FabistinktFabistinkts Parfumblog

13.08.2019 02:55 Uhr
39 Auszeichnungen

Mein Dilemma: Geschäft oder Courage?


Nach einigen unbequemen Blogbeiträgen in den letzten Tagen habe nun auch ich den Mut gefunden, einen Text zu einem unangenehmen Thema zu schreiben. Mich würden eure Gedanken dazu interessieren.

Zugetragen hat sich das Ganze vor einigen Tagen. Ich war kräftig erkältet aus dem Urlaub zurückgekehrt und hatte dankenswerterweise frei.
Wenn ich krank bin, wechseln sich kaputte, müde Tiefs mit geradezu euphorischen Hochs ab. Mitten in einem solchen bin ich gesteckt, als ich das plötzliche Bedürfnis verspürte, endlich einen würdigen Aufbewahrungsort für meine Parfüms zu finden. Düfte und Abfüllungen hatten bisher ihren Platz in einer Schublade unter dem Bett gehabt. Leider herrscht dort ein ziemliches Chaos und der Wunsch nach einem angemessenen Heim für meine Schätze keimt seit Jahren. Die Antwort auf die Frage, wie dieser kleine Schrank auszusehen hatte, war von Anfang an klar: Alt sollte er sein, je älter desto besser. Und gut nach Holz duften sollte er natürlich auch, am liebsten nach Zirbe oder Lärche. Also ab ins Internet. Ebay Kleinanzeigen – Fehlanzeige. Willhaben.at – Volltreffer! Zur Erklärung an meine Landsleute: Unsere Nachbarn in Österreich nutzen hauptsächlich letztgenanntes Portal, um sich von Altem zu trennen und Neues zu finden – in Bezug auf Gebrauchsartikel selbstverständlich.
Jedenfalls wurde ich fündig: Die Anzeige beschrieb ein hohes, hölzernes Nachtkästchen, verziert mit Schnitzereien, augenscheinlich gut in Form, abholbereit in einem Wintersportort im Raum Kitzbühel. Meiner laienhaften Einschätzung nach musste es um 1910 herum gefertigt worden sein, war auf dem Foto doch ein eklektizierendes Schränkchen mit Jugendstilfüßen und historistischen Verzierungen zu sehen. Und oh Wunder, der Preis war fair angesetzt mit weniger als 100 €. Sollte ich, sollte ich nicht…? Einerseits würde die Ausgabe trotz aller preislicher Fairness ein klaffendes Loch in meine studentischen Finanzen reißen, andererseits würde mir so schnell kein derart perfektes Angebot mehr über den Weg laufen.
Erkältungshoch und Tatendurst nach Zwangsruhe entschieden schnell: Kaufen! Angerufen, Besichtigungstermin am selben Abend war möglich, rein ins Auto, Geld abgehoben und ab in den Süden. Zumindest ein paar Kilometer, denn der Wintersportort mit dem Kasterl liegt nur eine knappe Autostunde entfernt.

Wer ein paar meiner Blogbeiträge gelesen hat, der weiß, dass ich altes Design, Kunst und Düfte sehr schätze. Dies bringt es mit sich, dass ich schon einigen Kontakt zu Leuten hatte, die in meiner Umgebung diese Dinge anbieten. Und diese Leute sind manchmal speziell.
Ein Typ, dem man häufig begegnet, ist der „Militariasammler“. Er ist zu 98% männlichen Geschlechts, hat als Jugendlicher bei Bundesheer oder Bundeswehr gedient und erinnert sich gern mit Gleichgesinnten daran zurück. Er ist sehr waffenaffin und hegt eine Faszination für alles, was unmittelbar vor Ende des 2. Weltkriegs geschehen ist. Der Militariasammler ist sehr belesen, allerdings recht einseitig mit antiquiertem Lesestoff. Meist ist die Literatur in Frakturschrift gedruckt und nur unter erschwerten Bedingungen erhältlich. Da seine Bettlektüre häufig sogar verboten ist, muss er sie bei gewissen Flohmarkthändlern unter der Hand kaufen und findet sie nicht bei Thalia. Neben 80 Jahre alten Büchern hat der Militariasammler oft ein liebevoll gepflegtes „Woffmradl“ in der Garage stehen (tatsächlich nur ein harmloses Fahrrad) und nimmt naturgemäß viel Geld für kriegerische Stücke in die Hand. In erstaunlich vielen Fällen sind diese Pistolen, Gewehre, Abzeichen, Messer, Uniformmützen und Medaillen grob zwischen 70 und 90 Jahren alt und mit antiken Runensymbolen verziert. Doch nicht alle Schätze des Militariasammlers sind so eigen. Sein generelles Interesse für Technik bringt es mit sich, dass er auch alte Fernsprecher, Volksempfänger und Röhrenradios aus den 50er Jahren sammelt und mit viel Leidenschaft im Keller restauriert. Äußerlich ist der Militariasammler nicht auf den ersten Blick zu erkennen, allerdings kann er meist nicht mehr direkt jung genannt werden. Beim Blick in sein Gesicht fallen oft die Äderchen auf, die sich auf seiner Nase rötlich oder bläulich abheben, vielfach begleitet von einem trüben Schleier über seinen Augen und einer Komplexion, die von häufigem Alkoholkonsum zeugt. Gründe für diesen gibt es genug: Mangelnde Selbstreflexion und ein verqueres Menschenbild führen zu einem unglücklichen Privatleben, dazu sorgt eine Anfälligkeit für wilde Verschwörungstheorien aus dem Internet für Angstzustände im Angesicht vielerlei fiktiver Gefahren.
Wie ihr euch denken könnt, stützt sich diese Beschreibung nicht auf belegbare Daten, allein auf meine individuelle Beobachtung. Ich möchte hiermit auch nicht alle Militariasammler in eine gewisse Ecke stellen, ich beschreibe lediglich meine Erfahrungen, die ich in meinem unmittelbaren Umfeld gemacht habe. Garantiert gibt es höchst ehrbare Menschen, die diesem Hobby nachgehen. Aber jetzt weiter in der Geschichte:

Ich fuhr also gen Nordtirol, die Nase war halbwegs frei und die Gedanken halbwegs klar. Ein schöner Abend. Die Sonne schien, die Felsen leuchteten, die meisten Radler blieben brav auf den Radwegen. Ich fand sogar auf Anhieb das Haus des Verkäufers ohne mich zu verfahren! Geklingelt, er kam aus dem makellosen Garten.
Ein Mann um die 70. Der trübe Schleier in den Augen. Die ungesunde Komplexion. Keine vorschnellen Urteile, Herrgott!
Eine nette Begrüßung, etwas Smalltalk, ja, die Baustellen am Weg hierher waren nicht schlimm gewesen und mei, wie schön seine Gegend doch ist! Sollte ich die Schuhe ausziehen im gepflegten Haus? Nein, kein Problem, nicht nötig.
Im Flur stand schon das gute Stück. Ein paar religiöse Gegenstände waren darauf drapiert und mir schlug schon von weitem der Zirbenstuben-Duft entgegen, den ich mir erhofft hatte. Meine Wohnung würde bald nach den edelsten Hölzern riechen, die die Alpen zu bieten haben! Wir unterhielten uns kurz über das Stück.
Ja, ein schönes Kasterl, er hätte es auf einem Bauernhof bei Kitzbühel gefunden. So schön nackert das Holz, welches Glück, denn die blau Bemalten wollte ja eh keiner mehr. Am liebsten wollte er es behalten und auch seine Preise setzte er doch jedes Mal zu nieder an! Ein weiteres Kasterl interessierte mich nicht? Er hätte so viele alte Schätze im Keller, ein altes Waffenradl, noch ein Kasterl und alte Radios, ob ich all das sehen wollte? (Nächste Stichworte, aber was sollte daran falsch sein?)
Ich sollte hineinschauen.
Von außen war das Nachtkästchen wie erwartet gut in Form, kaum Holzwurmlöcher, die Tischplatte vielleicht nicht mehr original, aber das war mir egal. Er öffnete die Schublade und ich sah hinein. Sie lief problemlos, kein Ruckeln und auch innen alles in Ordnung. Auf dem Boden der Lade lag nur eine silberne Medaille in einer Klarsichthülle.
Über einen Tausender wäre die wert!
Nun der Hauptteil hinter der Tür.
Er müsste erst seine „Schätze“ herausnehmen, damit ich den Innenraum sehen könnte.
Er öffnete die Tür und man sah, dass das Kasterl bis oben hin mit Stapeln alten Papiers gefüllt war. Er nahm ein paar Hefte und Bücher und hielt sie mir stolz hin mit den Worten „Do schau, da Hitla!“
Dies aber nicht verschämt, sondern mit aufrechter Begeisterung, in Erwartung einer positiven Reaktion. Ich schaute nur, etwas perplex, antwortete nicht. Weitere Bücher folgten, „Bei uns in Deutschland“ ist mir davon im Gedächtnis geblieben und natürlich das bekannteste Werk seiner Art aus den Jahren 1925 und 1926, was schon fast klischeehaft zu erwarten gewesen war. Allzu überrascht war ich nicht. Aber was sollte ich darauf sagen? Er leerte weiter das Schränkchen. Sollte ich ihn darauf ansprechen? Aber was sagt man in dieser Situation? Ich versuchte, etwas Missbilligung in meinen Blick zu legen. Nonverbale Kommunikation und so. Doch nicht allzu viel, schließlich wollte ich weiterhin ein Geschäft mit diesem Mann tätigen und sein Kasterl zum fairen Preis erwerben. Oder sollte ich den Kauf abbrechen? Immerhin würde ich mein sauer verdientes Geld jemandem überlassen, der mit seinem Stolz auf eine widerwärtige Ideologie gegen alles verstößt, wofür ich stehe. Sollte ich versuchen, eine Diskussion anzustoßen? Aber war das die richtige Situation dazu oder völlig daneben?

Ich versuchte, freundlich zu bleiben und den Kauf so schnell wie möglich abzuwickeln.

Bezahlt, Rücksitze umgeklappt, Kasterl rein und ab nach Hause. Im Auto duftete es verlockend nach schönstem Holz aus den Alpen. Die Nase war halbwegs frei und die Gedanken klar. Langsam ging die Sonne unter, in der Ferne leuchteten die Felsen des Wilden Kaisers, die wenigen Radler blieben auf ihren Wegen. Daheim stellte ich ihn auf, putzte und befüllte ihn mit einigen ausgesuchten Parfüms. So schön! Er macht sich wirklich prächtig an seinem neuen Platz. Und erst der Holzduft, den er verströmt!

Doch ein fieser, kleiner Nachgeschmack bleibt. Ich hatte kein Wort gesagt, auch wenn dieser Mann etwas vertreten hatte, worin ich eine ernsthafte Gefahr für die Zukunft sämtlicher Menschen auf dieser Erde sehe. Diese Ideologie tritt in vielen Regionen auf, trägt nicht immer denselben Namen und verbreitet sich durch Facebook und co. seit Jahren ungebremst. Ernsthaft etwas dagegen unternehmen will niemand auf offizieller Seite. Und ich habe diesen direkten Vertreter gehen lassen und ihm mein Geld gegeben! Ich weiß immer noch nicht, was das richtige Verhalten gewesen wäre - wenn es soetwas in diesem Fall überhaupt gibt. Schlagfertigkeit ist generell nicht meine Stärke – meist fällt mir zehn Minuten später erst die passende Antwort ein. In diesem speziellen Fall jedoch dauert es schon einige Tage ohne Aussicht auf Erfolg.

Was denkt ihr? Wie hättet ihr euch verhalten? Hättet ihr den Verkauf abgebrochen, vielleicht eine Diskussion begonnen? Welche Tipps habt ihr für mich, falls so eine Situation erneut geschieht?

Danke schonmal für eure Antworten! Ich werde gespannt mitlesen, werde aber wie immer nicht jedem einzeln auf die Pinnwand schreiben können.


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