BertelBertels Parfumkommentare

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Bertel vor 17 Monaten 20
8.5
Duft

Pelzig-saftige Wildlederwolke
Die Marke Ella K. wurde mir unlängst in der Parfümerie Albrecht in FFM vorgestellt. "Die Dame kommt ursprünglich aus der Industrie", raunte die Verkäuferin wissend. Und siehe da, Sonia Constant als die Nase hinter ihrer neu geründeten Marke war mir zu meiner Schande nicht bekannt, hat aber hauptsächlich bei Givaudan für Häuser wie Narciso Rodriguez, Tom Ford, Van Cleef & Arpels und Burberry gearbeitet und eine Reihe respektabler Düfte wie Tom Fords "Noir pour Femme" und Carners "Cuirs" sowie einige Versionen von "Valentino Donna" geschaffen - hier sind 83 Parfums von ihr gelistet mit einer durchschnittlichen Bewertung von 7.6, das verdient Respekt.

Und jetzt also Ella K., ihre eigene Marke. Obwohl die Düfte üblicherweise als Unisex geführt werden, wird auf der Website das Bild einer selbstbewussten, doch auch künstlerisch-spirituell orientierten Frau entworfen die sich mit den Düften auf ihren Reisen umgibt und ihre Facetten zum Ausdruck bringt. Marketing halt, aber nicht schlecht und gar nicht mal so dick aufgetragen.

"MÉLODIE D'ALTAI" nun wird als "Voluptuous Woody Leather" beschrieben, und von der Anmutung her passt das ganz gut. Auf den ersten Blick ein weicher, raumgreifender, dichter, eher dunkler getönter Duft, bisschen dunkelsüßlich-sinnliche Wolke mit ordentlicher Sillage. Auch wenn ausgerechnet diese Note in der Pyramide oben fehlt, ist der erste Eindruck für mich stark ambriert, wolkig, reichhaltig. Die dem Duft beiliegende Beschreibung spricht von "animalisch", "wild" und "zurück zur Natur", gar "violence of carnal pleasure", aber diese Eindrücke stellen sich bei mir so überhaupt gar nicht ein, ganz im Gegenteil - das Leder ist weichstes exquisites Wildleder, irgendwie dunkelbraun oder tiefviolett, kurz kann man im Auftakt vielleicht eine leichte Note nach kokelndem Gummi im Hintergrund wahrnehmen die sich aber schnell als leicht rauchig-harzige Note einbindet, auch eher wie exquisites Räucherwerk als klebriges Baumharz. Pelz als oben aufgeführte Note scheint mir hier nicht unbedingt vom Geruch her sondern von der fast haptischen Anmutung sehr passend zu sein. Und definitiv Patschuli, von Kopf bis Basis.

Mich ganz persönlich fasziniert aber vor allem ein weiterer Aspekt der mir erst nach wiederholtem Tragen in der Kopfnote aufgefallen ist: eine dichte, fast tief fruchtige Art, die den wolkig-pelzigen Charakter ganz nachdrücklich füllt und abrundet, ich sehe da eine glänzend dunkelbraune Flüssigkeit vor mir, wie aus Trockenfrüchten gewonnen, ein gewisser Touch von schwerem Cognac, insgesamt ein tiefes, rundes, volles Verströmen das für mich den Kern dieses Duftes ausmacht und ihn auf mich sehr anziehend und betörend wirken lässt. Diese Kombination aus tiefer voller reifer Saftigkeit und pelzig-wildledriger Wolkigkeit ist nach meinem Empfinden eine sehr spezielle Qualität die den Duft viele Stunden bestimmt.

Sorry für die etwas blumige und esoterische Wortwahl diesmal, fühle so kann ich mich dem Duft am besten nähern und seine Wahrnehmung beschreiben, hoffe das lässt sich ein wenig vermitteln ;-)
7 Antworten

Bertel vor 4 Jahren 16

Baumharze in Tokio?
In meiner Testreihe der demnächst wieder für einen Monat verfügbar gemachten "City Exclusives" habe ich mir "Gaiac 10" als nächsten vorgenommen.

Und dieser Duft hält absolut Wort, er ist genau das: Gujakholz, beinahe fotorealistisch, von der sumpfig-harzig-rauchigen Sorte, diese leicht säuerliche Beschaffenheit die an die Schnittmenge von Mangrovensümpfen und edel fermentierendem Oud denken lässt.

Dabei ist dies in keinster Weise ein Oud-Duft, um die Pole mal zu verorten, so von der silbrigen oder animalischen oder medizinischen Sorte, sondern für mich deutlich ein harziger Ausbund, stark in Richtung Elemi und wie diese Harze und klebrig-zähflüssigen Biester alle heißen gehend. Fasziniernd, erdig, tiefgründig, dunkel braungrün, leicht animalisch - und für mich als übersensible Zivilisationskreatur nicht tragbar. Die untenstehende Beschreibung als Sauberduft ist für mich nicht nachvollziehbar, ganz im Gegenteil, ich empfinde dieses Biest als ziemliche Attacke - mit meinem bisherigen Verständnis der asiatischen und vor allem japanischen (Nicht-)Duft-Kultur nicht in Einklang zu bringen.

Sicher, über die Zeit wird "Gaiac 10" milder, sanfter, eleganter, im Drydown nach vielen Stunden (Ausdauer!) dann mit moschusgedämpfter Holzigkeit ausklingend, aber so lange halte ich nicht durch... Damit wir uns richtig verstehen: dies ist in keiner Weise ein raues, wildes, tobendes Monster sondern ein fein ausbalancierter Harz-Duft, das Konzept geht halt für mich persönlich, vor allem auch mit dem Bezug ausgerechnet auf Tokio, nicht wirklich auf. Muss es aber ja auch nicht :-)

Fazit: wer harzige Elemi-Kreationen mit Kultur und Verstand schätzt und eine fein ausbalancierte, nuancierte Interpretation dieses Themas schätzt sollte "Gaiac 10" unbedingt unter die Nase nehmen. Wer hingegen mit Shiseido et al. hinsichtlich japanischer Duftvorstellungen sozialisiert wurde (wie ich) bleibt hier eventuell ein wenig ratlos zurück.
4 Antworten

Bertel vor 4 Jahren 15
9
Duft
8
Haltbarkeit

La vie an rose (nicht sonderlich originell, ich weiß...)
Wie jedes Jahr kommt auch jetzt am 1. September wieder die Gelegenheit die "City Exclusives" von Le Labo auch ausserhalb der jeweiligen Stadt zu bekommen wo sie ansonsten die restlichen 11 Monate des Jahres ausschließlich zu erhalten sind.

So auch "Baie Rose 26", derjenige Duft der üblicherweise nur in Chicago verfügbar ist.

Ich bin ja ein bekennender Rosen-Fan und schätze die unterschiedlichen Facetten dieses sehr weiten und diversen Genres sehr. "Baie Rose 26" überrascht mich in seiner Eröffnung zuverlässig als wie ich finde irgendwie beinahe "dreckiges", draufgängerisches, dunkel-raues Rosenraubein, auch die von mir so geliebten Aldehyde tanzen kräftig mit. Diese Rose hat vom Beginn weg nicht nur Dornen, sondern will definitiv auch nicht spielen. Sie macht erstmal klar wo sie steht und was ihre Ansprüche sind, irgendwie ländlich und in der rauen Natur platziert, raumgreifend, deutlich, präsent. Toll :-)

Diese Phase hält sie aber nicht übermäßig lange durch, die Metamorphose beginnt schon bald, sie zieht sich nach meiner Wahnrnehmung durch den gesamten Duftverlauf. Sie wird voller, runder, dunkler, wesentlich zugänglicher, fast samtig, tief, sinnlich auch.

Viele Düfte lehren ja spezielle Erkenntnisse. Dieser hier fasziniert mich immer wieder durch die fast schon bisschen schockierende Einsicht wie nahe Rose und Nelke in wesentlichen (= das innere Wesen betreffende) Aspekten zusammenliegen können. Im Herzen dieses Duftes ranken und wiegen sie sich umeinandet, mal vermeine ich den einen Ton stärker zu erhaschen, mal den anderen, aber in Summe gibt sich die Nelke im Zusammenspiel mit rosa Pfeffer alle Mühe die Gesamt-Rose im schönsten Licht erscheinen zu lassen. Gerade im Herz ist dieses voller Fülle, Opulenz, Tiefe, kein scheues und zartes Gewächs, aber auch die Dornen und Widerspenstigkeiten sind zurückgefahren, es herrscht dralle Präsenz, nunmehr üppig und sehr "da", aber nicht die Umwelt überstrahlend, sondern vornehmlich den Träger umschmeichelnd.

So geht das einige Stunden, 6-8 bei mir, bis die Rose schließlich sachte ermattend auf ein Bett aus Moschus und entfernter Zeder niedersinkt. Spätestens in dieser Phase wird nochmal deutlich dass dies durchaus ein auch für Herren perfekt tragbar Duft ist.

Letztes Jahr hatte ich diese wundervolle Rose nochmal ziehen lassen, weil ich ja nun wirklich genügend Alternativen habe - dieses Jahr ist sie aber fällig, ihr spezieller Charakter und Verlauf verdienen es, wer mag kann ja beim Sharing in Kürze gern mittun :-)
3 Antworten

Bertel vor 4 Jahren 20
9
Duft
10
Haltbarkeit
9
Sillage
10
Flakon

“a liquid gem suspended in the air"
Ich bin stolzer Besitzer von Nummer 212. Von 333 Exemplaren. Ist vorne auf der Verpackung mit einem Kreuzchen verzeichnet (siehe Foto unten). Na ja, schon nett ;-)

Limitierung ist natürlich kein Wert an sich, lässt einen aber schon zumeist irgendwie aufhorchen, Begehrlichkeiten durch künstliche Verknappung werden geweckt - die "strictly selective cosmetics GmbH" aus Niederkrüchten macht das schon sehr geschickt und weiß auf der exklusiven Vermarktungsklaviatur virtuos zu spielen. "Am Ende des Tages" wie es in dergleichen Jargon immer heißt zählt aber die Ware, der materielle Inhalt, also der Duft.

Wobei auch der Flakon superschön ist, finde ich - der ist Schuld daran dass ich vor einiger Zeit überhaupt auf "Aeon 001" aufmerksam wurde. Von der Anmutung entfernt Rundholz-mäßig, sieht er irgendwie aus wie Schutzglas (ist er ja eigentlich auch, aus Borosilikatglas handgemacht) für hochexplosive radioaktive Hochtemperatur-Reagenzien, extreeeem cool und stylisch durch seine technische und ästhetische Raffinesse finde ich das. Aber genug, wir wollten ja über den Duft sprechen ;-)

Und der braucht dann fast auch schon so ein Schutzbehältnis. Vorderhand auf ruppig, raubeinig, massiv-invasiv und heftig gebürstet, offenbart er dem genauen und sensiblen Betrachter ein ganz feines und zartes Herz.

Der Duft in EdP-Konzentration springt einen von der ersten Sekunde quasi an, mit einer kraftvollen, komplexen, dunkelzitrischen und leicht dunkelbeerigen Auftaktnote die nach kurzer Zeit bereits deutlich harzig-ölig und etwas rauchig wird, leicht säuerlich-herb und prägnant knorrig-holzig durch Vetiver. Dieser raue und sperrige zitrisch-holzig-harzige und moosige, zuweilen fast schon bisschen "dreckige" Charakter bestimmt im wesentlichen die auf den ersten Blick sicht- bzw. wahrnehmbare Palisadenwand - doch wenn man näher herantritt, auf die Details zoomt und sich von der fast schon drohend aufgebauten Fassade nicht schrecken lässt sondern das Feine und Zarte ansieht, dann nimmt man zwischen den Harztröpfchen, den Flechten und den Holz- und Strauchsplittern eine dichte, feine, zarte, anmutige helle und freundliche Flora wahr, hunderte kleinster zarter weißer Blüten, überhaupt nicht üppig-schwülstig, sondern jede einzelne der Vielen ganz lieblich-zart und fast rein ihren jeweils eigenen sanften Duft verströmend, in sich einen zart und dennoch dicht und hell gewobenen Teppich hervorbringend. Im Zusammenspiel ergibt das zusätzlich eine beinahe Honig-ähnliche Note, nicht hell und süß, auch nicht die cremige Variante, sondern dunkel, voll, mit allen Komponenten von Bienenwachs und Waben usw. enthalten, ziemlich unsüß finde ich. Wie der Duft trotz seiner blumigen Noten insgesamt nicht wirklich süß und weiß wirkt, sein Gesamtauftritt ist eher dunkel und durchaus opulent und voluminös. Kaum benennbare würzige Noten wie wohl Nelke usw. treten vermittelnd und abrundend hinzu. Nach Stunden makelloser Performance hinsichtlich Sillage und Haltbarkeit dreht der Duft seine Regler sachte und über Zeit zurück und besinnt sich auf seine nunmehr weiche, fast schon cremig-sandelige Vetiverbasis als Ruhebett für den entspannten und spätestens jetzt endgültig versöhnlichen Ausklang.

Ich habe "Aeon 001" nach stundenlangem Duft- und Test-Marathon als letztes präsentiert bekommen, mit den Worten "na ja, und dann hätten wir da natürlich noch was ganz besonders feines, ist nicht jedermanns Sache, müssten Sie halt mal schauen" - und ich wusste sofort schon beim Aufsprühen und erst recht nach ein paar Minuten intensiver Versenkung: "Der ist es!" :-) Ich habe natürlich nicht so den Gesamtüberblick, aber ich könnte jetzt keinen Duft benennen der auf diese Weise das Gegenüber von roher ölig-rauchig-harzigen Holzigkeit und zart-sanft-betörendem Blumencharme darzustellen und mich damit so gekonnt einnehmen könnte. (EDIT: "Maai" von Bogue soll in seinem animalischen Chypre-Charakter ähnlich sein, heißt es bei Kafkaesque.)Wenn man das Gegenteil eines Aquaten suchte, dann hätte man in Norma Kamalis "Incense" und "Aeon 001" wohl die beiden heißesten Kandidaten, beide raumgreifend und komplex, mit jeder Menge Tiefe und Dichte - wo Frau Kamali nach unten in die Düsternis steigt, greift Aeon (wir wissen noch nicht wer der Parfumuer / die Parfumeurin hier ist, dies wird erst mit dem Erscheinen des nächsten Duftes gelüftet - es wird allerdings gemutmaßt dass es sich um Bertrand Duchafour handelt) zum Licht und zu den Sternen und lässt die hell-zarten Blüten sanft strahlen, für den der sich die Zeit nimmt und sich darauf einlässt. Ein toller Duft, an dem ich sicherlich noch einige Zeit weiter lernen und weitere Facetten entdecken und vertiefen darf.
8 Antworten

Bertel vor 4 Jahren 16
8.5
Duft

Sind Hänsel und Gretel in Sicherheit?
Boah, was für ein Duft! Wie so oft für mich völlig untragbar, aber als Ereignis eine Wucht:

Lichtung im harzigen Kiefernwald. Dichtes, rot-gelb-bräunliches Laub, aromatisch modrig. Einsame, knorrige Hütte. Du öffnest die Tür, ein massives Feuer im Kamin ist eben niedergebrannt, es riecht noch nach allen Facetten des Rauchs, der Asche, der verglimmenden Glut. Wohlig, archaisch, sehr anziehend und gleichzeitig noch brandgefährlich. Auf dem Tisch steht ein riesiger saftiger geräucherter Schinken. Riesig, massiv, wie alles an diesem Duft.

Ich wusste nicht dass Neil Morris zu dergleichen fähig ist. Was ein massiver, heftiger, wie gesagt völlig untragbarer und gleichzeitig fantastischer Duft, dem frühen Norne sowie Akkad nicht unähnlich. Düster, drohend, voluminös - die Jagd auf den Herbst erfolgte offensichtlich durch Brandrodung. Mag auch sein dass die kokelnde Waldhütte diejenige der Hexe ist, diese Noten konnte ich jetzt nicht direkt herausriechen, Hauptsache Hänsel und Gretel konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Ich brauche jetzt dringend zur Reanimation einen wässrig-klaren Ellena-Duft, oder einen Schinkenhäger ;-)
6 Antworten

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