FluxitFluxits Parfumrezensionen

1 - 5 von 64
Fluxit vor 2 Jahren 19
9.5
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage

Das Eichenmoos, es weichen moosss ...
Man verzeihe mir den saloppen Titel. Ohne Humor kann ich mit den ganzen aufkommenden Verboten für natürliche Inhaltsstoffe einfach nicht mehr umgehen. Jetzt ist voraussichtlich die beste Zeit, sich noch mit echten Eichenmoosdüften einzudecken. Ich hab's jedenfalls getan und zähle Bosc damit zu meinen neusten Errungenschaften.

Duft
Frisch auf der Haut ist Bosc tatsächlich frisch, orangefrisch. Aber nur kurz. Grünherbkrautig, jede Menge Wacholder, bald schärflich mit leichter Acetonnote. Trotzdem nicht anstrengend. Nach ca. 30 Sekunden trockener nachgeschärft. Nicht staubig wie viele Nadelholzdüfte, sondern klarer, hell.
Die Basis pendelt sich zügig ein. Wacholder und Eichenmoos, trockenrauchig glimmend. Richtig gut! Mehr braucht es nicht für einen spannenden Volltagesbegleiter, der selbst in der Nacht noch nachknistert.
Bosc bedeutet übrigens nicht wie von mir vermutet "Busch", sondern "Wald". Das passt auch besser. Aber wie so oft liegt die Wahrheit dazwischen. Und wo wir schon beim Marketing sind: Dazu hab ich eine Geschichte, die deutlich länger ist als die Beschreibung des Duftes.

Marke
Eigentlich war es ganz anders geplant: Juniper Ridge hat neue Solids am Start und wo kann man die testen? Zum Beispiel in Berlin, und da war ich zufällig. Wildhoodstore heißt der Laden, sympathische Menschen hinter der Ladentheke. Parfum ist selbstredend nicht ihr Kerngeschäft, doch der Austausch war dennoch so spaßig wie interessant. Ich fachsimpelte mit Alternativen zu JR und meinen Naturdufteindrücken, sie erzählten im Gegenzug, dass sich tatsächlich fast nur holzfällerbehemdte Hipsterkerle die Düfte kauften. Als ich mich nach weiteren Düften oder Testermengen für Wanderpakete erkundigte, kramten sie im Lager und zauberten das Discovery Kit von Bravanariz hervor. Eine junge kalatonische Marke, die ihre Naturparfums an den Markt bringen möchte. Sie zögerten mit der Platzierung im Laden, meiner Meinung nach zurecht: Ein Discovery Kit für 85€, ohne einfache Vortests wegen der fehlenden Spraymöglichkeit (Rollerball-Pens!) ... hmm. Zumal man ja im Normalfall nur selten alle drei Düfte überzeugend findet. Sie ließen mich die Düfte dennoch auftragen - bzw. deswegen, denn an einen Verkauf glaubten sie nicht - und Bosc hat mich über bestimmt 24h so reizvoll begleitet, dass ich mich direkt auf der Webseite erkundigt habe. Und siehe da, die Pens werden auch einzeln verkauft. Ich ließ es mir nicht nehmen, direkt meine ausführliche Meinung in das Kaufnotizfeld zu dumpen und die Düfte für ihre Qualität zu loben, denn nach über zwei Jahren intensiver Naturdufttests traue ich mir da mittlerweile genügend Kompetenz zu. Ernestos Antwort kam prompt: Ja, sie sähen vieles davon mittlerweile ähnlich und vielen Dank für das Feedback, und ob ich nicht vielleicht entweder das (hohe) Porto geschenkt oder das kostenlose Upgrade zum Discovery Kit haben möchte? Und so trudelte schon bald das Dufttrio aus Muga, Cala und Bosc bei mir ein. Zusammen mit einem Notizbuch samt farbiger Kräuterzeichnungen, einer gedruckten Einkaufstasche, einem persönlichen Brief sowie zweier unfertigen Basen für geplante Parfums mit der Bitte um mein deutsches straight-forward Feedback. Ich hab erst eine der beiden getest und bin bereits fasziniert, kann von mir aus direkt so in die Flasche und gerne zu mir, nur ein Fixativ könnte es noch vertragen. Eichenmoos in, wie Ernesto augenzwinkernd und mit gewissem Stolz betont, IFRA-standardbrechender Konzentration. Da kann man direkt Freudentränen über den Duft und Trauertränen über die kommenden Verbote gleichzeitig heulen. Nach regem Emailaustausch freue ich mich über diesen tollen Kontakt, der bei Indieparfumerien immer noch direkter und authentischer gefüllt wird. Und auf den Test der zweiten Basis freue ich mich auch schon.

Empfehlung - sowohl das Parfum als auch die Marke!
6 Antworten

Fluxit vor 2 Jahren 14
9
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage

Laudanumlakritze
Als ich Cala im Berliner Ladengeschäft getestet habe, dachte ich sofort an "Sola Laudanum" von KoRo Perfumes. Beides reine Naturparfums. Mir ist klar, dass das den meisten hier so noch keine Orienterung geben kann, deswegen stichwortartig die verwandten Attribute: Dunkles Harz, klebrig im Dufteindruck wie auch etwas auf der Haut (vergleiche Norne von Slumberhouse), fast düstere bis harzigfruchtige (Pflaumen? Rosinen?) Basis.

Im Zweittest zuhause bestätigt sich der Eindruck, verschiebt sich aber weit nach hinten.
Stattdessen nehme ich die Kopfnote als aromatisch würzig war, etwas krautig mit Rosmarin, harzigscharfer Kampher / Menhol, säuerlicher Salbei. Das klingt wirr und ist auch für die Nase ungewohnt, die sich in der gleichzeitig warmen wie kalten Melange zurechtfinden darf. In der Aromatherapie ist dieser Widerspruch bereits im Kampher alleine zu finden, der zwar auf der Haut kühlend wirkt, gleichzeitig aber durch die geförderte Durchblutung den Wärmefluss fördert. Hier verstärkt sich der höher temperierte Eindruck vermutlich durch die trockener wirkenden Kräuter. Die auf der Webseite beschriebene Muse der kühlenden Seebrise in der auf die Klippenhöhlen knallenden Sonnenhitze finde ich ansprechend und passend umgesetzt.
Es dauert nur Minuten, bis sich eine süßliche Anisnote dazugesellt. Ohne Zweifel dem Fenchel zu verdanken und bald für mich klar nach Lakritz duftend. Polarisiert ja bekanntlich - ich liebe es! Dieses dunkelharzige Lakritzaroma schenkt Cala sein ausgesprochen leckeres Herz, perfekt austariert mit einer winzigen Minzfrische.
Im Herz verliert sich jegliche Lakritzanwandlung und Cala wandelt sich wie oben beschrieben in die harzigere, fruchtigere Dunkelheit. Vielleicht hat man sich hier bereits in die Höhle zurückgezogen.

Mir gefällt Cala durchgehend gut. Wer dunkle Fenchelthemen und Naturparfums mag, sollte hier mal reinschnuppern.
6 Antworten

Fluxit vor 2 Jahren 12
8.5
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage

Unplain Plains
Muga gehört im Bravanariz-Portfolio zu dem Trio der Landschaftsdüfte. Wie bei Juniper Ridge & Konsorten werden auch hier Materialien in der Wildnis gesammelt, um zu einem 100%-igen Naturparfum komponiert zu werden. Anders als bei JR, Barnaby Black oder Firn Fragrance stammt Bravanariz allerdings aus Europa, nämlich aus Katalonien. Das schlägt sich spürbar in anderen Duftnoten wieder.

Vorweg: Das komplette Discovery-Kit mit den drei Düften taugt was! Sowohl in Qualität als auch Haltbarkeit. Ganz einfach sind sie jedoch nicht.

Muga fordert mich am meisten. Immortelle und ich sind alles andere als Freunde und so könnte ich gut auf ihre Würze verzichten, die den Duft über Stunden begleitet. Dennoch finden sich hier jede Menge Konterparts, die zu einem ausgeglichenen Bild beitragen. Muga startet fast medizinisch herb, die alkoholische Note trocknet fahlscharf mit einem grünkampherigen Waldeindruck. Nach wenigen Minuten befinden wir uns bereits im sonnenbeschienenen Feld, warm und dürregold.
Ich hätte schwören können, dass danach Eichenmoos einfällt, und zwar nicht zu knapp. Ist aber nach Auskunft von Ernesto - ein ausgezeichneter und lebhafter Kontakt übrigens, zu dem ich an anderer Stelle mehr schreiben werde - nicht enthalten. Labdanum! Steht nicht in der Pyramide, ist aber trotzdem implizit drin, gewonnen aus den Bestandteilen der Zistrose. Schärfe und Rauchigkeit stehen nun im Vordergrund.
Mich hätte nicht gewundert, wenn Muga langsam genauso ausglimmt, aber nach 8-9 Stunden (!) schiebt sich eine fast honigliche Süße unter die trockene Basis. Hier genieße ich den Duft am meisten, hier finden sich alle Bestandteile und flirren harmonisch über die Ebene. Minimal floral bis puderige Aspekte tragen sparsam zum friedlichen Gesamtgefühl bei.

Muga bedeutet "Fluss", aber dieses Parfum steht für die Ebene. Der Fluß windet sich aus dem Berg und durchzieht das trockene Land, das durstig aufblüht. "Plains" - die Ebene, plain steht aber auch für "gewöhnlich". Hier ist sie alles andere als das. Nicht der zahmste Duft, aber das sind Flüsse ja selten. Interessant!
2 Antworten

Fluxit vor 2 Jahren 25

Schrödingers Katze
Verflixte Kiste! Da will man einmal - also wie immer - mal endlich kein Parfum mehr kaufen und dann lanciert Lush einen Duft mit Johannisbeere, Kiefer, Vanille, Limette und Eichenmoos. Ja, Pyramide abgeschrieben, aber extra, denn alle diese Noten liebe ich. Es kannnnn gar nichts schiefgehen. Da ist es egal, wie oft man bereits durch PyBliVe (lies: "Pyramidenblindvertrauen", eine heimtückische, zum Konsum anregende Parfumo-Krankheit) enttäuscht wurde. Dreisterweise gibt es Assassin dazu nur online.

Immerhin reichte meine Vernunft, bis zur ergatterten Probe abzuwarten, die ich zusammen mit KayLiz und KingLui öffnete. Ein wenig absurd erinnerte mich der Akt an diverse Unboxing-Videos aus dem Internet, denen ich in der Regel mit Skepsis und Unverständnis begegnet war. Kay sprühte auf und - schwupps - war ich geheilt: Süßes Tonkapuder. Ein klebriger Gourmand, der sich so entfernt von jeglichen Inhaltsnoten oder gar beworbenen Duftkategorien bewegte, dass mein nächster Assassinenakt bestenfalls empörte Lücken in Lushs Marketingsprofis schlug.

Zuhause der Zweittest an mir und diesmal, wieder verflixte Kiste, strömt mir köstlich sauere Johannisbeere entgegen. Als wäre es ein anderer Duft. Tonkapuder schon auch, aber diesmal abgemischt. So wie die Lush-Filialen nach allem möglichen riechen - manche lieben es und andere können es nicht leiden - brodelt auch in Assassin einiges unter der zitrischfruchtigen Oberfläche. Klebrige Süße, Wald eher als Harz denn als grüne Zweigsammlung, später dunkelstaubig abgemischter Milchkakao. So natürlich - nicht - wie die knalligen Badebomben und im aufgepusteten Aromavolumen fast ein wenig zuviel des Guten in seinem süßsauren (trick or treat?) Gesamtpaket. Und doch, irgendwie geil. In seiner Mehrheit sicherlich gourmandig.

Das i-Tüpfelchen setzt das einrauchende Eichenmoos gegen Schluss, diesmal allerdings doch verblüffend natürlich. Nach dem Naturduftprojekt liebgewonnen, schwoft es nach der Tageshälfte stellenweise ans Dämmerungslicht und setzt Rauchzeichen. Attentäter erfolgreich. Mission accomplished, Dauer insgesamt von morgens Acht bis Mitternacht.

Übrigens, dann: Ausverkauft. Was ich NOCH dreister finde als den reinen Onlineverkauf, nun aber von der Käuferschaft, zu der ich unverschämterweise nicht gehören durfte. Dann einen einsamen Quasineuflakon auf Kleiderkreisel erspäht, den mir die Verkäuferin großzügig mit weiteren exklusiven Lush(-Duschgel)proben hinterließ. Und nun ist er mein. Danach ist das wie bei Schrödinger: Bevor man einen gebrauchten Flakon aufmacht, sind in der Flasche gleichzeitig der originale Duft oder irgendeine Quatschfälschung. Erst beim Aufsprühen entscheidet sich der Flakon für einen Quantenzustand. Bei mir zum Glück zum Original, yay!

Verflixte Kiste. Und in dieser Kiste sitzt die Konsumverweigerkatze.
Leider hat Assassin sie erlegt. Klappe zu, Katze tot. Riecht aber trotzdem gut.
4 Antworten

Fluxit vor 2 Jahren 7
8
Duft
7
Haltbarkeit
4
Sillage
10
Flakon

Friedliches Flirren
Tolteca als Marke gefällt mir gut. Wirklich richtig tolle Flakons mit dekorativer Holzkappe und feinem Zerstäuber. Man kann die Kappe mit dem schönen Relief gar abnehmen und an dem mitgelieferten Schlüsselanhänger befestigen. Ich bewerte Flakons nur selten, aber dieser hat es mir so angetan, dass ich mich nach Kurztest der Probe kürzlich auch zum Spontankauf im Angebot entschied.

Omeyocan startet grünfrisch, mit einem lecker bitterem Grapefruiteinschlag. Sauer und lustigfruchtig. Schnell weich abgecremt, eine freundliche Wendung. Nach wenigen Minuten dann herbtrocken, fast schon erdig. Interessant, wie sowohl Anguas Statement der Erdnähe als auch Maggy4us Bild des Luftelementes zutrifft. Omeyocan ist seriös und doch leichtfüßig unterwegs. Okay, Richtung leichtes Männercologne, aber weit weg vom Rasierwasser und problemlos vom weiblichen Geschlecht ausführbar.

Nach etwa einer halben Stunde rutscht eine kräutrige Note ins Gesamtbild. Thymian oder Basilikum, ich bin aber nicht sicher. Mich erinnert der Duft damit an "Mandarine Sanguine / Ruby Tangerine", der ebenfalls frisch zitrisch beginnt und sich ins Kräutrige wandelt. Dort wird Thymian genannt, passt. Mir wäre es ohne diese Kräuternote lieber, auch wenn die aufgewertete Komplexität willkommen ist. Insgesamt bleibt Omeyocan dezent und angenehm, kaum überdosierbar. Flirrt friedlich vor sich hin.

Momentan kommt der Flakon erstmal schmückend zu seinen schnöderen Schrankgeschwistern. Wer daran Interesse hat, schreibe mich gerne an, früher oder später wird er sich nämlich weiter auf den Weg machen.
2 Antworten

1 - 5 von 64