JoschJoschs Parfumkommentare

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Josch vor 3 Jahren 12
6.5
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
7
Flakon

Die Kunst des Weglassens
So sehr ich kräftige Parfums mag – mir sind die ersten 2-3 Stunden zu dicht, zu dick und zu anstrengend. Wie bei einer Kraftprobe stehen sich grüne und rauchige Duftwolken gegenüber, dazwischen übergewichtiges, schwer atmendes Heliotrop, das nicht so recht weiss, was es hier eigentlich soll. Als wären sie nicht Teil eines Ganzen, sondern konkurrierende Einzeldüfte, die man übereinander gelayert hat, kloppen sie sich lautstark um die größte Aufmerksamkeit.

Erst wenn dem Heliotrop langsam die Puste ausgeht und die namensgebenden grünen und rauchigen Bestandteile ebenfalls etwas heruntergedimmt sind, bekommen alle den nötigen Raum, um sich zu etwas Rundem, Ganzen zu verbinden. Es entsteht ein angenehmer, wenn auch nicht allzu spektakulärer Weihrauchduft mit feinen grün-harzigen Einschlüssen.

Ich mag Wummser, aber nicht Wumms als Selbstzweck, als Ersatz für eine gut umgesetzte Idee. Mich erinnert dieses "Reinpacken was geht" an die Machart modernen Designerweine aus Übersee, die geschönt, mit Aromaten hochgepuscht und durch Wasserentzug konzentriert werden, um ein Maximum an Opulenz zu erhalten. Das Ergebnis sind überladene und überwürzte Muskelpakete ohne Seele, die versuchen mit schierer Kraft zu überzeugen, statt mit Individualität oder Raffinesse. Vom ersten Glas mag man vielleicht noch kurz beeindruckt sein, das zweite bekommt man kaum noch runter.

Für meinen Geschmack hätte "Vert d'Encens" ein schlankerer Start oder eine differenziertere Gewichtung ganz gut getan. Weniger ist oft mehr, und nicht immer gilt "Wenn viel drin ist, muss es ja gut sein". Wer die Kombination Grün/Hell und Grau/Dunkel mag, könnte mit dem artverwandten, melancholischen "Vert des Bois" besser bedient sein: Ein harzig-grüner Duft mit Pfiff, Power und Haltbarkeit, bei dem sich die kontrastierenden Aromen von Anfang an spannend ergänzen.
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Josch vor 3 Jahren 20
8.5
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Flaschendrehen und Flash-Back...
Patchouli-Räucherkegel, Pfirsichtee aus dem "Original"-Indienladen, politisch korrektes Süßen mit Honig, selbstgedrehte Buccanneer-Zigaretten (der süße pfeifentabakähnliche mit Whiskeyaroma), schlabbrige Pullis in drei Nummern zu groß, Lieblingsjeans zu Grabe tragen, an der Puch rumschrauben, in den nächst größeren Ort trampen, weil das Mofa trotzdem nicht läuft, Mädels mit selbstgestrickten Pulswärmern, die ersten Partys, PattiSmith, PinkFloyd, DeepPurple, dazu "Racke Rauchzart" mit viel O-Saft, weil man das Zeug pur nicht runterbekommen hat. Brav nach Schulschluss: Flaschendrehen im Freibad...

"Kiste" erweist sich für mich als Initialzünder für Erinnerungen an meine Schulendzeit. Es lässt die Assoziationsketten rattern und rattern und rattern – längst vergessen geglaubte Namen, Gesichter, Ereignisse, Stimmungen, Gefühle... verrückt. Weil mir der Geruch auch nach so vielen Jahren noch unglaublich vertraut ist, kann ich es kaum als eigenständiges Parfum würdigen. Es kommt mir vielmehr so vor, als wäre es einfach der Duft, den diese Zeit eben gehabt hat – wie konserviert an einem alten Kleidungsstück, einem Buch oder einem persönlichen Brief von damals.

Nichtsdestotrotz: "Kiste" ist natürlich ein eigenständiges und zudem ungewöhnlich schönes und hochwertiges Parfum, das vielen Liebhabern ausdrucksstarker Gourmands gefallen dürfte. Die Hauptbestandteile Tabak, Pfirsich, Honig und Patchouli wirken absolut natürlich, sie bieten eine ausgeprägte Süße, die jedoch nichts verklebt, Weichheit ohne Kitsch, Tiefe und Präsenz ohne aufdringlich zu werden (so man sich auf max. 2x Pffft beschränkt) – ein wunderbar origineller und authentischer Duft, auch wenn er meinen heutigen Geschmack nicht mehr so ganz trifft.

Danke für die völlig unerwartete Zeitreise! Ich werde auf jeden Fall nach anderen Düften von Slumberhouse Ausschau halten, denn die Machart und Qualität von "Kiste" haben mich ziemlich beeindruckt und neugierig gemacht.

PS: Ich korrigiere: Maximal 1/2 bis 1x Pffft. Alles, was darüber hinaus geht, könnte von Unbeteiligten als Nötigung ausgelegt werden.
6 Antworten

Josch vor 5 Jahren 7
8
Duft
7.5
Haltbarkeit
7.5
Sillage
5
Flakon

The Gentle Man
...zu Beginn: Frisch-grüne Würze... weniger zitrisch, als die Pyramide vermuten lässt... "gehaltvoll", weil alle Akteure von Anfang an auf der Bühne stehen, wenn auch manche noch im Hintergrund...

Auffällig: Muskateller-Salbei und Gewürznelke... letztere zieht sich von Anfang bis Ende, so herb und trocken, dass sie fast schon pfeffrig wirkt...

...Vetiver, sehr deutlich, stark, leicht lakritzig, etwas bitter... klar und kühl wie ein Frühlings- oder Herbstmorgen, wenn das Gras vom Tau noch klatschnass ist und der Frühnebel noch in den Senken hängt... Zeder? Sandelholz? Sicher...aber als Teil des Ganzen, poliertes dunkles Holz als Gesamteindruck, nicht als einzeln wahrnehmbarer Bestandteil...

Moos: Unbedingt... und zwar nicht zu knapp! Zusammen mit dem Vetiver herrlich kräftig und erdig... Ambra, Moschus? Vielleicht, als Statisten in der allerletzten Reihe.

...das Besondere: Weihrauch und Myrrhe... für mich weniger rauchig, als vielmehr harzig-frisch. Sehr präsent... den gesamten Verlauf bestimmend...

Fazit: "Eau de Vétiver pour Monsieur" hat nur wenig mit den vielen aktuellen "bürotauglichen" Designer-Vetivern gemeinsam, Cashmere-Rollkragen gab es damals noch nicht. Und deshalb ist er wohl auch so herrlich kraftvoll, kantig, harzig und knarzig... im positiven Sinne etwas altmodisch und britisch-urban, hemdsärmelig und doch gentleman-like – wie Tweed und Wollpulli mit Lederbesatz.

Wer also für den ausgedehnten morgendlichen Ausritt durch seine weitläufigen Ländereien noch nach dem passenden Duft sucht: Der würde passen.
3 Antworten

Josch vor 5 Jahren 6
6
Duft
7.5
Haltbarkeit
5
Sillage
7.5
Flakon

Nasser Hund ohne Amber
Gekommen bin ich auf das auch heute noch produzierte und problemlos erhältliche "Toujours Moi" von Dana durch den vorherigen Erwerb eines kleinen Minis des gleichnamigen, aber schon längst eingestellten Originals von Corday, von dem man nur noch mit Glück einen alten Flakon erwerben kann.

Das Original von Corday ist für mich ein wundervoll weicher dunkel-rotbrauner Wohlfühl-Amber, der vielleicht / wahrscheinlich gar keinen Amber enthält – zumindest geben weder die hiesigen Duftangaben noch weitere Recherchen einen Anhaltspunkt dafür. Trotzdem riecht er unendlich tief und warm, fern der üblichen seichten Schokolade-Kakao-Assoziationen. Vielleicht ist es einfach nur den Jahren und Jahrzehnten geschuldet, in denen die ursprünglichen Inhaltsstoffe meines Minis so reifen und sich glatt schleifen konnten, dass sie die Anmutung von Amber erhalten haben, ohne dass dieser jemals ein Bestandteil des Parfums war.

Das gleichnamige Nachfolgemodell von Dana stammt zwar aus aktueller neuer Produktion, vermittelt aber trotzdem den etwas angestaubten Charme eines Vintage-Parfums, das sich zwar kräftig an das alte Corday-Original anlehnt, aber – wie könnte es anders sein – dessen Niveau für meine Begriffe nicht ganz erreicht.

Der augenscheinlichste Unterschied ist für mich das Fehlen der warmen Amber-Anmutung, die beim Corday vielleicht nur durch gereiftes Patchouli entstanden ist. Beim neuen Dana-Toujours-Moi zeigt sich das Patchouli noch frisch – und entsprechend harscher und struppiger. Es ist zwar versetzt mit Waldhonig, der natürlich eine Süße mit einbringt, seinerseits aber auch seine eigenen herben und harzigen Aromen beisteuert. Auch das aromatische Benzoe-Harz, das in Indien als Tempel-Weihrauch und in der griechisch-orthodoxen Kirche statt dem üblichen Harz des Weihrauchbaums verwendet wird, trägt dazu bei, dass die gesamte Anmutung zwar balsamisch, leicht vanillig, wärmend und süß ist, aber sich doch einen deutlich rauen Kern bewahrt.

Nicht schlechter als das Original von Corday – nur etwas anders: Herber und kantiger.

Das Patchouli erinnert mich bei Dana weder an den oft zum Vergleich bemühten (und selten gemochten) muffigen Kartoffelkeller, noch an andere mir bekannte Patchouli-Varianten wie z.B. hell-trockene Erde. Bei meinem ersten Test hatte ich – auch wenn es wahrscheinlich Befremden auslöst – sofort die Assoziation zu "Nassem Hund"! Wer es kennt (und – noch besser – auch mag) weiss vielleicht, was ich meine: Dieser vollkommen natürliche, warme, erdige und lebendige Duft eines Wesens, das einfach nur nach sich selbst riecht – und durch die Feuchtigkeit eben etwas stärker.

Ich könnte – um noch mehr Befremden zu verursachen – sogar noch weiter gehen und differenzieren: Nicht "irgendein" nasser Hund, sondern konkret die Sorte von Promenadenmischung, die meist etwas Terrier in sich hat. Mit eher kurzem, struppigem, drahtigem Fell, in Schwarz-Grau-Weiss (Pfeffer-Salz), Füße wie Klobürsten (das versteht wahrscheinlich wirklich nur ein Insider :D), nicht wirklich hübsch – aber sehr intelligent, liebenswert, fetzig und frech.

Ich kann mir gut vorstellen, dass beide Rezepturen – die alte von Corday und die neue von Dana – im Grunde nicht weit voneinander weg liegen. Vielleicht ist es ja wirklich nur der Faktor "Zeit", der das alte Corday auf einer Zeitachse zu dem gemacht hat, was man heute riechen kann. Vielleicht ist das neue Dana einfach nur das etwas ruppigere und rohere (weil ungereifte) Ausgangsprodukt des gleichen Dufts – und würde sich in 5, 10 oder 20 Jahren genauso weich und warm präsentieren, wenn man ihm die Zeit dazu geben würde. Ein Unterschied wie zwischen einem neuen frischen "Crianza" und einem alten gelagerten "Grand Reserva": Die gleichen Trauben, der gleiche Weinberg – nur eine andere Reifezeit.

Ja – vielleicht sollte man manche Parfums genau so einlagern, wie man es ganz selbstverständlich mit manchen Weinen macht. Da man "Toujours Moi" von Dana zu recht moderaten Preisen erhalten kann, wäre es auf alle Fälle einen Versuch wert. V.a. wenn man etwas angestaubte Düfte mit Patchouli und Harz mag. Oder mit nassem Hund.
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Josch vor 5 Jahren 9
8
Duft
10
Haltbarkeit
7.5
Sillage
10
Flakon

Wer will, der kann – wer nicht will, hat's noch nicht probiert.
Das sind die Momente, die diverse Blindkäufe, die zumindest bei mir großteils in die Hose gehen, wieder wettmachen!

Ein klassischer Beifang aus der Bucht – beim Ersteigern eines Parfums beim gleichen Verkäufer mit ersteigert, weil es sonst keiner wollte. Quasi im Vorbeigehen. Ein Parfum, von dem ich noch nie gehört habe, das nicht zu ersouken ist, das ich nicht vorab testen konnte. In einem winzigen unscheinbaren 1-2ml Miniatur-Flakon, der Inhalt schon dunkel-rotbraun.

Was ein schöner Duft!

Er ist anfangs etwas ungehobelt (rau, krautig, ungeschliffen), so dass ich im ersten Moment schon dachte, dass er sich in die Serie gekippter Vintage-Parfums einreiht, die ich gleich wieder verkaufen oder resigniert in den Ausguss kippen kann – in der tröstenden Hoffnung, zumindest den leeren Flakon irgendwann mal brauchen zu können.

Aber dieser etwas ungehobelte Auftakt währt nur kurz.

"Toujours moi", eine Namensgebung, die bei mir zuerst etwas schwülstige, kitschige Assoziationen hervorgerufen hat, verwandelt sich zum Glück nicht in diese Richtung, sondern zeigt sich innerhalb kürzester Zeit als wundervoll trockener, ambratiger, weicher und vor allem unendlich warmer + tiefer Wohlfühlduft, der alle mir bekannte Amber-Duftkompositionen locker in den Schatten stellt.

Ich weiss nicht einmal, um welche Konzentration es sich handelt, weil der Flakon keine Auskunft darüber gibt – nehme aber an, dass es sich um ein EdP oder gar Extrait handelt: Mindestens 12 Stunden strahlt er wärmend auf eine mäßig süße Art ein wunderbar natürliches Amber-Aroma aus, das auch nach 24 Stunden noch gut wahrnehmbar ist.

Auch ich vermute eine qualitativ hochwertige Portion Patchouli darin: Patchouli von der hellen erdigen Sorte, die ein Parfum so angenehm anraut und verhindert, dass ein eher lieblicher, herz- oder basisbetonter Bestandteil wie Amber ohne entsprechende Gegenspieler ein Parfum auch schnell etwas seicht und langweilig machen kann.

Ein Indiz für die ausserordentliche Qualität der Bestandteile: Viele Stunden nach dem warmen Glimmen des patchouli-geschwängerten Ambers – wenn man sich schon zurücklehnen möchte und eigentlich nichts Neues mehr erwartet – reißt "Toujours Moi" nochmal die Kurve: Es bringt zu den tiefen rotbraunen Ambertönen einen ebenso tiefen dunkelrauchigen Aspekt ins Spiel, den ich eigentlich gar nicht mit säkularem Weihrauch im klassischen Sinne in Verbindung bringen möchte, und der entsprechend schwer zu beschreiben ist: Aromatisch, aber eben nicht im Sinne von hellgrauem Kirchen-Weihrauch, auch kein profanes Lagerfeuer, das vor sich her qualmt – fast wie Kräuter, die man in eine sanfte Glut legt, so dass sie dadurch anthrazitfarbene Dämpfe freigeben, die man so nicht kennt.

Für mich eine tolle Entdeckung im Reigen der wirklich großen Klassiker! Manchmal findet man noch ältere Flakons oder Minis zu annehmbaren Preisen… wer will, der kann also. Wer Blindkäufe nicht mag, weil er dabei meist kein Glück hatte, wird wohl auch nie in den Genuss kommen. Wer die angegebenen Aromen mag: In diesem Fall würde ich es wagen, weil er damit einen Treffer landen könnte.
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