Die Liebe zur Unvollkommenheit: Un Jardin en Méditerranée

Manchmal habe ich das Gefühl, ich rieche ihn, bevor ich überhaupt nach der Flasche greife. Ein Rest, der sich irgendwo zwischen Wirklichkeit und Einbildung hält, kaum mehr als eine Erinnerung an Feigenblatt und etwas Salziges. Un Jardin en Méditerranée macht das öfter als andere Düfte aus meiner Sammlung. Er klammert nicht, er verflüchtigt sich fast beleidigend schnell – und trotzdem bleibt genau dieser Hauch zurück.
2003 kam er heraus, noch bevor Jean-Claude Ellena offiziell als Hausparfümeur bei Hermès anfing. Man merkt es dem Duft an. Er wirkt wie eine Skizze, die jemand macht, bevor er sich heranwagt, das ganze Bild zu malen. Kein Statement. Eher ein Gedanke, der noch Unschärfen zeigt – aber schon den Weg zu seinem (für mich) Höhepunkt in der Jardin-Serie: Un Jardin sur le Nil.
Auf Papier riecht er anders als auf der Haut, deutlich anders sogar. Auf dem Blotter bleibt vor allem die grüne, fast bittere Feigenseite stehen, dieses Milchig-blättrige, das an aufgebrochene Stängel erinnert. Auf der Haut kommt fast sofort etwas Salziges dazu, ein Hauch Meerwasser, der so gar nicht wie eine Duftnote wirkt, sondern eher wie eine Assoziation, die sich einschleicht. Ich glaube, das war Ellenas eigentlicher Trick hier: nicht Salz als Molekül hinzuzufügen, sondern Grün und Zitrus so zu kombinieren, dass das Gehirn Meer automatisch dazuerfindet.
Die Eröffnung ist zitrisch, aber nicht besonders laut. Keine Grapefruit-Breitbeinigkeit, eher Bergamotte, die sich schnell zurückzieht. Minze blitzt kurz auf und ist dann auch wieder weg, so als hätte man sie sich nur eingebildet. Das Herz gehört der Feige, aber einer sehr zurückhaltenden – nicht die süße, cremige Feige, die man aus einigen anderen, lauteren Parfüms kennt, sondern das Blatt, grün, vom gedämpften Sonnenlicht zum Duften gekitzelt. Orangenblüte liegt darunter, leicht, ohne die übliche Indol-Schwere.
Was mich immer wieder fasziniert, ist die Transparenz der ganzen Konstruktion. Man sieht förmlich durch den Duft hindurch, als wäre er aus dünnem Glas gebaut. Wenig Material, viel Luft dazwischen. Das ist technisch nicht einfach, so etwas zu errichten, ohne dass es dünn oder billig wirkt. Ellena hat später genau diese Handschrift perfektioniert, aber hier, in dieser frühen Version, spürt man noch das Tasten, die eigene Unsicherheit über das Erreichte. Ein bisschen unfertig, würde ich fast sagen. Und genau das mag ich daran.
Zypresse taucht in der Basis auf, zusammen mit weißem Moschus und einem sehr dezenten Amber. Nichts davon drängt sich vor. Die Basis ist eher eine Idee von Wärme als tatsächliche Wärme. Manche Sammler beschweren sich, dass der Duft zu schnell verschwindet, und ehrlich gesagt, widersprechen mag ich ihnen nicht. Nach zwei, drei Stunden ist kaum noch etwas präsent, man muss schon sehr nah am Handgelenk riechen – was ich öfter mache, als ich zugeben möchte, dieses kurze, fast automatische Heben des Arms, um zu prüfen, ob überhaupt noch etwas übrig ist und wenn, was es noch darstellt.
Bei Hitze verändert sich einiges. Im Sommer, wenn die Haut wärmer ist, tritt die salzige Facette stärker hervor, fast wie am Strand nach dem Schwimmen, wenn das Salz auf der Haut trocknet. Im Winter dagegen wirkt derselbe Duft blasser, deutlich introvertiert, fast so, als würde er sich dafür schämen, in der kalten Jahreszeit aufgetragen worden zu sein.
Der Flakon ist kantig und dabei doch mit runder Anmutung, vom lichten Blauen ins erdige Grüne steigend, eher ein Gefäß als eine klassische Parfumflasche – kein Zufall bei einem Haus, das seine Handwerkstradition auch über Objekte erzählt. Man stellt ihn eher hin, als dass man ihn präsentiert. Und dann steht er aber dennoch für sich.
Ich trage diesen Duft selten zu besonderen Anlässen. Eher an Tagen, an denen ich keine Lust auf Statements habe. Ein Vormittag mit offenem Fenster, ein Spaziergang ohne Ziel, ein Buch, das mich durch die Stunden begleitet.
Am Kragen einer alten Leinenjacke hält er sich manchmal tagelang, viel länger als auf der Haut selbst. Als hätte der Stoff mehr Geduld mit ihm als ich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er die Ruhe sucht, um wirklich zu wirken – und einen einlädt, diese Ruhe selbst zu finden: In einem Garten im Mittelmeerraum…


Vielleicht hätte ich gar kein Bild verwenden sollen, aber Text ohne Bild wird kaum gelesen. Den Flacon abbilden scheiterte an meinem miserablen fotografischen Talent und meinem Respekt vor Copyrights. Mal sehen, wie ich es beim nächsten Artikel löse...
Dein Text ist toll, könnte eine gute Rezension sein!
Hier, hast noch ein paar Kotzbonbons: – – – – – – – –
Für mich ist der Garten am Nil auch ein Masterpiece, und vom Méditerranée hatte ich mir deswegen wohl auch mehr erhofft und wurde beim Testen etwas enttäuscht.
Ich geb ihm nach dieser Lektüre jedoch eine zweite Chance.
Dankeschön
Danke für Deinen Kommentar.