FirstFirsts Parfumkommentare

1 - 5 von 182
First vor 5 Tagen 12
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
7
Flakon

Zu Tale
Stellen wir uns einen Sommertag vor, einen Sommertag, an dem ich aufwache und feststelle: Ich bin in einer kleinen Pension. Alleinlage! Natur! Urlaub!
Nach dem Frühstück sehe ich mir die Umgebung an. Ich trete erwartungsvoll hinaus. Nur ein kleiner Rucksack ist mein Begleiter mit einer Wasserflasche, Geld, Sonnenbrille und Sonnencreme.
Es ist noch früh, aber die Sonne steht schon am Himmel. Ich sauge die Luft ein. Welche Blüten duften denn hier so herrlich hell, leicht und freundlich? Könnten das Freesien sein? Ich schaue mich um. Die kleine Pension hat einen großen, wohlkonzipierten Garten. Man sieht, dass er professionell angelegt wurde und sich weit nach links hinter das Haus erstreckt. Im Vordergrund blühen weiße Lilien vor frischem Buchsbaum. Sie duften und sehen wundervoll aus.
Den Garten kann ich später, wenn ich zurückkomme, noch genauer anschauen, denke ich, und wende mich dem kleinen Wanderpfad zu, der direkt am Haus beginnt. Kaum bin ich ein paar Meter gegangen, kommt ein süßlicher und leicht gammeliger Geruch in meine Nase. Schon sehe ich die Ursache: Ein Komposthaufen für den Gartenschnitt und offensichtlich auch für den zu entsorgenden Blumenschmuck der Pension. Hier welken die anfangs wahrgenommenen Freesien mit ihren glitschigen Blumenwasserstängeln auf allerlei anderem Verblühten und grünem Heckenschnitt. Ich gehe weiter. Der Geruch der vergehenden Blumensträuße und ihrem Wasser nimmt ab.

Als ich um die nächste Kurve biege, öffnet sich ein schöner Ausblick über weite Wiesen, zu denen sich der Weg harmonisch hinabschlängelt. Wohlgemut schlage ich ihn ein. Ich stelle fest, dass ich nun hinten an dem großen Garten vorbeikomme und erneut steigt mir der Duft von Blumen in die Nase, anderer Blumen. Nur welcher? Eigentlich riecht es nach Chrysanthemen. Aber ist es dafür nicht noch zu früh im Jahr? Nein, offensichtlich nicht. Eine riesengroße Anpflanzung sonnengelber, senfgelber, flieder- und magentafarbener Chrysanthemen erstrahlt unter dem blauen Himmel. Beeindruckend!

Nun entfernt sich der Weg von dem Garten, und schlängelt sich durch Wiesen hinab ins Tal. Der Chrysanthemenduft begleitet mich noch lange, aber ich merke auch, dass es hier unten immer feuchter wird. Ich schaue auf die Uhr: Wie schnell die Zeit vergeht! Ich bin schon fast eine Stunde unterwegs.
Um mich herum wird es nun immer sumpfiger. Rechts und links sehe ich die typischen braunen Pompesel der Rohrkolben und an anderen Stellen blühen sogar gelbe Sumpflilien. Erneut steigt auch ein Geruch nach Vergänglichkeit in meine Nase, diesmal jedoch anders: Es ist der typische Geruch von einem sumpfigen See, nicht erdig-modrig oder wirklich gammelig, sondern eben nach Wasserpflanzen in überwiegend stehendem Süßwasser.
Die Sonne steht nun hoch. Ich bin froh darüber. Gen Abend wird es hier mit Sicherheit Mücken geben.
Ich hole die Sonnencreme raus und creme mir die nackten Arme und die Schultern ein. Eine andere Sonnencreme nehme ich fürs Gesicht. Ich trinke etwas Wasser und lasse mich am See nieder. Es ist menschenleer. Von Ferne höre ich das leise und sanfte Plätschern eines Zuflusses oder Bächleins. Ab und zu platscht auch etwas ins Wasser. Sind das Frösche? Ich sehe nichts. Es raschelt. Kleine Lebewesen gehen wieder ihrer Wege, nachdem ich mich so still verhalte als sei ich nicht mehr da und ein leiser Windhauch streift meine Haut. Ich schließe die Augen und hänge meinen Gedanken nach.
Nun bin ich schon einige Stunden lang weg. Nicht mehr allzu lange und ich werde hungrig werden. Also beschließe ich umzukehren. Nun geht es leicht bergauf. Spontan schlage ich jedoch einen anderen Weg als den Hinweg ein. Er führt mich nicht wieder an dem Garten vorbei, sondern macht einen großen Bogen, um auf der anderen Seite der Pension wieder anzukommen. Noch sehr lange habe ich den Geruch des Süßwassers und der Flora unten am Teich in der Nase mit einem Hauch meiner Sonnencreme.
11 Antworten

First vor 17 Tagen 20
10
Duft
8
Haltbarkeit
6
Sillage
6
Flakon

Der Eichenmoos-Blues
Wenn mein Großonkel Paul bei jeder auch nur entfernt passenden Gelegenheit erwähnte, früher habe ein Ei einen Pfennig gekostet, verdrehten mein Bruder und ich die Augen. Unsere Eltern waren zu höflich dazu. Und später, wenn in unserer Familie irgendjemand einen Satz mit "Früher..." begann, fiel man ihm nicht selten ins Wort: "Ja, ja, früher. Früher hat ein Ei einen Pfennig gekostet."
Doch je älter ich werde, desto mehr gerate auch ich in die Gefahr, die Vergangenheit zu romantisieren. Das Gute bleibt in Erinnerung, das Schlechte wird vernachlässigt. Zum Beispiel mein erstes Auto, ein Polo Fox. Ach, wie herrlich einfach war der noch, keine Elektronik, die versagte oder einen zur Unzeit durch alarmierende Anzeigen völlig unbegründet in die Werkstatt schicken wollte. Dass der Polo ein riesiges Steuerrad ohne Servolenkung hatte und keinen Bremskraftverstärker - ach, vergessen. Aber ich schweife ab.

Eichenmoos. Ich möchte es nicht romantisieren. Schließlich habe auch ich eine, zwar nicht besonders beeinträchtigende, aber Allergie. Zudem kann altes Eichenmoos auch wirklich bitter, beißend und uralt verknarzt riechen, wie ich finde. Aber da muss man offensichtlich unterscheiden. Es gibt altes Eichenmoos, das noch frisch geblieben ist und altes Eichenmoos, das sich über die Jahre durch einen Alterungsprozess zum Miesepeter verändert hat.

Mehr durch Zufall bin ich an einen Restflakon Paloma Picasso EDT von 2008 geraten. Er hat keinen Deckel mehr und einen Abplatzer am Fuß. Ich habe mir nicht viel von dem Duft erhofft, da ich das aktuellere EDP kenne, das ich zwar nicht schlecht, aber auch nicht besonders beeindruckend finde.

So sprühte ich das EDT ohne besondere Erwartung erst einmal vorsichtig auf eine Stelle unten am Handgelenk, wo ich es schnell und ohne Probleme wieder hätte abwaschen können.

Oh, Überraschung! Schon im ersten Moment beamt mich der Duft zurück in die Kindheit: Wie liebeswert fröhlich, aber in seiner Kombination typisch für "junge" Düfte der Siebziger! Diese frischen, leichten Parfums trugen damals die jungen Frauen wie meine Mutter und die Mütter der anderen Kinder. Hell und natürlich, blumig mit einem zarten Hauch von Harz. Ich rieche Zitrisches, zerbrechliche Blüten und transparentes, frisches Eichenmoos. Die Blüten sind wie ein pastellfarbener, fröhlich gemischter Strauß Blumen, so bunt gemischt, dass sie sich zu einem Ganzen verbinden und einzelne vom Duft her nicht mehr wirklich auszumachen sind.

In der Herznote kommt anstelle der schwindenden Zitrusfrüchte eine helle, pudrige Irisnote dazu, so wundervoll leicht und wohltuend, wie sie nur in alten Düften noch zu sein scheint. Ich nehme an, dass hier noch echte Iriswurzel verwendet wurde. Überhaupt empfinde ich den Duft sehr natürlich, so als sei nichts Synthetisches verwendet worden. Dies war auch der Moment, wo ich das Alter meines Flakons recherchierte.

Gen Basis verstärkt sich eine ganz leicht animalische Note, die vorher nur extrem dezent mitschwang: Zibet.
Auch im Ausklang nach vielleicht 6 Stunden bleibt Paloma Picasso EDT von 2008 transparent, pudrig-hell und unbeschwert.
Selten mag ich auch in der Basis einen Duft wirklich tief inhalieren, ohne dass mir irgendetwas stickig erscheint. Hier kann ich völlig frei mit tiefen Atemzügen meine "junge" Vergangenheit aufsaugen.

Ach, was waren das für glückliche Zeiten! Damals, als die Frauen noch nach Parfum mit herrlich frischem Eichenmoos dufteten und Onkel Paul sagte: "Früher hat ein Ei einen Pfennig gekostet!"

P.S. Ich nehme es Euch nicht übel, wenn jetzt Ihr die Augen verdreht.
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First vor 17 Tagen 11
4.5
Duft
8
Haltbarkeit
6
Sillage
10
Flakon

Galaxolid-Galaxis
Nun habe ich sie endlich, die Lola, und alle meine Erwartungen haben sich erfüllt: Elegant, ausgeglichen, modern, dabei nicht auf Teufel komm raus anderes, nur um anders zu sein. Ein Hauch von Pop-Art, ein Hauch Modernismus, dabei kein Klassiker, trotz Kunststoffapplikationen edel - der Flakon ein Augenschmaus!
Ja, der Flakon erfüllt meine Erwartungen vollends, ich bin begeistert.

Auch der Duft selbst erfüllt meine Erwartungen. Leider.

Ich fürchte, es ist eine Mésalliance von Grapefruit, Moschus und Rosengeranie, die mir den Duft wirklich gründlich verdirbt, wobei Moschus offensichtlich wieder einmal mein Hauptübeltäter ist. Die dichte, sehr stickige Cremigkeit dieses Gemisches erinnert mich nämlich deutlich das Ur-Trésor. Da war diese Note auch drin und hat ihn mir verübelt, weil sie mich nach kurzer Zeit so nervte und ich so gut wie nichts anderes mehr daneben wahrnehmen konnte. Das lässt vermuten, dass es wirklich Galaxolid, also ein künstlicher Moschusriechstoff ist, der angeblich zu über 20% des alten Trésors ausgemacht haben soll, der mir nun auch die schöne Lola unmöglich macht.

Somit muss dieser Kommentar auch kurz bleiben, denn außer dem Trésor-Faktor rieche ich über die vielen Stunden, die Lola anhält, nichts anderes mehr. Im Hintergrund kann ich verzweifelte Früchte und Blüten erahnen, die vielleicht schön wären, aber ihnen bleibt nichts anderes übrig als angesichts des Galaxolid-Sturmes die Segel zu streichen, die Petalen fallen zu lassen oder sich gleich vom Baum zu stürzen.
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First vor 22 Tagen 12
8.5
Duft
7
Haltbarkeit
8
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8
Flakon

Blütengöttinnen huldigen
Selten habe ich es so bereut, einen Duft nicht blind getestet zu haben.
Was hätte ich ohne Kenntnis der Pyramide, ja schon ohne Kenntnis des Namens wohl gerochen?
Ich glaube, ich hätte Maiglöckchen gerochen. Oder? Ich weiß es nicht. Ich kannte leider den Namen und hatte mir auch, ebenfalls leider, die Pyramide angeschaut, denn nur deshalb habe ich den Duft testen wollen.
Und so sprühte ich und roch: Flieder.

Der Fliederduft ist sehr üppig, so wie Flieder eben duftet, ohne Zurückhaltung schöpft er aus dem Vollen. Und ganz wie wir es von Flieder eben auch kennen, hält er sich in Vasen so gut wie gar nicht, wird in Kürze schlapp, hängt traurig herab und beginnt zu modern. Dieser Moder-Anklang ist hier ebenfalls authentisch dabei. Er stört mich, aber ich merke, dass das Modrige mit mehr Abstand meiner Nase von der Sprühstelle schnell verschwindet. Schon in etwa 20 cm Entfernung bemerke ich davon nichts mehr. Ich atme auf.

Nach vielleicht 20 Minuten hat eine Note, die zunächst nur als Unterton vorhanden war an Intensität gewonnen, das Verhältnis kehrt sich um, und nun ist diese Note im Vordergrund: In meiner Nase ist es Jasmin, kraftvoll, indolisch. Aber auch hier: schon in vielleicht 40 cm Entfernung zur Nase ist das Indolische deutlich weniger und ist selbst für mich noch in Ordnung.
Im Verlauf wird mein Flieder-Maiglöckchen immer schöner, denn nun ist der Gammelfaktor vollends weg und das Indolische des Jasmins nimmt wieder langsam ab um alsbald vollständig zu verschwinden.
Erst mit Verzögerung von vielleicht drei oder vier Stunden ziehen sich auch die anderen Blüten langsam zurück und lassen den Duft sanft über viele weitere Stunden ausklingen.

A Lilac a Day ist extrem blumig, geradezu ausschließlich blumig, und dabei betörend und lebensecht.

Dreimal habe ich ihn nun jeweils über einen ganzen Tag getragen. Keinmal konnte ich genau sagen, ob ich Flieder rieche oder Maiglöckchen. Je nach Vorstellung konnte ich die Note zum Kippen zwischen den beiden bringen. Beim mittleren Test roch ich auch wundervolle Freesie, genauso natürlich und intensiv wie die anderen Blüten. Nur Jasmin war jedes Mal dabei.

Dieser Duft ist wirklich einmalig und einmalig lebensecht. Er ist meines Erachtens nur etwas für die ganz ausgeprägten Blütenduftfans, die auch die heftige Intensität eines unsüßen Wummsers mit zeitweilig indolischen Anklängen und einem vorübergehenden Hauch von Vergänglichkeit nicht scheuen.

Aber wer sowas mag, hat hier vielleicht seine Blütengöttinnen zum Huldigen gefunden.
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First vor 24 Tagen 13
8
Duft
6
Haltbarkeit
5
Sillage
7
Flakon

Baby, bring' den Rasierschaum mit!
Als ich mir meinen Violet von Marc Jacobs bestellte, musste ich das in einem Duty-Free-Shop tun, da er anderswo nicht zu bekommen war. Und so schaute ich mich dort um, ob mir vielleicht eine weitere Seltenheit ins Auge sprang, die ich bei Gelegenheit mitbestellen könnte. Halloween stand vor der Tür und da sah ich ihn: Halloween Kiss!
Da ich die von mir getesteten Pozos bislang alle nicht schlecht fand, wenn auch noch nicht hundertprozentig überzeugend, beschloss ich kurzerhand: Der wird mit bestellt! Vielleicht wird er mein Dufttreffer der Marke.

Gespannt tat ich den ersten Sprüher: Überraschung! Willkommen in der Duftwelt von - tja von wann, jedenfalls nicht von jetzt - vielleicht von 1988? Ein Grinsen trat auf mein Gesicht. Der Duft ist irgendwie witzig, es ist eine Note im Vordergrund, die ich liebenswert altmodisch finde. Und nichts ist so altmodisch wie das einigermaßen kürzlich Vergangene. Das viel Ältere ist dann in gewissen Kreisen schon wieder retro oder cool. Bei dieser Note ist das noch nicht der Fall.
Ist das ein bestimmter, klassischer Freesienriechstoff? Es ist auf jeden Fall eine Blüte, für Freesien eigentlich zu milde und zu süßlich, vielleicht ist es auch das, was mit Orchidee gemeint ist? Ein ganz klein wenig erinnert mich die Note nämlich an die zentrale Duftnote in Diors Addict. Vielleicht sind es auch beide Blüten im Zusammenspiel mit einem klassischen Amber-Riechstoff, denn der Duft ist auch mit einer leichten, aber angenehmen Wärme unterlegt.

Doch das ist nicht alles. Es gibt auch noch einen Anteil fruchtiger Frische. Gleichzeitig wird es auch ein wenig würzig. Plötzlich fühle ich mich an Rasierschaum erinnert. Ich weiß nicht, woher diese Erinnerung kommt und welchen Rasierschaum ich überhaupt so oft gerochen habe, dass ich an ihn denken muss.

Nun sprudeln die Erinnerungen hervor: Mein USA-Schüleraustausch. Ich war gerade mal 15. Wir kamen im Oktober an. New York City. Ein paar Tage vor Halloween. Ich wusste damals gar nicht, was Halloween überhaupt war. Meine Austauschschülerin war offensichtlich selbstverständlich davon ausgegangen, dass der amerikanische Brauch Halloween zu feiern, mir bekannt sei und nahm mich kurzerhand mit auf die Straße. Unmittelbar im Augenblick als wir auf die Straße traten, stürzte eine Gruppe gleichaltriger Jungs hervor und richtete mehrere Sprühdosen auf meinen Kopf. Ich war völlig perplex, überrumpelt, erschrocken, wusste überhaupt nicht, was geschah. Meine Austauschschülerin rief hektisch: "Stop it! Stop it! She's a friend!" Die Jungs senkten die Dosen. Erst später begriff ich, dass die Dosen Enthaarungscreme enthielten! Auch Enthaarungscreme hatte ich mit meinen naiven 15 deutschen Lenzen noch nie gesehen. Im Verlauf des Abends lockerte sich alles etwas, es wurde Root Beer getrunken und noch mit harmlosem Rasierschaum etwas herumgesprüht.
Ist das nun der Schaum an den mich Halloween Kiss erinnert? Ich weiß es nicht. Ich könnte die Marke sowieso nicht mehr nennen. Zudem wäre die Duftrichtung heute mindestens ebenso vintage wie Pozos Halloween Kiss.

Mit dem geht es übrigens genau so weiter wie es anfing: Retro-Blüten mit Addict-Rasierschaum-Anklängen auf Amberbett mit Fruchttopping und einem Hauch Vanille. Am Schluss kann ich wundervolle Tonka erahnen. Von der Haltbarkeit her liegt er im Mittelfeld von vielleicht 6 Stunden, wobei er sehr langsam und kontinuierlich ausklingt.

So hundertprozentig bin ich zwar noch nicht überzeugt, dass diese Mischung nun langfristig für mich das Richtige ist, aber irgendwie cool ist sie schon.
Allein die lebhafte Erinnerung an "Stop it! Stop it! She's a friend!" ist diesen Rasierschaumkuss schon wert!
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