Fleuris Parfumblog

31.08.2020
50

Eine Nachricht und ein Nachruf

Nun ist es also soweit, meine schlimmsten Befürchtungen bezüglich der Parfums Jean Patou sind eingetreten. Vor einigen Tagen erhielt ich aus dem Hause PATOU (großgeschrieben und ohne Jean, wie es jetzt heißt) in einer zwar persönlichen, aber gleichwohl offiziellen Email die Bestätigung, dass es keine Patou-Düfte mehr geben wird und dass die Produktion eingestellt wurde. Obwohl in ein paar Nebensätzen etwas Raum für Spekulationen über eventuelle, denkbare, mögliche, künftige Lizenznehmer gelassen wurde, scheint mir das nur so etwas wie ein Trostpflästerchen zu sein, um die traurige Wahrheit etwas abzumildern und die Verbindung zu Patou nicht ganz zu kappen.

Wie ich in meinem Blog "Ein Blick in die Glaskugel..." vom 19.12.19 schon geschrieben habe, wurde von den neuen Besitzern der Marke, dem Luxuskonzern LVMH, als erstes in 2018 der legendäre Name Joy auf ein neues Parfum von Dior übertragen. Womit es ein neues Joy de Patou niemals wieder geben kann, denn die Rechte an Joy dürften das Herzstück des Deals gewesen sein, wenn man von der Modelinie mal absieht. Mit diesem Schritt der Entkoppelung von Joy von den anderen noch produzierten Patou-Düften, war klar, dass die Letzteren nicht mehr von wirtschaftlichem Interesse waren und verschwinden konnten. Tatsächlich war mit Joy die einzige noch halbwegs rentable ehemalige cashcow des Hauses sozusagen vom Eis und sicher im Dior-Stall untergebracht. Der Rest konnte auf dem Altar des Gottes Mammon geopfert werden oder als Vintage auf Gnadenhöfen unterkommen. Das rabiate Vorgehen von LVMH bei Marken-Übernahmen ist schließlich hinreichend bekannt.

Dereinst mit einem genialen Marketing als teuerstes Parfum der Welt gefeiert, war Joy eine der großen Parfum-Ikonen des 20. Jahrhunderts und nicht weniger berühmt und begehrt als Shalimar oder Chanel No.5. Von Anfang an auf den Geschmack amerikanischer Kundinnen zugeschnitten, und deshalb auch nicht Joie sondern Joy benannt, war es zunächst als Werbegeschenk für diese reiche Klientel gedacht, die während der Weltwirtschaftskrise nicht mehr nach Paris zum Einkaufen sündteurer, sportiver Patou-Mode kommen konnte. Also schickte man den Hauch von Luxus in Form eines unvergleichlich teuren Parfums über den Großen Teich und hoffte auf bessere Zeiten. Die Erfolgsgeschichte von Joy würde hier den Rahmen sprengen, aber soviel sei gesagt: es war wohl die teuerste Werbeaktion jener Zeit, denn die Produktionskosten für Joy, mit seinem irrsinnig hohen Anteil an Jasmin-und Rosen-Absolue, waren einfach so exorbitant, dass das Haus Jean Patou sie kaum länger durchhalten konnte. Dennoch haben sie es geschafft und Joy wurde zu der Legende, die es fast neunzig Jahre lang war. Das ist nun vorbei.

Ich habe Joy hier als Beispiel gewählt, stellvertretend für all die anderen großartigen Düfte von Patou, die eines eint: meisterhafte Kompositionen in exquisiter Qualität. Diesen hohen Anspruch über fast ein Jahrhundert zu erfüllen, war für ein eher kleines Haus wie Patou nicht möglich, was seine wechselvolle Geschichte belegt. Die Übernahme der Marke durch Designer Parfums (2011) und die durch Thomas Fontaine als Chefparfumeur sehr feinfühlig ausgeführten Neuauflagen der klassischen Patou-Düfte ließen Hoffnung auf einen Fortbestand der Marke aufkommen. Hoffnungen, die sich letztlich nicht erfüllt haben, weil der Markt dies offenbar nicht zulässt. Parfums von Patou waren früher schon das, was man heute mit Nische bezeichnen würde: exklusiv, teuer und sehr schwer zu bekommen – jedenfalls bevor das Internet auf die Welt kam. Auf dem heutigen Markt, zwischen Mainstream und maßlos überzogener Gier, mit der die großen Konzerne auch die Nischen für sich beanspruchen, ist kein Platz für eine eher weniger bekannte Marke, die nicht mit hippen Designern aufwarten kann.

Meisterwerke der Parfümkunst sind alleine kein Garant für Erfolg mehr, zumal sie langsam aussterben, und für die breite Masse war Patou ohnehin nie erreichbar.

Verabschieden wir uns also und halten die in Ehren, die uns noch geblieben sind.

Adieu les Parfums de Patou, es war eine wundervolle Zeit mit euch !

21 Antworten