GaukeleyaGaukeleyas Parfumkommentare

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21.03.2018 15:36 Uhr
42 Auszeichnungen
Ein kürzlicher Blindkauf meinerseits, mein gelungenster bisher.

Was macht Étui Noir nur, dass er mich so sehr kickt? Nun habe ich ihn einige Male getragen und mich von ihm umschwirren lassen, und da kommen wir im Grunde gleich zum Punkt: Étui Noir ist ein flirrender, feiner, federleichter Duft, nicht leicht greifbar, aber alles andere als düster-unzugänglich.

Im Gegenteil. Er wickelt mich sofort ein, zart und doch stahlseilenstark, zugewandt, aber doch sein Geheimnis bewahrend. Nicht alles gibt er preis gleich von seiner schönen, runden Komposition. Zunächst packt er mit einer scharfharzigen Note zu, Rauch ist dabei, bitteres Leder, saftige Frucht - Himbeere? ich denke kurz an La Yuqawam - knackig Holz auch noch drauf, zack zack geht das. Und eine wunderschöne Fuselnote, die bald von einer trockenen Iris ein wenig gezähmt und edler wird, nicht likörig-süss-süffig abstrahlt.

Das klingt alles wild und durcheinander, auch schwer verdaulich, herb, maskulin vielleicht, aber genau das ist es nicht. Étui Noir schafft das Kunststück, traditionell knarzige Noten (Harz, Rauch, Leder, Fusel, dunkles Holz) unglaublich filigran und schillernd leuchten zu lassen. Wie eine Sylphe... Jenes Elementarwesen, das der Luft zugeordnet ist, anmutig und zart, eine Aura, eine Erscheinung, ein Licht, das, wenn man danach greift, nicht mehr da ist.

Eines ist Étui Noir für mich jedoch dennoch nicht, auch wenn ich hier offenbar die Meinungsminderheit dazu stelle: hell. Étui Noir empinde ich sehr wohl als dunkel, aber nicht als finster, er ist nicht abgründig, sondern selbst das Dunkel wird in ihm transparent - ein leuchtendes Dunkel geradenach.

Trocken und feinstofflich entwickelt sich im Verlauf der Duft, immer das sanfte, dunkle, glatte Leder mit dem scharfen Holz im Vordergrund, dazu die unblumige und (zum Glück) komplett unkarottige Iris, die hier viel Eleganz und Leichtfüssigkeit mit einbringt. Die Sillage ist mässig nur ausgeprägt, das passt zur Duftidee des irritierend Umschwirrens, Ungreifbaren. Hier sucht man ein klares, deutliches, gar lautes Statement vergeblich - und auch genau das macht den Charme von Étui Noir für mich aus.

Die Basis leider ist ein wenig enttäuschend, denn hier flacht der Duft deutlich ab. Zu brav und seicht die sanfte Ambersüsse, die ohne Kraft, Tiefe und Sinnlichkeit müde verdimmt. Das schmerzt ein wenig, aber meinem Gesamtgenuss am Duft tut dies kaum einen Abbruch. Denn so sind sie wohl, die Sylphen -- zarte, ungreifbare Luftwesen, die einen betören, verführen, doch festhalten kann man sie nicht, irgendetwas bleibt am Ende ohne Erfüllung - nur die Sehnsucht, die verschwindet nimmer mehr.

"Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, Du bist so schön! Dann magst Du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen." / Faust. Eine Tragödie. / Johann Wolfgang von Goethe


03.03.2016 17:28 Uhr
47 Auszeichnungen
Harry Lehmanns Duftbezeichnungen sind, wie auch seine Rezepturen, ein Geheimnis. In zumeist eher purististischem Ein-Wort-Stil gehalten, darf man sich ermuntert zu einem Test fühlen (oder auch nicht), zumal die uniforme Flakongestaltung auch keinerlei Hinweis auf den olfaktorischen Inhalt bietet.

Das ist konsequent und passt zum Rest, dem eher piefig-schrulligen Laden in Berlin, den weisskitteligen, älteren Damen, die dort verkaufen, und überhaupt jeglicher, nahezu trotziger Verweigerung einer Modernisierung des 70er-Jahre-Frisiersaloncharmes dort.

Mir ist bisher jedenfalls noch kein Duft untergekommen von ihm, bei dem ich ausschliesslich nur das rausriechen konnte, was angeblich nur drin ist (sofern dies überhaupt angegeben wird), ausser vielleicht MOL Intens (Iso E Super). Phantasienamen gibt es natürlich auch: Wüstenwind z.B., der für meine Nase nicht das ist, was ich hier erwartet hätte. Oder Lambada - any ideas? ^^ (auch hier wurde ich sehr in die Irre geleitet, aber gut, ich hätte ja ausgiebiger testen können vorher, also selbst schuld).

Nun also Larissa. Ob Harry bei dieser Duftkreation an sie gedacht hat? An Larissa Antipowa, die tragische Heldin in Boris Pasternaks "Doktor Schiwago"? Ich habe zugegebenermassen das Buch nicht vollständig gelesen, doch die epische Verfilmung von 1965 mit Julie Christie als Lara/Larissa wohl schon unzählige Male gesehen.

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Larissa Antipowa ist eine junge, emotionale Frau. Sie verfällt zunächst in einer Art Hassliebe dem charismatisch-dominanten, auch zwielichten, älteren Viktor Komarowskij und kann sich nur schwer aus dieser wohl auch sexuell obsessiven Beziehung lösen, heiratet dann aber doch ihre Jugendliebe Pascha Antipow, der bald unter dem Namen Strelnikow als Fanatiker zu schauerlicher Bekanntheit gerät.
Der einzige Mann, der ihr wirklich gut tut, ist Jurij Andrejwitsch Schiwago. Eine grosse Liebe zwischen den beiden entsteht, die dennoch kein frohes Ende findet, die Umstände verhindern dies, die Liebe ist verboten (beide sind ja anderweitig verheiratet, von den wirren Revolutionszeiten ganz zu schweigen). Nur wenig Zeit des tief empfundenen, gemeinsamen Glücks ist den beiden beschieden.

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Schwerblütig, komplex, gefühlvoll und doch erstaunlich kitschless ist diese Geschichte. Wie auch Larissa, Harry Lehmanns Duft: sollte Larissa Antipowa jemals so gerochen haben, so kann ich es verstehen, dass so viele Männer ihr verfielen, auf die eine oder andere Weise, und dass sie tief geliebt und begehrt wurde.
Larissa ist Weiblichkeit und Gefühl in Flaschen - ich persönlich empfinde den Duft als rein feminin -, vollblütig, sinnlich, stark, mütterlich, doch auch weich, sanft, und ja, etwas devot gar. Irgendwo zwischen abgründiger Lust und blütenweisser Herzensreinheit oszilliert dieser Duft.

Süsse Blumen - vermutlich vor allem Rose und Veilchen - dazu unstaubiger Puder, sanfte Gewürze, etwas Nuss, etwas Vanille und weiche Hölzer treffen aufeinander. Ein wenig ölig verdunkelt ist Larissa, sehr haftfest, von enormer Projektion. Auch etwas diskret Animalisches lauert hinter den dichten Puderblumen, am ehesten vermute ich schweren Moschus, der sich sehr warmvibrierend, goldig und schön auf meiner Haut entwickelt.

Nun ist diese Art Duft eigentlich so gar nicht mein Ding. Doch Larissa zieht mich in den Bann, ich habe ab und zu das Bedürfnis, mich wohlig in diese Wolke zu hüllen und zu zeigen, dass ich eine Frau bin. Ich möchte meine Vernunft abstreifen und mich hingeben, wenn ich ihn trage. Er hat etwas Lustvolles, fast schon Lüsternes an sich, und ist doch von tiefer Herzensgüte, echter Hingabe und Gefühl, kein durchtriebenes Flittchen, kein One Night Stand, keine flüchtige Affäre. Das hier geht tiefer, viel tiefer.

Ach, Larissa, es ist wunderbar, dass es so etwas wie Dich noch gibt! Du bist der olfaktorische Gegenentwurf zu den ausdruckslos-flachen Zeitgeistdüften, den hundersten LVEB-und Alien-Flankern, Du bist echtes Fleisch, kein Silikon. Du bist zeitlos schön und sinnlich ohne Muff oder Altbackenheit. Du gibst Dich ganz hin, Du liebst mit der vollen Kraft Deines Herzens, ohne Berechnung, ohne Schutzwall. Du bist alterslos und wirst dies bleiben, denn Du fürchtest Dich nicht.

Traut Euch!


24.02.2016 10:44 Uhr
35 Auszeichnungen
Das sind die Werte, die man sicher an mir messen würde, wenn ich Daim Rouge schnuppere. Als ruhigpulsende Hypotonikerin und eher nicht ganz so vollblütig veranlagtes Geschöpf wären dies bei mir feurige, reichhaltige und saftige Werte, die mir einen Schub Lebenskraft und inneres Brennen geben würden, ohne ins Pathologische abzugleiten (sofern ein nur temporäres Geschehen freilich).

Daim Rouge ist blutrot, wie es röter nicht mehr geht, der Duft ist das pulsierende Leben, das unbekümmerte Tänzeln am Abgrund, ein Adrenalinschub erster Güte. Ein köstlicher Duft! Ein Duft, der mir ein lautes: "Wow!" entlockt, ein Duft, der nach Lebenslust und Temperament riecht und doch ein Stück weit dunkel und geheimnisvoll verbleibt, nicht strahlend-sonnig-hell-energetisch. Die Energie ist dunkel und doch schillernd. Funkelaugen sprühen wild, rote Lippen lächeln spitzbübisch, wild und frech, Dein Herz schlägt schneller kriegst Du diese Infusion...

Er taktet auf mit vollmundigen roten Beeren - Himbeere, Brombeere, Cassis - die fein austariert in Süsse und Säure sind, einen Spritzer Alkohol dazu, vielleicht roter Sekt, aber der "für gut" von dem jungen, unkonventionellen Bio-Winzer des Vertrauens, nicht der aus dem Discounter oder gar der rote Perlwein, welcher ab 50 € Bestellwert beim Pizza-Bringdienst gratis beiliegt. Eine Prise Pfeffer dazu, es prickelt herrlich, kleine Moleküle scheinen auf der Haut zu explodieren und piesacken mich zart und lustvoll.

Eine dezente, aber aromatische, angeschärfte Holznote an den Kanten begleitet das Dufterlebnis, eine samtige, blut(was auch sonst)rote Rose öffnet sich frivol, ohne den Duft zu dominieren. Auch sie ist nur Begleitung, eine attraktive, volumengebende freilich, aber am Ende doch ausnahmsweise mal nicht die Hauptrolle spielend.
Leder, ganz zart nur, verfängt sich immer wieder im Rot, ich erhasche manchmal einen Hauch, dann ist es wieder weg (leider, es könnte für meinen Geschmack gern etwas kräftiger dosiert sein), und alles wird verfeinert durch einen Löffel dunklen, triefenden, herbsüssen Honigs.

Dies verbleibt, hier stimme ich den vorherigen Rezensenten zu, relativ linear, die Sillage ist ziemlich anständig, aber nicht vernebelnd. Dennoch aufgepasst bei der Dosierung! Zu Anfang sind die Früchte wohl kräftiger, später ziehen sie sich leicht zurück und geben den weichen Noten von Leder und Honig sowie dem trockenen Holz mehr Raum. Doch insgesamt gibt es keine allzu grossen, überraschenden Wendungen in dem Duft.

Zum Ende hin verliert er leider etwas an Volumen und Farbe und wirkt recht holzig und auch blasser an mir, auch eine seltsam käsige Note findet ein Wahrnehmungseckchen, was meine Blut- und Blutdruckwerte alsbald wieder auf meine Normalmaße zurückfahren lässt, wie schade..!

Aber was ich zu tun habe, um mein Blut wieder latent hyperton rauschen zu lassen, meine Augen wieder zum Funkeln zu bringen, die Lebenslust in mir pulsen zu spüren, das weiss ich ja jetzt: Schwester, bitte einmal Daim-Rouge-Infusion anhängen!


09.02.2016 13:24 Uhr
24 Auszeichnungen
Neulich kam ein entzückendes Probenpaketchen zu mir nach Hause, voll mit kleinen Duftperlen, die bewusst teilweise mein Beuteschema und meine Merkliste umgingen und mir die Möglichkeit einer olfaktorischen Horizonterweiterung gaben.

Rodier ist einer dieser Düfte davon. Nun kann ich aus Ermangelung bisheriger Kommentare hier dazu und vor allem aufgrund der fehlenden Duftpyramide freilich nicht sagen, ob er mir vielleicht gefallen würde oder nicht. Ein spannender Blindflug quasi, auf den ich mich einliess. Das Statement hatte ich vorher genauso wenig inspiziert wie die Einordnungstorte.

Rodier, das aber immerhin hatte ich auf dem Schirm, ist eine französische Bekleidungsmarke, die viel (aber nicht nur) in Strick macht, vor allem auch in Twinsets. Diesen Wissenskrümel kratzte ich aus meinem Gedächtnis hervor, denn das Logo der Firma ist mir vertraut.

Meine Mutter kaufte damals zu meinen Teenagerzeiten sehr gern Kleidung für sich ein - heute würde man sagen: sie shoppte gern - und wenn ich mich nicht genug wehrte, auch für mich. Ich begleitete sie oft, meistens schlecht gelaunt, da mich diese Anprobiertouren sehr langweilten. Ich ging aber meistens trotzdem mit (keine Ahnung warum, vermutlich pubertäre Widersprüchlichkeiten eben).

Die grossen Bekleidungsketten dominierten noch längst nicht den Markt, schon gar nicht in unserer Kleinstadt. Es gab ein Kaufhaus und ansonsten, wie mir schien, eine unendliche Menge an kleinen Boutiquen mit Damenoberbekleidung. Viele dieser Boutiquen führten Rodier. Wie oft ich, gelangweilt auf einem Hocker in einer schummrigen Boutique sitzend, auf herumliegende und -hängende Kleidungsstücke mit dem Logo Rodier starrte, während meine Mutter zwischen Umkleide und Spiegel hin- und herwehte und sich -drehte, weiss ich nicht mehr.
Es waren zumeist schlichte Jersey- oder Strickoberteile, daran jedenfalls erinnere ich mich, und auch Twinsets.

Nun entsprach dies zwar nicht gerade dem Style meiner immer modisch sehr aufgeschlossenen Mutter (viel zu konservativ, sowas!), und sie kleidete ihren feingrazilen Körper lieber in etwas Fescheres, aber dennoch war die Marke in unserer Beamtenkleinstadt offenbar gut verkäuflich, jedenfalls damals, zur Blütezeit dieses Puppenstädtchens.

Zurück zu Rodier, dem Duft. Nun, von diesen aufblitzenden Erinnerungen gestreift, teste ich den Duft. Ich erwarte aus irgendwelchen Gründen eine Art blumigen, herben Chypre.
Doch weit gefehlt! Rodier eröffnet mit einer mir bekannten (und geschätzten) Note, die ich als süssholzig-lakritzig umschreiben würde. Ich assoziiere sogleich Lolita Lempicka Premier (aus etwa dem gleichen Zeitfenster wie Rodier übrigens stammend, 1997 released).
Sehr fein und angenehm ist dies, und zunehmend platziert sich eine feine Note dunklen, feuchten, weichen Tabaks und verdunkelt und verdichtet den Duft sehr schön. Er wirkt warm, leicht lieblich, mit einer zarten Bitterlakritznote noch immer, nicht opulent. Eher feminin, trotz des Tabaks, der mich auch etwas an Atkinson´s The Odd Fellow´s Bouquet denken lässt übrigens.

Sehr schön finde ich die leichte Holzschärfe an den Kanten. Noch im Prä-Oud-Zeitalter angesiedelt, hat Rodier doch eine kräftige, aromatische, leicht scharfe Holznote, die ich am ehesten Guajak zuordnen würde, und das gibt dem Duft einen lebendigen Reiz und das Gewisse Etwas.

Fast unmerklich nimmt die Lieblichkeit zu, ich rieche ganz deutlich eine dunkle Vanille heraus, sanft gewürzt, vielleicht aber ist es auch Benzoeharz, da diese leichte Bitterkeit und minimale Schärfe trotz der Süsse noch immer mitschwingt auf meiner Haut.
Sehr edel, warm, und ja, ich sage es: sinnlich. Doch fern jeder Billighaftigkeit, Aufdringlichkeit, Schwere, Opulenz, massiven Süsse. Die Sillage ist perfekt austariert im mittleren Bereich.

So verdimmt Rodier nach Stunden vibrierend und warm und hinterlässt bei mir alles andere als einen konservativ-biederen Eindruck von Strick-Twinsets mit Perlenketten, Jerseyoberteilen und langweiligen Strickcardigans für die Beamtengattin. Es ist ein warmer, sanft-lieblicher, leicht orientalischer Duft, rund, ruhig und harmonisch, doch bar jeder Langeweile. Für mich persönlich wäre der Duft auch die weitaus attraktivere Wahl als das Bekleidungssortiment der Firma, aber das ist bekanntermassen Geschmackssache.

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Täubchen für das raffinierte Probenpackerl! :-)


01.02.2016 13:41 Uhr
28 Auszeichnungen
Der Cèdre ist ein etwas schwieriges Kapitel für mich. Sintemals in der Annahme von mir getestet, hier einen weichen Holzduft mit Würze und Wärme vor mir zu haben, wurde ich damals sehr enttäuscht.
Was ich schnupperte, war eine mächtige, ölige, madamige Tuberose, unterlegt von herbem Rasierwasser, und über allem schwebte eine dichte Wolke Haarspray.

Es folgte eine vernichtende Punktwertung meinerseits und ein strafender Eintrag in meine No-Go-Subsammlung. Den Duft ignorierte ich fortan.

Nun begab es sich aber unlängst, dass mir eine Probe angeboten wurde. Ich winkte ab. Kenn ich schon, mag ich nicht, brauche ich nicht, vielen Dank. Dann überlegte ich jedoch selbstkritisch, ob nicht auch dieser Duft einen Zweittest verdient haben könnte. Also kam die Probe doch ins Haus.

Lag es am kalten Wetter? An meiner zugenommenen Dufterfahrung in diesen letzten zwei Jahren? Oder generell an meiner persönlichen Weiterentwicklung? Veränderte Hautchemie? Geschmackserweiterung/-änderung? Von allem etwas?
Jedenfalls wurde ich positiv überrascht vom Cèdre.

Ein einziger Sprüher nur. Dann: die Dame eröffnet das Spiel. Doch diesmal weniger aufdringlich, weniger ölig, weniger Haarspray auf Betonfrisur als beim Ersttest. Ich fühle mich sofort an die frühen 80er-Düfte erinnert, eine gewisse herbsüsswürzige Kaugumminote (Big Red/Zimt?) dominiert Cèdre in der Kopfnote, Holz bleibt noch im Hintergrund, Tuberose ist schon da. Aber weitaus weniger wuchtig-aufdringlich-madamig, als ich sie in Erinnerung hatte, sondern durchaus fein. Die Sillage ist freilich dennoch über jeden Lutens-Zweifel erhaben.

Nach etwa zwei Stunden nimmt das herbe, namensgebende (Zedern-)Holz Fahrt auf, und zwar gewaltig. Nun durchsegeln wir deutlich bitterere Gefilde, auch maskulinere, eher die vom alten, konservativen Schlage. Rasierwasser kommt mir erneut in den Sinn. Bube sticht Dame, ganz klar. Also doch - der ist nix! Wusste ich es doch gleich!

Doch so schnell lässt sich die Dame nicht aus dem Spiel bringen. Bekanntermassen kommen die Damen ja langsamer, aber gewaltiger, und so ist es auch beim Cèdre: die Frauenpower schleicht sich immer mehr ein. Ich bemerke erstaunt, wie zwar sanft, aber konsequent und nicht mehr zu stoppen, das maskuline Holz von der Dame bis auf einen sehr delikaten, wohldosierten Rest aus dem Weg geräumt wird. Und Platz geschaffen für gemässigt süsslich-ambrierte, eher liebliche Noten.

Meine Haut beginnt zu leuchten. Warm und bernsteinfarben schimmert Cèdre auf meiner Frauenhaut und verschmilzt fein mit ihr, was ich nie, nie, nie gedacht hätte.
Nichts liegt mehr parfümig auf, keine brutale Tuberose reisst mich nieder, kein bitterherbes Rasierwasser und auch kein Haarspray nimmt mir den Atem.

Sondern warm, fast etwas animalisch, fein, edel, diskret-holzig, erdig-würzig, unaufdringlich und hintergründig lieblich verströmt der Duft seine schöne, erwachsene, gelassene, feminine Aura, und das in lutensgewohnter Ausdauer und Kraft. Hier kann der Holz-Bube nur kapitulieren. Dame sticht Bube, Schachmatt durch die Dame im Spiel - und ich kapituliere auch: der Weg in meine Go-Sammlung ist frei!

Lieben Dank an den Probenspender für diesen Reset! ^^


25.01.2016 15:12 Uhr
31 Auszeichnungen
... pflegte mein alter, etwas hutzeliger Geschichtslehrer (seine Ähnlichkeit zu Yoda war immer unverkennbar) zu sagen, wenn er das Klassenzimmer betrat. Proteste der Schüler ("...aber es ist so kalt draussen..") wischte er kopfschüttelnd vom Tisch mit einem lächelnden "neinneinnein" und machte sich ans Fensteraufreisswerk.

Frische, klare Waldluft strömte ins Klassenzimmer und verscheuchte den warmen Mief alsbald, die Mädchen jammerten, die Jungs zogen sich demonstrativ ihre Jacken an, und Herr Dr. A. begann seinen Unterricht.

Ich liebe frische Luft. So schnell ich auch immer friere und es gern warm habe und Wärme gut vertrage, so sehr liebe ich frische Luft. So hatte ich damals auch durchaus nichts gegen Herrn Dr. A.´s Anwandlungen einzuwenden. Ich zog dann eben auch einfach meine Jacke an, fertig.

Als ich mir neulich das erste Mal Blue Amber aufsprühte, wünschte ich mir Herrn Dr. A. herbei, der stets mit Vehemenz und Konsequenz seinen Actionpoint Fensteraufreissen vertrat und durchsetzte.

Der Duft trifft mich wie ein Schlag. Schon vom grosszügigen Probenspender (danke, lieber G.!) vorgewarnt mit den Worten "anstrengende Kopfnote" und "Vorsicht bei der Dosierung" war ich gewappnet und hatte nur *einen* Sprüher getätigt.

Es rollt sich eine Anstaltspackung Leukoplast mit Rheumasalbe ab, pastös, scharf, bleiern und schwer, dahinter lauert es dumpfpudrig. Etwas Lieblichkeit kann ich vernehmen und muss an die Parfümierung meiner Puppen der Kindheit denken.
Okay, aber ich wusste ja, die schwierige Kopfnote und so... Der wird noch...

Ja, er wird noch, der Blue Amber, aber leider nicht viel besser. Was angenehmer wird: das Stechende verzieht sich, es wird deutlich weicher. Was unangenehmer wird: an mir entwickelt sich eine starke Pudrigkeit, eher unsüss, dafür aber sehr stickig, dumpf, muffig, statisch.

So bleibt er dann auch relativ linear an mir. Und zwar lange. Sehr lange. 14, 15 Stunden, auch nach der Dusche ist er noch da. Ein Sprüher, wohlbemerkt. Der eine Sprüher umhüllt mich gefühlt kilometerweit, und das nicht nur die erste Stunde lang. Hier kriegt man was für sein Geld! Für Sillage- und Haltbarkeitfans ein Leckerli.

Ich hingegen kriege leichte Beklemmungen. Möchte alle Fenster aufreissen. Nach draussen gehen. Wünschte mir, dass die Hamburger Brise zu einem Nordseesturm auffrischen möge.

Schade, dass die Duftentwicklung bei mir nicht so richtig in Richtung "edler Amber zum Einkuscheln, wunderschöne softe Vanille" etc. geht. Ich habe Blue Amber natürlich nicht nur das eine Mal getestet. Doch leider wurde er auch beim weiteren Test nicht viel angenehmer für mich.
Ich wüsste auch nicht, wann ich ihn tragen sollte. Drinnen? Unmöglich, Erstickungsgefahr. Draussen? Ferner kann ein Duft einem Outdoorduft kaum sein. Vielleicht in einem verräucherten Club, wo man gegen andere Sillagefans ankommen muss. Aber sowas suche ich ohnehin nicht auf.

Fazit: ich kann ja nicht alle mögen. Am Ende dann doch 6.0 insgesamt gibt es von mir dafür, dass er so weich wird gegen später und ich einfach auf Softies stehe ;-)

Aber dennoch: jetzt bitte erstmal alles gaaaanz weit aufreissen...!


08.01.2016 14:04 Uhr
49 Auszeichnungen
Leise, still und heimlich hat der Harry uns nun also auch einen Oud gemixt. Ich bin keine grosse Oud-Freundin, und, das gestehe ich, auch keine grosse Oud-Kennerin (womöglich besteht hier ein Zusammenhang). Unterschiede zwischen den verschiedenen Ouds kann ich, wenn geschnuppert, häufig nur rudimentär erkennen, und ist in einem Duft Oud enthalten, rieche ich so gut wie nichts anderes aus der Komposition mehr heraus ausser eben... Oud.

Ja, ja, ich weiss, liebe Oudspezialisten und -liebhaber unter Euch, dies ist eine Aussage, die zu Widerspruch herausfordert, doch belassen wir es fürs Erste vielleicht einfach dabei, diese meine subjektiven Worte als kleinen Aufhänger für Harrys Oud zu nehmen.

Harrys Oud ist anders. Anders als: "ah, ein Oud-Duft". Keine Ahnung, was er da zusammengemixt hat unter diesem Namen, aber ich finde es ganz wunderbar.

Der Duft eröffnet mit einer gemüsekrautigen Note, die mich an Maggi denken lässt, und nein, nicht an das Gekippter-Duft-Maggi, sondern an das MaggiKRAUT, das meine Oma hinter ihrem Schuppen wachsen hatte. Soweit ich weiss, gehört es zu den Bohnenkräutern und riecht und schmeckt salzig-würzig-pikant, zur genaueren Botanik kann ich aber nichts sagen. Ich persönlich finde es sehr lecker, es erinnert mich an kräftige Brühe oder Salzkartoffeln mit frischen Kräutern, simpel und ländlich, und das ganz allgemein zur deftigen Friesenküche meiner Grossmutter einfach immer dazugehörte.

Nun, Maggikraut blitzt auf, und schon wird es deutlich flankiert von einem köstlichen, süsslichen Malzbonbon, der auch Düften wie etwa L´Occitanes Eau de Vetyver oder L´Artisans Fou d´Absinth einen überraschend lieblichen Anstrich gibt (an mir, wohlbemerkt).
Oud? Wo? Gaaanz weit hinten vielleicht, in Form eines kernigen Holzes - sanft angeräuchert, aber sicher nicht mit der typischen, scharfen Oud-Note. Es gibt dem Duft Wärme und Tiefe, das Krautige wird dadurch nicht zu gemüsig oder küchig. Über allem schwebt diese liebliche Note, am ehesten tippe ich hier auf ein süsses Harz oder goldigen Amber, doch alles in Maßen.

Ein schöner Mix! Ich fühle mich mit dem Duft rundum wohl, er hat etwas "Heilvolles", eine Mischung aus Omas Küche und Kräutergarten, lauschigem Laubwald, Mutters Kräutertinkturen-Helfereins in ihrer Handtasche und dem leckeren Bayrischen Blockmalzbonbon, der das alles angenehm versüsst. Ja, das tut gut, das gibt freundliche Wärme, und zwar ganzjährig. Wegen der fehlenden Krawummhaftigkeit kann dieser schöne Herbstfarbenduft sogar auch im Sommer problemlos getragen werden, finde ich (na gut, bei Ü30°C hätte ich adäquatere Ideen, das gebe ich zu).

Oud haut mich nicht um, Oud drückt mich sanft auf die muckelige Wohfühlcouch (holzfällerkariertes Plaid inklusive) oder schiebt mich zu einem Spaziergang durch den stillen Wald. Als reinen Naturerlebnisduft sehe ich ihn aber dennoch nicht, da stimme ich den bisherigen Meinungen hier zu: im urbanen Umfeld wirkt er nicht entrückt oder gar deplaziert, sondern ist sich seltsam chamäleonhaft einfügend in das grosstädtische Treiben vielfacher Art. Er hat etwas "Modernes" und Lässiges, wirkt nicht aufgesetzt oder krampfhaft auf Naturbursche gemacht (wenn man eigentlich keiner ist).

Die Sillage empfinde ich als mittelprächtig, auch relativ schnell hautnah werdend, die Haltbarkeit ist ebenfalls nur mäßig. Der Duft verschmilzt rasch mit meiner Haut und liegt nicht auf, so wie viele andere Rauchdüfte es häufig bei mir tun. Keine Angst also vor Schinkenräucherei, Lagerfeuereskaltion, kalter Sakristei oder gar kaltem Aschenbecher! Dieser Oud hat etwas "Natürliches" und ja, ich wage es zu sagen, Gefälliges.

Für Hardcore-Oudfreaks und Ecken-und-Kanten-Träger ist dies sicher eine (zu) laue Nummer, ich selbst finde diesen Oud sehr fein und hochangenehm zu tragen in vielen Lebenslagen, ohne dass er langweilt oder belanglos wäre.

Dieser Oud tut einfach gut!


28.11.2015 15:34 Uhr
38 Auszeichnungen
Meine erste Begegnung mit Mimose erlebte ich als Kind auf der Untersuchungsliege meines freundlichen, klugen, alten Kinderarztes, der sich - erstaunlich vor allem in damaligen Zeiten - überraschend wohltuend vom Gott-in-Weiss-Gehabe abhob.

Um mir kleiner Dauerpatientin seiner Praxis ein wenig meine von ihm diagnostizierte, allumfassend zartbesaitete Konstitution näher zu erklären, bediente er sich einer kleinen Geschichte über die Mimose. Dies fand ich hochinteressant, und meine Mutter kaufte danach auch eine Mimose fürs Fensterbrett, mit der ich für mich faszinierende Touchspiele machte ^^
Ob sie Blüten hatte, gar duftende, weiss ich nicht mehr sicher, ich tendiere aber eher zu nein.

Meine zweite Begegnung kam, als ich ca. 15 Jahre alt war. Ich fand in Omas Bücherschrank eine olle, ausgeblichene Romankamelle aus dem Jahre 1942 mit dem bezeichnenden Titel "Geliebte Feindin".
Dieser klischeebehaftete, politisch auch eher inkorrekte Roman war ausreichend romantisch-kitschig in seinem melancholischen Liebesplot, dass er mich damals fesselte: strammer Fremdenlegionär in einem afrikanischen Wüstenstaat (kriegerische Begegnungen mit undurchsichtigem, arabischem Reitersvolk inklusive) verliebt sich auf den ersten Blick bei einer eher unschönen Zufallsbegegnung in eine zarte, natürlich wunderschöne, emotional und erotisch ausgehungerte Gattin eines verknöcherten, kühlen, britischen Gentlemans.

Was ihm von der ersten Begegnung bleibt, ist ein Hauch ihres Parfums an seiner Hand. Nun macht er sich auf den Weg, um diesen Duft irgendwo wieder aufzutreiben, da er schon süchtig ist (nach Duft & Frau). Sein Gang führt ihn zum arabischen Händler seines Vertrauens, Ibrahim, ich zitiere den Dialog:

"Hast Du Mimosenparfüm, edler Scheich?"
"Ich habe."
"Dann hole es."
(...) Ibrahim kam aus der Dunkelheit mit einer Flasche hervor, die von Spinnenweben wie ein edler Wein bedeckt war und in der eine dunkelbernsteinfarbene Flüssigkeit schimmerte. "Mimosen vom Berge Karmel, Wüstenmimosen, ein Duft, wie ihn die himmlischen Huris verbreiten. Mit Gold nicht aufzuwiegen."
Ibrahim öffnete die Flasche und zog den Kork rasch an Browns Nase vorbei. Es war wundervoll. Aber lange nicht so wundervoll wie der Zauberduft, der Bilder einer jungen Frau mit zartem Gesicht und viel zu dunklen Augen unter einem weissen Hut heraufzubeschwören vermochte."

Hach...!

Sowas merkt merkt man sich, wenn das pubertäre Herz bereits weit offen für die Duftwelt ist!
Indes dauerte es erstaunlicherweise dann doch bis zu meiner Parfumozeit, dass ich "Mimosenparfüm" kennenlernte - Mimosa pour Moi ist mein Neuzugang nach den mir schon bekannten Mimosen von Yves Rocher und Annick Goutal.
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Artisans Mimosa eröffnet erstaunlich grün und "pflanzlich". Eine herbfruchtige Note (Johannisbeere?) mischt kräftig mit, bevor der Duft schnell an gelblicher Lieblichkeit gewinnt. Mimose selbst ist sofort da, Honigmelone macht sich rasant breit, und an mir bleiben diese beiden Noten den ganzen Duft über dominant.

Das von mir etwas gefürchtete Veilchenblatt hält sich bedeckt, zu keinem Zeitpunkt ist der Duft pudrig an mir oder gar kopfschmerzig. Er bleibt auf gewisse Weise delikat-fruchtig-strahlend, und ja, er ist zart. Von Duftschleppe kann nicht die Rede sein, aber wenn man anständig dosiert, ist der Duft jedenfalls für mich selbst angemessen wahrnehmbar. Dennoch ist er tatsächlich ein filigranes Duftgeschöpf und sicher kein Duft für LiebhaberInnen kraftvoller, vitaler, präsenter, opulenter Parfums.

Ein wenig süsslicher wird er noch, nie aber schwer. Es liegt etwas Sommerliches, Gelbes über ihm, das ganze Jahreszeitenspektrum von Frühlingsfrische bis warmer Ermattung im Spätsommer/September deckt er ab.

Dennoch ist dies gerade an diesen momentan trüben, kalten Tagen ein schöner Duft, der mir ein wenig Sonne schenkt, ein Lächeln, eine sanft positive Stimmung ohne Euphorie, eher still und zufrieden. Ich ertappte mich jedenfalls vorhin, dass ich trotz des vorweihnachtlichen Samstagstrubels unterwegs freundlich vor mich hin lächelte, und erstaunlich viele fremde Menschen lächelten zurück. Schön!


20.11.2015 11:02 Uhr
27 Auszeichnungen
Im Grunde kann ich bei meinen nun folgenden Worten zu Nightscape auf StellaMaris´ vorzügliche Rezension verweisen, da ich mich ihr vorbehaltlos anschliessen kann.

Tue ich dennoch nicht, Nightscape ist mir noch ein persönliches Freudelied wert, welches ich nun anstimme. Danke an AudreyC für die Probe, die ich flugs in einen Flakon verzaubern musste!

Ich treffe an diesem dunklen Abend der letzten Woche, an dem ich Nightscape erstmals teste, auf ein überaus feines Dufterlebnis, einen besonderen Duft, der in seiner zurückhaltenden, meditativ anmutenden Stille wohltuend und stärkend wirkt, die blossgelegten Nerven sanft zur Ruhe bringt.

Dieser Eindruck wird durch die relative Linearität noch verstärkt, ich bemerke keinen deutlichen Wandel im Duftverlauf, der Unruhe bringen könnte - alles ist gleich da, Leder, Holz, Frische, Kühle, Trockenheit. Und eben diese Ruhe.
Wenn ich mich anstrenge, selektiert meine Nase am ehesten minzige Bergamotte zu Beginn, schon mit trockenem Leder angereicht, dann kommt rasch kühles, auch eher trockenes Zedernholz dazu. Patchouli, hier als Vertreter kühler, tröstlicher Muttererde, nussig auch für mein Empfinden, ist auch schon wahrzunehmen und bestimmt an mir sehr bald recht dominant das Duftgeschehen.

Das ist die stoffliche Quintessenz meiner olfaktorischen Wahrnehmung, um die es in dem Duft jedoch für mich nicht geht, denn viel stärker wiegen hier der Gesamteindruck, die Aura, die Gefühle, welche er in mir hinterlässt, wenn ich ihn schnuppere.

Ich nehme mich raus und sehe zu. Nein, viel mehr: ich nehme mich raus und nehme gleichzeitig intensiver wahr. Mein Geist klärt sich während der Betrachtung, es ist ein aktives Aufnehmen und Verarbeiten, und gleichzeitig gibt es mir Ruhe. Olfaktorische Meditation könnte ich auch sagen.

Klingt recht esoterisch, oder? Aber keine Angst: Nightscape ist kein kräuteriger Eso-Duft. Hier haben wir vielmehr ein unangepasstes, doch nicht rebellisches oder gar lautes Duftgeschehen vor uns, sondern einen tiefgründigen, introvertierten und klaren Duft, der sich wie ein schützender Mantel um gestresste Seelen legt. Und das ganz ohne Vanille, Keks, Kakao, Rumtopf, Pflaumenkompott und weitere klassische, kalorienreiche Seelenkuscheltrösterdüfte (die mir übrigens auch durchaus schmecken können).

Nightscape ist von moderater Projektion, von zeitloser Eleganz, von beruhigender Klarheit, von mattglänzender, platinesquer, kühl-erdiger, aber nicht kalter Schönheit. Er drängt sich nicht auf, er nimmt sich und seinen Träger zurück, und doch hinterlässt er einen tiefen und bleibenden Eindruck. An ihr, an ihm.

Bitte jetzt ganz tief durchatmen!


03.11.2015 14:59 Uhr
36 Auszeichnungen
"....at the office she wears Tweed Perfume, but when she is with Sam, she recklessly brakes out her most expensive bottle -- My Sin by Lanvin"

antwortet Janet Leigh aka Scarlett Johansson, als Mr. Hitchcock/Anthony Hopkins sie beim Castinggespräch für die Rolle der Marion Crane in "Psycho" befragt: "Why don´t you tell us one of her deepest secrets?" *

Wir alle kennen wohl den Film Psycho und das Schicksal der abgründigen Marion Crane, deren Doppelleben als brave Sekretärin einerseits und unkeusche, verderbte Frau, die mit besagtem Sam eine sexuelle Affäre lebt - unverheirat! in den 50er Jahren! Skandal! - andrerseits, eines der berühmtesten Enden der Filmgeschichte findet.

Dass sie ihren Chef noch vorher um etwas mehr als nur eine Handvoll Dollar erleichtert und damit durchbrennt, dürfte ihrer My-Sin-Seite gleichfalls zuzuschreiben sein.

My Sin. Meine Sünde.

Ich bin nicht unbedingt eine Freundin von aldehydlastigen, vintagigen Düften, Chanel No.5 etwa erreicht mich gar nicht, Shalimar braucht auch ein ganzes Weilchen. Nur um mal zwei sehr bekannte Beispiele zu nehmen. Ich bin keine grosse Klassiker-Anbeterin, da diese Düfte einfach nicht zu mir passen und ich mich in ihnen verkleidet und aus der Zeit gefallen wähne. Mein Respekt vor der komplexen Parfumeurskunst dieser Werke bleibt davon freilich unberührt.

Entsprechend waren da ein paar Vorbehalte gegen My Sin. Aber probieren wollte ich ihn dennoch, denn zufällig befand sich in der grossen Sendung von Miniaturen, die mir ein sehr grosszüger Parfumo geschenkt hatte (danke nochmal, lieber Z.!), auch ein bauchiges Miniflakönchen von My Sin.

Er beginnt, wie ich es für ein Kind seiner Zeit erwarte: pudrig-aldehydisch, leicht seifig-würzig-krautig-stechend, meinerseits eher der älteren Generation assoziativ zugeordnet. Aber ich merke schon schnell - viel schneller als bei Shalimar z.B.- , dass hier noch viel mehr passiert. Und zwar etwas ganz Wunderbares: dunkel ist My Sin, doch dabei leise, hintergründig und soft. Sehr feminin ohne Süsse, dabei ungeheuer edel und schnurrig, von sanfter bis moderater Projektion.

Hier kommt das Tier auf Samtpfoten, hochsinnlich, nicht plakativ, nicht laut, sondern ganz ruhig, tief, sanft - ohne eine Spur von Bravheit. Das Schamlose wurde selten so hinterhältig vorgeführt.
Unmöglich, hier auf einzelne Noten einzugehen. Das Ganze ist ein Gesamteindruck. Ich kann den Duft nicht zerlegen, es wäre ihm auch nicht angemessen. Er bleibt ein Geheimnis, von Anfang bis Ende.
Ich erhasche allenfalls das exquisite, hochfeine, samtige Wildleder, das sich um die Trägerin legt, anschmiegsam, jede sinnliche Kurve betonend und sie doch nicht prall herausarbeitend. Weiche Tierhaut auf seidiger, warmer, nackter Frauenhaut.

Vergessen ist der für mich unbequeme Aldehydauftakt, ich nehme nur noch die feinerotische Aura wahr, die dieser Duft verströmt, verschmolzen mit der warmen Haut einer Frau, die sich nicht in Konventionen pressen lässt, schon gar nicht in solche, die ihre Sexualität unterdrücken. Sie trägt nicht die Fahne ihrer Erotik laut voran, sondern sie lebt sie leise, aber hemmungslos aus - hinter der geschlossenen Tür, abseits von Öffentlichkeit, abseits von bürgerlichen Vorstellungen, fern von Moral und Sittenwächtern.

Ein leiser, tiefer, samtiger, hocherotischer und femininer Duft, in dem Marion Crane für ihre (sexuelle) Verderbtheit und Sündhaftigkeit bestraft wurde.

Sündig finde ich hingegen vor allem eines: dass My Sin eingestellt wurde.

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* aus der Filmbiographie "Hitchcock" aus dem Jahr 2012


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