ChnokfirChnokfirs Parfumrezensionen

1 - 5 von 177
Chnokfir vor 4 Monaten 23
9
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
9
Flakon

Klassiker der Moderne
Letzten Sommer, als man trotz MNS noch einigermassen in Parfumerien Düfte testen konnte, war ich weder auf der Jagd, noch auf der Suche, sondern stromerte so an den Regalmetern vorbei, als mich in dieser wundervollen kleinen Parfumerie in Regensburg eine Stimme von schräg hinten fragte, ob ich etwas bestimmtes suche. "Einen Duft, der zu mir passt!" war meine frei improvisierte Antwort. Keine zehn Sekunden später hatte ich den ersten Teststreifen unter der Nase. Da stand ich nun in meinen ausgelatschten Adidas-Sambas, einer ausgebeulten Jeans und einem ausgewaschenen Iron-Maiden-Tour-Shirt und fragte mich, wie ich mit meinem fragmentarischen Französischkenntnissen "Beau de Jour" mit meiner Frage in Einklang bringen solle.

Ich sage es mal so: Ich bin kein Tom Ford Fan-Boy. Zu Recht stehen "Grey Vetiver" und "For Men" in meiner Sammlung, aber sonst? Ich gebe zu, diese 15 Meter langen Hochglanz-Counter in den Flagship-Stores mit ihren knappen 438 verschiedenen Flakons machen schon was her und werden auch regelmässig von mir abgegangen, doch zum Kauf kommt es nie. Zum einen überzeugt mich das Preis-Leistungs-Verhältnis so gar nicht, zum anderen ärgern mich die Flakons mit diesen absolut billigen Plastik-Stöpseln, die einfach nicht sitzen wollen, so richtig - für sowas gebe ich keinen Cent aus.

Doch hier habe ich mit "Beau de Jour" auf einmal einen schlichten Glaszylinder mit feiner Riffelung in der Hand, auf dem eine silberne Plakette prangt, darüber ein solider silberner Knöpke mit ebensolcher Riffelung, der auch nach passgenau abschliesst und nicht wie ein Lämmerschwanz wackelt. Die blassgelbe Flüssigkeit verleiht zudem einen klassischen, edlen Auftritt. Der sieht bestimmt gut aus neben "Grey Vetiver", denke ich mir so.

"Klassisch" ist dann auch der erste Gedanke, als ich nach dem ersten Schnüffler tätige. Da ist zunächst einmal nichts ausser Lavendel, doch von der zurückgenommenen, trockenen Sorte, die nicht sofort an Tante Elfriede oder Lavendelkissen denken lassen. Da sind schnell noch weitere grüne mediterrane Einschläge, da sind trockene Kräuter, da ist Eichenmoos und ein sehr zurückgenommenes und weiches Patchouli.

"Beau de Jour" ist ein sehr klassischer Herrenduft aus einer längst vergessenen Zeit, der sofort Erinnerungen weckt an Düfte, die man früher so oft gerochen hat, an Düfte, die man früher mal in der Sammlung hatte, an Düfte, die schon lange bei den grossen Ketten ausgelistet sind und grösstenteils entweder bis zur Unkenntlichkeit reformuliert sind oder traurigerweise schon längst eingestellt wurden.

Dennoch kann ich jede Frage zerstreuen, dieser Duft riecht nicht nach gestern: Kein Anklang von Mottenkiste oder Omas Bankberater mit den abgewetzten ledernen Ellbogenschonern am Sakko. Nein, "Beau de Jour" riecht zwar klar klassisch, doch eben nicht altbacken. Die Spitzen, die den Lavedel scharf riechen lassen würden, wurden abgemildert. Auch die Seifennoten, die jedes klassische Rasierwässerchen ausmachen, sind noch da, drängeln sich aber nicht penetrant in den Vordergrund. Dadurch wirkt man sich wie in einen weichen Mantel gehüllt, der einen sicher und fest umschliesst. Zwar ist so einiges an der Abstrahlung und Haltbarkeit verloren gegangen, doch ist "Beau de Jour" immer noch recht ausdrucksstark und bleibt auch deutlich länger differenziert wahrnehmbar als viele modernen Düfte.

Was soll ich sagen? "Beau de Jour" sieht gut aus neben meinem "Grey Vetiver." Und wenn ich "Beau de Jour" trage, dann tausche ich meine schwarzen Band-Shirts mal wieder gegen ein kariertes Hemd. Auch wenn es aktuell wegen Lockdown und Homeoffice niemand sieht. Aber ich bin immer noch ein kleinkarierter Buchhalter, da sollte das Outfit schon zum Duft passen.
7 Antworten

Chnokfir vor 4 Monaten 19
9.5
Duft
7.5
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon

Gute Laune in Tropfenform
Winterzeit ist Eintopfzeit! Stimmt zwar, passt aber nicht so ganz zum Thema...

Winterzeit ist aber auch Südfruchtzeit. Diese Weissheit kommt noch aus einer Zeit, in der man nicht an jedem beliebigen Tag des Jahres jede beliebige Frucht in jedem beliebigen Discounter kaufen konnte (die es damals noch nicht gab), weil Obst und Gemüse noch nicht jeden Tag fangfrisch aus allen Teilen der Welt nach Deutschland eingeflogen wurden. Damals hielten Zitrusfrüchte auch noch mehrere Tage und Wochen in der Obstschale und man konnte sie gefahrlos im Päckchen an die liebe Verwandtschaft in die Ostzone schicken, was damals mit der Post zwei bis drei Wochen dauerte, ohne das sie sofort vor sich hin gammelten. Damals wurde ich von dem Geschmack und dem süssen Duft von Mandarinen angefixt, die man heutzutage bedauerlicherweise kaum mehr findet, weil man überall fast nur noch Clementinen zu kaufen bekommt, eine Kreuzung aus Mandarinen und Bitterorangen, mit dem Wunsch, bei ihnen als Hybride die lästigen Kerne rauszukreuzen. Dabei ist leider das Aroma weitgehend auf der Strecke geblieben. Man besuche den gutsportierten Obstladen um die Ecke - soweit noch vorhanden - und mache eine Verkostung einer echten Mandarine im Vergleich zur Discounter-Clementine. Der Unterschied ist ähnlich eklatant wie zwischen Angus-Weiderind und Styropor. Vegetarier und Veganer ersetzen das Rind durch Tofu, der Unterschied dürfte aber immer noch ähnlich sein. Dies nur als kurze Warenkunde vorweg.

Wer mal an einem Hermès-Counter bei all den wundervoll illuminierten Flakons vorbei stromert, der bleibt mit den Augen sicherlich bei der einen oder anderen Farbe hängen. Bei mir ist es naturgemäss meist orange. Eine sehr intensive und doch natürliche Farbe, ein prächtiger Farbklecks für jede Parfumsammlung. Ich stehe auf diesen massiven und doch filigranen Hermes-Standard-Flakon, aber in dieser geradezu an klaren Bernstein erinnernden Farbe ist er schon besonders. Der schwarze Knauf passt gut dazu, lenkt aber auch nicht ab, der Zerstäuber verbreitet zuverlässig einen feinen Nebel. Insgesamt ein feines Package.

Mit dem ersten Schnüffler empfangen und umfangen einen auch sofort die Früchte. Je nach Tagesform und Laune riecht man zunächst mal mehr Passionsfrucht, mal mehr Mandarine. Doch diese beiden Früchte spielen, tanzen, umkreisen sich, mal führt der eine, mal die andere. Dabei ergänzen sie einander auf eine wundervolle Art und Weise mit ihrer natürlichen Frucht, mit ihrer Säure, mit ihrer Süsse, ihrer Saftigkeit. Insgesamt hält die Mandarine bei mir länger, die Maracuja klingt nach drei bis vier Stunden leicht aus. Nimmt deren Säure ab, macht sich ein warmer und weicher Akkord in der Basis breit, der die Mandarine glänzend unterstützt und unterfüttert, aber nie verdrängt.

An mir hält der Duft gute acht bis zehn Stunden, manchmal länger und bleibt die Zeit über auch sehr angenehm präsent. Da jedoch der Duftverlauf dank der wenigen Duftakkorde nur minimal ist, kann man insbesondere im Sommer jederzeit nachlegen, um das Geruchserlebnis wieder zu intensivieren, ohne dass sich die Akkorde jemals beissen würden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich "Eau de Mandarine Ambrée" auch vortrefflich zum Layern mit andere Hermès-Düften eignet. Ein Spritzer "Bel Ami" oder "Equipage" drüber und man hat einen etwas herberen und männlicheren Einschlag. Anders herum bietet ein Spritzer "Eau de Mandarine Ambrée" bei den Klassikern "Bel Ami" oder "Equipage" ein freundlicheres, sommerlicheres Gesicht. Diese Düfte beissen sich nicht, sondern können sich wunderbar ergänzen, wenn man sie sparsam layert. Insgesamt würde ich bei "Eau de Mandarine Ambrée" nicht von einem Damen- oder Herren-Duft reden wollen, es ist klar von jedem tragbar, weil es durch seine Frucht wie in der Aromatherapie generell unisex ist.

Überhaupt sehe ich "Eau de Mandarine Ambrée" weniger als Duft, sondern als stimmungsaufhellenden Begleiter, der einfach nur Gute Laune verbreitet. Ob im Büro oder in der Freizeit, dieser Duft passt immer und zu jeder Jahreszeit. Er wird auch nicht als störend empfunden, obwohl ich immer wieder baff erstaunte Blicke ernte, weil das Umfeld zunächst mal nach der Frucht Ausschau hält und erst mit der Zeit merkt, dass eben ich so dufte. Liegt vielleicht auch daran, dass die Duftakkorde zwar einerseits sehr intensiv sind, aber dabei immer einen absolut unverfälschten und vor allem natürlichen Charakter innehaben.

Wie gesagt, "Eau de Mandarine Ambrée" ist Gute Laune in Tropfenform, vielleicht nicht unbedingt für jeden ein Must-Have, aber ausführlich getestet sollte man ihn auf jeden Fall mal haben.

Übrigens, die Orange entstand aus der Kreuzung von Mandarine und Pampelmuse. Aber das nur am Rande ...
7 Antworten

Chnokfir vor 4 Monaten 10
3
Duft
3
Haltbarkeit
4
Sillage
8
Flakon

Weder extrem noch ideal
Mit Geschenken ist es ja immer so eine Sache, den rechten Geschmack des Beschenkten zu treffen. Doch bislang ist es meiner Schwiegermutter stets recht gut gelungen, mir nach Sichtung meiner übersichtlichen Parfum-Sammlung ein neues Schätzchen hinzu zu fügen. Auch dieses Christfest war für sie wieder ein Ritt auf der Rasierklinge.

Guerlain war und ist für mich nach wie vor ein Benchmark, was das Design der Parfumflakons anbetrifft. Auch wenn ich es ihnen kaum nachsehen mag, die individuellen alten Flakons von Klassikern wie "L'Instant" oder "Vetiver" gegen die neuen Flakons mit ihren uniformen Gestaltungsmerkmalen eingetauscht zu haben. Egal, den eleganten silbernen Karton mit Bauchbinde und sauber zentrierten Typenschild und den klaren Lettern erkennt man von weitem als Guerlain. Ebenso den massiven, leicht facettierten Vierkant mit dem soliden, roten Knöpke. Der perfekte Sprühknopf entlässt einen feinen Nebel von der rötlichen Flüssigkeit, die man glatt mit einem leckeren Cognac oder Whisky verwechseln könnte. So, wie dieser Duft dasteht, einfach nur ideal. Sowas kann man sich auch getrost statt einer Vase oder einem anderen Deko-Objekt allein auf den Couchtisch oder in die Vitrine packen.

Sobald man die Flasche entkorkt, respektive den Knöpke abnimmt, weiss man, was einen erwartet: Eine fruchtig-herbe Süsse macht sich breit. Mit dem Aufsprühen verstärkt sich dieser Eindruck dann auch rapide, allerdings für mich nicht zum Vorteil. Eine süsse Wolke umschliesst einen und raubt einem fast den Atem. Viel Mandel, viel Zimt, viel Heliotrop, noch mehr Patchouli, von allem in der Konzentration zu viel, zu wuchtig, zu raumgreifend. Wären da nicht noch ein paar herbe Noten von Holz oder Leder, rituelle Waschungen wären angesagt. Glücklicherweise hat dieser Auftakt an mir nur eine Halbwertszeit von eine halben Stunde, nach einer ganzen Stunde haben sich Mandel und Patchouli komplett verflüchtigt. Jetzt kann man es auch wieder wagen, denn Handrücken zur Nase zu führen und zu verorten, was denn der Duft noch so mit sich bringt. Und da ist sie wieder, diese Kindheitserinnerung an die ledernen Tabaksbeutel meiner Vaters, in denen er seinen Pfeifentabak mit Kirsch-, Pfirsich-, Pflaumen- oder Whisky-Aroma aufbewahrt hat. Wundervolle fruchtige Noten von wilder Kirsche und vollreifen Pflaumen kombiniert mit weichem Leder und trockenen Hölzern, umhüllt mit einem aromatischen, hellen Tabakblatt. Daran könnte man sich wahrlich gewöhnen, sich traumhaft darin verlieren, doch leider ziehen sich diese Akkorde sehr schnell immer weiter in die Haut zurück. Nach knappen sechs Stunden muss man die Nase tief in die Haut graben, um noch die letzten Moleküle erahnen zu können. Leider.

Die Antrittsakkorde isoliert betrachtet würde ich blind auf einen süssen, nicht eben reizvollen Damenduft tippen. Die Duftbasis hingegen ist von der Komposition her ein geradezu klassischer Herrenduft, den man gut und gerne in eine Zeit von vor 50, 60, 70 Jahren verorten könnte. Leider ist dieser Duft nicht mehr auch nur ansatzweise so voluminöse ausgebaut wie damals. Von der zu jener Zeit typischen, raumgreifenden Silage und der sprichwörtlich tagelangen Haltbarkeit ist überhaupt nichts mehr übrig geblieben. Leider.

Meine Schwiegermutter musste anerkennen, dass der Duft an mir nicht zur Geltung kommt. Mag daran liegen, dass der Duft in meiner durch Heizungsluft ausgetrocknete Winterhaut geradezu versickert. Mal im Frühjahr erneut testen. Bis dahin finde ich allenthalben den Auftakt extrem, ideal ist der Duft für mich aber bei weitem nicht.
3 Antworten

Chnokfir vor 9 Monaten 17
5.5
Duft
10
Haltbarkeit
10
Sillage
7
Flakon

Kopfschmerzen in Tropfenform!
Kaum, dass die Geschäfte nach Corona wieder öffneten, ging sie wieder los, die Pirsch nach neuen, schöne Düften. Auch wenn das Testen mit Schnutenpulli doch erheblich erschwert war, so war ich doch in bester Kauflaune, etwas frisches, aquatisches, grünes sollte her. Gesucht, gefunden, erstanden wurden "Lune d'Eau" sowie "Tulsivivah !" Ganz tief in der Schublade wurde nach Pröbchen für mich gekramt und noch länger wurde studiert, ob man mir diese Tester auch wirklich mit ins Tütchen legen könne. Am Ende war es unter anderem "Insulo" und schnell kam ich von der Vermutung "Insulin" zu "Insel" ... oh, vielleicht ein spritziger Urlaubsduft! Weit gefehlt. Leider.

Die Düfte von Jeroboam kommen in einem schwarzen Karton mit güldener Bauchbinde und einer Type bedruckt, die ich mal als Jugendstil meets Arabien bezeichnen möchte. Gefällt auf den ersten Blick. Auch der Flakon überzeugt durch von innen schwarz lackiertes Klarglas und einem relativ schlichten, goldenen Mützchen.

Das erste Sprühen mit dem Tester offenbarte mir jedoch, dass es mit der dezenten Zurückhaltung für die kommenden Stunden erst einmal gewesen sein sollte. Man kann den Duft durchaus als opulent bezeichnen. Schnell kommt man auch zu der Überzeugung, dass man uns bei der Pyramide doch den einen oder anderen Akkord unterschlägt. Vanille, Tonka, Schokolade, Kondensmilch, Kaffee in unterschiedlichster Aufbrühart drängeln sich alle auf einmal zusammen mit dunklen Blumen in voller Blüte und Moschus in die Nase und wollen da auch so schnell nicht wieder raus.

Es drängt sich mir nicht auf, hier von einem Verlauf sprechen zu wollen. Nein, die einzelnen Komponenten kloppen nicht alle nacheinander auf einen ein, sondern gemeinsam mit dem Vorschlaghammer. Sollte jemand ein klassisches Musikstück kennen, welches gleich im ersten Akkord mit einem Crescendo startet und dabei im Verlauf des ersten Satzes nicht abklingt, bitte ich um Nennung unten in der Kommentarfunktion.

Mir war es jedenfalls deutlich zu viel, deutlich zu intensiv und in seiner Gesamtheit auch deutlich zu süss. Der Duft wird als unisex beschrieben. Auf diese Idee komme ich zumindest im mitteleuropäischen Raum eher nicht. Ich kannte mal einen persischen Teppichhändler, der roch ähnlich. Da passte aber auch der Gesamteindruck im zu vermittelnden Bildnis. Obwohl ich Insulo aber auch nicht zwingend als orientalischen Duft einordnen möchte - dafür fehlen mir hier die typischen Beigaben wie Patchouli oder Oud.

Mehr Gedanken über diesen Duft kann ich mir aber auch gar nicht machen, denn schnell kommen Kopfschmerzen auf, die mich zu rituellen Waschungen zwingen, bevor meine Frau aus dem Büro heimkommt und mich entnervt fragt, was ich denn da schon wieder für eine übelriechende Suppe mitgebracht hätte. (Kleine Frage am Rande: Darf man heutzutage noch öffentlich Nuttendiesel sagen?)

Noch was Positives zum Schluss? Insulo hält ziemlich gut. Jedenfalls mehrere Intensive Handwaschungen mit Fettlösern und Essigreinigern. Das ist zu Corona-Zeiten auch schon mal viel wert.
8 Antworten

Chnokfir vor 1 Jahr 12
5
Duft
10
Haltbarkeit
10
Sillage
6
Flakon

Spielabbruch nach Minute vier
Man stelle sich vor, ein allseits hochgeehrter und ebenso verehrter Parfumo steckt einem ein anonymes Pröbchen zur Blindverkostung zu, mit dem dezenten Hinweis auf eine gemeinsame Duftpräferenz. Das lässt aufhorchen und hoffen. Nun, ja, ... ja, nun, ...

Leider liegt bei der Blindverkostung statt dem Originalflakon nur das schnöde Kunststoffröhrchen vor. Schade eigentlich, aber auch wieder nicht, denn der Flakon ist ein Standard-Vierkant aus dem Regal samt schlichtem schwarzen Stöpsel. Das ganze verziert durch einen schlichten Aufkleber ohne sonderlichen Zierrat. Ein Umkarton wird scheinbar gar nicht angeboten. Ist schon OK, in dem kleinen Ein-Mann-Betrieb reduziert sich eben alles auf das Wesentliche.

Der Name des Parfums reduziert es ebenso. Ja, so riecht ein guter Espresso. Volles Kaffee-Aroma. Auch wenn sich jetzt der geneigte italienische Barista bekreuzigt und Stossgebete gen Himmel schickt, hier wurde zudem nicht mit Zucker gespart. Ja, das ist diese Fusion aus Kaffee und Karamell, die ich so liebe. Doch inhaliert man den Duft ein wenig tiefer und länger, so kommen leider auch ein paar unangenehme Untertöne durch. Da ist einerseits eine herbe Rum-Note mit scharfen Spitzen, die mir gar nicht schmecken mag. Ausserdem kommen weitere bittere und rauchige Noten hinzu, als hätte man dem Karamell nicht alle ab und an unter stetem Rühren ein wenig Wasser, Milch oder Sahne beigegeben, sondern hätte zwei Pfund Zucker auf höchster Flamme über mehrere Stunden hinweg bis zur Weissglut des Topfes unter gleichzeitigem Schmelzen der Kunststoffgriffe einbrennen lassen.

Darauf folgt für gewöhnlich eine Generalsanierung der Küche. Nachdem ich das mit meiner Nase nicht machen kann, habe ich die Blindverkostung vorzeitig nach weniger als fünf Minuten abgebrochen und meine betroffenen Hand einer umfangreichen rituellen Waschung mit allerlei fettlösenden Substanzen unterzogen.

Ja, der Duft ist stark, strahlt sehr gut ab und hat mit Sicherheit auch eine ansprechende Standfestigkeit. Leider fehlt es mir an der Ausgewogenheit zwischen lieblichen und derben Noten. Dennoch kann ich mir den Duft sowohl an einer Frau wie auch an einem Mann vorstellen.

Soll ich meinem Spezl jetzt gram sein, dass er mir olfaktorisch dermassen eine drübergebraten hat? Nein, teilen wir doch die Liebe zu gezuckertem Kaffee und er hat mir die etwas derbere Spielart dieser Leidenschaft vor Augen geführt. Soll er sich hieran erfreuen. Ich lebe mich derweil mit Montales "Intense Cafe" und Kerosenes "Follow" aus. Ja, die schmecken mir deutlich besser.
6 Antworten

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