FabistinktFabistinkts Parfumkommentare

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09.09.2019 23:12 Uhr
16 Auszeichnungen
Es begann im Souk. Chanel N°5, das pure Parfum, 7 ml, ungeöffnet, erschwinglich. Sogar vintage! Ich kaufte es blind, sagte mir die Erfahrung doch, dass mein trocken-würziges EdT noch nicht das höchste der Gefühle sein konnte - im Extrait würden bestimmt noch weitere Wunder warten. Das Päckchen kam und ich nahm den Flakon aus der leicht vergilbten Plastikschachtel. Der schwarze Faden war noch um Hals und Stopfen geschlungen. Vorsichtig zerschnitt ich ihn. War das richtig so? Mir fehlt gänzlich die Routine beim Öffnen von Chanel Extraits. Und jetzt der Kristalldeckel. Er fühlte sich fester an als der dünnwandige Flakon. Herausziehen ging nicht. Ich versuchte, ihn zu drehen. Auch das ging nicht. War da im Laufe der Jahre Parfum zwischen Stopfen und Flaschenhals geraten, das jetzt das Ganze zusammenklebte? Ich erhöhte den Druck.
Krrrrrrrrrrrrk. Verdammt. Mir rann das kostbare Nass über die Hand. Die komplette obere Seite des zarten Fläschchens war abgebrochen und in sich, vom Hals ausgehend, auseinandergekracht. Ruhig Blut. Das Meiste war noch in der unteren Hälfte des Flakons gefasst. Was tun damit? Vorsichtig balancierte ich die Trümmer in die Küche. Noch vorsichtiger stellte ich die teure Ruine am Spülbecken ab. Mit jeder Bewegung lief bernsteinfarbenes Parfum heraus. Wohin damit? Ich erinnerte mich an meinen Bleiglasflakon vom Meraner Flohmarkt. Viel zu groß, aber unbenutzt und leer. Abfülltrichter geholt und vorsichtig hineingeträufelt. Wieder ging Flüssigkeit verloren, doch alles in allem dürften 3-4 von den ursprünglich 7 Millilitern gerettet sein. Da ich mir nicht sicher bin, wie dicht der Glaspfropfen des Flohmarktstücks hält, werde ich den Duft in nächster Zeit einfach regelmäßig benutzen, bevor alles verdampft. Gezwungen zum Luxus - es könnte mich durchaus schlimmer treffen.

Der Duft

Haupteindruck: Aldehyde, rauchig und wächsern. Präsent von Anfang bis fast zum Ende. Ganz leicht herb durch eine edle Rose mit einem Hauch von Vetiver. Es herrscht eine perfekte Balance zwischen allen Inhaltsstoffen, nichts sticht hervor. Trotz der Distanz und emotionalen Kühle, die er verströmt, ist eine gewisse Nahbarkeit vorhanden. Der Kerzenrauch ist sehr dicht und pudrig. Fast hat man das Gefühl, man könnte ihn anfassen und mit den Fingern verreiben. Der gesamte Eindruck ist extrem hochwertig. Man spürt, dass man Qualität unter der Nase hat, daher auch Null Kopfschmerzgefahr. Eine Sillage ist nur gering ausgeprägt, das Dufterleben bleibt intim und wird niemals laut. Wenn sich das Parfum setzt, werden die Aldehyde heller und schlagen eine sauber-orangeflorale Richtung ein, sodass die Verwandtschaft mit den seifig-strahlenden Kindern aus den 60ern und 70ern deutlich wird.

Der Vergleich

Parfum und Eau de Toilette sind die originalen Konzentrationen, in denen N°5 lanciert wurde. Wie so oft beim Verhältnis von Extrait zu niedriger Konzentration ist auch hier das EdT einfacher zu lesen und einzelne Noten sind besser erkennbar. Es ist leichter, die Aldehyde sind luftiger und durch trockenen Vetiver kratzt es an der Grenze zum Chypre. Leider sind die Noten untereinander nicht gut ausgewogen und der Vetiver ist immer negativ herauszuhören. Im Parfum dagegen sind alle Noten in perfekter Balance dicht verwoben und bilden ein harmonisches Gesamtkunstwerk. Eine minimale Bitterkeit sorgt dabei genau für den richtigen Kontrast, damit es nicht in Kitsch abdriftet. Als Parfum hat N°5 auf Anhieb mein Herz erobert, während mir beim EdT der würzige Vetiver zu laut ist.

Zur allgemeinen Einordnung kann ich endlich meine geliebte Tosca von 4711 in Extraitkonzentration in den Kommentar schmuggeln. Sie ist gleich alt wie N°5, hat genauso viele Aldehyde, war zeitweise sogar erfolgreicher im Verkauf und ist die wärmere, ambrierte Variante.
Die vielen künstlichen Aldehyde als dominante Duftnote waren damals wohl revolutionär und kamen den Vorlieben der Menschen sehr entgegen. Man liebte das Moderne, das Glänzende und Neue, schnelle Autos und Fernzüge, Stahl, Chrom, Edelmetall – sogar Holzmöbel wurden in den 20er-Jahren poliert und lackiert, um Chrom zu imitieren. Was passt dazu besser als ein Parfum, das eine chemische Verbindung als Hauptnote verwendet? Mit dem man quasi selbst Modernität und Synthetik verströmt, vielleicht sogar selbst nach Rauch aus einer schnellen Dampflok oder einem Fabrikschornstein riecht?
Ich habe gelesen, dass Chanel N°5 nicht immer das selbe Prestige wie in den letzten Jahrzehnten genossen hat. Um den Krieg herum soll ihm schon einmal der Ruf von Bückware vorausgeeilt sein. Seine Popularität stieg in den 50ern wieder an, als im westlichen Kulturkreis so gut wie alles Pariserische verehrt wurde. Marilyn dürfte mit ihrem berühmten Ausspruch ihr Übriges getan haben. Es ist möglich, dass die zahllosen Aldehyddüfte von Häusern wie Hermes und YSL der folgenden zwei Jahrzehnte Versuche darstellten, auch ein Stück vom parfümierten Kuchen ab zu bekommen, was den Trend von aldehydlastigen Chypredüften losgetreten haben könnte (Caleche, Calandre, Rive Gauche, First etc.). Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das Eau de Parfum, das schließlich in den 80ern entwickelt wurde, immer noch nicht richtig getestet habe.

Der Flakon

Passenderweise feiern wir dieses Jahr 100 Jahre Bauhaus und am Wochenende wurde sogar das Bauhausmuseum in Dessau eröffnet. Und im Kontext dieses Geistes ist der Flakon zu verorten: Er ist linear gestaltet ohne jegliche Verzierung, auf die Funktion reduziert und kann im Geschäft durch seine flache Form platzsparend aneinandergereiht werden, natürlich im ebenfalls flachen Karton. Ob Chanel tatsächlich die ersten waren, die derartige Flakons nutzten, weiß ich nicht. Wenn man sich auf Parfumo durch die frühen 1920er Jahre klickt, tauchen jede Menge eckiger Flakons mit großem Kristallstopfen bei unterschiedlichsten Häusern auf.

Gestern hat eine Parfuma, die ganz in der Nähe wohnt, mein EdT von N°5 gekauft. Es ist ihr Signaturduft, erhält bei ihr also die Wertschätzung, die ich ihm nicht entgegenbringen kann. Nach und nach wird mein Parfum weniger werden und ich werde jeden Tropfen genießen. Auf der Haut natürlich. Und vielleicht landet irgendwann wieder ein richtiger Flakon bei mir. Oder besser das Travelspray, das ist nicht so schnell kaputt zu kriegen.


14.05.2019 00:38 Uhr
25 Auszeichnungen
Heute Abend nach der Vorlesung sitze ich im Auto, es ist kurz vor sieben, die Bayern1-Stimme kündigt die Nachrichten an. Erst eine kurze Übersicht, bevor sie dann einzeln vorgelesen werden. Was war das, Hollywood-Schauspielerin gestorben? Ich hatte nicht richtig hingehört, auf der Straße ist einiges los. Jetzt die eigentliche Meldung, Hollywood-Schauspielerin und Sängerin Doris Day ist heute im Alter von 97 Jahren gestorben. Ich hatte mich nicht verhört. Oh je. Doris Day war irgendwie eine feste Größe, einfach immer da, wie die Queen. Jedes Weihnachten schallt zuverlässig ihr „Winter Wonderland“ aus den Lautsprechern, genau wie ihr Duett „Baby it’s cold outside“ mit Dean Martin.

„Dream a little dream of me“, „Que sera sera“, „Sentimental Journey“ – die Liste ihrer Klassiker lässt sich noch ziemlich lange fortführen. Sie stammen fast alle aus den 40er und 50er Jahren, in denen ihre Film- und Gesangskarriere so richtig Fahrt aufgenommen hatte. Das muss man sich einmal vorstellen, sie musste 1937 als 14jährige unfallbedingt ihren Traum vom Tanzen aufgeben und hatte stattdessen ab 1939 ihre Laufbahn als Sängerin und später als Schauspielerin eingeschlagen. Und dabei drehte sie nicht irgendwelche Filme, sie stand mit Größen wie Cary Grant und Ginger Rogers vor der Kamera – Namen, die zu einer längst vergangenen Zeit gehören, in der jedem noch die große Depression in den Knochen steckte und es erst seit wenigen Jahren Tonfilme gab. Doris Day war eine Zeitzeugin und Akteurin dieser Ära und hatte bis gestern die lebendige Erinnerung daran in sich getragen. Und jetzt ist sie tot.

Als Retro-Parfumjunkie stellt sich mir da natürlich nach dem ersten Schock die Frage: Hmm, was könnte die gute Frau denn getragen haben? Wie roch eine Dame wie Doris Day? Wenn ich mir durchlese, welche Filme sie gedreht hat (Hitchcocks „Mitternachtsspitzen“ zum Beispiel), frage ich mich, woher in aller Welt das Bild stammt, das ich von ihr habe. In meiner Erinnerung ist sie irgendwie die gut gelaunte Sauberfrau aus den 50er Jahren, die singend durch die Küche tanzt, während draußen die Disney-Vögel auf dem Fensterbrett zwitschern. Und zu dieser Frau gibt es kaum einen passenderen Duft als L’air du Temps. Er entstand im Jahr 1948, genau wie Days erster Film „Zaubernächte in Rio“. Er ist floral und fröhlich, hat einen unschuldigen Charme und duftet nicht nur sauber, sondern rein. Eine zarte Nelke, kaum würzig, vielmehr elegant, perfekt repräsentiert durch die hellgelbe Farbe des Duftes.

Mein Vintage-Flakon des puren Parfums ist flach, wird durch einen annähernd kugelförmigen Glasstopfen verschlossen und liegt in einer gelben Schachtel, die nach oben aufklappbar ist. Die legendären Friedenstauben, die passend für einen Duft aus der unmittelbaren Nachkriegszeit die Flakons von L’air du Temps zieren, sind bei meinem Fläschchen vorn flächig auf dem Bauch angebracht und nicht auf dem Deckel. Da ich auch schon das aktuelle Eau de Toilette besessen habe, kann ich sagen, dass L’air du Temps die Jahre wohl ohne größere Schäden, auch bekannt als Reformulierungen, überdauert hat. Das neue Eau de Toilette ist unverkennbar derselbe Duft wie der in meinem alten Flakon des puren Parfums. Ich bin froh, dass ein Schätzchen, das es nun seit über 70 Jahren gibt, immer noch produziert und verkauft wird.
Jetzt tupfe ich mir ein paar Tröpfchen davon auf den Arm, für Doris.


06.04.2019 00:20 Uhr
19 Auszeichnungen
Es ist höchste Zeit, endlich einen Kommentar zu meinem Habit Rouge zu schreiben. „Meins“ deshalb, weil es zu den allerersten Düften gehört, mit denen um 2010 herum meine Duftleidenschaft begonnen hatte. Auf Sir Irisch Moos und Old Spice folgten irgendwann Concentrè d’orange verte von Hermès und Habit Rouge. Irisch Moos war mir positiv an einem Klassenkameraden aufgefallen, an dem es aber weniger billig und seifig gerochen hatte als schließlich an mir selbst. Auf Concentrè d’orange verte, Old Spice und Habit Rouge stieß ich dann durch Katie Puckrik, über deren Videos ich zufällig auf YouTube gestolpert war. Sie beschrieb Habit Rouge als „… about as light as I go - this is my idea of a summer fragrance.“ So light fand ich ihn dann gar nicht, als ich ihn im Heilbronner Douglasregal entdeckt hatte. Vielmehr warm, rund und enorm vertraut. Woher weiß ich leider nicht, aber ich musste Habit Rouge bereits gekannt haben und es war wie das Wiedersehen mit einem alten Freund. Den roten Frack trug ich dann auch konstant über Jahre hinweg, allerdings sparsam, sodass ich immer noch einen kleinen Rest im ersten Flakon von 2011 habe. Letztes Jahr dann brauchten wir beiden eine Pause, bis aktuell ein frisches Fläschchen davon bei mir eingezogen ist.

Zum Duft:
HR ist nicht ganz einfach einzuordnen. Keine einzelne Note steht auf dem Präsentierteller und sagt „Hey, das ist ein Lederduft!“. Vielmehr ist Habit Rouge ein Gesamtkunstwerk. Ein wärmendes und gleichzeitig erfrischendes, dunkelrot umarmendes Gefühl von klassischer Eleganz und vertrauter Intimität.
Trotzdem möchte ich auseinanderklamüsern, was meine Nase in dem roten Wölkchen Glück erkennt:
Die Basis von Habit Rouge besteht Guerlain-typisch aus Vanille und Benzoe und rückt ihn in die orientalische Ecke. Wegen dieser dunklen Vanille wird es auch gern als das Shalimar für den Herren bezeichnet, was ich nicht ganz nachvollziehen kann. Die beiden sind schon sehr unterschiedlich. Die Vanille kommt auch nie allein zum Vorschein, sie ist fest mit den Bestandteilen der nächsten Etage verwoben, nämlich Leder, Orange und Rose. Das Leder ist keines von der modernen Tom-Fordigen Sorte, deshalb mögen es manche auch vergeblich in Habit Rouge suchen. Es ist vielmehr ein traditionelles Juchtenleder/Cuir de Russie, von Orange und etwas Patchouli auf Körpertemperatur erwärmt und mit Rose verfeinert. Ganz obenauf tanzt eine saftige Zitrone, die beim Aufsprühen den Eindruck erstmal dominiert. Allerdings ist sie nicht frisch, spritzig und sonnig, sondern trägt bereits die ledrig-rosige Wärme in sich und leuchtet eher golden als gelb-grün.
Man merkt wahrscheinlich, dass mir Habit Rouge ziemlich am Herzen liegt, doch er hat auch ganz praktische Seiten: Er ist schlicht und einfach der ideale Allrounder. Man ist grundsätzlich perfekt damit angezogen, egal ob in der Arbeit, im Theater, bei einem Date, im Sport oder beim Schäfchenzählen. Erfrischend orangig im Sommer und wärmend kuschlig im Winter.
Wenn ich meine Version von 2011 mit der aktuellen vergleiche, so gibt es minimale Unterschiede. Mir kommt vor, als hätte die Zitrone mehr Kraft als früher und irgendeine Kleinigkeit im Kern ist anders, ich kann aber nicht mit dem Finger darauf zeigen. Es ist ungefähr so, als wäre das Eau de Toilette einen Schritt näher in die Richtung des modernen Eau de Parfums gerückt und hätte einen (verschwindend kleinen) Teil seiner Tiefe dabei eingebüßt. Oder mein altes Habit Rouge ist über die Jahre nachgereift wie ein guter Wein.


03.04.2019 07:49 Uhr
12 Auszeichnungen
Madame Rochas ist als Blindtausch zu mir gewandert. Als ein Produkt der frühen 60er Jahre mit einer sehr vertrauten Pyramide schien sie mir schon ungerochen sympathisch, bin ich doch ein großer Fan von Calèche, das ganz ähnlich gestrickt ist. Eine sehr liebe Münchnerin bot Madame schließlich im Souk an und ich schlug zu. Zwei Überraschungen folgten.

Die gute: Großzügigerweise hatte die Parfuma gleich einen ganzen Flakon Rochas Femme beigelegt, die schon länger auf meiner Wunschliste stand.

Die weniger gute: Madame und ich hatten Startschwierigkeiten. Der erste Eindruck war noch positiv und fiel genauso aus wie erwartet: Helle Aldehyde, wie sie in den 60er und 70er Jahren in Mode waren (Calèche, Rive Gauche, Calandre, Van Cleef & Arpels First etc.). Seifig-cremiger als noch in der Generation vorher, die wahre Rauchbomben sein konnten und mit einer großen Strahlkraft. Die Kombination aus diesen Aldehyden und den sonnigen Orangenblüten, mit denen sie verwoben sind, ist enorm gefällig.
Nun zum weniger guten Teil: Auf den zweiten Riecher kommt das Fundament zum Vorschein, auf dem Aldehyde und Orangenblüten tanzen. Es ist eine klassische Chyprebasis, was per se weder gut noch schlecht ist. Allerdings gehört das enthaltene Eichenmoos zur kratzig-trockenen Sorte. Eichenmoos kann wunderschön sein und im richtigen Maß einen perfekten herben Gegenpart für Blumen oder ähnliches darstellen. Oder es kann einem den Atem nehmen. So schlimm ist es bei Madame natürlich nicht, doch mir kommt es vor, als würde es darin unnötig gepusht. So entsteht insgesamt ein sehr eleganter Duft, der eine große Energie, Schärfe und Strahlkraft besitzt. Ich würde es als beinah aggressive Eleganz beschreiben. Etwas, was vielleicht Anna Wintour frühmorgens vor der Arbeit aufsprüht, um dann bis spät in die Nacht ihre Assistentinnen durch die Redaktion der Vogue zu scheuchen.
Madame und ich werden wohl nicht mehr so recht warm miteinander. Ersatz ist schon auf dem Weg, die jüngere Schwester aus dem Hause Rabanne mit dem glänzenden Kühlergrill.
Wem Madame aber eindeutig zusagen sollte, sind all diejenigen, die Reformulierungen alter Klassiker betrauern. Diese Madame scheint mir kräftig und ausdrucksstark wie eh und je zu sein, weit entfernt von verwässert und totreformuliert.

EDIT: Diesen Kommentar habe ich ursprünglich zur Version von 1989 gepostet, da ich meinte, dass es sich um diese handelt (Flakon sieht aus wie der dort abgebildete). Es ist aber wohl die aktuelle Variante, die nur nicht so aussieht wie hier auf dem Foto. Danke für den Hinweis, J.!


23.02.2019 20:30 Uhr
26 Auszeichnungen
Diese Woche ist Karl Lagerfeld gestorben. In Blogbeiträgen und einem Kommentar wurde hier schon alles gesagt, trotzdem habe ich das Gefühl, auch noch meinen Senf dazu geben zu müssen. Karl Lagerfeld war eine Marke, wie meine Oma sagen würde. Für mich war er so ziemlich der coolste alte Mann, der auf diesem Planeten herumlief. Sein pfeilschnelles Geplapper mit dem winzigen missingschen Akzent und dem leichten Lispeln, ein Koffer voller Allüren und ein hellwacher Geist machten ihn zu einer sympathischen, schrulligen, einschüchternden und liebenswerten Diva. Fachlich als Designer bei Chanel war er sicher immens talentiert, mir fehlt nur leider gänzlich das Wissen, um seine Arbeit beurteilen zu können. Immerhin habe ich einmal ein Paar Unterhosen seines Labels Karl Lagerfeld besessen, die waren allerdings immer einen Tick zu eng und unbequem. Ganz passend eigentlich.

Jetzt würde es sich natürlich anbieten, einen Duft zu kommentieren, der unter seinem Namen auf den Markt gebracht wurde. Ich hatte sogar schon drei davon im Schrank stehen: Chloé; Sun, Moon & Stars und Lagerfeld Classic. Alle drei durften jedoch schnell wieder weiterziehen, da es keiner von ihnen schaffte, den Funken der Begeisterung zu entzünden. Stattdessen möchte ich lieber einen Chanel-Duft beschreiben, der während seiner Zeit dort lanciert wurde: N°5 Eau Première.

N°5 Eau Première kam vor über zehn Jahren auf den Markt, um eine neue Generation anzufixen, ähnlich wie bei Guerlain mit Shalimar Parfum Initial. Dazu hat man versucht, eine hellere und luftigere Version des Originals in Eau-de-Parfum-Konzentration zu erschaffen. Und es ist gelungen.
Meine Referenz für N°5 ist das Eau de Toilette, das im Gegensatz zum weit verbreiteten EdP (80er Jahre) zu den originalen Konzentrationen aus den 20ern gehört: Es beginnt mit rauchigen, fließenden Aldehyden und wird schnell herb mit leicht grün-würzigen Untertönen von Vetiver. Seine Anziehung liegt für mich in den Aldehyden, die zwar anständig rauchen, dabei aber eine sagenhafte Feinheit besitzen und dadurch hochwertig und teuer wirken. Müsste ich N°5 EdT einem Genre zuordnen, wäre es eindeutig ein Chypre durch die herb-moosig-grüne Basis. Florale Noten sucht man vergebens, die sind vielleicht im puren Parfum oder im EdP zu finden.

Für das Eau Première hat N°5 nun komplett das Genre gewechselt. Von einem Chypreduft ist nichts mehr übrig. Vetiver steht zwar noch in der Pyramide gelistet, man ahnt ihn aber bestenfalls noch durch einen winzigen, herben Touch, der sich den Aldehyden entgegenstellt. Diese sind die Stars in Eau Première: Strahlend hell leuchtend, cremig und zart, befreit vom Rauch der 1920er Jahre schimmern sie wie pures Licht auf der Haut. Die wunderschöne Feinheit der originalen Aldehyde wurde beibehalten und um ein paar zitrische Facetten ergänzt. Der Duft wirkt unheimlich elegant und stilvoll, dabei aber nahbar und liebenswert. Unterlegt sind die sonnigen Aldehyde von einem eleganten, floralen Mix, den ich wie immer nicht auseinander klamüsern kann. Was den Verlauf betrifft, ist das Eau Première ganz die Mama, nämlich sehr linear. Was man am Anfang riecht, bleibt bis zum Schluss. Und der kommt ziemlich spät, die Haltbarkeit ist spitze, genau wie die Sillage.

Müsste ich wählen zwischen Original und Eau Première, die Wahl würde ohne Zögern auf letzteres fallen. Es wurde explizit für meine Generation geschaffen und dieses Ziel haben sie erreicht. Ich könnte mir vorstellen, dass N°5 eine ähnliche Faszination hervorgerufen hat, als es vor bald 100 Jahren lanciert wurde.

Verpackt ist Eau Première in der maximierten Version des originalen Parfum-Flakons, einem schlichten, geometrisch konstruierten Glasfläschchen mit gläsernem Stopfen, der der frühen Moderne entspringt und seine Eleganz durch Reduktion auf das Wesentliche erhält.

Gut gemacht, Chanel! Und tschüß, Karl.


22.02.2019 00:29 Uhr
27 Auszeichnungen
Mein letzter Kommentar zu einem Parfüm ist lange her. Der theoretische Teil der Bachelorarbeit war von Herbst letzten Jahres bis zum 14. Januar wichtiger als Duftbeschreibungen, wenn auch letztere um ein Vielfaches mehr Freude machen. Das kurze Zeitfenster bis zum praktischen Teil, das nicht mehr lange dauern wird, habe ich bislang lieber für Blogbeiträge zum Design von Flakons genutzt. Der erste Parfümkommentar dieses Jahres soll deshalb nicht irgendeinem Wässerchen gelten, sondern einem der ganz großen Klassiker, der blauen Stunde von Guerlain.

L’heure bleue kenne ich schon relativ lange, allerdings war unsere Bekanntschaft nur von sehr oberflächlicher Natur. Ein kurzes Kennenlernen auf einem Papierstreifen, bei Nägele & Strubell schnell auf die Hand gesprüht, tiefer ging unsere Beziehung bislang nicht. Deshalb habe ich auch bis vor kurzem nur ihre ersten Eindrücke gekannt und es versäumt, ihre tatsächliche Schönheit zu entdecken, die sich erst nach einigen Minuten entfaltet.

In der ersten Phase leuchten kurz Aldehyde und Hesperiden auf. Aldehyde sind wie so oft nicht in der Pyramide gelistet, doch sie sind definitiv vorhanden und lassen für wenige Momente einen angenehmen, altmodischen Rauch aufsteigen. Parallel mit den Aldehyden flirren ein paar sonnige Spritzer von Bergamotte durch die Luft.
Beides ist jedoch von kurzer Dauer und ein sehr prominenter Eindruck folgt auf das Intro: Gartennelke und Iris, sehr pudrig und sehr erdig, erblühen auf der Haut. Diese beiden dominieren den Duft in der Anfangsphase und sind bis in die Basis hinein noch wahrnehmbar. Wer L’heure bleue noch nicht testen konnte, kann hier Vanderbilt von Gloria Vanderbilt als Referenz zu Rate ziehen. Nach typischem 70er-Jahre-Grün taucht bei ihr ein ganz ähnlicher pudrig-erdiger Ton auf, der vielen ebenfalls aus Nuit de Noël oder Tabac Blond von Caron und Soir de Paris von Bourjois bekannt sein dürfte.

Und hier endete für gewöhnlich meine L’heure bleue-Erfahrung. Erst mit dem nagelneuen Souk-Flakon einer sehr netten Schwarzwälderin habe ich diesen Duft jetzt komplett kennengelernt und mich schockverliebt. Denn: Der schönste Teil folgt erst. Nach und nach durchdringt pure Guerlinade die erdigen Puderwolken. Wie ein warmes Licht im Nebel, dessen Schein langsam größer wird, leuchtet bernsteinfarben die Benzoe auf, harzig, heimelig und stark an Weihrauch erinnernd (oder ist Benzoe am Ende Weihrauch?). Eng verwoben mit der Benzoe ist dichte, unendlich warme Vanille. Diese lässt an Shalimar denken, das über zehn Jahre später entwickelt wurde, ebenfalls von Jacques Guerlain. In dieser Phase ist die Blaue Stunde für mich am Schönsten, wenn floral-gelbe Pudernoten und bernsteinfarbene Vanille-Benzoe Hand in Hand gehen und einen unfassbar liebenswerten Duft entstehen lassen. Ab und zu blitzt im warm-pudrigen Schein eine hellgrün-blumige Note auf, bei der es sich wahrscheinlich um das aufgeführte Veilchen handelt. So stark, wie es andere der Pyramide nach wahrnehmen, empfinde ich es aber bei weitem nicht. Nelke/Iris und Ambra regieren hier eindeutig, das Veilchen ist nur eine Randerscheinung.
Zum Ende werden die floralen Pudernoten weniger und die mittlerweile bräunlich-orange leuchtende, warme Ambra übernimmt komplett das Zepter.

Was ungefähr ab Einsetzen von Vanille und Benzoe geschieht, macht mich aus zwei Gründen sehr glücklich: Erstens riecht es phantastisch, zweitens habe ich endlich einen Ersatz für einen geliebten und leider eingestellten Duft gefunden. Das pure Parfum von Tosca (4711/Mäurer & Wirtz) ist einer meiner ganz großen Lieblinge und ich könnte täglich darin baden. Leider wird es schon lange nicht mehr produziert und die noch erhältlichen Versionen (EdP, EdT und EdC) versprühen nicht denselben Zauber. Zwar besitze ich mittlerweile vier kleine Flakons der puren Tosca, doch irgendwann werden auch diese aufgebraucht sein und ich brauche dringend Ersatz durch etwas, was es weiterhin zu kaufen gibt. Und hier kommt Guerlains L’heure bleue ins Spiel. Zwar sind die Unterschiede da und nicht klein, doch das Gefühl, das beide vermitteln, ist ähnlich. Tosca besitzt bedeutend mehr rauchige, dunkle Aldehyde als die Blaue Stunde, welche dafür viel erdig-pudriger und gelb duftet. Sobald sich aber Puder bzw. Aldehyde legen und das leuchtende Bernsteinherz zum Vorschein kommt, sind sich beide sehr ähnlich und verströmen die gleiche Art von Magie. Im Vergleich muss ich allerdings sagen, dass L’heure bleue etwas weniger Dichte besitzt als Tosca. Mein ältester Flakon davon stammt aus den 50er Jahren. In dieser Version hat das Parfüm eine derartige Tiefe, dass man darin versinken und nicht mehr auftauchen könnte. Allerdings ist das möglicherweise den unterschiedlichen Konzentrationen geschuldet und das Extrait der L’heure bleue ist vielleicht genauso dicht und tief wie das Tosca Parfum. Um den kompletten Vintage-Tosca-Effekt zu bekommen, habe ich mir jetzt das Tosca-Duschgel besorgt und sprühe mir nach dem Abtrocknen großzügig die Blaue Stunde auf. Traum…

Aber genug jetzt der Vergleiche. Die Sillage ist relativ hautnah, bei Bewegung und Wärme macht sie sich allerdings gut bemerkbar, die Haltbarkeit ist gut. Ein winziger Kritikpunkt ist für mich, dass sie gerne noch ein kleines bisschen dichter sein könnte. Manchmal fühlt es sich an, als wären die Bestandteile nicht ganz vermischt, sondern würden wie kleine Blöcke nebeneinander stehen. Von Experten wie Dariush Alavi habe ich mittlerweile gelesen, dass die aktuelle Version von Thierry Wasser eine bedeutende Verbesserung zu den vorangehenden Versionen darstellen soll. Wie auch Mitsouko hat L'heure bleue wohl eine Art Verjüngung durchlaufen und lässt ihre Bestandteile neu erstrahlen.

Flakon: L’heure bleue duftet nicht nur umwerfend, sie kommt auch in einer phantastischen Verpackung daher. Ihr Flakon ist ein typischer Vertreter des Jugendstils und transportiert den Charme dieser Ära gekonnt in unsere Zeit. Wohl aus Kostengründen wurde Mitsouko nach dem ersten Weltkrieg in denselben Flakons abgefüllt und im neuen Jahrtausend fanden La Petite Robe Noire und Vol de Nuit Evasion ihr Zuhause darin. Ziemlich bald werde ich diesem Art-Nouveau-Flakon wahrscheinlich einen extra Blogbeitrag widmen.

L’heure bleue ist für mich äußerlich wie innerlich nahezu perfekt gelungen und ein absolutes Gesamtkunstwerk. Bin ich froh, dass sie endlich in mein Leben eingezogen ist und wir uns anständig kennen gelernt haben! Sie ist mit Sicherheit jetzt schon eine meiner liebsten (und ältesten) „Neuentdeckungen“ dieses Jahres und wird höchstwahrscheinlich einen dauerhaften Pfeiler meiner Sammlung darstellen.


27.09.2018 22:40 Uhr
18 Auszeichnungen
Zu „Ma Griffe“ habe ich leider keinen Bezug aus dem realen Leben, er begegnete mir zuerst auf Parfumo. Auf eBay ist er glücklicherweise recht günstig zu finden, so ging ich irgendwann im Frühjahr als Miss-Dior-Fan das Risiko des Blindkaufs ein und ein verschweißter, als „vintage“ titulierter Flakon flatterte zu mir ins Haus. Wie alt er tatsächlich ist, kann ich nicht sagen, die Flasche entspricht aber nicht der, die bei der 2013er Variante abgebildet ist, sondern ist altmodisch aus Dreiecken zusammengesetzt, gekrönt von einem dunkelgrünen Deckel.
Zum Duft:
Ma Griff eröffnet grasgrün und ein wenig säuerlich-frisch. Welche grünen Bestandteile man genau riecht, kann ich nicht herausfiltern. Auf dieses satte Grün tröpfeln ein paar Aldehyde, die schnell wieder verdampfen. Der Eindruck ist pudrig, trocken und nur minimal floral. Würde es heute auf den Markt kommen, wäre Ma Griffe sicher ein Unisexparfüm, wenn nicht sogar eines, das nur in den Männerregalen steht.
Wenn sich die Frische legt, dreht sich der Carven ein wenig und in mir entstehen leicht unangenehme Assoziationen: er erinnert an den Geruch, den man in der Nase hat, wenn man sich den Kopf so richtig böse anstößt, etwas bitter und irgendwie dumpf. Von Dauer ist diese Phase netterweise nicht und alle Noten pendeln sich nach und nach ein, bleiben angenehm grün und behalten etwas von der Bitterkeit (olfaktorisch gesprochen). Ich könnte mir vorstellen, dass der Balmain'sche „Vent Vert“ ganz ähnlich gerochen haben mag, bevor er Anfang der 90er Jahre reformuliert wurde, da er viel kräftiger und auf altmodischere Weise nach Grün riecht als der ziemlich blumige grüne Wind. „Vent Vert“ entstand schon ein Jahr nach „Ma Griffe“, gleichzeitig mit Miss Dior (1947). Letztere waren beide Kreationen von Jean Carles, „Vent Vert“ und der verwandte „Bandit“ (1944) aus dem Hause Robert Piguet wurden von Germaine Cellier gebraut. Alle vier sind sich ähnlich, wobei „Bandit“ in die würzige Richtung geht, „Vent Vert“ (in der 90er-Jahre-Fassung) sehr zart und unauffällig blumig daher kommt, „Ma Griffe“ ziemlich trocken bleibt und „Miss Dior“ mit viel Galbanum an das Erbe „Vol de Nuits“ von Guerlain anknüpft, ergänzt um kräftigen Salbei. „Femme“ von Rochas (1945) kann man garantiert auch in Beziehung zu den vier Grünen stellen, mit ihr habe ich mich nur noch nicht richtig beschäftigt. Diese Chypre-Generation der 40er Jahre sind die Eltern der würzigen Chypres ab Ende der 50er Jahre, man denke an Aramis, Cabochard, Aliage und wie sie alle heißen.
Eichenmoos will meine Nase hier übrigens nicht so richtig bemerken, was gar nicht so traurig ist.
Mal sehen, wie es mit uns weitergeht, interessant und ungewöhnlich ist Ma Griffe auf alle Fälle.


24.09.2018 23:14 Uhr
16 Auszeichnungen
Mon Guerlain ist mir zu einer Zeit begegnet, als es die Industrie wirklich sehr darauf anlegte. Anfang dieses Jahres waren die Parfümerien voll davon, überall standen extra Tische mit dem neuen rosa Zuwachs und seinem floralen Geschwisterchen. Es wurden Proben und besprühte Stoffbänder verteilt und mit bedufteten Guerlain-Fächern der möglichen Kundschaft hinterher gewedelt. Sooo gerne hätte ich einen der papiernen Windmacher gehabt, aber da war nix zu machen. Jedenfalls fruchtete die olfaktorische Dauerbeschallung tatsächlich bei mir. Mon Guerlain macht es einem auch sehr einfach, ihn zu mögen:
Er eröffnet minimal zitrisch mit der Bergamotte. Gleichzeitig steigt aber schon ein Schleier modern anmutenden Lavendels in die Nase, durch den sehr schnell die warme Vanille der Basis hindurch scheint. Diese Kombination aus Lavendel und süßer, kuschliger Vanille ist selbstverständlich weder anspruchsvoll noch besonders interessant, sie erreicht aber zweifelsohne die beabsichtigte Wirkung, nämlich dass man den Duft in Windeseile ins Herz schließt. Verändern tut er sich über die Zeit nicht bedeutend, er klingt einfach langsam aus.
Dass süße Vanille im frühen 21. Jahrhundert en Masse verwendet wird, um Düfte einfacher zugänglich (und käuflich) zu machen, ist nichts Neues. Dass Guerlain zu diesem Mittel greift, ist allerdings ungewöhnlich. Im Gegensatz zu anderen Werken aus der traditionellsten aller Parfümschmieden kommt beim ersten Riechen nicht der Guerlain-Effekt. Vielmehr wirkt er wie das Kuckuckskind einer beliebigen Duftmarke, das zufällig ins oktogonale Extraitfläschchen geplumpst ist. Wahrscheinlich sind solche Mittel den Massenmarkt zu erobern aber notwendig, um die duftende Denkmalpflege der Jickys und Mitsoukos weiterhin finanzieren zu können.
Nichtsdestotrotz ist er auf seine simple Art sehr schön und sorgt für viele zufriedene Momente. Ungefähr so wie Frollein Fischers „Atemlos“ bei einer langen Autofahrt mit guten Freunden, die sonst auch anspruchsvollere Dinge hören.


21.09.2018 23:58 Uhr
14 Auszeichnungen
Teint de Neige fand auf zwei Wegen zu mir:
1. In einer Parfümerie in Salzburg – bei einem Stadtbummel habe ich unter Aufsicht einer aufmerksamen Verkäuferin in den exklusiven Nischenregalen einer zweistöckigen Parfümerie gestöbert. Mein eigentliches Ziel waren die hellblauen Wunder von Dr. Gritti, aber die Dame wies mir auch ihre persönliche Empfehlung, das Schneeweißchen aus dem Hause Villoresi. Es gefiel mir auf dem Papierstreifen ganz gut und sie füllte mir freundlicherweise eine Phiole davon ab. Leider ging diese schnell zwischen den zahllosen anderen Abfüllungen unter und ich hatte sie bis vorgestern nicht mehr angetastet.
2. Borotalco – seit einiger Zeit schätze ich die Deodorants von "Borotalco" sehr und habe mich in den Duft des dazugehörigen Duschgels verliebt. Auf der Suche nach einem ähnlichen Parfüm, auch hier im Forum, bin ich auf Teint de Neige gestoßen. Was für eine nette Überraschung, hatte ich doch die Abfüllung davon schon in der Schachtel unterm Bett liegen.

Vorgestern und heute Abend trug ich den TdN dann zum Schlafengehen und notiere nun meine Eindrücke, umgeben von einer pudrigen Wolke, die der Lorenzo während unserer ersten gemeinsamen Nacht in den Laken hinterlassen hat.

Der Verlauf von Teint de Neige hat für mich zwei Stadien:
Im Ersten wird man fast von Aldehyden erschlagen. Diese übertönen lange Zeit alle anderen Ingredienzien und riechen metallisch, rauchig und marzipanig – ganz in der Manier aldehydschwangerer Parfüms der 20er Jahre wie Chanel N5 oder Arpège. Dadurch entsteht der Eindruck eines beinah historischen Werks, das auch locker 80 Jahre zuvor hätte entstehen können.
Ganz langsam ebben sie aber ab und wir nähern uns Stadium 2: dem Borotalco-Traum. Wahnsinnig gefälliger Puder steigt in die Nase, sauberer Moschus und sanfte, pastellfarbene Blüten. Ein Duft wie eine liebevolle Umarmung, eine samtig-weiche Wolke puren Glücks. Einen ganz ähnlichen Effekt hat Mon Guerlain auf mich, wenn auch die beiden absolut nichts gemeinsam haben.
Nun kann ich auch Amy Farrah-Fowler aus „The Big Bang Theory“ besser verstehen, auf die der Geruch von Sheldons Körperpuder eine fast schon aphrodisierende Wirkung hat.
Meinen Borotalco-Duft habe ich somit gefunden, Stadium 2 ist tatsächlich der italienische Puderklassiker höchstpersönlich. Wie es mit uns weitergehen wird, werden wir sehen, momentan genügt die Abfüllung. Doch wer weiß, vielleicht zieht Signore Villoresi künftig bei mir ein, wenn er weiterhin so schön für kuschlige Wohligkeit sorgt.


15.09.2018 00:44 Uhr
13 Auszeichnungen
Diorama ist ein ungeplanter Zuwachs zu meiner Sammlung, plötzlich war er da. Er begegnete mir in der Damstraat in Amsterdam, mitten im Gewusel aus lärmenden Touristen. Es war Anfang dieses Septembers, ein wechselhafter Tag, erst schüttete es wie aus Kübeln, dann blitzte wieder die Sonne hinter den Wolken hervor, um eine Stunde später wieder dem Regenwetter zu weichen. Während eines längeren Schauers flüchtete ich vor den Schwällen aus Wasser und Partyurlaubern in eine kleine Parfümerie.
Es war ein merkwürdiges Erlebnis aus zwei Gründen. Erstens: ich hatte sie bereits auf YouTube gesehen, als Arlene von "Delicious Delights" dort ein paar Düfte getestet hatte. Zweitens: es ist die Art von Parfümerie, die meine Generation kaum mehr kennt, denn es gibt keine Regalreihen, durch die man hindurch spazieren und nach Lust und Laune Parfüms gustieren kann. Nein, es ist vielmehr ein Geschäft mit großer Freifläche in der Mitte und einem langen Verkaufstresen rundherum, hinter dem die Flakons von den Verkäufern gehütet werden und nur auf Anfrage probiert werden können.
Normalerweise hätte mich diese Situation gleich wieder vertrieben, doch die Angebote im Schaufenster waren zu verlockend: "Calandre" von Paco Rabanne, die originale "Chloé" aus den 70ern und weitere Klassiker, die man selten vor die Nase bekommt, zogen mich unaufhaltsam naar binnen.
Schnell nahm sich ein freundlicher Herr von Ende vierzig meiner an und gab mir alles zu Testen, was mein Herz begehrte: Bandit von Robert Piguet (uhhh, irgendwie nix für mich), Karl Lagerfelds Chloé, Calandre, Rochas Femme, Je Reviens von Worth und und und ... Ich war im siebten Himmel, besonders, als mir ganz unten die exklusive Reihe von „Les Creations de Monsieur Dior“ ins Auge fiel. War das Orangene am Rand tatsächlich "Diorama"? Der Dior, den man in Deutschland so gut wie nirgends zu kaufen, geschweige denn zu testen bekommt? Genial.
Der nette Verkäufer sprühte etwas davon auf einen Streifen. Was war das? Den kannte ich doch! Eine vertraute Note von Maiglöckchen und Jasmin stieg mir in die Nase. Eindeutig "Diorissimo".
Verdutzt fragte ich ihn, ob er wirklich den richtigen Flakon erwischt hatte. Ja, hier stand es unmissverständlich zu lesen, es war Diorama. Schließlich schob ich es auf meine überforderte Nase und beschloss, ihn trotz finanziellen Engpasses mitzunehmen, schließlich handelte es sich hier quasi um einen Schatz, den ich unverhofft zwischen Dam und Voorburgwal gehoben hatte.
Zurück in Deutschland packte ich ihn tags darauf aus und sprühte ihn in Ruhe auf die Haut, wie es sich eigentlich schon in Amsterdam gehört hätte. Und wieder kam der bekannte Diorissimo-Ton von Maiglöckchen und Jasmin zum Vorschein, diesmal jedoch ergänzt um kräftigen Kümmel. Gott sei Dank, es war nicht irgendwie falsch abgefüllt, es war doch ein eigener Duft. Mit der Zeit wurde er etwas vielfältig-blumiger und ganz leicht fruchtig, was wohl vom Pfirsich kommt. Das Ganze behielt aber die Leichtigkeit von Diorissimo bei und wurde nie tiefer oder dunkler.
Langsam machte sich Enttäuschung breit. Nicht, weil das Parfüm schlecht wäre, nein, es ist ein sehr schöner, strahlender Duft, sondern weil ich etwas komplett anderes erwartet hatte. Keine 40er-Jahre-Tiefe, keine Pflaumen und Rosen, keine weiß gepuderten Gesichter und Blumenmassen, keine luftigere Mitsouko. Wahrscheinlich liegt es an meinem Riechorgan, dass ich ihn anders wahrnehme als andere.
Jedenfalls habe ich beschlossen, ihm eine neue Chance in einer neuen Sammlung zu geben und ihn in die unendlichen Weiten des Souk entlassen. Hoffentlich findet er bald in einem neuen Heim mehr Wertschätzung. Mit Diorissimo im Schrank ist es für mich persönlich sinnlos, Diorama ebenfalls zu besitzen, wo ihn meine Nase beinah als Duftzwilling plus Kümmel empfindet. Tot ziens, Diorama, het was heel leuk om jou te hebben.


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