DerDefconDerDefcons Parfumkommentare

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24.01.2020 21:55 Uhr
4 Auszeichnungen
und das deckt sich so gar nicht mit den unter diesen Duft bereits veröffentlichten Kommentaren. Aber fangen wir ganz von vorne an.

Ich rieche was, was du nicht riechst und das ist etwas krautig. Ist es etwa das Basilikum? Gut möglich, dass es das ist, doch explizit herausriechen kann ich es im Auftakt keineswegs. Zu schnell setzen anderen Duftkomponenten ein.

Ich rieche was, was du nicht riechst und das ist leicht süßlich, aber gleichzeitig irgendwie dunkel und bitter. Anscheinend werden es die Gewürze sein, von denen jenes Bittere ausgeht. Ist es etwa der Ingwer oder doch eher der Kardamom? Vielleicht spielen hier ja auch beide mit, also sowohl scharfer Ingwer als auch der etwas von Natur aus sanftere, deutlich weichere Kardamom. Sollte dies so sein, so sind sie es, die der dezent süßen Orangenblüte ein wenig Kontrastprogramm bieten. Unter uns Parfumos und unseren geschulten Nasen sei von meiner Seite aus übrigens gesagt, dass ich keinen blassen Schimmer gehabt hätte, dass es sich bei dieser Süße um Orangenblüte handelt, stünde diese nicht in der Duftpyramide.

Es geht weiter.

Ich rieche was, was du nicht riechst und das ist irgendwie muffig, dreckig und vor allem - das ist jetzt vielleicht komisch - zusammen mit der bereits gewürzten und dadurch recht dreckig angehauchten Orangenblüte ziemlich süffig und alkoholisch. Meine Nase erspäht Amber, welcher jenes Duftkonglomerat auf staubige Art und Weise verdichtet, während trockenes Zedernholz für Imaginationen in meinem Kopf sorgt, die vielleicht nur bei mir zustande kommen?

Wie genau riecht "The One for Men" denn nun, wenn alles in der Duftpyramide zusammengefunden hat? Ich erzähle euch, was ich rieche.

Ich rieche was, was du nicht riechst und das ist - haltet euch fest - Rum. Ich rieche Rum, der in einem Holzfass gelagert und gelegentlich angezapft wird, wodurch der ein oder andere Tropfen den schon länger nicht mehr gesäuberten Schnapskeller "aromatisiert" - ehrlich jetzt.
Das Ganze ist für mich eindeutig. Ich erspähe eindeutig eine süß-dunkle, alkoholische Note heraus, die mich in ihrem Grundwesen an Jack Sparrows Lieblingsspirituose erinnert, welche süffiger und schmutziger als so manch anderes sinneserweiternde Getränk aufzutreten weiß - also halt typisch Rum. Der Rausch hält, anders als bei vielen anderen Parfumos, die "The One Rum for Men" bereits verkosteten, ziemlich lange an und beschwipst auch die Menschen um einen herum, sofern man sich mal wieder ein bisschen zu viel "eingekippt" hat. Aber naja, das kann halt schnell passieren ... Student halt ... hicks ... prost ... hoppla!

Ich bitte um Verzeihung. Es geht wohl gerade an der Tastatur ein klein wenig mit mir durch ... hicks.


17.01.2020 11:55 Uhr
10 Auszeichnungen
Die in den mittlerweile hohen, eher konservativ wirkenden Flakons erhältlichen Guerlain-Düfte sind mitunter jene, die bereits über zwanzig Jahre auf dem Buckel haben und so "betagter" sind als ich. Die eher konservative - oder sagen wir mal - klassisch angehauchte Flakongestaltung lässt eine Duft-DNA vermuten, die unweigerlich auch jenem Äußeren gerecht wird und damit eher im Einkaufskorb der Ü40er und Ü50er landet. Der junge Otto-Normalo dürfte stattdessen, sofern er Guerlain überhaupt auf dem Radar hat, vorwiegend die moderneren Produktlinien im Blick haben, wenn er einen Kauf anvisiert. Ich denke da zum Beispiel an die sehr Ideal-Serie, die aber mit jeder Neuerscheinung nachzulassen scheint, wie ich finde.

Die Scheuklappen zu öffnen und sich den klassischeren Düften hinzugeben, kann belohnt werden. Klassisch bedeutet nämlich nicht gleich altmodisch. Dies merkte ich bereits beim überaus gelungenen "Guerlain Homme (Eau de Parfum)", bei dem schwerer Vetiver auf gekonnte Weise mit Rum, Pfefferminze und floralen Noten verbunden wurde und eine Mojito-Assoziation hervorrief. Und Mojito ist wohl alles andere als "unmodern", oder etwa nicht? Eine ähnlich gelungene Verknüpfung, wenn auch auf andere Art und Weise, ist auch bei "Héritage (Eau de Parfum)" zu erriechen.

Den Auftakt dieses Eau de Parfums erlebe ich als tatsächlich konservativ bis altbacken. Eine recht laute Zitrone macht sich bemerkbar, die von meiner Angstnote, dem Lavendel, ergänzt wird. Lavendel ist so ein Kraut, mit dem ich meine Probleme habe, sofern es eine zu dominante Rolle einnimmt, da es mich dann immer an des Großvaters After Shave erinnert, welches stets überdosiert wurde. Ich scheine diesbezüglich ein wenig traumatisiert zu sein.

Die ersten fünfzehn Minuten gilt es zu überstehen. Dann hat die Zitrone ihren sauren Saft verbraucht und überlässt dem Lavendel das Feld, was mich erstaunlicherweise gar nicht zu stören scheint. Das dies so ist, liegt mit Sicherheit daran, dass jenes Kraut diesmal nicht beißend und extrem grün-würzig, was ich halt so gar nicht mag, sondern eher dunkel und weich auftritt. Solch einen Lavendel habe ich, um ehrlich zu sein, noch nie vernommen. Es könnte also doch noch etwas mit uns werden.
Nach circa 45 Minuten gesellen sich Koriander und Pfeffer mit hinzu. Der Koriander ist in meiner Nase ziemlich unangenehm, jedoch nur dann, wenn ich meine Nase direkt an das Handgelenk presse - etwas, was man ja keinesfalls tun soll. In der Luft verbreitet er wiederum eine dezent seifige Note, die durch eine Priese Pfeffer würzig untermalt wird. Was den Pfeffer betrifft, wurde hier eine passende Dosierung gewählt. Nichts sticht in der Nase, nichts sorgt für Niesanfälle - sehr gut!

Nachdem gefühlt eine Stunde verging, stößt der Patchouli hinzu, um die Duftkomposition meisterhaft - so viel möchte ich vorwegnehmen - abzurunden. Seine Gegenwart sorgt für eine an geschmolzene und in einer Holzschale aufbewahrte Bitterschokolade erinnernde Untermalung, womit auch irgendwie eine minimale Pudrigkeit einhergeht, was durch das Zugegen sein des Korianders erklärbar wäre. Dieser Patchouli ist, um das mal so festzuhalten, nicht krautig, erinnert nicht an die Pflanze, die man rauchen kann und auch nicht an Schimmel oder sonstige Unappetitlichkeiten. Zusammen mit dem dunkel-krautigen, sehr weichen Lavendel und dem dezent seifigen Koriander liefert er einen Auftritt ab, der den perfekten Spagat zwischen dem Klassisch-Konservativen und dem Neu-Modernen widerspiegelt. Wir bekommen einen langanhaltenden, stark abstrahlenden, jedoch keineswegs zu offensiven und zu penetranten Duft für die kälteren Tage, der keine überbordende Süße benötigt, um auch bei der "jungen Generation" positiv aufzufallen. Daher appelliere ich an jene, die noch auf der Suche nach etwas Neuem für den Herbst oder Winter sind und von der Süße aktueller Neuerscheinungen die Nase voll haben, sich auch mal den klassisch daherkommenden Flakons aus dem Hause Guerlain zu widmen. Lasst euch von den vorerst auf Altbackenheit hindeutenden Auftakten nicht irritieren und gebt jenen Wässerchen Zeit, um sich zu entfalten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eure Geduld, sofern ihr sie aufbringt, belohnt wird. "Héritage" wird auf jeden Fall, so viel kann ich versprechen, nicht der letzte von mir getestete Duft aus dieser Produktlinie sein.


13.01.2020 20:44 Uhr
10 Auszeichnungen
Liest und hört man von Amouage, der Parfümmarke aus dem Oman, so denkt man, zumindest jene, die sich ausgiebig mit Düften beschäftigen, an die bekanntesten Vertreter aus dem Hause. Diese wären unter anderem der Klassiker "Reflection Man", der rauchig-laute "Interlude Man" oder der ebenfalls sehr beliebte Orientale "Jubilation XXV Man". Ich gestehe, bis jetzt nur zwei Düfte dieser Marke unter der Nase gehabt zu haben. Hierbei handelte es sich zum einen um "Reflection Man", welcher bei mir mit einer stattlichen Haltbarkeit und einer durchaus heftigen Sillage aufzuwarten wusste. Das wird wohl so eine "omanische" statt "britische" Abfüllung gewesen sein, die mir ein netter Parfumo einst zukommen ließ. Auf die Herkunft der Düfte, sei es der Oman oder die britischen Inseln, möchte ich hier nicht näher eingehen. Da wird schon genug gestritten, ebenso wie bei Creeds Bestseller und das dazugehörige, ja fast schon obligatorische "Batch-Problem". Ungeachtet all dieser soeben von mir angerissenen Streitpunkte kann ich vorerst konstatieren, dass es sich bei den Düften aus dem Hause Amouage zumeist um recht laute Wässerchen handelt. Ich stütze mich hier allerdings nur auf meine Erfahrung mit "Reflection Man" und den diversen Einträgen hier auf parfumo, welchen ich allerdings ein großes Vertrauen zukommen lasse.

Der zweite von mir unter die Nase genommene Amouage-Duft, "Lyric Man", bricht aus den typischen Mustern dieses Hauses irgendwie aus. Natürlich ist er haltbar, doch klebt er nicht an einem. Das Umfeld wird ihn definitiv auch wahrnehmen, dabei jedoch nicht in einen - Achtung: passend zum Duft eingefügtes Wortspiel - "Dornröschenschlaf" fallen.
Apropos Dornröschen: So rein wie die Seele jener bedauernswerten, am Ende glücklicherweise erretteten Frau ist auch unsere Rose, die sich im mystischen, dunkelroten Flakon versteckt. Das Gewächs ist keines, das die Dornen ausfährt und sich, wie man es von vielen anderen Rosendüften kennt, lautstark zu behaupten versucht. Wahrlich spielt es in "Lyric Man" die erste Geige. Wie sollte es auch anders sein? Es wäre komisch, wäre dies nicht so. Doch ist der rosige Auftritt beinahe unspektakulär - ja gänzlich sauber, würde ich behaupten. Daniel Visentins Roseninterpretation ist die einer erwachsenen, vollkommen unsüßen und damit automatisch sehr "maskulinen" (Geschlechtszuschreibungen immer mit Gänsefüßchen) Pflanze, bei der durchaus mal die Vorstellung aufblitzt, es mit einer edlen Seife zu tun zu haben.

Wer nun Angst hat, hier ein reines Rosenwasser beziehungsweise lediglich Rosenseife vorzufinden und das in einem "Männerduft", darf sich bitte wieder beruhigen. Die Seife wird wenig später mit einer Priese Muskat bestreut, in einer frisch geschnitzten, sehr weich duftenden Sandelholzschale ausbewahrt, in der sich noch die wenigen Reste einer zuvor verwendeten Vanilleseife, cremig und weniger süß, beinahe nicht an Vanille erinnernd, befinden.

Am Ende des schleichend voranschreitenden Duftverlaufs, der ein wenig des Trägers Aufmerksamkeit erfordert, um so manch sich heimlich neu hinzugesellende Duftnote auszumachen, steht eine Rosenkomposition, die kein Oud, keine Unmengen an Pfeffer oder sonstigen Würzkram benötigt, um das Attribut "für Männer tragbar" verliehen zu bekommen.
Bitte versteht mich nicht falsch. Als Besitzer und Liebhaber des meisterhaft komponierten "Lumière Noire pour homme" liebe ich gekonnt umgesetzte Rosen-Gewürz-Kombinationen, doch finde ich es ebenso bemerkenswert, wenn ein Parfümeur es auf eine saubere Art und Weise schafft, den vielleicht beliebtesten Blüher der Welt der Allgemeinheit zugänglich zu machen, ohne dass es ihm aufgrund von jener Rein- und Sauberkeit an olfaktorischer Tiefe mangelt, so wie man es von manch anderen Düften vielleicht kennt, bei denen man nur eine einzige Duftnote wirklich herausriecht, die vielleicht das Thema oder den Namen eines jenen Parfums aufgreift und unterstreicht, doch deren einsamer, alle anderen Duftbestandteile verdrängender Auftritt das Sinnbild für Monotonie und Belanglosigkeit schlechthin sein kann.


05.01.2020 21:02 Uhr
15 Auszeichnungen
Geht es um frische Düfte, so distanziere ich mich nach und nach von jenen, die zu starke Duschgel-Assoziationen in mir hervorrufen. Synthetische Holzigkeit, Ambroxan und sonstige "Nettigkeiten", die so manche Duschgel-Kandidaten ausmachen, sind ab einer gewissen Dosis dann doch Grund für Missfallen und Ablehnung meinerseits. So kam es vor einigen Wochen sogar dazu - und das hätte ich zu Weihnachten 2018, als ich diesen Duft von meiner Ex-Freundin bekam, nie gedacht - dass ich mein "Bleu de Chanel (Eau de Parfum)" verkaufte, obwohl es mir gerade auf Arbeit nicht wenige Komplimente einbrachte. Doch was bringt mir positiver Zuspruch, bezogen auf das Olfaktorische, wenn ich mich über den Tag hinweg nicht zu einhundert Prozent wohl mit einem Duft fühle? Die Frage muss nicht wirklich beantwortet werden.

Nachdem Chanels Bestseller nun den Weg in neue, glückliche Hände fand, begann ich, das zuvor doch recht selten angerührte, dennoch sich in meinem Besitz befindliche "Guerlain Homme (Eau de Parfum)" zu benutzen und das vorzugsweise auf Arbeit.
Als Student arbeite ich natürlich nicht mehr Vollzeit. Das funktioniert nicht. Es sind vielleicht zehn Stunden pro Woche, welche ich in dem Unternehmen, das mich drei Jahre zuvor ausgebildete, verbringe, um Matratzen, Kopfkissen, Oberbetten, Möbel, Bettwäsche, Dekoration und sonstigen Kram an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Kundenkontakt bedeutet, dass ich olfaktorisch ein sicheres Brett brauche, um keinesfalls anzuecken und mir das Verkaufsgespräch, in dem es gerne auch mal um vierstellige Summen geht, zu vermiesen, nur weil ich vielleicht das Bedürfnis hatte, exotisch zu duften. Solche Wagnisse kann ich mir in der Universität erlauben, aber halt nicht am Arbeitsplatz. Vielleicht wird mir der ein oder andere hier widersprechen. Ich habe da meine Meinung.

Ein solch sicheres Brett stellt "Guerlain Homme (Eau de Parfum)" zweifelsohne dar. Modern eingebetteter Vetiver ist etwas, was mir zusagt. Alleinstehenden und somit extrem dominanten Vetiver - Tom Fords "Grey Vetiver" ist hier ein gutes Beispiel - mag ich hingegen gar nicht. Der Verbund aus modernen Noten und dem von Parfümeuren so gerne verwendeten Süßgras, welches grün, dunkel, gerne auch rauchig und vor allem klassisch daherkommt, ist genau das, was ich mir unter einem schönen Alltags- und Arbeitsduft vorstelle. Bei dem von mir genannten Guerlain harmonieren Pfefferminze, Rum und florale Noten perfekt mit dem Vetiver. Bei Louis Vuittons "Orage" sorgen wiederum Bergamotte und Iris für jenes perfekte Zusammenspiel.

Nachdem ich euch nun über viele, viele Zeilen hinweg einen Teilabschnitt meines olfaktorischen Werdegangs - andere würden es als Reifung bezeichnen - schilderte, soll es nun aber auch wirklich um "Orage" gehen. Ich hoffe, ihr habt bis hierhin gelesen.

"Orage" beginnt deutlich heller als "Guerlain Homme (Eau de Parfum)". Statt dunklem Rum tritt die helle, äußerst saubere und beinahe schon stechende Iris in Erscheinung. Jedoch ist ihr Auftritt nicht ganz so offensiv wie in den Iriskrachern aus dem Hause Prada. Trotzdem überschattet ihr Dasein das dunkle Süßgras deutlich - zumindest zu Beginn. Auch die Bergamotte, etwas fruchtig-sauer daherkommend, lässt den Vetiver nicht gleich zu Beginn meine Nasenschleimhäute erobern. Erst im Laufe der Zeit weiß er sich zu behaupten und seine Mitstreiterinnen in die Schranken zu weisen. Unter "in die Schranken weisen" ist jedoch keine Dominanz zu verstehen. Viel eher existiert alles perfekt ausbalanciert nebeneinander. Der Bergamotte geht zwar von Stunde zu Stunde die Luft zunehmend aus, doch das macht nichts. Der Iris-Vetiver-Verbund genügt mir vollkommen. Dieses nicht zu dunkle, nicht zu rauchige und sehr reife Grün, das gelegentlich von der sauber-blitzenden Iris einen Wachrüttler verpasst bekommt, ist einfach herrlich belebend, ohne dabei nur "oberflächlich frisch" zu sein. Durch die äußerst angenehme Dosis an Vetiver besitzt der Duftcharakter schlussendlich besonders viel Tiefe und auch etwas Weiches, wodurch die gerne mal stark austeilende Iris ein wenig im Zaum gehalten wird und so das Gleichgewicht in der sehr reduzierten Duftpyramde bestehen bleibt. Hinzu gesellt sich irgendwann noch ein wenig Erdigkeit als das I-Tüpfelchen, welches wir dem Patchouli zu verdanken haben, der das moderne Vetiver-Iris-Konglomerat perfekt abrundet.

Von den Kleidungsstücken aus jenem, sich aktuell zunehmend dem Parfümmarkt zuwendenden Modehaus kann man halten, was man möchte. Was dessen Geldbörsen und Täschchen angeht, bin ich wohl eher weniger die Zielgruppe. Olfaktorisch sieht das aber schon wieder etwas anders aus, obwohl ich auch hier Puls, Atmung und Augenzwinker-Frequenz versuchen muss zu kontrollieren, bedenke ich, dass für 100ml überdurchschnittlich viel Geld verlangt wird. Bin ich bereit, dieses auszugeben und dann auch noch für einen frischen Duft, den man automatisch immer etwas stärker dosiert? Bin ich bereit, so viel Geld in die Hand zu nehmen, wenn ich doch schon einen tollen, modernen Vetiver-Duft aus dem Hause Guerlain besitze, der zudem ein ganzes Stück länger meiner Haut erhalten bleibt? Ich lasse diese beiden Fragen vorerst offen.


31.12.2019 22:41 Uhr
19 Auszeichnungen
Was die Herrschaften von Parfums de Marly hier getrieben hat, kann ich mir nicht so ganz erklären. So wie es scheint, wollte man mit "Kalan", bei dem die Flakonfarbe ironischerweise nicht besser gewählt sein könnte, völlig neue Wege gehen. Völlig neue Wege müssen nicht verkehrt sein und sind nicht selten sogar essenziell für so manches Parfümhaus. Gut, Parfums de Marly scheint nun keines zu sein, das kurz vor dem Untergang steht, doch habe ich den Eindruck, als wollte man mit dem Saft im signalfarbenen, irgendwie auf Gefahr hindeutenden Flakon eine klare Grenze zu den Süßlingen namens "Herod" und "Layton" ziehen. Chapeau für diese Motivation, sofern denn eine solche vorhanden war, doch muss schonungslos gesagt werden, dass jene olfaktorische Neuausrichtung - natürlich ist das meine bescheidene Meinung - gänzlich missglückt ist.

Bei der Kreierung dieses auf schonungslose Würze ausgerichteten Wässerchens stelle ich mir einen Parfümeur vor, auf dessen linker Schulter ein gutmütiges Engelchen sitzt, das ihn beim Mischen seiner Neukomposition vor gröbsten Fehlern zu bewahren versucht, während die rechte Schulter vom roten Teufel - welch zufällige Parallele zum Flakon - geziert wird, der eher noch weiter anstachelt und den Duftkünstler das würzig-schonungslose Gebräu anrichten lässt.
Den Griff zur Blutorange, eine sehr prickelnde, irgendwie auch säuerlich-spritzige Frucht, kann das Engelchen verkraften. Hier kommt mal kein Apfel, keine Mandarine und auch nicht die fast schon obligatorische Bergamotte zum Einsatz. Das Ganze ist im Allgemeinen ein untypischer Start, vergleicht man mit anderen Kreationen aus dem Hause Marly. Ein Schlechter ist es wahrlich nicht, zumindest für wenige Minuten. Als dann unser Parfümeur mit Pfeffer und sonstigem Gewürzmischmasch zu hantieren beginnt, versetzt er seiner gesamten Komposition bereits recht früh einen schweren Schlag. Teufelchen ist höchst erfreut über den nahezu inflationären Einsatz von Safran, welcher der eh schon etwas zu lange in der Sonne gelagerten und entsprechend ausgetrockneten Blutorange jedes bisschen Restsaftigkeit nimmt und unserem Engelchen auf der anderen Schulter damit beinahe schon die Luft zum Atmen.

Noch könnte sich alles zum Guten wenden, doch irgendwie hat unser Parfümeur seine Bestände nicht so ganz im Griff. An der süßen Orangenblüte, die der soeben entstandenen Überwürze entsprechend entgegentreten könnte, mangelt es in Gänze - wohl geklaut vom Teufelchen.
Unser Parfümeur greift zum Lavendel. Engelchen will noch darauf hinweisen, dass er doch bitte den Frischeren nehmen solle, um der schon sehr trockenen Komposition ein bisschen mehr Saftigkeit, die frischer Lavendel nunmal mit sich bringt, zu verleihen. Teufelchen jedoch war schneller. Es appelliert sofort an des Duftmachers große Ziel, einen kantigen Duft zu erschaffen, der sich doch von allem, was bisher im Hause Marly erschien, abheben müsse. So wird nicht zum frischen, sondern leider zum vertrockneten Lavendel gegriffen - Ecken und Kanten ... auf Biegen und Brechen und so ... ihr wisst schon. Der eigentlich schon bitter genug daherkommende Safran wird nun von etwas noch Bittererem übertroffen, das zwar grün, aber unglaublich trocken daherkommt.

Engelchen ist bereits am Ende seiner Kräfte, so kommt es doch gegen die Dominanz des olfaktorisch verkommenen Teufelchens nicht an. Engelchen sieht am Ende noch seine letzte Chance, zu retten, was noch zu retten ist. Doch Teufelchen durchschaut die Situation und kommt seinem Konter-Part zuvor. "Das ist zu viel von der Tonkabohne, mein Meister.", erschallt es von der rechten Schulter. Unverzüglich lenkt unser Parfümeur ein, entfernt einen Großteil der bereits hinzugegeben Tonkabohnen und schließt den Dufterschaffungsprozess damit ab.

Engelchen stürzt sich von der Schulter. Es gelang ihm nicht, wenigstens zum Schluss noch seinen Meister davon zu überzeugen, dass ein derartig bitteres Gebräu ein wenig Geschmeidigkeit benötigt, die nunmal von der Tonkabohne hätte kommen können. Teufelchen wiederum ist wunschlos glücklich und triumphiert. "Ein neues Meisterwerk ist entstanden, erschaffen von mir und meinem Meister. Niemand - wirklich niemand - wird es kaufen!"


26.12.2019 18:25 Uhr
15 Auszeichnungen
Ich verfasste bereits einen Text zum gewöhnlichen und vor allem günstigeren "Amyris Homme", das ich als solide bis gut einstufte, bei dem mir allerdings das Besondere irgendwie fehlte. Nun gibt es aus dem Hause Kurkdjian diesen Duft als Extrait. Höherer Parfümölanteil, deutlich höherer Preis - lohnt sich das?

Ich beantworte diese Frage mal im Voraus und sage: "Jein!", und versuche zuerst zu erklären, für wen sich dieser Duft nicht lohnt.

Er lohnt sich nicht für jene, die mit dem gewöhnlichen "Amyris Homme" bereits große Probleme haben. Nun werden manche sagen, dass dies doch eigentlich logisch und naheliegend sei. Jedoch ist es nicht selten so, dass Extrait-Varianten bereits bestehender Düfte große Unterschiede aufweisen können und die Nasen, welche von der ursprünglichen Duftversion nicht begeistert waren, auf ihre Seite ziehen können.
Im Falle des Extraits sind durchaus Unterschiede wahrnehmbar, auf die ich gleich zu sprechen komme. Allerdings werden jene Unterschiede sich für die Nasen zu marginal äußern, die mit dem Eau de Toilette prinzipiell nicht allzu viel anzufangen wissen.

Für wen könnte das Extrait lohnenswert sein?

Lohnenswert könnte es für die sein, die das günstigere "Amyris Homme" mögen, jedoch noch Verbesserungspotential in diesem erkennen.
Das Eau de Toilette gewinnt im Duftverlauf eine von der Tonkabohne hervorgerufene süße Cremigkeit. Diese cremige Tonkasüße nimmt eine dominierende Rolle ein und ordnet die erfrischende Mandarine sowie das holzige Amyris recht stark unter, wodurch dem Eau de Toilette ein wenig die Frische genommen wird.
Wer die cremige Tonkasüße nicht so sehr mag bzw. jene ein wenig zurückhaltender erleben möchte, sollte das Extrait ruhig mal ausprobieren. Es ist durch das stärkere Hinzugeben von Amyris deutlich holziger. Die Mandarine, die zu Beginn für eine ordentliche Abkühlung sorgt, die ich bis jetzt nur in "Aqva Amara" so vernommen habe, vermengt sich mit jenem sandelholzartigen Amyris-Gewächs und lässt die gesamte Komposition deutlich säuerlicher und somit vor allem um Längen kantiger auftreten als das Eau de Toilette. Die Schwertlilie, in der hiesigen Duftpyramide in meinen Augen viel zu klein dargestellt, trägt Sorge für jene pudrige Untermalung, die ich in frischen Düften prinzipiell sehr gerne rieche. Ein wenig Tonkasüße gibt es dann am Ende doch noch, allerdings längst nicht in dem Ausmaß, wie wir es aus der Ursprungsversion kennen.

Das Extrait ist damit - und das ist untypisch für ein solches - nicht die abgerundete, geschmeidigere, wärmere oder gar tiefere Version einer bereits bestehenden Duftkreation, sondern in diesem Fall das genaue Gegenteil.
Das Extrait räumt mit der cremigen Tonkasüße auf und sorgt für holzig-pudrige, erfrischende Ecken und Kanten, indem der Tonkabohne keine ganz so prominente Rolle mehr zugeschrieben wird. Stattdessen übernehmen die Mandarine, Amyris und die Schwertlilie hier das Zepter. Diese Umgestaltung will aber auch bezahlt werden. Zwar sind die Preise, die ein Francis Kurkdjian für seine Kreationen verlangt, in vielen Fällen noch im Rahmen, sofern man berücksichtigt, dass man sich im Nischensegment bewegt. Dennoch liegt eine Differenz von ungefähr 70,- Euro vor. Wer mit seinem jetzigen "Amyris Homme", dem Eau de Toilette, gänzlich zufrieden ist, kann sich, so meine ich, das Extrait sparen. Wer mit der DNA an sich glücklich ist, jedoch meint, dass es hier und da noch etwas zu verbessern gäbe, dass hier und da ein paar Ecken und Kanten mehr vorhanden sein dürften, der könnte hier seinen "Heiligen Gral" finden, wenn er denn die Bereitschaft an den Tag legt, den bereits erwähnten Mehrpreis auf sich zu nehmen.


22.12.2019 13:45 Uhr
9 Auszeichnungen
Was für eine Duftpyramide das doch ist. Allein ein Blick in die Basisnote könnte einen vermuten lassen, es hier mit einem olkatorischen Overkill zu tun zu haben. Vorgeschlagen wurde mir dieser Duft anlässlich meiner Anfrage im Forum bezüglich der Suche nach etwas Würzig-holzigem, bei dem einem keine pappige Süße um die Nase gehauen wird. Die nette Parfuma KJV war so gütig, mir eine kleine Abfüllung zukommen zu lassen.

Kommen wir zurück zum olfaktorischen Overkill, welcher zwar augenscheinlich, aber olfaktorisch dann doch nicht vorhanden ist. Auch wenn ich nicht von einem "Overkill" sprechen möchte, bleibt der Duft komplex und vor allem wandlungsfähig. Wer mit derartiger Wandlungsfähigkeit nicht zurechtkommt, wird mit "Dolce di Giorno" wohl eher nicht warm werden.

Beinahe weihnachtlich, da himmlich würzig, wird die eigene Nase nach dem ersten Sprühstoß beglückt. Trockener, sehr luftiger Zimt macht sich breit. Dieser kommt recht dunkel daher und unterscheidet sich so von anderen Kreationen, die jenes Gewürz beinhalten. Zusätzlich wird eine Priese Pfeffer wahrgenommen, welche allerdings für keinerlei Stechen in der Nase sorgt - gut so!
Dieses zimtige Dunkelsein wird, so meine ich, erst durch die Backpflaume hervorgerufen, welche recht prominent ins Auge sticht, sobald man einen Blick auf die Duftpyramide wirft. Pflaumen können sehr quietschig, wenn nicht gar klebrig-süß sein. Hier ist das anders.
Die Pflaume scheint eine getrocknete zu sein, welche somit durch ein leicht säuerliches Auftreten zu bestechen weiß. Mit Zimt und Pfeffer kombiniert, sorgt dies für weihnachtliche Assoziationen.
Bis jetzt erscheint mir das alles sehr trocken, staubig und leicht säuerlich. Das wird nicht jeder mögen. Ich jedoch finde großen Gefallen daran. Auch werden nicht gleich ganze Gebäudekomplexe olfaktorisch kontaminiert, sodass die Assoziationen bezüglich der Weihnachtszeit und damit einhergehender Besinnlichkeit mehr und mehr bestätigt werden. Weihnachten bedeutet nämlich auch, sich selbst nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen, was auch einen Teil jener Besinnlichkeit erst ausmacht, so meine Meinung.

Aber genug herummoralisiert. Kommen wir zurück zum Duft.

Die trocken-würzige Zimtigkeit, welche die getrocknete Pflaume gekonnt untermalt, soll das Geruchsbild über mehrere Stunden hinweg noch dominieren. Erst später werden die weihnachtlichen Leckereien in eine Sandelholzschale gepackt. Die für dieses Holz so typische Cremigkeit setzt ein, drängt jene dominante Würze etwas zurück. Irgendwer schmeißt noch eine kleine - wirklich kleine - Vanilleschote in jene Schale, wodurch ein wenig Süße mit ins Spiel kommt.
Mit Einsetzen der Hölzer und der leichten, glücklicherweise sehr dezenten Süße beginnt "Dolce di Giorno" sich der eigenen Haut immer mehr und mehr anzuschmiegen. Zimt und Pfeffer bleiben wahrnehmbar, doch teilen sie sich nicht mehr ganz so sehr dem Umfeld mit. Der Träger darf die cremige Süße noch für einige Stunden genießen, ehe jene sich langsam und besinnlich zurückzieht.

Nur der Träger?

Nein, auch Trägerin!

"Dolce di Giorno" ist, wie so vieles, für jedes Geschlecht gemacht. Hier gibt es nichts, was auschließlich "maskulin" oder ausschließlich "feminim" in Erscheinung tritt. Den darf - nein - den soll ruhig jede/r benutzen.


15.12.2019 16:10 Uhr
11 Auszeichnungen
Herbstliche oder gar winterliche Strandspaziergänge, beispielsweise solche an Nord- und Ostsee, sollen ja etwas sein, was vielen zusagt. Ich bin eher kein Freund derartiger Aktivitäten. Viel zu nass, viel zu unfreundlich und viel zu windig ist es jetzt im Dezember und das gerade direkt an der Küste. Erfrischungen sind immer willkommen, doch sollte sich immer die Frage gestellt werden, welcher Natur jene sind.

Nunja ... auch wenn ich für einen Strandspaziergang während der beiden "dunklen" Jahreszeiten nicht wirklich zu haben bin, habe ich mir dennoch einen solchen in flakonisierter Form nach Hause geholt. Der runde, orangefarbene Flakon weckt Assoziationen an die feinen, glatten Steine, nach denen man immer gerne Ausschau hält, um sie mit einem gekonnten Wurf über die Wasseroberfläche springen zu lassen.
Nicht nur die Form des Flakons erinnert an einen Stein, sondern auch dessen flüssiger Inhalt. Kalt, etwas bitter und vor allem mineralisch ist dieser. Eine ordentliche Priese Salz kommt ebenfalls noch mit hinzu und so umweht einen eine kühle, frische, für Aquatik sogar recht authentisch und kaum synthetisch daherkommende Luft, die mit einer ebenso kühlen Mandarinennote verbunden wird. Letztere ist zu Beginn ausgesprochen dominant, verliert zunehmend jedoch an Potenz und macht Platz für die bitter-salzige, an Meeresgischt und Steine erinnernde Aquatik. Trotz des Platzmachens kann sie - und das ist auch gut so - im gesamten Duftverlauf wahrgenommen werden, was der Alltagstauglichkeit und der Tragbarkeit der Gesamtkomposition äußerst dienlich ist.

Tragbarkeit? Alltagstauglichkeit?

Nun, es ist so, dass viele aquatische Düfte, von denen ich übrigens kein großer Fan bin, auf Massenkompabilität ausgerichtet sind. Etwas polarisierend Bitteres beziehungsweise Salziges, wie man es in "Aqva Amara" vorfindet, ist auf dem Markt äußerst selten. Ich würde dem Duft aufgrund seines eigenwilligen, wohl nicht der breiten Masse zusagenden Charakters und der dazu immer größer werdenden Problematik, ihn käuflich zu erwerben, das Attribut der "Nische" zusprechen, auch wenn es sich bei jener um eine wohl recht umstrittene, schwammige Vokabel handelt.

Für mich ist Aqva Amara ein Nischenduft, da sich hier von üblichen Aquaten deutlich abgegrenzt wird und der Macher sich definitiv etwas traute. Zusätzlich weiß das ganze mit einer überdurchschnittlichen Haltbarkeit sowie Sillage zu glänzen. Bei der Dosierung sollte man daher Vorsicht walten lassen. Gerade jetzt im Winter kann es ansonsten schon mal vorkommen, dass aufgrund jener olfaktorischer Abkühlung die Autofenster von innen zufrieren und den Frostbeulen um euch herum noch kälter wird als ihnen sowieso schon ist ;)


27.11.2019 00:05 Uhr
15 Auszeichnungen
Dick, fett und groß prankt da das Oud in der Duftpyramide. Betrachtet man eine solche, ist das häufig, nicht immer, aber halt auch nicht selten, der Augenblick, an dem man weiterscrollt, den TAB schließt oder einen anderen Parfümnamen in die Suchleiste eingibt, sofern man auf der Suche nach einem Alltagsduft ist. Vielleicht hält man auch Ausschau nach einer neuen Signatur, also eine, die man tagtäglich seine Haut schmücken lassen kann.
Neben Leder, Kreuzkümmel und manch anderen olfaktorischen "Besonderheiten" gehört das berühmte, aber mittlerweile durchaus etablierte Adlerholz zu jenen Duftelementen, mit denen nicht jede Nase so gut zurechtkommt. Das liegt nicht selten daran, dass Oud gerne mal muffig-animalisch, sauer, bitter oder auch medizinisch riechen kann. Es kann ebenso auch süß, cremig und anschmiegsam die Nase kitzeln. Ein einheitliches Erscheinungsbild gibt es hier gar nicht. Dass dies so ist, demonstriert Francis Kurkdjian mit diesem Duft mehr als passend. So unspektakulär der Name, so unspektakulär ist schlussendlich auch seine Komposition, was aber keinesfalls negativ gemeint sein soll. Ich versuche es mal zu erklären.

Das Oud in Kurkdjians Kreation ist nicht animalisch. Es ist auch nicht medizinisch. Es ist weder bitter noch süß, weder beißend noch besonders anschmiegsam. Es ist einfach holzig - ja richtig gehört. Es ist ganz "primitives", dunkles Holz, das absolut trocken, absolut unspektakulär und beinahe schon zu normal daherkommt. Dieses Holz ist nicht auf Krawall aus. Es "bereichert" nicht den gesamten Arbeitsplatz, keine Seminarräume in der Universität und beißt niemandem in der Nase. Dieses Oud übt sich in Zurückhaltung und hat auch kein Problem damit, andere Duftbestandteile mit in seine Gegenwart einzubinden. So ist da das Elemiharz zu erwähnen, welches dezent himbeerig auftritt. Trockener, ein wenig bitterer Safran weiß sich auch bemerkbar zu machen, sodass das ganze nie ins Fruchtig-süße abdriftet. Das trocken-holzige Oud zieht im Hintergrund noch immer die Fäden, doch weiterhin dezent. Balsamisches Zedernholz und leicht erdiges Patchouli vermitteln in ihrer Symbiose den Eindruck, einen frisch angespitzten Bleistift vor sich liegen zu haben. Ihr wisst alle, wie ein solcher duftet.

Oud als Hauptthema? Hier? Nein, ganz sicher nicht. Dieses Oud setzt auf Gleichrangigkeit in der Duftpyramide. Das ist keines, welches olfaktorisch-totalitäre Ansprüche stellt.

Versuche ich, Kurkdjians Oud-Interpretation mit Eindrücken aus meiner eigenen Lebenswelt zu verknüpfen, so fiele mir ganz spontan eine alte Bibliothek ein - der Geruch des angespitzten Bleistifts, die vielleicht etwas dunkle Umgebung, trockene und massive Holzregale, der Geruch von Papier.
Ja, das ist es, an was mich dieses Parfüm erinnert. Es ist eine alte Bibliothek, die noch ihren ganz eigenen Charme besitzt und in die eines Tages der junge Hipster-Studi hineinstolpert, welcher zuvor seine E-Zigarette mit Himbeergeschmack genoss. Der Konsum liegt hier glücklicherweise schon wenige Augenblicke zurück, sodass jene Bibliothek nicht zur Shisha-Bar verkommt und weiterhin ihren ganz eigenen Charakter beibehält, der wiederum von der modernen, sehr authentischen, doch von Minute zu Minute schwächer werdenden Himbeernote gekonnt kontrastiert wird. Hier ziehen sich die Gegensätze förmlich an, verschmelzen miteinander, sodass man die Gegensätzlichkeit so gar nicht registriert. Man tut dies erst, wenn man sich diesen Duft sorgfältig erarbeitet, so wie wir Parfumos und Parfumas es liebend gerne machen. Dann, nach mehreren Anläufen und häufigem Testen, erkennt man - zumindest ich - die meisterhafte Verwobenheit jener Gegensätze, so ganz ohne Ecken, ohne Kanten, ohne übertriebene Aufgeregtheit.


17.11.2019 17:14 Uhr
8 Auszeichnungen
"Noir Premier - Fleur Universelle 1900" macht seinem Namen alle Ehre. So ist dieses würzig-dunkle Duftkonglomerat sowohl ein im Herbst als auch im Winter verwendbares, doch trotz seines in meinen Augen recht universellen Jahreszeiteneinsatzes - Sommer- und Frühlingsabende gehen eigentlich auch - ein premierenhaftes und das mit jedem Tragen. Premiere deshalb, da im Duftverlauf mehrere Komponenten, ob allein oder kombiniert, ihre stets ganz eigene Premiere feiern - ob ausschweifend, dominant oder besonders ausmerksamkeitserregend soll erstmal dahingestellt sein.

Der Rum und der Pfeffer als Zweierverbund treten zuerst auf die Bühne, kommen jedoch kaum dazu, sich gesondert dem Publikum vorzustellen. Mit einem schnellen Folgeauftritt springt die Strohblume hervor, deren Duftcharakter dem von Curry ähnelt, ohne jedoch Assoziationen zur indischen Küche hervorzurufen - was ein Glück. Gourmandige Seiten werden hier nicht bedient.
Zeitweise alles andere überschattend gesellt sich dann eine meiner Lieblinggewürznoten mit hinzu. Manch eine/r von euch wird wohl wissen, um welche es sich da handelt. Es ist der Zimt, dessen Auftritt ein jener ist, welchen ich mir von ihm stets wünsche. Er ist nicht süß-pappig, nicht klebrig, nicht an Milchreis und sonstige Diabetisverursacher erinnernd, sondern luftig-würzig und von seiner ganz eigenen, typischen Aromatik geschmückt, die wohl jeder kennen dürfte. In der ersten halben Stunde stielt er seinen Bühnenkollegen so ein bisschen die Show, verdrängt die dezent "curryge" Strohblume und lässt den Rum nur gelegentlich ein bisschen durch den Bühnenvorhang schauen, was mir jedoch zusagt. Immerhin bin ich ein Liebhaber von Zimt und er darf ruhig laut und dominant auftreten. Auch mag ich den olfaktorischen Charakter von Rum, jedoch nicht im übertriebenen, an Alkoholexzesse erinnernden Maß. Hier passt das zum Glück alles, sodass dem Publikum eine zimtige Würze mit ein wenig Schuss vor Augen ... ähh ... vor Nase geführt wird.
Einige Zeit später findet dann die das Finale bereitende Tonkabohne den Weg auf die Bühne. Ihr leicht vanilliges Antlitz schimmert zwar durch, doch weiß sie sich zu zügeln und ihrer Rolle gerecht zu werden. Diese Rolle ist eine, die perfekt mit ihren übrigen Bühnenkollegen harmonieren muss, um auch bloß niemanden zu vergraulen. Die Strohblume will nicht noch mehr verdrängt werden, nachdem sie sich wieder ein wenig in die Bühnenhandlung zurückgekämpft hat, was aber durch eine klebrig-süße Tonkabohne wiederum geschehen könnte. Ebenso möchte auch der Zimt am Ende genauso wenig als Müller Milchreis enden. Auch wenn die Tonkabohne ihre Süße nicht ganz vor allen verstecken möchte, so kann man doch wohlwollend feststellen, dass sie ihre Rolle sehr gut spielt. Das Bisschen an Süße ist genau richtig, eigentlich sogar perfekt und der Fokus liegt eh auf der Pudrigkeit, die ihr Auftritt mit sich bringt. So weiß am Ende jeder etwas mit wirklich all seinen Begleitern auf der Bühne anzufangen, kein Auftritt wird in seinem Wert, in seiner Wichtigkeit und Relevanz geschmälert. Der Zimt musste sich hierfür zwar ein bisschen zurücknehmen, doch das wird von der breiten Masse am Ende durchaus honoriert. Dem Publikum kommt so nämlich das geschmeidige Zusammenspiel, welches von so viel Wärme und Harmonie geprägt ist, zugute, sodass am Ende des Abends alle, sowohl Männlein als auch Weiblein, eine kurze Signatur derjenigen erhaschen wollen, die auf jener Bühne ihr Spiel mit des Publikums Sinnen trieben.


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