FirstFirsts Parfumkommentare

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First vor 20 Tagen 22
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Flakon

Frau Dr. B.
Im ersten Moment beeindruckend edel, weich, frisch und hell, lässt Gabrielle die Mutter einer Schulfreundin vor meinem inneren Auge erscheinen: Frau Dr. B., eine schöne Frau mit hellbraunen Augen, großer Ruhe und Freundlichkeit. Ihr blondes Haar trug sie oft klassisch mit einem Kamm hochgesteckt, den Hinterkopf betonend. Sie war Anwältin und oft sah ich sie aus der Kanzlei nach Hause kommen, in einem Kostüm, das an Chanel erinnerte, wenn es nicht gar Chanel war. Sie war in der Lage, diese Kleidung und die dazugehörigen Pumps mit einer solchen lockeren Selbstverständlichkeit zu tragen, wie ich es nie wieder gesehen habe. Die Mutter meiner Freundin war mir auf gewisse Weise immer ein Vorbild, was sie vermutlich nie wusste. Sie verkörperte alles, was ich mir als Jugendliche wünschte und vereinigte es auf sich: Bildung, beruflichen Erfolg, Gelassenheit, Natürlichkeit, Schönheit, Herzlichkeit, sowie eine glückliche Ehe mit Kindern. Und sie war ohne jeden Dünkel.
Gabrielle startet als sei dieser Duft ihr auf den Leib geschnitten und ich bin unmittelbar begeistert.

Allerdings geht Gabrielle sehr schnell anders weiter, als ich mir einen Duft für Frau Dr. B. vorstelle: Es kommt etwas leicht Stinkiges hinzu und ein seltsamer Depressionsfaktor. Ersteres wird wieder einmal mein Duo Indolika, Jasmin und Orangenblüte sein, während letzteres mich an Gardenien denken lässt, die hier nicht aufgeführt sind.
Wie schade, sollte Gabrielle nun doch nicht nach langer Zeit wieder der erste Chanel in meine Sammlung werden? Ich habe mein Herz ja an Cristalle EDT verloren, aber dieser Duft ist inzwischen so gut wie gar nicht mehr zu bekommen und so ist meine Sammlung seither chanellos.

Mein persönliches Trio Infernale von Gabrielle, Jasmin, Orangenblüte und Gardenie, wird nun auch noch merkwürdig cremig und ich bin dabei, den Duft innerlich vollends abzuhaken. Ich gehe in die Küche und mache mich daran, die Pfanne abzuwaschen. Plötzlich dringt ein Schwall heller, freundlicher Zitrusfrüchte an meine Nase und ich denke: Oh, woher kommt das denn? Habe ich noch irgendeinen Duftrest an der Kleidung? Aber nein, wird mir dann klar, es ist Gabrielle! Ich denke, das ist der Rest dieser wundervollen, hellen Kopfnote, mache weiter, räume auf und laufe hin und her. Noch mehrfach kommt eine helle Welle des gleichen fröhlich-frischen Hauchs an meine Nase, hebt meine Laune und ich bin zunehmend verwundert: War das nicht längst weg gewesen und von Jasmin, Orangenblüte und vermeintlicher Gardenie in den Hintergrund gedrängt? Seltsam. Dann betrete ich das Wohnzimmer, wo ich vorhin den Duft gesprüht hatte, und merke auf: Oh, hier duftet es ja herrlich frisch! Wieder kann es nur Gabrielle sein. Auf der Haut allerdings, rieche ich immer noch den künstlich cremig-gardeniengeschwängerten, leicht stickigen Depressionsfaktor. In der Projektion hingegen, nehme ich zitrische Frische wahr.
Dies wiederholt sich bei mehreren weiteren Tests an den nächsten Tagen gleichermaßen, wobei ich heute das erste Mal auch deutlich Mandarinen zu riechen glaubte.
Erst nach jeweils zwei bis drei Stunden legt sich der mir unangenehme Geruch auf der Haut und Gabrielle bringt mich auf andere Weise zu meiner Anfangsassoziation zurück: Jetzt passt Gabrielle wieder zu Frau Dr. B.. Nun nehme ich wieder die edle Eleganz, die Zurückhaltung wahr, ohne dass der Duft langweilig ist. Er ist wieder weicher geworden, die Noten haben sich geordnet und das Stickige lässt zunehmend nach. Er ist weiterhin hell und zitrisch-frisch, nun jedoch von mehr Wärme unterlegt, die einen Hauch Würze beinhaltet und auch einen herben Unterton, den ich in Kenntnis der Pyramide Grapefruit und Johannisbeere zuordne.

Die ganze zweite Hälfte der Herznote und bis in die Basis wird Gabrielle nun immer schöner in meiner Nase. Es bleibt zitrisch, aber nicht mehr ganz so frisch, der herbe Faktor dauert an und macht den Duft interessant, während er in winzigen Schritten weiterhin wärmer wird, wobei man immer noch nicht von einem warmen Duft sprechen kann. Er bleibt eher kühl, aber durch die sanfte, weiche Grundlage wirkt er nicht kalt oder unfreundlich, sondern edel. Vollends in der Basis angelangt, ist er dann dezent und transparent cremig und würzig. In der Projektion und Bewegung wirkt Gabrielle jedoch auch dann noch weiterhin zitrisch und hell.
Ob ich ihn letztlich in meine Sammlung bringen möchte, bleibt vorerst offen, aber allein die Erinnerung an Frau Dr. B. hat dieses Dufterlebnis für mich sehr wertvoll gemacht!
16 Antworten

First vor 21 Tagen 19
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Flakon

Erinnerungen an ein Gedicht von Hans Scheibner: Eigentlich
Eigentlich wollte ich mit dem Schreiben dieses Kommentars warten, bis ich LouLou mal wieder unter die Nase bekomme. Aber da das noch dauern kann, fange ich doch schon mal an.
Eigentlich wäre mir nicht in den Sinn gekommen, aktiv einen Boucheron zu testen, schienen die wenigen, die ich getestet hatte, doch immer auf konventionelle Art langweilig (so langweilig, dass ich Boucheron teils mit Burberry verwechselte, die ich noch viel langweiliger finde, peinlich!)
Aber da kam dieses Wanderpaket.
Eigentlich hatte ich bei Wanderpaketen aus mehreren Gründen schon über fast ein Jahr pausiert, aber genau dieses sprach mich an.
Und so kam es dazu, dass ich einen Boucheron testete und mein Urteil über die Marke eigentlich revidieren müsste.
Dieser Duft ist klasse und alles andere als langweilig.

Der Auftakt: In meiner Nase frische Bergamotte. Ich liebe das! So starten viele Düfte. Dennoch finde ich es immer wieder schön.
Doch hier kommt unmittelbar etwas Herbes hinzu, herb-blumig. Sofort denke ich: Diese leicht kratzigen, unspezifischen Blüten, die ich keiner speziellen Blume zuordnen kann und die ein wenig wie aus deinem Science-Fiction-Roman wirken, könnten auch aus einem Mugler-Duft sein: faszinierend anders und gleichzeitig intensiv und üppig blumig.
Schon denke ich an Aura EDP, obwohl Fleurs eigentlich ganz anders ist, nämlich weicher und pudriger und weniger grün.
Die Herznote besteht hauptsächlich aus diesen erstaunlichen, fremden und dennoch vertrauten undefinierbaren Exo-Blumen mit leichter Schärfe, leichter Süße und viel Puder, das aber saftig statt staubig ist. Und jetzt kommt meine Assoziation: Dieser herbe Ton, der dem Duft eine Kante, einen Kick gibt, den kenne ich doch, nur woher? Schnell schießt mir durch den Kopf: LouLou! Aber nein, LouLou ist wesentlich weniger gefällig und hat mit seinem Insektenspray-Unterton viel mehr Verschreckungspotential als der weichere, süßere und pudrigere Fleurs. Aber ein Hauch davon....ich würde wirklich gern gegentesten. Homöopathische Insektensprayspuren scheinen auch bei Fleurs mitzuspielen.
So bildet sich aus Science-Fiction-Roman-Blüten, einem Touch von Muglers Aura, einem Kügelchen LouLou-Insektenspray, saftigem Puder und leichter Süße mit einem Schuss Tonka eine Herznote, die so wunderbar außergewöhnlich, intensiv und leicht trashig ist, dass ich nur sagen kann: WOW! Den will ich haben! Der ist etwas Besonderes. Das ist ein Duft, der mich staunen, genießen und lachen lässt. Er ist so schräge in dieser Kombination und dennoch tragbar, es bringt mich zum Grinsen! Eigentlich ein dreister Duft!
Im Verlauf mäßigt sich Fleurs etwas dadurch, dass Vanille und wie mir scheint, auch ein klein wenig Cashmeran dazu kommen, die sanfte, holzige Wärme beisteuern. Der Puder bleibt bestehen. Die Aura- und LouLou-Kanten werden abgerundet und verlieren an Aufrüttelpotenzial, so dass Fleurs mit süßlichen Exo-Blüten auf holziger Vanille langsam ausklingt. Die Haltbarkeit ist enorm. Ich rieche den Duft den ganzen Tag und den ganzen Tag intensiv. Am nächsten Tag konnte ich meine Kleidung nur noch einmal tragen, wenn ich wieder auch Fleurs trug, denn alles andere wäre Layering gleichgekommen.
Auch in dieser Hinsicht ist Fleurs also sehr beeindruckend.

Eigentlich wollte ich bis Mai keinen Duft mehr kaufen, sondern nur noch tauschen. Eigentlich. Jetzt habe ich Fleurs bestellt. Ich musste das tun, er hat mich gepackt und es gibt ihn momentan zu einem unglaublich guten Preis.

Da komme noch mal einer und sage, das Wort eigentlich sei ein überflüssiges Füllwort!
15 Antworten

First vor 1 Monat 22
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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...Bring it back, bring it back, don't take it away from me, because you don't know, what it means to me... (Queen)
Je älter man wird, desto mehr Vergangenheit sammelt man automatisch an. Das mag profan klingen und oftmals ist das Vergangene auch profan, aber da es die eigene Vergangenheit ist, berührt sie trotzdem. Mancher Duft erinnert an Momente und Lebensphasen. Je nachdem welche Ereignisse und Lebensphasen es sind, hat der Duft dann gute oder weniger gute Chancen bei uns.
Ich erhielt Bryant Park von KingLui aus dem Nischentauschspiel. Ich hatte blind darauf geboten, obwohl keineswegs sicher war, dass ich ihn mögen würde. Gibt es doch unter den Bonds für mich wundervolle genauso wie abscheuliche.
Dieser hier war ein Volltreffer. Mir scheint der Ausdruck noch zu schwach: In Bryant Park verdichtet sich meine Vergangenheit, mein bisheriges Leben. Ich bin versucht zu sagen: Bryant Park - das BIN ich.
Als ich den ersten Sprüher nahm, schoss mir durch den Kopf: Den kenne ich! Den hatte ich sogar schonmal! Den hatte ich sogar über längere Zeit! Und dann überlegte ich tagelang, an welchen Duft mich Bryant Park erinnerte, denn ich wusste definitiv, ich hatte diesen Duft noch nie in meinem Besitz. Dennoch fühlte es sich weiterhin so an, als hätte ich ihn früher schon regelmäßig getragen.

Erst gestern, als ich plötzlich wusste, dass er mich an Tom Fords White Patchouli erinnerte, kamen die Aha-Erlebnisse wie eine Reihe kippender Dominosteine: Bryant Park ist eine Duftverdichtung meiner Vergangenheit ab der Pubertät bis heute und jeder Dominostein eine erinnerte Szene.

Fange ich beim ersten Dominostein an: Patchouli. Das Patchouli ist in meiner Nase genau das Patchouli aus White Patchouli von Tom Ford. Diesen Duft habe ich wirklich, aber noch nicht sehr lange. Mich fasziniert an diesem Patchouli, dass es auf der Skala von Erdigkeit genau am himmlischen Ende ist: Gleißend hell. Ich kenne gleißend helles Patchouli auch aus anderen Düften, die ich habe, z.B. aus Outageously Vibrant, und auch da liebe ich es, aber nirgendwo ist es so hell und gleichzeitig auch natürlich anmutend wie bei Tom Ford und nun Bryant Park. Mit diesem hellen Patchouli verbinde ich also viele Erinnerungen aus der jüngeren Vergangenheit, da ich den Tom Ford mit dem perfekten Patchouli noch nicht lange entdeckt habe. Patchouli kenne ich, etwas erdiger, aber auch schon seit der Pubertät. Viele Dominosteine also...

In einem anderen meiner Kommentare, dem zu Rosa Nectar von Dua Fragrances, hatte ich schon den Teeladen in Hamburg von J. beschrieben. Auch an diesen Laden und seine Atmosphäre wie auch Rosa Nectar, erinnert mich Bryant Park. Die Noten der beiden Düfte sind sehr ähnlich: Patchouli, Himbeere, Rose und Amber haben sie gemeinsam. Von der weichen, natürlichen und üppigen Rose, wie sie in den Rosentees verwendet wird, hatte ich in meinem Teeladen-Kommentar geschrieben. Und genauso ist sie auch in Bryant Park: Sie erinnert an all die verschiedenen Gelegenheiten, zu denen ich gemeinsam mit meinem ersten festen Freund diesen Tee kaufte und trank, an unsere spätere gemeinsame Wohnung, an die Studienzeit. Ich kaufe diesen Tee, nun in einem anderen Laden, bis heute. Ich bin bis heute mit diesem Freund befreundet, wenn wir auch inzwischen jeweils andere Partner haben.
Was für schöne Erinnerungen!

In dem Rosa-Nectar-Kommentar schrieb ich, der Moschus, der mich an mein Wild-Love-Nerval-Öl von damals erinnerte, wäre mir letztlich zu viel geworden, weil zu überbordend und verdrängend. Die gleiche Note Wild-Love-Moschus findet sich auch in Bryant Park, aber deutlich dezenter. Hier verbirgt sie sich offensichtlich unter "Amber". Wild-Love-Moschus, war im Nachhinein betrachtet mein erster Signaturduft. Die Erinnerungen gehen in die Schulzeit zurück, Klassenzimmer, Pausenhalle, Schulkameradinnen, große Pausen, verbotenes Verlassen des Schulgeländes zur Eisdiele....

Himbeere. Ich muss sagen, dass das, was hier als Himbeere gemeint ist, in meiner Nase nicht als Himbeere erscheint. Ich kenne auch das aus einigen anderen Düften. Zum Glück empfinde ich den hier benutzten Riechstoff jedoch auch als natürlich fruchtig und nicht so stechend künstlich wie anderweitig schon gerochen. Die helle und leicht herbe Fruchtnote gibt dem Duft eine leichte Kante, die auch wirklich nötig ist, damit er nicht zu gefällig und damit vielleicht langweilig wird - für andere. In meiner Nase ist meine verdichtete Vergangenheit mit ihren ratternden Dominosteinen natürlich nie langweilig.
Die Himbeere übernimmt den Part, den in Tom Fords White Patchouli der Jasmin übernimmt: den Wachrüttler. Ich muss sagen, dass der Himbeere im Bryant Park dies weitaus sanfter gelingt als dem Jasmin in White Patchouli. Es ist in etwa der Unterschied zwischen einem Wecker mit einem Piepton und dem Wecker mit einem Lieblingssong.

Das Ganze ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile und so möchte ich hier noch eine Note anfügen, vermutlich entsteht sie durch das Maiglöckchen: Seife.
Ich liebe Seife. Natürlich kenne ich Seife mein ganzes Leben. In Bryant Park ist sie mild und auf angenehme Art beduftet. Ich mag es, frisch gewaschen zu sein und dann J.'s Teeladen mit Rosentee, gleißendes, helles Patchouli, ein paar kantige, unhimbeerige Himbeeren und einen Hauch von Wild Love aufzulegen.
Das bin ich. So wie ich bin. So wie ich immer war.

Der letzte Dominostein: Bryant Park. Ich war mal mit einem Schüleraustausch in New York. Ich erinnere mich an den Central Park. War ich damals auch im Bryant Park? Ich weiß es nicht. Es war alles sehr viel damals und ich erinnere nicht jeden Namen der Orte, an denen ich war. Und schon fallen weitere Dominosteine...ich stelle mir vor, ich wäre dort gewesen....

Ich werde Bryant Park behalten. Ich habe sogar etwas getan, was ich sonst fast nie tue: Ich habe einen Bunkerflakon geordert.

"Love of my life, don't leave me...."
18 Antworten

First vor 2 Monaten 16
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Duft
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Haltbarkeit
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Flakon

You say yes, I say no, you say stop and I say go go go... (The Beatles)
Hello, Goodbye von den Beatles ist von 1967 und A Fleur de Peau könnte gefühlt ebenfalls aus dieser Zeit stammen, aus den Anfängen der Hippiezeit, auch wenn er in Wirklichkeit von 1999 ist.
Um es kurz zusammenzufassen: A Fleur de Peau vereinigt für mich alle gängigen ätherischen Duftöle und ein paar Räucherstäbchen aus den Indienläden der späten 70er und 80er Jahre plus Iriswurzel und macht daraus etwas Neues. Nur ein nennenswertes Öl fehlt: Patchouli. Obwohl, am Ende kommt vielleicht sogar auch ein ganz klein wenig davon, aber an Patchouli bin ich vermutlich durch viele meiner sonstigen Düfte ganz gut adaptiert, insofern kann ich mich da auch irren.

Aber fange ich doch am Anfang an: A Fleur de Peau kam in einem Tauschpäckchen zu mir. Meine Vorgängerin hatte den Duft gebraucht im Souk erworben und das heißt, da gab es schon jemanden davor, der ihn auch weitergegeben hatte. Seine Vorbesitzerin, Kate130, hatte mich bereits vor dem Duft gewarnt, dachte, er würde mir vermutlich nicht gefallen und bot mir freundlicherweise schon vor dem Verschicken an, mir ersatzweise einen anderen Duft auszusuchen. Aber ich schlug die Warnung in den Wind, ich wollte den Duft ausprobieren. In der ersten halben Stunde nach dem Aufsprühen dachte ich allerdings: Das ist wohl wirklich ein Hello-Goodbye-Duft! Den stelle ich wieder ins Tauschspiel!
Warum dachte ich das?

Beim ersten Test fällt A Fleur de Peau in Begleitung einer Rotte Stinktiere mit der Indoliktür ins Haus. Hilfe! Wie soll der herrlich üppige Schwall von Ylang-Ylang dem bloß die Stirn bieten? Ich weiß es nicht. Halte ich das aus? Die Frage stelle ich zurück. Erstmal erkunden. Was ist denn das für eine seltsam intensive indolische Note, die mich einerseits nicht an typischen Jasmin oder Zitrusblüten erinnert, aber auch nicht an Geißblatt oder die anderen gängigen Weißblüher? Es ist, als sei der gesamte Charakter der Blüten verklungen und nur das Indolische nach, auf einer Bassebene, ohne das Helle. Doch das ist noch nicht alles. Da ist noch mehr Animalik. Sie verbindet sich mit dem dunkel eingedickten Weißblühersaft und bildet einen gehörigen Gestank!

Was mich jedoch innehalten lässt und davon abhält A Fleur de Peau gleich wieder abzuwaschen, ist unvergleichlich schönes Ylang-Ylang. Ylang-Ylang wird leider oft mit Tuberose verwechselt. Ich schreibe das einerseits der Tatsache zu, dass beide einen ähnlich intensiv blumig-warmen Charakter haben und auch oft in Düften kombiniert werden, andererseits aber auch der Art und Qualität der verwendeten Duftstoffe. Letztlich duften sie für mich jedoch deutlich unterschiedlich. Ich mag sie beide, aber Ylang-Ylang finde ich noch um ein Vielfaches wundervoller als Tuberose. Hier empfinde ich das Ylang-Ylang extrem echt und natürlich mit all seiner innewohnenden Freundlichkeit, hellen Brillianz und Üppigkeit, die ich nur aus den früheren natürlichen ätherischen Ölen kenne.
Dieses Ylang-Ylang möchte ich genießen und hoffe, dass der Stinkfaktor im Verlauf weniger wird. Ich merke schon, dass er in der Projektion nur abgeschwächt erscheint, da hat das Ylang-Ylang seine Chance hervorzutreten. Nun kann ich nach und nach auch andere Akkorde entdecken: Amber. Schon lange suche ich einen Duft mit dem Amber, den ich aus den kleinen ätherischen Ölfläschchen der Indienläden der 80er kenne. Hier kann ich ihn herausriechen. Und glücklicherweise wird Amber eher mehr, während die indolischen Stinktiere sich nun etwas mäßigen.
Die gemäßigten Stinker tragen jetzt zu einem interessanten Eindruck von Harzen bei. Ist da ein Hauch süßlicher Myrrhe? Ein wenig Honigwabe? Es wird würziger und nun folgt eine betörende und gleichzeitig beruhigende Melange aus all diesen Duftnoten, die ich aus der 80er Alternativszene kenne: Myrrhe, Amber, Ylang-Ylang, Honig, ein winziger Hauch Iris, ein noch winzigerer Hauch Weihrauch, vielleicht der sanfte Eindruck eines Lesezeichens aus Sandelholz.

Viele folgende Stunden kann ich in diesem Erinnerungen schwelgen. Währenddessen wird A Fleur de Peau immer wärmer von süßlich-holzigem Amber getragen und die Blüten ziehen sich zurück.
Es ist für mich sehr beeindruckend, wie natürlich dieser Duft für mich erscheint - einschließlich der Animalik - auch wenn mich am Ende der Gedanke streift, das Holzige könne auch ein sehr feinsinnig eingesetztes opoponaxgestütztes Quäntchen Cashmeran sein. Am Ende kommt auch noch etwas Vanille.
A Fleur de Peau entschädigt mich für die grenzwertige Anfangsphase im Verlauf um ein Vielfaches.

Überraschung! Beim zweiten und dritten Test scheint mir der Auftakt weitaus harmloser zu sein. Bin ich schon adaptiert? Ich bin ja versucht zu sagen, man könne an so etwas Drastisches, zumindest ich könne an so etwas Drastisches, nicht so schnell adaptieren. Interessanterweise gibt mein Mann an Tag zwei und drei auch keinen entsetzten Kommentar mehr ab. Ich habe einen Verdacht: Das Steigröhrchen hat sich entleert und verharzte Rückstände, die sich darin und am Sprühkopf innen abgesetzt hatten, sind beim ersten Test mit herausgesprüht worden, während beim zweiten und dritten Test das Parfum unverfälscht herauskommt.
Natürlich rieche ich den Stinker-Unterton immer noch, aber er ist nun etwas dezenter und ich erkenne in ihm nun auch harzige Iriswurzel, die ich in dieser Ausprägung für mich immer Autoreifen-Iris nenne. In der Projektion und Verdünnung wird sie zu einem herrlichen Iriston, der ein wenig ledrig erscheint. Ich rieche jetzt auch eindeutig und intensiv dunklen Jasmin, verbunden mit meiner Autoreifen-Iris. Da diese Noten nun zwar immer noch drastisch indolisch-harzig-ölig, aber weniger düster verdichtet sind, scheinen wirklich Rückstände im Steigröhrchen/Sprühkopf ein Teil meiner extremen Erfahrung beim ersten Testen gewesen zu sein. Im späteren Verlauf ist nichts verändert. Ich beginne zunehmend Gefallen an A Fleur de Peau zu finden!

Abgesehen von den ersten vielleicht 20 Minuten, ist A Fleur de Peau ein weicher, warmer, sehr natürlich anmutender Duft mit Ylang-Ylang, Jasmin, Iris, leicht holzigem Amber, Honigwabe mit Anklängen von Opoponax, Myrrhe und Sandel, Tabak und Leder, der im Verlauf nach und nach weniger blumig und dafür immer mehr von süßlichem Amber und vanilligem Wachs geprägt wird.

Es ist inzwischen sehr selten geworden, dass ich einen Duft wirklich tief inhalieren mag, ohne dass für mich dabei der Eindruck entsteht, es sei vielleicht schädlich. Diesen hier jedoch, kann ich in vollen Atemzügen uneingeschränkt genießen!

Ich danke Kate130 für das schöne Tauschpaket und ich bin heilfroh, mich trotz ihrer Warnung auf diesen abenteuerlichen Zeitreise-Mecheri eingelassen zu haben.
Ich werde A Fleur de Peau mit Freuden behalten.

You say goodbye and I say hello,
hello, hello....
13 Antworten

First vor 2 Monaten 15
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Rock? Nein, eher Beatles: "Close your eyes and I'll kiss you..."
Ich bin ja so einige Jahre am Rande der hiesigen Musikszene unterwegs gewesen und da ist mir immer wieder aufgefallen, dass manche Bands als Rockbands, Punks, Gothics oder Hardrockbands bezeichnet wurden, die ich musikalisch eher unter Pop, Softrock, manchmal sogar fast unter Schlager eingeordnet hätte. Was den Unterschied machte, war einzig und allein ihr Auftreten, ihr Bühnenoutfit und ihr Makeup. Ich habe mich jahrelang gewundert, wieso das niemand außer mir zu merken schien.
Daran musste ich beim Testen von Brighton Rock immer wieder denken, auch wenn ich aus dem sehr aufschlussreichen Kommentar von Smellie13 weiß, dass der Name sich nicht auf Musik bezieht.

Brighton Rock. Der Name lässt auf etwas Kraftvolles hoffen, Rock eben, Rockmusik, Power! Auch ein Krimi passt dazu, Aufregung, eine packende Geschichte, vielleicht eine detektivische Herausforderung, soziale Bedingungsgefüge in einem der bekanntesten Seebäder Englands, eventuell ein Hauch von Abgrund. Dazu passt das Orange des Flakons, alarmierend, lebendig, etwas abgetönt, so dass es nicht allzu blutig-aggressiv wird. Ich war sogar mal in Brighton, zwar nur einen einzigen Nachmittag auf der Durchreise und das an einem Regentag im kalten Herbst, aber ich erinnere mich an eine schöne Bank direkt am menschenleeren Ufer und den Blick auf seegrünes, heftig aufgepeitschtes Wasser.
Das könnte einen interessanten, intensiven, etwas rockig-wilden Duft ergeben, dachte ich. Und da ich im Moment Lust auf aquatische Düfte habe, dabei aber furchtbar wählerisch bin, war meine Neugier noch mehr geweckt.

Und dann kam er an. Gleichzeitig mit einem anderen Duftpaket aus dem Tauschspiel. Oh, welchen sollte ich denn nun zuerst testen? Ich sprühte kurzerhand Brighton Rock rechts und den anderen Duft links.
Und - wunderte mich.
Irgendwie roch ich so wenig. Das konnte doch eigentlich nicht sein. Der andere Duft hatte das gewisse Nichts eines schwach-fahlen Jasminriechstoffes, und Brighton Rock - bei Brighton Rock konnte ich noch nichtmal sagen was es war, das ich da so sanft und leise roch, wenn ich meine Nase an die Sprühstelle presste.
Hatte Franfan20 nicht was von Menthos Fruit geschrieben? Die kenne ich doch und sie riechen sehr intensiv. Aber, ich drückte meine Nase nochmal auf den rechten Arm, ich vernahm nur schwächelnd milde, milchig gedimmte Fruchtigkeit.
Ein schlimmer Gedanke beschlich mich: Gleich von vier verschiedenen Freunden hatte ich am Tag vorher gehört, dass sie auf Covid-19 getestet wurden und nun nervös auf ihr Testergebnis warteten, weil ebenfalls gleich mehrere Leute, mit denen sie in engem persönlichen Kontakt standen, erkrankt waren. Ich hatte in den letzten Stunden mehrfach geniest. Hatte ich mich vielleicht unbemerkt infiziert und schon eine beginnende Geruchsnervenstörung? Schnell kramte ich einen Dua Fragrances heraus und einen anderen, intensiven Duft, den ich vor ein paar Tagen getestet hatte. Beide musste ich gar nicht mehr sprühen, schon beim Abziehen der jeweiligen Kappe drang ein intensiver Duftschwall an meine Nase. Ich konnte aufatmen, meine Geruchsnerven waren noch intakt.

Aber was war denn dann mit den beiden Neuzugängen los? Da ich den seelenlosen Jasminlangweiler überhaupt nicht mochte, wusch ich ihn ab.
Dann sprühte ich mich großzügig mit Brighton Rock ein. 6 fette Sprüher, in der Hoffnung, dann etwas mehr Klarheit zu bekommen, wonach er für mich riecht:
Fruchtig, ein Gemisch aus Orange, künstlichem Erdbeeraroma, und stimmt, es ist dieser Unterton von Menthos Kaubonbons dabei, der dafür sorgt, dass die Aromen eine Milderung erfahren. Bei den Kaubonbons geschieht das, glaube ich, durch leicht gesüßte Vanille. Hier ist es zunächst etwas mild-mandeliges Heliotrop, das sich aber schnell mit zarten, zuckerglasierten Rosenblüten unterlegt. Schon nach kurzer Zeit etwas würziger werdend, verbinden sich die Noten immer mehr zu einer weichen, milde süßen, fruchtig-aromatischen Pudergesamtheit, die zunehmend edler wirkt. In der Herznote kommt ein sanfter Unterton dazu, den ich aus Modern Muse Le Rouge Gloss und aus Qom Chilom kenne, und den ich als Latexnote bezeichnen würde. Vermutlich ist es diese Note, die andere hier als petrochemischen oder Plastikfaktor geschildert haben. Ich mag diese Latexnote sehr gern, für mich ist sie nicht unangenehm künstlich, sondern fügt quasi Weichzeichner hinzu, ohne den Duft zu schwächen oder ihn stickig werden zu lassen.
Inzwischen habe ich Brighton Rock drei Tage lang getestet. Am ersten Tag mit den sechs vollen Sprühstößen, hatte ich zwischenzeitlich deutlich den typischen, leicht sumpfigen Geruch von Wasserlilien wahrgenommen. Beim zweiten und dritten Test konnte ich davon nur noch deutlich weniger bemerken. Salziges konnte ich an keinem der Tage entdecken. Obwohl Brighton Rock weiterhin erstaunlich wenig Intensität und Sillage hat, hält er doch bemerkenswert lange. Er klingt über bestimmt weitere vier Stunden mandelpudrig und mit zarter Latexnote auf Resten von mild gezuckerten Früchten mit einem ganz leichten Hauch von Wasserlilie und Moschus aus.

Bei geringer Intensität und selbst für mich unzureichender Sillage, ist es schon ein wenig frustrierend, diesen an sich wunderschönen Duft zu tragen und schon nach wenigen Minuten den Wunsch zu verspüren nachzusprühen, was dann aber auch nicht viel hilft. Auf meinem Kettenanhänger allerdings, der offensichtlich etwas von den 6 Sprühstößen abbekommen hat, rieche ich noch drei Tage später sehr angenehme Wasserlilie auf süßlichem Latex. Auch nach einem langen Spaziergang in der feuchten Winterluft war Brighton Rock plötzlich stärker und wieder etwas fruchtiger präsent. So tröste ich mich denn mit der Hoffnung, dass er sich bei feuchterem Wetter oder im Frühling auf der Terrasse besser zu entfalten weiß als jetzt im Zimmer bei trockener, winterlicher Heizungsluft.

Tja. Letztlich ist es mit Brighton Rock ganz ähnlich wie in der Musikszene: Wenn man die Augen schließt und nur die Musik hört, dann merkt man, dass sich hinter dem martialischen Gehabe der vermeintlichen Hardrocker manchmal erstaunlich feinsinnige Popmusiker verbergen. Und der Flakon ist wohl doch eher lachsfarben.
"Close your eyes and I'll kiss you, tomorrow I'll miss you..."
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