KankuroKankuros Parfumkommentare

1 - 5 von 34
Kankuro vor 3 Jahren
10
Duft
9
Haltbarkeit
9
Sillage
10
Flakon

Eine florientale Orientfantasie
Pierre de Velay, eine Marke welche ich die längste Zeit für unerreichbar hielt. Kreiert von Roja Dove, der die Duftformeln angeblich in einem alten Notizbuch welches er auf einem Flohmarkt erwarb fand, wird die Pierre de Velay Duftkollektion nur in der Roja Dove Haute Parfumerie verkauft, sonst nirgends auf der Welt. Zu den Parfums selbst findet man in den tiefen des Internets kaum Erfahrungsberichte, man kann sie sozusagen an einer Hand abzählen. An Proben heranzukommen ist nahezu unmöglich. Zudem klingen die ersten drei Parfums doch sehr klassisch und feminin nach Oldschool Manier. Also legte ich Pierre de Velay ad acta. Und zwar bis vor einigen Monaten. Da sah ich, dass die Kollektion ganze 8 Jahre nach ihrem Launch endlich zuwachs bekommen hat. Diese drei neuen Parfums klingen deutlich moderner als die ersten drei Exemplare, und zur No. 1 fand ich doch tatsächlich auf YouTube eine Duftbeschreibung. Desweiteren wurde mit der Lancierung der drei neuen Parfums auch die Präsentation erneuert. Kamen die Parfums bis vor kurzem noch in simplen Flasflakons mit Ballonzerstäuber, sind sie nun in schlankeren Fläschchen erhältlich, mit güldenem Verschluss und Aufkleber im Art Deco Stil. Dazu eine schwarze Holzschatulle mit Magnetverschluss, welche das kostbare Kleinod beinhaltet. Im Zuge dieser Erneuerung stieg allerdings auch der Verkaufspreis beträchtlich. Kostete ein Pierre de Velay letztes Jahr noch £195 für 100 ml Parfum (Extrait), so muss man nun deutlich tiefer in die Trasche greifen. Für 100 ml Parfum verlangt man nun £495. Ouch! Und dennoch, meine Neugierde war (mal wieder!) geweckt. Kurzerhand rief ich bei der Haute Parfumerie in London an, und bestellte den Duft, welcher einige Tage später wohlbehalten bei mir eintraf. Ein gewagter Blindkauf, das gebe ich zu! Ich kann aber sagen: Dieser Blindkauf ist mehr als geglückt!

Der Auftakt ist eine Safran Symphonie! Das edle Gewürz versprüht seinen ganzen Charm, und weiß von Anfang an zu begeistern. Schon nach wenigen Sekunden offenbaren sich mehr Aromen. Ich merke sofort: Dieser Duft geht in die orientalische Richtung, ist süß und opulent. Bergamotte? Keine Spur! Viel mehr erscheint mir hier eine Rose, die so gar nicht altmodisch oder staubig wirkt, sondern durch ihre Begleiter, Safran und einer nun aufbegehrenden Gourmandartigen Note, so samtig und seiden wirkt als würde feinster Himbeerlikör ihre Blütenblätter benetzen. Für einen Moment halte ich inne, denn dieser Duft kommt mir bekannt vor. Nach einigem Grübeln und Nachdenken, fiel es mir ein: Rose d'Arabie von Armani! Diesen Duft gab ich erst vor kurzem weg, denn auch wenn mir die Grundnote ausgezeichnet gefiel, so war mir der Duft selbst zu eindimensional und matt. Ja, No. 1 von Pierre de Velay besitzt einige Parallelen zum Armani Duft. Der Unterschied liegt in der Konzentration der einzelnen Noten. Während mir Rose d'Arabie zu eintönig erschien, ganz ohne Strahlen, kann No. 1 mich durch seine Vielschichtigkeit und seinen individuellen Charakter begeistern. Hier wirkt jede Note, als gehöre sie wie selbstverständlich in die Komposition, und dennoch zeigt jeder einzelne Akzent seinen eigenen Charm.

Nachdem die erste Notenflut vorrüber ist, beginnt der Fokus des Duftes sich zu verschieben. Die liebliche Likör-Rose ist und bleibt die Hauptdarstellerin. Sie lässt den markanten Safran in den Hintergrund rücken, und bedient sich nun des Oud. Keine Sorge, hier findet ihr kein animalisches, fäkales oder gar harsches Oud. Viel mehr bietet es einen holzig-warmen, schokoladig-süßen Grundton. Wie auch schon in anderen Roja Dove Kreationen, ist der Eigengeruch des Oud hier von der feinsten Sorte: Elegant, filigran, exotisch, ätherisch, präsent. Nun mag der ein oder andere sagen: ,,Schokolade, klingt ja schwer und erdrückend, und dann noch mit Oud zusammen?", aber keine Sorge. In No. 1 wirkt die Süße niemals überbordend, niemals wirklich schwer oder erdrückend. Dafür sorgen die floralen Noten, sie bilden das Gegengewicht, die Rose allen voran. Doch auch etwas Weißblühernektar lässt sich erkennen, vor allem das unnachahmliche Aroma der Orangeblüte spendet angenehme Spannung mit ihrem Duftprofil zwischen frisch und süß. In dieser Phase wirkt No. 1 auf mich wie duftgewordene 1001 Nacht. Exotik trifft Komfort, einhüllend, anziehend aber dennoch orientalisch und reichhaltig.

Mit der Ankunft der Basisnote, betreten wir das Territorium des Patchouli. Seit Mugler's grandiosen Angel, welcher erstmals Gourmandnoten mit Patchouli verband, wurden zahllose Varianten dieses Themas lanciert. In No. 1 vermag das Patchouli den holzigen Grundton des Oud zu verlängern, und verleiht dem Bouquet gleichzeitig einen ernsteren, erdigen Ton. Wie bereits erwähnt demonstrierte Angel seinerzeit, wie gut Patchouli mit süßen und fruchtigen Gerüchen harmoniert, und so ist es auch im Pierre de Velay Parfum: Die zuvor erwähnte Himbeerlikör-Note und die Schokoladen-Facette des Oud verschmelzen geradezu mit den Patchouli, bilden eine Harmonie ohne Gleichen. Einhüllend & elegant legt sich die Harmonie der drei Wohlgerüche über das gesamte Geschehen. Wie ein Weichzeichner wirkt sie, nimmt der Rose die letzten Kanten und integriert sie in einen immer samtiger werdende Duftschleier. Der Schleier ist Weinrot mit pinkem Glanz, etwas gold schimmert, filigran eingearbeitet. Mit dem immer deutlicheren Fokus auf das erdige Duftprofil, wird No. 1 immer unaufgeregter. Wie nach einem Abenteuer, sucht auch dieses Parfum nun Erholung und Ruhe, genießt es die leisen Töne anzuschlagen.

Vom übersprudelnden Safran Exzess mit Himbeerlikör nippender Rose, über schokoliertes, feinstes Oud, zum ruhe spendenden Patchouli. Pierre de Velay No. 1 ist ein grandioses Dufterlebnis, welches alle Probleme die ich mit Rose d'Arabie hatte auf geniale Art löst. Schillernd & Farbenfroh erhebt sich No. 1, hat ein Strahlen und trägt den Funken in sich, welcher bei der Armani Kreation deutlich fehlt. Ihr glaubt sicherlich wie erleichtert ich war, dass mir dieser Blindkauf so ausgezeichnet gefällt. Ein Duft, den ich nun nicht mehr missen mag, denn er füllt die Lücke nach einem Rose Oud auf Kuschelniveau. Und wie das so oft ist: Ist die Büchse der Pandora, oder eher des Herrn Pierre de Velay, ersteinmal geöffnet, gibt es kein zurück. Die Velay Kollektion möchte ich weiter erkunden, und all die Düfte kennen lernen. Großzügige Duftspenden in Form von Proben nehme ich gerne entgegen ;-) Wer die Pierre de Velay Kollektion ebenfalls testen mag, kommt wohl nicht daran vorbei entweder London zu besuchen, oder die Haute Parfumerie per Telefon oder Email zu kontaktieren. Ich selbst bin begeistert, aber seien wir mal ehrlich, das bin ich doch viel zu oft!
6 Antworten

Kankuro vor 3 Jahren
10
Duft
10
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Urwald der Fantasie
Thierry Mugler - Die Marke welche meinen Dufthorizont vor vielen Jahren erweiterte. Nachdem Gaultier's Le Mâle mir zeigte, dass Männer auch süß riechen dürfen, trieb Mugler es mit A*Men auf die Spitze, und befreite mich von meinem unerfahrenen und eingeschränkten Bild von frischen Herrendüften. Die Welt von Mugler faszinierte mich vom ersten Moment an. Dabei stieß ich ganz zufällig auf die Marke. Bei einem Besuch bei meiner älteren Schwester mit der Familie, gab sie mir eine Duftprobe, welche sie als ,,grässlich" bezeichnete. Sie überreichte mir eine kleine, hellblaue Pappe, mit schwarzer Aufschrift in Großbuchstaben: ANGEL. In geschwungenen Lettern stand am unteren Rand geschrieben: Thierry Mugler. Von der Marke oder dem Duft hatte ich zu der Zeit noch nie etwas gehört. Ich nahm die Hellblaue Phiole, und gab beherzt einen Sprühstoß auf meinen Handrücken. Ich nahm einen tiefen Luftzug von dem Duft auf. Stille. Nein. Das kann nicht sein. Sowas kann doch nicht ernsthaft... Ich fand keine Worte für die Scheußlichkeit, welche sich mir offenbarte. Ab ins Badezimmer, Händewaschen (nützte nicht viel) und die Probe in die Tasche geworfen. Dort blieb sie bis zur Heimkehr einige Tage später. Von dem Zeitpunkt an holte ich sie immer mal wieder hervor, um eine kleine Menge aufzusprühen. Angel ließ mich nicht mehr los, auch wenn ich ihn noch lange als abstoßend empfand. Doch, wie so oft, wurde aus Abneigung große Zuneigung. Und so fing ich an, alle Mugler Düfte testen zu wollen. Innocent, Eau de Star, A*Men, Ice*Men, Cologne. Alle faszinierten mich, einige mochte ich sofort, andere (wie A*Men) brauchten wieder etwas Zeit. Dann kam Alien. Erneut: Faszination, ein Duft wie von einem anderen Planeten. Es folgte Womanity. Oh je. Hier war weder Zu- noch Abneigung. Gleichgültigkeit. Das Todesurteil für einen Mugler Duft. Es blieb die Hoffnung auf den ,,Nächsten". Und der ist: Aura! Ein grandioser Flakon, ein schönes Konzept. Dieses Mal schien man aus den Fehlern die man mit Womanity machte gelernt zu haben, und wieder alles richtig zu machen. Doch nur der Duft selbst kann bestimmen, ob Aura ein echter Mugler ist, oder sich zu Womanity als lauer Durchschnittsduft gesellt.

Saftiges Grün bestimmt den Auftakt, und nie passte die Bezeichnung ,,saftig" besser als wie bei Aura's Kopfnote. Der grünen Note fehlt jede Bitterkeit, sie ist weder herb noch erdig oder erinnert sonst an irgendwelche Pflanzen. Es ist ein Grün entsprungen der Fantasie unseres inneren Kindes. Stellt euch vor, einen mystischen Nektar aus einem übergroßen Palmenblatt zu trinken. Der Nektar duftet leicht nach Minze, hat aber überwiegend eine unwiderstehliche Süße, welche ein wenig an Kugummi erinnert, wobei wir wieder bei dem inneren Kind und Kindheit wären. Diese erste, so wilde und doch köstlich saftige Mischung aus Dufteindrücken packt mich, fesselt mich, lässt mich schwelgen. Das habe ich so zuvor noch nie gerochen, das ist innovativ und riecht trotzdem unglaublich gut. Denn, wie Guy Robert einst sagte: "Un parfum doit avant tout sentir bon." (Ein Parfum muss vor allem gut riechen). Ich persönlich tue mich schwer mit Parfums, deren einziger Existenzgrund es ist, möglichst verrückt und andersartig zu riechen. Natürlich hängt eine solche Bewertung von den Präferenzen der jeweiligen Testperson ab. Doch für mich liegt der Reiz in Parfums stets im Vereinen von Innovation und Tragbarkeit. Und Aura schafft es, eine so komfortable Atmosphäre von süßem Kaugummi, mit der Fremdartigkeit von fantastischen Palmenblättern und magischem Morgentau zu verbinden. Diese erste Duftphase ist allerdings recht kurzlebig, hinterlässt dafür umso mehr das Verlangen, das Parfum erneut aufzutragen. Positiv ist, dass auch die kommende Duftphase einen unvergleichlichen Charme besitzt. Es expandiert die Orangenblüte in atemberaubendem Tempo. Ihr unverwechselbar süßes Aroma wird hier noch von einer traumhaft cremigen Vanille unterstrichen. Das gesamte Duftprofil hat etwas fast rauchiges, ist definitiv sahnig, aber auch sonnig und unbeschwert. Es schwingt noch immer ein Hauch der Kopfnote mit, gut verborgen im Hintergrund. Wir bewegen uns hier natürlich, typisch Mugler, im Bereich eines Gourmand Parfums. Da Mugler mit Angel das Genre der Gourmand Parfums 1992 ins Leben rief, darf von mir aus jede kommende Mugler Kreation ein Gourmand sein. Was Aura aber anders macht als so viele andere Gourmands, ist der komplette Verzicht auf Ethylmaltol. Pierre Aulas, kreativer Kopf der Parfumkreationen von Mugler, reagierte auf einen Duftbericht, der aussagt dass Aura nach Vanille und milchig süßen Pralinen mit Guajakholz duftet, mit folgender Aussage: ,,Aura ist definitiv Vanille lastig, auch wenn wir auf synthetisches Vanillin verzichtet haben, und stattdessen echte Vanilleschoten verwendeten, kann ich durchaus nachvollziehen, dass Aura entfernt an Desserts erinnert. Aber, es ist kein einziger Gramm Praline enthalten, nicht die kleinste Ahnung von Maltol, welches zur Zeit das Duftreich regiert. Ich habe unsere Parfumeure monatelang daran erinnert, diese Falle zu vermeiden. Warum sollten wir so töricht sein, und eben jenen Trend imitieren, den wir vor 25 Jahren starteten? [...]". Und mit diesem Kommentar erklärt sich auch direkt, warum ich in Aura diese rauchigen Anteile wahrnehme. Echte Vanille ist eben nicht einfach nur süß. Sie ist deutlich komplizierter, mit holzigen, würzigen und manchmal sogar fruchtigen und Tabak ähnlichen Akzenten. Das gefällt nicht jedem, und ist der Grund, warum Luca Turin zum Beispiel Spiritueuse Double Vanille von Guerlain nicht mag. Ihm nach riecht dieser zu sehr nach echter Vanille, mit allen Vor-, aber auch allen Nachteilen. In Aura nehme ich tatsächlich Komponenten wahr, die mir auch in Spiritueuse Double Vanille untergekomnen sind. Ich kam von selbst nicht darauf, den Vergleich zu machen. Erst durch die Aussagen von Pierre Aulas erinnerte ich mich an Luca Turin's Meinung zu Guerlains doppelter Vanille. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, oder eher von der Nase.

Ich fasse zusammen: Aura beginnt magisch grün, saftig-süß. Er driftet ab in einen Orangenblüten und Vanille gefluteten Traum, in welchem sich die würzige Vanille mit all ihren natürlichen Komponenten durchsetzt, ohne dass die fantasiereiche Startnote je gänzlich verklingt. Ein Traum!

Endlich ist Mugler wieder auf den richtigen Weg zurück gekehrt. Mit Aura zeigt das Haus einmal mehr, dass die Parfumeurskunst noch nicht tot ist, und auch der Mainstream noch spannendes bieten kann. Wer süße Düfte nicht mag, wird mit Aura nicht glücklich, so viel steht fest. Aber Aura als einen simplen Gourmand Duft zu bezeichnen wäre ungerecht, denn er ist so viel mehr.
12 Antworten

Kankuro vor 4 Jahren
8
Duft
10
Haltbarkeit
9
Sillage
10
Flakon

Von Nachtigallen und vergangenen Tagen
Zoologist, so muss ich zugeben, hatte ich nach dem Testen der ersten fünf Düfte wieder ad acta gelegt. Der Inhaber und Gründer, Victor Wong, ist ein sympathischer Mensch, umso mehr tat es mir damals leid, als keines seiner Parfums mein Herz erobern konnte. Mein Fazit war: Kreative und komplexe Parfums, die allerdings nicht meinen Geschmack treffen. Trotzdem, ich blieb neugierig. Denn die Flakons, mit den Tierabbildungen, sind einfach niedlich & elegant. Eine grandiose Idee, dieses Konzept. Aber eben leider nichts für mich. So dachte ich, bis Mr. Wong auf Facebook die Veröffentlichung von Nightingale und Macaque ankündigte. Verliebt habe ich mich, und zwar sofort. Die Illustration der Nachtigall, die Geschichte dahinter, die Duftnoten. Ja, das alles sprach mich sofort an. Als dann die Proben der beiden bei mir eintrafen, und Nightingale auf meinen Handrücken traf, da war die Entscheidung bereits getroffen: Den muss ich haben! Nachdem Nightingale eingetroffen war, las ich auch schon von "Civet", der nächsten Neuerscheinung. Na wunderbar, der klingt genauso wundervoll wie schon Nightingale! Sobald ich einige Erfahrungsberichte zum Civet gelesen hatte, und er dann am 31.12.16 in den Verkauf ging, zögerte ich noch etwas. Doch nur einige Tage später, bestellte ich Civet blind, inklusive Seidenschal mit Zibetaufdruck. Da konnte ich nicht widerstehen. Nun aber wieder zurück zur Nachtigall, denn um die geht es hier schließlich. Der Duft wurde kreiert von Tomoo Inaba, einem japanischen Duftfan, der einen eigenen Blog betreibt, und sich über die Jahre das Handwerk des Parfumeurs selbst beibrachte. Nightingale ist sein erstes Werk, ursprünglich für sich selbst kreiert. Zoologist beschreibt das Parfum als "Pflaumenblütenchypre" mit Oud. Klingt spannend, ist es auch. Aber nicht wegen des Oud, so viel sei schon verraten.

Nightingale offenbart sich nicht von Anfang an in seiner ganzen Komplexität. Zunächst rieche ich einen sprudelnden Mix aus Frucht- und Zitrustönen. Süß, säuerlich und etwas herb mutet diese erste Duftwolke an, und erinnert mich doch tatsächlich an Ahoj Brause! Man mische die Sorten Himbeere und Zitrone, et voilà! Kindheitserinnerungen pur, das sage ich euch. Ist Nightingale also der perfekte Ahoj Brause Duft? Nun, so einfach ist es dann auch wieder nicht. Denn wo die original Brause nach einem süß-saurem Schaumspektakel abklingt, beginnt Nightingale erst, sich zu öffnen. Hinter der fruchtigen Fassade liegen Geheimnisse verborgen, deren Abgründe sich nur jenen zeigen, die sich auf dieses Parfum einlassen. Rasch nach dem Auftragen, es vergehen nur ca. 2-3 Minuten, mischen sich gleich mehrere neue Eindrücke in das Geschehen ein. Zum einen haben wir das Veilchen, dessen pudriges Antlitz ich auszumachen glaube. Unterstützung bekommt es von Safran, so vermute ich, denn Nightingale wirkt nicht nur pudrig, sondern fast schon etwas staubig, ohne aber abgestanden zu erscheinen. Beeindruckend finde ich, dass die zitrische Komponente aus der Kopfnote nahtlos in die Herznote übergeht. Natürlich könnte ich es dabei belassen. Zitrus in Kopf- und Herznote, schön! Aber, ich wäre ja kein Parfumo, wenn mich nicht die Frage interessieren würde, wie das dem Parfumeur Tomoo Inaba gelang. Ein Blick auf die Duftnotenpyramide, verrät mir, dass Rose im Parfum enthalten sein soll. Und wie wir wissen, enthält Rosenöl den Duftstoff Citronellol. Dieser hat ein zitrisches Rosenaroma, welches eventuell für die deutlichen Zitrusanklänge in der Herznote von Nightingale sorgen. Alternativ könnte es sich selbstverständlich auch um Geraniol handeln, welches im Allgemeinen als deutlich zitrischer bezeichnet wird. Es stammt von Geranien. Soviel zu den Chemiekenntnissen eines Laien. Wahrscheinlich liege ich völlig daneben, aber das Spekulieren macht einfach Freude! Zurück zum Duft, denn hier tut sich noch mehr. Neben der pudrig-zitrischen Fruchtblumennote tauchen graue Holztöne auf, spenden Schatten und nehmen dem Duft etwas von seiner Säure. Noch mehr geerdete Schattigkeit bahnt sich langsam den Weg in den Vordergrund, doch bevor ich dazu komme, möchte ich erwähnen, dass ich in Nightingale kein Oud riechen kann. Es fehlt der medizinische Aspekt, auch animalische Facetten suche ich vergebens. Kein Anzeichen vom sinnlichen, schmeichelnden Edelholz. Und das ist auch gut so. Obwohl Oud mir persönlich oft ausgesprochen gut gefällt, schätze ich zur Zeit am Meisten Parfums ohne das sagenumwobene Adlerholz. Nightingale benötigt es nicht, denn statt modernem Oud, erwacht nun ein anderer Star unter den Parfumingredienzen. Zugegeben, diese Berühmtheit ist etwas in die Jahre gekommen, dennoch hat es nichts von seinem düsterem Charme eingebüßt. Es handelt sich natürlich um das Eichenmoos. Nightingale wandelt sich zur Basisnote hin ganz dramatisch. Wo anfänglich noch die aufbrausenden Früchtchen mit zitrischen und pudrigen Blumenakzenten herumtollten, wird der Ton nun ernster, der Duft an sich wirkt gediegen und in sich gekehrt. Das Moos übernimmt Schritt für Schritt die Komposition, bis es, nach vielen Stunden, endgültig alle anderen Noten unter sich begräbt. Wir haben hier Eichenmoos der feinsten Sorte: Erdig, dunkel, sogar etwas Tintenartig, und doch strahlt es jene Finesse aus, derer wir uns in Vintage Parfums nicht selten erfreuen. So kann ich hier durchaus Parallelen zu Guerlain's Mitsouko ziehen, oder aber auch zu Clinique's Aromatics Elixir oder Roja Dove's Fetish pour Femme (welches leider nicht mehr erhältlich ist). Letzterer war ein Eichenmoos Hammer, von Kopf bis Fuß, der Duft verströmte pures, bitteres Moos Feeling, abgeschmeckt mit Bibergeil. Bevor ich aber in eine Lobeshymne für Fetish einstimme, widme ich mich lieber wieder der Nachtigall. Denn diese erinnert mich in der Endphase immer mehr an die großen Chypredüfte vergangener Zeit. Durch das Moos hindurch schimmern immer noch Anklänge von pudrigen und floralen Tönen. Eine Traumhafte Note! Tomoo Inaba hat mit diesem Duft, welcher sein erster ist, bewiesen, dass er ein vielversprechendes Können besitzt. Ein Parfumeur, der sich selbst die Kunst der Parfumerie beigebracht hat, kreiert einen so wundervollen, klassischen Duft. Hut ab!

Sillage sowie Haltbarkeit von Nightingale sind mehr als zufriedenstellend. Was für ein komplexer Duft, wie eine Wand aus Schleiern, offenbart er sich nach und nach, als würde man immer wieder einen Schleier entfernen. Jede Phase bietet einen anderen Eindruck, und dennoch gehen sie nahtlos ineinander über. Nightingale ist lebendig, scheint zu atmen. Ein Parfum wie es eigenwilliger in der heutigen Zeit nicht sein könnte. Man könnte meinen, das wäre zu viel des Guten, doch der Erfolg spricht für Victor Wong. Er teilte mir auf Facebook mit, dass Nightingale sich schneller verkäuft, als alle anderen Parfums zuvor. Freilich war das vor der Veröffentlichung von Civet. Nun, wem würde ich empfehlen Nightingale zu testen? Instinktiv würde ich sagen: Allen! Ob man nun Chypre Düfte mag, oder nicht, das ist völlig egal. Zoologist bietet immer wieder Überraschungen und kreative Kompositionen. Auch wenn die Parfums euch nicht gefallen, so ist es doch allein um der Erweiterung des eigenen Dufthorizont willen empfehlenswert, die gesamte Linie zu testen.
7 Antworten

Kankuro vor 4 Jahren
10
Duft
10
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Die Ehrenrettung der Vanille?
Mit Agonist verbinde ich, wie mit so vielen Nischenmarken, die Anfänge meiner Parfumleidenschaft. Damals, 6 Jahre ist es nun her, war Agonist noch viel exklusiver als heute. The Infidels war zu der Zeit der einzige erhältliche Duft, und das auch nur im exklusiven und hochpreisigen Glaskunstwerk. Nachfüllungen gab es zwar, aber nur für jene, die bereits einen der exklusiven Skulpturen erworben hatten (Das Konzept wurde mittlerweile geändert, und alle Düfte sind in schlichten aber schönen 50 ml Flakons erhältlich). Ich war sehr neugierig auf dieses so unereichbare, luxuriöse Parfum, und schrieb kurzerhand eine Email an Agonist mit der Frage, ob es möglich wäre eine Probe käuflich zu erwerben. Die Antwort kam schnell, sehr freundlich, die Probe wurde mir kostenlos zugesandt, sehr großzügig! Und so behielt ich Agonist immer im Hinterkopf, denn The Infidels blieb mir als ausgezeichneter Duft in Erinnerung. 6 Jahre später schlug ich bei einem Sale auf der Agonist Webseite zu, und sicherte mir Vanilla Marble zu einem guten Preis. Getestet habe ich den Duft kurz zuvor, als ich ein Probenset der Marke bestellte. Neben The Infidels, welches ich mittlerweile nicht mehr wiedererkenne (siehe meinen Kommentar zum Duft), konnte ich die gesamte Linie testen. Es blieben mir Dark Saphir, N°10 White Oud und Vanilla Marble im Kopf. Auch Isis ist schön, doch ähnelt er Chopard's Cašmir zu sehr, mit einem Schuss La vie est belle. White Oud wurde der Duft meiner Mutter, er steht ihr ausgezeichnet. Dark Saphir schwebt noch im Hinterkopf, vielleicht wenn Santal Royal mal aufgebraucht ist. Vanilla Marble aber ist ein Duft, wie ich ihn schon immer suchte. Eine Vanille, süß und köstlich, ohne dabei zu simpel zu sein, oder nach Plastik zu riechen. Eine solche Vanille zu finden, das war nicht einfach. Sicher, es gibt sowohl bei den Drogeriedüften, im Designerbereich, sowie in der Nische unzählige Interpretationen der Vanille. Die Schönsten sind meiner Meinung nach: Cuir Beluga, Shalimar, Eau de Shalimar, Spiritueuse Double Vanille, Lira, Tobacco Vanille und L de Lolita Lempicka. Aber neben diesen wenigen Vanilledüften, habe ich auch zahlreiche, sehr schlechte getestet. Manches Mal dachte ich schon, dass Vanille mir vielleicht doch nicht so gut gefällt, wie ich dachte. Denn die meisten ihrer Gattung gefielen mir nicht. Aber mittlerweile sehe ich es so: Vanille ist nicht gleich Vanille, und daher sehe ich mich statt eines Banausen einfach als Connoisseur! Daher gefällt mir nicht jede Vanille! Nun kommt Vanilla Marble, und ich kann jetzt schon verraten: Er reiht sich in die obige Liste der besten Vanille Parfums ein!

Vanilla Marble ist puristisch, süß, alkohlisch-grün, exotisch blumig und vor allem intensiv. Eindeutig spielt hier das Dreigestirn aus Mandeln, Tiaré und Vanille die Hauptrolle, nur so kann ich mir diesen fulminanten Auftakt erklären. Meist nehme ich einzelne Noten nicht so wahr, wie viele andere das können, aber hier sind die drei Kopfnoten ganz klar erkennbar, sie ziehen sich durch den gesamten Duft, und geben bis zum Schluss den Ton an. Die Vanille macht natürlich den Grundton aus: Süß, cremig, köstlich. Die Mandel verleiht den grünen Akzent, der deutlich ins alkohlische geht; und die Tiaré wirkt kokosartig und etwas indolisch, eben ein typischer Weißblüher. So entsteht die verträumte Fantasie vom weißen Marmor, von dem es tatsächlich eine Variante gibt, die sich "Vanilla Marble" nennt. Marmor, so finde ich, hat etwas erhabenes, elegantes, aber auch etwas distanziertes und kühles. Im Duft Vanilla Marble repräsentiert die süße Vanille das Erhabene, während die alkohlische Mandelnote die Kühlheit ausstrahlt. Das passt, so finde ich, sehr gut zum Material, welches dem Duft als Inspiration diente. Fabrice Pellegrin, der Kreateur von Vanilla Marble, tat gut daran, all der opulenten Süße nicht nur die Mandelnote entgegenzusetzen, sondern er nutzt auch die herbe Fruchtigkeit der Feige. Sie ist nicht besonders kräftig, drängt sich nicht auf, doch sorgt sie eindeutig für einen fast schon salzigen Eindruck, welcher unerwartet gut in die Komposition passt. Süß, alkohlisch, tropisch, und nun auch etwas salzig. Süß und salzig, diese Kombination kann gut gelingen, sie kann aber auch ordentlich daneben gehen. Davon kann Fabrice Pellegrin selbst, so glaube ich, ein Lied singen. Sein Womanity, welches er für Mugler kreierte, spielt ebenfalls mit dem Konzept salzig-süß. Und wie wir alle wissen, fand Womanity nicht sonderlich viele Anhänger. Zu synthetisch, kratzig und herb-fruchtig-salzig wirkt er auf mich, weshalb ich ihn auch als einen Fehltritt im Kapitel Mugler Düfte sehe. Ein Jahr später griff Herr Pellegrin das Thema süß-salzig wieder auf, und dieses Mal achtete er viel besser auf die Balance zwischen den Beiden Gegensätzlichen Noten, und siehe da: Es ist ihm gelungen! Oder vielleicht doch nicht? Vanilla Marble erfreut sich, wenn ich mir die Kommentare auf verschiedenen Parfumseiten anschaue, ebenfalls keiner großen Beliebtheit. Er wird oft als künstlich und wenig hochwertig wirkender Vanille Einheitsbrei bezeichnet. Das kann meine Nase nicht nachvollziehen, denn Vanilla Marble, wenn auch kein hochkomplexer Duft, ist keinesfalls eindimensional. Die subtilen Facetten, die Spannung zwischen süß und salzig-grün, das ist großes Kino! Und dem noch nicht genug, geht die Entwicklung noch weiter! In der Basisnote soll australisches Sandelholz enthalten sein. Wie wir alle wissen, ist Sandelholz aus Mysore (Santalum album) heutzutage unfassbar hochpreisig, und schwer zu bekommen. Das liegt daran, dass die Bäume fast ausgestorben sind, so stark war die weltweite Nachfrage nach dem indischen Sandelholz Öl. Und so nutzen die meisten Hersteller heute entweder synthetischen Ersatz, wie zum Beispiel Polysantol, oder die australische Variante (oder eben eine Kombination aus beiden). Wie das hier in Vanilla Marble aussieht, weiß ich nicht, ich rieche aber dennoch eine holzige Note, die der cremigen Süße keinen Abbruch tut, aber dennoch etwas die Salzigkeit ausbremst, sowie die Schärfe der Mandel mindert. Natürlich verschwinden diese beiden Eindrücke nicht, viel mehr werden sie eins mit dem Sandelholz, und so verschiebt sich das Duftprofil von süß-salzig-grün zu süß-holzig. Die Tonkabohne ist hier nicht direkt auszumachen, ich vermute aber, sie sorgt für die Verlängerung des Mandel Aromas. So sitze ich hier nun, den Handrücken an der Nase klebend, und genieße das intensive Bouquet, mit all seinen feinen Nuancen und Andeutungen. Und wenn ihn sonst keiner will, so findet das Parfum eben bei mir ein zu Hause.

Es ist alles gesagt! Vanilla Marble ist ein verkanntes Meisterwerk, oder meine Nase einfach eine verkannte Niete. Was auch immer es ist, dieser Duft fasziniert mich, er ist auf eine simple Art und Weise Vielschichtig und sorgt bei mir für gute Laune. Er ist perfekt, wenn ich mich wohl fühlen möchte, und sogar wenn es wärmer ist, wirkt er nicht überladen. Agonist und Fabrice Pellegrin haben zusammen etwas wunderschönes geschaffen, ich möchte diesen Duft nicht mehr missen.

Nachtrag: Ich vergaß im Intro einen ganz wundervollen und einzigartigen Vanilleduft zu erwähnen. Es ist L'Heure Perdue von Cartier. Eine Vanille wie dampfender Milchschaum, mit holziger Basis. Wunderschön!
8 Antworten

Kankuro vor 4 Jahren
10
Duft
9
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Die Waldlichtung
Roja Dove ist immer wieder ein Thema in den Parfum Communities der Welt, und es zeichnen sich ganz klar zwei Lager ab: Jene, die Rojas Düfte lieben, und jene, die sie kategorisch ablehnen. Und wenn ich ehrlich bin, ich kann es voll und ganz nachvollziehen, dass Roja, welcher die wandelnde Verkörperung von "Bling, bling" ist, mit seinen extrem hochpreisigen und nicht minder mit Glitzer und Bling beladenen Düften nicht jeden positiv erreicht. Ich selbst kenne einige Parfummarken, die mich einfach nicht ansprechen, oder deren Konzept, Design und Schöpfer auf mich unsympathisch wirken. Und schließlich dient es doch der Diversität, wenn wir alle ganz unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen haben, auch was Parfummarken angeht. Was gefällt mir eigentlich an Roja Parfums so gut? Zum einen die Flakons, das streite ich nicht ab. Aber nicht nur die Flakons sind wundervoll, die Düfte selbst haben etwas an sich, das mich anzieht. Sie sind nicht die typischen Nischendüfte, die manchmal nach allem Möglichem, aber nicht nach Parfum riechen, sondern haben fast immer einen klassischen Touch. Manch einer mag sagen, das ist langweilig. Aber mir persönlich gefielen die allzu ausgefallenen Kreationen der Nische sowieso nicht. Da freut es mich, mit Roja Parfums eine Marke gefunden zu haben, die Nische und Klassische Parfümerie vereint. Doch genug davon. Es begab sich im Juni, als ich auf Facebook sah, dass Roja Dove einen exklusiven Duft für Selfridges kreiert hat. A Midsummer Dream, ein orientalischer Duft, der die zauberhafte Welt aus Shakespeares "A Midsummer Night's Dream" in duftender Form einfangen soll. Der speziell für das Parfum angefertigte Aufkleber auf der Frontseite ist wirklich schön gestaltet, mit Pan, dem Hirtengott. Mal wieder hat die Versuchung mich überwältigt, und ich bestellte A Midsummer Dream blind. Was erwartet mich also bei A Midsummer Dream? Orientalisch, süß & warm, sagt Roja. Was sagt meine Nase?

Meist nehme ich die Zitrusnoten, welche Roja in fast all seinen Düften verwendet, garnicht wahr. Seine Parfums neigen dazu von einer solch dichten und komplexen Opulenz zu sein, dass jeder möglicher Zitrusakzent nicht klar wahrnehmbar ist. Bei A Midsummer Dream erwartete ich ebenfalls keine große Arie der Agrumen, denn wenn Roja eine seiner Kreationen als orientalisch bezeichnet, dann erwarte ich mittlerweile olfaktorische Schwergewichte. Umso überraschter war ich, als mir nach dem ersten Sprühstoß auf die Haut, eine zitrische Symphonie beginnt. Die bittere Grapefruit erkenne ich besonders gut, an ihrer Seite spielt ein erdig-frischer Akzent. Ja, da war ich tatsächlich ersteinmal perplex. Die Namengebung, das Design und die Beschreibung vom Maestro selbst deuteten auf ein sinnlich, süßes Traumbouquet hin, und nun habe ich hier einen eher frischen Duft vor mir. Kann das sein? Jetzt heißt es: abwarten. Nicht selten dreht sich ein Parfum um 180 Grad, und verändert sich so sehr, als wären Kopf- und Basisnote zwei verschiedene Kompositionen. A Midsummer Dream verändert sich tatsächlich, wenn auch nicht dramatisch. Die Grapefruitfrische wird nun wesentlich wärmer, wobei ich erwähnen muss, dass der Duft von Anfang an recht warm und geerdet wirkt. Als sommerliche Erfrischung à la Eau de Cologne würde dieser Roja nicht taugen. Dafür ist er wirklich nicht erfrischend genug. Zunächst konnte ich die Quelle der warmen Note nicht ausmachen, sie war mir zu diffus und undeutlich. Mit voranschreitender Zeit legt sie sich über das gesamte Duftgeschehen, und offenbart sich somit immer mehr. Ich meine hier Akzente von tiefgrünem, samtig weichem Moos zu erahnen. Es ist weder bitter noch modrig, wie bei manchem Chypre Klassiker, sondern schmeichelt der Nase. Unterstützt wird dieser verzaubernde Akkord von einer floralen Note, etwas rosig und blütensüß. Was mich in diesem Moment so überrascht, ist die Langatmigkeit der Zitrusnote, und da fällt mir ein, dass auch Elemiharz in der Notenliste von A Midsummer Dream angegeben ist. Das Duftprofil von Elemi wird oft als zitronig und waldartig bezeichnet, und genau dieses Leitmotiv zieht sich deutlich von Anfang an durch A Midsummer Dream. Zusammen mit den eben genannten Moos und Blumennoten, entsteht die perfekte Illusion: Das Bild einer Sonnendurchfluteten Lichtung in einem verzauberten Märchenwald. Aromatisch, grün, samtig, süßlich, zitrisch, leicht fruchtig. Roja Dove hat diesen verzauberten Wald auf eine magische Art und Weise in Duftform gebracht. Und nun verstehe ich auch, warum A Midsummer Dream als ein orientalisches Parfum bezeichnet wird. Orientalisch muss nicht immer gleich eine Mischung aus Vanille, Leder, Moschus, Tonkabohne, Benzoe, Zimt oder gar Gourmand Noten à la Schokolade, Karamell oder Pralinen andeuten. Beim Testen und Tragen dieses Roja Parfums wird mir deutlich, dass transparente und grüne Noten, die an sich ja eher in den Chypre und Fougère Familien anzutreffen sind, so verarbeitet werden können, dass sie orientalisch im Sinne von exotisch und magisch wirken, eben wie der Märchenwald im Sommernachtstraum. Sieht man es von diesem Blickwinkel, ist A Midsummer Dream ein grün-floraler Orientale. Das bestätigt sich mit dem Eintreffen der Basisnote. Hier wird der Ton etwas erdiger, das Moos verliert ein wenig von seinem samtenen Gefühl, hier bringt etwas Pfeffer trockenheit und eine feine, sinnliche Würze ins Geschehen. Dadurch wirkt der Duft nun etwas trockener. Das bewirkt auch, dass mich das Gefühl beschleicht, ich habe so eine ähnliche Kompositionsstruktur schonmal erlebt. Eine ganze Weile brauchte ich, und dann wusste ich es wieder: Amouage! Die Herrendüfte von Amouage sind ebenfalls orientalisch, aber oft untypische Vertreter ihrer Art. Trocken, holzig, würzig, rauchig, grün, moosig. Der Vergleich ist durchaus berechtigt, denke ich, auch wenn Amouage eher der olfaktorische, weinrote Brokatvorhang ist, während A Midsummer Dream wie ein in verschiedenen Grüntönen schimmerndes Chiffontuch im Wind wirkt. Wem das Grundkonzept einiger Amouage Düfte gefällt, der könnte auch gefallen an Rojas Komposition finden. Statt Peitsche bekommt man hier Zuckerbrot, und das gefällt mir außerordentlich gut. Die Zartheit der gesamten Komposition macht süchtig, ich möchte den Duft am Liebsten immer und immer wieder aufsprühen, um den Verlauf der Noten erneut zu studieren. Es fasziniert mich einfach, dieses samtweiche, grüne Zauberelixir.

Roja und ich, das wird eine große Liebe! Hier muss ich mich einfach wiederholen, und diesen Satz, den DaveGahan101 als Überschrift seines wundervollen Kommentars verwendete, auch in meinen Bericht einbauen. Bei den Parfums des Herren Dove habe ich immer das Gefühl, etwas besonderes zu riechen. Auch wenn mir so mancher Duft auch garnicht gefällt, fallen seine Kreationen immer in eine Kategorie, die mich fasziniert: Die bereits genannte Mischung aus Klassik und Nische. Und mit jedem neuem Roja, wächst die Merkliste, und mit jedem den ich teste, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich wieder unvernünftig werde, und zu viel Geld ausgebe. Aber genau das muss es doch sein, was Mr. Dove sich wünscht. Dass seine Elixiere die Menschen verzaubern, und nicht mehr los lassen. Ich bin in die Falle getappt, und bereue es nicht. Als nächstes möchte ich gerne "O - The Exclusive Parfum", "Britannia" und "Taif Aoud" testen, die drei stehen ganz oben auf meiner Liste. Aber was rede ich da? Eigentlich steht jeder Roja ganz oben auf meiner Liste!
7 Antworten

1 - 5 von 34