Fleuris Parfumblog

19.12.2019
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Ein Blick in die Glaskugel: die Marke Jean Patou

Gegen Ende des Jahres sind Rückblicke und Ausblicke so unverzichtbar wie die Prise Zimt im Punsch und gute Vorsätze genau so überflüssig, wie sie immer schon waren. Mit ganz privaten Blicken -hin oder her - werde ich hier nicht dienen, aber wenn ich den Fokus meiner Glaskugel auf die Maison Jean Patou richte, wird mir richtig schwarz vor Augen. Dass mich die Zukunft dieser Marke besonders berührt, ist mit meinem Signatur-Duft "1000" quasi selbsterklärend und ich bin mir sicher, dass ich mit meiner Sorge um Patou-Parfums nicht ganz alleine auf weiter Flur bin.

Gut, fangen wir einfach mal damit an, wirre Gerüchte um die eingestellte Produktion und belastbare Fakten voneinander zu trennen, chronologisch zu sortieren und Widersprüche aufzuzeigen.

Die Geschichte der Maison Jean Patou von ihren überaus erfolgreichen Anfängen in den 30ern bis hin zu ihrem Dahindümpeln in den 90er Jahren ist hinreichend bekannt. Selbst das legendäre "Joy" konnte den schleichenden Untergang des Hauses nicht mehr aufhalten. 2001 wurde die Marke an Proctor&Gamble verkauft und dort für gut 10 Jahre auf Eis gelegt. Die Parfums verschwanden vom Markt, von der Couture-Line war ohnehin nie die Rede.

2011 ging die Marke in den Besitz der britisch-indischen Investor-Gruppe "Designer Parfums" über (eine Tochter der Shaneel Group), und dann geschah etwas Erstaunliches. Die neuen Marken-Eigentümer nahmen richtig viel Geld in die Hand, engagierten Meisterparfumeur Thomas Fontaine und brachten die alten Klassiker, wenn auch nach IFRA-Regeln etwas geliftet, wieder in die Parfumerien. Ein wagemutiger Schritt, wenn man bedenkt, wie sehr sich der Markt inzwischen gewandelt hatte.Treue Patou-Fans konnten aufatmen, weil nicht nur ihre Lieblinge wie Joy, 1000 oder Sublime wieder da waren, sondern mit der Héritage Collection auch noch die alten Schätze des Hauses endlich ans Tageslicht kamen. Es gab sie wieder, die Parfums Jean Patou und mit ihnen einen Parfumeur, der den Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen opulenter Fülle und knallharter Kalkulation mit unvergleichlicher Sensibilität beherrschte. Es hätte so schön sein können.

Im Spätherbst 2017 kamen die ersten Gerüchte auf, als LVMH-Manager bestimmte Positionen bei Designer Parfums übernahmen und in brancheninternen Medien wurde wild spekuliert. Dennoch dauerte es noch fast ein Jahr, bis der äußerst diskrete Deal schließlich öffentlich wurde: LVMH hatte 2018 die Marke Jean Patou mit allen Rechten übernommen.

Von nun an wird es nicht nur ziemlich unschön, sondern auch einigermaßen verworren und widersprüchlich.

Hier ein Zitat aus der offiziellen LVMH-Website:

"Im Jahr 2018 erwarb die LVMH-Gruppe Jean Patou im Rahmen eines strategischen Abkommens mit Designer Parfums, um die Modeabteilung zu übernehmen. Sidney Toledano betraute Guillaume Henry mit der künstlerischen Leitung und der Aufgabe, die Prêt-à-Porter-Linien für Damen wieder in Schwung zu bringen."

Aha, ein strategisches Abkommen um die Modeabteilung zu übernehmen! Welche Modeabteilung bitte? War die nicht schon seit Ewigkeiten mausetot und mumifiziert? Egal, LVMH hatte sich da garantiert nicht nur eine kleine vertrocknete Rosine herausgepickt und auf den Rest verzichtet. Was sich denn auch sehr schnell zeigte.

Kaum war die Tinte auf den Verträgen trocken, lancierte Dior 2018 einen neuen Duft namens "Joy". Einfach so. LVMH hatte also die gesamte Marke Jean Patou übernommen und als erstes den legendären Namen "Joy" auf einen Dior-Duft übertragen. Womit das Jahrhundert-Parfum "Joy" von Jean Patou, dereinst als das teuerste Parfum der Welt bestaunt und bejubelt, nun endgültig beerdigt werden dürfte. Ja, derartiges dürfen sie als Rechte-Inhaber, da gibt es nichts zu diskutieren.

Anhand der chronologischen Abfolge der Ereignisse und der äußerst dürren Worte in den LVMH-Pressemitteilungen kann man sich seinen eigenen Reim auf die Zukunft des Hauses Jean Patou machen. Die Marke "Jean Patou" gibt es nämlich schon nicht mehr, sie wurde kurz und bündig in "Patou" ohne Jean umgetauft. Auf der neuen Website wird das sogar in schwurbeligster Werbepoesie erklärt. Von Parfums ist da übrigens nichts zu sehen, sie scheinen nicht mehr zu existieren.

Ich gehe, nach einer recht intensiven Recherche, davon aus, dass die Produktion und der Vertrieb sämtlicher Patou-Düfte erst einmal gestoppt wird. Designer Parfums kann die logischerweise nicht mehr produzieren und vertreiben, da sie daran keine Rechte mehr haben. LVMH kann seinerseits so hochkomplexe Düfte wie "1000" oder SublimeSublime nicht produzieren ohne sie wahrhaftig zu kastrieren. "Joy" - die große Legende - hat ja schon eine neue Heimat gefunden und für den Rest interessiert sich eh nur eine Handvoll Verrückter, denen es zwar weh tut, das zu lesen, die aber nichts daran ändern können.

Wie eingangs gesagt, ich sehe schwarz. Aber wer weiß. Wenn sich die seit letzten September reanimierte Modelinie als Megaseller erweist, wird es dann vielleicht sowas wie "Patou Fashion" oder "Cool Patou Summer Edition" geben.Warum auch nicht. Immerhin scheint allein der Name Jean Patou heute doch noch ziemlich viel wert zu sein. Wenigstens etwas.

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