ApiciusApicius’ Parfumkommentare

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04.09.2018 13:16 Uhr
21 Auszeichnungen
Vetiver ist nicht gleich Vetiver. Während die Klassiker die schöne, dunkelgrüne Note dieser exotischen Graswurzel mit Eleganz inszenieren, gehen neuere Interpretationen oft ganz eigene Wege. Zu letzteren gehört Terre d'Hermès Eau Intense Vétiver.

Der Duft eröffnet zitrisch-frisch, wobei die als Bergamotte bezeichnete Note ungewöhnlich lange hält. Sie erschien mir etwas anders, nicht ganz typisch. Der Schluss liegt nahe, dass statt des natürlichen Bergamotteöls ein synthetischer Duftstoff verwendet worden sein könnte. Hinter das Zitrische stellt sich eine frische grüne Note, die ich als "gurkig" empfunden habe - eine seltsame Kombination für einen Herrenduft.

Nach und nach bekommt die zitrische Note mehr Bodenhaftung. Das Frische tritt zurück zugunsten einer etwas rauhen Holzigkeit. Dieser mittlere Bereich der Entwicklung ist bereits nach etwa einer Stunde durchschritten. Zurück bleibt eine trockene, moderne Holznote, wie wir sie schon aus dem Terre d'Hermès Flanker "Eau Très Fraîche" kennen, streckenweise immer noch mit zitrischem Anklang.

In der Tradition von Ellena wird man von Hermès keine überkomplexen Parfums erwarten dürfen. Ein paar gut kombinierte Riechstoffe - das muss reichen. Dieser Linie folgt auch Christine Nagel, aber mit Einschränkung. Den Kopf mit Gurkennote finde ich reichlich verstiegen; mich spricht das nicht an.

Ganz offenbar war Ellenas Eau Très Fraîche der Blueprint für Nagels Eau Intense Vétiver. In der Basisnote treffen beide in einer vermutlich identischen Holznote zusammen. Doch während Ellena zeigt, dass auch ein puristisches Konzept - Zitrus trifft trockenes Holz - vollkommen ausreichend sein kann, erscheint mir Nagels Werk als Verschlimmbesserung.

Wer übrigens die charakteristische aromatische Note des populären Originaldufts in der Nase hat, könnte von beiden Flankern enttäuscht sein; an ihre Stelle ist trocken-synthetische Holzigkeit getreten. Mit dem Original hat beides nichts mehr zu tun.

Und was ist jetzt mit dem intensiven Vetiver? - Tja, da muss man schon reichlich guten Willen aufbringen. Ich rieche davon kaum etwas. Allenfalls eine gewisse Rauheit und Kratzigkeit im mittleren Duftverlauf erinnert an einen weniger eleganten Aspekt des Vetivers. In vielen klassischen Vetivers haben die Parfümeure das erfolgreich übedeckt.

Vetiver hat einen guten Klang, darin muss man wohl den Grund für solche Namesgebungen sehen. Ich halte wenig davon, Parfums mit Duftnoten zu bezeichnen, die dann nicht oder kaum wahrnehmbar sind. Das verwirrt, vor allem den Parfumanfänger.

Von Christine Nagel kennen wir schöne Düfte. Mir scheint, sie hatte die Vorgabe, sich eng an Ellenas Eau Très Fraîche anzulehnen. Doch manches sollte man besser lassen, wie es ist.


26.12.2017 19:15 Uhr
29 Auszeichnungen
Guerlain lebt vom Mythos der Guerlinade - jener geheimnisvollen Duftnote, deren Kern eine besonders zubereitete Vanille sein soll, und die man nur bei Guerlain antreffen konnte. Bei jeder Neuerscheinung schwingt die Erwartung mit: ist sie drin, oder ist sie es nicht? Befeuert von diesem Mythos, bietet uns Guerlain ein reiches Angebot an Orientalen - also Düften, die um die Noten Vanille, Benzoeharz oder auch Tonkabohne herum gebaut wurden.

Der neueste Beitrag zum Thema muss sich daher dem Vergleich stellen, denn dieser drängt sich geradezu auf. Lui ließ mich sofort an Bois d'Arménie denken. Da war die orientalische Wärme, ein vanilleartiger Anklang, aber eben auch eine feine Rauchnote, wie sie uns der Vorgänger so schön präsentiert.

Doch Lui schien sich nicht festlegen zu wollen. Im Verlauf der Entwicklung ging es ein wenig in holzige, leicht herbe, meinetwegen ledrige Bereiche. Lui neigte sich Arséne Lupin Voyou zu, und auch Eau du 68 stand Pate.

Lui bietet das, was man von einem "typischen" Orientalen erwartet - aber modern, in einer schlichten, nicht überladenen Form. Allein die sagenumwobene Guerlinade wird man vielleicht vermissen. Lui ist nicht schlecht gemacht, aber der hätte jetzt auch von einer anderen Marke stammen können. Ich ziehe weiterhin Bois d'Arménie vor, der in seiner eleganten Zurückhaltung mehr Aura als Parfum ist.

Sicher wird Lui seine Käufer finden. Jene, die angesichts der Zurückhaltung von Bois d'Arménie ratlos mit der Schulter zucken. Oder jene, die sich nicht trauen, das strahlende Spiritueuse Double Vanille zu tragen.

Wenn zwischen den genannten Guerlain-Düften noch Platz wäre, Lui könnte ihn einnehmen.


17.12.2017 22:51 Uhr
24 Auszeichnungen
Mordend und plündernd, Angst und Schrecken verbreitend tauchten sIe mit ihren Langschiffen an den Küsten Britanniens und anderswo auf. Wer ihnen in die Hände fiel, konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er nur Hab und Gut verlor. Was mag Creed bewogen haben, ihrem neuen Parfum "Viking" eine solche Story anzudichten?

Ganz klassisch, mit kräftiger Bergamotte eröffnet Viking. Das kennt man, es ist gut und bewährt. Schnell zeigen sich würzige Noten, aber auch Krautiges. Die Würze erinnert stark an Bay Rhum oder Piment, aufgefrischt von ein wenig Minze. Lavendel hält sich im Hintergrund, trägt aber wohl zum krautigen Einschlag bei. Für mich etwas unangenehm war eine gewisse Breite, die geht wohl auf das Konto der als Rose bezeichneten Note. Sie ist der Gegenspieler zu all der Würze und Krautigkeit.

Dieser Duft zeigt eine große Nähe zum Konzept des klassischen Fougères um 1900 - eine Duftrichtung, die für mich das Männerbild vergangener - und überkommener - Zeiten repräsentiert. Insoweit passen dann auch die Wikinger: Denn wenn sich echte Kerle von Anno dazumal ein Duftwasser gönnten, dann durfte das eben nicht nur angenehm sein. Zur Strafe musste musste man auch ein wenig leiden: Schärfe und Pieksigkeit schafften den notwendigen Abstand zu allzu weiblicher Lieblichkeit und Sanftheit. Ein schwieriger Balanceakt muss das gewesen sein - einem Mann ein Parfum anzudrehen, ohne sein patriarchal geprägtes Selbstbild zu beschädigen.

Heute dürfen wir uns einen neuen, unbelasteten Zugang zu klassischen Fougères erarbeiten. Aber wer weiß, bei Creed scheinen sie vielleicht an die übrig gebliebenen Wikinger im Geist gedacht haben. Solche, die gerne richtige Kerle wären und auch mal auf Kaperfahrt mit wollen.

Man mag sich amüsieren über Marketing-Einfälle, aber letztlich empfinde ich Viking - wie so oft bei Creed - als mittelmäßig gemachtes Parfum. Gut gefällt mir der Einsatz von Minze und Lavendel. Krautigkeit und Würze eines Fougères können ihren Reiz haben, aber der entsteht nicht allein durch Verwendung bestimmter Zutaten. Bei Viking fehlt mir einfach dieser "alchemistische Moment", der einen Duft so magisch erscheinen lässt. Der Duft ist übrigens nach zwei Stunden durch, dann greift ganz unklassisch und ernüchternd eine moderne, synthetische Holznote um sich.

Wer die Schärfe und Würzigkeit der klassischen Fougères sucht, wird etwa bei Castle Forbes (1445) Interessanteres finden.


04.09.2017 22:30 Uhr
15 Auszeichnungen
Wer erinnert sich noch an die „roten“ Düfte, die Ende der 1980er Jahre so populär waren? An Jil Sanders Feeling Man, Gainsboros G-Man und vor allem Joop! Homme, das die Zeiten überdauert hat? Die Farbe rot, als Teil der Verpackung, schien irgendwie ihre geruchliche Entsprechung im Duft zu haben – und nicht nur dort. Aromatisierter Tee mit Wildkirscharoma war hip – und mancher Parfumkäufer, ohne sich dessen bewusst zu sein, ließ sich vielleicht von seiner Geschmackserfahrung beim Parfumkauf beinflussen.

Liegt es an der roten Färbung des Parfums, dass mir ganz kurz ein winziger Hauch Joop! Homme in die Nase stieg? Howard Jarvis, unser Freund aus Australien, stellt seinen neuesten Herrenduft jedenfalls in einen ganz anderen Zusammenhang. Da ist vom einem Wald aus Redwood (Mammutbaum) die Rede, und von Flechten und Moosen. Feucht und neblig ist es, und schließlich erscheint der Drache, offenbar ein friedlicher Drache, denn er lässt den Wanderer einen Blick auf sein golden schimmerndes Gelege werfen.

Wie Drachenbaumöl – eine selten anzutreffende Note – pur duftet, weiß ich leider nicht. Vielleicht vermag das tatsächlich diesen nicht ganz zutreffenden Eindruck von roten und schwarzen Beeren zu begründen. Wie dem auch sei, ein kräftiges dunkles Rot wurde hier in ein Parfum umgesetzt. Manchmal kann man Farben wirklich riechen…

Wild Dragons Blood hält sich nicht mit langem Vorspiel auf. Der rote Duft ist sofort präsent, prächtig, schön und raumgreifend. Vorsicht ist geboten: schon wenige Spritzer genügen, um einen Raum zu fluten. Die Sillage ist zu kräftig für‘s Büro. Besser am Abend tragen, vielleicht auf einer Tour durch verräucherte Kneipen. Etwas Mut gehört trotzdem dazu, denn dieser Drachenduft ist nicht gerade leise.

Dieses Parfum trägt die Handschrift seines Erschaffers. Im Drydown, der nach etwa einer Stunde langsam einsetzt, wird die zunächst erscheinende Holzigkeit des Zedernöls zunehmend von einem harzigen Akkord verdrängt, den ich auch schon in anderen Bud Parfums wahrgenommen habe.

Mir gefällt an diesem Duft die Balance der einzelnen Inhaltsstoffe. Nur wer es darauf anlegt, wird hier und da Weihrauch oder Bienenwachs heraus riechen können. Mehr als das rieche ich die Arbeit, die es gekostet haben mag, diese Balance hin zu kriegen.

Doch zurück zur Farbe Rot: da gab es mal einen wunderbar kräftigen, roten und sehr robusten Damenduft, bei dem ich wirklich bedauerte, dass er für mich als Mann nicht tragbar war: Vievienne Westwoods Anglomania. In Stil und Ausdruck kommt Wild Dragons Blood dem ziemlich nahe, bleibt aber mit holzig-harzigen Noten auf der maskulinen Seite.

Mit Wild Dragon‘s Blood leistet Howard Jarvis einen gelungenen Beitrag zu einer eher seltenen anzutreffenden Duftkategorie. Seine Bitte, über Wild Drans Blood zu schreiben, habe ich gerne erfüllt.


10.08.2016 01:41 Uhr
17 Auszeichnungen
Wer sich in der Parfumkunst einem puristischen Stil verpflichtet fühlt, muss gut auswählen. Die wenigen Duftnoten müssen perfekt abgestimmt sein. Und vor allem sollte auch ein solcher Duft mindestens eine Komponente enthalten, die besonderes Interesse weckt. Nur Holz - das wäre doch zu wenig.

The Big Bad Cedar bringt zunächst 2 Aspekte der Zeder in gleicher Gewichtung zusammen - das herbe Holz und den ätherischen, fast scharfen Duft der grünen Nadeln. Es entsteht ein gewisser medizinischer Eindruck, den ich sehr attraktiv finde. Recht lange hält die Balance an, bevor dann doch eine reine Holzbasis den Duft bestimmt.

Ein dritter Aspekt spielt hinein, schon zu Anfang: eine süßlich-animalische Note. Nur angedeutet, rückt sie den Duft etwas in eine arabische Richtung, denn von dort kenne ich die Note in extremer Ausprägung. Wenn ich das näher beschreibe, laufe ich leider Gefahr, den Leser zu verschrecken - sei's drum: es handelt sich um allerbeste Landluft, konkret: Schweinestall. Mit der schweren Süße eines voll erblühten Ginsterstrauchs wäre das auch schlüssig, aber vielleicht etwas zu harmlos beschrieben.

Hier gilt: die Dosis macht das Gift. Und diese Dosis ist sehr, sehr schwach. Doch ich verstehe ihren Sinn. Ohne eine solche Animalität wäre der Duft ziemlich tot. Man könnte den dann auch statt Fichtennadelschaumbad in die Badewanne kippen. Erst diese kleine, dreckige Tiernote macht aus Big Bad Cedar ein erotisches Parfum.

In den letzten Jahren haben wir viele puristische Holzdüfte gesehen. The Big Bad Cedar lotet in diesem Bereich ganz vorsichtig eine schwierige Grenze aus, als Mittel gegen die Langeweile, die bei reinen Holzdüften so schnell aufkommen kann. Das gelingt gut: ich finde den Duft tragbar, attraktiv und interessant.

Persönlich mag ich diese herben Holzdüfte sehr gerne riechen - aber nur an anderen. Denn zum selber tragen ist mir das zu anstrengend. Irgendwann würde mich die bittere Holznote stören - doch da gehen die Wahrnehmungen sicher auseinander.

Wer von Terre d'Hermès nicht lassen kann, dem kann man mit The Big Bad Cedar bestimmt eine Freude machen. Andere könnten den als einen Funktionsduft schätzen, der mehr der Attraktivität als dem Wohlbefinden des Mannes dient. Eingeordnet als Unisex-Duft, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass das bei Trägerinnen in gleicher Weise funktionieren kann.


11.05.2016 21:19 Uhr
17 Auszeichnungen
Ein maritimer Duft aus dem Hause Micallef? Das passiert selten, denn Jean Claude Astier kennen wir vor allem als Meister der orientalisch-opulenten Richtung. Genau gesagt, im Herrenduftsortiment passierte es 10 Jahre zuvor mit dem Parfum Avant Garde. Zwischen beiden Düften ist nicht nur der zeitliche Abstand groß.

Obwohl nur als Kopfnote ausgewiesen, prägt eine salzige, aber dezent bleibende Aquatik den gesamten Duftverlauf von Osaïto. Im Kopf vermag ich noch ein sehr schönes Zusammenspiel mit Grapefruit wahr zu nehmen, danach, muss ich gestehen, rieche ich nichts anderes mehr als eben jenen maritimen Akkord vor einem undeutlichen Hintergrund ohne jegliche eigene Aussage.

Der Wasserakkord ist von klassischer Art, man hat ihn irgendwie noch von ganz früher in der Nase. Er ist salzig, eher irisierend als frisch und vermag es , bei mir ganz unterschiedliche Empfindungen hervorzurufen. Da sind Respektabilität, Distanz und Kühle einerseits, aber dann auch wieder Körperlichkeit und Nähe. Während die aquatischen Düfte des Massenmarktes mich schnell dazu bringen, mich von dem Träger abzuwenden, weiß ich es bei Osaïto nicht so recht.

Und genau dieser Schwebezustand zwischen Anziehung und Abstoßung ist es, der Aufmerksamkeit erzeugen kann, nicht nur für den Duft, sondern auch für die Person, die ihn trägt. In diesem Sinne ist Osaïto ein hervorragend komponiertes Parfum.

Dass ich ansonsten fast nichts rieche, finde ich merkwürdig. Ob es da nur mir so geht? Ganz eindeutig ist Osaïto den feinen, dezenten Düften zuzurechnen. Alles, was hier noch verwendet wurde, scheint nur dem Zweck zu dienen, die feine aquatische Note in Szene zu setzen. Das war vor 10 Jahren ganz anders, wo eine gewagte Kombination mit schokoladigen Noten dem Parfumnamen alle Ehre machte.

Sofern mich im Fall von Osaïto nicht doch die Duftblindheit geschlagen hat, würde ich das Parfum einem puristischen Ansatz zuordnen, wie man ihn aus dem Hause Micallef eigentlich nicht kennt.

Mit Osaïto zeigt Jean Claude Astier sein Können auf ungewohntem Terrain. Es liegen Welten zwischen Osaïto und den Aquatics des Massenmarkts. Osaïto kann auch solche Parfumliebhaber ansprechen, die um Aquatisches meist einen großen Bogen machen.


10.05.2016 00:05 Uhr
20 Auszeichnungen
Bei manchen Düften verbietet es sich geradezu, nach den Noten zu fragen, und Roja Doves aktuelles Vetiver gehört dazu. Litsea Cubeba, Rose und Guajakholz sind unwichtig, denn sie verwirren mehr, als sie erklären könnten.

Gerade in den letzten Jahren war der Markt ja nicht gerade arm an Vetiver-Neuerscheinungen. Doch kaum ein Duft, hinter dem nicht ein großes Aber steht. Entweder der Parfümeur sieht davon ab, die kratzige, bittere und raue Seite der Note auszubalancieren, oder aber es handelt sich um Kombinationen mit anderen, gleichwertig behandelten Noten oder Akkorden. Das klassische Vetiver-Cologne fristet hingegen ein Schattendasein.

Mir war gar nicht bewusst, dass Roja Dove ein ganz klassisches Vetiver im Angebot hatte und nun im Jahr 2016 wieder neu auflegt. Vetiver pour Homme ist so klassisch, dass man gar nicht viel dazu sagen möchte. Wer auf der Suche nach dem Besonderen ist, dem genialen künstlerischen Einfall oder dem ganz individuellen Ausdruck, der ist hier falsch. Richtig ist hier dagegen, wem Frédéric Malles Vétiver Extraordinaire ein Tick zu dunkel, Lubins Le Vetiver um einen Hauch zu beliebig erscheint, und wer sich bei Guerlains Vetiver Extreme an Waschmittelmoschus erinnert fühlt. Roja Doves Vetiver pour Homme steht inmitten der veritablen Konkurrenz und verdient sich mühelos den Titel des Vetiver-Parfums "an sich".

Hier gibt es überhaupt nichts zu mäkeln. Da ist Würze, da ist Tiefe, da ist dunkelgrüne Schönheit und auch männliche Erotik, und alles im rechten Maß. Der Aussage meiner Vorrednerin, dass es sich hier vermutlich um das eleganteste derzeit erhältliche Vetiver am Markt handelt, ist beizupflichten. Andererseits: was heißt das schon? Hinter dem Original-Vetiver-Duft, den Guerlain im Jahre 2000 leider eingestellt hat, verblassen sie alle miteinander.

Roja Dove scheint zu wissen, wie sehr die Vetiver-Veteranen unter den Parfumfreunden nach Qualität lechzen - bei der Preisgestaltung geht er über jedes normale Maß hinaus. Für 50 ml des besten Vetivers am Markt werden fast 440 € verlangt, für die Probeabfüllung (7,5 ml) etwa 70 €. Da heißt es Augen auf nach Parfümerien und Kaufhäusern, die die Marke Roja führen, und wo man mal einen Spritzer abgreifen kann.

Manchmal verhält es sich mit Parfums wie mit schicken Rennrädern. Ab einem bestimmten Level fallen pro 100g weiterer Gewichtersparnis je 100 € an zusätzlichen Kosten an. Wer das viele Geld für Rojas Vetiver pour Homme nicht ausgeben möchte oder kann, braucht aber nicht zu verzweifeln. Auch für nur 75 EUR bekommt man von Guerlain oder Lubin schon etwas sehr Feines.


30.04.2016 21:01 Uhr
13 Auszeichnungen
Der Bottega Veneta Herrenduft gehört für mich zu den besten Neuerscheinungen der letzten Jahre im mittelpreisigen Segment. Ganz einem puristischen Stil verpflichtet, ist der eher aromatisch als herb, dabei aber diskret und zurückhaltend. Wie nur wenige verbindet sein Konzept Attraktivität und Anziehungskraft mit Schlichtheit und Tragbarkeit. Wer ein Parfum für jeden Tag sucht, wird hier bestens bedient.

Wenn schon die nachfolgenden Flanker den ersten Duft der Serie kaum übertreffen können, so bleibt immerhin die Frage, ob sie ihm gleich kommen. Der helle Flakon des neuen Essence Aromatique signalisiert, dass es diesmal in eine frischere Richtung gehen könnte.

Der erste Geruchseindruck ist zitrisch-krautig, markant und sehr, sehr vertraut - ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten? Ein paar Regale weiter steht er und bestätigt im Direktvergleich: der Auftakt ist Armanis Eau pour Homme!

Der Armani schlechthin hatte seine große Zeit in den 80ern und 90ern, und selbstverständlich konnte das Remake aus dem Jahr 2013 der nostalgischen Erinnerung nicht gleich kommen. Jenes Eau war ein richtiger Stinker, mit Basilikum und Zitrone, noch ganz typisch für die Zeit der Aromatic Fougères. Doch auch die heute erhältliche Version ist immer noch kräftig, so wie es für ein zeitgemäßes Parfum eben noch geht.

Im Essence Aromatique setzt Amandine Clerc-Marie diesen Akkord freilich ganz anders ein als seinerzeit Roger Pellégrino. Bei ihr ist der Ton drei Stufen leiser. Er stellt sich in der Kopfnote vor, um dann verhaltene Impulse bis in die Basis zu senden. Diese ist pudrig-holzig und meldet sich schnell zu Wort. Ihre zurückhaltende Art ist die thematische Verbindung zu den beiden anderen Düften der Reihe. Dass die Duftentwicklung schon nach zwei Stunden durch ist, hätte man in der Namensgebung berücksichtigen können, etwa durch den Zusatz "Cologne".

Amandine Clerc-Marie hat sich verdient gemacht, indem sie einen klassischen Akkord in einen ganz modernen Rahmen stellt und ihn so vielleicht einem jüngeren Publikum aufs Neue erschließt. Selber habe ich allerdings noch nie das Bedürfnis verspürt, mich mit Basilikum und Zitrone einzureiben. Armanis Eau - in welcher Form auch immer - ist daher nicht Teil meiner Sammlung.


30.04.2016 19:53 Uhr
12 Auszeichnungen
Gut steht es der Marke Salvatore Ferragamo an, einmal Anleihen bei der klassischen italienischen Parfumerie zu nehmen. Es sind die Zagaras, von Johann Maria Farina im Gepäck nach Köln mitgenommen und von dort in alle Welt exportiert, die am Anfang der neuzeitlichen Parfumkunst überhaupt stehen. Und es ist die Note Neroli oder auch Orangenblüte, welche diese Eau de Colognes so stark bestimmt, dass sie von den einen heiß geliebt, von den anderen als Oma-Parfum geschmäht werden.

Eine solch klassische Note in einem modernen Herrenduft ist eine angenehme Überraschung. Doch hier schließt sich gleich ein großes Aber an. Die Orangenblüte in Acqua Essenziale Colonia ist nur der Steigbügelhalter für einen Duft, der sich schnell in eine ganz andere Richtung entwickelt.

Acqua Essenziale Colonia ist ein hell-würziger Duft. Im Herz und in der Basis ist er geprägt von einem Riechstoff, der sich mit Noten wie Koriandersamen, eventuell auch Muskatellersalbei umschreiben lässt. Persönlich mag ich den überhaupt nicht, daher fällt Aqua Essenziale Colonia bei mir durch.

Doch der Duft ist ordentlich gemacht und das Konzept für mich schlüssig. Sehr positiv fällt mir auf, dass die Nerolinote ausschließlich den Kopf prägt. Schnell lässt sie nach, schafft es aber gleichwohl, ihren Charakter ein Stück weit dem Nachfolgenden mit zu teilen. Das spricht dafür, dass für Acqua Essenziale Colonia tatsächlich Orangenöl Verwendung gefunden haben könnte und kein ewig anhaltender Ersatzstoff. Wer weiß?

Acqua Essenziale Colonia ist ein leichter Duft, mit einer ungewöhnlichen Kombination zweier Akkorde. Aus der Beliebigkeit vieler Herrendüfte des mittleren Preissegments ragt er gerade so weit heraus, wie es der Massengeschmack vielleicht noch toleriert.


26.04.2016 22:06 Uhr
14 Auszeichnungen
Parfums aus der Türkei sind auf Parfumo schon immer auf Interesse gestoßen. Zwar kommen von dort meist preiswerte Düfte, doch manche konnten mit Assoziationen an längst eingestellte Favoriten punkten. Mit Nishane wagt sich eine Marke mit diesem Hintergrund nun in die hochpreisige Nischenparfümerie. Wird Nishane diesem Anspruch gerecht?

Mit Vetiver kriegt man mich immer, deshalb durfte „Sultan Vetiver“ auf meine Haut. Anders als manches, was diesen Namen trägt, wurde am Extrakt dieser Graswurzel hier nicht gespart. Ein ziemlich rauchiger Vetiverakkord prägt diesen Duft von Anfang bis Ende. Damit setzt sich Sultan Vetiver wie viele „moderne“ Vetivers ab vom klassisch-eleganten Stil (z.B. Guerlain), bei dem die rauhe und vielleicht auch rauchige Seite dieser Graswurzel eher überdeckt wird.

Nicht recht entscheiden konnte sich der Parfümeur bei der Gestaltung der Kopfnote. Mit Neroli lehnt sich Vetiver Sultan an die Klassiker an, in denen der Kopf meist zitrisch-frisch gestaltet ist. Doch mit der als Absinth bezeichneten Note wird eine helle, würzige Frische dargestellt (mir kam Wacholderbeere in den Sinn), wie man sie in manchen Parfums gerade als Alternative zum Zitrus-Einerlei verstehen kann. Sehr ungewöhnlich ist das, beides vereint zu finden – aber warum nicht?

Mit dem Kopf hält sich die Entwicklung nicht lange auf. Zentrales Motiv ist ein rauchiger Vetiverakkord, der mit modernen Noten aus dem holzig-ledrigen Spektrum kombiniert wird. Das dürfte vor allem die Anhänger puristischer Parfums im Gefolge von Terre d'Hermès, den Dsquared-Düften oder den Herrendüften von Ramon Monegal ansprechen.

Der Dufteindruck, der dadurch entsteht, dürfte einmalig sein. Ob er letztlich gefällt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Es ist immer wieder zu beobachten, dass einem an sich krautigen Duft ein orientalischer Touch durch Tonka, Vanille oder Verwandtes mit gegeben wird. Das bewirkt Volumen und führt den Duft in die Breite. Bei Sultan Vetiver ist das vor allem in der Herznote der Fall. So negativ darstellen wie meine Vorrednerrin möchte ich das zwar nicht, doch die Kartoffel-Assoziation kann ich nachvollziehen. Ich empfinde Sultan Vetiver über Teilstrecken hinweg als regelrecht mehlig.

Nach etwa zwei Stunden driftet Sultan Vetiver Richtung Basis. Ich rieche jetzt wieder mehr Vetiver in vertrauter Form. Die eine oder andere ambitionierte Note schwächelt schon deutlich. Fast wird mir der Sultan auf der letzten Wegstrecke doch noch sympathisch.

Auch wenn der Sultan meinen Geschmack nicht ganz trifft – schlecht gemacht ist er nicht. Interessant für Testwillige ist die Einmaligkeit der hier gefundenen Kombination der Duftstoffe. Den hohen Preis von ca. 160 € halte ich gerade noch für vertretbar, vor dem Hintergrund, dass hier mit Vetiverölen und Acetaten mutmaßlich nicht gespart wurde.


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