JoschJoschs Parfumkommentare

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16.07.2017 17:21 Uhr
12 Auszeichnungen
So sehr ich kräftige Parfums mag – mir sind die ersten 2-3 Stunden zu dicht, zu dick und zu anstrengend. Wie bei einer Kraftprobe stehen sich grüne und rauchige Duftwolken gegenüber, dazwischen übergewichtiges, schwer atmendes Heliotrop, das nicht so recht weiss, was es hier eigentlich soll. Als wären sie nicht Teil eines Ganzen, sondern konkurrierende Einzeldüfte, die man übereinander gelayert hat, kloppen sie sich lautstark um die größte Aufmerksamkeit.

Erst wenn dem Heliotrop langsam die Puste ausgeht und die namensgebenden grünen und rauchigen Bestandteile ebenfalls etwas heruntergedimmt sind, bekommen alle den nötigen Raum, um sich zu etwas Rundem, Ganzen zu verbinden. Es entsteht ein angenehmer, wenn auch nicht allzu spektakulärer Weihrauchduft mit feinen grün-harzigen Einschlüssen.

Ich mag Wummser, aber nicht Wumms als Selbstzweck, als Ersatz für eine gut umgesetzte Idee. Mich erinnert dieses "Reinpacken was geht" an die Machart modernen Designerweine aus Übersee, die geschönt, mit Aromaten hochgepuscht und durch Wasserentzug konzentriert werden, um ein Maximum an Opulenz zu erhalten. Das Ergebnis sind überladene und überwürzte Muskelpakete ohne Seele, die versuchen mit schierer Kraft zu überzeugen, statt mit Individualität oder Raffinesse. Vom ersten Glas mag man vielleicht noch kurz beeindruckt sein, das zweite bekommt man kaum noch runter.

Für meinen Geschmack hätte "Vert d'Encens" ein schlankerer Start oder eine differenziertere Gewichtung ganz gut getan. Weniger ist oft mehr, und nicht immer gilt "Wenn viel drin ist, muss es ja gut sein". Wer die Kombination Grün/Hell und Grau/Dunkel mag, könnte mit dem artverwandten, melancholischen "Vert des Bois" besser bedient sein: Ein harzig-grüner Duft mit Pfiff, Power und Haltbarkeit, bei dem sich die kontrastierenden Aromen von Anfang an spannend ergänzen.


13.07.2017 23:06 Uhr
20 Auszeichnungen
Patchouli-Räucherkegel, Pfirsichtee aus dem "Original"-Indienladen, politisch korrektes Süßen mit Honig, selbstgedrehte Buccanneer-Zigaretten (der süße pfeifentabakähnliche mit Whiskeyaroma), schlabbrige Pullis in drei Nummern zu groß, Lieblingsjeans zu Grabe tragen, an der Puch rumschrauben, in den nächst größeren Ort trampen, weil das Mofa trotzdem nicht läuft, Mädels mit selbstgestrickten Pulswärmern, die ersten Partys, PattiSmith, PinkFloyd, DeepPurple, dazu "Racke Rauchzart" mit viel O-Saft, weil man das Zeug pur nicht runterbekommen hat. Brav nach Schulschluss: Flaschendrehen im Freibad...

"Kiste" erweist sich für mich als Initialzünder für Erinnerungen an meine Schulendzeit. Es lässt die Assoziationsketten rattern und rattern und rattern – längst vergessen geglaubte Namen, Gesichter, Ereignisse, Stimmungen, Gefühle... verrückt. Weil mir der Geruch auch nach so vielen Jahren noch unglaublich vertraut ist, kann ich es kaum als eigenständiges Parfum würdigen. Es kommt mir vielmehr so vor, als wäre es einfach der Duft, den diese Zeit eben gehabt hat – wie konserviert an einem alten Kleidungsstück, einem Buch oder einem persönlichen Brief von damals.

Nichtsdestotrotz: "Kiste" ist natürlich ein eigenständiges und zudem ungewöhnlich schönes und hochwertiges Parfum, das vielen Liebhabern ausdrucksstarker Gourmands gefallen dürfte. Die Hauptbestandteile Tabak, Pfirsich, Honig und Patchouli wirken absolut natürlich, sie bieten eine ausgeprägte Süße, die jedoch nichts verklebt, Weichheit ohne Kitsch, Tiefe und Präsenz ohne aufdringlich zu werden (so man sich auf max. 2x Pffft beschränkt) – ein wunderbar origineller und authentischer Duft, auch wenn er meinen heutigen Geschmack nicht mehr so ganz trifft.

Danke für die völlig unerwartete Zeitreise! Ich werde auf jeden Fall nach anderen Düften von Slumberhouse Ausschau halten, denn die Machart und Qualität von "Kiste" haben mich ziemlich beeindruckt und neugierig gemacht.

PS: Ich korrigiere: Maximal 1/2 bis 1x Pffft. Alles, was darüber hinaus geht, könnte von Unbeteiligten als Nötigung ausgelegt werden.


09.08.2015 19:29 Uhr
7 Auszeichnungen
...zu Beginn: Frisch-grüne Würze... weniger zitrisch, als die Pyramide vermuten lässt... "gehaltvoll", weil alle Akteure von Anfang an auf der Bühne stehen, wenn auch manche noch im Hintergrund...

Auffällig: Muskateller-Salbei und Gewürznelke... letztere zieht sich von Anfang bis Ende, so herb und trocken, dass sie fast schon pfeffrig wirkt...

...Vetiver, sehr deutlich, stark, leicht lakritzig, etwas bitter... klar und kühl wie ein Frühlings- oder Herbstmorgen, wenn das Gras vom Tau noch klatschnass ist und der Frühnebel noch in den Senken hängt... Zeder? Sandelholz? Sicher...aber als Teil des Ganzen, poliertes dunkles Holz als Gesamteindruck, nicht als einzeln wahrnehmbarer Bestandteil...

Moos: Unbedingt... und zwar nicht zu knapp! Zusammen mit dem Vetiver herrlich kräftig und erdig... Ambra, Moschus? Vielleicht, als Statisten in der allerletzten Reihe.

...das Besondere: Weihrauch und Myrrhe... für mich weniger rauchig, als vielmehr harzig-frisch. Sehr präsent... den gesamten Verlauf bestimmend...

Fazit: "Eau de Vétiver pour Monsieur" hat nur wenig mit den vielen aktuellen "bürotauglichen" Designer-Vetivern gemeinsam, Cashmere-Rollkragen gab es damals noch nicht. Und deshalb ist er wohl auch so herrlich kraftvoll, kantig, harzig und knarzig... im positiven Sinne etwas altmodisch und britisch-urban, hemdsärmelig und doch gentleman-like – wie Tweed und Wollpulli mit Lederbesatz.

Wer also für den ausgedehnten morgendlichen Ausritt durch seine weitläufigen Ländereien noch nach dem passenden Duft sucht: Der würde passen.


03.08.2015 01:05 Uhr
6 Auszeichnungen
Zugegeben: Die Messlatte liegt hoch, wenn man beim Testen eines vergleichsweise "neuzeitlichen" Grès die herb-filigranen älteren Geschwister im Hinterkopf hat – z.B. "Cabochard" in der alten Originalversion von Bernard Chant (nicht zu verwechseln mit der aktuellen Ausführung, der man so die Luft rausgenommen hat, dass sie nur noch auf Felgen läuft).

Andererseits: Die Vorliebe zu den alten Schätzen birgt ja auch eine Art "Grundwohlwollen" der Marke gegenüber – und so sitze ich, in Erwartung von Großem, zum Beginn des Tests und durchaus hoffnungsschwanger: Mitten in einem Riesenstrauß bunter Blumen in kräftigen Pastelltönen (von Rose bis Jasmin bis Ich-weiß-nicht-was). Und in einer Vase voll lauwarmem Seifenwasser. Sehr blumig, mittelsüß, leicht schwül, obersauber-seifig.

Und sonst? Nichts. Außer stehender Luft.

Alles zusammen zwar nett und sehr natürlich, aber auch recht zahnlos. Also ohne Biss. Keine Frische, keine Spritzigkeit . Keine Grès-typischen ledrigen Grundtöne, die sowohl dem alten Cabochard als auch dem chyprig-erdigen Duo "Grès pour Homme" und "Quiproquo" (zwei Namen für ein und das selbe Parfum) so viel Charakter und Finesse gegeben haben. Da habe ich mit mehr gerechnet.

Zwei Stunden später: Ich sitze immer noch da. Weil das warme Seifenwasser schon anfängt Blasen zu werfen, lasse ich immer mehr den Kopf hängen. Auch den Blumen ergeht es nicht besser: Sie werden zunehmend leiser, die Farben werden blasser, ihr Duft wird schwächer.

Drei Stunden später: Als hätte jemand (drei Zimmer weiter) das Fenster geöffnet, kommt langsam und von weit draußen eine Andeutung von Herbheit ins Spiel. Ein Tick Leder, ein Minispritzer Eichenmoos, ein Hauch der typischen "Grès-Guerlinade", die ich von den älteren Geschwistern kenne. Das blumige Stillleben bekommt kleine Risse, endlich!

Nach vier Stunden überlege ich trotzdem, ob ich die "Operation Alix Grés" nicht beenden soll. Es geht mir alles zu lange. Die älteren Geschwister trauen sich nicht ins Zimmer. Sie locken nur mit ihrer erahnbaren Extravaganz, ohne sie klar und deutlich einzubringen. Der weiterhin bestimmende Blütenakkord und das saubere Seifenwasser erzeugen bei mir immer mehr den Wunsch nach einem egal wie gearteten, kraftvollen Gegenpol.

Eine weitere Stunde später: Die Blumen haben das Handtuch geworfen. Sie hängen über den Vasenrand und verströmen nur noch einen welk-angeschlagenen Blütenduft – der mir allerdings sehr viel mehr zusagt, als das opulente Vollprogramm zum Anlocken von potentiellen Bestäubern. Ich beginne langsam mich wohl zu fühlen. Trotz mittlerweile schrumpeliger Haut. Na also, geht doch. Warum nicht gleich so?

Nach mittlerweile über fünf Stunden macht mir Alix Grès zunehmend Spass: Ein ausgewogener Duft, der inzwischen angetrocknete Blüten (immer noch Rose und Jasmin und Ich-weiß-nicht-was), Sauberseife und – wenn auch gemäßigt – den leicht ledrigen, herben Stallgeruch der älteren Grès-Geschwister vereint.

Sieben Stunden später stehe ich da und staune: Die Blüten sind noch wahrnehmbar, aber nur noch hintergründig, wie ein fernes Echo. Die Seifigkeit hat sich in eine angenehme Sauberfrische verwandelt. Und der kernige Geruch von feuchter Erde, der durch die mittlerweile weit geöffneten Fenster weht, verwirbelt alles zu einem blumig-ledrig-sauberen Chypre.

Fazit: Ganz sicher keines der vielen x-beliebigen Blümchendüfte, wie man zu Anfang noch vermuten könnte. Dazu ist Alix Grès, wie sich mit der Zeit herausstellte, viel zu gut und raffiniert gemacht. Es bietet einen riesigen Spannungsbogen (für meinen Geschmack fast schon zu groß, weil der Anfang und das Ende recht weit auseinander liegen), und eine unvermutete Entwicklung in Zeitlupe.

Wäre es nach mir gegangen, hätte es gerne dort starten dürfen, wo es sich nach drei bis vier Stunden befindet – um sich von dort aus noch weiter in eine raue Richtung zu entwickeln, die die Facetten der alten Grès-Düfte ergänzt.

So bleibt es v.a. in den ersten Stunden ein etwas sehr brav geratenes Halb-Geschwisterchen, das für meinen Geschmack erst recht spät anfängt zu zahnen und Biss zu bekommen. Handwerklich toll gemacht (Haltbarkeit 12 Std. und mehr), sicher noch verwandt mit Madame Grès als namengebender Mutter – aber nicht mehr mit Bernard Chant als Vater.

Für Liebhaber(innen) von seifig-blumigen Chypres eine echte Empfehlung!


04.06.2015 18:38 Uhr
6 Auszeichnungen
Gekommen bin ich auf das auch heute noch produzierte und problemlos erhältliche "Toujours Moi" von Dana durch den vorherigen Erwerb eines kleinen Minis des gleichnamigen, aber schon längst eingestellten Originals von Corday, von dem man nur noch mit Glück einen alten Flakon erwerben kann.

Das Original von Corday ist für mich ein wundervoll weicher dunkel-rotbrauner Wohlfühl-Amber, der vielleicht / wahrscheinlich gar keinen Amber enthält – zumindest geben weder die hiesigen Duftangaben noch weitere Recherchen einen Anhaltspunkt dafür. Trotzdem riecht er unendlich tief und warm, fern der üblichen seichten Schokolade-Kakao-Assoziationen. Vielleicht ist es einfach nur den Jahren und Jahrzehnten geschuldet, in denen die ursprünglichen Inhaltsstoffe meines Minis so reifen und sich glatt schleifen konnten, dass sie die Anmutung von Amber erhalten haben, ohne dass dieser jemals ein Bestandteil des Parfums war.

Das gleichnamige Nachfolgemodell von Dana stammt zwar aus aktueller neuer Produktion, vermittelt aber trotzdem den etwas angestaubten Charme eines Vintage-Parfums, das sich zwar kräftig an das alte Corday-Original anlehnt, aber – wie könnte es anders sein – dessen Niveau für meine Begriffe nicht ganz erreicht.

Der augenscheinlichste Unterschied ist für mich das Fehlen der warmen Amber-Anmutung, die beim Corday vielleicht nur durch gereiftes Patchouli entstanden ist. Beim neuen Dana-Toujours-Moi zeigt sich das Patchouli noch frisch – und entsprechend harscher und struppiger. Es ist zwar versetzt mit Waldhonig, der natürlich eine Süße mit einbringt, seinerseits aber auch seine eigenen herben und harzigen Aromen beisteuert. Auch das aromatische Benzoe-Harz, das in Indien als Tempel-Weihrauch und in der griechisch-orthodoxen Kirche statt dem üblichen Harz des Weihrauchbaums verwendet wird, trägt dazu bei, dass die gesamte Anmutung zwar balsamisch, leicht vanillig, wärmend und süß ist, aber sich doch einen deutlich rauen Kern bewahrt.

Nicht schlechter als das Original von Corday – nur etwas anders: Herber und kantiger.

Das Patchouli erinnert mich bei Dana weder an den oft zum Vergleich bemühten (und selten gemochten) muffigen Kartoffelkeller, noch an andere mir bekannte Patchouli-Varianten wie z.B. hell-trockene Erde. Bei meinem ersten Test hatte ich – auch wenn es wahrscheinlich Befremden auslöst – sofort die Assoziation zu "Nassem Hund"! Wer es kennt (und – noch besser – auch mag) weiss vielleicht, was ich meine: Dieser vollkommen natürliche, warme, erdige und lebendige Duft eines Wesens, das einfach nur nach sich selbst riecht – und durch die Feuchtigkeit eben etwas stärker.

Ich könnte – um noch mehr Befremden zu verursachen – sogar noch weiter gehen und differenzieren: Nicht "irgendein" nasser Hund, sondern konkret die Sorte von Promenadenmischung, die meist etwas Terrier in sich hat. Mit eher kurzem, struppigem, drahtigem Fell, in Schwarz-Grau-Weiss (Pfeffer-Salz), Füße wie Klobürsten (das versteht wahrscheinlich wirklich nur ein Insider :D), nicht wirklich hübsch – aber sehr intelligent, liebenswert, fetzig und frech.

Ich kann mir gut vorstellen, dass beide Rezepturen – die alte von Corday und die neue von Dana – im Grunde nicht weit voneinander weg liegen. Vielleicht ist es ja wirklich nur der Faktor "Zeit", der das alte Corday auf einer Zeitachse zu dem gemacht hat, was man heute riechen kann. Vielleicht ist das neue Dana einfach nur das etwas ruppigere und rohere (weil ungereifte) Ausgangsprodukt des gleichen Dufts – und würde sich in 5, 10 oder 20 Jahren genauso weich und warm präsentieren, wenn man ihm die Zeit dazu geben würde. Ein Unterschied wie zwischen einem neuen frischen "Crianza" und einem alten gelagerten "Grand Reserva": Die gleichen Trauben, der gleiche Weinberg – nur eine andere Reifezeit.

Ja – vielleicht sollte man manche Parfums genau so einlagern, wie man es ganz selbstverständlich mit manchen Weinen macht. Da man "Toujours Moi" von Dana zu recht moderaten Preisen erhalten kann, wäre es auf alle Fälle einen Versuch wert. V.a. wenn man etwas angestaubte Düfte mit Patchouli und Harz mag. Oder mit nassem Hund.


12.05.2015 16:28 Uhr
8 Auszeichnungen
Das sind die Momente, die diverse Blindkäufe, die zumindest bei mir großteils in die Hose gehen, wieder wettmachen!

Ein klassischer Beifang aus der Bucht – beim Ersteigern eines Parfums beim gleichen Verkäufer mit ersteigert, weil es sonst keiner wollte. Quasi im Vorbeigehen. Ein Parfum, von dem ich noch nie gehört habe, das nicht zu ersouken ist, das ich nicht vorab testen konnte. In einem winzigen unscheinbaren 1-2ml Miniatur-Flakon, der Inhalt schon dunkel-rotbraun.

Was ein schöner Duft!

Er ist anfangs etwas ungehobelt (rau, krautig, ungeschliffen), so dass ich im ersten Moment schon dachte, dass er sich in die Serie gekippter Vintage-Parfums einreiht, die ich gleich wieder verkaufen oder resigniert in den Ausguss kippen kann – in der tröstenden Hoffnung, zumindest den leeren Flakon irgendwann mal brauchen zu können.

Aber dieser etwas ungehobelte Auftakt währt nur kurz.

"Toujours moi", eine Namensgebung, die bei mir zuerst etwas schwülstige, kitschige Assoziationen hervorgerufen hat, verwandelt sich zum Glück nicht in diese Richtung, sondern zeigt sich innerhalb kürzester Zeit als wundervoll trockener, ambratiger, weicher und vor allem unendlich warmer + tiefer Wohlfühlduft, der alle mir bekannte Amber-Duftkompositionen locker in den Schatten stellt.

Ich weiss nicht einmal, um welche Konzentration es sich handelt, weil der Flakon keine Auskunft darüber gibt – nehme aber an, dass es sich um ein EdP oder gar Extrait handelt: Mindestens 12 Stunden strahlt er wärmend auf eine mäßig süße Art ein wunderbar natürliches Amber-Aroma aus, das auch nach 24 Stunden noch gut wahrnehmbar ist.

Auch ich vermute eine qualitativ hochwertige Portion Patchouli darin: Patchouli von der hellen erdigen Sorte, die ein Parfum so angenehm anraut und verhindert, dass ein eher lieblicher, herz- oder basisbetonter Bestandteil wie Amber ohne entsprechende Gegenspieler ein Parfum auch schnell etwas seicht und langweilig machen kann.

Ein Indiz für die ausserordentliche Qualität der Bestandteile: Viele Stunden nach dem warmen Glimmen des patchouli-geschwängerten Ambers – wenn man sich schon zurücklehnen möchte und eigentlich nichts Neues mehr erwartet – reißt "Toujours Moi" nochmal die Kurve: Es bringt zu den tiefen rotbraunen Ambertönen einen ebenso tiefen dunkelrauchigen Aspekt ins Spiel, den ich eigentlich gar nicht mit säkularem Weihrauch im klassischen Sinne in Verbindung bringen möchte, und der entsprechend schwer zu beschreiben ist: Aromatisch, aber eben nicht im Sinne von hellgrauem Kirchen-Weihrauch, auch kein profanes Lagerfeuer, das vor sich her qualmt – fast wie Kräuter, die man in eine sanfte Glut legt, so dass sie dadurch anthrazitfarbene Dämpfe freigeben, die man so nicht kennt.

Für mich eine tolle Entdeckung im Reigen der wirklich großen Klassiker! Manchmal findet man noch ältere Flakons oder Minis zu annehmbaren Preisen… wer will, der kann also. Wer Blindkäufe nicht mag, weil er dabei meist kein Glück hatte, wird wohl auch nie in den Genuss kommen. Wer die angegebenen Aromen mag: In diesem Fall würde ich es wagen, weil er damit einen Treffer landen könnte.


12.05.2015 13:47 Uhr
5 Auszeichnungen
Eigentlich hatte ich es nur auf den hübschen Ballonzerstäuber abgesehen, als ich Trajana blind ersteigert habe. Ich habe nicht damit gerechnet, dass der Inhalt, ein Eau de Cologne, das mindestens aus den Jahren 1972-76 stammen muss, noch brauchbar ist.

Aber er ist noch brauchbar - zwar nicht meine Geschmacksrichtung, aber immerhin: Der macht noch was, der ist noch da!

Hinter dem so französisch anmutenden Namen "Mouson" versteckt sich eine Frankfurter Seifen- und Parfümfabrik, die bereits 1798 gegründet wurde: J.G. Mouson & Co. Sie wurde 1972 verkauft, im Jahre 1976 wurden alle Fabrikgebäude bis auf einen einzelnen Turm abgerissen – den Frankfurter "Mousonturm", der bis heute als Künstlerhaus, Kulturzentrum und freies Theater Verwendung findet.

Das Parfum selbst zeichnet sich vor allem durch florale Noten aus – etwas krautig, leicht herb, aber dennoch mit präsenter Süße, die sich allerdings noch im Rahmen hält und noch nicht klebt: Lavendel, der ursprünglich sicher noch deutlicher vorhanden war, Jasmin in einer angenehmen weil unschwülen Version, hellrote und gelbe Rosen – etwas seifig und sauber, aber durchaus angenehm.

Erfreulicherweise nimmt sich die anfängliche Süße recht schnell und immer mehr zurück, und hinterlässt zusammen mit einer leichten Eichenmoos-Basis den Eindruck von getrockneten Wiesenblumen und Heu: Weiblich, floral, etwas altmodisch, angenehm. Wie in Aspik gegossen bleibt dieser Eindruck für gute 5-6 Stunden bestehen und könnte auch heute noch gut gefallen, wenn einem diese Richtung behagt.

Mein Geschmack ist es nicht, da es mir trotz der erwähnten trockenen Ingredienzien etwas zu blümerant ist. Aber es war trotzdem ein schöner – weil unerwarteter – Blick zurück in eine vergangene Epoche, die viele hervorragende Parfums erschaffen hat.


19.04.2015 23:09 Uhr
6 Auszeichnungen
Der Name "Alhambra" klingt vollmundig! Und: "Alhambra" riecht auch sehr vollmundig, z.B. nach Ambra. Obwohl laut der Liste gar kein Ambra drin zu sein scheint (dabei steht es wörtlich im Namen: Alh-Ambra :) Und nach Weihrauch-Patchouli - wie Coromandel. Und nach Oponax – wie "Shalimar", nur ohne Vanille.

Ich weiss nicht, woran es liegt: Ich mag alle Ingredienzen - die vorhandenen und die nicht vorhandenen, die riechbaren und die kaum riechbaren (wie z.B. Oud, das ich nicht wirklich finde).

Und trotzdem springt der Funke nicht über. "Alhambra" ist zweifelsohne gut gemacht, es gefällt mir eigentlich auch – aber es berührt mich nicht. Es bleibt die Summe seiner Bestandteile und Nicht-Bestandteile.

Einerseits erinnert es mich an "Ambre Doré" von Maître Parfumeur et Gantier (Safran und Myrrhe mit ebenfalls fast unsichtbarem Oud), andererseits an "Shalimar" (Oponax, aber ohne die Vanillebasis) – und natürlich auch an "Coromandel" (durch die vordergründige, weihrauchige Myrrhre-Patchouli-Kombination).

Vielleicht ist es einfach das, was mich stört: Das Zuviel an "riecht irgendwie nach.." und "riecht ähnlich wie…" – also das Zuwenig an Eigenständigkeit.

Trotzdem: Wer die aufgelisteten Bestandteile mag – unbedingt probieren! Es ist wohl ausbalanciert, sehr lange haltbar (10 Stunden +) und die Sillage ist kraftvoll, aber angenehm.

Vor allem Liebhaber obengenannter Parfums könnten Gefallen an "Alhambra" finden – allen voran die von "Coromandel": Ist Coromandel die sehr französische, schmallippig-unterkühlte und modell-schlanke Haute-Couture-Version, kann man "Alhambra" als die vollmundig-südländische, warme und üppig-sinnliche Variante des gleichen Themas ansehen.


19.04.2015 19:17 Uhr
17 Auszeichnungen
Heute morgen hatte ich den Wunsch, mal wieder so richtig laut und ausgiebig alte Beatles-Stücke zu hören. Ich bin zwar nicht der gleiche Jahrgang wie dieselben – trotzdem war es die Musik meiner Jugend und ihre Stücke haben meinen Musikgeschmack mehr als entscheidend geprägt.

Heute Nachmittag kam ich auf die Idee, mein vor kurzem neu erworbenes Vintage „Miss Dior“ zu kommentieren.

Wahrscheinlich ist es nur Zufall, dass das Geburtsdatum dieser Vier genauso in die Mitte der 40er Jahre fällt, wie das Geburtsdatum von „Miss Dior“. Vielleicht auch nicht.

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„Miss Dior“ erinnert mich in der Kopfnote stark an „Vol de Nuit“ (Guerlain) in der Extrait-Version, bzw. an Yatagan“ (Caron) in abgemildeter Form: Krautig-herbes Galbanum in Kombination mit Bergamotte. Etwas bitter, sehr würzig, recht herb.

Eigentlich nicht das, was man klischeehaft mit dem Begriff „Miss“ und entsprechend klischeehaften Bildern von spitzen Pumps, Bleistift-Absätzen, Mini-Röckchen und „Lady-liken“ Ladys dieser Ära in Verbindung bringt.

Die Kopfnote mit ihrem herben Galbanum-Auftakt währt ungewöhnlich lange – mindestens eine Stunde, eher länger. Sie ist nicht nur ein flüchtiges Intermezzo, eine kurze Einführung zum Hauptthema, sondern ein eigenständiges Kapitel der Gesamtkomposition.

Anders als das Vol de Nuit-Extrait, das sich weiterhin eher würzig entwickelt, bekommt „Miss Dior“ nach der langen Kopfnote eine pudrige Weichheit, die – obwohl noch immer sehr kräftig und durchsetzungsstark – sehr viel Wärme, Leichtigkeit und Sauberkeit vermittelt.

Trotzdem ist die „alte“ Miss Dior kein lieblicher Backfisch mit hohem Niedlichkeitsfaktor. Sie behält trotz ihrer etwas sauber-seifigen und leicht blumigen Pudrigkeit eine sehr straffe, zurückhaltend-distanzierte Eleganz.

Während die Kopfnote fast etwas kratzbürstig daher kommt, wird sie in der Folge zwar wärmer – aber dadurch noch lange nicht zu Everybody’s Darling. Dafür sorgt der unübersehbare Anteil an herbem Eichenmoos und die Kombination aus Sandelholz und Patchouli, die der mäßig süßen, blumigen Weichheit eine sehr trockene, erdige Basis an die Seite stellt.

Bevor ich zu meinem Vintage „Miss Dior“ kam, das hier beschrieben ist, habe ich in einer Parfumerie das aktuell erhältliche (also reformulierte) „Miss Dior Original“ getestet – und: Ich habe schon weitaus schlechtere Überarbeitungen erlebt. Auch die aktuelle Version lässt den Blick zurück zu und ist – wenn auch etwas lieblicher – durchaus erstrebenswert!

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Der Beatles-Titel „Dear Prudence“ war schon früher ein ganz besonderes Stück für mich. Vielleicht kann auch Musik dazu beitragen, einen Duft zu beschreiben. „Miss Dior“ war zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Miss Prudence“ bereits 21 Jahre alt. Letztere stelle ich mir in etwa genauso alt vor – und wer weiss, vielleicht hat Miss Prudence dieses Parfum damals ja wirklich getragen. Ich könnte es mir gut vorstellen. Es würde ihr stehen.


12.04.2015 18:08 Uhr
16 Auszeichnungen
Vor mir ein 100ml-Schüttflakon Chanel N°5. In der alten EdC-Version. Noch zu dreiviertel voll, kaum nachgedunkelt. Trotzdem mindestens 25 Jahre, vielleicht sogar 30 oder 40 Jahre alt. Das Etikett ist bereits vergilbt, die ehemals rechteckigen Kanten zum Teil halbrund abgeschrubbelt.

Ein alterungsbedingter Firnis-Geruch, der die Kopfnote beeinträchtigt, verflüchtigt sich nach etwa 20 Minuten und lässt - wie durch einen transparenten Vorhang - einen Blick auf die Herz- und Basisnote zu.

Ich kenne und schätze das N°5-Parfum und das aktuelle EdT. Im Vergleich würde ich die drei Versionen mit diesen Bildern beschreiben:

Das Parfum zeigt den vollreifen frischen Blumenstrauss, der mit Jasmin, Maiglöckchen, Rose und Veilchenwurzel seine maximale, noch immer sonnenwarme Duftintensität erreicht hat.

Das EdT mischt dem nun schon einige Tage alten Blumenstrauss deutlich herbere Töne von holzigem Sandel und erdigem Vetiver bei – der Blumenstrauss ist zwar noch immer frisch, zeigt sich aber schon etwas herbstlicher. Er hat nicht unbedingt an Frische eingebüßt, die Leuchtkraft der Farben ist aber etwas gedeckter. Die Opulenz der Blüten nimmt sich soweit zurück, dass die grün-braunen Anteile von Amber, Sandelholz und Vetiver mehr Präsenz erhalten.

Beim EdC hat sich über das ganze Bild ein leichter Grauschleier gelegt. Die Farben sind in ihrer Leuchtkraft nicht nur gedämpft, sondern gebrochen. Aus dem leuchtenden Rot wurde ein dunkles Samtrot, aus Weiss wurde Beige, Grün wurde zu Olivegrün. Der Duft erinnert noch immer deutlich an Jasmin, Maiglöckchen, Rose und Veilchenwurzel, aber in einer bereits angetrockneten, angewelkten Version. Erdige Komponente wie Patchouli und Moschus bestimmen im Duftverlauf deutlich früher und gleichberechtigter das Bild.

Ein wundervoller, leicht morbider Duft, der heute wahrscheinlich nur noch selten in seiner ursprünglichen Pracht erhalten ist. Trotzdem noch immer erstrebenswert – auch wenn ein Vintage-EdT wahrscheinlich größere Chancen birgt, einen uneingeschränkten Blick auf das Original zu werfen.


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