FirstFirsts Parfumrezensionen

1 - 5 von 191
First vor 6 Tagen 24
8
Duft
6
Haltbarkeit
5
Sillage
9
Flakon

Eskapismus
Manchmal möchte man zurück, man möchte auf delete drücken, auf backspace, auf escape. Wenn nichts mehr geht, dann geht es nicht mehr und man wünscht sich weg, weg in eine andere Welt, einen Tagtraum, eine Traumwelt, einen Ort, wo alles weich ist, hell und leicht und fröhlich und sich ein Lächeln wie von selbst auf unser Gesicht zaubert, entspannt, wohlgemut, gelassen, so dass man anfangen möchte, zu hüpfen, zu hüpfen wie ein Kind, ein unbeschwertes Kind.
Wenn ich diesen Nina-Ricci-Apfel nehme und hineinschaue, dann ahne ich schon eine Wunderwelt, bevor ich den Sprühkopf drücke. In freudiger Erwartung sprühe ich dann und - Hokus Pokus Fidibus, dreimal schwarzer Kater, Sesam öffne dich und Bricklebrit - ich entgleite, das Lächeln beginnt und ich schaue mich nach meinem Springtau und meiner Schaukel um.
Ich habe offensichtlich ein paar Süßigkeiten dabei, Fruchtbonbons der milden Sorte aus Fruchtsaft, Geschmacksrichtung Limette und Kirsch-Sahne, sowie einen schönen großen, rot-weiß-gestreiften Lolli. Die Bonbons sind milde Kaubonbons und der Lolli ist aromatisch und überhaupt nicht klebrig. Das Weiße schmeckt frisch nach Zitrone und das Rote nach kandierten Rosenblättern mit Vanillezucker. Der Himmel lacht in Blau, alle Sträucher und Bäume blühen und verströmen einen zarten Duft, der an Kirschblüten erinnert. Es geht ein Lufthauch und ich springe, ich hüpfe, ich lache unbeschwert wie ein Kind.
Noch einige Stunden bleibt dabei ein süßer Rest Vanillezucker mit kandierten Rosenblättern auf der Zunge.
17 Antworten

First vor 1 Monat 20
9
Duft
9
Haltbarkeit
6
Sillage
6
Flakon

Was ich nicht weiß, macht Eis & Heiß
Ich mache mich innerlich öfter über ein aufgeblähtes Marketing lustig, finde ich doch oftmals, dass man das Produkt auch ohne albernes und durchschaubares Getue von Sex-Sells und Ähnlichem für sich selber sprechen lassen könnte. Aber natürlich weiß ich gleichzeitig, dass gutes Marketing wirklich in hohem Maße den Bekanntheitsgrad und die Verkaufszahlen beeinflusst, sonst würde es sich nicht lohnen, Top-Models zu engagieren, riesige Campagnen zu fahren und im Hintergrund Psychologinnen arbeiten zu lassen. Über Design mache ich mich weniger oft lustig, elegante Formen, faszinierende Haptik und vieles in Richtung Pop-Art lassen mein Herz höher schlagen.
Wieso dieser Einstieg in eine Rezension eines Duftes?
Wegen des Flakons. Er spricht mich überhaupt nicht an.
In vollkommener Abwesenheit von Marketing auf dem deutschen Markt erweckt der abgebildete Flakon bei mir Erwartungen, die der Duft dann in keiner Weise erfüllt. Aber nicht so, wie Ihr jetzt vielleicht denkt.

Ich bekam Hayati in einem Tauschpäckchen als Abfüllung. Und wie es mit Tauschpäckchen manchmal so ist, waren die beiden Düfte, wegen denen ich das Päckchen ertauscht hatte, leider Flops, aber der Inhalt dieses Röhrchens mit dem unbekannten Hayati, von dem ich mir aufgrund des Flakons rein gar nichts erhofft hatte, war überraschenderweise so faszinierend, dass sich das Päckchen allein dafür schon gelohnt hat:
Im Auftakt ein wirklich freundlich-spritziges Fruchtgemisch aus frischen Mangos, Ananas und Kirschen, dabei ein wenig, zwar künstliches, aber doch attraktives Erdbeeraroma, startet Hayati leicht und gleichzeitig enorm intensiv. Glücklicherweise fehlt hier das von mir so oft beklagte Vergorene und auch das Plastikartige, das so viele der Düfte mit intensiven Fruchtnoten in meiner Nase leider mitbringen. Zudem sticht hier auch nichts und sogar die übliche Ladung Maltol und/oder Moschus bleibt aus. So, ja genau so, kann ein Fruchtduft auch mir endlich einmal hundertprozentig gefallen!
Nach dem ersten Eindruck wird die Kopfnote von einer sehr leichten und milden Süße unterlegt. Dabei geben das leicht Herbe der Ananas und die Mango zusammen mit der Süße dem Duft eine ausgewogene Wärme, die weiterhin leicht bleibt.
Am Anfang der Herznote nimmt der herbe Faktor noch ein wenig zu, um sich im Verlauf mit den weicheren Vorboten der Basis immer besser zu verbinden, bis sich ein köstlicher Eindruck von Eis & Heiß einstellt.
Dieser bleibt die ganze Basis durch, bis sich Hayati nach etwa 10 bis 11 Stunden verflüchtigt hat.
Ich bleibe verwundert zurück. Dem Flakon nach zu urteilen, hätte ich mit einem Duft mit vielen Gewürzen, viel Moschus, Rose, Jasmin, künstlichem Holz und/oder Oud gerechnet. Das übliche Marketing hat mich gelehrt, in einem Flakon dieses Designs in etwa diese Duftrichtung zu erwarten. Ich wäre deshalb nicht darauf gekommen, diesen Duft extra zu testen. Mit Moschus und Oud habe ich regelmäßig Probleme, mit Jasmin oft, mit manchen Gewürzen auch, künstliches Holz kann ich nur in minimalen Mengen ab - nur Rose mag ich in der Regel, doch Rose findet sich häufig, so häufig, dass ich nach Rosendüften nicht mehr suche.
Hier bin ich also ein Marketingopfer der besonderen Art geworden. Wahrscheinlich sollte ich mich nicht mehr so oft über Marketing lustig machen.

Und am Schluss hat Hayati noch eine weitere echte Überraschung parat: Als nach Leeren der Abfüllung mein hier ersoukter Restflakon ankommt, stellt sich heraus, dass er nicht etwa wie die Flakons von Compagnia delle Indie, die von Tesri d'Oriente oder auch die Montales aus Metall ist, sondern aus sehr schwerem, edel anmutendem Glas! Die Haptik ist dadurch unerwartet edel.

P.S.: Erst nachdem ich auf die Suche nach weiteren Informationen ging, erfuhr ich die schöne und passende Geschichte, die erzählt, wie dieser Duft die Kindheit des Parfumeurs in olfaktorisch wiedererlebbar machen soll.
Das ist gelungen!
14 Antworten

First vor 2 Monaten 20
9
Duft
5
Haltbarkeit
5
Sillage
6
Flakon

Mit Bedacht die Ruhe wahren - Marthas Duft
Martha ist eine Mitarbeiterin im FBI. Sie ist Sekretärin des Leiters der Abteilung für Spionageabwehr. Jeden Tag geht sie sorgfältig angezogen und frisiert zur Arbeit, verrichtet diese gewissenhaft und mit der Gelassenheit derer, die ihre Arbeit selbstverständlich beherrschen. Sie ist eine äußerst geschätzte Mitarbeiterin.

Martha ist nicht im herkömmlichen Sinne attraktiv, aber sie sieht gut aus, hat eine zurückhaltend herzliche Art und ein sehr gewinnendes Lächeln. Nach einem Schwangerschaftsabbruch in jungen Jahren, ist sie in Bezug auf romantische Beziehungen sehr vorsichtig. Sie möchte nicht erneut sitzengelassen werden. Da sie gern eine Familie gründen würde und inzwischen die biologische Uhr immer schneller tickt, ist sie privat ein wenig unglücklich, trägt dies aber nicht zur Schau.
So ist sie geradezu dafür prädestiniert, Opfer eines Spions der Gegenseite zu werden.

Und so geschieht es. Clark, in Wirklichkeit heißt er anders, macht sich geschickt an sie heran und gewinnt ihre Liebe. Er gibt vor, ebenfalls für das FBI zu arbeiten, teils verdeckt, und bittet sie um Unterstützung. Erst sind es nur kleinere Dinge, wie eine Information nachzusehen, später soll sie eine Wanze, die in einem Kugelschreiber versteckt ist, im Büro ihres Chefs positionieren. Martha, die zunächst annimmt, ihr Liebhaber sei ebenso staatstreu und gewissenhaft wie sie, nur vielleicht ein wenig glücklos in seinem Job, greift ihm gern mit der ein oder anderen Information unter die Arme. Doch alsbald merkt sie, dass so einige Dinge um ihren Clark seltsam sind. Er nimmt ihr zunächst mit erfundenen Erklärungen, später mit einem Heiratsantrag den Wind aus den Segeln. Die beiden heiraten, obwohl Clark bereits eine andere Familie hat und ein Doppelleben führt. Martha ist glücklich mit Clark und sieht ihm viel nach und Clark hat sogar ebenfalls ein wenig sein Herz für die freundliche Martha entdeckt.

Aber Martha ist auch intelligent: Sie kann nicht mehr umhin, Clarks Doppelleben und damit auch ihre eigene Rolle, nun als Landesverräterin, aufzudecken. Und natürlich wird auch der Kugelschreiber irgendwann als Wanze entlarvt. Die Schlinge um Martha zieht sich enger.
Dennoch bewahrt sie Haltung und geht weiterhin jeden Tag sorgfältig angezogen und frisiert zur Arbeit, verrichtet diese gewissenhaft und mit der Gelassenheit derer, die ihre Arbeit selbstverständlich beherrschen.
Sie liebt Clark weiterhin.

In der Serie, um die es hier geht, sterben sehr viele Spione und rekrutierte Helferinnen wie Martha. In der Regel werden sie umgebracht, von der Gegenseite, aber auch von den eigenen Leuten. Ich habe deshalb sehr um Martha gezittert.
Aber Martha hat drei Eigenschaften, die zusammengenommen, vielleicht ihr Leben retten könnten: Erstens konnte sie Clarks Herz soweit gewinnen, dass er sie retten möchte. Zweitens ist sie intelligent und weiß, dass sie bestimmte Dinge nicht tun darf, da sie dann quasi getötet werden muss, von ihrer Seite oder von der anderen. Und drittens lässt sie sich darauf ein, in ein vollkommen fremdes Land, dessen Sprache sie nicht spricht, ausgeflogen zu werden, mit der Maßgabe, nie wieder Kontakt zu irgendwem zu haben, den sie in ihrem bisherigen Leben kannte.
Martha ist eine Heldin. Sie trägt ihr Schicksal mit Würde, mit Ernsthaftigkeit, mit allem Gefühl, was dazu gehört, aber auch mit der Klugheit, weiterhin rational zu handeln.

Wenn ich Martha einen Duft für ihren Arbeitsplatz im FBI zuordnen würde, dann wäre es Chanel N°5 Eau Première. Abends mit Clark wird sie etwas anderes tragen, etwas wärmeres, sinnlicheres.

Nun habe ich die Atmosphäre geschildert, für die N°5 Eau Première meines Erachtens nach steht. Gewissenhaftigkeit, Freundlichkeit, Zurückhaltung, Ernsthaftigkeit, Echtheit, eine gewisse Würde gepaart mit Wärme, aber auch mit Distanz. Und nicht zuletzt für die Fähigkeit, in Extremsituationen mit Bedacht die Ruhe zu bewahren.

Im Auftakt rieche ich die Aldehyde. Ich finde es sehr interessant, dass die modernen Aldehyde in meiner Nase ganz anders anmuten als die alten Seventies-Aldehyde. Die heutigen, so auch die in N°5 Eau Première, sind für mich im ersten Moment etwas stickig und wenn die Note sehr stark ist, dann wird mir auch ein wenig übel davon. Das ist hier in einem kurzen, ersten Kopfnotenmoment auch der Fall. Aber dann übernimmt schon eine sehr zarte, pudrige Blütennote, die ich wundervoll milde und freundlich finde, aus der ich aber weder Jasmin, Neroli, Rose noch Ylang-Ylang aus der Pyramide wiedererkenne. Ohne Kenntnis der Pyramide würde ich auf sehr wohldosiertes Heliotrop tippen und etwas Iris, ja, vielleicht würde ich sogar doch auch an Ylang-Ylang denken, da es ein Stück Lebenslust - immer dezent - und Fröhlichkeit beiträgt. Im Verlauf wird der Duft pudriger und auch ein klein wenig holzig, es bleibt auch eine zarte Ahnung von Vanille. Die Haltbarkeit ist relativ kurz, vielleicht 5-6 Stunden, wobei die Intensität nach drei Stunden schon ein gutes Stück zurückgeht. Auch die Sillage ist moderat, eben gut für ein Büro geeignet.
Vielleicht klingt das alles etwas langweilig und schonmal da gewesen. Ich kann nur sagen, die Ausgewogenheit dieses Duftes, sein freundliches, helles und würdevolles Schweben zwischen Nähe und Distanz ist einzigartig.
Einzigartig - wie Martha.

P.S. Die Serie heißt "The Americans" und über die erste Staffel muss man erstmal hinweg, ich finde, sie hat so einige Schwächen. Bislang wird die Serie danach immer nur besser. Ich bin jetzt in Staffel 5 von 6.
Danke, Blauemaus, für die wundervolle Probe N°5 Eau Première und danke, Conchi2019, für den Tipp, "The Americans" anzuschauen.
13 Antworten

First vor 2 Monaten 13
8
Duft
8
Haltbarkeit
6
Sillage
6
Flakon

Am Glücksrad drehen
Ich hab' am Rad gedreht! Alles war wirr, also ein Wirrwarr und nun: Täterätä: Hier kommt Ihr Magic Circus!
Ich fange nicht ganz von vorne an, weil das dann allzu wirr wird, sondern starte in dem Moment, wo Magic Circus im Zuge eines beiderseitigen Blindtausches hier im Forum, mich nach einem langen Arbeitstag erreichte. In typischer Begeisterung einer Parfumsüchtigen konnte ich nicht erwarten, den heiß erwarteten Neuzugang aufzusprühen, die Pyramide klang so spannend und Eure Statements auch. Schnell schnitt ich das Paket auf, klaubte die Schachtel raus, daraus wiederum die edle Schatulle und da war er, der imposante, schwarze Flakon - ich sprühte und - was war das?! Das war ja entsetzlich! Vollkommen anders als erwartet mit einer Tonne von diesem mir unerträglichen, künstlichen Oudriechstoff plus noch irgendeinem anderen gleichermaßen unerträglichen Kunstzeugs, dies künstliche Sandelholz oder was auch immer, was alles nicht in der Pyramide stand - ich hielt es kaum fünf Minuten aus, so schlimm war es. Wie kann man so dermaßen idiotische Pyramiden schreiben, fluchte ich innerlich!
Ich schrieb meiner Tauschpartnerin, der Duft sei da, aber er enthielte, so wörtlich, Noten, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Sie konnte ja nichts dafür, ich hätte ja nicht am Glücksrad drehen müssen und einen Blindtausch anleiern. Selbst Schuld. Ich war völlig frustriert, dieser Duft gefiel mir um Längen schlechter als der, den ich dafür weggegeben hatte. Enttäuscht ging ich schlafen.

Am nächsten Tag wollte ich den Duft adhoc zum Tausch anbieten und schaute, wieviel genau noch drin sei, da stutzte ich: Was stand da drauf? Da stand MiN und dann: Voodoo. Und blitzartig war mir klar: Eine Verwechslung! Das war gar nicht Magic Circus! Yippieh!

So drehte sich das Glücksrad mit Hilfe der Post nochmal zurück und nochmal hin und es war kompliziert, denn in dem von vorn herein verwechselten, fälschlicherweise nicht verschickten Magic Circus war auch viel mehr drin als in dem Voodoo.
So machte der Zauberzirkus seinem Namen alle Ehre.

Nun habe ich ihn wirklich und er gefällt mir sehr. Doch kurioserweise wundere ich mich weiterhin über die Angaben in der Pyramide, die mir ein wenig magisch zu sein scheint:
Die Vorstellung beginnt damit, dass eine Nebelmaschine angeworfen wird und mehrere kaum sichtbare Ananas', und Bergamotten in leicht medizinischem Pfefferdunst mit einem Trommelwirbel blitzschnell zum Verschwinden gebracht werden. Unter dem weiß vernebelten schwarzen Tuch erhebt sich nun langsam der Geist aus der Flasche, schlüpft erstaunlich behände darunter hervor und wird zum Riesen! Die Luft ist erfüllt von seinem Flair aus leichtem Harz und trockenem Holz mit einem Hauch von erloschenem Feuer und Räucherwerk. Anfangs scheint er noch solider Statur und mit irdischer Vanille umrankt, aber je größer er wird und je mehr er sich entfaltet, in den Raum ausbreitet, desto transparenter wird er. Er ist durchscheinend, aber verliert dabei nicht an Intensität, nur an Dichte. Es ist ein guter Geist, der das Publikum zu faszinieren weiß. Er ist amberweich und milde und dennoch staunt die Menge. Als er am Ende ganz langsam verschwindet, blicken die Menschen sich irritiert um: Oh, die Vorstellung hat ganze 8 Stunden gedauert? Zögerlich löst die Menge sich auf. Selbst am nächsten Tag verspüren nicht wenige noch die Faszination der gestrigen Vorstellung im Magic Circus: War da nicht noch ein Hauch von Amber und trockenem, gewürztem Holz?

Und wenn jemandes Weg ihn zufällig nochmal zum Zirkus führte, sähe er auch das Schild: Drehen Sie am Rad und versuchen Sie Ihr Glück:
Vorstellung 1: Horrorzauber Modern Voodoo: Meister MiN.
Vorstellung 2: Flaschengeist mit Fruchtverschwindezauber: Meister MiN.
Nächster Monat:
Vorstellung 3: Fruchttanz mit Holzverschwindezauber: Meister Frapin 1270.
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First vor 3 Monaten 25
8
Duft
5
Haltbarkeit
6
Sillage
5
Flakon

Frau Dr. B.
Im ersten Moment beeindruckend edel, weich, frisch und hell, lässt Gabrielle die Mutter einer Schulfreundin vor meinem inneren Auge erscheinen: Frau Dr. B., eine schöne Frau mit hellbraunen Augen, großer Ruhe und Freundlichkeit. Ihr blondes Haar trug sie oft klassisch mit einem Kamm hochgesteckt, den Hinterkopf betonend. Sie war Anwältin und oft sah ich sie aus der Kanzlei nach Hause kommen, in einem Kostüm, das an Chanel erinnerte, wenn es nicht gar Chanel war. Sie war in der Lage, diese Kleidung und die dazugehörigen Pumps mit einer solchen lockeren Selbstverständlichkeit zu tragen, wie ich es nie wieder gesehen habe. Die Mutter meiner Freundin war mir auf gewisse Weise immer ein Vorbild, was sie vermutlich nie wusste. Sie verkörperte alles, was ich mir als Jugendliche wünschte und vereinigte es auf sich: Bildung, beruflichen Erfolg, Gelassenheit, Natürlichkeit, Schönheit, Herzlichkeit, sowie eine glückliche Ehe mit Kindern. Und sie war ohne jeden Dünkel.
Gabrielle startet als sei dieser Duft ihr auf den Leib geschnitten und ich bin unmittelbar begeistert.

Allerdings geht Gabrielle sehr schnell anders weiter, als ich mir einen Duft für Frau Dr. B. vorstelle: Es kommt etwas leicht Stinkiges hinzu und ein seltsamer Depressionsfaktor. Ersteres wird wieder einmal mein Duo Indolika, Jasmin und Orangenblüte sein, während letzteres mich an Gardenien denken lässt, die hier nicht aufgeführt sind.
Wie schade, sollte Gabrielle nun doch nicht nach langer Zeit wieder der erste Chanel in meine Sammlung werden? Ich habe mein Herz ja an Cristalle EDT verloren, aber dieser Duft ist inzwischen so gut wie gar nicht mehr zu bekommen und so ist meine Sammlung seither chanellos.

Mein persönliches Trio Infernale von Gabrielle, Jasmin, Orangenblüte und Gardenie, wird nun auch noch merkwürdig cremig und ich bin dabei, den Duft innerlich vollends abzuhaken. Ich gehe in die Küche und mache mich daran, die Pfanne abzuwaschen. Plötzlich dringt ein Schwall heller, freundlicher Zitrusfrüchte an meine Nase und ich denke: Oh, woher kommt das denn? Habe ich noch irgendeinen Duftrest an der Kleidung? Aber nein, wird mir dann klar, es ist Gabrielle! Ich denke, das ist der Rest dieser wundervollen, hellen Kopfnote, mache weiter, räume auf und laufe hin und her. Noch mehrfach kommt eine helle Welle des gleichen fröhlich-frischen Hauchs an meine Nase, hebt meine Laune und ich bin zunehmend verwundert: War das nicht längst weg gewesen und von Jasmin, Orangenblüte und vermeintlicher Gardenie in den Hintergrund gedrängt? Seltsam. Dann betrete ich das Wohnzimmer, wo ich vorhin den Duft gesprüht hatte, und merke auf: Oh, hier duftet es ja herrlich frisch! Wieder kann es nur Gabrielle sein. Auf der Haut allerdings, rieche ich immer noch den künstlich cremig-gardeniengeschwängerten, leicht stickigen Depressionsfaktor. In der Projektion hingegen, nehme ich zitrische Frische wahr.
Dies wiederholt sich bei mehreren weiteren Tests an den nächsten Tagen gleichermaßen, wobei ich heute das erste Mal auch deutlich Mandarinen zu riechen glaubte.
Erst nach jeweils zwei bis drei Stunden legt sich der mir unangenehme Geruch auf der Haut und Gabrielle bringt mich auf andere Weise zu meiner Anfangsassoziation zurück: Jetzt passt Gabrielle wieder zu Frau Dr. B.. Nun nehme ich wieder die edle Eleganz, die Zurückhaltung wahr, ohne dass der Duft langweilig ist. Er ist wieder weicher geworden, die Noten haben sich geordnet und das Stickige lässt zunehmend nach. Er ist weiterhin hell und zitrisch-frisch, nun jedoch von mehr Wärme unterlegt, die einen Hauch Würze beinhaltet und auch einen herben Unterton, den ich in Kenntnis der Pyramide Grapefruit und Johannisbeere zuordne.

Die ganze zweite Hälfte der Herznote und bis in die Basis wird Gabrielle nun immer schöner in meiner Nase. Es bleibt zitrisch, aber nicht mehr ganz so frisch, der herbe Faktor dauert an und macht den Duft interessant, während er in winzigen Schritten weiterhin wärmer wird, wobei man immer noch nicht von einem warmen Duft sprechen kann. Er bleibt eher kühl, aber durch die sanfte, weiche Grundlage wirkt er nicht kalt oder unfreundlich, sondern edel. Vollends in der Basis angelangt, ist er dann dezent und transparent cremig und würzig. In der Projektion und Bewegung wirkt Gabrielle jedoch auch dann noch weiterhin zitrisch und hell.
Ob ich ihn letztlich in meine Sammlung bringen möchte, bleibt vorerst offen, aber allein die Erinnerung an Frau Dr. B. hat dieses Dufterlebnis für mich sehr wertvoll gemacht!
17 Antworten

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