AnarlanAnarlans Parfumkommentare

1 - 5 von 24
Anarlan vor 107 Tagen 18
7.5
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
6
Flakon

Who are you, Sally Bowles?
Meine ersten Bilder beim Nuit waren die eines nächtlichen Art déco-Salons in warmem, gedämpften Licht, Oberflächen aus dunklem Lack und glänzendem schwarzen Kunsstoff. Gibt es Art déco-Möbel aus Bakelit? Hier stehen Vasen herum, die sehen so aus, Bouquets darin, üppig, ein betäubender, staubiger Blütenduft liegt in der Luft. Sind das alles echte Blumen zwischen dem polierten Chrom? An den Wänden hängen vom Alter überhauchte Spiegel, der Boden besteht aus altem, aber hellem, duftenden Parkett. Ich befinde mich in einer leisen Unterhaltung mit einem Geschöpf, das einer vergangenen Zeit zu entstammen scheint, dabei vollkommen modern wirkt. Seine androgynen Umrisse werden von den spiegelnden Oberflächen reflektiert. Die kurzen dunklen Haare liegen dem schmalen, blassen Gesicht an und betonen seine Jungenhaftigkeit. Eine Sally Bowles, die aus der Zukunft zu kommen scheint, oder ist sie doch durch ein Wurmloch aus der Künstlergarderobe eines Berliner Cabarets der Zwanzigerjahre gefallen? Man plaudert, kokettiert, das Gespräch ein unbestimmtes Spiel mit Vorstellungen, Möglichkeiten, Reflektionen. Ist das Anziehung? Ich werde das Gefühl nicht los, Teil einer Inszenierung zu sein. Was ist hier echt, was nur Kulisse? Ein leises Unbehagen macht sich breit. Irgendetwas wird mir plötzlich zu viel, lähmt mich. Diese staubige Dichte. Ich möchte klar denken, kalte Luft, die nach Regen riecht, einsaugen.

Ich muss hier raus.

Naomi Goodsir ist eine Künstlerin, die sich bevorzugt in neu interpretierten, aufwändig gearbeiteten Versatzstücken klassischer Kleidung - vor allem traditioneller Herren- und Uniformmode - zeigt und dieses Arsenal zum Bestandteil ihres Werks gemacht hat. Überdimensionierte Kragen, Krawatten, Kostümjacken, Jagdhüte, Kopfputz aus Federn, Hosenträger, immer wieder Leder, Archaisches, Vinatgemode und Futuristisches , Dunkles, Fetischartiges, all das bevölkert ihren kreativen, ausdruckstarken Kosmos, in dem ihre Hutmacherei und die Herstellung handwerklich anspruchsvoller Accessoires das Herzstück darstellen. Nuit ist einer ihrer ersten unter eigenem Label kreierten Düfte. Zuvor war sie als Parfüm-inspirierte Künstlerin (Parfumeurin ist sie nun mal von Hause aus nicht) für Annick Goutal tätig und war zusammen mit Isabelle Doyen zum Beispiel für den (von mir sehr gemochten) „Ambre Fétiche“ verantwortlich. Vergegenwärtigt man sich ihr Oeuvre, so erwartet man, dass sie sich dem Thema „Tuberose“ auf eine eigene, sehr spezielle Art widmet. Ein Spiel aus archaischen, artifiziellen und natürlichen Elementen, und das in der ihr eigenen ausdruckstarken Handschrift - und man wird nicht enttäuscht.

Ob das tragbar oder als Gebrauchsprodukt tauglich ist, steht freilich auf einem anderen Blatt, doch dazu später mehr...

Für Tuberosen braucht man in vielerlei Hinsicht starke Nerven.

Es sind divenhafte Zwiebelgewächse, welche sich in unseren Breiten nur einen Sommer lang mit ihren eleganten, auf schlanken Stielen schwebenden wächsern weissen Blüten und ihrem unvergleichlich intensiven Duft zieren. Die Tuberose ist eine betörende Schönheit, die sich sinnlich und selbstsicher verausgabt, um im Folgejahr eingeschnappt unter einem Schopf grüner Blätter zu verharren, ganz so, als sähe sie sich aus einer unergründlichen Laune heraus ausserstande - ganz die wetterfühlige, nervöse Zicke - noch einmal, nur ein letztes Mal, vor den Vorhang zu treten und den nicht enden wollenden Applaus ihrer Verehrer entgegen zu nehmen.

Tuberosen haben (wie alle Diven) ihre Fans und solche, die naserümpfend abwinken. Wer seine Nase einmal in Robert Piguets „Fracas“ steckt, wird, bezogen auf den typischen Tuberosenduft, seine Entscheidung, dem einen oder dem anderen Lager anzugehören, schnell getroffen haben. Ich bin hier aufrichtig zwiegespalten. „Faszinierend anstrengend“ trifft es wohl, würde mich jemand nach meiner knappsten Beschreibung meiner Empfindungen bei dieser speziellen Gattung von Weißblühern fragen. Schwer, sinnlich, sehr feminin, nächtlich, narkotisch, die Sinne raubend - so in etwa würde meine Beschreibung weiter lauten.

Die Tuberose nimmt eine zentrale, jedoch durch weitere Duftbestandteile gut flankierte Stellung in Nuit ein, und erhält durch Naomi Goodsir eine Interpretation, die ihr die ultrafeminine, dominante Femme fatale austreibt. Statt dessen stellt sie ihre Androgynität und ein Spiel mit Ambivalenzen heraus. Da sind zu Beginn fast ruppig-rohe, grasige, grün-nussige, an frischen, herben Pflanzensaft erinnernde kühle Aspekte (Angelika; der grüne Lidschatten von Sally Bowles), Balsamisch-Cremiges (Galbanum; ihre warme Körperlichkeit), Holziges und Erdigkeit (Styrax; wir befinden uns in einem alten Gebäude), dazu eine staubige, trockene Dichte (Hier müsste eigentlich mal gelüftet werden … Vielleicht verrät mir jemand, mit welchen Tricks Frau Goodsir die Staubigkeit in manchen ihren Düften erzeugt, so auch im "Ambre"). All das ergibt irgendwie möglicherweise in der Summe einen Eindruck von Plastik. Oder von ziemlich grünen Tuberosen in nachtschwarzen Plastikvasen. Ich weiss es nicht. Ich kann diese Kunststoffassoziation nicht wirklich nachvollziehen und habe, um mir das Gegenteil zu beweisen, an diversen schwarzen Verschlüssen von Flakons gerochen, in der Hoffnung, ich käme dahinter, wie Bakelit riecht - Fehlanzeige.

Aber es passt dennoch: Schwarze, glänzende Oberflächen, Spiegelndes, etwas Altes, das dennoch modern, fast futuristisch wirkt, Nacht. Dieser Eindruck hält sich bei mir, während die Nuit-Tuberose ihre unterschiedlichen faszinierenden Aspekte entfaltet und einen in ihren merkwürdigen Bann zieht. Mein familiäres Umfeld hat allerdings eine einhellige Meinung, und da konnte ich so homöopathisch dosieren, wie ich wollte (das sollte man bei dem Duft sowieso stets, die Performance ist sonst buchstäblich erstickend):

Nichts wie raus hier!

Fazit: Ein handwerklich zweifellos hochwertiger, ungemein dicht verwobener Duft mit narkotischer Performance, den man nur in Mikrosprühstößen anwenden sollte (und selbst die füllen mühelos ganze Räume). Minimalistisch dosiert zeigt er allerdings seine vielen Facetten und seine ambivalente Anziehungskraft.

PS: Ich kann mich immer noch nicht wirklich festlegen, welche Bewertung ich ihm schlussendlich gebe. Angefangen bei 8,5, runterkorrigiert auf 7,5, tendiere ich jetzt wieder nach oben.

Who are you, Sally Bowles?
15 Antworten

Anarlan vor 7 Monaten 13
9
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Frühling im Pferdestall
„Um Gottes Willen!“

Mit Schwung und unter dramatischer Anrufung der Heiligen und der Muttergottes wird der Topf mit der wunderschön blühenden „Bridal Crown“, einer kleinen, weissen, gefüllten Narzissensorte, die ich kürzlich als kleines Dankeschön geschenkt bekam, von meiner (zweifellos) besseren Hälfte aus dem Esszimmer einen Raum weiter befördert.

Obwohl ich das schwere, irgendwie fettige, etwas raue Aroma der weißen Blüten mag, ist die geruchliche Nähe zu Pferdeställen nicht zu leugnen. Ich gebe zu, im Esszimmer entfaltet der Duft der Blüten eine - formulieren wir es einmal diplomatisch - unpassende Wirkung, und ich bin mir auch nicht so ganz sicher, ob eine Braut dufttechnisch mit einem Kranz aus Narzissenblüten passend unterwegs wäre. Es käme wohl auf die Toleranz des zu heiratenden Subjekts in puncto Narzissenduft an. Ich gebe also klein bei, der Pott darf ab jetzt ein Zimmer weiter vor sich hin stinken.

Im Frühling, der sich derzeitig leider noch sehr zurück hält, sieht man sie quasi überall, und es sind meistens nicht die großblütigen, ungefüllten, klassischen gelben Osterglocken (die ich ein bisschen langweilig finde), welche den typischen Narzissenduft verströmen, sondern die kleineren, blassgelb oder weiß blühenden Narzissen, auf den ersten Blick etwas unscheinbarer als die klassischen Vertreter, aber vollkommen unverkennbar, was ihren Duft angeht, und die so schöne Artennamen wie „Dichternarzissen“ tragen.

Die Pflanze hat offenbar schon seit der Antike eine gewisse literarische Aufmerksamkeit erregt, und es dürfte wohl auch an ihrem Duft liegen. Der Sage nach war es der schöne Jüngling Narkissos, der das heftige Liebeswerben der Nymphe Echo verschmähte und infolge dessen von den Göttern damit gestraft wurde, sich auf tragische Weise in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. An der unerfüllten Liebe zu seinem eigenen Antlitz, dessen Spiegelung er in der Oberfläche eines Gewässers erblickte, verhungerte der Knabe schließlich buchstäblich. Auf seinem Grab aber erblühte bald eine liebreizend das Blütenköpflein senkende Blume mit narkotischem (jawohl!) Duft: Die erste Narzisse der Welt war geboren, und ihre Abkömmlinge spalten seitdem die Menschheit in solche Exemplare wie mich und eben andere (siehe weiter oben).

Dass der Duft nun so gar nicht frühlingshaft, weißblüherisch und zart daherkommt, sondern besser auf trockene, heisse, sonnenüberflutete Weiden, auf denen die Heuballen und Pferdeäpfel in der Mittagshitze trocknen, passen würde, mag auch Monsieur Corticchiato, dem Mastermind von Parfum d‘Empire, durch den Kopf gegangen sein, als er Tabac Tabou kreierte. Parfum d‘Empire hat auf Parfumo eine kleine, aber treue Anhängerschaft, zu der ich mich auch uneingeschränkt zählen darf. Corticchiatos Düfte sind nicht immer un-anstrengend, aber stark darin, Bilder zu erschaffen. Man wird oft erst auf den zweiten oder dritten Riecher „abgeholt“, dabei bleiben die Düfte meistens französischer Parfümhistorie und einer eleganten Distinguiertheit verpflichtet, besitzen gleichzeitig aber genug Widerspenstigkeit, um in die Nische zu gehören.

Bei Tabac Tabou steht die Narzisse mit ihren kraftvollen Duftaspekten im Mittelpunkt. Tabak ist, wenn überhaupt, transparentes Beiwerk und unterstreicht im Herzen des Duftes eher die raue, hitzige Fülle, mit der die Narzisse das Duftzentrum bildet. Ich bilde mir ein, sowohl saftige Aspekten des Tabakblatts als auch die kratzige Rauigkeit des Tabakrauchs wahrzunehmen, beide Aspekte sind aber eher dazu da, das blühende Zentrum des Duftes zu umhüllen. Wer einen klassischen Tabak-Duft erwartet, dürfte also enttäuscht werden. Dennoch ist Tabac Tabou kein Narzissen-Soliflor, da einige weitere Duftaspekte eingewoben werden, um besagtes Bild einer heißen, trockenen Savanne zu erzeugen. Der Beginn ist kräuterig und grün, eher dem versiegenden Pflanzensaft und trocknenden Stängeln der Narzisse zuzuordnen als ihrem Blütenschmuck, wobei bereits gleich zu Beginn die sonnig-warme Stimme von Honig in Erscheinung tritt. Die goldene, herbe Honignote bleibt dem Duft bis zum Ende erhalten und wird sanft von der italienischen Strohblume (Immortelle) befeuert, schwächt sich aber langsam im weitere Verlauf ab, um den eigentlichen Stars der Show Platz zu machen: Narzissenblüten in ihrer körperlichen, fettigen, an Pferdeställe erinnernden, fast animalischen Fülle und sonnengekitzeltes, kräuteriges Heu. Die Heunote ist gerade, wenn die Honignote nach einiger Zeit abschwächt, am deutlichsten wahrnehmbar und unterstreicht das trockene, spröde, sonnenüberflutete, warme Herz des Duftes. Die Pyramide listet Moschus, was ich -denkt man an die sich langsam steigernde kratzige Staubigkeit des Duftes- glauben will.

Bei der Einordnung des Duftes wäre man bei der Kombination Grün/Heu wahrscheinlich am ehesten in der Fougère-Richtung passend unterwegs, allerdings erinnerte er mich in seiner trocken-spröde-würzigen Art auch an alte Oriental-Chypres und ich könnte mir vorstellen, dass möglicherweise ein paar Duft-Erinnerungen an alte Schätze dieser Richtung bei Herrn Corticchiato ihren Einfluss in der Kreation des Duftes hatten.

Tabac Tabou ist ein fordernder, trockener, angerauter, ganz und gar unfrühlingshafter Narzissenduft, an dem ich mich immer wieder gerne und buchstäblich reibe, der es einem aber aufgrund seiner speziellen Eigenschaften und mit Rücksicht auf mein empfindsames Umfeld eher schwer macht, ihn zu tragen. Im heissen, staubigen Sommern ist er wahrscheinlich großartig.

Wer hingegen jahreszeitlich passende weißblühende Frühlingsstimmung sucht, dem sei „Bridal Crown“, eine gefüllt blühende Narzissensorte … lassen wir das.
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Anarlan vor 10 Monaten 24
9
Duft
8
Haltbarkeit
6
Sillage
10
Flakon

Veilchen, römisch.
Ende September war ich beruflich bedingt als Teilnehmer einer Fachtagung in Rom. Tagsüber saß ich in einem überklimatisierten und dauerverdunkelten Vortragssaal, aus dem ich spätnachmittags mit den anderen Kongressteilnehmern auf das noch hochsommerlich heiße Pflaster zwischen Petersdom und Engelsburg gespuckt wurde. An einem dieser Nachmittage ließ ich mich, statt vor dem Abendprogramm in die Ruhe und Zurückgezogenheit meines Hotelzimmers zu fliehen, mit dem Strom der Touristen über den Ponte Sant´ Angelo über den Tiber Richtung Innenstadt treiben, vorbei an Straßenverkäufern, die versuchten, mit gefälschten Gucci-Taschen und Modeschmuck ihr Geschäft zu machen.

Ich bin gegenüber Souvenirkauf-Impulsen resistent, es sei denn, es geht -und das verstehen ausserhalb dieses Forums relativ wenig Leute - um Parfüm. Ich hatte mir auf meiner Sightseeingtour dem gemäß also einen Besuch des Pro Fvmvm Roma-Geschäfts nahe der Piazza del Popolo vorgenommen, wo ich schließlich, des spätsommerlichen Hitzestaus und der Menschenmassen überdrüssig, ein puristisches Refugium der wohl geordneten Ruhe vorfand.

Viel warmer Stein und Holz, indirektes Licht, Stille, eine Atmosphäre wie geschaffen für ein ausgiebiges Düfte-Testen. Neu war mir - darüber setzte mich die Verkäuferin wortreich und charmant in Kenntnis - die Existenz der seit 2016 erhältlichen neuen Parfümlinie „Note Di Profvmvm“ der Familie Durante, der Gründer des Dufthauses. Ich liebe und besitze aus der klassischen Pro Fvmvm-Linie „Victrix“, ein kühner, pfeffrig grüner, Lorbeer-umkränzter, statuarischer Duft, der seinem Namen, übersetzt „Siegerin“, alle Ehre macht, und den ich gerne -wenn auch nicht of- im Frühjahr trage.

Die neue Duftlinie möchte Geschichten erzählen, die jeweils mit Aquarellen, Kreidezeichnung und Grafiken illustriert werden, und die man in einem kleinen Portofolio als Beigabe erhält, wenn man einen Duft dieser Linie ersteht. Die Bildsprache ist dem italienischen Futurismus entlehnt: Es geht um Technik, Geschwindigkeit, Dynamik, das Logo der Marke erinnert an eine konstruktivistische Typografie, die Referenzen zur Aufbruchstimmung der Moderne in der Kunst sind relativ unmißverständlich. In den Düften habe ich diese verlassene Utopie des angehenden 20. Jahrhunderts allerdings nicht gefunden, höchstens im knallfrischen Vetiver-Kracher „Vet-G16“, den ich mir gut an einem Berufspiloten des Futurismus vorstellen könnte, bereit, die alte Welt nieder zu reissen und eine neue auf den Trümmern zu gründen ….

Mir gefiel aus dieser Reihe „Lvci dell´Est“ besonders gut. Der Duft startet mit einer frischen, grünen, pudrigen, säuerlichen Veilchen-Note, die mit Kardamom einen ungewöhnlichen Klang bildet. Kardamom hat hier die zweite Stimme, steuert holzige Würze bei, ohne dominat und zu pfeffrig zu werden, schattiert die hellen floralen und pudrigen Tupfer des Veilchens und bettet sie in den Duft ein. Veilchen gehört per se nicht zu meinen floralen Lieblingsnoten. Sobald sich die kleinen violetten Blüten in einem Duft in den Vordergrund drängen, winke ich dankend ab. Hier werden sie aber harmonisch und passend von würzigen, holzigen Noten in Szene gesetzt, ohne dominant zu werden, so daß ich von Anfang an von dieser Balance fasziniert war.

Man nimmt bereits innerhalb der ersten Minuten den holzigen Mittelbau und die Basis des Duftes wahr: Flirrend-sonniges, strahlendes Zedernholz und die mandelige Wärme von Sandelholz. Nach etwa einer Stunde hat der Duft eine erdige, trockene, holzige Würze erreicht, das Veilchen auf wunderbare Weise immer noch in zarter Balance wahrnehmbar, was sich tatsächlich über einige Stunden hält. Das Dufthaus liefert zum "Lvci dell´Est" das Bild eines rasenden Motorrades, was ich als unpassend empfinde, vielmehr strahlt der Duft eine große Harmonie, Introvertiertheit und Stille aus. Ich könnte schwören, dass in der Basis Patchouli mitmischt. Patchouli von der schönsten, papierenen, pergamentenen Sorte, hell, dabei erdverbunden. Lichtjahre entfernt von Altherren-Hippie-Patch, gammeliger Blumentopf-Gruftigkeit oder stählerner Mafia-Nadelstreifigkeit, die mir Patchouli gerne mal verleidet.

Alleine, die Pyramide gibt kein Patchouli her. Glatte Fehlanzeige. Auch wenn hier auf Parfumo Patchouli gelistet wird und einige Kommentatoren bzw. Statement-Verfasser Patchouli referenzieren, so ist in den Angaben des Herstellers davon nichts zu finden. Ich glaube mittlerweile, dass tatsächlich kein Patchouli verwendet wurde, auch wenn ein ähnlicher Eindruck entsteht, sondern dass die Noten, die in der Basis zusamenfließen, etwas Patchouli-artiges vermitteln. Das fast bis zum Ende wahrnehmbare Veilchen dürfte daran möglicherweise mitschuldig sein. Faszinierend. Ich sagte es bereits. Und daß ich nicht ohne diesen schönen Duft meine Rückreise am nächsten Tag antreten mochte, das erwähne ich hier nur noch der Form halber.
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Anarlan vor 15 Monaten 27
9.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Ikigai in a bottle
Ganz kurz ist es so, als würde eine noch regenfeuchte Hanfmatte mit Schwung vor Dir ausgerollt, damit Du darüber schreitend die Stände mit grünen und gelben Früchten und Kräutern betrachten kannst, während Du über den Markt der Obst- und Kräuterverkäufer mitten in Tokyo schlenderst. Die unzähligen kastenförmigen Auslagen der Stände aus Bambusrohr bilden enge Gassen, fein säuberlich zu kubistischen Kulissen aufgetürmt, an ihren Enden den Blick auf die dunstigen Umrisse der Hochhäuser einer endlosen Stadt freigebend. Die Strassen brüten unter der schwülen Hitze der Regenzeit, überall scheint ein Feuchtigkeitsfilm auf den Oberflächen zu liegen. Sobald Du über die entblösste Haut Deiner Unterarme streichst, möchtest Du die Hände am nächsten bunt blinkenden, piependen und sprechenden Automaten trocknen, kühlen und desinfizieren lassen.
Du bist Dir sicher, dass es hier auch dafür Automaten gibt, aber erfolglos in Deiner Suche, natürlich, weil nichts von der Bestimmung und dem Zweck der bunt beschrifteten Kästen, die an jeder Ecke zu stehen scheinen, für Dich verständlich wäre. Wie durch eine biologische Besonderheit scheint es den Einheimischen vergönnt, dass keinerlei Feuchtigkeit auf ihren Gesichtern haftet, die Hausfrauen, Geschäftsleute, Teenager in ihren Babyklamotten und gefärbten Haaren, die durch die engen Gässchen eilen, alle scheinen wie auf Verabredung die Schweissproduktion eingestellt zu haben.

Die kurze Aufruhr, welche Dir der erdige Geruch des feuchten Hanfs bereitet, als Du den Markt betrittst, ist schon nach einigen Sekunden verflogen, und die herbe, saure, umwerfende Lebendigkeit des Duftes der Bitterorangen, die hier allgegenwärtig zu sein scheinen, trifft Dich wie ein Schlag. Sauer duften sie, ähnlich dem Duft frisch geriebener Zitronenschalen, dabei komplexer, tiefer, an Grapefruit und Limetten erinnert ihr Aroma, ohne die schwefelige Mattheit der Grapefruit oder die eindringliche Exotik der Limetten zu verbreiten. Kühl duftet es, eine Wohltat an diesem regenfeuchten heissen Tag.

Gleich daneben die Buden der Kräuterhändler, die Bündel stehen in vasenartig geflochtenen Behältern aus Bambus oder liegen, einer Dir unbekannten Geometrie folgend, geordnet in kleinen hölzernen Kästchen. Minze, Du zerreibst ein paar Blättchen zwischen Deinen Fingern: Keine Kaugummiminze, wie erwartet, sie würde übrigens gut in dieses unverständliche Umfeld passen, sondern ein krautiges, dunkles, stängelig-holziges Minzearoma, die Pflanzen wie im warmen Wind getrocknet und durch geheime Magie wieder zum Leben erweckt. Darunter ein weiteres Bündel einer kleinen Duftexplosion: Aromatische, grüne, zitrische Zitronenverbene, mit ihrem metallischen herben Duft, den Du fast schmecken kannst, ein dunkler, krautiger Ton, der sich ganz delikat unter die Spritzigkeit der Bitterorangen legt.

Du meinst immer noch den erdigen Geruch der regenfeuchten Hanfmatte wahrzunehmen, der gelegentlich in dieser exquisiten sauer-bitteren Stimmung aufsteigt, aber schon bald vermählen sich die herben Eindrücke mit der flirrenden Holzigkeit der Zedern und warmem, tiefen, angenehm trockenem und leicht reibendem Moschus. Etwas erinnert Dich an die mineralische Dunkelheit von Eichenmoos, aber es ist nur eine Illusion, die Hitze spielt Dir einen Streich, die Herbheit und Exzentrik des Duftes erzeugt diesen Eindruck. Dennoch, und das überrascht Dich am meisten, liegt der Duft Deiner feuchten Haut an wie ein kühlender, trockener, ideal temperierter, pudriger Seidenkokon, alles passt, Du bist bei Dir selbst angekommen, und die Hitze und die Stadt um Dich herum, sie können Dir nichts mehr anhaben.

...

Der Korse Marc-Antoine Corticchiato, die Nase hinter Parfum d´Empire, hat mit Yuzu Fou eine Hommage an das moderne Japan schaffen wollen, so die Marketingsaga, und seine Sichtweise darauf ist, ohne dass ich das konkretisieren oder erklären könnte, französisch, so wie die exquisiten Düfte, die er schafft, französisch sind. Ob es daran liegen mag, dass seine Düfte stets eine gewisse Sperrigkeit und Exzentrik haben, mit Duftkomponenten, die zunächst oft gewöhnungsbedürftig sind, dann aber in der Gesamtkomposition eine raffinierte Verwendung finden und einen starken Reiz ausüben, oder er sich offenbar gerne historischer Duft-Vorbilder oder historischer Figuren bedient, um Düften eine Geschichte zu geben, oder weil er das Thema Chypre (der schönste mir bekannte Orangen-Chypre stammt von ihm) auf spannende Weise immer wieder bedient (womit er bei mir sowieso in´s Schwarze trifft), seine Düfte haben oft eine eigene Eleganz und Feinheit, die ich mit „französisch“ assoziiere. Das mag als Charakteristikum so klischeehaft sein wie es will, Parfum d´Empire war und ist eine meiner persönlichen Markenentdeckungen des vergangenen Jahres und Yuzu Fou momentan mein Sommerliebling, hier auf Parfumo leider auf haarsträubende Weise unterbewertet.

Ich hoffe sehr, dass die Düfte der Marke bald wieder verfügbar sind, in Deutschland sind sie seit Jahresbeginn offenbar nur noch aus Lagerbeständen erhältlich, wer Näheres weiß, möge sich bitte gerne mitteilen.
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Update Juli 2019: Offenbar sind die PdE-Düfte ab September dieses Jahres im deutschen Handel erhältlich.
13 Antworten

Anarlan vor 18 Monaten 68
10
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
10
Flakon

Gestundete Zeit
„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Es sind zwei Werke des großen Jaques Guerlain, die mir eine Beschäftigung mit Zeitlichkeit geradezu aufnötigen:
L´Heure Bleu und Mitsouko. L´Heure Bleu ist das grausamere der beiden, denn es lässt mich spüren, was Zeit bedeutet, während sie vergeht. Es ist ganz auf die Gegenwart ausgerichtet, weiß aber, dass die Uhr tickt.
Mitsouko hat das Leiden an der Vergänglichkeit hinter sich. Mitsouko hat fertig. Legt sich spröde und unsterblich schön auf ihr bitteres, moosiges Bett, eine Handvoll überreif trockener Aprikosen im Arm und läßt die Jugend rasen.

Auch wenn Physiker und Philospohen sich gleichermaßen die Zähne daran ausbeißen, Zeit zu erklären, so kennt Sprache Zeit in all ihren schönen und schrecklichen Eigenschaften: Wenn Zeit im Fluge vergehen, sie zwischen den Fingern zerrinnt oder still zu stehen scheint, dann bildet Sprache Zeit ab. Sogar die größte aller Ungeheuerlichkeiten vermag sie kurz und treffend zu bebildern: Dass meine Zeit eines Tages abgelaufen sein wird. Ticktack.

Schon in der Kindheit gab es diese Anflüge von in sich gekehrter, verträumter Schwermut, wenn die letzten Sonnenstrahlen des lichterfüllten Tages durch das Küchenfenster fielen, während die Nacht am Horizont heraufzog und die Uhr an der Wand mit ihrem unerbittlichen ticktack Veränderung verkündete. Die dämmerige blaugetönte Passage der Heure Bleu, dieser Übergang zwischen dem Gewesenen und der im Werden begriffenen Zukunft war immer eine Stunde des bittersüßen Innehaltens, des Festhaltenwollens an der Gegenwart.

„Es gibt eine süße Melancholie, die nichts anderes ist als eine angenehme Träumerei, eine liebliche Schwermut. Sie ist die Befindlichkeit einer Seele, die sich den lebhaften Versuchungen verschließt, die sie erschöpfen würden und sich vielmehr den Illusionen der Sinne hingibt und ihr Behagen im Nachdenken darüber findet, was ihr Schmerzen bereitet.“ (Dictionnaire de Trévoux, 1771)

Als Jaques Guerlain L´Heure Bleu schuf, erlebte die Stadt Paris ihre melancholisch blaue Stunde. Die Welt stand an der Schwelle zu einer radikalen Veränderung, die Vorbereitungen zu einem Weltkrieg waren überall in Europa in vollem Gang. Ich sehe den in sich gekehrten Meister auf den alten Fotografien vor mir, die schlohweißen Haare streng nach hinten frisiert, weiß bekittelt, eher ein Wissenschaftler denn ein Künstler, ernst. Er scheint die Kamera zu scheuen, den verletzlich wirkenden Blick dem Betrachter abgewandt. Mir fällt ein Zitat in die Hände, das von seinem Enkel Jean-Paul Guerlain stammt, als man ihn einmal zur Entstehungsgeschichte von L´Heure Bleu an der Schwelle zum ersten Weltkrieg befragte:

"Jacques Guerlain hat einmal gesagt, er habe eine Ahnung von dem Unglück, das gerade geschehen würde. „Ich konnte es nicht in Worte fassen ", sagte er mir. „Ich fühlte etwas so intensives, ich konnte es nur in einem Parfüm ausdrücken.“"

Das Zitat beschreibt das Gewahrwerden von der Vergänglichkeit der Gegenwart, welches für mich in diesem schrecklich schönen Duft wohnt. Die Kopfnote, Anis und Bergamotte, erzählt vom letzten sommerlich-hellen Ausklingen des vergehenden Tages. Veilchen, Iris und Nelken tauchen den Duft schon bald in ein florales, blaugetöntes Funkeln im Dämmerlicht, so vielschichtig glanzvoll und melancholisch. Lange umfängt es einen, bevor man mit der tröstenden Samtwärme von Vanille, Benzoe und Tonka in die Nacht entlassen wird. Alles nicht so schlimm. Ticktack.

Ich besitze eine Probe, die eine Version des Duftes enthält, die offenbar wenig mit der aktuellen Reformulierung zu tun hat, da die Vanille lange auf sich warten lässt und auch nicht zu laut wird. Aber es spielt wohl auch keine Rolle für mich, Spitzfindigkeiten über Reformulierungen nachzuhängen, den L´Heure Bleu gibt die Geschichte von der Vergänglichkeit der Gegenwart von Generation zu Generation weiter, ganz gleich, ob sie von Schellack oder binären Codes transportiert wird. L´Heure Bleu sagt mir, in der blauen Stunde innezuhalten, während das Reißen des Flusses leiser wird, der die Gegenwart mit sich nimmt, sie als Vergangenheit für immer von mir weg treibt, während die Zukunft noch im Werden begriffen ist.

„Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.“
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