GoldGolds Parfumkommentare

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Gold vor 10 Monaten 28
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Boring Baïkal, Bonjour (und Tschüß)
War es wirklich eine gute Idee, sich diesen Jubiläumsduft von Patricia de Nicolaï (im weiteren Verlauf PdN genannt) blind zu bestellen?
Mit "Baïkal Leather Intense" feiert die große Parfümeurin diesen Monat ihr 30. Firmenjubiläum. Da ich seit Beginn des Jahrtausends zu ihren Bewunderern zähle und außerdem Lederdüfte liebe, darüber hinaus sogar schon mal am Baikalsee gewesen bin (kleine persönliche Sentimentalität am Rande) dachte ich mir, dass ich kein Risiko eingehen würde und bestellte mir 30 ml für 59 Euro ( plus 16 Euro Versand aus Paris - warum eigentlich so teuer?) nach Hause.

Seit Stunden begleitet mich nun der neue PdN-Duft, morgens aufgesprüht, mittags aufgefrischt, abends nochmal gesprüht, jetzt zu nachtschlafender Zeit weiterhin auf meiner Haut.
Meine Tochter und mein Partner sind natürlich auf "olfaktorischem Gebiet" (zu anderen Lebensbereichen schweige ich jetzt besser) sehr viel von mir gewohnt und äußern sich gerne zu meinen Parfums.
In diesem speziellen Fall konnte meine Tochter (17! Ja, ich bin schon stolz auf sie...) sogar Vergleiche zu einem PdN-Duft ziehen, den sie mal getragen, dann aber an mich zurück gegeben hat, weil er ihr zu stark war (PdNs "Patchouli Intense" ).
Ihre Reaktion auf den Neuen: "Intense stelle ich mir anders vor. Riecht nicht so nach PdN." "Ja, ganz okay, aber wo ist das Leder?"

Der Mann an meiner Seite nahm den neuen PdN wesentlich positiver zur Kenntnis. Gleich zur Begrüßung meinte er: "Hmm, du riechst aber heute besonders gut."

Immerhin! (Er könnte mir den Duft also abnehmen).

Denn ich selbst bin ziemlich enttäuscht.
Ach, was sage ich, ich bin geschockt.
Dieser Duft entspricht meinen Erwartungen überhaupt nicht.
Die Cracks hier unter Euch kennen natürlich die ganze Palette an Lederdüften... ich muss Euch nicht langweilen mit Vergleichen, angefangen mit Cuir de Russie über Bandit bis zu Juri Gutsatz oder Tom Ford bis zu Produkten von Rossmann.
Aber vielleicht hat sogar der Rammstein - Duft mehr Lederanklänge als dieses Produkt einer unabhängigen französischen Nischenmarke.
Und was ist eigentlich mit den Guerlain - Genen in PdNs Nase passiert? Davon will ich erst gar nicht sprechen.

Also, was hat sich Madame de Nicolaï dabei gedacht, einen so zahmen, angepassten Duft zu ihrem Jubiläum herauszubringen und diesen dann auch noch "Baïkal Leather Intense" zu nennen? Ja, es gibt eine PdN -Facebook - Seite in russischer Sprache, aber setzt die Firma wirklich so stark auf Kunden aus der Russischen Föderation? Oder auf alte Fans wie mich, die in der Hoffnung auf einen spannenden Lederduft zugreifen?

Zu Beginn hoffte ich ja wirklich noch, war sehr positiv gestimmt, denn die Kopfnote ist frisch, explodiert förmlich, macht Spaß.
Safran kann ich übrigens absolut nicht wahrnehmen, soll angeblich in der Kopfnote enthalten sein. Dafür viel Grünes, eine angenehme Frische.

Dann kommt... kein Leder.
Es folgen sanfte Töne, so als ob einer Sängerin nach einem Lauf vom hohen C herunter die Stimme versagt hätte.
Sie ist kein strahlender Sopran mehr, sondern haucht sich in der Mittellage irgendwie heiser und verhuscht einen ab. Man möchte ihr ein Mikro zuwerfen, aber nun merkt man, dass die Musik sich bereits auf einem angenehm daherplätschelnden "Muzac-Level" eingependelt hat, diesem musikalischen Grundrauschen eines durchschnittlichen Shoppingcenters.
Welche Blumen dafür jetzt verantwortlich gemacht werden müssen - mir ist das ziemlich egal, Euch hoffentlich auch. Angeblich Rose, Veilchen und Iris. Die üblichen Verdächtigen eben.

Nach einer Stunde folgt der komplette Absturz des Duftes in die Beliebigkeit eines generischen Männerdufts neuerer Machart. PdN benutzt offenbar kein Ambroxan, aber viel Moschus und Tonkabohne. Das ist ganz nett, aber wenn ich einen süßlichen Herrenduft in der Art suche, kann ich im Mainstream weit Besseres finden.
Am Baikalsee garantiert auch, ich erinnere mich an einen kleinen Ort, Listwjanka, dort gab es einen Laden, der einige typische Düfte führte, z. B. "Russian Forest". Für drei Euro zu bekommen. Oder man greift zu einer Kopie aus China, zum Beispiel zu "12 Million" oder "La Nuit d'Yves".
Vom Ufer des Baikalsee aus kann man übrigens bei gutem Wetter die Mongolei sehen...
Der Baïkal steht weltweit exemplarisch für eine Vielzahl an endemischen Tieren und Pflanzen, deren Existenz bedroht ist.
PdN stand mal für eine innovative und geschmackvolle französische Parfumkunst... deren Existenz offensichtlich ebenfalls bedroht ist.
Da hat Madame de Nicolaï wahrhaftig selbst eine tolle Analogie geliefert mit ihrer Namensgebung.

Well, those were the days...
Ich rufe PdN ein wehmütiges "Adieu" zu und krame meine alte Pulle "Sacrebleu" heraus.
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Gold vor 11 Monaten 51
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The market, the rules...
"My Empire, my rules", das sagt Number 45 in abgewandelter Form auch gerne. Weltreich-Träume und Prinzessinnen - Fantasien werden hier von der Marke Paco Rabanne aus dem Hause Puig hervorragend bedient. Der rosafarbene Flakon besitzt einen so hohen Trash-Faktor, dass Barbie und Ken ihn sich garantiert gerne in ihrem Plastikpalast ins Gäste - WC stellen würden. Zu Heidi und ihrem Schlagzeuger würde das Styling auch gut passen.

Das kann man doch mittlerweile alles gar nicht mehr ernsthaft "kulturkritisch" betrachten, oder?
Wenn ein verkopfter Inti-Duft für Vernissage - Dauergäste und wahre Nischenexperten (zu denen ich wahrlich nicht zähle) 200 Euro kostet und in einer puristischen Flasche aus recyceltem Glas aus dem Kosovo präsentiert wird, dann stößt sich niemand daran. Im Gegenteil. Rare distribution etc. Wenn dann der Inhalt auch noch weitgehend "natürlich" ist, mit ökologisch angebauten Rosen vom Hindukusch und Jasmin aus Idlib, garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt, ja, dann hat das "Eau des larmes d'un enfant abandonné à l'extrême" (nennen wir es der Einfachheit halber so) durchaus gute Chancen, sehr, sehr hochgehypt zu werden.
Lady Million Empire braucht solche Verrenkungen nicht zu vollziehen. Der Name Lady Million ist etabliert und spricht die Masse an, besonders junge Frauen, die ständig ihre neusten Errungenschaften aus dem Bereich der Mode und Kosmetik posten und zu gerne "Influencer" wären, auch wenn es im real life nur ihre Clique ist, die sie mit ihren täglichen, mehrfachen Posts erreichen.

Der Parfummarkt ist heiß umkämpft, unzählige Neulancierungen warten monatlich, ja nahezu täglich auf Kunden und Kundinnen, die sich mit dem Kauf eines von der Allgemeinheit anerkannten Parfums ein Gefühl von sozialer Zugehörigkeit verschaffen möchten.
Der Erwerb eines Duftes wie Lady Million Empire erhöht den Status innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe.
Außerdem sind die Leute von Puig wirklich, wirklich clever. Sie haben durch ihre beständige und teure Marktforschung stets ihre Nasen am Puls der Zeit, checken ab, was angesagt ist und was eher nicht so läuft.
Denn Lady Million Empire riecht überhaupt nicht schlecht.
Im Gegenteil. Es ist ein supermoderner, nach allen Regeln des Marktes zusammengestelltes Parfum mit einem durchaus spannenden Duftverlauf. Die Kopfnote ist ausgeklügelte Duftchemie der Spitzenklasse. Frisch, ungestüm, neugierig machend. Gar nicht so quietschend oder blumig-fruchtig wie bei anderen Blockbustern üblich, sondern erfreulich und die Laune hebend wie ein Cocktail aus Cognac und rosa Champagner. Hört sich sehr seltsam an, funktioniert aber hier. Eine gewisse dessertartige Vanille - Gourmetnote bestimmt dann im Verlauf den Duft. Offenbar spielt hier auch ein künstliches Patchouli die Hauptrolle mit warmen, aber nicht zu dunklen Facetten. Der eingearbeitete Osmanthus wirkt edel (1000 von Patou enthält viel Osmanthus!) und überhaupt nicht trashig.
Ich muss zugeben, dass ich selbst Lady Empire nicht tragen würde, da ich ja ein langweiliger Klassikfan bin, der sich lieber mit Mitsouko einnebelt als mit dem neusten Paco Rabanne. Obwohl ich ja jetzt hier erwähnen möchte, dass ich damals, also in den berühmten 80's, wo ja angeblich alle Parfums besser und jedes zweite ein Meisterwerk darstellte, meinen absoluten Favoriten für's Leben gefunden habe, nämlich einen Duft von Paco Rabanne. Er heißt "La Nuit" und verursacht bei mir immer wieder Herzklopfen. Es war bzw. ist ein dunkler Rosenchypre mit einem angeblich "animalischen Touch". 1985 kam er heraus und war kein besonderer Verkaufsschlager...

Lady Million und das männliche Pendant sind seit Jahren die Cashcows von Paco Rabanne. Offenbar hat die Firma hier einen absoluten Nerv getroffen und bedient mit clever komponierten Parfums ihre meist jüngere Kundschaft.
Das neue Lady Million Empire könnte Puig dabei helfen, ihre Marktmacht weiter auszubauen. Angesichts der Tatsache, dass es sich um eine europäische Firma handelt, bin ich gar nicht so traurig darüber.
Wir leben in diesem kapitalistischen System und bewirken viel mit unseren Kaufentscheidungen. So wird plötzlich ein simpler Parfumkauf zu einem weiteichenderen Akt, der viel über meine Persönlichkeit und meine Lebenseinstellung aussagt.
Wir kaufen mit Düften komplexe Industrieprodukte, über deren Bezüge zu unserem Leben wir ruhig öfter auf verschiedenen Ebenen nachdenken sollten, nicht nur auf der rein olfaktorischen.
So. Genug geschwafelt... ich will nun die Gelegenheit nutzen, es am Ende doch noch rauszuhauen:
Leute, das Zeug riecht ziemlich geil.

24 Antworten

Gold vor 12 Monaten 17
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BB. Blumig-beliebig.
1985 lancierte Estee Lauder ihr blumig-strahlendes, damals als "Hochzeitsduft" vermarktetes Parfum "Beautiful".
Ein Meisterwerk, das genau jene Bedingung erfüllte, die der bedeutende Parfumeur Guy Robert für grundlegend hält : "Un parfum doit sentir bon".

2018 versuchte der neue Duft "Beautiful Belle" von Lauder offenbar, an das große Vorbild aus dem Jahre 85 anzuknüpfen.
"Beautiful Belle" (ich werde den Duft im weiteren Verlauf dieses kleinen Verisses nur noch BB nennen) ist jedoch weder "belle" noch "beautiful".
Hier war keine geniale Sophia Grosjman am Werk, sondern es müssen wohl irgendwelche Duftechniker gewesen sein, die sich an den Vorgaben der Marketingabteilung abgearbeitet haben.

So stelle ich mir ihre Überlegungen/
Brainstorming - Session vor:

"La vie est belle" ist ein Megaseller-
stop - good people, wir können auch Französisch, warum also nicht "Belle" für den Namen benutzen?
It might ring a bell with our costumers...
...
Braut und Blumen, immer wieder gerne genommen - dazu aktivieren wir die positiven Assoziationen, die der Klassiker "Beautiful" bei Kundinnen im Alter von 50 + auslöst!

- wir arbeiten mit dem Schwerpunkt "Moderne Neuinterpretation"!

Was bietet uns der Chemiebaukasten in diesem Kontext?

-Einen Chypre werden wir nicht konstruieren, denn dieses Genre spricht jüngere Konsumenten nicht an...

( und Eichenmoos ist ja ohnehin seit langer Zeit schon "raus".)

- künstliche Fruchtaromen in der Kopfnote ziehen gut... immer!!!

-Litschi! Splash!

-Dann Tuberose, Orangenblüte, mittlerweile Standard.

-Geht auch noch etwas Süße?

(- Zu gourmet - lästig oder lastig soll es nicht werden, denn das passt nicht zu einem "bridal scent".)

Techniker-Chemiker 2 schlägt "Marzipan - Moschus" vor.
( Der riecht zwar eher nach Weichspüler als nach echtem Marzipan, aber die Lieferanten der Aromachemikalien verkaufen dieses Molekül momentan sehr gut.)

Ambroxan!!!!!
Ambroxan big time!
Benötigt man natürlich für die Fixierung...
----ja, fast perfekt, we're getting there...
----
Aerin Lauder, der das neue Werk vorgeführt wird, fehlt jedoch noch etwas.

"Die Braut von 1885 war nicht so cool wie das Model, das 2018 die Werbung bestreiten soll".

Braucht der Duft noch einen kleinen "edgy Touch"?

-Wildleder. Wildleder, der kleine Kontrast zum Blümchenprogramm, okay, gönnen wir uns... ganz schön gewagt, nicht wahr?

"Aber bitte nicht too much. "

----
Herausgekommen ist ein mainstreamiger, komplett unspektakulärer Tagesduft mit einer erschreckenden Überdosis Ambroxan und einem riesigen Enttäuschungsporential.

Estee Lauder!
Das war für mich früher eine Marke, deren Düfte Meilensteine der Parfumgeschichte darstellten.
Youth Dew! Alliage ! White Linen!
You name it...

Aber 2018? BB. Beh, Beh.
Meh, Meh.

(Auf Fragrantica schrieb eine hellsichtige Userin aus den USA :" Wird floppen, landet bestimmt bei Tkmaxx."
Recht hatte sie. Ist dort schon angekommen. Ging schnell. 32€ aktuell in Köln).


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Gold vor 14 Monaten 10
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Streicheleinheiten für jede/n, bitte!
Was ist das überhaupt... eine Liebkosung? Ein Streicheln?
Ob in der Parfumwelt oder außerhalb, jede kleine Geste, jede Berührung kann aufgeladen sein mit Gefühlen und Assoziationen.
Ein Streicheln, also die bloße Vorstellung davon, kann eine sehr verführerische Sache für die potentielle Trägerin eines Parfums sein...
die Hand einer Person, die du liebst berührt sanft deine Haut,
der Wind streicht durch dein Haar,
deine Haut, ganz leicht bedeckt von den Küssen deines Liebsten...
Glückliche Kindheitserinnerungen,
dein Lieblingseis schmilzt in deinem Mund und streichelt sanft deinen Gaumen,
Sonne, die deine Haut kitzelt,
der Seidenschal, den du trägst und der deine Brust streichelt...


Ja, der Name eines Parfums kann viele Bilder evozieren, mehr als ein Foto selbst es vermag.

Und diese spezielle italienische Streicheleinheit?
Es ist zunächst mal ein starker, voluminös - charmanter Duft, blumig, romantisch, bezaubernd.
"Caress" respektiert sein italienisches Erbe, öffnet sich aber auch für Innovationen, zu merken an der leichten Ozonnote und den grünen Nuancen in der Kopfnote.

Du wirst dich ziemlich beglückt fühlen, wenn du zudem konstatierst, dass hier einige Parallelen zu "Chance" von Chanel vorliegen...
Daher stehen die Chancen dafür, dass du dich in diesen sehr preiswerten Duft verlieben könntest, gar nicht so schlecht...

Denn obwohl er so günstig ist, besitzt er eine sehr edle Opulenz aus Rose, Jasmin, Vanille, Moschus und Patchouli.

Für meinen Geschmack ist Genny eine hervorragende italienische Firma, die in ihren Parfums Sinnlichkeit und guten Geschmack vereint, italienische Eleganz gepaart mit " la dolce vita."

Die Marke wird leider nicht so hoch bewertet, obwohl sie uns Kostbarkeiten wie "Genny Classic" und diese herrliche Duftstreicheleinheit geschenkt hat. "Caress"ist warm und sexy... was kann man daran nicht mögen?
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Gold vor 14 Monaten 20
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Ausflug in die Nischenretorte: Heute: "Persische Erde"
Ja, ich gebe es zu, ich bin Namensfetischistin. Oder wie nennt man Leute, denen schon der Titel eines Parfums Lust macht, den Duft unbedingt zu testen? Pah, höre ich da manche antworten, "What's in a name?".
Es gibt sogar Parfums, die bewußt "Untitled" heißen oder sich nur mit einer Zahl schmücken... - das berühmteste Beispiel ist natürlich Chanel No. 5. Eine etablierte, weltberühmte Firma wie Chanel könnte sicherlich heute noch ein Parfum lancieren und es "Chanel No. 0.3" oder "Chanel No. 68" nennen und hätte Erfolg damit.

Was aber macht der Inhaber einer Designfirma im französischen Boulogne-Billancourt, ein gewisser Herr Thierry Lemahien, der die Ecole Supérieure de Design in den 80er Jahren abgeschlossen hat und vor vier, fünf Jahren auf der Suche nach einer neuen Business-Idee war? Er gründet ein Parfum-Label.
Leider kenne ich M. Lemahien nicht persönlich, sonst würde ich ihn fragen, warum er seine "Brand" ausgerechnet so genannt hat wie eine uralte persische Sportart, das "Chaugan", einen Vorläufer des Polo-Spiels. Mit dem Begriff "Chaugan" konnte ich nichts anfangen (nun, ich bin ohnehin nicht sportlich und interessiere mich höchstens für Fußball, hier besonders für Fortuna Düsseldorf... - aber lassen wir das).

Auf YouTube findet man ein Video, das in Mailand auf der Parfum-Messe aufgenommen wurde, in welchem M. Lemahien erklärt, was "Chaugan" bedeutet, welche Inspiration hinter seinen Parfums steckt ( d.h. Persien, die uralte Kultur und natürlich persische Märchenprinzesinnen!).
Merci, der Rahmen ist somit definiert.
Da ich Rosendüfte zwar mag, aber Prinzesinnen und das ganze unfaßbar redundante Klischee-Gebilde dahinter nicht (1000-und-eine-Nacht, Schehrazadeh, Isfahan, Sesam-Öffne-Dich etc.), sprach mich der Duft "Terre de Perse" mehr an als die anderen Parfums von Chaugan.
Doch was evoziert dieser Begriff "Persische Erde"?
Man stelle sich vor, ich käme auf den Gedanken, eine eigene Duftlinie zu entwerfen (Ideen hätte ich übrigens genug, nur mangelt es mir an Fachkenntnissen, bin ja keine Parfümeurin) und hätte ein Eau de Parfum im Portfolio, das "Terre allemande" hieße? Könnte ich nicht machen, ohne politisch in eine ganz üble Ecke eingeordnet zu werden. Aber abgesehen von diesem Gedankenspiel vermute ich, daß "Terre de Perse" ganz bewußt "Perse" heißt und nicht Iran. Der Designer aus Frankreich bezieht sich explizit auf die alte persische Kultur, nicht auf das seit 1979 bestehende Mullah-Regime.

So weckte M. Lehmahien also sofort mein Interesse. Der Namensfetischist in mir möchte unbedingt wissen, wie der Duft riecht. Vielleicht ist er ganz, ganz toll und könnte Eingang in meine Sammlung finden?
Gandix, die den Duft schon getestet hatte, war so lieb, mir ihre Abfüllung zu schicken. (Vielen Dank dafür!).
Sie hat mich vor einem blind buy bewahrt, denn ich gebe zu... ja, es juckte mich schon in den Fingern.
Die Noten lasen sich sehr vielversprechend.
Zitrone in der Kopfnote, Pfeffer - ganz mein Ding.
Und wirklich, der Duft legt einen fulminanten Start hin. Nach dem Pfeffer folgen sehr schnell andere Gewürze, die ich auch sehr liebe, z.B. Kardamom, Ingwer, Zimt. Besonders Zimt und Kardamom sind wichtige Bestandteile der persischen Küche.
Ein Akkord aus Gartennelke und Magnolie läßt einen ganz geringen Blumenhauch aufziehen, der jedoch sehr schnell von der weichen,üppigen Basis aus Amber, Tonka und Moschus verdrängt wird.
Überhaupt, die Basis. Sehr anschmiegsam. Viel zu lieb.
Wer Vergleiche zum "Terre" von HERMES ziehen möchte, dem kann ich sagen, daß die beiden überhaupt keine Gemeinsamkeiten aufweisen. Kein Vetiver in "Terre de Perse". Auch kein Galbanum (was ein sehr persischer Inhaltsstoff gewesen wäre). Die "persische Erde" wirkt auf mich wie ein sehr braver, wenig einfallsreicher Versuch, einen leicht "angenischten" Duft unter jene zahlungskräftigen Kunden zu bringen, die immer wieder nach neuen Produkten aus dem Luxusbereich gieren.
Ich konnte übrigens nicht in Erfahrung bringen, welcher Parfumeur hinter den Düften von "Chaugan" steckt.
Vermutlich ist es eine französische Firma, die Auftragsarbeiten aus der Industrie ausführt.
Wenn das Briefing mal steht (in diesem Fall: "Macht mir einen Duft, der würzig ist, aber niemanden verstört und mixt paar Gewürze hinein, die einen Persien-Vibe haben") , ist die Ausführung sicherlich ein Kinderspiel.
Es gibt unzählige solcher vermeintlichen "Niche-Brands" , die lediglich Düfte in "rare distribution" verkaufen, ohne eigene parfümistische Einfälle, ohne künstlerischen Impetus. Diese Produkte bedienen Sehnsüchte und evozieren sogenannte "Duftwelten", in diesem Falle Persien, bzw. das, was man sich in Europa gemeinhin so unter diesem Land vorstellt. Man kann den Rahmen locker austauschen, nehmen wir z.B. Afrika, dann würden sofort andere Assoziationen wach und der Duft würde "Terre d'Afrique" heißen und wahrscheinlich eine neuartige Solarnote aus dem Chemielabor enthalten (ich vermute aber, "Terre d'Afrique" existiert bereits, "Terre de Perse" war noch frei).
Die anderen Düfte der "Chaugan-Reihe" habe ich wie gesagt noch nicht getestet, aber nachdem die erste Begegnung so wenig begeisternd ausgefallen ist, reizen mich die anderen Eaux nicht besonders. Ich kann mir genau vorstellen, wie die Rosenprinzessin aus Isfahan riecht. Ganz nett, nicht allzu synthetisch, aber letzten Endes ohne Alleinstellungsmerkmal. Ohne Wiedererkennungswert. Eben so ähnlich wie "Terre de Perse", einem ganz angenehmen EdP aus einer Design-Schmiede in Boulogne-Billancourt. Dort wurden auch schon Verpackungen für die Haarpflegeprodukte der Firma Dessange entworfen.
Preislich gesehen liegen die Chaugan-Düfte im oberen Mittelfeld. "Aus Liebe zum Duft" führt sie aktuell (Mai 2019) für circa. 98 Euro, aber ich sah auch schon einige Angebote für 79 € und ebenfalls für 69 € (französische Webseiten). Man kann auch 110 € für 50 ml "Terre de Perse" hinblättern.
Fazit: Nur des Namens wegen kaufe ich kein Parfum.
Es steckt meistens sowieso nur eine clevere Design-Firma dahinter.
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