BertelBertels Parfumkommentare

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08.01.2019 11:57 Uhr
19 Auszeichnungen
Die Marke Ella K. wurde mir unlängst in der Parfümerie Albrecht in FFM vorgestellt. "Die Dame kommt ursprünglich aus der Industrie", raunte die Verkäuferin wissend. Und siehe da, Sonia Constant als die Nase hinter ihrer neu geründeten Marke war mir zu meiner Schande nicht bekannt, hat aber hauptsächlich bei Givaudan für Häuser wie Narciso Rodriguez, Tom Ford, Van Cleef & Arpels und Burberry gearbeitet und eine Reihe respektabler Düfte wie Tom Fords "Noir pour Femme" und Carners "Cuirs" sowie einige Versionen von "Valentino Donna" geschaffen - hier sind 83 Parfums von ihr gelistet mit einer durchschnittlichen Bewertung von 7.6, das verdient Respekt.

Und jetzt also Ella K., ihre eigene Marke. Obwohl die Düfte üblicherweise als Unisex geführt werden, wird auf der Website das Bild einer selbstbewussten, doch auch künstlerisch-spirituell orientierten Frau entworfen die sich mit den Düften auf ihren Reisen umgibt und ihre Facetten zum Ausdruck bringt. Marketing halt, aber nicht schlecht und gar nicht mal so dick aufgetragen.

"MÉLODIE D'ALTAI" nun wird als "Voluptuous Woody Leather" beschrieben, und von der Anmutung her passt das ganz gut. Auf den ersten Blick ein weicher, raumgreifender, dichter, eher dunkler getönter Duft, bisschen dunkelsüßlich-sinnliche Wolke mit ordentlicher Sillage. Auch wenn ausgerechnet diese Note in der Pyramide oben fehlt, ist der erste Eindruck für mich stark ambriert, wolkig, reichhaltig. Die dem Duft beiliegende Beschreibung spricht von "animalisch", "wild" und "zurück zur Natur", gar "violence of carnal pleasure", aber diese Eindrücke stellen sich bei mir so überhaupt gar nicht ein, ganz im Gegenteil - das Leder ist weichstes exquisites Wildleder, irgendwie dunkelbraun oder tiefviolett, kurz kann man im Auftakt vielleicht eine leichte Note nach kokelndem Gummi im Hintergrund wahrnehmen die sich aber schnell als leicht rauchig-harzige Note einbindet, auch eher wie exquisites Räucherwerk als klebriges Baumharz. Pelz als oben aufgeführte Note scheint mir hier nicht unbedingt vom Geruch her sondern von der fast haptischen Anmutung sehr passend zu sein. Und definitiv Patschuli, von Kopf bis Basis.

Mich ganz persönlich fasziniert aber vor allem ein weiterer Aspekt der mir erst nach wiederholtem Tragen in der Kopfnote aufgefallen ist: eine dichte, fast tief fruchtige Art, die den wolkig-pelzigen Charakter ganz nachdrücklich füllt und abrundet, ich sehe da eine glänzend dunkelbraune Flüssigkeit vor mir, wie aus Trockenfrüchten gewonnen, ein gewisser Touch von schwerem Cognac, insgesamt ein tiefes, rundes, volles Verströmen das für mich den Kern dieses Duftes ausmacht und ihn auf mich sehr anziehend und betörend wirken lässt. Diese Kombination aus tiefer voller reifer Saftigkeit und pelzig-wildledriger Wolkigkeit ist nach meinem Empfinden eine sehr spezielle Qualität die den Duft viele Stunden bestimmt.

Sorry für die etwas blumige und esoterische Wortwahl diesmal, fühle so kann ich mich dem Duft am besten nähern und seine Wahrnehmung beschreiben, hoffe das lässt sich ein wenig vermitteln ;-)


08.08.2016 22:30 Uhr
15 Auszeichnungen
In meiner Testreihe der demnächst wieder für einen Monat verfügbar gemachten "City Exclusives" habe ich mir "Gaiac 10" als nächsten vorgenommen.

Und dieser Duft hält absolut Wort, er ist genau das: Gujakholz, beinahe fotorealistisch, von der sumpfig-harzig-rauchigen Sorte, diese leicht säuerliche Beschaffenheit die an die Schnittmenge von Mangrovensümpfen und edel fermentierendem Oud denken lässt.

Dabei ist dies in keinster Weise ein Oud-Duft, um die Pole mal zu verorten, so von der silbrigen oder animalischen oder medizinischen Sorte, sondern für mich deutlich ein harziger Ausbund, stark in Richtung Elemi und wie diese Harze und klebrig-zähflüssigen Biester alle heißen gehend. Fasziniernd, erdig, tiefgründig, dunkel braungrün, leicht animalisch - und für mich als übersensible Zivilisationskreatur nicht tragbar. Die untenstehende Beschreibung als Sauberduft ist für mich nicht nachvollziehbar, ganz im Gegenteil, ich empfinde dieses Biest als ziemliche Attacke - mit meinem bisherigen Verständnis der asiatischen und vor allem japanischen (Nicht-)Duft-Kultur nicht in Einklang zu bringen.

Sicher, über die Zeit wird "Gaiac 10" milder, sanfter, eleganter, im Drydown nach vielen Stunden (Ausdauer!) dann mit moschusgedämpfter Holzigkeit ausklingend, aber so lange halte ich nicht durch... Damit wir uns richtig verstehen: dies ist in keiner Weise ein raues, wildes, tobendes Monster sondern ein fein ausbalancierter Harz-Duft, das Konzept geht halt für mich persönlich, vor allem auch mit dem Bezug ausgerechnet auf Tokio, nicht wirklich auf. Muss es aber ja auch nicht :-)

Fazit: wer harzige Elemi-Kreationen mit Kultur und Verstand schätzt und eine fein ausbalancierte, nuancierte Interpretation dieses Themas schätzt sollte "Gaiac 10" unbedingt unter die Nase nehmen. Wer hingegen mit Shiseido et al. hinsichtlich japanischer Duftvorstellungen sozialisiert wurde (wie ich) bleibt hier eventuell ein wenig ratlos zurück.


07.08.2016 22:25 Uhr
13 Auszeichnungen
Wie jedes Jahr kommt auch jetzt am 1. September wieder die Gelegenheit die "City Exclusives" von Le Labo auch ausserhalb der jeweiligen Stadt zu bekommen wo sie ansonsten die restlichen 11 Monate des Jahres ausschließlich zu erhalten sind.

So auch "Baie Rose 26", derjenige Duft der üblicherweise nur in Chicago verfügbar ist.

Ich bin ja ein bekennender Rosen-Fan und schätze die unterschiedlichen Facetten dieses sehr weiten und diversen Genres sehr. "Baie Rose 26" überrascht mich in seiner Eröffnung zuverlässig als wie ich finde irgendwie beinahe "dreckiges", draufgängerisches, dunkel-raues Rosenraubein, auch die von mir so geliebten Aldehyde tanzen kräftig mit. Diese Rose hat vom Beginn weg nicht nur Dornen, sondern will definitiv auch nicht spielen. Sie macht erstmal klar wo sie steht und was ihre Ansprüche sind, irgendwie ländlich und in der rauen Natur platziert, raumgreifend, deutlich, präsent. Toll :-)

Diese Phase hält sie aber nicht übermäßig lange durch, die Metamorphose beginnt schon bald, sie zieht sich nach meiner Wahnrnehmung durch den gesamten Duftverlauf. Sie wird voller, runder, dunkler, wesentlich zugänglicher, fast samtig, tief, sinnlich auch.

Viele Düfte lehren ja spezielle Erkenntnisse. Dieser hier fasziniert mich immer wieder durch die fast schon bisschen schockierende Einsicht wie nahe Rose und Nelke in wesentlichen (= das innere Wesen betreffende) Aspekten zusammenliegen können. Im Herzen dieses Duftes ranken und wiegen sie sich umeinandet, mal vermeine ich den einen Ton stärker zu erhaschen, mal den anderen, aber in Summe gibt sich die Nelke im Zusammenspiel mit rosa Pfeffer alle Mühe die Gesamt-Rose im schönsten Licht erscheinen zu lassen. Gerade im Herz ist dieses voller Fülle, Opulenz, Tiefe, kein scheues und zartes Gewächs, aber auch die Dornen und Widerspenstigkeiten sind zurückgefahren, es herrscht dralle Präsenz, nunmehr üppig und sehr "da", aber nicht die Umwelt überstrahlend, sondern vornehmlich den Träger umschmeichelnd.

So geht das einige Stunden, 6-8 bei mir, bis die Rose schließlich sachte ermattend auf ein Bett aus Moschus und entfernter Zeder niedersinkt. Spätestens in dieser Phase wird nochmal deutlich dass dies durchaus ein auch für Herren perfekt tragbar Duft ist.

Letztes Jahr hatte ich diese wundervolle Rose nochmal ziehen lassen, weil ich ja nun wirklich genügend Alternativen habe - dieses Jahr ist sie aber fällig, ihr spezieller Charakter und Verlauf verdienen es, wer mag kann ja beim Sharing in Kürze gern mittun :-)


06.03.2016 15:03 Uhr
20 Auszeichnungen
Ich bin stolzer Besitzer von Nummer 212. Von 333 Exemplaren. Ist vorne auf der Verpackung mit einem Kreuzchen verzeichnet (siehe Foto unten). Na ja, schon nett ;-)

Limitierung ist natürlich kein Wert an sich, lässt einen aber schon zumeist irgendwie aufhorchen, Begehrlichkeiten durch künstliche Verknappung werden geweckt - die "strictly selective cosmetics GmbH" aus Niederkrüchten macht das schon sehr geschickt und weiß auf der exklusiven Vermarktungsklaviatur virtuos zu spielen. "Am Ende des Tages" wie es in dergleichen Jargon immer heißt zählt aber die Ware, der materielle Inhalt, also der Duft.

Wobei auch der Flakon superschön ist, finde ich - der ist Schuld daran dass ich vor einiger Zeit überhaupt auf "Aeon 001" aufmerksam wurde. Von der Anmutung entfernt Rundholz-mäßig, sieht er irgendwie aus wie Schutzglas (ist er ja eigentlich auch, aus Borosilikatglas handgemacht) für hochexplosive radioaktive Hochtemperatur-Reagenzien, extreeeem cool und stylisch durch seine technische und ästhetische Raffinesse finde ich das. Aber genug, wir wollten ja über den Duft sprechen ;-)

Und der braucht dann fast auch schon so ein Schutzbehältnis. Vorderhand auf ruppig, raubeinig, massiv-invasiv und heftig gebürstet, offenbart er dem genauen und sensiblen Betrachter ein ganz feines und zartes Herz.

Der Duft in EdP-Konzentration springt einen von der ersten Sekunde quasi an, mit einer kraftvollen, komplexen, dunkelzitrischen und leicht dunkelbeerigen Auftaktnote die nach kurzer Zeit bereits deutlich harzig-ölig und etwas rauchig wird, leicht säuerlich-herb und prägnant knorrig-holzig durch Vetiver. Dieser raue und sperrige zitrisch-holzig-harzige und moosige, zuweilen fast schon bisschen "dreckige" Charakter bestimmt im wesentlichen die auf den ersten Blick sicht- bzw. wahrnehmbare Palisadenwand - doch wenn man näher herantritt, auf die Details zoomt und sich von der fast schon drohend aufgebauten Fassade nicht schrecken lässt sondern das Feine und Zarte ansieht, dann nimmt man zwischen den Harztröpfchen, den Flechten und den Holz- und Strauchsplittern eine dichte, feine, zarte, anmutige helle und freundliche Flora wahr, hunderte kleinster zarter weißer Blüten, überhaupt nicht üppig-schwülstig, sondern jede einzelne der Vielen ganz lieblich-zart und fast rein ihren jeweils eigenen sanften Duft verströmend, in sich einen zart und dennoch dicht und hell gewobenen Teppich hervorbringend. Im Zusammenspiel ergibt das zusätzlich eine beinahe Honig-ähnliche Note, nicht hell und süß, auch nicht die cremige Variante, sondern dunkel, voll, mit allen Komponenten von Bienenwachs und Waben usw. enthalten, ziemlich unsüß finde ich. Wie der Duft trotz seiner blumigen Noten insgesamt nicht wirklich süß und weiß wirkt, sein Gesamtauftritt ist eher dunkel und durchaus opulent und voluminös. Kaum benennbare würzige Noten wie wohl Nelke usw. treten vermittelnd und abrundend hinzu. Nach Stunden makelloser Performance hinsichtlich Sillage und Haltbarkeit dreht der Duft seine Regler sachte und über Zeit zurück und besinnt sich auf seine nunmehr weiche, fast schon cremig-sandelige Vetiverbasis als Ruhebett für den entspannten und spätestens jetzt endgültig versöhnlichen Ausklang.

Ich habe "Aeon 001" nach stundenlangem Duft- und Test-Marathon als letztes präsentiert bekommen, mit den Worten "na ja, und dann hätten wir da natürlich noch was ganz besonders feines, ist nicht jedermanns Sache, müssten Sie halt mal schauen" - und ich wusste sofort schon beim Aufsprühen und erst recht nach ein paar Minuten intensiver Versenkung: "Der ist es!" :-) Ich habe natürlich nicht so den Gesamtüberblick, aber ich könnte jetzt keinen Duft benennen der auf diese Weise das Gegenüber von roher ölig-rauchig-harzigen Holzigkeit und zart-sanft-betörendem Blumencharme darzustellen und mich damit so gekonnt einnehmen könnte. (EDIT: "Maai" von Bogue soll in seinem animalischen Chypre-Charakter ähnlich sein, heißt es bei Kafkaesque.)Wenn man das Gegenteil eines Aquaten suchte, dann hätte man in Norma Kamalis "Incense" und "Aeon 001" wohl die beiden heißesten Kandidaten, beide raumgreifend und komplex, mit jeder Menge Tiefe und Dichte - wo Frau Kamali nach unten in die Düsternis steigt, greift Aeon (wir wissen noch nicht wer der Parfumuer / die Parfumeurin hier ist, dies wird erst mit dem Erscheinen des nächsten Duftes gelüftet - es wird allerdings gemutmaßt dass es sich um Bertrand Duchafour handelt) zum Licht und zu den Sternen und lässt die hell-zarten Blüten sanft strahlen, für den der sich die Zeit nimmt und sich darauf einlässt. Ein toller Duft, an dem ich sicherlich noch einige Zeit weiter lernen und weitere Facetten entdecken und vertiefen darf.


28.02.2016 22:36 Uhr
16 Auszeichnungen
Boah, was für ein Duft! Wie so oft für mich völlig untragbar, aber als Ereignis eine Wucht:

Lichtung im harzigen Kiefernwald. Dichtes, rot-gelb-bräunliches Laub, aromatisch modrig. Einsame, knorrige Hütte. Du öffnest die Tür, ein massives Feuer im Kamin ist eben niedergebrannt, es riecht noch nach allen Facetten des Rauchs, der Asche, der verglimmenden Glut. Wohlig, archaisch, sehr anziehend und gleichzeitig noch brandgefährlich. Auf dem Tisch steht ein riesiger saftiger geräucherter Schinken. Riesig, massiv, wie alles an diesem Duft.

Ich wusste nicht dass Neil Morris zu dergleichen fähig ist. Was ein massiver, heftiger, wie gesagt völlig untragbarer und gleichzeitig fantastischer Duft, dem frühen Norne sowie Akkad nicht unähnlich. Düster, drohend, voluminös - die Jagd auf den Herbst erfolgte offensichtlich durch Brandrodung. Mag auch sein dass die kokelnde Waldhütte diejenige der Hexe ist, diese Noten konnte ich jetzt nicht direkt herausriechen, Hauptsache Hänsel und Gretel konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Ich brauche jetzt dringend zur Reanimation einen wässrig-klaren Ellena-Duft, oder einen Schinkenhäger ;-)


26.02.2016 12:24 Uhr
12 Auszeichnungen
Enrico Buccellas Marke Cerchi nell'acqua blüht ziemlich im Verborgenen, nicht allzu viele kennen sie, und auch Marketing scheint nicht zu sehr stattzufinden, die Botschaften zu den Düften sind oft krude und holprige Übersetzungen der blumigen italienischen Fabulierungen, und die Website scheint schon länger nicht mehr upgedated worden zu sein, weder "E*5" noch andere neuere Düfte sind dort zu finden. Immerhin führt Aus Liebe zum Duft 18 (!) verschiedene Düfte der Marke und liefert im Blog auch Dufteindrücke und begleitende Informationen, das ist wieder einmal sehr löblich.

So erfahren wir dass "E*5" zum fünfjährigen Jubiläum der Duftmesse "Esxense" kreiert worden ist. Bei einem Gang durch die Reihen der Aussteller müssen auf Signore Buccella dort jede Menge zitrische, würzige und balsamische Noten eingeströmt sein, denn so empfinde ich diesen Duft im Verlauf.

Die Eröffnung legt höchst ansprechend und charmant los mit der ganz klassischen Kombination aus Bergamotte, Zitrone und Neroli. Warum oben in der Pyramide neben Bitterorange auch noch Petitgrain und Neroli (Öle der Bitterorange/Pomeranze) aufgeführt werden wundert mich etwas, falls diese Info vom Parfumeur selbst stammt wollte er damit vermutlich ganz zutreffend ausdrücken dass da wirklich alles Mögliche und Verfügbare aus dieser klassischen Richtung drin ist und wir nichts Saures, modern "Frisches" oder Quietschiges zu erwarten haben, sondern eine beinahe ölige, sehr angenehm saftige und volle hesperidische Note die mir einen sehr angenehmen Eindruck von Qualität, Fülle und hervorragender Komposition vermittelt. Dieser Auftakt, beinahe sofort zuverlässig mit weich-cremigen Noten von Patchouli und Sandelholz unterstützt, macht für mich den Charme und die Anziehungskraft dieses Duftes aus, er erinnert mich an die Qualität und Machart von vintage-Klassikern wie "Eau Fraîche" oder anderen weich-cremigen Zitrus-Kopfnoten-Künstlern - sehr gefällig und einladend!

Zur Herznote zu treten zum einen zurückhaltende Noten von Lavandel und Gartennelke hinzu, die aber keinesfalls laut blumig schreien, überhaupt nicht, sondern das runde weiche vintage-Gefühl noch unterstützen (vor allem der Lavendel) und den Duft auch etwas grüner und leicht krautig einfärben. Zum anderen sorgen Koriander und rosa Pfeffer für eine würzige Abrundung, sanft unterstützt von einer samtigen Zimt-Note. Und weich, cremig und balsamisch klingt der Duft dann auch aus, mit hell-weich-holzigen Tönen und Patchouli (ALzD führt in einer leicht abweichenden Pyramide noch Ambra und Moos auf, was ich auch so wahrnehme).

Auch in der derzeitigen Kälte sehr angenehm umhüllend und freundlich aufhellend, wird der Duft sicherlich an wärmeren oder gar heißen Tagen mit seinem cremig-weich-saftigen Zitrus-Charakter sicherlich sehr erfrischend und schmeichelnd zu tragen sein. Ich freue mich sehr darauf!


22.02.2016 13:26 Uhr
4 Auszeichnungen
Das findet man nicht alle Tage - einen Creed-Duft der (1) im Kern noch die "gute alte" hochwertige Creed-DNA aus den 1980ern besitzt, und der (2) hier weitestgehend unbekannt zu sein scheint und zu dem es keinen Kommentar gibt. Letzteres muss geändert werden :-)

"Tubereuse Indiana" öffnet für mich zunächst leicht zitrisch mit Bergamotte und einem dunkleren Neroli-Ton, wird von diesen ausgehend rasch angenehm dunkelorange-blumig, vielleicht auch ein bisschen schwülstig-voll, aber zumindest für mich nicht unangenehm. Hier ist rasch ein Bouquet aus einer Menge Blumendüften im Zentrum, verwoben aus den verschiedensten Blütenkelchen, ich meine überwiegend weiße bzw. hellfarbene Blüten zu vernehmen, mit Jasmin und Ylang-Ylang vielleicht, allesamt eher schwerer und üppig im Duft als dünn und hell - für die derzeit oft sehr zarten (um nicht zu sagen: blassen und farblosen...) Blumennoten in Creed-Düften eine angenehme Abwechslung. Auch eine sanfte aber dennoch gut wahrnehmbare Rose, derjenigen z.B. aus Caraceni 1913 nicht unähnlich, zieht sich bald durch den weiteren Duftverlauf, dazu kommen und gehen Lilien usw. Lediglich die charakteristische und namensgebende Tuberosen-Note ist kaum wahrzunehmen, sie taucht gelegentlich mehr als Ahnung im Hintergrund auf, dominiert aber keineswegs wie in vielen anderen Düften mit ihrer manchmal sehr lauten Präsenz, ganz im Gegenteil. Insgesamt sehr dicht, komplex und rund in dieser Phase.

Recht bald kommt das florale Bouquet zur Ruhe und fährt sein Volumen etwas zurück, bleibt im Wesen für mich aber weiterhin deutlich dunkelorange-blumig. Dazu gesellt sich neben Gartennelke ein recht würziger und entwas dunkler gehaltener Unterton, aus dem ich keine einzelnen Noten unterscheiden kann. Er scheint mir leicht orientalisch angehaucht zu sein, ganz ähnlich dem beispielsweise in jüngeren Penhaligon's-Kreationen der "Trade Routes"-Serie wie "Halfeti" oder "As Sawira".

Wer Glück hat erreicht noch die nach spätestens zwei Stunden einsetzende Basis, cremig und weich, leicht pudrig, mit noch leichten nunmehr cremigen weißen Blüten und einigen hellgrün-pflanzlichen Noten, ganz leicht dunkelgrün moosig auch (nur eine Spur), sehr angenehm und einladend, und mit Ambra durchaus Creed-typisch, die Vanille addiert dabei lediglich Wärme mit kaum Süße (was ich als sehr positiv empfinde). Aber in den meisten Fällen bereits ziemlich zurückhaltend bis schwach.

Hier sind wir auch schon beim großen Schwachpunkt, der mit 2-3 Stunden sehr eingeschränkten Haltbarkeit. Die zunächst durchaus respektable Sillage des Blumenbouquets zieht sich ebenfalls recht rasch zu einer angenehmen Körpernähe zurück (in leichtem Abstand empfinde ich den Duft dabei als wesentlich deutlicher wahrnehmbar und angenehmer als direkt auf der Haut, also quasi ein "Aura-Duft" in dieser Phase), aber die gesamte Dauer des Duftverlaufs ist doch schlicht zu kurz.

Der Duft wurde Anfang der 1980er Jahre vorgestellt (um genau zu sein 1980 als "TuberOse", seit 1982 dann als "TuberEUse"), ich bin mir ziemlich sicher dass Duftverlauf, Sillage und Haltbarkeit zu dieser Zeit um einiges kraftvoller und ausdauernder ausfielen. Die obigen Anmerkungen betreffen die aktuelle Formulierung - ich bin auf der Jagd nach einem vintage, um nochmal direkt vergleichen zu können, aber das ist wie üblich recht aussichtslos...

Noch eine Anmerkung: Auf "Tubereuse Indiana" aufmerksam gemacht wurde ich durch die Empfehlung eines Bekannten, der seinen "vintage vibe" und seine Unisex-Qualitäten pries. Dem kann ich bedingt zustimmen - Creed selbst stuft diesen Duft als feminin ein, so wird er auch hier geführt, Herren die florale Düfte mit deutlich blumigem Bouquet und insbesondere Rose schätzen sei dieser Duft aber durchaus nahegelegt. Fleurop-Boten, Bienenzüchter und bekennende Blumenkinder mögen das vielleicht anders sehen, aber für uns Herren scheint mir die aktuelle Formulierung sogar angemessener zu sein, diese haut einem das Blumenkissen nicht gar so um die Ohren und begleitet zurückhaltend und unaufdringlich.

Wer sich selbst ein Urteil verschaffen möchte tue dies bitte jederzeit gern im gerade hierzu gestartete Sharing hier: http://www.parfumo.de/forum/viewtopic.php?t=53804


09.02.2016 23:43 Uhr
28 Auszeichnungen
Mit Frederic Malle und den Düften seiner Edition geht es mir genau gegenteilig, Dave. Ich liebe die Art wie er sich, seine Ideen und die Realisierung durch seine Parfumeure präsentiert, wie sich die Marke präsentiert und wie seine Düfte daherkommen. "Portrait of a Lady" gehört zu meinen Allzeit-Lieblingsdüften, genauso wie "Bigarade Concentrée", "Une Rose", "Geranium pour Monsieur" und viele andere. Wenn ein neuer Duft aus diesem Haus erscheint werde ich ganz nervös und gebe bereitwillig Vorschusslorbeeren, bin positiv eingenommen noch vor dem ersten Kontakt.

So auch hier. Dabei kann ich Patchouli üblicherweise nicht ausstehen. Abgesehen bislang lediglich von Il Profvmos "Patchouly Noir" und Jovoys "Psychédelique" nehme ich bei der leisest wabernd drohenden Patchouli-Anmutung die Beine in die Hand und schnellstmöglich Reißaus.

Der hier ist anders. Ganz anders, finde ich. Üblicherweise langweilt mich erstickend dampfendes Patchouli in der Basis - hier finde ich es bereits vom ersten Augenblick an. Ich liebe die vermeintlichen Soliflore der Malle-Edition, und so ist es auch hier: vordergründig ein "Patchouli-Soliflor", aber da schillert, wandel, changiert es subtil dass es eine Pracht ist. Dieser Duft ist todernst, dunkelgrau zurückgenommen, aufrecht und stocksteif. Er hat untadelige Haltung, das imponiert mir. Mal nehme ich Vetiver wahr, dann wieder eine Art Oud, dann Patchouli, dann wieder von vorne. Nicht dunkel zunebelnd, sondern hell, deutlich, vorne, bestimmt. Einer der erwachsensten, ernsthaftesten, stützendsten Düfte die ich kenne. Da ist nichts neu oder sensationell, aber durch und durch richtig, klar, echt, stark.

Von Null auf Eins, meine Damen und Herren, katapultiert auf meine "Aktuell trage ich"-Liste wo er erstmal ganz zuverlässig bleiben wird. Ich rate unbedingt zu :-)


12.01.2016 10:59 Uhr
18 Auszeichnungen
Ich bin ein Fan von Jahresend-Best-Of-Listen - meist eine schräge Komposition aus verdichtetem Überblick, fragwürdigen Produktplazierungen und gelegentlichen Entdeckungen. So war ich natürlich gewohnt verzückt als ich irgendwo auf Facebook die Liste des Magazins "GQ" mit den "Top 10 New Scents of 2015" entdeckt hatte. Darauf tummeln sich Frechheiten wie "Boss Bottled Oud" und Burberrys "Brit Splash", Crowdpleaser wie Dunhills "Icon" und Dolce & Gabbanas "The One for Men (Eau de Parfum)", mein derzeitiger Liebling "Equipage Géranium" von Hermés - und das mir (und wie es aussieht hier den meisten) völlig unbekannte "Royal Mayfair" von Creed.

Dies ist eine Neuauflage des ursprünglich 2009 eingeführten "Windsor". In gewohnt lächerlich-ärgerlicher Manier behauptet Creed dass dieser Duft ursprünglich für den Duke of Windsor kreiert worden sei - wer "Royal Mayfair" auch nur einmal flüchtig gerochen hat bemerkt wie absurd diese neuerliche Marketinglüge ist, haben wir es hier doch mit einem ganz auf modern und zeitgemäß getrimmten Duft zu tun der in der "Aventus"-Käuferschaft wildern will, das stellt Creed auch ganz unumwunden selbst heraus.

Im Falle Creed bin ich sicherlich kein neutraler Rezensent, zu sehr schätze ich die alten, hochqualitativen, untergegangen Duftmeisterwerke vom Schlage eines "Vintage Tabarome" oder "Royal English Leather", und zu große Probleme habe ich mit dem beabsichtigten Dufterleben, sowohl auf Papier als auch auf Haut, auch über längeren Zeitraum. Mit dem ersten Sprüher habe ich kantige, raue, hochgradig synthetische Molekülblöcke in der Nase die mich sehr unangenehm und durchdringend an weichen, grellen, elastischen Kunststoff erinnern. Die angegebenen Kopfnoten kann ich nur mit großer Mühe hineininterpretieren - als Gin-Liebhaber interpretiere ich eine starke, leicht säuerliche Zentralkomponente als entfernt wacholderähnlich, eine stechend hell-zitrische Note darüber könnte mit Limette gemeint sein, gelegentlich meine ich zu Beginn etwas dunkler grünes wie Kiefer kurz erkennen zu können, das ist aber alles Rätselraten. Umso mehr bei der angeblich zentralen Rose, die hier wie mir scheint einmal mehr durch einen synthetischen Block abgedeckt wird den ich häufig wiedererkenne und den ich beim besten Willen kaum mit Rose in Verbindung bringen kann, das hat nichts mit gleich welchem natürlichen Duft aus dem überaus breiten Spektrum der Rosendüfte zu tun.

Die Basis ist bei mir sehr langlebig, mit 8-12 Stunden Haltbarkeit erreiche ich ohne Problem. Eine nunmehr deutlich erkennbarere, dennoch für mich sehr synthetisch anmutende Orange-Zeder-Kombination dominiert hier, nicht unangenehm. Einen irgendwie gearteten Eukalyptus nehme ich hier nicht wahr, habe aber leider auch gerade keinen Koala zur letztendlichen Verifizierung zur Hand.

Einer Wertung enthalte ich mich hier natürlich, das Kunstwerk erschließt sich mir einmal mehr nicht, ich habe nicht die passenden Rezeptoren, fürchte ich. Das passiert mir häufiger bei moderneren Düften aus den letzten 3-5 Jahren - dies hier ist als Erfahrungs- und Wahrnehmungsbericht und somit eher als "Warnung" für ähnliche Nasen gedacht, nicht als Verriss. Wer den Duft korrekt und wie vom Künstler gedacht wahrnehmen kann möge bitte hier seine Empfindungen und Eindrücke schildern - für mich (und ich fürchte auch für einige andere) ist dies leider lediglich ein weiteres längst auseinandergefallenes, nicht (mehr?) funktionierendes synthetisches Konstrukt.

Und dass mir hier jetzt keiner anfängt etwas von Batches zu erzählen... ;-)


07.08.2015 16:39 Uhr
10 Auszeichnungen
Ich habe ja hier schon mehrfach bekundet dass ich Soliflor-Düfte klasse finde. Gut gemachte zumindest, denn es genügt ja in aller Regel eben gerade nicht einen charakteristischen Duftbaustein mit bisschen Drumherum zu garnieren, fertig ist der Soliflor - viele Iris-, Rosen-, Jasmin- usw. Soliflore sind hochkomplexe Gebilde die im besten Fall auch noch eine Geschickte erzählen, z.B. über Aufblühen und Verwelken, oder eine "Kamerafahrt" von der Spitze des Blütenblatts bis zur feuchten Wurzel unter der Erde.

Ein wenig in diese Richtung geht auch "Tubereuse 40". Die Zahl im Namen der Le Labo-Düfte zeigt ja immer die Anzahl verwendeter Duftzutaten an, doch der Eindruck ist zunächst ein anderer. Wenn man sich die Kommentare im Netz zu diesem Duft ansieht, fällt auf dass erstmal Unverständnis und Enttäuschung herrscht (und offensichtlich viele Menschen sich nicht mehr als ein paar Minuten Zeit zum Kennenlernen eines Duftes nehmen, doch das steht auf einem anderen Blatt...), denn: "Tubereuse 40" beginnt seine Eröffnung klar, unmissverständlich und kraftvoll mit Neroli :-) Oder besser mit einem zuerst leisen, dann stetig anschwellenden und zuletzt durchaus vollen runden Bouquet in dessen Zentrum Neroli steht und das mit Bergamotte, Mandarine und Orangenblüten schön und voll ergänzt wird. Das ganze ist nicht orange-fruchtig oder sauer oder dergleichen, sondern gleicht dem schönsten, vollsten klassischen Cologne-Akkord wie man ihn kennt - mit dem Unterschied dass er hier mit vollem Volumen mühelos zwei bis drei Stunden anhält. Es ist nicht überliefert ob diese Eröffnung das Ergebnis einer Wette, eines Juxes oder eines überdrehten "guckt mal, ich kann ein Cologne machen das Stunden röhrt!" von Señor Morillas ist, dieser sehr gefällige, voll-voluminöse Akkord ist für meine Wahrnehmung auf jeden Fall sowohl eindrucksvoll als auch sehr angenehm.

Und - auf sowas fahre ich ja voll ab - leitet hervorragend und sauber eingepasst im Herzen in eine charakteristische Tuberosen-Note über und zeigt uns damit dass diese beiden Welten, das Neroli-Cologne und der Tuberosen-Soliflor, gar nicht so weit voneinander entfernt wohnen und sich prächtig und harmonisch verstehen. Der volle, weiche Tuberosen-Ton wird dabei weiterhin durch die Orangenblüte in der Überleitung gestützt und durch weiße weiche helle Jasmin- und Mimosen-Töne etwas breiter und voller abgerundet - wer Bedenken gegenüber Tuberose hat (und das sind nicht wenige) der wird hier ganz vorsichtig und behutsam herangeführt. Auch diese Phase hält gut drei bis vier Stunden bei hervorragender Wahrnehmbarkeit und Präsenz an.

Ab Stunde sechs der Tragezeit gewinnt der Duft dann zusätzlich an Boden, ganz bildlich gesprochen, warme holzige Noten kommen nach und nach sehr behutsam dazu, zunächst Sandelholz und Zeder, dann das geliebte Bett aus Eichenmoos, so ruht und klingt der Duft dann über viele Stunden sanft aus.

Gerade bei den derzeit sehr heißen Temperaturen mit seinem langanhaltenden erfrischenden Neroli-Auftakt und seiner weiß-blumigen Herznote äußerst angenehm und passend. Ein wie ich finde wiederum ausgezeichneter Duft von Le Labo - wenn da nicht die stark eingeschränkte Verfügbarkeit wäre. "Tubereuse 40" ist ein 'city exclusive', d.h. ausschließlich vor Ort in der New Yorker Boutique (und nur dort) erhältlich. Doch einmal im Jahr macht Le Labo die city exclusives ja für kurze Zeit der schmachtenden restlichen Welt zugänglich, und bald ist es wieder soweit :-)


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