FvSpees Parfumblog

13.09.2020
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Illustrierte Berliner Duftspaziergänge I: Von Friedenau nach Schmargendorf

Die Berliner Duftspaziergänge werden nach längerer Pause (als illustrierte Staffel II) fortgesetzt, und um nichts zu überstürzen, fangen wir da an, wo Berlin garantiert nicht hektisch und stressig ist, wo man bei „Nische“ an Kochnischen denkt und beim Stichwort „Hipster“ gefragt wird: „Waren das nicht diese Blumenkinder?“: Zwischen Friedenau und Schmargendorf.

Wir beginnen unseren Spaziergang am Rathaus Friedenau, aber dahin müssen wir erst einmal kommen. Wir entscheiden uns für den Anmarsch vom Innsbrucker Platz, der eine S- und eine U-Bahnstation aufweist. Dieser Platz liegt nicht allzu weit vom Rathaus Schöneberg entfernt, von dessen Balkon Kennedy den berühmten Satz sprach. Er war vermutlich einmal sehr schön, bis ihn Bomben, Immobilienspekulation, eine S-Bahn-Linie und zwei sich kreuzende Autobahnen zu einem der hässlichsten Plätze Berlin, wenn nicht Deutschlands, machten. Von diesem (auch ästhetischen) Nullpunkt aus gehen wir etwa 10 Minuten entlang der B1 (die auf diesem Stück zuerst Hauptstraße und dann Rheinstraße heißt) nach Südwesten. Das ist die alte Reichsstraße 1 von Königsberg über Berlin und Potsdam bis Aachen.

Wir kommen dabei am Zig-Zag-Jazzclub vorbei, bei dem man sich immer fragt, ob das Haus schon immer nur ein Obergeschoss hatte oder ob alles, was darüber lag, im Krieg abgeräumt wurde, an der In-Pizzeria Malafemmena und an meinem Thai-Geheimtipp „Sweet Cocos“, der das Erdgeschoss eines gar nicht so uneleganten Fünfziger-Jahre-Wohnhochhauses („Helle Wohnungen für Familien“) belegt. Das Haus wurde überraschend angeschrägt an die Straße gedockt, gerade so weit versetzt, dass die Restaurantbetreiber eine Art grün umschlossenen Mikrobiergarten implantieren konnten.

Unbemerkt haben wir da dann schon die Grenze von Schöneberg nach Friedenau überschritten. Dieses (eher groß-) bürgerliche Viertel wurde um die Jahrhundertwende aus dem märkischen Sand gestampft und füllte die Lücke zwischen dem eher proletarischen Schöneberg im Nordosten und dem ein bisschen langweiligen Steglitz im Südwesten. Erich Kästner soll ja, wenn er unglücklich war, immer nach Steglitz gefahren sein, um dann zurückzukehren, sich einen Kaffee zu machen und sich zu freuen, dass er nicht mehr in Steglitz ist. Die Friedenauer setzten sich also von beiden Orten streng ab und bauten sich ein eigenes, für das kleine Gebiet viel zu großes, Rathaus. Geld hatten sie ja genug.

Damit sind wir als am eigentlichen Startpunkt des Spaziergangs angelangt, am Rathaus Friedenau am Breslauer Platz. Ein Foto gibt es hier nicht, da sich dieses Gebäude derzeit eingerüstet und damit wenig fotogen präsentiert. Es diente lange Zeit als Außenstelle der Bezirksverwaltung von Schöneberg (Friedenau ist irgendwann dann doch eingemeindet worden nach Schöneberg), dann nach 2015 als Flüchtlingsunterkunft und jetzt wird es gerade generalsaniert.

Ab jetzt bewegen wir uns eigentlich immer geradeaus, und immer inmitten üppigen Grüns: Vom Breslauer Platz führt die kleine und lauschige Schmargendorfer Straße fast genau nach Westen, zuerst Nachkriegsbebauung, dann folgt der prächtige, mit Repräsentationsbauten der Gründerzeit, etwa einem riesigen Kaiserlichen Postamt (und einem schwäbischen Restaurant mit Tannenzäpfle-Bier) bebaute kreisrunde Renée-Sintenis-Platz und schließlich kommen villenartigen Altbauten.

Für Autofahrer endet der Weg in einem Wendehammer, der Wanderer oder Radfahrer kann ihn über den etwas unförmigen Friedrich-Wilhelm-Platz mit der schönen Kirche zum guten Hirten (an der uns ein Plakat der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz darauf hinweist, dass Hass der Seele schadet) hinweg aber fortsetzen.

Die Straße heißt jetzt Wiesbadener Straße und ist noch immer großbürgerlich geprägt; einzelne schlichtere Wohnhäuser, an denen in der Nachkriegszeit der Stuck abgeschlagen wurde (oder die zerstört und funktional neu aufgebaut wurden), beeinträchtigen das Gesamtbild nicht. Die Backstube Wiesler wirbt mit: „Bei uns läuft die Ware nicht vom Band, wir backen noch mit Meisterhand“.

Der Südwestkorso, den wir jetzt kreuzen, markiert die Grenze zwischen Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf und damit auch die zwischen Friedenau und dem Rheingauviertel (einer Wohnlage von Wilmersdorf, die allerdings administrativ nie selbstständig war). Sozial, architektonisch und von der Entstehungsgeschichte her ähnelt das Rheingauviertel (in dem die meisten Straße und Plätze nach Orten im Rheingau benannt sind) Friedenau. Auch heute noch ist es ein gehobenes Wohn- und Repräsentationsviertel mit viel Altbausubstanz und Grün. Allerdings war gerade derjenige Teil der Wiesbadener, auf der wir uns bewegen, stark kriegszerstört und stand seither ein wenig im Schatten der Stadtentwicklung, sodass es ein paar hundert Meter lang eher aussieht wie im Wedding.

Dann trifft die Wiesbadener Straße auf den Rüdesheimer Platz, das Herz des Rheingauviertels. Unterirdisch befindet sich hier einer der prächtigsten Berliner U-Bahnhöfe (man meint fast in Moskau zu sein), der vom früheren Reichtum der Gegend zeugt. Oberirdisch ist die Lage noch immer etwas berlinisch durchwachsen, Paläste stehen neben etwas schäbigeren, nun, fast möchte man sagen Verschlägen. Am Rüdesheimer Platz liegt auch das schicke Restaurant Pastis, wo man auch schon bevor die Mauer fiel und Mitte hip wurde, ziemlich authentische gehobene Pariser Bistroküche genießen konnte.

Direkt um die Ecke, anschließend an einen etwas suspekt wirkenden Gemüseladen, liegt die nach Eigenwerbung älteste noch bestehende inhabergeführte Berliner Sortimentsparfümerie (seit 1935): die Parfümerie Himmer.

https://himmer-parfuemerie.de/

Das Ladenlokal ist nicht allzu groß, und auch das Sortiment ist nicht riesig. Pflegeprodukte für die Damen nehmen einigen Platz ein. Was die eigentlichen Duftregale betrifft, ist immerhin ein gutes Drittel den Herrendüften gewidmet. Hier (und bei den Damen ähnlich) besticht das Angebot durch konsequenten Verzicht auf alles, was auch nur von Weitem nach Nische aussieht. Es dominiert, ja es monopolisiert, Bewährtes nebst Neuerscheinungen aus der Mitte des großen, breiten Stromes. Immerhin konnte ich mit einigem Vergnügen ein paar mir bis dato noch nicht bekannte, heute auch nicht mehr sehr bekannte Klassiker aus vergangenen Jahrzehnten findet und testen, nämlich Dune pour homme von Dior, Marbert Man und Cacharel pour l'homme. Auf der Unterseite der Testflakons ist die Duftpyramide, mit ungelenker Handschrift "Tinte auf Papieretikett" notiert, vermerkt; ein wichtiges Servicedetail.

Die Beratung durch die anwesenden Damen war freundlich und unaufdringlich, deckte jedoch keine verborgenen Wissensreserven im Off-the-road-Bereich auf. Die Reaktion auf Frage nach Néroli Intense von Jeanne en Provence wurde so quittiert, als ob ich die Frage auf Kambodschanisch gestellt hätte. Ich kaufte schließlich nur ein Päckchen Solinger Rasierklingen für meinen Hobel, erhielt dafür allerdings zwei Gratispröbchen Düfte; und die drei Düfte, die ich auf Streifen getestet hatte, wurden mir ungefragt in je ein eigenes Spurensicherungsplastiktütchen eingepackt. Diesen Service kenne ich sonst nur aus meiner Lieblingsparfümerie in Brüssel.

Alles in allem eine angenehme, behagliche und zugewandt geführte Parfümerie alten Stils mit ebensolchem Beratungspersonal und mit dem gewissen historischen Kick; für abgebrühte Duft-Aficionados aufgrund der doch etwas reduzierten Bandbreite im Angebot allerdings etwas weniger spannend.

Wir verlassen die Parfümerie Himmer und überqueren auch den Rüdesheimer Platz, auf dem übrigens seit etlichen Jahren jedes Frühjahr, wenn nicht gerade eine weltweite Pandemie unterwegs ist, der kleine aber feine Berliner Weinmarkt stattfindet.

Der Weg auf der Wiesbadener Straße westwärts wird fortgesetzt, und nun erleben wir mustergültig das, was für Berlin so typisch ist, den radikalen Wechsel von komplett verschiedenen Lebenswelten auf engstem Raum; sozusagen ein soziokulturelles Kneipp-Bad. Unmittelbar nach dem vorwiegend großbürgerlichen Rüdesheimer Platz wird die Wiesbadener für etwa hundert Meter fast so etwas wie studentisch (mit dem Tatoo-Studio „LebensArt“ und dem sehr sympathischen , tatsächlich annäherungsweise hip wirkenden Café „J'Espresso“, um dann brüsk in nichts anderes umzuschlagen, als, ja genau, eine Schrebergartenkolonie. Dazu fehlen mir die Worte, sodass ich das Bild alleine sprechen lassen muss.


Nach der Schrebergartenkolonie (und wir sind seit dem Rathaus Friedenau mit dem Fahrrad erst etwa 10 bis 15 Minuten unterwegs!) kommt es noch dicker: Auf einige hundert Meter folgt ein brutistisch betoniertes Wohnhochhausviertel, vermutlich aus den Sechzigern, dessen Bau untrennbar verknüpft ist mit dem der hier die Wiesbadener querenden Autobahn: der im Wesentlichen sinnfreie „Abzweig Steglitz“ der A100, ein Relikt aus der Zeit der Planungen für die „autogerechte Stadt“.


Nachdem man nach dem Mikro-Kleingarten-und-Kleinbürgerparadies und das Mini-Märkische-Viertel hinter sich gelassen hat, berührt die Wiesbadener Straße die Mecklenburgische Straße und wird, von diesem Kuss verwandelt, zur Breiten Straße. Als solche setzt sie ihren Weg nach Westen fort. Das Niemandsland westlich vom Rheingauviertel liegt hinter uns, Schmargendorf ist erreicht.

Schmargendorf ist so grün und beschaulich wie Friedenau, und ich nehme an, dass die Grundstückspreise genauso hoch sind. Es wurde aber nicht erst um 1900 als Wohnparadies für die reichen Bürger aus der Retorte entwickelt, sondern ist ein wirkliches historisches Dorf, 1220 gegründet. Daher wirkt es heute mal wie ein westdeutsches Kleinstädtchen und mal noch immer wie ein wirkliches Dorf, letzteres etwa wenn man vor der winzigen, 700 Jahre alten, Feldsteinkirche steht. Hier auf der Breiten Straße, einer niedlichen kleinen Einkaufs- und Flaniermeile, rechts mit Altbauten, links mit gar nicht so übler Nierentischfuturistik, muss ich sogar an die „Villages“, die kleinen, oft künstlerisch angehauchten, und so lebenswerten Wohn- und Geschäftsviertelchen von Vancouver am Pazifik denken.

Nun gabelt sich die Breite Straße. Wir folgen der halbrechten Gabelung, die Berkauer Straße heißt, und treffen schon nach fünf oder sechs Häusern auf der linken Straßenseite auf die Schmargendorfer Filiale der Parfümerie Gabriel.

Das Stammhaus dieser familiengeführten kleinen Kette wurde 1988 in Tegel gegründet, auch dies ein ruhiger und sozial gemischter Stadtteil. Die dynamischen Damen der Familie (man könnte fast von einem Unternehmensmatriarchat sprechen) ließen seither nichts anbrennen und gründeten sieben weitere Filialen, wobei sie klugerweise die teuren Toplagen konsequent mieden: Zwei Niederlassungen liegen in Hochhaussiedlungen (Märkisches Viertel und Marzahn), zwei in grünen Bezirken (Schmargendorf und Lichtenrade), eine in der brandenburgischen Prärie (Hennigsdorf) und zwei in Frankfurt (Oder): An dieser objektiv gar nicht so schönen Stadt habe ich ja einen Narren gefressen.

Schauen wir uns das direkte Umfeld der Parfümerie in der Berkaer Straße noch einmal etwas näher an. Die Gegend wirkt ein ganz klein wenig unschlüssig, was sie sein soll. Berlin ist hier so etwas von nicht hip und angesagt, aber mindestens in der warmen Jahreszeit enorm einladend und entspannt. Es ist hier ein bisschen kleinbürgerlich, ein bisschen gutbürgerlich und ein ganz klein bisschen großbürgerlich.

Noch immer, wie seit Beginn unseres Spaziergangs, säumen viele Straßenbäume und überhaupt viel Grün die belebte, aber nicht überfüllte Straße, in den Seitenstraßen wurden sogar grüne Arkaden zum Flanieren eingerichtet.

Die Flaneure sind meist gepflegt und, obwohl das Viertel keine dezidierten Rentnercharakter hat, im Schnitt etwas älteren Semesters. Eine entsprechende Mischung weisen die Läden auf: Nagelstudios und Friseure, Juweliere, Reform- und Sanitätshäuser, Apotheken, Optiker und, tatsächlich, Hörgeräteakustiker. MäcGeiz und McPaper sind vertreten, denn es soll auch für die gesorgt sein, die nicht im feinen Schreibwarengeschäft am Kudamm einkaufen. Eine Weinhandlung, ein Blumengeschäft und ein „Schokoladenlädchen“ sorgen für die angenehmen Seiten des Lebens und die örtliche Filiale der Feinkostkette Lindner trägt hier noch trotzig den ihren Namen „Butter Lindner“. Dass die „Butter“ als zu betulich und unzeitgemäß offiziell aus dem Firmennamen längst gestrichen wurde, kümmert in Schmargendorf weder den Geschäftsführer noch die Kundschaft.

Die Parfümerie Gabriel selbst ist in einem etwas gesichstlos-funktionalen Neubau vermutlich aus den 90-er Jahren mit glatter rötlicher Fassade untergebracht, es könnte auch der Nachwendeneubau der Freiwilligen Feuerwehr von Rathenow oder Zossen sein.

https://www.gabriel-parfuemerie.de/

Innen begrüßt den Besucher eine aufgeräumte, einladende, moderne Möblierung, Feng-Shui-mäßig angenehm ausgerichtet, und mit einem wohlaugewogenen und nicht zu kleinem Sortiment versehen, in dem es sich zu stöbern lohnt.

Wer hier wohnt und sich für Düfte interessiert, ist meist weiblichen Geschlechts, entsprechend ist das Angebot strukturiert; das vergleichsweise kleine „Herrenregal“ enthält neben gängiger Breitenware erneut einige hübsche alte Klassiker wie Cartiers „Pascha“. Ob die Konzeption von „Unisex-Parfüms“ der Stammkundschaft behaglich wäre, darf nicht als gesichert gelten, die (für alle Menschen gleichermaßen taugliche) Bulgari-Tee-Serie ist aber in voller Ausführlichkeit, mit allen fünf Farben, vertreten.

Die Verkäuferinnen, die schon viel Salz und Pfeffer gegessen und viele Düfte verkauft haben, strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, man traut ihnen auch eine solide Duftberatung zu. Der blondierten und toupierten Stammkundin, die wegen Hautpflegeprodukten, wegen eines Geschenks und vor allem zum ausgiebigen Schimpfen über die sozialistische Stadtregierung gekommen ist, wird professionell zugehört und mitnichten widersprochen.

Meine in diesem Geschäft ein klein wenig auffälligere Erscheinung scheint – vielleicht auch der Abwechselung im Tagesablauf wegen – auf etwas herzlicheres Wohlwollen zu stoßen, das Kundengespräch ist angeregt und freundlich. Bei den Beraterinnen scheint eine geringfügig höhere Offenheit für Ausflüge jenseits der ausgetretenen Duftpfade zu bestehen, das passt zum vorsichtig modern-dynamischen Erscheinungsbild der kleinen Kette, die demnächst auch ins Online-Geschäft einsteigen will. Meine Wahl des Tages, ein Flakon Sisley Eau de Campagne, wird von der Beraterin freudig gutgeheißen, was durch eine Handvoll Gratispröbchen unterstrichen wird.

Auch die Parfümerie Gabriel ist gewiss kein Mekka für Nischenjunkies, aber das Unternehmen ist mir sympathisch und verdient wohlwollende weitere Beobachtung auf seinem weiteren Weg. Ich finde es erfreulich, dass in der Parfümwelt der Online-Parfümerien, Megaketten und Extremnischen es einem Mittelständler in Familienhand auch heute noch gelingen kann, Neues aufzubauen, statt nur den Rückbau zu verwalten.

Nachdem wir auch unsere zweite Adresse verlassen haben, gehen wir noch etwa zweihundert Meter weiter zum alten Rathaus Schmargendorf, einem der schönsten Berliner Rathäuser.

In dem vom Standesamt genutzten Prachtsaal dieses Rathauses kann man, wie ich aus erster Hand bezeugen möchte, sich vortrefflich verehelichen, so man will.

Wie scharfäugigen Beobachtern aufgefallen sein mag, sind die Bilder an einem anderen Tag gemacht worden als die Besuche in den Parfümerien. Es war beim Fotografieren nämlich Sonntag und die Geschäfte sind geschlossen.

Staffel II Teil II folgt, vielleicht, irgendwann...

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