Jumis Parfumblog

30.08.2018
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Eine Runde Blinde Kuh gefällig?

Da habe ich mir etwas eingebrockt. 6 Blindproben, die mir First zugeschickt hat (Danke an dieser Stelle!), nummeriert mit 7-12 liegen vor mir. Laptop-Bildschirm aufgeklappt mit wirren Notizen, die jetzt irgendwie für den Leser verständlich gemacht werden müssen.

Zunächst aber etwas zu meiner Motivation: Nach langjähriger Parfum-Leidenschaft bin ich mittlerweile fast ausschliesslich in der Nische unterwegs oder schwelge in Vintage-Nostalgie. Weil mir gute, spannende, kaufenswerte Mainstream-Düfte schlicht nicht mehr begegnen. Oder – schlimmer noch – nicht mehr produziert werden?!? Ob es sich dabei bloß um ein von mir selbst aufgrund schlechter Erfahrungen aufgebautes Vorurteil handelt? Das hoffe ich (ganz optimistisch) mit Hilfe der Blindtests herauszufinden. Ausserdem sollte öfters der eigenen Nase vertraut werden, auch entgegen den angegebenen Pyramiden. Und das Recht sich zu blamieren kann sowieso niemandem genommen werden! ;)

Probe #7

Es duftet sofort spritzig, säuerlich, eher nach Zitrone als Bergamotte. Und einer anderen frisch-säuerlichen Frucht, die ich spontan als Apfel zuordne. Etwas “wässrige” Blumen, ich denke an Wasserlilie. Nein, eher Pfingstrose. Nein, eher im Wasser schwimmende Pfingstrosenblütenblätter, so. Frisch und blumig. Hm, ausserdem meine ich eine ähnliche blumige Komponente wie in Wild BluebellWild Bluebell von Jo Malone (=Glockenblume?) herauszuriechen. Am meisten erinnert mich der Duft aber an... Nein, liebe First, ich glaube nicht, dass du mir DEN geschickt hättest :) Angesichts der sich aufbauenden Synthetikwand und des bisher Gerochenen muss ich jedoch ab sofort zwingend an Light BlueLight Blue von D&G denken. Wobei ich Light Blue das letzte Mal bewusst vor ca. 10 Jahren gerochen habe und natürlich gerade keine Möglichkeit zum Gegentest habe. Eine ordentliche Portion Saubermoschus schwebt in der Luft, der hier mal nicht an Waschmittel erinnert. Auch nicht an Haarspray. Süßliche synthetische Scheinholzigkeit - hier muss Ambroxan mitspielen. Nach 10 Minuten ist es nämlich die dominante und fast die einzige Note, die ich rieche. Sehr sauber und frisch ist jetzt der Duft. Ein Quäntchen Süße, mMn nicht vanilliger Herkunft, sondern eher dem Amber zu verdanken. Der Duft ist nicht unangenehm, eher unaufdringlich und ziemlich hautnah – in 20 cm Abstand rieche ich nichts mehr und er zieht sich weiterhin zurück.

Nach 45 Minuten muss ich nun mit 5 cm Abstand an die Haut, um irgendwas zu riechen. Nach etwas mehr als einer Stunde meine ich der Duft wäre verflogen, doch nach 5 Stunden ist durch das Reiben der Srühstelle ein Hauch der Ambroxan-Basis wahrnehmbar.

FAZIT: etwas “Mainstreamiges”, dem Light-Blue-Trend folgend. Nicht schlecht, aber nichts Neues, da schon oft gerochen, wenn auch nicht in letzter Zeit.


Probe #8

Hier habe ich wieder mit Zitrone zu tun, samt ihrer anderen Familienmitgliedern (Tangerine? Clementine? Orange?) Jedenfalls ist es saftig, spritzig, süßlich und nicht bloss sauer. Ausserdem rieche ich etwas herbe grüne Zeste. Und eine zusätzliche, süßherbe Frucht, undefinierbar oder möglicherweise mir gar unbekannt. Jedenfalls nicht die aus der #7. Und schon dringt langsam Vanille durch mit dem “Luftikus”-Moschus. So nenne ich die Moschus-Art, die typisch für einige Xerjoff-Düfte ist ("Dhajala" und "XXY" z.B.). Wirkt eher hochwertig und nicht plump. Zum Glück verbinden sich die Früchte mit Moschus zu keinem Haarspray, wie es so oft der Fall ist für meine Nase, und die #8 streift die Grenze zum Haarspray nur.

Nach 15 min. wird #8 zunehmend dichter, zwar immer noch unter Einfluss von luftigem Moschus, aber eine gewisse süße, minimal rauchige Note (ich vermute Amber) kommt hinzu und balsamisch wird es auch. Wärmer, vanilliger, etwas würzig (Kardamom?). Die Zitrusfamilie verabschiedet sich, doch die Inkognito-Frucht schleppt sich durch den gesamten Verlauf. Blumen kann ich hier keine identifizieren. Erst jetzt merke ich, dass der Duft einen öligen Film auf der Haut hinterlassen hat. Nach etwa 1 Stunde wirkt die Würze etwas metallisch – so empfinde ich manchmal die Nelke – und die Süße etwas salzig-karamellig. So verharrt der Duft, den ich eindeutig den Frucht-Gourmands zuordne, für ca. 8 Stunden und ist auch nach dem Duschen direkt an der Haut riechbar. In einem Statement würde ich #8 wie folgt beschreiben:

“Locker aufgeschlagene Vanillecreme mit Fruchtstücken und leicht salziger karamellisierter Kruste, nicht erschlagend, sondern mäßig süß durch frische Moschusluftbläschen”.

FAZIT: Frucht-Gourmand, wertig, höhere Preisklasse. Vielleicht sogar ein Xerjoff *weitausdemFensterlehn*. Von der Duftrichtung her nicht meins, da für mich schnell (über)sättigend.


Probe #9

Etwas Schweres, Tropisches, Wuchtiges, Süßes umwabert mich. Tiaré höchst passabel, möglicherweise auch Jasmin, der hier aber nicht die erste Geige spielt. #9 kommt mir nicht wie ein klassischer 80er Blüten-Wummser vor, sondern erinnert stark an Monoi-Oel oder den einen bei Yves Rocher von mir mal getesteten und Kopfschmerzen verursachenden Duft – Monoi... irgendwas. Der Name längst vergessen, hat sich der Duft jedoch ins Gedächtnis reingebohrt. Dann gibt der Duft noch einen Kontrollschuss ab in Form einer großen Schippe Vanille. Wirkt auf mich schwer, klotzig, grob und sehr, sehr süß. Ich liebe tropisch, ich liebe Jasmin & Ylang, ich mag Tuberose, ich entdecke gerade die Gardenie für mich... Dieser Duft aber überschreitet meine Komfortzone bereits in den ersten unendlich langen 15 Minuten. Dann meldet sich ein stechender Schmerz in der linken Schläfe und zwingt mich zum Waschbecken. Sorry, liebe First!

FAZIT: ein mich umhauender tropisch-süßer Mainstreamer, ähnlich "Monoï de Tahiti" von YR (habe den Namen jetzt doch herausgefunden – Parfumo sei Dank :))

NACHTRAG: nach Abwaschen der #9 duftet der Arm nach ambriertem Bleistiftholz - das kann ich ertragen :)


So, dies ist der erste Teil meiner Blindtests. Ich bin sehr gespannt auf die Auflösung. Bitte, liebe First, lass uns nicht zu lange hängen! :0)

Fortsetzung folgt...

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