KlischeeKlischees Parfumkommentare

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22.09.2015 22:54 Uhr
14 Auszeichnungen
Wir befinden uns kalendarisch im Herbst, die Zeiten stehen auf Umbruch - überall wird mit "Übergang" geworben, egal ob bei Klamotten, Essen oder Kosmetik. Doch was trägt man dufttechnisch während dieser Spanne? Ich war schon Mitte August ganz hibbelig auf meine Lieblinge der kälteren Tage, darunter Black Orchid, Chanels N°5 Eau Première oder L'Eau de Tarocco von Diptyque. Wenn es draußen klirrend frostig ist und die Gedanken höchstens um den nächsten Glühwein kreisen, dann mache ich bei solchen Hammerdüften auch keinen Unterschied, ob es nun Tag oder Nacht ist. Mein Gammer auf Black Orchid war vor ein paar Tagen so groß, dass ich ihn für einen Lerntag in der Uni aufgesprüht habe - ein großer Fehler. Ich liebe das Steckenpferd aus dem Hause Tom Ford, doch um ihn richtig würdigen zu können müssen die Umstände allesamt bis ins kleinste Detail stimmen. Vielleicht hat mir aber auch nur die unromantische Bibliothek der Kulturwissenschaften einen Strich durch die olfaktorische Rechnung gemacht, denn unser erstes Date für dieses Jahr war dann doch eher ernüchternd. Zu was greift man als Parfumliebhaberin also dann, wenn sich weder das Wetter, noch das eigene Gemüt richtig entscheiden kann?

Ichnusa! Das italienische Traditionshaus Profumum Roma, das von Celestino Durante und seiner Frau Luisa gegründet wurde, habe ich schon lange auf dem Schirm. Es muss vor circa drei Jahren gewesen sein, da landete eine Probe Battito D'Ali in meinen Händen. Mit herzigen Labelhintergründen kriegt man mich ja immer und als mir eine liebe und sehr kompetente Verkäuferin in einer wahnsinnig hübschen Parfümerie verriet, dass bei Profumum Roma hinter jedem Parfum eine kleine Geschichte steckt, war es um mich geschehen. Schon als Kind habe ich es unheimlich geliebt, wenn mir meine Eltern abends vorm Schlafengehen noch etwas vorlasen, das war ein richtiges Ritual bei uns. Und noch heute verbinde ich mit so vielen Düften Erinnerungen, Erlebnisse und Reisen, so dass mich dieser Firmenansatz einfach wahnsinnig in den Fingern gekitzelt hat! Meine erste Fullsize-Flasche aus Rom trägt den Namen Ichnusa. Ichnusa nennen die sardischen Bewohner ihre Insel (und ein gleichnamiges Bier gibt es dort wohl auch) und gleich war da wieder die Story in meinem Kopf. Auf Sardinien verbrachte ich mit 15 und 16 Jahren jeweils drei Wochen Sommerurlaub mit meiner besten Freundin, bis heute geht es mir beim Gedanken an diese Zeit einfach herrlich gut und automatisch huscht mir ein breites Grinsen über die Lippen. Doch wie duftet dieses mediterrane Stückchen Erde? Sardinien ist meine absolute Lieblingsinsel im Mittelmeer, ich habe mich gleich am ersten Tag unsterblich in das kristallklare und helltürkise Wasser verknallt. Die kargen Berghänge stehen voll mit trockenen Lorbeerbüschen und riesigen Kakteen, über allem hängt der salzige Geruch des Meeres. Es riecht nach vollreifen Tomaten, Sonnenmilch auf gebräunter Haut, gegrillten Sardinen und Fior di Latte-Eiscreme. Sardinien ist ein Paradies für die Sinne und in all seinen Facetten so überaus natürlich, dass ich mich gerade frage, wieso ich eigentlich nicht einfach dort geblieben bin? Dort ticken die Uhren noch anders, die Menschen bauen Gemüse selbst an und melken die eigenen Schafe, aus deren Milch später überaus köstlicher Pecorino entsteht. Beim Betreten dieser Insel kam es mir so vor, als hätte ich das alles schon einmal erlebt. Wunderbar vertraut und wie ganz selbstverständlich und noch heute spüre ich den lauen Sommernachtswind auf meinem Gesicht, als wir aus dem Flugzeug traten und uns in unserer enthusiastischen Jugend bei der langersehnten Ankunft so ehrlich umarmten, dass mir ein warmer Freudenschauer über den Rücken läuft. Ich rieche die würzigen Olivenhaine, die sich kilometerlang an Landstraßen erstrecken und spüre die sanfte Nachmittagssonne auf meinen Wangen. Ichnusa imitiert dieses Gefühl nahezu perfekt. Essenzen aus Feige, Myrthe, Kräutern und einer Spur Erdbeere vermischen sich zu einer abenteuerlichen Symbiose, die klarer kaum riechen könnte. Es ist der Strand, es ist die Luft, der Sand und die brechenden Wellen.
Mein sechzehnjähriges Ich und die auf dem Markt erworbenen Lederespadrilles. Haufenweise frisches Basilikum mit einem kleinen Stich Weißweinsäure und dabei schaukelt das Feigenblatt alle Komponenten immer wieder auf der balanceverliebten Waage in Richtung Mitte. Ich würde am liebsten in Ichnusa baden und wünsche mir, dieses Parfum hätte mich damals auf meiner Reise begleitet. Denn es war eine meiner schönsten, nur den passenden Duft, den hatte ich in Deutschland stehen lassen. Wer sich nach erfrischender Herzlichkeit, warmen Holzakkorden und kräuterigen Ausschweifungen sehnt, dem lege ich dieses erinnerungsstarke Fläschen ans Herz.
Der puristische Glasflakon passt hervorragend zur ideellen Stimmung im Inneren, die der eigenen Gedankenwelt so viel Raum zur Interpretation und Füllung lässt. Ein Parfum wie ein Urlaub - leicht und agil aber dabei so herzergreifend, dass es den Träger niemals mehr loslassen wird.


03.09.2015 14:03 Uhr
14 Auszeichnungen
Le Jardin de Monsieur Li ist das Ergebnis einer intensiven Chinareise Ellenas, die ihm die olfaktorischen Geheimnisse dieses berauschenden Landes gelehrt hat. Ein Garten zwischen Realität und Fantasie, ein Ort der Meditation und des Nachdenkens. Ähnlich verhält es sich mit dem Parfum selbst - denn Le Jardin de Monsieur Li ist ein wenig extravaganter, als die gewohnten Bouquets. Die Zusammensetzung scheint recht simpel und ist bei genauerem Riechen doch der eigentliche Knackpunkt. Bittere Kumquat und süßlicher Jasmin halten sich die Waage, Spritzigkeit liefert ein Hauch Minze, der an die kühlende Nässe nach einem Monsun erinnern soll. Meine Nase war ob der wenigen Inhaltsstoffe anfänglich etwas unterfordert. Man versucht hier vergeblich, eine Duftpyramide bestehend aus Kopf-, Herz- und Basisnote ausfindig zu machen, was aber eigentlich europäische Tradition ist. Ein subtiler zitrischer Schleier legt sich um den Träger (der meiner Meinung nach auch ohne Problem männlicher Natur sein kann) und umgibt ihn mit einer verwirrenden Aura. Das Umfeld wird nicht unweigerlich an Parfum denken, wenn ihm die bitteren Kumquat-Noten in die Nase steigen, doch auffällig ist diese Kreation allemal. Erfrischend wie ein Sommerregen, unaufgeregt wie ein weißes Leinenkleid und immer passend wie ein gestreiftes Bretagneshirt. Eine androgyne Hommage an die sommerliche Leichtigkeit, gemacht für Minimalisten und Liebhaber einer dezenten Sillage.


06.08.2015 13:53 Uhr
15 Auszeichnungen
Ich liege am Strand, Stunde um Stunde zieht unbemerkt an mir vorbei, ich bin völlig zufrieden mit dem, was mir das Meer von Natur aus gibt. Sanftes Wellenbrechen, eine aquatische Brise, Salz auf der Haut, das bei jeder Bewegung leicht kitzelt, der Wind im gelockten Haar. Offline und befreit von jeglichen Alltagspflichten genieße ich das Leben, die Ruhe in mir selbst und könnte glücklicher nicht sein. Ab und an steigt mir der Duft meiner Lieblingssonnencreme leicht in die Nase, wenn ich mich beim Lesen vom Rücken auf den Bauch drehe - oder umgekehrt. Ein Leben in Slowmotion und im Sinnesreich doch so viel intensiver, als es die hektische Arbeitswelt jemals sein könnte.

Genau so riecht Tom Fords Mandarino Di Amalfi für mich. In der exklusiven Private Blend-Serie erschienen, schreit alleine der hellblaue Glasflakon schon Luxusurlaub at its best. Ich liebe es, das kleine Designobjekt gegen das Sonnenlicht zu halten und dem fantastischen Lichtspiel zuzuschauen, das sich daraus ergibt. Es erinnert mich an kalabrische Lagunen und die Weiten der Ozeane und lässt mich immer wieder sentimental vom Meer träumen. Dabei ist Mandarino Di Amalfi keineswegs einer dieser typischen Sommerdüfte, die man zuhauf in den Regalen großer Parfümerien antrifft. Tom Ford wollte mit dem Parfum das Flair weißgewaschener Villen an der chicen Amalfi-Küste einfangen, ihre Reinheit in eine olfaktorische Botschaft transformieren und sie mit der Spritzigkeit reifer Zitrusfrüchte aufleben lassen. Was ihm auch gelungen ist - die Citrusnoten in der Kopfnote sind deutlich wahrnehmbar, nicht stechend aber eben sehr vitalisierend. Was für mich den besonderen Reiz dieses kostbaren Duftes ausmacht, sind Herz- und Basisnote aus Thymian, Minze und Wildblumen. Eine eher ungewöhnliche Kombination, die aber so herrlich mit den einzelnen Akkorden harmoniert, dass es eine Wohltat für die Sinne ist. Mandarino Di Amalfi ist ein Sauberduft, aber keiner dieser Weichspüler-Sorte. Er riecht nach erfüllten Träumen, Freiheit, unendlich viel Wind in den Segeln und purer Lebenslust. Zitrusdüfte haben oft etwas von einfachen Colognes, dieser hier ist viel komplexer und auch die Sillage kann mit der eines schwereren Parfums durchaus mithalten. Wer auf der Suche nach dem ultimativen italienschen Lebensgefühl ist und dringend eine Brise La Dolce Vita zum Aufsprühen braucht - hier wird man fündig!


18.07.2015 20:35 Uhr
15 Auszeichnungen
Obwohl ich in olfaktorischer Hinsicht eigentlich ein Nischenliebhaber bin, kann mich in manchen Fällen doch auch zum Glück noch ein besser bekannter Duft aus den Latschen hauen. Zuletzt so geschehen bei Chloés Neulancierung Love Story. Ich liebe den Klassiker des Hauses und kenne nur wenige Damen, die nicht auf das pudrige Wässerchen stehen. Als ich die wunderschöne Werbung mit einer herrlich authentischen Clémence Poesy zum ersten Mal sah, wusste ich: das wird eine Lovestory. Wie sie so leicht und französisch an der Seine flaniert, mit diesem romantischen Flakon in der Hand, hach..! Florale Essenzen aus Orangenblüten und Neroli gepaart mit sanftem Zedernholz, das klingt im ersten Augenblick nicht gerade wie die bahnbrechendste Komposition. Und ich schätze, das will Love Story auch gar nicht sein. Es ist ein unheimlich klarer Duft, sanft und mädchenhaft, sehr rein und edel. Trete ich in den letzten Tagen aus der Dusche, schießt mir sofort durch den Kopf: heute werde ich Love Story tragen! Das Parfum ist so herrlich unkompliziert und frisch, genau das richtige Maß an Duft, das man tagsüber gerne tragen möchte und auch abends beim Tanzen noch aufregend findet. Ich würde wirklich allzu gerne wissen, woher meine Liaison mit diesem Flakon rührt, ob es wohl die schöne Clémence war? Oder das fast kitschige Setting des perfekten Werbespots? Ich weiß es nicht, aber eines ist klar: bei meinem nächsten Date will ich genau so duften! Nach zarten, frisch aufgeblühten Blumen, die sich subtil ins Näschen setzen und dort die ganze Zeit über ein wohliges Lächeln hervorrufen. Ein Parfum, wie gemacht zum Verlieben und vielleicht der Anfang einer ganz großen Love Story?


18.07.2015 19:31 Uhr
10 Auszeichnungen
„Solaris wurde von der Mitternachtssonne inspiriert, die während des Sommers im Norden niemals untergeht. Frisch, warm und mit sphärischer Rundheit im Übergang der Noten ist dieser Duft magisch wie die niemals endenden Sonnenuntergänge." Aus Liebe zum Duft hat die wohl schönsten Worte für dieses eigenartige, aber herrliche Parfum gefunden. In der Kopfnote bestechen spritzige Akkorde aus Petitgrain, Pink Grapefruit, Zitrone, Mandarine, Schwarzer Johannisbeere und Pfeffer, die einen unglaublich vitalen Auftakt vollbringen. Ich fühle mich belebt, optimistisch und will mich eigentlich nur noch ins Auto setzen und in Richtung Norden fahren, um dort eines dieser wunderbaren Sonnenspiele zu bestaunen. Die Herznote kommt ein wenig sanfter, beinahe balsamartig daher. Pfirsich, Ingwer und Galbanum strahlen einen wohligen Sanftmut aus, der mich träumen lässt und meine Gedanken innerlich beruhigt. Die Basisnote ist kontrastreich und holzig, Patchouli, Ambra, Tonkabohne und Benzoeharz lassen den Duft ausklingen und machen ihn fast herb, aber auf eine sehr angenehme Art und Weise. Was ich jedoch am meisten an Solaris schätze, ist die Kopfnote. Diese fröhliche Stimmung, die mich voller Tatendrang aufspringen lässt und tatsächlich nach Urlaub riecht - das ist das, was wahre Parfumkunst für mich ausmacht. Erinnerungen in komplexen Kreationen einfangen zu können, die beim Träger immer und immer wieder eine emotionale Bilderflut auslösen. Solaris ist für mich die Inkarnation des schwedischen Middsommars, genauso stelle ich mir die skandinavische Leichtigkeit um die Sonnenwende herum vor. Und eines habe ich mir geschworen: bei meinem nächsten Schweden-Besuch, wird dieser Duft mein Begleiter sein. Dann verbinde ich noch viel mehr mit diesem wunderbaren Label und fühle mich wie eine der nordischen Schönheiten! Ich werde in meinem weißen, knielangen Leinenkleid mit einem üppigen Blumenkranz auf dem Kopf umher tanzen und literweise Lingon-Saft mit Kanelbullar verdrücken, bevor ich mich spät nachts in mein weiches Moosbett in einer der unzähligen märchenhaften Schärengärten bette. Genauso riecht Solaris. Nach skandinavischer Lebenskunst voller Unbeschwertheit mit einer Prise Kindheit. Frisch und wohlig, wie die Wolldecke, die uns nach einem ausgiebigen See-Schwimmchen bei Regen einhüllt und so vertraut riecht. Der Duft besteht nicht aus Essenzen, die sich künstlich auf den Träger legen. Es sind Moleküle, die die individuellen Erinnerungen auslösen und das Empfinden auf das Positivste beeinflussen.


18.07.2015 19:30 Uhr
4 Auszeichnungen
Wenn Ben Gorham, seinerseits Gründer des skandinavischen Nischenlabels Byredo, zur Premiere einer Neulancierung bittet, stehen Duftliebhaber weltweit gerne in erster Reihe parat. Sein neuester Streich hört auf den verheißungsvollen Namen Flowerhead und soll eine Hommage an die bunten und pompösen Hochzeiten Indiens sein. Ein prunkvolles Blumenbouquet, dass uns dank zahlreicher Nuancen die lebendigsten Bilder ins Gedächtnis ruft:

Traditionell werden indische Paare bei der ehelichen Zeremonie vom Bruder des Bräutigams mit Unmengen von Blüten überschüttet. Dieses Ritual soll sinnbildlich einen spirituellen Schutz über die Liebenden legen. Die Jaimala-Blumenketten übergeben sich Mann und Frau als Zeichen und Anerkennung des gegenseitigen Respekts. Diese Inszenierungen grenzen beinahe an ein Theaterstück und strahlen so viel Lebensfreude aus, dass das schwedische Superhirn Mister Gorham, völlig inspiriert von dieser Leitidee, kurzum einen Duft kreierte. Was klingt wie eine Odyssee geradewegs durchs Paradies, ist mal wieder ein Geniestreich aller erster Güte. Die Kopfnote aus Preiselbeere, Angelika und Zitrone verleiht dem Parfum seinen unaufdringlichen, beinahe flüchtigen Charakter, der durch die pochende Herznote in seiner Intensität jedoch wieder bestärkt wird. Hier harmonieren Rose, Jasmin und Tuberose perfekt miteinander und machen Flowerhead zu einem Statement, ja fast zu einer Ankündigung. Weiche Basisnoten wie Ambra und Wildleder hinterlassen eine holzige, subtil wahrnehmbare Wärme, die den Träger noch Stunden nach dem Auflegen zumindest in olfaktorischer Hinsicht in ein farbenfrohes Blumenfeld verwandelt. Für mich ist Flowerhead ein absoluter Frühlingsduft und erinnert mich wahnsinnig an das reich blühende Tulpenmeer in Amsterdam. Das Parfum wirkt niemals aufdringlich, obgleich es absolut existent ist. Am liebsten trage ich es im Haar, was seiner dezenten Anmut grandios gerecht wird. Möglicherweise die große Schwester des Klassikers La Tulipe, für Fans definitiv einen Gang zur nächsten Parfümerie wert!


18.07.2015 19:28 Uhr
14 Auszeichnungen
Beginnt man, sich mit der Welt der Düfte und all ihren Schätzen ein wenig intensiver zu beschäftigen, so kommt man an einem Exemplar wohl kaum vorbei: Tom Fords Black Orchid. Es ist ein Klassiker, den man nicht unbedingt mögen, aber erlebt haben muss. Ein bisschen so wie Goethes Faust oder Shakespears Macbeth.
Ein Duft, der zur olfaktorischen Allgemeinbildung gehört und der die Geister scheidet. Doch dass diese Kreation im Gedächtnis bleibt, das können wohl auch die ärgsten Kritiker nicht leugnen.

Schon der schwarze Flakon ist ein Statement, veredelt mit einer goldenen Plakette driften die Erwartungen ins Unermessliche. Obwohl ich mich schon länger mit der Materie auseinandersetze, roch ich bewusst erst letzten Monat bei KaDeWe an Black Orchid, als ich schnurstracks an den besagten Counter lief.
Natürlich spielte mein Kopf auch hier zuvor mehrere Runden fantasiereiches Kopfkino mit mir und ich malte mir eine schwere Komposition aus, die mich beim ersten Schnuppern schon aus den Latschen hauen würde. Irgendwas wie Patchouli, Ylang Ylang, Weihrauch oder Vanille musste sich in diesem edel anmutenden Fläschen doch verbergen, etwas, das einem die Luft zum Atmen nimmt und definitiv zu viel des Guten ist. Heute frage ich mich, wie ich eigentlich zu diesem Vorurteil kam. Ist es tatsächlich das schwarze Glas, das königlich und ein wenig angsteinflößend zugleich wirkt? Oder sind es die 50/50 Meinungen in den virtuellen Weiten, die einfach keine eindeutige Rezension zulassen wollen? Im Endeffekt glaube ich, dass es mit dem Namen zu haben muss. Black Orchid, das klingt nicht plump, aber irgendwie endgültig, Interpretationsraum scheint hier unerwünscht. Wahrscheinlich ist es eine psychologische Strategie, denn was mir in diesem Augenblick in die Nase stieg, war alles andere als erwartet. Als Verfechter von eher frischen und leichten Düften (vorzugsweise mit grünem Tee oder Minze versetzt), war Black Orchid sicher kein Griff zum Gewohnten. Auf Beschreibungen à la holzig-orientalisch springe ich höchstens nach mehrmaligen Freudengesängen von Kennern an, weil mir diese Parfums nicht selten Kopfschmerzen bescheren. Die Komposition aus schwarzer Johannisbeere, Trüffel, Ylang Ylang (da lag ich immerhin ein kleines bisschen richtig), Bergamotte, Nelke, Pfeffer und schwarzer Orchidee ist gewagt, keine leichte Kost und ganz sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber es muss wohl auch ein Hauch Magie mitschwingen, denn dieser Duft ist so anders und entwickelt sich immer weiter. Er kommt animalisch raus und bei mir persönlich nach ein paar Stunden etwas zitrisch, die Kreation erinnert mich an wirklich gar nichts, was ich jemals zuvor gerochen habe und eröffnete mir völlig neue Sphären. Das mag sich übertrieben anhören, aber genau das ist es, was Black Orchid für mich ausmacht. Es ist diese hypnotische Übertreibung, derer ich mich kaum entziehen kann und die mich gänzlich in ihren Bann zieht, ich fühle mich ein bisschen wie im Delirium, wie benommen. Beim ersten Aufsprühen empfinde ich den Duft als gar nicht sonderlich stark, es ist die Zeit, die ihn so wunderbar macht. Mit jeder weiteren Tragestunde wird er wärmer, holziger und fast einvernehmend. Alltagsdüfte riechen anders, man muss definitiv in einer ganz besonderen seelischen und körperlichen Verfassung sein, um ihn mit Würde zu tragen. Doch jedes Mal, wenn ich ihn mir voller Stolz und Selbstbewusstsein aufsprühte, erntete ich haufenweise Komplimente. Und das Besondere daran: niemand kam auf die Idee, dass es ein Parfum war, nachdem der Raum plötzlich roch. Es ist ein Nebel der besonderen Art, niemals erdrückend, aber so vielschichtig, dass es mich manchmal umhaut. Es ist ein Duft zum Nachdenken, man entdeckt immer wieder neue Seiten an ihm und ich würde fast behaupten, dass man in olfaktorischer Sicht an ihm wächst. Die Kleider riechen noch Tage nach Black Orchid und hinterlassen eine Spur von Zauber, die es heute wohl nur noch in Flakons gibt. Wer sich und seine Umwelt auf eine ganz besondere Art und Weise (heraus)fordern will, der sollte sich diesen Klassiker nicht entgehen lassen! Ein Liebhaberstück, das Aufmerksamkeit und ein wenig Intelligenz zum Verstehen verlangt. Ein Duft, über den geredet wird. Wie eine rabenschwarze Nacht, die dich in ihrer Stille gefangen hält und dir trotzdem ein unheimliches Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Like a trip.


18.07.2015 19:26 Uhr
19 Auszeichnungen
In Ambre Gris von Balmain war ich schon lange heimlich verliebt, aber - Schande über mich - nur der Ästhetik wegen. Der puristische Flakon in rauchigem Grau mit einer goldenen Discokugel zum Verschluss und dem stilvollen Retroetikett aus Papier, ja diese Kombi hatte sich in mein Herz gebohrt. Als ich mich letzten April durch die erlesenen Duftregale Berlins schnupperte, fiel mir das Fläschen in die Hände. Ich wusste nicht, was mich erwartete, bekannt war mir nur, dass die geheimnisvolle Zutat Ambra eine wachsartige Substanz aus dem Bauch der Pottwale ist. Doch seien wir ehrlich, deliziöse Illusionen weckt dieses Wissen nicht gerade im imaginären Gedankenparadies der Damen, oder?
Ambre Gris ist kein Wässerchen zum bloßen Aufsprühen, es ist viel mehr eine Erfahrung, wie der Soundtrack einer bestimmten Lebensphase, doch beginnen wir von vorne.

In nicht wenigen Reviews wird der Duft als orientalisch-schwer betitelt, ich würde ihn einfach nur dunkel nennen. Aber nicht auf diese Art, wie es Oudkreationen oder Weihrauchmixturen sind. Ambre Gris verhält sich beispielsweise gänzlich anders als Tom Fords Black Orchid, der Königin unter den schweren Parfums. Balmains Werk bleibt subtil im Hintergrund, während es durchgängig die Hauptrolle spielt. In der Kopfnote versprühen rosa Beeren und Zimt eine wohlige Wärme, ein florales Bouquet sorgt für eine Prise Weiblichkeit. Die Herznote ist hier die am komplexesten gestaltete aller Noten. Eine Mischung aus Immortellen, Honig, Kaffee, Tabak und Tuberose führen zu Irrungen und Wirrungen, nach etwa ein bis zwei Stunden überfordert mich der Duft an manchen Tagen dank seiner facettenreichen Struktur, befinde ich mich jedoch in der richtigen Tagesform, kann ich kaum genug davon kriegen und entdecke stetig neue Nuancen. Die Basisnote klingt holzig und derb aus, Myrrhe, weißer Moschus und geräuchertes Gujakaholz bilden einen Abschluss, den ich als unisex deklarieren würde. Ambre Gris ist kein Frauenparfum, es ist eine Attitude. Perfekt für die allblackeverything-Anhängerin, die es mysteriös und still mag und trotzdem gerne im Mittelpunkt steht. Für mich persönlich ist es kein Alltagsduft, ich trage ihn nur zum Ausgehen. Und dann am allerliebsten zu deepen Beats von Porcelain Raft, Tropic of Cancer oder Isolée.
Eine Stimmung wie in Trance, olfaktorischer Techno, der die Sinne dressiert. Eine Flucht aus der omnipräsenten Hektik. Anspruchsvoll, aber dezent. Eine Kreation, die unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt.


18.07.2015 19:24 Uhr
9 Auszeichnungen
Es gibt sie, die paar Düfte unter tausend anderen, die so voller Emotionen stecken. Dass Bois Satin der Japanerin Keiko Mecheri ein solches Exemplar ist, wusste ich bereits vor unserm ersten Aufeinandertreffen, denn das folgende Zitat hatte sich völlig in meinen Kopf eingebrannt: "Bois Satin ist kein Duft, es ist viel mehr eine Attitude. Genau so muss eine Frau in intimen Momenten riechen." Diese Momente erlebt wohl jeder von uns ganz individuell und ich finde es nach wie vor ein wenig schwierig, diese Erlebnisse in einem Parfum zu pauschalisieren. Da stellen sich mir automatisch Fragen wie: wie riechen intime Momente? Was ist überhaupt intim? Und will man währenddessen wirklich spezifisch nach etwas duften? Aber weil ich für mich schon vor geraumer Zeit beschlossen habe, niemals voreingenommen oder gar negativ einem neuen Duft gegenüberzutreten, gab ich dieser Kreation in einem stillen Augenblick die Chance, seine Extravaganz, ja seine Attitüde, unter Beweis zu stellen. Die Worte hallten noch subtil in meinen Ohren, die Augen waren längst geschlossen. Denn Düfte erlebt man, sie sind nicht immer greifbar oder für jeden verständlich, doch beinahe immer wahrnehmbar. Wichtig ist nur, dass man bereit ist, sich darauf einzulassen. Egal wie die finale Kritik nun ausfallen mag. Der Spritzer auf meinem linken Handgelenk ist schön und gut aber irgendwie so obligatorisch und das war der falsche Ansatzpunkt bei diesem Kunstwerk. Also öffnete ich mein Haar und lies den sanften Sprühnebel sachte Platz nehmen. Hinterm Ohr oder im Nacken wäre sicher auch eine willkommene Alternative gewesen, doch fürs Erste schien mir dieser Ort recht standesgemäß.

In virtuellen Duftreviews ist die Rede von einem unwiderstehlich femininen und samtigem Parfum, das die edle Aura der Vanille als seinen Fokus auserkoren hat. Vanille und ich, das geht selten gut. Oft drohen mir Kopfschmerzen ob der Süße der beliebten Essenz, ich ertrage sie (leider) nur in ihrer hochwertigsten Ausführung. Und bis heute staune ich darüber, dass ich keine klassische Vanille herausriechen kann. Es ist ein warmer Schleier, dabei niemals pudrig, der sich wie eine Lieblings-Cashmeredecke um mich hüllt. Dieser Nebel ist keinesfalls erdrückend, ich fühle mich eher geborgen und ein wenig oh là là. Diesen Effekt habe ich in der Kopfnote Safran und Mandarine zu verdanken, die die Schwere der Vanille bremsen. Die Herznote aus Rose, Wildleder und Jasmin kommt bei mir nur schwach zur Geltung, ledigilich die Ledernuancen sind gut wahrnehmbar und das ist bekanntlich sowieso voll mein Ding. In der Basisnote bleiben Patchouli und Ambra, die ich bis zur nächsten Dusche deutlich wahrnehme. Doch eigentlich, und das ist wirklich erstaunlich, ist und bleibt Bois Satin ein Rätsel für mich. Manches redet man sich ein und ich weiß nicht, ob obiges Zitat bloß zu tief in meinem Kopf festsitzt, aber die Japanerin lässt mich durch ihre einzigartige Komposition wirklich anders fühlen. Diese dekadente Transparenz, die niemals in einer Affektiertheit endet, ist sowas von angenehm, dass es mir fast paradox erscheint. Bois Satin ist ein orientalischer Duft, eher schwer und solche Wässerchen rauben mir nicht selten die Luft zum Atmen. Vielleicht ist es die japanische Geradlinigkeit, die diese opulente Mischung so wundervoll macht, vielleicht sind es aber auch Fantasien, die der schwarze Flakon in mir auslöst und nach denen ich mich sehne. Es ist kein Duft, den ich jeden Tag tragen möchte. Aber es ist ein Duft, nach dem ich in intimen Momenten riechen will.


18.07.2015 19:21 Uhr
10 Auszeichnungen
Un Jardin après la Mousson ist keiner dieser typischen Sommerdüfte à la Kokosnusswasser und aquatischen Salzwasserfloskeln, aber trotzdem hitzig und niemals unterkühlt. Ein Tag am Meer und fröhliche Spaziergänge über bunt blühende Blumenfelder erscheinen mir auf meiner imaginären Assoziationsreise definitiv nicht. Jean-Claude Ellena himself beschreibt den Duft als "ein ausgeglichener, heiterer Ausdruck der nach dem Monsunregen neu erwachenden Natur". Dazu inspiriert hat ihn seine Indienreise, die sich auch in der Zutatenliste wiederspiegelt. Ingwer, Kardamom, Pfeffer, Koriander und Vetiver machen aus dem auf den ersten Blick recht unscheinbar wirkenden Duft ein absolutes Fest der Gerüche! Am stärksten nehme ich den Vetiver und Kardamom wahr, zwei Komponenten, die sich in sehr vielen meiner Lieblingsdüfte finden und oftmals ein Garant für einen neuen Favoriten sind. Der Clou: in Un Jardin après la Mousson befindet sich echtes indisches Wasser, das aus dem Monsunregen gefiltert wird! Einige Beautys schwören auf die Aufbewahrung im Kühlschrank, das soll den erfrischenden Effekt noch verstärken. Doch was ist das Parfum nun, wenn es weder an das klassische Meererlebnis, noch an Mandarineneis to go erinnert? Es ist eine Reise. Eine Reise ins Verborgene, in die Welt der uns Europäer teilweise unbekannten Düfte und eine würzige Auszeit der omnipräsenten Sonnencreme-Koketterie. Ich sehe mich selbst in einem kleinen indischen Dorf, fernab von Großstadtlärm und Hektik, auf einer reich bewachsenen Veranda sitzen. Es ist bereits spät abends, der laue Wind weht mir durchs Haar und dabei nehme ich immer wieder zarte Akzente des Parfums wahr, das so besonders und einfallsreich ist, das mir manchmal die Worte dafür fehlen. Die Pfeffernoten unterstreichen die scharfen Nuancen des Duftes perfekt, ein Eindruck der bleibt. Für mich wird der Sommer 2015 im indischen Dschungel stattfinden, ganz ohne Kokos, Pampelmuse und Aquapower! Ein Meisterwerk, Herr Ellena und schon jetzt ein Dauerbrenner auf meiner Kommode.


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