Das Faible für Quickies - ein Loblied auf die Eaux de Cologne
Wie jeder Duftliebhaber bin ich hinter der Haltbarkeit her – und eher unglücklich, wenn sich der schöne Duft bereits nach drei, vier Stunden völlig aus der Umgebung zurückzieht. Gut, wenn er die Mitwelt nicht mehr erfreut, damit kann ich leben (und sie wohl meist auch), aber wenn ich schon selbst unter das Shirt riechen muss, um noch etwas vom Parfüm zu haben, dann ist das eher ein Ärgernis.

Und kommt es mir nur so vor oder waren Parfums früher auch deutlich „haltbarer“? Ich weiß, der Blick zurück neigt dazu, durch Idealisierung des vorigen Zustandes zu verklären, aber ganz kann ich mir dieses Gefühl nicht ausreden (löbliche Ausnahme aus meinem Parfumschrank: Zino Davidoff – dem haben eventuelle Reformulierungen nichts von seiner Standfestigkeit über den ganzen Tag geraubt).
Aber hier soll es nicht um die verlorene Haltbarkeit gehen, sondern um eine Gattung von Parfums, bei der die Haltbarkeit schon immer eher Nebensache oder sogar störend war: Das Eau de Cologne. Schon von der Formulierung her ist es ein flüchtiger Gedanke, ein Riechblitz und ein sinnliches Quickie, das mich den Moment genießen lässt und dann wieder abtritt, um vielleicht sogar die olfaktorische Dauerbeziehung des Tages wieder durchscheinen zu lassen.
Ich finde Eau de Cologne auch aus historischen Gründen interessant, waren sie doch die Urform des Parfums, die ursprünglich aus der Heilkunde stammte und auch innerlich angewendet wurde. Das Eau de Cologne begann in Köln, aber nicht mit 4711, sondern mit der eingewanderten Familie Farina. Und von dort trat es den Siegeszug über die Höfe Europas an.
4711, eigentlich „nur“ Nachahmer, demokratisierte das Kölnischwasser für die Normalsterblichen. Es wurde zu einem Massenphänomen und fixer Bestandteil der bürgerlichen Badezimmer. Aber Popularität bringt irgendwann unweigerlich auch den Wear out mit sich, und zum Ende des Wirtschaftswunders in Deutschland bekam Eau de Cologne den Mief des Bürgerlichen, des Angestaubten und war, um es neudeutsch zu titulieren, total out.
Und wie bei fast jeder Modewelle kommt nach dem Wear out auch wieder der Rebound (der meiner Meinung nach mit der Vergesslicheit des Kollektivs zu tun hat): Ich bin wohl nicht der Einzige, der das Eau de Cologne wieder für sich entdeckt hat – in den letzten Jahren hat es eine deutliche Renaissance erfahren. Gerade die Leichtigkeit, Frische und Zitrus-Klarheit, die früher als unprätentiös oder banal galt, wird heute als Understatement und Raffinesse gelesen.
Dabei sind die Zitronendüfte (wie zum Beispiel Roger & Gallet Cologne Twist) beileibe nicht die einzigen Vertreter der wiederauferstandenen Gattung: 4711 hat sich unter der Bezeichnung Acqua Colonia mit einer Vielzahl an Duftvariationen neu erfunden (mal besser, mal weniger gelungen, meiner Ansicht nach) und seitens der großen Namen wie Hèrmes gibt es fantastische Kreationen, die schon vor 50 Jahren kreiert wurden und bis heute eine Freude zu tragen sind (Eau d’Orange Verte zum Beispiel).
Eines ist allen aber gemeinsam – sie sind gekommen, um nicht zu bleiben. Sondern um zu erfrischen, zu ergänzen, einen Moment zu verzaubern. Und genau deshalb mag ich sie: Sie legen mich nicht fest, sondern legen eins oben drauf.
Das flüchtige Vergnügen ist manchmal recht kostengünstig (wir starten hier bei etwa zehn bis fünfzehn Euro für die Taschenflaschen zwischen 50 und 100ml), kann sich aber bei Klassikern wie Acqua di Parma Colonia oder den besagten Colognes von Hèrmes auch der Dreistelligkeit nähern.
Wenn man mich nach meinen momentanen drei Lieblings-Colognes fragt, dann nenne ich zwei und ein Eau de Toilette, das diesen Namen aber völlig zu Unrecht trägt. Die beiden „echten“ Colognes sind das Cédrat von dem französichen Unternehmen Roger & Gallet und das Acqua di Parma Colonia, das schon 1916 formuliert wurde. Und dann wäre da noch das Eau de Campagne von Sisley, ein Werk von Jean-Claude Ellena aus 1976, das fast 30 Jahre vor seinem unvergleichlichen Un Jardin sur le Nil entstand und mit seinem flüchtigen Gemüsegarten-Duft vielleicht nicht jedermanns Sache ist. Aber meine.


Bernhard63

Für mich dürfen gerne wieder viel mehr EdCs getragen werden :)
Ohne "Verstärker" bitte.
Es liegt meines Erachtens zum Einen daran, dass es für Influencer deutlich einfacher und bequemer ist sich über Haltbarkeit und Sillage auszulassen als einen Duft in seiner Feinheit zu beschreiben und das (meist) junge Publikum a.k.a. potenzielle Käuferschaft kann sich - wie beim Quartett - mit noch einem zehntel Prozentpunkt mehr in der Benotung selbst darin bestätigen, den größten "Banger" in der Sammlung zu haben.
"Ed. Pinaud, Flirt, Parfum ultra persistant" - die Sehnsucht nach Haltbarkeit ist mindestens 120 Jahre alt.
In Frankreich zelebrierte man die KUNST DES PARFÜMIERENS und legte mehrmals am Tag nach mit sich steigernden Konzentrationen - Lotion oder Cologne am Morgen, Eau de Toilette am Nachmittag, abends Eau de Parfum oder Extrait.
Wieder ein schöner Beitrag von Dir, den ich gerne gelesen habe. Vielen Dank.
Ich teile Deine Gedanken. Guerlain Eau de Cologne Imperiale - die Haltbarkeit ist äußerst kurz, aber mir ist es völlig egal, weil ich bei jedem Nachsprühen die herrliche Kopfnote auf's Neue genieße.
Yatagan hat vor 8 Jahren einen lesenswerten Beitrag über die Kölnischen Wässer und die Abgrenzung zu Cologne-Konzentrationen geschrieben, den ich aus der Versenkung holen möchte.
https://www.parfumo.de/Benutzer/Yatagan/Blog/Eintrag/Klnische_Wsser_1709_und_heute
Wer intensiveres Lesevergnügen zu den Kölnischen sucht, dem möchte ich die interessante und amüsante Schrift ...
... über das Cologne-Saufen in "Welt-Fahrten" von Wilhelm Joest aus dem Jahre 1885 ans Herz legen.
Für mich : untragbar!
Hatte die Tage ein Sampleset : bei mindestens drei der getesteten nehme ich Woody Ambers wahr.
Und das nicht zu knapp.
Seit über zwei Jahrhunderten verkörpert 4711 die vielseitigen Duftwelten der Eaux de Cologne. Mit der Einführung der neuen Kollektion „Acqua Colonia Collection Absolue“ rücken nun erstmals luxuriöse Eaux de Parfum in den Fokus des Traditionshauses.
Läuft dennoch als "Eaux de Cologne." @Bernhard63 😇
Wer bin ich, der eine - nennen wir es mal überzogen - "durchdachte Schöpfung/Werk" eines Parfumeurs bemängelt, weil mir es zu wenig haltbar ist. Wenn ich mit einem Duft als Gesamtergebnis nicht einverstanden bin, gehe ich bei der Masse an Parfums inzwischen einfach weiter...meist sind mir Düfte heute zu haltbar & laut.
Bei einem Picasso als "Werk" sagt man ja auch nicht, dass man das lieber in gelber Farbe mögen würde...ja, auch etwas "überzogen :-)) Ich verlange von Parfum als "flüchtig überflüssigen Genuss" keine Leistung...sorry, wurde etwas lang :).
Und bei der Leichtigkeit von Eau de Cologne bin ich immer dabei. Ich liebe das großzügige und verschwenderische Verschütten über den Körper...der Genuss des Moments eben. Unbedingt!