Warum ich Designer-Müll liebe oder Das Problem mit Nischen-Snobismus
Vor einiger Zeit fiel von einem wahrscheinlich jüngeren Parfumo- ich schätzte ihn ob seiner Wortwahl und seines Urteilsvermögens zwischen 7 und 26- der Begriff „Designer-Müll“ angesichts meiner Duftgarderobe und meiner Vorlieben. Natürlich ungefragt, aber kommen nicht die besten unverschämten Übergriffe verbaler Art in der Regel ungefragt?
Und diesen „Vorwurf“ habe ich hier mehrfach gelesen. Manchmal gibt es auch nette Parfumos, die sich aufrichtig wundern und fragen, ob es denn einen bestimmten Grund gebe, warum ich größtenteils Designer-Düfte in meinem Portfolio habe.
Und es gibt sie wohl, diese Gründe. Denn die Beobachtung stimmt ja. Schaut man in meine Duftgarderobe, stellt man fest, dass Chanel, Dior und Givenchy überrepräsentiert sind. Zudem: Findet man Düfte, die sich als Nische einordnen lassen, und zwar nach der Definition, dass es sich um Hersteller handelt , die ausschließlich Parfüm herstellen und keine Unterhosen, Badelatschen und Geldbörsen für 500 EUR aufwärts, findet man Düfte wie
masculin Pluriel oder
Russian Leather Eau de Parfum , also dem Vernehmen einiger Parfumos nach keine wirklich nischigen Düfte, die in der Duftpyramide Cibet-Erdbeer-Oud in der Kopfnote und Asphalt, Atomraketen-Feenstaub und Fanta in der Basisnote.
Somit ist es deutlich: Ich liebe einfach zu mögende Düfte.
Und während ich in den Bereichen Film, Malerei und Literatur verstehe, dass Zugänglichkeit und Massengeschmack nicht immer Qualität bedeuten, fehlt mir das Gen, diese Denkweise auf die Welt der Düfte zu übertragen. Ich kann mich bei einem leisen, atmosphärischen Film über 3 Stunden aufrichtig an dem erfreuen, was ich da sehe, während andere sagen, der Film sei sperrig, langatmig, verklopft. Einen 1000 Seiten-Roman, der vom ersten Satz an sprachlich sowie inhaltlich mindestens herausfordert, wenn nicht gar die Absicht in sich trägt, zu überfordern und der erst einmal die Lektüre des abendländischen Kanons voraussetzt, stelle ich mir eher auf den Nachttisch als einen Bestseller oder den letzten „Roman“ eines deutschen Schauspielers. Aber bei Düften erfreut mich eher das, was sich im Einzelhandel direkt in den Regalen finden lässt, als das, was limitiert erst nach einer TikTok-Bewerbung und nach 3 Monaten Wartelisten-Existenz käuflich ist.
Ich liebe Düfte, die heute für den Massenmarkt gemacht sind und ich liebe Düfte, die früher für den Massengeschmack gemacht worden sind, wie etwa
Paco Rabanne pour Homme Eau de Toilette ,
Givenchy Gentleman Eau de Toilette oder
Tabac Original Eau de Cologne.
Gibt es dafür Gründe, wurde ich eben mehrfach gefragt. Gründe gibt es immer, manchmal sind sie uns bewusst, manchmal nicht. Ich versuche sie zu fassen.
1. Abneigung gegenüber prätentiösem Gehabe
Jeder darf selbstverständlich nach seinen Vorstellungen und Geschmack leben, lieben, schmecken, sich kleiden und duften und riechen. Allerdings bin ich dann doch etwas skeptisch, wenn es Leute gibt, die konsequent ganz ausschließlich nischige Düfte tragen. Gibt es denn keinerlei Düfte in der Designer-Welt , die einem gefallen könn(t)en, sodass man sie nicht einmal testen mag? Und dabei würde ich nochmal unterschieden zwischen jenen, die viel reden und jenen, die nicht viel Gewese um den eigenen Geschmack machen. Wenn jemand seit Jahren Düfte testet, trägt, besitzt, sammelt, also eine Leidenschaft hat, die nicht gefühlt seit 8 Tagen aufgrund einiger Videos in den sozialen Medien erwacht ist, und nun für sich festgestellt hat, dass ihm die nischigen, komplexen Düfte gefallen, so würde ich sagen: Geschmäcker sind eben anders. Da gibt es kein Besser oder Schlechter.
Wer aber seit 2-3 Jahren duftbewegt meint, Designer-Häuser kriegten keine ordentliche Düfte hin und an die eigene Haut würde man nur Nische heranlassen und solch eine Haltung im Ticker und woanders immer wieder ungefragt zur Schau stellt, dem geht es vielleicht nicht um den Geschmack selbst, sondern um den imaginierten Prestigegewinn, den er im Verbindung mit seiner Duftauswahl wähnt. Immer wieder sind hier einige User zu beobachten, die gefühlt alle 3 Monate die komplette Sammlung austauschen. Zunächst ist A der heilige Gral. Also werden 14 A-Düfte gekauft und täglich im Ticker beworben. Nach wenigen Wochen sind die A-Düfte allesamt verkauft, aber JETZT weiß man, es sind die B-Düfte, die eigentlich der Segen der Erde sind und die Sammlung ist nun auch voll mit den B-Düften, bis in wenigen Wochen…na….ja natürlich, die C-Düfte ihren Platz eingenommen haben. Und so wird ewig weitergespielt. Ist das eine normale Suche nach einem eigenen Geschmack mit jugendlicher Überhöhung des Aktuellen zulasten dessen, was seit 3 Minuten der Vergangenheit angehört oder ist das Ignoranz?
Wer so tickt, dem unterstelle ich, dass er dieses Hobby nicht um der Sache willen "betreibt" und den Gewinn in erster Linie nicht im Genuss sieht, sondern soziale Signale zu senden versucht, die ihn - so die Hoffnung- erhöhen. Und solches Gehabe kann ich nicht leiden. Dass diejenigen sich eigentlich ungewollt eher selbst abwerten und teilweise lächerlich machen, ist wiederum ein anderes Thema.
2. Luxus genug
Ich verstehe die Idee, dass ein Flakon, der nicht nur hochwertig angefertigt ist, sondern auch einen gefälligen Inhalt beinhaltet und einen Produkt- bzw. Firmennamen aufweist, der mit Prestige verbunden ist, einem ein Gefühl von Luxus für den Alltag gibt. Nur greift für mich dieses Gefühl eben bei einem Duft wie
Terre d'Hermès Parfum oder
Dior Homme Intense (2011). „Schon“ will ich hinterschieben. Da will ich ehrlich sein, ein Dupe, das für meine Nase nicht unterscheidbar zu
Dior Homme Intense (2011) riechte, aber eben ein anderes Produkt wäre, nicht in diesem Flakon, nicht mit dem Namen DIOR, würde mir nicht dieselbe Freude geben wie das Originalprodukt. Daher frage ich mich: Stellt sich dieses Gefühl bei einigen eher bei einem 400 EUR-Duft ein? Ich jedenfalls empfinde einen 80-100 EUR Duft schon ein Luxus-Produkt und habe das Gefühl, ich gönne mir etwas Schönes im Alltag.
3. Geschmack
Stand jetzt habe ich hier 580 Statements geschrieben. Getestet habe ich noch mehr Düfte. Denn ich neige dazu, dass ich Düfte, die mich kalt lassen, nicht einmal mit einem Statement zu bedenken. Wenn ich in eine Parfümerie gehe und mehrere Düfte auf dem Teststreifen teste, bewerte ich sie nicht einmal auf Parfumo, wenn sie mich kaltlassen. Erst jene Düfte, die irgendwie interessant erscheinen, kommen für einen richtigen Test auf die Haut. Und so einige Nischendüfte habe ich natürlich dennoch auf die Haut gesprüht, habe von den ganz beliebten Düften auch Proben bestellt und sie mehrfach getestet, weil es ja eben heißt, dass einigen Düften Zeit zu geben ist. Was bleibt: insgesamt auffällige Ernüchterung. Nicht, dass ich all diese Düfte schlecht fände, aber ich finde sie häufig einfach nicht besser als einen Duft von Chanel, Dior oder Hermes. Fände ich sie besser, so sähe ich den Preisaufschlag auch gerechtfertigt an. Die Behauptung, Nischendüfte hätten hochwertigere Materialen, halte ich für zu pauschal. Geringere Produktionsmengen, kleinere Unternehmensapparate, weniger Einkaufskraft und teilweise mit Sicherheit auch der alleinige Wunsch, dass das Produkt einfach teurer ist, um sie als Distinktionsgewinn vermarkten zu können, erzeugen die deutlich höheren Preise. Ein Vergleich: Wenn ein Berliner-Start Up für S Sneaker in Kreuzberg mit 17 Mitarbeitern Sneaker herstellt, die dann im Schnitt 220 EUR kosten und sich großer Beliebtheit in einigen Kreisen erfreuen: Sind die Schuhe dadurch automatisch besser als jene von Nike? Und wie ist es bei Autos? Lässt sich das, was Mercedes produziert, leicht übertreffen? Oder haben diese Firmen wie Mercedes, Nike oder eben Chanel Erfahrungen, die sich nicht so leicht übertreffen lassen?
Atelier, Handwerkskunst- ich verstehe den Reiz davon. Wenn ich im Urlaub bin, erfreut es mich, eine Seife in einem Geschäft in einer süßen Gasse zu kaufen, die uneben ist und von der Frau, die sie hergestellt hat, in ein Papier umwickelt und mit netten Worten mir übergeben wird. Ich kaufe auch sehr gern Schinken und Käse, die auf dem Wochenmarkt verkauft werden. Nur: Das Produkt muss halt dennoch erst einmal besser gemacht werden. Ob Lederschuhe, Käse oder Parfum- nichts ist automatisch besser, weil kein großes Unternehmen dahinter steckt. Wer glaubt, ein
Salam ,
London Extrait de Parfum oder
Haibah sei ein hochwertigeres Produkt als ein
Égoïste Eau de Toilette, liegt meines Erachtens falsch. Noch härter fällt mein Urteil aus, wenn Leute auf Düfte hereinfallen, die von irgendwelchen Influencern einfach in Auftrag gegeben werden, die zurecht eine Möglichkeit sehen, mit den nicht abnehmen wollenden Hype um Düfte eine schnelle Mark machen zu wollen, um dann Düfte, die quasi Dupes von bekannten, legendären Designern sind, aber vermarktet werden, als wären sie Kunstwerke erster Güte. Wenn Nische, dann entweder aus einem traditionellen Betrieb oder von leidenschaftlichen Newcomern, die wiederum nichts anderes machen. Schließlich entsteht ja jede Tradition erst. Auch Chanel und Dior waren mal Emporkömmlinge. Aber wenn Düfte, die von BWL-Bros oder Streamern neben Energiedrinks und Fertig-Pizzen auf den Markt „geworfen“ werden, mit KI-Marketing versehen und mit dem Label Nische versehen, so finde ich das lachhaft, wenn die Opf..ähhh…Kunden auch mich glauben, das ganz besondere Produkt in den Händen zu halten.
Auch ich finde übrigens die zahlreichen Flanker im Universum von Valentino Born in Roma und YSL Myslf oder YSL Y beliebig, langweilig und uninspiriert. Das sind nicht die Designer, die ich im Sinn habe. Aber es gibt einige Designer-Düfte, die suchen in der Nischenwelt Widersacher auf Augenhöhe. Diese würde ich als Behauptung in den Raum stellen:
Platinum Égoïste Eau de Toilette
Gentleman Givenchy Réserve Privée
Allure Homme Édition Blanche Eau de Parfum
Héritage Eau de Toilette (Guerlain mag Nische sein, aber der Duft ist eher klassisch als nischig bzw. ultra-nischig)
L'Instant de Guerlain pour Homme Eau de Toilette
Monsieur Givenchy Eau de Toilette
Paco Rabanne pour Homme Eau de Toilette
Azzaro pour Homme Eau de Toilette
Eau Pour Homme (1984) Eau de Toilette
Gentleman Givenchy Eau de Parfum Boisée
Acqua di Giò pour Homme Eau de Parfum
In diesem Sinne:
Man möge genießen, was man will. Nischen-Snobismus ist auch nur eine Art Angeberei, die in der zu auffälligen Form eher lächerlich als beneidenswert ist.


Fahrenheit
Bel Ami
Bel Ami Vétiver
Rocabar
L'Homme Idéal Platine Privé
Rive Gauche pour Homme (2011)
Pour Monsieur
A*Men Pure Malt
Allure Homme
Pi
DSportello

Wer Nische grundsätzlich über Designer stellt, ist ein Snob. Wer Designer grundsätzlich für die vernünftigere Wahl hält, ist hingegen einfach vernünftig? Das wäre mir dann doch etwas zu einfach.
Nischensnobismus existiert zweifellos. Aber Designer-Snobismus ist letztlich dieselbe Tierart – sie steht nur vor einem anderen Regal. Auch ein Dior- oder Chanel-Flakon kann als Statussymbol gekauft werden, während jemand einen obskuren Nischenduft vielleicht tatsächlich bloss deshalb trägt, weil er ihn grossartig findet. Der Dünkel sitzt schliesslich selten im Flakon, meistens steht er davor.…
Ich bin deshalb völlig bei dir, wenn du das reflexhafte Abwerten von Designern kritisierst. Nur würde ich den Graben nicht zuschütten, indem ich daneben gleich einen neuen aushebe. Weder Nische noch Designer ist ein Qualitätsmerkmal, eine Weltanschauung oder ein Charaktertest.
Am Ende bleiben ohnehin nur zwei wirklich interessante Kategorien: Düfte, die uns berühren – und solche, die es nicht tun. Die Nase besitzt erfreulicherweise weder einen Preisscanner noch kennt sie die Abteilung, aus der der Flakon stammt.
Ich habe meine ersten Nischen-Düfte schon mit 15-17 gekauft und habe in den nächsten 30 Jahren erlebt, wie oft der Begriff Nische missinterpretiert, missverstanden, missbräuchlich benutzt wurde um Egos aufzupolieren, welche Kreuzzüge geführt wurden und jetzt kann ich über sowas nur müde lachen.
Mir geht dieses einteilen jetzt auch noch in Ultranische so auf die Nerven.
Warum liebe ich Designerdüfte wie Chanel, Dior , Guerlain?
Sie haben einfach die weltbesten Parfümeure an der Hand.
So einfach
Allerdings finde ich im Designersektor nur höchst selten was. Ich hab noch nie auf „Niche, Designer, Cheapie“ geschaut, wenn es um Kauf ging, immer nur darauf, ob mir wat gefällt. Und das sind bei mir erfahrungsgemäß meistens Nischendüfte, Cheapies und - wie hier besprochen - auch einige wenige Klassiker - - seit diesem Jahr neben „Ommaparfüms“ (frisch eingezogen: Eine rare Abfüllung von Vol Du Nuit EDPEEEH!) sogar auch „Oppaparfüms“.
So ist es bei den Düften, Danke für diesen Beitrag.
Angesichts der Entstehungsgeschichte von Miss Dior (für die traumatisierte Partisanenschwester), Chanel Nr 5 und den ersten YSL-Parfums sind sämtliche Zweifel, ob die Nische "mehr Substanz" hat eigentlich auch beigelegt...
Beim Blick in seine Sammlung wurde klar, nie auch nur einen Designer getestet. Sein Ding und ich schrieb dann nur: "wird dann schwierig". Wer sich einengen will, soll das tun. Ich bin froh eine tolle Sammlung aus Designern, Nische und arabischen Klonhäusern zu haben😎
Hab ich abgeschaltet, der macht mich aggressiv!
Was mich außerdem immer wieder extrem amüsiert bei diesen Leuten:
Sie haben überhaupt keine wirkliche Ahnung. Kennen keinen einzigen Klassiker, beschäftigen sich seit zwei Jahren mit dem Thema Parfum, indem sie das kaufen, was irgendwelche "Influenzärchen" in die Kamera halten. Haben kein einziges Buch über Düfte gelesen...wenn überhaupt ein Buch...
P.S.: Habe heute zufälligerweise wieder einen Nischenduft getestet. Keine gute Erfahrung ;)
Und @DSportello, vielleicht passt in der Denke dieser Kids Designer und 179 Follower nicht zusammen. Verstecke sie doch mal und nocke damit den Neidfaktor aus 😉
PS: Ein paar Deiner Lieblinge sind auch die meinen ;-)
Wenn dann doch jeder die gleiche Nische trägt, brauchste mir auch nicht mit Prestige kommen.
Anyway ich mag Nischendüfte und ich mag diesen kleinen Moment halbwegs bezahlbaren Luxus. Erwischt. Ich mag aber auch meinen Illusione von Bottega Veneta, ich würde auch eine Niere hergeben wenn Valentinos Donna Rosa Verde wiederkäme und Terra di Gioia von Armani löst bei jedem Tragen so wunderbare Gefühle in mir aus.
Also: Am liebsten sammle und entdecke ich Nische, bin aber auch immer offen für einen Designerschatz
Ich pfeiff auf diese ganzen Marketing-Kategorien.
Wenn ich einen Duft gut finde, dann ist es mir völlig egal, ob der 10€ oder 200€ kostet und was da für eine Brand eingraviert oder aufgedruckt ist.