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Bernhard63
Lebensdüfte
vor 11 Tagen - 07.07.2026
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Das Zwillingsproblem: Dupes und die Liebe zur Komplexität

Die Neugierde ist meine ständige Lebensbegleiterin, aber die Wege, die sie mich gehen lässt, sind manchmal leere Kilometer. Zumindest auf den ersten Anschein.

Als leere Kilometer habe ich zunächst den Kauf von Câline Pure Vision empfunden – angeregt durch die hohen Bewertungen auf parfumo.de und natürlich auch den Preis, der sogar bei nicht unbedingt großem Budget für Parfums als Lappalie durchgehen kann. Keine zehn Euro für einen Duft, der Imagination von Louis Vuitton nicht nur nachempfunden sein soll, sondern ihn laut vielen Stimmen in der Community fast fehlerlos kopiert – das klingt zu schön, um wahr zu sein. Trotzdem, einen Versuch ist es wert: Auf in den Drogeriemarkt, die 60ml geschnappt und nach Hause mitgenommen.

Der Verstand und die Erfahrung hätten mich warnen sollen. Das Phänomen der Dupes kenne ich aus einem anderen Gebiet recht gut, auch wenn es dort nicht um sinnliche Eindrücke, sondern um rein visuelles Imitieren geht: Armbanduhren. Auch dort gibt es für wenig Geld eher eine (zugegeben oft sehr große) Ähnlichkeit als einen Versuch einer Annäherung an das Wesentliche. Ein weiteres Hemmnis für das Dupe-Glück: ich bin einer, dessen Nase in zahlreichen Kursen und der Praxis auf feine Nuancen geschult ist. Mir duftet keiner so leicht was vor, darf ich mit dem gerade noch erlaubten Maß an Selbstvoreingenommenheit anmerken.

Allerdings: Von den Zutaten her sind das Original und der Nachbau nah beieinander. Die Liste liest sich recht ähnlich: auch Pure Vision arbeitet mit ätherischen Ölen, Bergamotte- und Zitronenschale oder Cassia-Blätter, also nicht nur synthetischen Stoffen, wie man vielleicht durch den Preis vermuten könnte. Letztlich sagt das aber wenig über die Menge und das Verhältnis der Zutaten aus, auch wenn Pure Vision sogar den Tee in der Liste angeführt hat.

Aber genau beim Tee liegt schon einmal ein gewaltiger Unterschied: Jacques Cavallier Belletrud wählte für Imagination einen seltenen schwarzen Tee aus China, mit Facetten von Gras, Stroh, einem Hauch Rauch. Und er hat diese Noten mit Kohlendioxid extrahiert – ein kostspieliger Vorgang, der mit den Augen eines Controllers einen wirtschaftlichen Irrsinn darstellt. Belletrud verbrennt hier das Geld aber nicht ohne triftigen Grund: CO2-Extraktion ist zwar immens teuer, doch holt sie feinere, transparentere Nuancen aus dem Rohstoff heraus als es klassische Verfahren können und bietet damit für die anderen Inhaltsstoffe viele Möglichkeiten zur gegenseitigen Verzahnung, zur Bildung eines runden Ganzen. Dem hat Câline nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Hier stehen die Aromen meist einfach für sich – vorhanden zwar, aber dann irgendwie kein Ganzes bildend.

In den ersten zwanzig Minuten auf der Haut sind beide trotzdem sehr nahe beisammen, wäre da nicht die ausgeprägtere Seifigkeit beim Zwilling, die – im Gegensatz zu Imagination – nicht und nicht verfliegen will. Danach driften die Eindrücke schon sehr merkbar auseinander. Nicht einmal so sehr in den Duftkomponenten, aber in dem, was den Verlauf betrifft und wie er sich entwickelt. Ich bin nämlich nicht so sehr an den einzelnen Duftnoten interessiert – das ist nicht das, was ein Parfüm für mich ausmacht – mich interessiert, wie diese Noten über die Zeit gespielt werden, miteinander kommunizieren, gemeinsam ein Bild erschaffen.

Und hier liegt für mich nicht nur das Problem von Câline Pure Vision, sondern das Problem mit Duftzwillingen generell. Duftzwillinge kopieren eine Notenliste, keinen Verlauf. Imagination verändert sich über Stunden, die Zitrik zieht sich zurück, der Tee tritt hervor, am Ende bleibt vor allem Amber und Holz, wird der Duft ruhig und cremig. Pure Vision scheitert an diesem Bogen und flacht ihn ab. Da ist kein besonderer Verlauf, keine Dufterzählung. Fast so wie bei Popsongs schleicht sich das Ende in ein ewig gleiches Fade-out und interessiert ab einem gewissen Punkt nicht mehr.

Imagination erzählt eine olfaktorische Geschichte, Câline ist eine Nacherzählung ohne Gespür für die Dramaturgie. Ähnliches erlebe ich bei Allure Sport von Chanel und La Rive Absolute Sport: Bei oberflächlicher Betrachtung sind sie Zwillinge, bei genauerem Hinsehen ist der Zwilling nicht mehr als ein Imitat.

Ich habe am Beginn des Beitrags den Kauf von Câline Pure Vision als anfänglich leere Kilometer bezeichnet. Aber natürlich waren es im Endeffekt keine. Mir helfen Dupes immer wieder, die Originale besser zu schätzen. Und sie helfen mir, meine Nase auch in Sachen Parfum besser zu schulen (mein Hauptbetätigungsfeld ist Whisky, und dort riecht, erkennt und beschreibt man anders). Dupes werden mir die Originale nie ersetzen, aber als Gegenprobe sind sie ein fixer Bestandteil meiner Sammlung.

Abschließend möchte ich einen Gedanken mit Ihnen teilen, der mir in der Vorbereitung zu diesem Text gekommen ist und der vielleicht eine Anregung zu einem neuen Umgang mit Dupes sein könnte : Würden die Duftzwillinge sich als eigenständige Parfums sehen und verkaufen, nicht als Imitatoren, man würde sie für das, was sie sind, besser schätzen. Denn als Duft können sie bestehen. Als Nachahmer bleiben sie immer mit dem Ruch des Täuschers behaftet.

5 Antworten
IntensoIntenso vor 8 Tagen
Interessante und nachvollziehbare Sichtweise. Jedoch würde ich die Welt nicht so sehr in schwarz und weiß sehen, wie es hier wirkt. Man kann es negativ bewerten, dass ein Duft „kopiert“ wird, man kann es aber auch mit einem positiven Aspekt sehen und sagen: Hey, ich als LV-Duft habe es geschafft und genau deswegen werde ich mehrfach kopiert“. Kopiert werden nur die Erfolgreichen, dahin muss man erst einmal gelangen. Kein Mimimi, sondern stolz darauf sein! Zudem sollte man unterscheiden. Nicht alle Marken, die Düfte nachbauen, bauen sie 1:1 nach. Manche orientieren sich einfach an großen Erfolgen und haben trotzdem ne eigene Nuance drin. Und dennoch gibt es die billigen 1:1 Nachbaufraktionen, die nur den schnellen Euro machen wollen und in 2 Jahren wieder verschwunden sind. Ähnlich übrigens bei den Uhren. Die Marke Seiko. Sie lehnt sich an große Uhren teilweise an, teilweise nicht. Trotzdem sicher keine schlechte Marke. Teuer ist nicht immer besser, auch wenn viele das nicht gerne hören
Bernhard63Bernhard63 vor 8 Tagen
Danke für Deinen Kommentar. Seiko ist an und für sich schon eine großartige Marke, weil sie mehr als jede andere (inkl. Manufakturmarken) in house produziert - also großen Respekt.
Ich sehe auch nicht nur Negatives an Dupes, egal wo - ich habe mehr Pagani Design als Audemars Piguet in meinem Uhrenschrank ;-). Inspiration aufnehmen und dann eigen interpretieren findest Du auch bei den großen Marken, aber diese schnellen Ripoffssind eigentlich, auch wenn sie günstig sind, in meinen Augen verschwendetes Geld, wenn man sie als Duft und nicht als Analyseobjekt kauft.
Aber natürlich soll das jeder so halten, wie er will. Geschmack ist etwas sehr Persönliches und ich finde, man soll nur über seinen eigenen urteilen...
Elisa1000Elisa1000 vor 11 Tagen
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Vielen Dank für den guten Beitrag! 👍 Sehr gerne gelesen.
PollitaPollita vor 11 Tagen
3
Manche Dupes, z.B. Bettina Barty Vanilla Noir für Chopard Cašmir, sind absolut wunderhübsch. Ich habe und liebe beide 🥰
XyzXyzXyzXyz vor 11 Tagen
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Habe nur ein einziges Dupe, und das nur, weil es mir geschenkt wurde UND besser ist als das Original. Und zwar in meiner Miniaturensammlung.
Und, zum Thema MachtJaNixIsJaBillich: Auch für günstige Parfüms gehen Rohstoffe und Energie drauf. Also kauf ich Cheapies genauso bewusst und überlegt und damit selten wie sauteure