DasguteLebenDasguteLebens Parfumkommentare

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DasguteLeben vor 2 Jahren 3
3.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
7
Flakon

Fougère? Horreur!
OK, süss-pudrige old-school Fougères kann ich meistens nicht ausstehen, das ist eine Nasenqual auf dem Niveau von Plastik-Aquaten und Duschgelbomben für mich. In der Hinsicht ist M. Balode also ein Todeskandidat. Und fürwahr, ich finde ihn scheußlich. Stechend-irritierender Auftakt. Statt klarem Lavendel oder anderen frisch-grünen Noten ein sehr unangenehmer pudrig-seifiger Mischmasch in Richtung Parfümerieabteilung kurz vor Ladenschluss. Teils kratzig-süss (Tonka kann so schön sein), teils grünlich-veilchenartig (fraktionierte Ionone?), teils pudrig, teils stechend holzig - "everything I hate about perfume" und das mit einem Naturduft?! Ein Horror-Fougère am anderen Ende der Skala des brillianten Heart of Darkness von Providence Perfume. Im Drydown wird es etwas würziger und es tauchen im Hintergrund fruchtige Noten auf, aber es bleibt ein Nasenbrenner ohne Rückgrat. Für mich eine kompositorisch hilflose Variante von Biehl's eo02, welches dagegen glatt und perfekt ein klassisches Duftschema modernisiert und mittels Davana interessant macht. Während andere - auch von mir geschätze - Nasen Balode als einen der besseren Florascent-Düfte einordnen, ist er für mich der bisher schlimmste.
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DasguteLeben vor 2 Jahren 8
4.5
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
5
Flakon

Savile No
Die "Savile Row Company" hat ungefähr soviel mit der Savile Row zu tun wie Lidl mit Harrods. Da werden in entfernter Anlehnung an den klassischen englischen Stil billige Hemden und Anzüge in Vietnam oder China zusammengeklöppelt, natürlich an den Mainstreamgeschmack heruntergestylt. Quasi wie Charles Tyrwhitt, nur noch 'ne Stufe drunter. Was kann man also vom Parfüm erwarten? Sicherlich kein echtes Savile Row Niveau, also etwa einen klassischen Geo. F. Trumper Duft. Aber vielleicht doch etwas preiswürdig Englisches, wie das hervorragende Woods of Windsor? Fehlanzeige. Wie die Adcopy verrät ist dieser Duft für den "modern man," nicht für den Gentleman konzipiert und hat konsequenterweise nichts mit englischer Parfümtradition zu tun. Die Duftpyramide ist - buchstäblich - erstunken und erlogen. Unterm Strich ist dies nichts weiter als ein billiger, austauschbarer Industrieduft, ein Ambroxan-Stinker auf Otto-Kern-Niveau. Insofern in der TK-Maxx Grabbelkiste für 10 Euro genau richtig aufgehoben.
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DasguteLeben vor 2 Jahren 14
10
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
9
Flakon

Mr. Astor, Gentleman
Gentry aus Kent. Lebt schon lange in London. Eton, Cambridge, Sandhurst, ein paar Jahre Indien, Diplomat in Italien, Berlin, dann Ministerium. Sehr belesen hört man, Patriot, natürlich, aber ein Kosmopolit - er isst gerne Kümmel. Kennt Elgar persönlich. Die Anzüge von Anderson & Sheppard. Gedeckt, klassisch, unauffällig elegant, aber achten Sie mal auf die Einstecktücher - dezente Exzentrik, Sinn für Humor. Ein Ästhet ist er, immer mit Jasminblüte im Revers - er hat Kontakte nach Kew - und er lässt sich über Regimentskollegen Sandelholzöl aus Mysore schicken. Ist oft im Liberalen Club. Wirklich der perfekte Gentleman dieser Astor. A very fine chap indeed.
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DasguteLeben vor 2 Jahren 16
4
Duft
9
Flakon

Better living through chemistry
Das better living bezieht sich natürlich auf Unternehmer, die sich mit ihrer (Al)chemie eine goldene Nase verdienen. Die Familie Vidal, Eigentümer von Mavive, ist durch Pino Silvestre - quasi das italienische "Tabac Original", also ein prägender Massenmarktherrenduft - zu Wohlstand gekommen. Darüber hinaus stellt die Firma alle möglichen Düfte und Produkte auf Drogerieniveau her und entwickelt missglückte Parfümlinien für Modemarken, die sich, zumindest international, im Nichts verlieren, etwas Replay oder Pal Zileri. Na, und die dachten sich irgendwann: Niche - also unseren Kram in schicke Flakons packen, nette Story dazu und dann € 100 statt € 12,50 nehmen - det können wir ooch, wa (ist venezianischer Dialekt). Und da man in der Lagunenstadt residiert liegt nichts näher als Murano-artige Flakons, eine Nachbau von Santa Maria Novella Florenz als Ladengeschäft und - das wichtigste in der Niche-Branche - zwei Dutzend Düfte in nullkommanix aus dem Boden stampfen. Das Ergebnis ist dann so etwas wie Asian Inspirations, dass weder inspirierend noch asiatisch ist, sondern klassische Aromachemie vom Reißbrett - sorry, heute ist das ja ein digitaler Algorithmus - mit klitzeklitzekleinem Budget und kritzegroßem Preis. Souvenir of Venice, läuft. Ich rieche hier primär Puder, Pfeffer und grünkrautige Noten (vermutlich nix davon natürlich, außer dem Vetiverderivat) ziemlich linear und eher aus der unteren Schublade - ehrlich gesagt kann Mavive auch nix anderes als billig, fürchte ich, das ist in der Firmen DNA einfach eingebrannt. Aber hält ja lang, das Zeug, muss also was taugen, und ist diffus genug, dass man draufprojizieren kann, was es sein soll - Thai Curry etwa. Dass der hier 75:25 in Frauenhand ist wundert mich etwas - harter Pfeffer, null floral, keine Süße, bitter-kerniges Vetiver. Liegt es am Puder oder an der eher feminin angehauchten Flakonästhetik? Für mich gehört der Kaufmann von Venedig jedenfalls zu der Sparte des Business, die mir die Lust auf Parfüm eher verdirbt, daher wird's wohl bei diesem Versuch bleiben.
14 Antworten

DasguteLeben vor 2 Jahren 15
5.5
Duft

Von Gralen und Grauen
Ma'ai von Antonio Gardonis Marke Bogue ist, zusammen mit den Werken Annette Neuffers, der Duft, der mich zurück zum Gegenwarts-Parfüm gebracht hat, von dem ich mich zynisch resigniert Richtung vintage abgewendet hatte. Kein Zufall, insofern Neuffer neo-klassische Naturparfüms in einem komplexen guerlainesken Stil macht und Gardoni mit Ma'ai ein "animalisches Chypre im Space-Suit" vorgelegt hat, große Parfümtradtion hier also mit neuen Ansätzen genial verknüpft wird. Meine Erwartungen an MEM waren dementsprechend hoch, zumal Luca Turin 5 Sterne gegeben und ihn als den bisherigen kreativen Höhepunkt im Bogue Portfolio definiert hat und die von mir sehr geschätzte Claire Vuckevic mit MEM die gleiche Erfahrung hatte wie ich mit Ma'ai.

Was soll ich nun sagen? Zunächst - er ist für mich untragbar, da ich ihn weder gut VERtrage noch ERtrage. Neben Nasenjucken und Hustenreiz lässt er mich ästhetisch ratlos zurück: vielleicht ist es Duftkunst, aber will so jemand riechen? Ich um keinen Preis.

Dabei fängt es gut an [was folgt basiert auf Notizen ohne Kenntnis der Duftpyramide]: Lavendel, weich, pudrig, süsslich und angenehmer Hautgeruch - eingecremter Frauenkörper, eine süße Hautstelle wie der Nacken. Das erinnert entfernt an Ma'ai, wie auch die weiss-floralen Elemente, die jetzt kommen - vollblühend, blumig, das ylang-jasminige mit minimaler Fäkalnote zunehmend durch "bunt" ergänzt, gar fruchtig - ich erahne neben Rose auch Gammalactone (Pfirsichduft). Ein Frauenkörper aus Lavendel, Blumenblüten und Obst wie ein Arcimboldo oder eine der irren Mutationen aus Alex Garlands bizarren Sci-Fi Drama Annihilation. In jedem Fall schön und interessant.

Dann, nach ca. 10 Minuten, beginnt es zu kippen. MEM wird zum einen irritierend und leicht stechend, mehr als nur von einer Ladung Aldehyde, und seifig - stark parfümierte Flüssigcremeseife aus der Drogerie ist die Assoziation - und dazu kommen süss-maltolige Noten. Dass Turin das hier als sehr natürlich duftend empfindet bestätigt mir seine in einem Neuffer-Review gemachte Aussage, seine Nase sei durch Jahre des Synthetik-Riechens korrumpiert und nicht mehr an die feinen Texturen von reinen Natursubstanzen gewöhnt. Indeed, Luca. Der Dufteindruck von MEMs synthetisch aufgeblasener Science-Fiction Floralität ist Lichtjahre von einem Neuffer-Duft wie Sonnett 18 oder Stardust entfernt. Mich verliert Gardoni hier aufgrund der zunehmend unangenehmen Atemwegsreizung und dem plastik-süßen maltolgestärktem Blütengewitter, dass an billigste Synthetik-Neroli-Ylang-Maiglöckchen-Rose u.ä. aus Haushaltsprodukten erinnert und zusammen mit der anhaltenden urinösen Note Duftbilder einer frisch geputzten, aber aufgrund einer langen Biographie von Pissepfützen nicht mehr olfaktorisch sanierbaren Bahnhofstoilette beschwört. Im Gegensatz zur erotischen Animalik von Ma'ai ist das hier für mich total abstoßend.

Eine weitere, weniger unappetittliche aber auch nicht gerade genehme, Geruchs-Assoziation ist die mit unserem Bio-Feinwaschmittel welches, wie viele Bioprodukte, "natürlich" parfümiert ist - d.h. mit hochfraktionierten Isolaten naürlicher Duftstoffe (überwiegend floral und zitrisch), die für mich aufgrund des Fehlens der meisten Sekundär- und Tertiärmoleküle tatsächlich überhaupt nicht natürlich riechen, aber auch nicht wie typische vollsynthetische Monomoleküle. Mir waren diese Substanzen beim Testen diverser Parfüms von Mandy Aftelier - unangenehm - aufgefallen; für mich entsprechen sie mehr dem Duftprofil der normalen als der Naturparfümerie und haben daher in letzterer nichts zu suchen. In MEM verstärken sie die Assoziation mit Funktionsparfümerie, also Haushaltsprodukten, und das ist nunmal mein wunder Punkt, an dem die ästhetische Klappe, bzw. Guillotine erbarmunglos runtergeht, weshalb ich ja auch wenig mit den meisten Arbeiten von Ellena für Hermès (Jardin de Drogerie) oder Duchaufours Fließbandfruchtweihrauch anfangen kann. Bei Bogue hätte ich es so nicht erwartet.

Tatsächlich schält sich nach einiger Zeit ein etwas klareres florales Profil einer Tuberose-Note heraus, die laut Pyramide gar nicht existiert und ich kann jetzt die Idee eines dreigliedrigen Parfüms (Lavendelcologne - Floralbombe - animalischer Stinker) inszeniert als Karambolage besser nachvollziehen, aber der Zug ist leider schon abgefahren, denn der Runter-Daumen der sinnlichen Erfahrung triumphiert hier klar über intellektuelle Konstrukte (profunde Jicky Verweise etc. pp.) zumal ich die Naturanimalik z.B. in den Arbeiten Dominique Dubranas tatsächlich interessanter finde und alles in der Parfümgeschichte, auf das sich MEM bezieht einfach viel besser riecht als diese postmoderne Re f/v erenz // jouissance. MEM ist ein Duftexperiment, welches von ausgewiesenen Kennern als grand parfum und/oder grandiose Studie gerühmt wird, das ist zu akzeptieren. Nach meiner Nase scheitert es [ich bin mir noch nicht sicher ob kläglich oder grandios] - diese Möglichkeit liegt allerdings in der Natur eines Experimentes, insofern ist daran nichts Schlimmes - vom Geruch abgesehen.
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