FabistinktFabistinkts Parfumkommentare

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Fabistinkt vor 9 Monaten 20
9
Duft
9
Haltbarkeit
6
Sillage
9
Flakon

Scherben bringen Glück
Es begann im Souk. Chanel N°5, das pure Parfum, 7 ml, ungeöffnet, erschwinglich. Sogar vintage! Ich kaufte es blind, sagte mir die Erfahrung doch, dass mein trocken-würziges EdT noch nicht das höchste der Gefühle sein konnte - im Extrait würden bestimmt noch weitere Wunder warten. Das Päckchen kam und ich nahm den Flakon aus der leicht vergilbten Plastikschachtel. Der schwarze Faden war noch um Hals und Stopfen geschlungen. Vorsichtig zerschnitt ich ihn. War das richtig so? Mir fehlt gänzlich die Routine beim Öffnen von Chanel Extraits. Und jetzt der Kristalldeckel. Er fühlte sich fester an als der dünnwandige Flakon. Herausziehen ging nicht. Ich versuchte, ihn zu drehen. Auch das ging nicht. War da im Laufe der Jahre Parfum zwischen Stopfen und Flaschenhals geraten, das jetzt das Ganze zusammenklebte? Ich erhöhte den Druck.
Krrrrrrrrrrrrk. Verdammt. Mir rann das kostbare Nass über die Hand. Die komplette obere Seite des zarten Fläschchens war abgebrochen und in sich, vom Hals ausgehend, auseinandergekracht. Ruhig Blut. Das Meiste war noch in der unteren Hälfte des Flakons gefasst. Was tun damit? Vorsichtig balancierte ich die Trümmer in die Küche. Noch vorsichtiger stellte ich die teure Ruine am Spülbecken ab. Mit jeder Bewegung lief bernsteinfarbenes Parfum heraus. Wohin damit? Ich erinnerte mich an meinen Bleiglasflakon vom Meraner Flohmarkt. Viel zu groß, aber unbenutzt und leer. Abfülltrichter geholt und vorsichtig hineingeträufelt. Wieder ging Flüssigkeit verloren, doch alles in allem dürften 3-4 von den ursprünglich 7 Millilitern gerettet sein. Da ich mir nicht sicher bin, wie dicht der Glaspfropfen des Flohmarktstücks hält, werde ich den Duft in nächster Zeit einfach regelmäßig benutzen, bevor alles verdampft. Gezwungen zum Luxus - es könnte mich durchaus schlimmer treffen.

Der Duft

Haupteindruck: Aldehyde, rauchig und wächsern. Präsent von Anfang bis fast zum Ende. Ganz leicht herb durch eine edle Rose mit einem Hauch von Vetiver. Es herrscht eine perfekte Balance zwischen allen Inhaltsstoffen, nichts sticht hervor. Trotz der Distanz und emotionalen Kühle, die er verströmt, ist eine gewisse Nahbarkeit vorhanden. Der Kerzenrauch ist sehr dicht und pudrig. Fast hat man das Gefühl, man könnte ihn anfassen und mit den Fingern verreiben. Der gesamte Eindruck ist extrem hochwertig. Man spürt, dass man Qualität unter der Nase hat, daher auch Null Kopfschmerzgefahr. Eine Sillage ist nur gering ausgeprägt, das Dufterleben bleibt intim und wird niemals laut. Wenn sich das Parfum setzt, werden die Aldehyde heller und schlagen eine sauber-orangeflorale Richtung ein, sodass die Verwandtschaft mit den seifig-strahlenden Kindern aus den 60ern und 70ern deutlich wird.

Der Vergleich

Parfum und Eau de Toilette sind die originalen Konzentrationen, in denen N°5 lanciert wurde. Wie so oft beim Verhältnis von Extrait zu niedriger Konzentration ist auch hier das EdT einfacher zu lesen und einzelne Noten sind besser erkennbar. Es ist leichter, die Aldehyde sind luftiger und durch trockenen Vetiver kratzt es an der Grenze zum Chypre. Leider sind die Noten untereinander nicht gut ausgewogen und der Vetiver ist immer negativ herauszuhören. Im Parfum dagegen sind alle Noten in perfekter Balance dicht verwoben und bilden ein harmonisches Gesamtkunstwerk. Eine minimale Bitterkeit sorgt dabei genau für den richtigen Kontrast, damit es nicht in Kitsch abdriftet. Als Parfum hat N°5 auf Anhieb mein Herz erobert, während mir beim EdT der würzige Vetiver zu laut ist.

Zur allgemeinen Einordnung kann ich endlich meine geliebte Tosca von 4711 in Extraitkonzentration in den Kommentar schmuggeln. Sie ist gleich alt wie N°5, hat genauso viele Aldehyde, war zeitweise sogar erfolgreicher im Verkauf und ist die wärmere, ambrierte Variante.
Die vielen künstlichen Aldehyde als dominante Duftnote waren damals wohl revolutionär und kamen den Vorlieben der Menschen sehr entgegen. Man liebte das Moderne, das Glänzende und Neue, schnelle Autos und Fernzüge, Stahl, Chrom, Edelmetall – sogar Holzmöbel wurden in den 20er-Jahren poliert und lackiert, um Chrom zu imitieren. Was passt dazu besser als ein Parfum, das eine chemische Verbindung als Hauptnote verwendet? Mit dem man quasi selbst Modernität und Synthetik verströmt, vielleicht sogar selbst nach Rauch aus einer schnellen Dampflok oder einem Fabrikschornstein riecht?
Ich habe gelesen, dass Chanel N°5 nicht immer das selbe Prestige wie in den letzten Jahrzehnten genossen hat. Um den Krieg herum soll ihm schon einmal der Ruf von Bückware vorausgeeilt sein. Seine Popularität stieg in den 50ern wieder an, als im westlichen Kulturkreis so gut wie alles Pariserische verehrt wurde. Marilyn dürfte mit ihrem berühmten Ausspruch ihr Übriges getan haben. Es ist möglich, dass die zahllosen Aldehyddüfte von Häusern wie Hermes und YSL der folgenden zwei Jahrzehnte Versuche darstellten, auch ein Stück vom parfümierten Kuchen ab zu bekommen, was den Trend von aldehydlastigen Chypredüften losgetreten haben könnte (Caleche, Calandre, Rive Gauche, First etc.). Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das Eau de Parfum, das schließlich in den 80ern entwickelt wurde, immer noch nicht richtig getestet habe.

Der Flakon

Passenderweise feiern wir dieses Jahr 100 Jahre Bauhaus und am Wochenende wurde sogar das Bauhausmuseum in Dessau eröffnet. Und im Kontext dieses Geistes ist der Flakon zu verorten: Er ist linear gestaltet ohne jegliche Verzierung, auf die Funktion reduziert und kann im Geschäft durch seine flache Form platzsparend aneinandergereiht werden, natürlich im ebenfalls flachen Karton. Ob Chanel tatsächlich die ersten waren, die derartige Flakons nutzten, weiß ich nicht. Wenn man sich auf Parfumo durch die frühen 1920er Jahre klickt, tauchen jede Menge eckiger Flakons mit großem Kristallstopfen bei unterschiedlichsten Häusern auf.

Gestern hat eine Parfuma, die ganz in der Nähe wohnt, mein EdT von N°5 gekauft. Es ist ihr Signaturduft, erhält bei ihr also die Wertschätzung, die ich ihm nicht entgegenbringen kann. Nach und nach wird mein Parfum weniger werden und ich werde jeden Tropfen genießen. Auf der Haut natürlich. Und vielleicht landet irgendwann wieder ein richtiger Flakon bei mir. Oder besser das Travelspray, das ist nicht so schnell kaputt zu kriegen.
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Fabistinkt vor 13 Monaten 27

Gonna Take a Sentimental Journey
Heute Abend nach der Vorlesung sitze ich im Auto, es ist kurz vor sieben, die Bayern1-Stimme kündigt die Nachrichten an. Erst eine kurze Übersicht, bevor sie dann einzeln vorgelesen werden. Was war das, Hollywood-Schauspielerin gestorben? Ich hatte nicht richtig hingehört, auf der Straße ist einiges los. Jetzt die eigentliche Meldung, Hollywood-Schauspielerin und Sängerin Doris Day ist heute im Alter von 97 Jahren gestorben. Ich hatte mich nicht verhört. Oh je. Doris Day war irgendwie eine feste Größe, einfach immer da, wie die Queen. Jedes Weihnachten schallt zuverlässig ihr „Winter Wonderland“ aus den Lautsprechern, genau wie ihr Duett „Baby it’s cold outside“ mit Dean Martin.

„Dream a little dream of me“, „Que sera sera“, „Sentimental Journey“ – die Liste ihrer Klassiker lässt sich noch ziemlich lange fortführen. Sie stammen fast alle aus den 40er und 50er Jahren, in denen ihre Film- und Gesangskarriere so richtig Fahrt aufgenommen hatte. Das muss man sich einmal vorstellen, sie musste 1937 als 14jährige unfallbedingt ihren Traum vom Tanzen aufgeben und hatte stattdessen ab 1939 ihre Laufbahn als Sängerin und später als Schauspielerin eingeschlagen. Und dabei drehte sie nicht irgendwelche Filme, sie stand mit Größen wie Cary Grant und Ginger Rogers vor der Kamera – Namen, die zu einer längst vergangenen Zeit gehören, in der jedem noch die große Depression in den Knochen steckte und es erst seit wenigen Jahren Tonfilme gab. Doris Day war eine Zeitzeugin und Akteurin dieser Ära und hatte bis gestern die lebendige Erinnerung daran in sich getragen. Und jetzt ist sie tot.

Als Retro-Parfumjunkie stellt sich mir da natürlich nach dem ersten Schock die Frage: Hmm, was könnte die gute Frau denn getragen haben? Wie roch eine Dame wie Doris Day? Wenn ich mir durchlese, welche Filme sie gedreht hat (Hitchcocks „Mitternachtsspitzen“ zum Beispiel), frage ich mich, woher in aller Welt das Bild stammt, das ich von ihr habe. In meiner Erinnerung ist sie irgendwie die gut gelaunte Sauberfrau aus den 50er Jahren, die singend durch die Küche tanzt, während draußen die Disney-Vögel auf dem Fensterbrett zwitschern. Und zu dieser Frau gibt es kaum einen passenderen Duft als L’air du Temps. Er entstand im Jahr 1948, genau wie Days erster Film „Zaubernächte in Rio“. Er ist floral und fröhlich, hat einen unschuldigen Charme und duftet nicht nur sauber, sondern rein. Eine zarte Nelke, kaum würzig, vielmehr elegant, perfekt repräsentiert durch die hellgelbe Farbe des Duftes.

Mein Vintage-Flakon des puren Parfums ist flach, wird durch einen annähernd kugelförmigen Glasstopfen verschlossen und liegt in einer gelben Schachtel, die nach oben aufklappbar ist. Die legendären Friedenstauben, die passend für einen Duft aus der unmittelbaren Nachkriegszeit die Flakons von L’air du Temps zieren, sind bei meinem Fläschchen vorn flächig auf dem Bauch angebracht und nicht auf dem Deckel. Da ich auch schon das aktuelle Eau de Toilette besessen habe, kann ich sagen, dass L’air du Temps die Jahre wohl ohne größere Schäden, auch bekannt als Reformulierungen, überdauert hat. Das neue Eau de Toilette ist unverkennbar derselbe Duft wie der in meinem alten Flakon des puren Parfums. Ich bin froh, dass ein Schätzchen, das es nun seit über 70 Jahren gibt, immer noch produziert und verkauft wird.
Jetzt tupfe ich mir ein paar Tröpfchen davon auf den Arm, für Doris.
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Fabistinkt vor 14 Monaten 19
9.5
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Rotgoldenes Guerlinaden-Leder
Es ist höchste Zeit, endlich einen Kommentar zu meinem Habit Rouge zu schreiben. „Meins“ deshalb, weil es zu den allerersten Düften gehört, mit denen um 2010 herum meine Duftleidenschaft begonnen hatte. Auf Sir Irisch Moos und Old Spice folgten irgendwann Concentrè d’orange verte von Hermès und Habit Rouge. Irisch Moos war mir positiv an einem Klassenkameraden aufgefallen, an dem es aber weniger billig und seifig gerochen hatte als schließlich an mir selbst. Auf Concentrè d’orange verte, Old Spice und Habit Rouge stieß ich dann durch Katie Puckrik, über deren Videos ich zufällig auf YouTube gestolpert war. Sie beschrieb Habit Rouge als „… about as light as I go - this is my idea of a summer fragrance.“ So light fand ich ihn dann gar nicht, als ich ihn im Heilbronner Douglasregal entdeckt hatte. Vielmehr warm, rund und enorm vertraut. Woher weiß ich leider nicht, aber ich musste Habit Rouge bereits gekannt haben und es war wie das Wiedersehen mit einem alten Freund. Den roten Frack trug ich dann auch konstant über Jahre hinweg, allerdings sparsam, sodass ich immer noch einen kleinen Rest im ersten Flakon von 2011 habe. Letztes Jahr dann brauchten wir beiden eine Pause, bis aktuell ein frisches Fläschchen davon bei mir eingezogen ist.

Zum Duft:
HR ist nicht ganz einfach einzuordnen. Keine einzelne Note steht auf dem Präsentierteller und sagt „Hey, das ist ein Lederduft!“. Vielmehr ist Habit Rouge ein Gesamtkunstwerk. Ein wärmendes und gleichzeitig erfrischendes, dunkelrot umarmendes Gefühl von klassischer Eleganz und vertrauter Intimität.
Trotzdem möchte ich auseinanderklamüsern, was meine Nase in dem roten Wölkchen Glück erkennt:
Die Basis von Habit Rouge besteht Guerlain-typisch aus Vanille und Benzoe und rückt ihn in die orientalische Ecke. Wegen dieser dunklen Vanille wird es auch gern als das Shalimar für den Herren bezeichnet, was ich nicht ganz nachvollziehen kann. Die beiden sind schon sehr unterschiedlich. Die Vanille kommt auch nie allein zum Vorschein, sie ist fest mit den Bestandteilen der nächsten Etage verwoben, nämlich Leder, Orange und Rose. Das Leder ist keines von der modernen Tom-Fordigen Sorte, deshalb mögen es manche auch vergeblich in Habit Rouge suchen. Es ist vielmehr ein traditionelles Juchtenleder/Cuir de Russie, von Orange und etwas Patchouli auf Körpertemperatur erwärmt und mit Rose verfeinert. Ganz obenauf tanzt eine saftige Zitrone, die beim Aufsprühen den Eindruck erstmal dominiert. Allerdings ist sie nicht frisch, spritzig und sonnig, sondern trägt bereits die ledrig-rosige Wärme in sich und leuchtet eher golden als gelb-grün.
Man merkt wahrscheinlich, dass mir Habit Rouge ziemlich am Herzen liegt, doch er hat auch ganz praktische Seiten: Er ist schlicht und einfach der ideale Allrounder. Man ist grundsätzlich perfekt damit angezogen, egal ob in der Arbeit, im Theater, bei einem Date, im Sport oder beim Schäfchenzählen. Erfrischend orangig im Sommer und wärmend kuschlig im Winter.
Wenn ich meine Version von 2011 mit der aktuellen vergleiche, so gibt es minimale Unterschiede. Mir kommt vor, als hätte die Zitrone mehr Kraft als früher und irgendeine Kleinigkeit im Kern ist anders, ich kann aber nicht mit dem Finger darauf zeigen. Es ist ungefähr so, als wäre das Eau de Toilette einen Schritt näher in die Richtung des modernen Eau de Parfums gerückt und hätte einen (verschwindend kleinen) Teil seiner Tiefe dabei eingebüßt. Oder mein altes Habit Rouge ist über die Jahre nachgereift wie ein guter Wein.
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Fabistinkt vor 14 Monaten 12
8
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
7
Flakon

Aggressive Eleganz
Madame Rochas ist als Blindtausch zu mir gewandert. Als ein Produkt der frühen 60er Jahre mit einer sehr vertrauten Pyramide schien sie mir schon ungerochen sympathisch, bin ich doch ein großer Fan von Calèche, das ganz ähnlich gestrickt ist. Eine sehr liebe Münchnerin bot Madame schließlich im Souk an und ich schlug zu. Zwei Überraschungen folgten.

Die gute: Großzügigerweise hatte die Parfuma gleich einen ganzen Flakon Rochas Femme beigelegt, die schon länger auf meiner Wunschliste stand.

Die weniger gute: Madame und ich hatten Startschwierigkeiten. Der erste Eindruck war noch positiv und fiel genauso aus wie erwartet: Helle Aldehyde, wie sie in den 60er und 70er Jahren in Mode waren (Calèche, Rive Gauche, Calandre, Van Cleef & Arpels First etc.). Seifig-cremiger als noch in der Generation vorher, die wahre Rauchbomben sein konnten und mit einer großen Strahlkraft. Die Kombination aus diesen Aldehyden und den sonnigen Orangenblüten, mit denen sie verwoben sind, ist enorm gefällig.
Nun zum weniger guten Teil: Auf den zweiten Riecher kommt das Fundament zum Vorschein, auf dem Aldehyde und Orangenblüten tanzen. Es ist eine klassische Chyprebasis, was per se weder gut noch schlecht ist. Allerdings gehört das enthaltene Eichenmoos zur kratzig-trockenen Sorte. Eichenmoos kann wunderschön sein und im richtigen Maß einen perfekten herben Gegenpart für Blumen oder ähnliches darstellen. Oder es kann einem den Atem nehmen. So schlimm ist es bei Madame natürlich nicht, doch mir kommt es vor, als würde es darin unnötig gepusht. So entsteht insgesamt ein sehr eleganter Duft, der eine große Energie, Schärfe und Strahlkraft besitzt. Ich würde es als beinah aggressive Eleganz beschreiben. Etwas, was vielleicht Anna Wintour frühmorgens vor der Arbeit aufsprüht, um dann bis spät in die Nacht ihre Assistentinnen durch die Redaktion der Vogue zu scheuchen.
Madame und ich werden wohl nicht mehr so recht warm miteinander. Ersatz ist schon auf dem Weg, die jüngere Schwester aus dem Hause Rabanne mit dem glänzenden Kühlergrill.
Wem Madame aber eindeutig zusagen sollte, sind all diejenigen, die Reformulierungen alter Klassiker betrauern. Diese Madame scheint mir kräftig und ausdrucksstark wie eh und je zu sein, weit entfernt von verwässert und totreformuliert.

EDIT: Diesen Kommentar habe ich ursprünglich zur Version von 1989 gepostet, da ich meinte, dass es sich um diese handelt (Flakon sieht aus wie der dort abgebildete). Es ist aber wohl die aktuelle Variante, die nur nicht so aussieht wie hier auf dem Foto. Danke für den Hinweis, J.!
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Fabistinkt vor 15 Monaten 27
10
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
9
Flakon

Perlende Aldehyde im Sonnenlicht
Diese Woche ist Karl Lagerfeld gestorben. In Blogbeiträgen und einem Kommentar wurde hier schon alles gesagt, trotzdem habe ich das Gefühl, auch noch meinen Senf dazu geben zu müssen. Karl Lagerfeld war eine Marke, wie meine Oma sagen würde. Für mich war er so ziemlich der coolste alte Mann, der auf diesem Planeten herumlief. Sein pfeilschnelles Geplapper mit dem winzigen missingschen Akzent und dem leichten Lispeln, ein Koffer voller Allüren und ein hellwacher Geist machten ihn zu einer sympathischen, schrulligen, einschüchternden und liebenswerten Diva. Fachlich als Designer bei Chanel war er sicher immens talentiert, mir fehlt nur leider gänzlich das Wissen, um seine Arbeit beurteilen zu können. Immerhin habe ich einmal ein Paar Unterhosen seines Labels Karl Lagerfeld besessen, die waren allerdings immer einen Tick zu eng und unbequem. Ganz passend eigentlich.

Jetzt würde es sich natürlich anbieten, einen Duft zu kommentieren, der unter seinem Namen auf den Markt gebracht wurde. Ich hatte sogar schon drei davon im Schrank stehen: Chloé; Sun, Moon & Stars und Lagerfeld Classic. Alle drei durften jedoch schnell wieder weiterziehen, da es keiner von ihnen schaffte, den Funken der Begeisterung zu entzünden. Stattdessen möchte ich lieber einen Chanel-Duft beschreiben, der während seiner Zeit dort lanciert wurde: N°5 Eau Première.

N°5 Eau Première kam vor über zehn Jahren auf den Markt, um eine neue Generation anzufixen, ähnlich wie bei Guerlain mit Shalimar Parfum Initial. Dazu hat man versucht, eine hellere und luftigere Version des Originals in Eau-de-Parfum-Konzentration zu erschaffen. Und es ist gelungen.
Meine Referenz für N°5 ist das Eau de Toilette, das im Gegensatz zum weit verbreiteten EdP (80er Jahre) zu den originalen Konzentrationen aus den 20ern gehört: Es beginnt mit rauchigen, fließenden Aldehyden und wird schnell herb mit leicht grün-würzigen Untertönen von Vetiver. Seine Anziehung liegt für mich in den Aldehyden, die zwar anständig rauchen, dabei aber eine sagenhafte Feinheit besitzen und dadurch hochwertig und teuer wirken. Müsste ich N°5 EdT einem Genre zuordnen, wäre es eindeutig ein Chypre durch die herb-moosig-grüne Basis. Florale Noten sucht man vergebens, die sind vielleicht im puren Parfum oder im EdP zu finden.

Für das Eau Première hat N°5 nun komplett das Genre gewechselt. Von einem Chypreduft ist nichts mehr übrig. Vetiver steht zwar noch in der Pyramide gelistet, man ahnt ihn aber bestenfalls noch durch einen winzigen, herben Touch, der sich den Aldehyden entgegenstellt. Diese sind die Stars in Eau Première: Strahlend hell leuchtend, cremig und zart, befreit vom Rauch der 1920er Jahre schimmern sie wie pures Licht auf der Haut. Die wunderschöne Feinheit der originalen Aldehyde wurde beibehalten und um ein paar zitrische Facetten ergänzt. Der Duft wirkt unheimlich elegant und stilvoll, dabei aber nahbar und liebenswert. Unterlegt sind die sonnigen Aldehyde von einem eleganten, floralen Mix, den ich wie immer nicht auseinander klamüsern kann. Was den Verlauf betrifft, ist das Eau Première ganz die Mama, nämlich sehr linear. Was man am Anfang riecht, bleibt bis zum Schluss. Und der kommt ziemlich spät, die Haltbarkeit ist spitze, genau wie die Sillage.

Müsste ich wählen zwischen Original und Eau Première, die Wahl würde ohne Zögern auf letzteres fallen. Es wurde explizit für meine Generation geschaffen und dieses Ziel haben sie erreicht. Ich könnte mir vorstellen, dass N°5 eine ähnliche Faszination hervorgerufen hat, als es vor bald 100 Jahren lanciert wurde.

Verpackt ist Eau Première in der maximierten Version des originalen Parfum-Flakons, einem schlichten, geometrisch konstruierten Glasfläschchen mit gläsernem Stopfen, der der frühen Moderne entspringt und seine Eleganz durch Reduktion auf das Wesentliche erhält.

Gut gemacht, Chanel! Und tschüß, Karl.
8 Antworten

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