JumiJumis Parfumkommentare

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28.11.2019 18:46 Uhr
20 Auszeichnungen
“When marimba rhythms start to play
Dance with me, make me sway.
Like a lazy ocean hugs the shore
Hold me close, sway me more...”

Ähnlich wie die verschiedenen Song-Cover, hat jede Bois des Îles Konzentration ihre eigenen Fans. Völlig nachvollziehbar, denn jede von ihnen setzt auf unterschiedliche Betonung der ansonsten recht gleichen Duftnoten und spricht damit verschiedene Zielgruppen an. So schwören viele Chanel-Klassik-Anhänger auf das EdT, das durch die Betonung der Aldehyde für ein Gefühl vor allem der windigen Frische, Kühle, seifiger Strenge und klassischer Blumigkeit sorgt. Nach dieser ersten getesteten Konzentration (einer sehr schönen übrigens) hatte ich mir etwas weniger aldehydgeprägtes, aber mehr floral akzentuierteres und sandelholzbetonteres (angeknüpft an den Duftnamen) gewünscht. Das EdP schaffte es dann, meinen Blumenhunger zu stillen: nach kurzem, sanfterem Aldehyd-Auftakt wird man von bepuderten Ylang-Blüten überschüttet. Bemerkenswert wäre, dass der feine, süssliche, nur leicht von Vanille angehauchte Puder von mir erst als “unchanelig” empfunden wurde, mittlerweile aber für mich einen Leitfaden, ein Erkennungsmerkmal vieler Chanel-Düfte darstellt. Der eigentliche Hauptdarsteller, das Holz, liess etwas länger auf sich warten. So stieg der Wunsch die Extrait-Version zu testen. Und diese liegt für mich nun in der “goldenen Mitte” zwischen dem EdT und dem EdP: Aldehyde abgedämpft, der Puder etwas weniger süsslich-lieblich, die Ylang-Blüten immer noch kraftvoll und strahlend mit der gleichen leichten Fruchtigkeit des EdP. Und endlich spielt das Sandelholz unüberhörbar mit – hell, sanft (man denke an “Samsara”), leicht seifig, pudrig, warm und kühl windig zugleich. Gepaart mit dem exotisch-klassischem Blumen-Puder-Duett entsteht tatsächlich ein Bild/Sound von durch Jahrzehnte getragener zeitloser Eleganz, einer exotisch angehauchten Klassik.

“...Like a flower bending in the breeze
Bend with me, sway with ease.
When we dance you have a way with me
Stay with me, sway with me...”

Von allen mehr oder weniger gut gecoverten ist für mich die von Dean Martin gesungene Sway-Version unübertroffen und am ehesten mit Bois des Îles Extrait vergleichbar. Ein kurzes, temperamentvolles, “tango-eskes” Intro, gefolgt von sanft wiegendem exotischen Rhytmus und weicher, klassischer Stimme lassen das unbeschwerte Insel-Feeling aufkommen, den Blütenwind im Haar und den leichten Schwung in der Hüfte spüren. Irgendwo, wo Zeit und Alter keine Rolle spielen.

Eine Steigerung? Wäre eventuell möglich, wenn man denn noch das Original des Duftes aus 1926 testen könnte. Und ich muss gestehen, eine zeitlang spielte ich mit dem Gedanken mich auf die Suche danach zu begeben. Ein angesichts der Seltenheit, astronomischer Preise und zweifelhafter Qualität (gekippt, durch die Zeit verändert) wohl kaum erfüllbarer Wunsch. Ausserdem könnte es passieren, dass das Original des Dufts vielleicht wie das spanische Song-Original “Quien sera” - nicht wirklich meins wäre.

Ich denke, ich habe mich lange genug durch die Antillenholz-Konzentrationen geschnuppert, abgewogen, kritisch verglichen. In der Extrait-Version habe ich mein Sway-Erlebnis, DEN Dean Martin, gefunden:

“...Other dancers may be on the floor,
Dear, but my eyes will see only you!
Only you have the magic technique,
When we sway I go weak.”


26.10.2018 23:09 Uhr
32 Auszeichnungen
“Gib mir die Hand!” Die Kleine zog die noch Kleinere hoch, half ihr hinauf, schaute von oben verstohlen in den Hof herunter, ob die Mutter auch nichts sieht, und schloss das Dachbodentürchen. Gescholten hat die Mutter immer, wenn die Kleine die alte quietschige Leiter hoch kletterte. Und besonders, wenn sie die noch Kleinere im Schlepptau hatte... Doch zog sie der alte Dachboden, geheimnisvoll, erinnerungsreich und schatzkammergleich, wie ein Magnet. Den vorderen Teil hatten sie bereits erkundigt, jetzt drängten sie sich weiter zwischen den Kartons, gross und klein, alt und älter.

In einer dieser Kisten, hinter der antiken Stehlampe aus Messing, hatten sie ES zufällig entdeckt. Ein Grammophon wäre das, meinte die Kleine alleswisserisch. Bloss wäre es wahrscheinlich kaputt, weil ihm das lange 'Sprechdings' fehlte. Man konnte damit früher Musik abspielen. Eine der alten Schallplatten aus der gleichen Kiste wurde rausgeholt, die Nadel auf die Platte gelegt. Und – nichts. “Was nun?” Die Kleinere war ungeduldig. Die Stirn gerunzelt, beschloss die Kleine das Konzert per Hand zu starten. Gedreht von ihren Fingerchen bewegte sich die Platte immer schneller und quietschte, winselte und jaulte unter Nadelkratzern. Die Kleinen kicherten vergnügt und niessten hin und wieder vom aufgewirbelten Staub. Da war sie plötzlich. Kurz und weg. Und wieder da. Ganz leise Stimme. Sie schauten sich erschrocken an und um. “Es ist das Grammoding, es funktioniert!” meinte die Kleine und begann die Platte wieder zu drehen. Und dann, hinter dem Jaulen und dem Winseln, war ein leiser Männer-Tenor zu hören. Wovon er sang, konnten sie nicht verstehen. Dennoch neigten sie die Köpfe über der Platte, hielten den Atem an und hörten den langatmig gezogenen Tönen zu. Staub tanzte langsam im sich durchs kleine Dachfenster drängenden Sonnenstrahl, sank auf das Holz des Bodens und das Lampen-Messing, schob die Dachbalken auseinander und liess die Kleinen inmitten eines grossen Saals, blumenbeschmückt, goldbeleuchtet und musikbeschallt, irgendwo im 'Once upon a time' vor sich hin träumen.

Lang ist es her. Jetzt wissen ich und meine Schwester (lange nicht mehr 4 und 8), dass es bloss ein alter Plattenspieler war und eine von uns unwiderruflich zerkratzte Platte, die uns mit dem sanften Männer-Tenor überraschte und auf die “Zeitreise” schickte. Ich schätze Düfte, die dasselbe schaffen. Nun kenne ich Nuit de Noël noch gar nicht lange, gerade mal seit zwei Jahren. Trage ihn gerne mal für mich allein, zu Hause, wenn ich “reisebereit” bin. Dann katapultiert er mich sofort zurück, auf den alten Dachboden. Legt einen klassischen, damals üblichen, etwas kratzigen Aldehyd-Start hin, wirbelt dabei ganz viel Irisstaub auf, glänzt messingmatt-metallisch-nelkenwürzig, entblösst sein moosbewachsenes altes Holz. Wirkt weder furcheinflössend chyprig noch todernst seifig. Dazwischen singt das Blumenherz, zieht lange Töne, spricht ne alte Sprache. Ylang und Sandel – der Tenor und die Musik – ein altbewährtes, exotisch-klassisches Duett mit immer noch wirkendem Zauber. Hat in 'Samsara' schon funktioniert und noch mehr in 'Bois des Iles'. Hier auch. Als stünde man plötzlich inmitten eines grossen Saals, blumenbeschmückt, musikbeschallt, von Kronleuchtern in warmsüsses goldencremiges Licht getaucht. Vanilleglücklich... nicht wie frischer junger Pudding, sondern auf die alte, fast “Guerlainsche” Art, seriös, erwachsen. Und etwas aus der Zeit gefallen, mit jenem Zauber von 'Once upon a time'.

P.S. Das einzige was den Duft für mich mit Weihnachten verbinden könnte, wäre wohl der Karton mit dem Christbaumschmuck, auf den sich meine 4-jährige Schwester mit Schmackes gesetzt hat.


18.06.2018 23:43 Uhr
52 Auszeichnungen
Die Mutter eines alten Freundes, eine herzenswarme, liebe Frau, war eine “Diminutiv-Meisterin”. Jeder Name und jedes Substantiv bekam von ihr sofort entweder ein “-chen” oder ein “-lein” drangehängt. So waren wir als z.B. Lieschen, Mariechen, Andilein etc. immer in ihrem Haus willkommen, sei es zum “Käffchen mit Küchlein” oder später auch auf ein Bierchen. Selbst als ihr Söhnchen bereits zwei Köpfchen grösser als sie wurde oder etwas anstellte und sie ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte, wurde auf das Kosenamenanhängsel nicht verzichtet :) Alles schön und gut, aber mit der Zeit wird einem der niedliche Zirkus mit Mäuschen, Häschen, Bärchen & Co. etwas ansrengend und kann ganz schön auf das Säckchen gehen (auch bei Fehlen des Letzteren).

Ich hätte es wissen müssen. Mochte ich doch bis jetzt keinen einzigen LPRN (klingt fast wie die Abkürzung einer politischen Partei) Flanker. Verstand auch bei allem Respekt zu Guerlain nicht die ganze “Serien-Flankerei” zu diesem Duft. Aber mit der Konzentration “Eau Fraiche” (ergo weniger süss?), den grossgeschriebenen “grünen Noten”, der in Düften eher seltenen Pistazie und der erwähnten Assoziation mit Pistazieneis (meine Lieblingseissorte) waren die Neugier und die Hoffnung geweckt. Was ich jedoch rieche, ist meilenweit davon entfernt. Die Zitrusnoten bleiben aus, der Duft startet mit Blümchennoten durch. Genau, Blümchen und nicht Blumen, was angesichts der bekannten Weissblüherintensität ja durchaus gewollt und willkommen sein könnte (think positive, Jumi!). Das quietschig-freundliche, süsse Jasminchen, begleitet von diffusem blassem Grün und dem Moschus aus der Weichspülabteilung = dem kleineren Übel, denn es hätte ja auch in einem Frucht-Moschus-Haarspray-Desaster enden können (keep thinking positive, Jumi!). Ich bin auf die meist seifigen Piekser meines Angstgegners O-Blüte vorbereitet, doch selbst sie lassen sich nicht riechen. Pistazie? Fehlanzeige. Nach ca. 30 Minuten vernehme ich eine Staubigkeit, die mit viel Einbildungskraft als Mandelmehl(?) durchgehen kann. Und nach 2 Stunden bleibt nur noch ein hautnaher (trotzdem nervender) süsslicher, plastikhafter Rest (ich denke komischerweise an Zellophan) übrig. Harmlos, schmerzlos und irgendwie verwischt-verniedlicht. Versteht mich nicht falsch, ich brauche nicht die volle Duftdröhnung 24/7, auch Dunkles & Düsteres nur in Maßen. Ich mag durchaus auch verspielte, leicht-unbeschwerte Düfte, doch hier stosse ich auf das Diminutiv-Paradebeispiel: ein leichtes, sauberes, scheinbar auf Gefallen getrimmtes Wässerchen, das weder ein akzentuierter Blumen-, noch Grün-, noch ein deutlicher Gourmandduft sein will, im Fläschchen mit dem bekannten schwarzen Kleidchen, das bei mir trotz (oder gerade wegen) der Verniedlichung ein olfaktorisches Unbehagen auslöst.

Mögen mir bitte die Fans des Dufts und insbesondere die liebe Spenderin der Probe verzeihen! Schliesslich ist es nicht ihr Problem, sondern mein persönliches Problemchen, dass dieses Kleine Schwarze Kleidchen (wie alle anderen zuvor auch) nicht auf mein Hinterteilchen... ähm... Näschen passt.


04.06.2018 17:04 Uhr
48 Auszeichnungen
SIE wohnte alleine im 3. Stock unseres Mehrfamilienhauses. SIE trug gerne High Heels, die immer etwas höher, Röcke, die immer etwas enger und kürzer und Oberteile, die immer etwas knapper und "offenherziger” ausfielen als es unsere hofinterne “Anstandspolizei”, vertreten durch die Rentnerin M., zuliess. Das hochtoupierte dunkle Haar liess keine Zweifel übrig, dass SIE sehr gerne im letzten, vor kurzem beendeten Jahrzehnt lebte (und geblieben wäre). Für uns, Teenagegirls, war SIE das Muster bei unseren noch recht ungeschickten Styling-Versuchen. Für einige unserer Jungs – ein erster, schüchterner gedanklicher Tappser in Richtung Mann-Seins. Für manchen Mann – ein zungenschnalzenauslösendes Phänomen. Für viele Frauen – einfach ein Dorn im Auge. Für Frau M., die Rentnerin aus dem Erdgeschoss – das Objekt ständiger Beobachtung und wohl die einzige Unterhaltung ihres Lebens. Natürlich neben der Beschimpfung von uns, “unnützem Rudel”, für unseren abendlichen Zeitvertreib auf dem Spielplatz im Innenhof. Wir waren jeden Sommerabend da, wenn die Kleineren von ihren Eltern bereits heimgeholt wurden, und konnten von der Bank und der Schaukel aus, die die verschwitzten Hände immer nach Metall riechen liess, dem zähen Haushofleben beim Zurruhekommen zusehen. SIE ging oft aus, stets abgeholt von fremden Autos, schicken Anzügen oder auch Lederjacken und Jeans. Das ganze Treppenhaus duftete noch eine Stunde später bis in den 3. Stock nach ihrem wummsigen, tornadoähnlichen Duft. IHRE Kurzbeziehungen dauerten nie lange und endeten nach etwa gleichem Schema: ein Auto brachte sie heim, nach einer Weile stieg sie aus, verabschiedete sich mit einer lässig-graziösen Mittelfingergeste – wie nur SIE sie beherrschte - und ging nach Hause. Nur SIE traute sich auf ihrem Weg nach oben das Guckloch der Rentnerin M. mit ihrem Kaugummi oder auch einem Stück Papier zuzukleben... Dann buk SIE. Mal Pfirsichschnitten, meist aber grosse Würzkekse, welche ausserhalb der Weihnachtszeit zu backen wohl niemand auf die Idee gekommen wäre. Von ihrem Balkon aus rief SIE die Kids zusammen und, nachdem die Leckereien auf dem Spielplatz verteilt waren, war die jeweilige Mann-Ära endgültig abgeschlossen.

Ich weiss nicht, was aus ihr geworden ist und ob sie immer noch dort wohnt. Dass sie damals Spellbound trug, erscheint mir heute höchst wahrscheinlich. Warum sonst würde mir der ganze besagte Sommer vom Vorarm in die Nase steigen? Samt metallisch riechenden Schaukelhänden, samt dunklen Würzkeksen in der schwülen Sommerluft, samt pinkem Kaugummi auf M.s Guckloch. Am allermeisten spüre ich jedoch den wummsig-üppigen warmgoldenen Tornado um die wohllüstige Tuberose (später auch die klassischere, anständigere Pudergartennelke), aus allerlei Gewürzen und ambriert-vanilliertem sanftanimalischem Schnurren, 3-Stockwerke-hoch. Und treppenhausbreit :)

Danke für die Vintage-Probe, Verbena!


14.05.2018 23:02 Uhr
36 Auszeichnungen
[Residential Schools nannte man in Kanada Schulen, die von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1996(!) betrieben wurden. Es handelte sich um internatartige Schulen, die ausschließlich von Kindern der kanadischen Ureinwohner, also der First Nations, der Inuit und der Metis besucht wurden.
Diese Schulen sollten die Kinder von den Eltern fernhalten und zugleich von ihrem kulturellen Einfluss. Der Gebrauch ihrer jeweiligen Muttersprache wurde ihnen strikt verboten, stattdessen sollten sie Englisch, bzw. Französisch lernen. Damit verbunden war ein allgemeiner Zivilisierungsauftrag, dessen treibende Kraft eine Untersuchungskommission als „kulturellen Triumphalismus“ (cultural triumphalism) bezeichnete. ... Dort kam es zu zahlreichen psychischen und physischen Übergriffen, für die sich sowohl die beteiligten Kirchen inoffiziell, als auch der kanadische Staat offiziell entschuldigt haben. ... Die Lebenswege der Opfer sind bis heute von diesen Vorgängen gekennzeichnet. ... Die Fälle besonders brutaler Übergriffe sind immer noch vor Gerichten anhängig. Heute versucht man durch Kampagnen gegen Drogen und Alkohol, der Depression und der Gewalt, oftmals den Spätfolgen dieser Vorgänge, entgegenzuwirken.] Quelle: Wikipedia
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Er lehnte sich zurück an den Baumstamm und schloss seine 7-jährige Schwester fester in den Armen. Durch Unterernährung, Schläge und Krankheit wirkte Niimi viel kleiner als es ihrem Alter entsprechen sollte. “Sie tanzt” lautete ihr Name übersetzt in die gehasste Sprache, doch er, Myeengun, der Kleine Wolf, hatte sie schon lange nicht mehr tanzen gesehen. Er hatte noch genug der wutangetriebenen Kraft, um weiter zu laufen. Der Herbstwald hatte dem Kennenden genug Futter zu bieten – vor allem Wurzeln und spätherbe Saskatoon-Beeren. Doch Niimis kleiner, ausgelaugter Körper gab nach 7 Tagen, die seit ihrer Flucht vergangen waren, langsam auf.
Er schloss die Augen und fragte gedanklich Mishomis, den Grossvater, nach Rat. Grossvater... Oft half er ihm beim Kräutersammeln und beim Aufbau der Schwitzhütte, als er für die Jagd noch zu jung war. Nur Mishomis wusste um die genaue Zusammensetzung der zur Heilung bestimmten bitteren Kräuterbündel. Nur Mishomis konnte das Räucherritual tagelang aufrecht erhalten. Nur Mishomis wusste die genaue Dosis des Giftkrauts, die eine Heilung und nicht den Tod bringen würde. Er nannte es liebevoll “Mamakajiwin”, das Wunder.
Myeengun horchte auf. Noch weit entfernt hörte er die Suchtruppe nach ihnen rufen. Er drückte Niimi ganz fest an sich, wohlwissend, dass sie nur noch ein Wunder retten konnte. Mamakajiwin... Natürlich! Die Kleine vorsichtig unter dem Baum abgesetzt, rannte Myeengun zur Lichtung rechts und pflückte eine Handvoll des bitteren Krauts. “Hier, Niimi, Mamakajiwin!” Sie verstand sofort. Mit erwachsenen Augen schaute sie ihn an und begann, ohne das Gesicht zu verziehen, am bitteren Stengel zu kauen. Gekuschelt an seine Brust schlief sie ruhig ein, im festen Glauben nie wieder zur "Schule" zurückkehren zu müssen, während er langsam seine Portion schluckte... Später, in der Dämmerung fand die Suchtruppe die zwei “Problemkinder” unter dem Baum, regungslos und fest aneinander geklammert.
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Die nordamerikanische Silphium-Pflanze, auch Kompass-Pflanze, dürfte sich wahrscheinlich von der hier im Duft verwendeten Art unterscheiden, ist aber die einzige mir bekannte Silphium-Art. Als Kompass-Pflanze genannt, weil die unteren grossen Blätter angeblich strikt nach Norden und Süden ausgerichtet sind (persönlich habe ich es jedoch nicht überprüft). Mit einem bitteren gummiartigen Saft, der von den Einheimischen früher als eine Art Kaugummi benutzt wurde. In Assoziation dieses Wissens mit der einzigartigen Bitterkeit des Dufts ist auch der Kommi entstanden. Als hätte man für den Duft all die bitteren und teilweise giftigen Medizinkräuter und -Wurzeln verwendet, sie nach generationslanger Tradition getrocknet und nun auf heissen Steinen einer Schwitzhütte zum langsamen Rauchen und Kokeln gebracht. Die dem Duft eigene Seifigkeit unterscheidet sich von den seifigen Eindrücken von Neroli/O-Blüte oder manchmal auch Sandelholz. Es ist eher die würzige Seifigkeit einiger Pflanzenarten, die erst beim Zerreiben der Blätter in den Händen entsteht. Sie zieht sich durch den gesamten Duftverlauf, erst noch als Begleiter der bitterwürzigen und hellrauchigen Noten, später als Weichmacher subtiler, unterschwelliger Ledernote, die zu keiner Zeit prominent wird. Ein einzigartiger, faszinierender, ganz und gar unlieblicher, doch eigenartig weicher und auch tragbarer(!) Duft für die Liebhaber jegliches, inklusive unkonventionelles Grüns.

Lasst euch durch die traurige Geschichte oben nicht von einem Dufttest abschrecken. Schliesslich ist es meine, rein subjektive(!), Interpretation, die eng mit der eingangs beschriebenen Problematik der hiesigen Urbevölkerung verbunden ist. Ihrer immer zunehmenden Degeneration, Depression, Kriminalität, Sucht- und Selbstmordgefährdung, für deren Entgegenwirkung und Wiedergutmachung es viel mehr als einer offiziellen Entschuldigung, sondern eher eines Mamakajiwin (Wunders) bedarf.

Danke an Seejungfrau für die Probe!


01.05.2018 01:58 Uhr
38 Auszeichnungen
“Hey Envy, altes Haus! Wie ich mich freue dich wiederzusehen! Lang ist's her...”
“Ist das hier so etwas wie ein '20 Jahre später' Klassentreffen oder wie? Da drüben sehe ich – das ist doch die alte 'Sculpture'? Hey, Sculpture! Wie geht's denn so?”
“Sorry, sie kann dich nicht hören.”
“Was'n passiert?”
“Sie hat ihren Kopf verloren. Gekippt. Hab sie aus der Bucht geholt. Sie hatte nicht so viel Glück wie du. Du kommst ja aus dem Souk.”
“Oh, schade. Hatten viel Spass in deinem Duftschrank damals. Links – Sculpture, rechts – CK One... Wieso hast du mich geholt?”
“Wollte dich unbedingt wiedersehen. Und -riechen. Bin etwas aufgeregt. Es heisst ja, man soll die schöne Vergangenheit ruhen lassen. Was, wenn wir uns nicht mehr verstehen?”
“Na, duftunterversorgt bist du nicht gerade, wie ich sehe. Viele schicke Flaschen hier. Da bin ich ja 'underdressed' dagegen.”
“Ja, aber ein jungsprudelndes, zartmoosiges, grünfrisches, grossmäuliges, freches Maiglöckchen von damals hat mir gefehlt.”
“So grossmäulig und frech fandest du mich damals aber nicht! Hast deshalb auch immer gesprüht als wäre es das letzte Mal. Das waren wilde Zeiten!”
“Ich weiss. Endlose durchgetanzte Nächte, Abenteuerlust, niemals-schlafen-und-niemals-müde-Sein, Herzklopfen, heisser Kopf, für immer zugeknallte Türen, und Lebensrausch, stärker als jeder Fusel, – mit dir im Schlepptau.”
“Oh ja, wir haben ordentlich auf die Kacke gehauen :)”
“Psst! Darfst du doch nicht...”
“Was? Auf die Kacke hauen oder es laut aussprechen?”
“Nicht vor den Kindern. Meinen Kindern.”
“HALLO! Dir ist schon klar, dass ich nur in DEINEM Kopf rede?! Deshalb ist es DEIN dämliches Grinsen, das dich gerade verrät.”
“Japp, ich erkenne dich wieder – immer noch dieselbe durstlöschende kühle Frische, der glitzernde Tau in lila Hyazinthenkelchen, das laut bimmelnde Maiglöckchenlachen, die weiche, unsüsse, grünmoosige Cremigkeit, fern jeder ernsten Chypre-Strenge. Das barfüssige Mädel mit leuchtend grünen Augen, das nicht erwachsen werden will und sich partout nicht in die Rahmen “Edel” und “Klassik-Chypre” hineinpressen lässt. Man kann dich mit Ana aus Disney's 'Frozen' vergleichen, wobei Chanel 'Cristalle' dann die Elsa wäre. Sie – kühl, ruhig, Eisblumen. Du – impulsive grüne Lebenslust. Zwei ungleiche Schwestern.”
“Ui, du machst dir ja jetzt richtig Gedanken. Früher warst du eher *pfft-pfft*, breathe in, smile & go. Wobei es eher *pfft-pfft-pfft-pfft-pfft-pfft-pfft-pfft...*
“Ist ja gut! Hab schon verstanden – wir sind mit deinen Maiglöckchen meinem Umfeld ordentlich auf die Glocken gegangen. Gelobe Besserung!”
“Heisst es, dass ich bleiben darf? Werden denn deine Amouages, Tom Fords und wie sie alle heissen die kumpelhafte Ellbogenschubserei auch so gut vertragen wie Sculpture damals?”
“Bestimmt. Solange du deinen Kopf und dein freches Mundwerk behältst, ist dir ein Platz im Duftschrank garantiert”


21.04.2018 03:01 Uhr
24 Auszeichnungen
SZENARIO 1:
Das Gewitter bricht plötzlich aus.
Regenströme und Hagelschüsse, das Laub durchlöchernd.
Die letzten Meter bis zur Waldhütte, schnell gerannt.
Tür zugeknallt, gelöstes Lachen.
Durchnässt und Pfützen tropfend.
Blattfetzen aus dem Haar gefischt.
Die Blicke treffen sich. Und ganz verlegenes Schweigen.
Sie läuft ins Bad. Er schaut sich bloss kurz um.
Lang leer gestanden hat die alte Hütte.
Retro-Möbel, Blüten-Gewürz-Potpourri mit Zimtstangen.
Allgegenwärtiger Staub. Sowas von gestern...
Ein offener Türspalt. Zufall? Absicht?
Tropfenbenetzter Rücken. Lendengrübchen unterm Kreuz.
Ihr Blick über die nasse Schulter, nur einen Schritt entfernt.
Nicht mehr.
Die Nase in das nasse Haar vergraben.
Nackenhärchen, sich unter Fingerspitzen sträubend.
Pulsflattern in der Wiege des Schlüsselbeins.
Süsswürziger Geschmack der Haut. Ihrer, seiner.
Wärme. Zimtwärme. Atemwärme. Körperwärme. Sinnesglut.
Hunt me. Catch me. Scratch me. Kiss me. Bite me. Love me.
Da draussen tobt der Sturm, schmeisst sich, der wilden Katze gleich, mit voller Wucht gegen die Wände, kratzt an den Fenstern, faucht und heult dem Sturmwind bei. Da draussen spielen AC/DC 'Thunderstruck'...
Hier drin, im Epizentrum ist es beinah still, nur wildes Pochen in den Schläfen. Chris Isaac's 'Wicked Game' im Hinterkopf.
Der Rest der Welt ist unbedeutend.
Solang der Sturm anhält...

#..x&..?!?!.. Was.War.Das?! Dass mir Obsession nach 20 Jahren entschlossener Ablehnung DAS Kopfkino beschert... Als “sexy” und “verrucht” wurden auch andere Obsession-Versionen schon bezeichnet. Meine Empfindung ist etwas hm... seltsam, speziell - Obsession riecht für mich unglaublich erotisch, nach nassem (wohlgemerkt nicht frisch gewaschenem!) Haar. Nach einem Sturm, wenn grüne Fetzen fliegen. Nach Holz und Staub der Hütte. Nach Haut, die langsam aufwärmt. Und auch nach etwas Tier/Zibet. Nach warm pulsierenden Gewürzen, Zimt. Nach Moos, nach süssem Harz, nach “wild”, nach “mehr!”. Diesen feucht-dumpfen, aufregenden Geruch nasser menschlicher Haare habe ich sonst in keinem Duft getroffen. Kekse? Weihnachten? Rieche ich nicht. Will ich auch nicht. Verglichen mit dem Vintage EdP, weist das Extrait bis auf die gedimmte Lautstärke, den feiner facettierten grün-moosig-vs-warm-würzig-Kontrast und eine intimere Sillage keine weiteren Unterschiede auf. Die neue Version (man muss ja schliesslich wissen, was einen erwartet, wenn Vintage-Vorräte aufgebraucht sind) kann sich überraschenderweise wirklich riechen lassen. Deckt sich fast mit der Empfindung der alten. Betonung auf “fast”. Die grünen Blatt/Kraut/Moos-Noten werden schneller durch die warmzimtige Basis abgelöst. Süss würde ich ihn immer noch nicht bezeichnen, trotz jetzt präsenterer Vanille. Die Animalik ist getrimmt, gezähmt und mit ihr die Erotik. Um es anschaulicher zu machen:

SZENARIO 2:
Das Gewitter bricht plötzlich aus.
Regenströme und Hagelschüsse, das Laub durchlöchernd.
Die letzten Meter bis zur Waldhütte.
Tür zugeknallt, gelöstes Lachen.
Durchnässt und Pfützen tropfend.
Blattfetzen aus dem Haar gefischt.
Alles wie damals. Weisst du noch? ;)
Sie läuft ins Bad.
Er sollte es bitte auch tun (man will sich ja keinen Schnupfen einfangen!)
Er schaut sich bloss kurz um.
Lang nicht mehr hier gewesen, altes Haus!
Die Retro-Möbel, Potpourris, Zimtstangen.
Jetzt auch Vanillekerzen.
Und Staub. Soweit fast alles wie gehabt.
Ein offener Türspalt. Bestimmt kein Zufall!
Tropfenbenetzter Rücken. Lendengrübchen unterm Kreuz.
Die Nase in das nasse Haar, wie damals...
“Schatz, heut' nur kuscheln, ja?”
“Ok...”
Da draussen tobt der Sturm, doch nicht mehr lange.
Und so versinkt die Welt bald in den würzigwarmen Kuschelschlaf...

Das heutige EdP ist immer noch ein schöner Duft. Sofern er nicht mehr verändert wird *aufsholzklopf*. Nichts gegen Kuscheln, doch solange Vintage-Extrait-Reste noch nicht aufgebraucht und zu beschaffen sind – wird in meinem Kopf nicht nur gekuschelt ;)


06.04.2018 15:58 Uhr
25 Auszeichnungen
...with a red hat which doesn’t go, and doesn’t suit me.
And I shall spend my pension on brandy and summer gloves
And satin sandals, and say we’ve no money for butter.
I shall sit down on the pavement when I’m tired
And gobble up samples in shops and press alarm bells
And run my stick along the public railings
And make up for the sobriety of my youth.
I shall go out in my slippers in the rain
And pick the flowers in other people’s gardens
And learn to spit...

Dies ist ein Ausschnitt aus “Warning” von Jenny Joseph, einer britischen Schriftstellerin und Dichterin, geschrieben 1961 und seitdem als eine Art “Ode an die Nonkonformität” gepriesen. Nebenbei bemerkt, diente das Gedicht als Anstoss für die Gründung der Frauenorganisation “Red Hat Society”, die nach dem Motto “Älterwerden mit Spass” lebt. Dies nur nebenbei, da auch Jenny Joseph die Beliebtheit ihres Gedichts damals nicht vorausahnen konnte. Das Gedicht kramte mein Gedächtnis beim Test von Insolence hervor, was nicht (nur) an der Assoziation mit “lila” liegt. Zum einen haben wir einen traditionell weiblichen, pudrigen, mit sanfter, unseifiger O-Blüte und trockener Iris verzierten Veilchenduft, der trotz seines relativ jungen Alters (2008) meiner Meinung nach doch ziemlich “guerlainesk” rüber kommt und an die alten Traditionen des Hauses anknüpft (eine unten bereits erwähnte Ähnlichkeit zu L'heure Bleu kann ich bestätigen, insbesondere die gekonnt im Zaum gehaltene Süsse in der Basis). Zudem empfinde ich ihn viel erwachsener, aber auch lauter und frecher als das gleichnamige EdT. Ein sittsames, artiges Mauer(veilchen)blümchen ist Insolence EdP eben nicht, denn die Veilchendame fällt mit der Tür ins Haus und hat Quatsch im Kopf. Und zwar Himbeerquatsch vom feinsten, säuerlich, fröhlich, der immer wieder durch die Anständigkeit durchbricht und den Duft verspielt, jung, fast mädchenhaft erscheinen lässt. Ein exzentrischer olfaktorischer “roter Hut”, wenn man es denn will. Mit jungem Glanz in den Augen lächelt die respektable Dame die Welt an, winkt höflich und beherrscht. Und streckt im nächsten Moment verschmitzt die Zunge aus und klettert mit den Enkeln (ihren oder fremden) über Zäune. Sie sucht nicht das Extreme, ist auch nicht wild und trotzdem fällt sie durch ihre Lebenslust, ihre Nichtangepasstheit an das Bild der ab einem gewissen Alter bitteschön “normgerecht” elegant zu wirkenden (und zu duftenden) Frau auf.

Es heisst nicht, dass der Duft nur etwas für ältere Damen (aka Omas) wäre, bitte nicht falsch verstehen. Die Duftaltersgrenzen existieren für mich schon lange nicht. Die Jüngeren haben wohl eh kein Problem das laute, exzentrische Veilchen zu tragen. Nun stelle ich mir manchmal vor wie ich mich wohl mit 60+ (auf einmal gar nicht mehr so weit entfernt wie mit 20 gedacht, ne?) fühlen würde. Eins steht fest: wer zu oft flucht, zu schnell ausrastet, zu laut lacht und dabei zu viele unvernünftige Entscheidungen aus dem Bauch trifft, wird kaum eine disziplinierte, elegante “normgerechte" Alte (pfff!) abgeben. Es wird auf jeden Fall lustig :) Ob dafür unbedingt das Tragen von Lila und einem roten Hut vonnöten ist – bleibt dem eigenen Geschmack überlassen. Aber wie wär's mal mit einer Ladung guerlainscher Frechheit? ;)

Fazit: ein Duft für die Jungen und die Junggebliebenen, denn früh übt sich... Wie auch der Schluss von “Warning” bestätigt:

...But maybe I ought to practise a little now?
So people who know me are not too shocked and surprised
When suddenly I am old, and start to wear purple. *
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*der vollstandige Text sowie die deutsche Uebersetzung lassen sich im Netz finden.


23.03.2018 15:24 Uhr
28 Auszeichnungen
Seine Hand wanderte langsam und liebevoll entlang des Beins, verfolgte zart die Körperkonturen, die steilen Auf und Ab der Hüfte, die weiche Rundung der Schulter, die glatte Wange...

Monatelang arbeitete er, einsam und besessen, an dem großen, duftenden Stück Holz. Schlief kaum und schnitzte, klopfte, ritzte, schleifte, polierte. Nach und nach wurden die Werkinstrumente feiner, wurden vom feinen Sandpapier abgelöst, dann wurde lange und ausgiebig mit weichem geölten Tuch poliert. Jetzt führten hochsensible Fingerkuppen ihre abschließende Reise, suchten nach letzten unsichtbaren Unebenheiten. Doch sie war vollkommen. Er trat zurück und betrachtete sein vollendetes Werk. Nun lag sie da, seine schlafende Sandelholzgöttin, auf ihrer rechten Seite, den Kopf auf dem Ellbogen ruhend, das lange Haar um sich ausgebreitet, mit ausgeritztem schmalen Schal die Lenden keusch verdeckt. So echt die Schatten fest geschlossener Wimpern an den Wangen, so getreu die entspannten Finger an der Brust. Aus einer Schale schüttete er Blüten über sie, vorsichtig, fast ob der Angst sie zu wecken. Und saß, und schwieg, und starrte ewig lange. Die Sonne blickte durch das Laub am Fenster in die Werkstatt, warf kleine Zappellichter rein und schimmerte auf ihrer glatten, blütenstaubbepuderten “Haut”.

Der Tag verneigte sich vor Ihrer Majestät, der Nacht. Und langsam und erschöpft fiel unser Meister in den Schlaf... Psst...

Die Wimpern zitterten, der Finger zuckte sacht. Leise knarrte der alte Tisch. Der Seidenschal glitt lautlos zu ihren Füßen. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür, hielt kurz an seinem Bett. Schlaftrunken lächelte er, murmelte “was für ein schöner Traum!” und drehte sich zur Wand.

Derweil stand sie im Türrahmen. Streckte sich genüsslich im sanften Perlmuttlicht des Mondes und schüttelte den Blütenstaub aus ihrem Haar.

'Schön ist, was du siehst. Schöner, was du träumst!' (c) Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues

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So umfangreich ist das Guerlain-Portfolio. So groß und so beliebt die alten Namen... Oft viel zu groß für Klein-Jumi. Begeistert über viele von ihnen, bin ich, wie immer schon, sehr zögerlich beim Tragen. Der bin ich nicht. Der ist nicht ich. Und der wirkt aufgesetzt. Und jener stellt mich in seinen Schatten. Manche neueren hingegen möchte man oft wachrütteln und mit der Nase in ihren Stammbaum (oder auch in ihre Pfützen) stoßen... Der hier schlich sich auf Zehenspitzen, sehr, sehr spät, ins Herz. Als beste Vintage-Version, dem EdP und EdT voraus, im alten satten Rot, nicht in dem neuen einheitlichen “Klon-Flakon”. Die neue Version kenne ich nicht und möchte auch nicht kennenlernen. Aus Angst sie könnte mir den Traum zerstören. Meinen Sandeltraum, am Anfang noch vom kühlen, grünen Wind getragen. Mit feinstem Blütenstaub bepudert – in seiner Gänze unzerlegbar, nur Jasmin und Ylang vermag ich zu erkennen – der wie ein Seidenschleier sich über das Holz legt. Das Sandelholz - hier eine Ode. Wer Sandelholz nicht mag, dem hat Samsara nichts zu sagen. Eine perfekte, einmalige Balance zwischen cremigem, minimal seifigem Sandelholz und starken, aber nicht erschlagenden Blüten, die mit ihrer abrundenden, guerlaintypischen, erwachsenen, diesmal sehr subtil eingesetzten Süße ein un-end-lich lan-ges (weit über 20 Stunden!) Duftvergnügen bereitet und einen traumhaft cremigweichen Sillage-Seidenkokon um mich webt. Kein bisschen aus der Zeit gefallen und auch nicht altbacken (Göttinen altern bekanntlich nicht :)) Und sollten alle Guerlains von heute auf morgen verschwinden, und dürfte nur ein einziger bleiben, so fiele meine Wahl auf dieses Extrait. Auf Samsara.


10.03.2018 07:51 Uhr
17 Auszeichnungen
Die Kapsel öffnete sich. Er trat heraus und holte tief Luft. Zum ersten Mal ohne Raumanzug...

Darauf hatten sie wochenlang hin gearbeitet – erst die Oberfläche mit Hilfe eines Rovers sondiert, die von ihm eingesammelten Grund-, Wasser-, und Luftproben analysiert, die potentiellen Risiken eines Ausstiegs abgewogen. Nachdem alle Werte im grünen Bereich lagen, meldete er sich als einer der ersten für den Ausstieg. Die lange Reise hierher, der monotone Tages?Nachts?ablauf zwischen leuchtenden Bildschirmen, unzähligen Knöpfen und Schaltern, unter artifiziellem “Sonnenlicht” des Raumschiffs und der absolute Verlust des Zeitgefühls machten es auch einem erfahrenen Hasen wie ihm zu schaffen. Immer öfter träumte er in letzter Zeit vom kleinen Haus, in dem er seine Kindheit verbrachte. Das grosse Feld hinter dem Haus und quer darüber der Pfad zum Wald. Heimweh... Dagegen gibt es wohl kein Mittel und kein Training.

...Sie traten hinaus in die Nacht. Zwei Riesenmonde hingen hoch über ihnen und tauchten alles in ein tiefes, fluoreszierendes Blau. Trockener, milchiger Nebel ummantelte sie als sie tiefer ins Tal vordrangen. Die Luft war nicht dunstig oder feucht (wie man den Nebel eben von der Erde kennt). Seltsam – der Nebel roch streng, ätherisch und beissend kampherartig, nach... nach... Teebaumöl, das seine Mutter im Badezimmerschrank aufbewahrte. Kühl war es. Kein einziger Windstoss war zu spüren (ob hier überhaupt die Winde wehten?) und doch schwankte das hohe Gras um ihn sanft und lautlos. Wie die Unterwasserfauna reagierte es fliessend auf jede seiner Bewegungen. Er kniete nieder, streifte mit der blossen Hand über das Gras. Die blauen Grasspitzen streckten sich der Hand entgegen, umflossen spielerisch das Handgelenk. Er schloss die Augen und zog den Duft tief ein. Er kannte ihn von früher. Das grosse Feld, das Grillenzirpen, das herbe Wermutkraut, das zerrieben in den Handflächen einen intensiven würzig-bitteren Geruch abgab. Das kühle Gras unter nackten Füssen. Der Wald in der Ferne, wo er aus Trockenholz ein Zelt baute... So realistisch nah war die Vorstellung, so ungern liess er sich aus den Erinnerungen herausreissen, doch die anderen riefen bereits nach ihm. Seufzend blickte er um sich, umwogt vom blauen Meer aus Gras, so fremd der Anblick und so vertraut der Duft. Er schloss noch einmal die Augen und lief gedanklich wie schon tausendmal den Pfad hinterm Haus und quer durchs Feld zum Wald hinaus...

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Was zeichnet für mich die Duft-Avantgarde aus? Meistens finde ich die Düfte sehr interessant, mutig, manchmal sogar genial und einzigartig. Doch fragt man mich ob ich sie auch tragen würde, so wäre die Antwort meist “nein”. Es liegt wohl daran, dass sie für mich den Bezug zur Realität, zu wirklich “irdischen”, greifbaren und assoziativ nachvollziehbaren Dingen oft komplett verlieren und zugunsten der Innovation opfern. Zum Schnuppern aus der Probe ist es dann genug, zum Tragen reicht die Begeisterung nicht mehr aus. Hier ist es anders. Lapiz-lazuli würde ich sehr gerne tragen. Der schräge Teebaumöl-Start ist schwierig, ungewohnt, sticht in der Nase, ja. Dafür entschädigt mich die bitterkrautige, frischkühle, undifferenziert würzige, wertmutdominierte Mittelphase. Ich liebe Wermut (das Kraut, nicht Absinth) und wünschte mir, es würde viel öfter in Parfums eingesetzt werden. Das Kraut ist hier mein subjektiver Aha-kenne-ich-liebe-ich-Ankerpunkt. An dieser Stelle wäre ich für Hinweise auf andere WermutKRAUTdominierte Düfte sehr dankbar. Zurück zum Lapis-Lazuli – die grüne Bitterkeit wird abgedämpft durch eine Art diffuse Milchigkeit, die zwar keine direkte Süsse beisteuert, aber den Duft doch sehr abmildert, weicher macht, vor allem wenn sich nach den ersten 30 Minuten der Teebaumduft verabschiedet. Das “Milchige” streckt sich noch bis zum Ende über die trockenholzige, leicht angeharzte Basis hinaus (so um die 6-7 Stunden bei mittlerer, nicht erschlagender Sillage).

Alles in einem ein sehr ungewöhnlicher, von der Klassik weit entfernter, bittergrüner, würziger, aber gleichzeitig softmilchiger Duft, der durch seine blaue Farbe wirklich “alienlike” erscheint. Duft-Avantgarde at its best.


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