Es geschah an jenem Samstagabend. Auf dem Trainingsplan stand schweres Beintraining. Eigentlich der schlechteste Zeitpunkt, das Nervensystem mit einem neuen, fremden Reiz zusätzlich zu belasten. Ich nutze jedoch hin und wieder das Gym, um frische Düfte auf ihre Haltbarkeit beim Schwitzen mit Blick auf den Sommer zu testen. Eine konzentrierte Testumgebung, wenn man’s so nennen mag.
Beim Stöbern durch meine kleine Ansammlung von Proben fiel mir
Imagination in die Finger. Ich erinnerte mich, dass mir die Tee-Note beim Initialtest einige Wochen zuvor überhaupt nicht gefallen hat. Entgegen dem ersten Gefühl entschied ich mich, Imagination eine Chance zu geben und im schlimmsten Fall zumindest die Probe aus den Füßen zu haben.
Wie viele bereits beschrieben haben, startet der Duft sehr clean und frisch. Solide, aber nicht deutlich besser als andere frische Düfte.
Also ab aufs Fahrrad und losgeradelt. Auf dem Weg ins Gym geschah dann die Magie des chinesischen schwarzen Tees. Mit jedem Meter entfaltete sich dieser wunderbare, nicht aufdringliche Teegeruch mehr und mehr. In der Umkleidekabine traf es mich dann komplett: WOW!
Das Training begann und jeder, der schon einmal intensiv seine Beine trainiert hat, kennt den Zustand, in dem man nur noch ums gefühlte Überleben kämpft. Bei jedem tiefen Atemzug immer wieder diese Tee-Note. Ich war fast überzeugt, wenn da nicht das Preisschild gewesen wäre.
Doch dann kam es zu einer verhängnisvollen Begegnung, Jaques Cavallier-Belletrud höchstpersönlich sprach durch ein himmlisches Wesen zu mir!
Ich hatte meine letzte Kraft gerade an der Wadenmaschine mobilisieren wollen, als ein blonder Engel aus dem Licht hervortrat und vorsichtig gestikulierend versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich schaute hoch, sah sie und sagte reflexartig „Ich hab noch zwei Sätze“ – die typische Frage, die man im eben Gym gestellt bekommt. Sie winkte ab und erwiderte „Nein, nein – ich wollte dir nur sagen, dass du wirklich gut riechst“. „Fuck, jetzt muss ich mir die ganze Flasche kaufen“, dachte ich mir, und „Ähm, öhm, danke dir“, sagte ich ihr. Woraufhin sie für immer ins Licht verschwand und nie wieder gesehen war. Ich bin bis heute unschlüssig, ob das wirklich stattgefunden hat oder nur am Blutmangel in meinem Gehirn lag.
Jedenfalls hab ich mir daraufhin den 100-ml-Flakon gekauft und muss sagen, dass ich doch etwas enttäuscht bin. Der Vollflakon kann es nicht im Geringsten mit der Probe aufnehmen. Der Tee fehlt hier sehr deutlich im Vergleich, was dem Duft irgendwie den Zauber nimmt. Es bleibt ein guter, frischer Seifenduft ohne das gewisse etwas. Ich werde für immer dieser Probe nachtrauern ..