AntoineAntoines Parfumkommentare

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Antoine vor 2 Jahren
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
9
Flakon

Holle 01 als Blindtest
Günstige Zufälle haben mir einen nagelneuen Flakon Holle 01 in die Hände gespielt - im neuen Design, und völlig nackig: keine Umverpackung, kein Infolabel, keine Inci, kein irgendwas. Das, was ich da bekommen hatte, testete ich daher gewissermaßen blind.

Ich bilde mir zwar ein, ein halbwegs gutes Duftgedächtnis zu haben, aber meine letzte, eher oberflächliche Begegnung mit Holle 01 lag sehr lang zurück; es stellte sich kein Wiedererkennen ein. Und: Wenn man fest mit einem neuen Duft rechnet, erkennt man keinen altbekannten Duft.

Holle 01 habe ich mit einer an Waschmittel erinnernden Kopfnote abgespeichert, hier nahm ich in der Kopfnote eine ordentliche Portion Vetiver wahr. Zur Herznote hin entwickelte sich ein cooler, distanzierter, zurückgenommener und sehr modern wirkender Holzduft, der dank zeitgenössischen Aromachemikalien (nicht abwertend gemeint) frei war von jeglicher organischer Substanz. Abstrahiertes Holz ohne Baum, Späne und Rinde. Dabei im Gerüst hart und solide, aber zugleich irgendwie flirrend und schwer greifbar. Null Blumen, kein Süßkram, auch wenn sich da gaaaanz langsam was Balsamisches rauszuschälen schien, vielleicht Harze oder freundlichere Hölzer, aber homöopathisch dosiert.
Vanille, Tonka, Moschus und Co. mussten jedenfalls bis ganz zum Schluss komplett draußen bleiben.

Wahrscheinlich hat mein Blindtest dazu geführt, dass ich Holle 01 ("Duftnoten: Iso-E-Super") einfach überinterpretiert habe. Die Parfumeurin hat mir versichert, dass keine Reformulierung durchgeführt wurde, schon gar nicht mit Vetiver in der Kopfnote.

Aber egal, schön ist er, und in meiner Sammlung der Gegenpol zu Orientbomben und Chyprekrachern.
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Antoine vor 7 Jahren 2
7
Duft

Wer ist denn Nastassja Kinski?
1987 war das Jahr, als Mathias Rust auf dem roten Platz landete, als Madonna "La Isla Bonita" besang, und als in der alten Bundesrepublik die Barschelaffäre hohe Wellen schlug. Ungaro lancierte 1987 seinen Duft Senso, mit Nastassja Kinski als Gesicht der Werbekampagne. Und in der weiblichen Duftwelt waren 1987 die Florientals angesagt - eine aus den Wörtern floral und orientalisch gebildete Bezeichnung für blumige und zugleich orientalisch anmutende Düfte. Charakteristisch ist ein blumig-süßes Grundthema, das durch eine üppige, harzig-würzige Basis eine orientalische Prägung bekommt. Loulou von Cacharel dürfte der bis heute bekannteste damalige Vertreter dieser Richtung sein, und auch Ungaros Senso würde ich als Florientalen einordnen. Für damalige Nasen muteten die Florientalen auf eine unerhört neuartige Weise extrem süß an. Heute, in Zeiten von Flowerbomb und Prada Candy, kommt mir Senso überhaupt nicht mehr extrem süß vor, streckenweise nehme ich fast herbe Anklänge wahr.

An einer Reformulierung, die ihn vielleicht ereilt hat, kann es nicht liegen, denn ich teste anhand einer Original-Herstellerprobe, die sich seit vielen Jahren in meinem Fundus befindet. Die fruchtige Kopfnote ist weitgehend hinüber und lässt sich nur noch erahnen. Aber die weitere Duftentwicklung ist so, wie sie sein soll und wie ich sie von damals in Erinnerung habe: Ein üppiges, exotisch anmutendes Blumenbouquet entfaltet sich auf einem reichhaltigen Bett aus Harzen, Hölzern, Gewürzen und Patchouli – süß und intensiv, balsamisch, würzig, vanillig, animalisch. Dabei ist die Basis nicht uferlos süß und geglättet, wie heute bei Frauendüften aus dem Mainstreambereich oft anzutreffen, sondern erhält durch Hölzer und Patchouli immer wieder winzige Wendungen ins Herbe, Bittere. Wie bei vielen Düften aus den 80er Jahren wird eine riesige Fülle von Duftnoten geboten; Transparenz und Beschränkung auf wenige Noten waren damals rein gar nicht angesagt. Trotzdem wirkt Senso bei aller Reichhaltigkeit auf mich weder überfrachtet noch erschlagend; ich empfinde ihn als subtilen Duft. Senso - das italienische Wort bedeutet übersetzt Gefühl oder auch Sinn - hat eine sehr feminine und sehr eindeutig erotische Aussage, und die vermittelt er, ohne plakativ oder gar ordinär zu werden. Nastassia Kinski mit ihrer starken erotischen Ausstrahlung, die trotzdem unaufgesetzt natürlich wirkte, war die ideale Werbeträgerin für Senso; sie verkörperte dessen Duftbotschaft geradezu perfekt.

Kinski, deutsche Stilikone der 80er, deren Hollywoodkarriere wider alle Erwartungen nie so richtig in die Gänge kam, geht inzwischen auf die 60 zu, und der Release von Senso liegt bald 30 Jahre zurück. Aus heutiger Sicht wirkt der Duft auf mich immer noch schön, aber dennoch angejahrt; seine Entstehung in den 80-er Jahren ist nicht zu verleugnen, und ich bin mir nicht sicher, ob sich noch viele Abnehmerinnen fänden, wenn es ihn noch zu kaufen gäbe. Oben steht zwar, Senso werde noch produziert; aber tatsächlich habe ich ihn schon sehr lange nicht mehr in den Parfümerien stehen sehen. Und die Preise und Mengen, zu denen auf Ebay zu finden ist, lassen eher vermuten, dass er auf dem ersten Markt nicht mehr erhältlich ist.

Dennoch finde ich überraschend, dass Senso - zu seiner Zeit ein durchaus gängiger Duft - hier auf Parfumo so wenig präsent ist. Bisher noch kein Kommentar, kaum in Sammlungen vertreten, kaum Bilder, keine Erwähnung in Diskussionen. Daran, dass er nicht mehr ohne weiteres erhältlich ist, kann es nicht liegen, denn gerade das trifft für viele hier "gehypte" Düfte auch zu. Ich glaube eher, es gibt Düfte - wie auch Bücher, Musikstücke, Kleidungsmoden -, die in ganz besonderem Maß ihrer Entstehungszeit verhaftet sind. Vielleicht gehört Senso zu dieser Art Düfte.
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Antoine vor 8 Jahren
6
Duft

Keine Rose ist keine Rose ist keine Rose ...
Die "imaginäre Rose" duftet fruchtig-blumig; trotz der deutlich fruchtigen Noten wird der Duft zu keiner Zeit klebrig oder zu süß.

Rose steht im Namen, ist aber hier in der Pyramide nicht aufgeführt - spielt darauf der Name des Dufts an, imaginäre, also eingebildete Rose?

Auch im Duftverlauf finde ich keine Rose; weder eine eindeutige Solifleur-Rose, noch eine Anmutung von typischem Rosenduft zwischen anderen Noten. Die blumigen Noten, die ich wahrnehme, sind sehr leicht und fruchtig eingerahmt, Rose mag - Pyramide hin oder her - dabei sein, ist aber für mich nicht wirklich identifizierbar und spielt jedenfalls keine Hauptrolle. Auf die Basis aus Patchouli und Sandelholz warte ich vergeblich - der Duft wird mit den Stunden immer schwächer, ohne sich noch groß zu ändern.

Alles in allem ein hübscher, harmloser kleiner Sommerduft mit schwacher Sillage für Anhängerinnen der fruchtig-blumigen Duftrichtung, gut passend für heiße Tage. Für seine leichte, fast Cologne-artige Machart hält er ganz gut, zudem kann bedenkenlos nachgesprüht werden - Überdosierung scheint hier nahezu ausgeschlossen.
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Antoine vor 8 Jahren
7
Duft

Insektenspray, Pferde und überraschende Erkenntnisse
Obwohl ich mit den Arden-Düften nicht viel anfangen kann, habe ich Blue Grass hier im Souk ertauscht, ohne ihn vorher getestet zu haben. Mich reizte, dass es ein alter Duft ist, der schon so viel Zeit überdauert hat. Und den Namen Blue Grass finde ich wunderschön für ein Parfüm. Ich weiß, das ist kein Argument für einen Duft, aber außerdem klangen einige der hier veröffentlichten Kommentare vielversprechend.

Aber als Blue Grass bei mir eingetroffen war, kam ich über einige zaghafte Handrückentests nicht hinaus. Ich hätte mir so sehr gewünscht, ihn zu mögen, aber ich roch nur Insektenspray und kratzige Blumennoten. Der Flakon stand dann eine ganze Weile unbeachtet im Flur herum. Bis eines Tages ...

"Au toll, da sind ja Pferde drauf, eine Flasche mit Pferden drauf! Mama, kann ich das Parfüm haben? Bitteeee!"

"Ich weiß nicht recht, das ist nun wirklich kein Kinderparfüm! Ich mag es zwar nicht, aber es wird dir ganz sicher auch nicht gefallen. Du hast neulich von dem wunderbaren Azurée gesagt, dass es nach Altersheim riecht, und das hier ist ein noch älterer Duft. Er riecht ähnlich altmodisch, für deine Nase vermutlich noch viel schlimmer als Azurée ..."

"Das macht gar nichts, es sind Pferde drauf, das ist toll ... Biiitteeeee!!"

"Also gut, du kannst ihn haben, aber nur zum Hinstellen!"

(Nimmt die Flasche) *Pfhhh, pfhhh, pffffffffffffhhh ...*

"Neiiiin, ich hab gesagt nur zum Hinstellen, hör sofort auf dich einzusprühen!!"

*waber*

"Aber das riecht ganz toll, ich mag das, das duftet total gut! Ich mag es wirklich! Es riecht überhaupt nicht altmodisch! Das nehme ich jetzt immer!!"




Das mit Blue Grass als Signaturduft habe ich meiner siebenjährigen Tochter erfolgreich ausgeredet. Aber ansonsten musste ich ihr recht geben, Blue Grass duftete plötzlich wunderbar, auch für meine Nase. Kein Insektenspray, kein Muff, keine unangenehme Kratzigkeit. Zum ersten mal habe ich in Blue Grass das gerochen, was an diesem Duft von seinen Fans immer wieder lobend hervorgehoben wird: eine herbe, würzige und reichhaltige Blumigkeit auf einem Bett von weichen, balsamischen und holzigen Noten - unverwechselbar, am Anfang auf eine sympathische Art kratzig, unsüß blumig, zur Basis hin immer sanfter und versöhnlicher. Sicher kein nasenschmeichelnder Immergeher und durchaus altmodisch, aber nicht alt oder altbacken wirkend. Und zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, ihn zu tragen.

Der Alltagstest fand dann wenige Tage später statt, und meine veränderte Wahrnehmung des Dufts blieb bestehen. Blue Grass ist präsent, hat aber keine erschlagende Sillage. Die Haltbarkeit würde ich auf sechs bis acht Stunden taxieren; auf Kleidung ist er noch tagelang wahrnehmbar.

Für mich ist Blue Grass kein Duft für alle Tage, aber für Tage mit bestimmten, leicht wehmüten Stimmungen, vorzugsweise im Spätsommer: Der Sommer beginnt langsam sich zu verabschieden, die Atmosphäre ist staubig und von Hitze aufgeladen, eine gewisse Melancholie macht sich breit. Die Natur scheint noch in Saft und Kraft zu stehen, aber bei genauerem Hinsehen fallen immer mehr Zeichen auf, die auf den Herbst hindeuten ... Genau diese Stimmung bildet Blue Grass für mich perfekt ab. Meine Tochter wird ihn mir ab und zu ausleihen müssen!
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Antoine vor 8 Jahren
7
Duft

Das Gerippe lebt!
Reformulierte Neuauflagen älterer Düfte sind vermutlich nicht gerade leicht an den Mann (oder an die Frau) zu bringen. Die Liebhaber(innen) des Originaldufts werden der Neuauflage misstrauisch begegnen, alle Änderungen erst mal als störend empfinden, und im Zweifel dem Original den Vorzug geben. Und neue, jüngere Käuferschichten werden im Zweifel lieber zu einer echten Neuerscheinung greifen, statt sich die "geliftete" Version eines Dufts zuzulegen, den ihre Eltern- oder gar Großelterngeneration im Badezimmer stehen hat. Dieses Dilemma war den Marketingleuten bei Jil Sander mit Sicherheit bewusst. Trotzdem hat man sich an eine Neuauflage des Jil-Sander-Klassikers Woman III von 1986 gewagt.

Ich finde, dass die Neuauflage weitgehend gelungen ist. Meine Parfüm-Sozialisation hat in den 80er Jahren stattgefunden, die Chypre-Klassiker von Aromatics bis Woman III haben mein Duftempfinden geprägt. Deshalb ist es mir schlechterdings nicht möglich, mich der Neuauflage von Woman III völlig unbefangen zu nähern. Wenn ich aber versuche, mich von direkten Vergleichen mit der Originalvorlage oder auch mit anderen Chypre-Klassikern frei zu machen, meine ich, dass hier eine zeitgemäße, durchaus vorsichtige und umsichtige Neuinterpretation des Chypre-Themas erfolgt ist.

Die meisten Zugeständnisse an den heutigen Zeitgeschmack macht für mein Empfinden die Kopfnote: Sie ist fruchtig, gefällig, verhalten süß, dabei von der Duftanmutung her sehr rund und samtig wirkend, wie viele aktuelle Damendüfte im Drydown. Das Chypre-Gerüst tritt hinter dieser glatten, samtig-fruchtigen Kopfnote zunächst nur ganz, ganz langsam hervor, schimmert zunächst für geraume Zeit nur durch wie ein Gerippe - wie ein trauriges Gerippe, dachte ich beim ersten Test. Aber der Duft braucht einfach Zeit, das Chypre-Gerippe bleibt nämlich kein Gerippe, sondern tritt langsam in den Vordergrund, wird mehr und mehr mit Leben erfüllt, während das fruchtig-glatte Kopfnotengesäusel verschwindet, und irgendwann ist er da: ein fast reiner Chypre. Blumig, krautig, moosig, erdig, ganz leicht noch überlagert von dieser zeitgenössischen Samtglätte - eine Art Nahezu-Chypre; gewissermaßen eine Version von Chypre, die heute im Mainstreamsegment trotz Chyprecharakter aus Marketing-Sicht gerade noch als massentauglich durchgehen mag.

Ich verhehle nicht, dass mir die echten, alten Chypres lieber sind - wenn schon, dann den richtigen Stoff! Aber das Ziel, eine zu den heutigen Duftgewohnheiten passende aktualisierte Neuauflage von Woman III zu lancieren, einen Chypreduft mit Zugeständnissen an den heutigen Zeitgeschmack, ohne die Strukturen der alten Version völlig aufzugeben und mit Respekt vor der alten Formulierung, dieses Ziel ist hier gut umgesetzt worden.
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