenwart kaum noch Luft für den dezent-elitären Geruch von Zigarillorauch im Jacket aufgeblasener Vorgesetzter!

Deine neue Kollegin macht sich gerade daran, mit viel zu kurzen Röcken, dummerweise aber auch mit Kompetenz an dir vorbei zu ziehen, und dir die lang erschleimte Beförderung streitig zu machen (obwohl Du doch bereits seit über 10 Jahren in der Firma schuftest)?
Trage Slowdive, denn die wächserne Note, die wie Honig ohne Süße erscheint, wird dich im Delirium über alle Enttäuschungen hinweg tragen!

Du kannst dir aber auch einfach das ganze Gerenne im Hamsterrad schenken, schaltest im kommenden Jahr einen Gang zurück und konzentrierst dich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Freundschaft, Liebe, Familie, Freizeit, Transzendenz und Ruhe mit mehr Zeit für dich selbst!
Trage trotzdem Slowdive, denn es schenkt dir eine Dufterfahrung, die außerhalb deiner bisherigen Vorstellungen liegt.

Ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest wünscht
Yatagan
35 Antworten

Achilles vor 3 Jahren 73
7
Duft
6
Haltbarkeit
4
Sillage
10
Flakon

"Demontage" eines Mythos
100 ml / umgerechnet 2900 €. Maliziöse Zungen behaupten, Roger Dove hätte nicht mehr alle beisammen, was seine Preispolitik angeht und hiermit sprengt er sich wohl selber noch um einiges mehr in einen für uns abstrakten Dualismus von vermeintlichem Genie und (na ja) Wahnsinn.

Mit Enigma pour Homme erschuf er für mich einen maßgeschneiderten Duft, das kann ich wirklich so sagen. Die Marke an sich und seine übrigen Kreationen machen bei mir üblicherweise keine allzu guten Schnitte mehr, zumindest hat glücklicherweise kein "zweiter Enigma" meine Liebe gewonnen. A Midsummer Dream schaffte es in die Sammlung, Britannia und Diaghilev sind schöne Handwerkskunst, den Rest finde ich olfaktorisch, zum geforderten Preis und auch qualitativ einfach nicht ansprechend genug, einen Kaufreflex auszulösen.

Auf "Roja" aber war ich mehr als gespannt. Ist vielleicht auch einfach so ein Preis, der dann einfach diese Wirkung hat, herausfinden zu wollen - was da nun so besonders dran ist und was diesen Preis rechtfertigt. Hier kann ich schlicht sagen: nichts.

Der Duft ist beileibe nicht schlecht, er ist gut gemacht und man riecht die rojatypischen pudrig-kreidigen Akkorde zum Auftakt, wie sie schon in Britannia aufkamen und ganz intensiv nach Waschmittelverpackung (innen, noch mit weißem Pulver) riechen. Eine klare Rose schwingt mit und sorgt für einen distinguierten und selbstbewussten Duftanfang. Die Gewürznelken-Iris-Kakao Mischung gesellt sich alsbald dazu, wie in Britannia. Hier fehlt nur Vanille und der Pfirsich. Irgendwann zur Basis hin geruht Durchlaucht Amber hocharrogant, eine kurze Audienz zu gewähren, macht sich aber mit Hofdamen: Jasmin und Ylang-Ylang, eifrig auf und davon. Die beiden letzteren sind ungemein schüchtern, wirken eher wie die zwei hässlichen Schwestern Hybris und Nemesis im Roja-Gesamtkontext.

Was noch einfach wirklich unverzeihlich ist, ist die kaum vorhandene Sillage. Der Duft ist einfach nach 15 Minuten hautnah. Nach 15 Minuten. Roja betont auf seiner Seite, die dominierenden Einzelteile seien unter anderem Zimt und Rose, nun...Kurkdijan macht eine schönere Zimt-Rose mit Lumiere Noire pour Homme, und das zum Bruchteil des Preises, ohne ihm hier wieder eine Hommage zu widmen, es ist nur der Vergleich für mich. Die Rose ist anfangs kurz da, Zimt fehlt komplett.

Dem 2900€ - Roja fehlt einfach der Geist, die Seele, es fehlt auch nur der Hauch eines gewissen Etwas. Es ist ein solider blumiger Puderduft mit einer erzwungenen Außenwirkung, der der wahre Kern einfach nicht gerecht werden kann.
Mit dem hinzukommenden Anspruch einen solchen Preis zu verlangen, wirkt der Duft leider schon eher wie Slapstick a la "Floral & Hardy" anstatt wie eine große Show. Wäre dies ein Duft in der Preiskategorie bis 200 €, fänden ihn die meisten, inklusive mir, auch immer noch überteuert und ich bin sicher, der Duft wird nicht nur bei mir einige Ernüchterung auslösen. Unterm Strich ist es aber das Beste, was mir passieren konnte.
43 Antworten

Achilles vor 3 Jahren 72
8.5
Duft
10
Haltbarkeit
10
Sillage
5
Flakon

Eskalationsästhetik
"Kinski". Was ist denn das fürn Scheiß? Da fehlt doch schon mal der Artikel. Es sollte doch heißen "Der Kinski", oder nicht? Analphabeten...! Crétin, crétin, vraiment crétin!
Aldehyde, Bibergeil, Bergamotte, Leder, Schwarze Johannisbeere....was ist das...?
Cannabis, Vetiver, Benzoe, Labdanum, Patchouli....ja fällt euch denn gar nichts anderes ein....und könnt ihr euch denn nicht vorstellen, dass soviele Duftnoten durcheinander, dass die dermaßen laut sein können, und dass ein Mensch, der hier 300 davon auseinander halten muss, dass wenigstens eine einfach mal die Schnauze halten muss?!
Wenn ihr es nicht versteht, dann lasst es euch von irgendjemandem mit dem Hammer eindämmern!
...diese Duftnoten sind teilweise so eingetrampelt, dass man mit ihnen die Wände streichen könnte! Ist das jetzt hier eine Massenveranstaltung, weil dann halte ich den Mund...Moment, so geht das nicht, haben Sie das verstanden oder nicht?! Für wen mache ich das hier, für das Publikum oder für mich, oder für Sie? Ich arbeite hier, Sie stören mich!!

Muskat? Rose, maritime Noten!? Ihr existiert überhaupt nicht für mich! Vollkommen schwachsinnig, auf solche Fragen kann ich nicht antworten. Das sind alles nur halbe Sachen, ich ändere das mal....ich mache einen Wirbel in Amerika, wirst du ja sehen! Ich sage jetzt was ich rieche, runter damit und aus!
Oh, Bibergeil! Schrei ich, oder schrei ich nicht!!! Der Moment ist überhaupt gekommen wo ich Dir in die Fresse haue! Diesmal schlage ich dir in die Fresse, da kannste dich drauf verlassen du! Du dumme Sau!
So wie den Cannabis- ich schlag dich zusammen du, wenn du zu frech wirst!
Den muss man einsperren weil der nicht mehr normal ist, dieser Wacholder, schafft den weg, schafft den hier weg!
Leder und Vetiver, ich werde euch auf eure Plätze zurück verweisen, wo ihr hin gehört! Das Zusammenspiel ist so bescheuert, dass es sich nicht mal über die Konsequenzen klar ist, so bescheuert ist das! Und wenn ich will, dass davon die Vögel tot vom Baum fallen, dann fallen die Vögel tot vom Baum! Der Duft ist einen Kopf größer als ich. Das kann sich ändern! Die Haltbarkeit beträgt mindestens 155 Jahre. Ich weiß genau wovon ich rede! Ich gehe sofort nach Hause, ich fühle mich provoziert, so ein Quatsch hier! Dabei bin ich ganz leicht zu behandeln, in dem man vorsichtig mit mir umgeht!

Sie müssen von mir lernen!!! Roja Dove, François Demachy, auch ein Tom Ford! Und Sie werden es auch tun mein Lieber! Das werden wir ja erleben,das werden wir ja sehen! Das werden wir ja sehen! Du dumme Sau!



31 Antworten

FvSpee vor 3 Jahren 68
7
Duft
7
Haltbarkeit
6
Sillage

Die Ritter der Ananas - Eine Abrechnung
Engel 1: Lass es. Schreib diesen Kommentar nicht. Es gibt schon 105 Kommentare. Zu Aventus noch mehr zu schreiben, ist wie eine Tasse Wasser ins Meer schütten. Sei nicht eitel. Es ist schon alles zu diesem Duft gesagt. Verwende deine Zeit für etwas Nützlicheres!

Engel 2: Lass es. Schreib diesen Kommentar nicht. Er wird Polemik enthalten. Du hast jetzt 20 freundliche Kommentare geschrieben, warum solltest du mit dem einzundzwanzigsten jetzt anderen auf die Füße treten. Sei nicht arrogant. Schweige einfach, das ist genug.

FvSpee: Video meliora, proboque, deteriora sequor! ("Ich sehe das Bessere, erkenne es an, und folge doch dem Schlechteren" - Ovid)

Dieser ordentliche Duft besteht für mich im Wesentlichen aus zwei Phasen, einer ersten sehr fruchtigen Phase mit viel Ananas, die hart an der Grenze zur übertriebenen, süßlichen Fruchtigkeit laviert, und die zwar nett, aber jedenfalls nicht erotisch ist, und danach einer recht langandauernden, dann aber auch ziemlich linearen Phase. Dieser eignet eine schwer definierbare, eher glattpolierte und unspezifische gezähmte Männlichkeit, die mich von ferne an das von mir geschätzte "Tabac Original Cologne" erinnert, wobei Aventus feiner und haltbarer ist, ich "Tabac" aber trotzdem wesentlich lieber mag und männlicher finde. Alles in allem kann ich verstehen, wenn man diesen Duft mag, ich kann alle Bewertungen zwischen 3 und 8 Punkten irgendwie nachvollziehen, bei 9 wird es schwer für mich; warum es ein Spitzenduft sein sollte, den man mit 10 bewertet und für den man Höchstpreise bezahlt ist mir schleierhaft. Aber gut, ich muss ja auch nicht alles begreifen.

Nachdem ich jetzt 3 oder 4 Düfte von Creed ausprobiert habe und keiner mich wirklich restlos oder auch nur ganz überwiegend überzeugt hat, schreibe ich die Marke für mich persönlich ab. Insoweit bin ich ganz froh, dass sich die riesige Welt der Parfüms für mich nun ein ganz kleines Stück übersichtlicher gestaltet, das Leben ist sowieso zu kurz, um alle auszuprobieren.

Nachbemerkungen:

1. Das Marketing finde ich grob bescheuert. Erstens passt die Farbe nicht (dieser helle und teils recht süße Duft ist nun wirklich alles andere als "schwarz"), und zweitens passen der Name "Aventus" und das Symbol des Ritters nicht zur Komposition. In der ersten Stunde ist das zum großen Teil ein Ananas-Parfum, und die Ananas ist eine amerikanische Frucht, die erst nach Kolumbus nach Europa kam. Da gab es hier schon keine Ritter zu Rosse mehr, die Latein gesprochen oder "Aventuren", also Abenteuer, das Wort dürfte auch daher kommen, erlebt hätten. Mir tun solche vorne und hinten nicht zusammenpassenden Symbole in den Augen und im Kopf weh, aber vielleicht bin ich da auch etwas komisch. Ich würde ja auch nie in eine Wohnung ziehen, die in einer Straße mit einem beknackt klingenden Straßennamen liegt.

2. Die "Batch"-Debatte (deutsch sagt man für "Batch" übrigens glaube ich "Los") finde ich bizarr. Ich nehme mal an, es ist eine Massensuggestion, dass verschiedene Lose dieses Duftes ganz verschieden riechen sollen. Das würde ja heißen, dass entweder die Produktion nicht funktioniert, oder dass Creed absichtlich je nach Lust und Laune mal ein paar Zutaten weglässt. Sollte das aber (was ich nicht vermute) wirklich stimmen, so sollte es für jeden normalen Menschen ein Grund sein, diesen Duft, zumal zu diesem Preis, sofort zu meiden. Man stelle sich vor, es kommt eine Luxus-Cola auf den Markt für 30 Euro die Blechbüchse, und jede zehnte Dose schmeckt super, viel besser als Coke oder Pepsi, aber jede dritte schmeckt auch wie Scheiße mit Himbeeren. Wer würde dieses Produkt (für diesen Preis) kaufen, statt angeekelt den Kopf über soviel Dekadenz zu schütteln?

3. Noch bizarrer finde ich die ganze Flachleger-Nummer. Ich würde noch weiter gehen. All die Kommentare (nicht nur bei Aventus), die Geschichten über einen netten Flirt enthalten, der durch den Duft angestoßen wurde, und die dann mit so Formeln wie "über den Rest schweige ich hier" enden, halte ich, auch wenn sie auf den ersten Blick harmlos und irgendwie "nett" scheinen, für im Grunde verlogen. Einschub: Das gilt nicht für die seltenen Fällen, in denen der Autor deutlich macht, dass der Flirt respektive dessen Endergebnis nicht wirklich inhaltlich auf den Duft zurückging. Man kann ja auch schreiben, dass man den Duft so toll findet, weil er einen immer an den Abend erinnert, an dem man seine Traumfrau erobert hat, dagegen hab ich natürlich nichts. Einschub-Ende. Solche "Augenzwinker-Kommentare" implizieren immer, dass ein mehr oder weniger gerader Weg von einer Parfumbenutzung zum Erfolg im Bett führe. Leute, so etwas gibt es nicht! Nein. Ehrlich nicht. Glaubt es einfach nicht. Stellt euch mal einen Pornofilm vor (und in diesem Genre werden ja - wie ich gehört habe, ähem - schon äußerst lebensfremde und unwahrscheinliche Geschichten erzählt), in dem die heiße Braut zum Macker sagt: "voll geiler Duft" und dann (und deswegen) sich nackisch macht und über ihn herfällt. Das würde man nicht mal in dieser Art von Film durchgehen lassen, sondern für Blödsinn halten. Zu Recht. Klar kann die Mieze dich auch im realen Leben ansprechen und sagen: "Hey, du riechst aber gut!" Das wird sie aber schon nicht tun, wenn du aussiehst wie der Glöckner von Notre Dame. Und wenn sie es dann gesagt hat, dann landet ihr trotzdem nicht im Bett, wenn du auf ihr Intro (sozusagen die "olfaktorische Eröffnung") eine saublöde Antwort gibst oder dich ihr gegenüber benimmst wie der letzte Honk. Wenn du aber im Gegenteil ansprechend aussiehst, schlagfertig bist und dich ordentlich zu benehmen weißt, meinst du dann nicht, du hast auch ganz ohne Duft Chancen bei der Schnitte?

4. Wenn ich lese, dass finanziell nicht so gut aufgestellte Duft-Fans wochenlang um den Aventus-Flakon rumschleichen, um dann schließlich doch ihr halbes Monats-Azubi-Gehalt dafür auf den Tisch zu blättern, finde ich das einerseits wirklich (ironiefrei) schön und rührend. Man könnte das Geld ja auch für etwas wesentlich Schlimmeres ausgeben, und es hat natürlich auch etwas sehr poetisches, den Duft vors Essen zu setzen. Andererseits fällt mir da, gerade in Verbindung mit diesem nun wirklich nicht herausragenden Duft, auch das Fazit ein, das Steven Runciman am Ende seines Standardwerks zu den Kreuzzügen (ha! vielleicht ist der Reiter ja weder Alexander der Große noch Napoleon, sondern Gottfried von Bouillon!) zieht: "Eine großartige Leidenschaft, die eines besseren Zieles würdig gewesen wäre".

Ein ganz klein bisschen höre ich doch noch auf die Engelchen und mach jetzt Schluss...
22 Antworten

Leimbacher vor 3 Jahren 64
9
Duft
6
Haltbarkeit
5
Sillage
9
Flakon

Die zarteste Versuchung seit es No. 5 gibt
No. 5 ist das Damenparfum der Damenparfums. Das größte olfaktorische Werk in der Geschichte dieser Kunst. Das kann & will man gar nicht toppen, fast 100 Jahre später & mit "L'eau" betitelt. Und trotzdem gefällt mir "No. 5 L'eau" unheimlich gut. An meiner Freundin vor allem, doch sogar auch etwas an mir. Eines der schönsten Frühlingsparfums, die in den letzten Jahren den Weg in die Parfumregale dieser Welt geschafft haben. Ich bin kein No. 5-Profi, doch kenne das Original gut genug um 1) eine extrem verdünnte & modernisierte DNA in "L'eau" zu erkennen & 2) sagen zu können, dass dieses Update für alles steht, für das No. 5 nicht (mehr) steht. Das perfekte No. 5 für jüngere Mädchen. Facelifting done right. Etwas flach, lieb, dezent & naiv, doch ein wunderschöner Creme-Engel, der einem den Kopf verdrehen kann & jeden Tag erhellt. Schön das es dich gibt!

Wo No. 5 eine Diva ist, bleibt L'eau jugendlich unbedarft. Wo No. 5 dick aufträgt & umhaut, setzt L'eau auf Understatement. Wo No. 5 nervt & zu schick ist, kann ich von L'eau nie genug kriegen. Wo No. 5 die Monroe nackig im Königinnenbett trägt, trägt das L'eau eine ungeschminkte Unbekannte nackt auf einer feuchten Frühlingswiese. Wenn No. 5 mit Aldehyden überfordert, schmeichelt das L'eau mit cremigem Moschus & typischer Chanel-DNA des neuen Jahrtausends. Wo No. 5 nur zu großen Events geht, funktioniert L'eau unkompliziert jeden Tag. Wo No. 5 selbst für deine Oma altbacken wirkt, guckt mit dem L'eau sogar deine 16-jährige Schwester neidisch zu dir hoch. Wenn No. 5 trällert, flüstert dir L'eau ins Ohr. Wenn No. 5 Gold ist, ist das L'eau Keramik. Wenn No. 5 zeitlos ist, muss dies das L'eau noch beweisen. Und trotz aller Vorteile, guckt das schüchterne L'eau voller Ehrfurcht auf die Über-Großmutter No. 5 & kann noch viel lernen. Doch insgeheim ist sogar die Omi stolz auf ihre Ur-Enkelin!

Flakon: hell, klar, linear - Chanel im neuen Jahrtausend.
Sillage: Understatement done Chanel.
Haltbarkeit: 6 Stunden Cremigkeit von Wolke Chanel.

Fazit: wie Marilyns kleine Urenkelin - spritzig, sympathisch, schön. Kein Aldehydgewitter, sondern ein cremig-strahlendes No. 5, das man nur lieben kann. Oder hassen, wie einige Vorrednerinnen beweisen. Kein Jahrhundertparfum, doch das schönste No. 5 für junge Damen, alle Tage & jede Stimmung. Ein großer Wurf im Stillen. Daseinsberechtigung locker flockig erzaubert.
17 Antworten

Yatagan vor 3 Jahren 64
8.5
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
9
Flakon

Hirtenidylle
Unkommentierte Düfte No. 94

Seit Langem hat mich kein Duft mehr so fasziniert und von Anfang an so gefesselt wie dieser. Dass Bucoliques de Provence noch nicht in meiner Sammlung gelandet ist, hat zwei Gründe: L'Anarchiste (Caron) und Ael-Mat (Lostmarc'h). Beide Düfte sind als Idee BdP nahe und doch nicht direkt vergleichbar. Um es noch einmal deutlich zu sagen: BdP ist kein Duftzwilling von Ael-Mat oder von L'Anarchiste, aber es gibt Parallelen, was die Konzeption dieser Düfte anbelangt.

Zum einen: Bei allen drei Düften handelt es sich um olfaktorische Idyllen: Naturidyllen; Hirtenidylle, so die deutsche Übersetzung dieses Duftes. Was ist das eigentlich? Hirtenidyllen sind lyrische oder bildliche Darstellungen antiker Hirtenszenen. Der Hirte bei seinen Tieren in der Natur: verklärt, ideal, sorgenfrei, gelegentlich erotisch. Diese Tradition führt von der Antike über die Renaissance (die ja die Traditionen der Antike aufgreift), in die Barockzeit und die Aufklärung. Dies als Duft zu fassen, scheint überambitioniert, wenn nicht geradezu abwegig, lässt sich aber vielleicht doch durch ein Konzept der sanften Töne (Kamille, Lavendel, Hesperidien, Iris, helle Blüten), und krautig-ländlicher Töne (Stichworte Gewürzgarten, Wiesenblumen) ganz gut greifbar machen. So gesehen ist auch der Name dieses Duftes (Bucoliques de Provence) gerechtfertigt und nachvollziehbar.

Zum anderen: Ich postuliere, dass in allen drei Düften unverzichtbar Lavendel und Kamille enthalten ist, auch wenn sie nicht immer genannt werden. Mir scheint jedenfalls die "Idee" der Kamille in allen drei Düften erkennbar und zu einem beruhigenden, besänftigenden Ton zu führen, der die drei Düfte mit einem olfaktorischen Band verbindet.
In BdP kommt zudem die Iris hinzu, die mit ihrem hell-pudrigen Ton eine weitere ruhig-sanfte Note beisteuert und den Duft weiter herabdimmt, so als läge eine beginnenden Dämmerung auf einer Wiesenszene.

Warum hier in den Statements die Lavendelnote so stark betont wird, weiß ich eigentlich nicht, denn Lavendel hat häufig einen scharf-hellen, sauberen Ton, der diesem Duft hier fast gänzlich fehlt. Hier sind die Lavendeltöne besänftigend, artifiziell überformt, durch die Iris impressionistisch weicher gezeichnet.

Bucoliques de Provence beruhigt, lässt die Gedanken frei; man kann sich sehr gut eine Wiese vorstellen, auf der man auf dem Rücken liegt und in den Himmel schaut: um dich herum Gräser, hell-sanfte Blütengerüche, in der Ferne Schafe. Das klingt (als Bild) nach Kitsch und nicht umsonst wird die Idylle von postmodernen Menschen häufig gerade damit assoziiert (in früheren Zeiten war das ganz anders; siehe oben). Als Duft funktioniert das aber so perfekt, dass diese beruhigenden, besänftigenden Töne in einer Zeit des hohen Tempos, der aggressiven Medienpräsenz und der kurzlebigen Moden fast schon revolutionär sind. Nicht umsonst heißt eben jener Duft, der BdP besonders ähnlich ist, L'Anarchiste - und nicht anders. Da schließt sich ein Kreis: vom alternativen Leben in der Natur (L'Artisan) ist es nicht weit zur Anarchie (Caron) und damit zur kritischen Betrachtung gesellschaftlicher Strukturen und unserer Mainstreamkultur.
31 Antworten

loewenherz vor 3 Jahren 63
7.5
Duft
7
Haltbarkeit
5
Sillage
7
Flakon

Born to be wild
Ein Twilly ist ein schmales, langes Band oder Tuch (86 cm lang und 5 cm breit) aus Hermès-typisch mehr oder weniger bunter Seide. Mit augenblicklich 145 Euro ist es einer der preiswertesten Artikel, die man in den Geschäften mit den orangefarbenen Tüten kaufen kann - die Krawatten kosten ungerechterweise mehr, ist ja aber auch etwas mehr Stoff - und damit sozusagen der naheliegendste Einsteiger in die Produktwelt von Hermès. Es gibt - ähnlich wie bei den größeren und bekannteren Carrés - verschiedene Möglichkeiten, ein Twilly zu tragen - die wohl populärste ist, es einfach im Kragenausschnitt einer Bluse zur Schleife zu binden.

Ein Twilly sieht immer ein bisschen weniger formell aus als ein klassisches Carré, das - besonders, wenn ungeschickt oder allzu fantasielos kombiniert - einfach nur konservativ aussieht, im schlimmsten Fall ein bisschen seidenstrumpfig-tantenhaft. Das Twilly hingegen ist - im Rahmen hermèsscher Arriviertheit natürlich - immer ein bisschen unkonventioneller, zarter, vielleicht jünger. Ein Twilly zitiert augenzwinkernd seinen konservativen großen Bruder - und selbst mit verschlungenen Bootsseilen oder Hundeköpfen (die man wegen seiner schmalen Form sowieso nur kaum erkennen kann) sieht es ein bisschen frecher aus als ein Carré.

Ich sehe eine zierliche Frau - nicht mehr ganz jung, doch lange noch nicht alt - deren blitzende Augen noch immer siebzehn sind. Die schmale, dunkelblaue Hosenanzüge zu hellblauen Blusen trägt und mit einem Twilly ganz souverän verhindert, wie eine Flugbegleiterin damit auszusehen. Die dasselbe Twilly zur kleinen Strickjacke und Jeans und Wildledermokassins kombiniert, wenn sie die Hunde nach draußen bringt oder im Gartencenter Kletterrosen aussucht. Deren Stil unaufgeregt und konservativ ist, aber weder langweilig noch konventionell. Die von zwangloser Selbstsicherheit und stiller Heiterkeit ist. Die einfach gut und gerne lebt.

Einer wie Twilly d'Hermès - jetzt ist vom Duft die Rede, dessen um den Hals seines Flakons geschlungenes Seidenbändchen quasi das namengebende Tuch im Miniaturformat darstellt, was ich eine sehr charmante Idee finde; der hier mit einem Hut assoziierte schwarze Deckel ist eigentlich ja lediglich der leicht abgewandelte ganz klassische Flakondeckel, den Hermès oft verwendet - hat bisher gefehlt im Duftportfolio von Hermès. Schön, dass er das jetzt nicht mehr tut. Ähnlich wie das eingangs beschriebene schmale Tuch, dessen Namen er entlieh, ist Twilly ein Parfum, das ein kleines bisschen frecher ist und heiterer als die meisten anderen Düfte aus dem Haus Hermès. Der Ingwer verschafft ihm ein wundervoll lebhaftes und kapriziöses Intro, ehe ihm eine tändelnd weiche Tuberose und warmgoldenes Holz nachfolgen und eben genug Arriviertheit verschaffen, um ihn doch zu keinem wirklichen Aufreger zu machen. Aber das Augenzwinkern, das erhält er sich.

Fazit: ein Duft ein kleines bisschen so, als ob die Dame im grauen Kaschmirjäckchen mit dem gemusterten Seidenband um den Hals zwanzig Sekunden lang spontan ganz heftigst abrockt, als im Radio im Gartencenter 'Born to be wild' im Hintergrund gespielt wird, ehe sie bemerkt, dass sie ja gar nicht allein ist. Die der etwas verstört schauenden anderen Dame nebenan nur ganz kurz zuzwinkert, die Schleife richtet und dann weiter gelbe Kletterrosen aussucht - als sei gar nichts gewesen.
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