KovexKovex’ Parfumkommentare

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Kovex vor 126 Tagen 51
10
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Die Seele berührend
Chypre-Düfte und ich, das war schon immer ein schwieriges Thema. Erst als ich mich näher mit dem Thema befasste und mir bewusst wurde, was einen Chypre ausmacht, wurde mir klar, dass bereits in meiner Kindheit die Samen für eine unbewusste Antipathie gesät wurden. Selbstverständlich wusste ich als Kind damals nicht, dass es die Chypre-Düfte waren, die ich an meiner Mutter nicht leiden mochte.

Der Geruch von Holz war mir sowieso schon immer lieber als der Duft von Blüten. Chypre verbinde ich auch heute noch oftmals mit kühl-blumig, abweisend, unnahbar, streng, distanziert, und so weiter. Die Liste der negativ besetzten Attribute wäre größer als die der Positiven. Es waren Düfte wie Chypre Palatin, Maai oder der wunderbare Cosmic von Solange Azagury-Partridge, die mir aufzeigten, dass andere Instrumente in der Lage sind, eine andere Musik zu spielen.

Schon zu Beginn zeigt Chyprette die typische Handschrift Annette Neuffers. Die von ihr so häufig verwendete Bitterorange ist zunächst die einzige Note die ich isoliert wahrnehmen kann. Wie meist bei ihren Düften ist die Textur so engmaschig verwoben, so fließend ineinander übergehend, dass einzelne Duftnoten kaum auszumachen sind. Ein Pinselstreich Orientalisches, das vielen ihrer Düfte gemein ist, verrät auch hier, wer am Werk war.

Sogleich zerfließt Chyprette in eine dunkelgrüne, ins Braune changierende wärmende Decke aus balsamisch-holzigen Noten, die das Chypre-Thema dennoch mit einer sanften Strenge kenntlich macht. Diesen Part schiebe ich gerne dem Eichenmoos in die Schuhe und meine auch den Tabak deutlich wahrzunehmen. Hier aber kein süßlicher Pfeifentabak, sondern die aromatisch-würzigen, ja fast sogar bitteren, fermentierten Tabakblätter wie sie für Zigarren verwendet werden. Zu meinem Entzücken sind die Vorgenannten alle in der Lage, einen möglicherweise entstehenden Eindruck von Blumigkeit oder gar Süße Einhalt zu gebieten.

Es ist ein warm-weicher, balsamisch-würziger Strom Melancholie der in Chyprette schwingt. Wie das zärtliche Streichen der Rosshaare eines Cello-Bogens über die Saite, verharrt man in stiller Nachdenklichkeit ob der anrührenden Tonart Moll, die Chyprette anschlägt.

Dieser Duft löst bei mir eine Welle der Behaglichkeit aus, die unendlich weit von dem entfernt ist, was ich oben über meine Assoziationen zu Chypres schrieb. Chyprette ist nicht abweisend oder distanziert, ganz im Gegenteil. Als ich den Duft das erste mal roch, konnte ich gar nicht glauben, wie tief ein Parfüm die Seele berühren kann. Fast hätte ich vor Schönheit geweint.

Bedenken hinsichtlich des Preises wurden charmant aber bestimmt bei Seite gewischt. Mit einem geheimnisvollen Mona-Lisa-Lächeln zog Chyprette an all meinen Lieblingen vorüber, wissend um ihre inneren Qualitäten aber auf plakativen Ausdruck nicht angewiesen. Eigentlich müsste ich all meine 10er Bewertungen nach unten korrigieren, aber lassen wir das und einigen uns auf „Primus inter pares“ – der Erste unter den Gleichen. Ein Ausnahmeduft.
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Kovex vor 147 Tagen 26
9
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
10
Flakon

Am Ende wird alles gut
Die ursprüngliche Version von Bat aus dem Jahr 2015 war seinerzeit mein erster Duft den ich von Zoologist testete. Der Eindruck, den er hinterließ war ein bleibender. Ich war fasziniert von der perfekt getroffenen thematischen Umsetzung der fliegenden Höhlenbewohner in einem Duft. Gleichwohl ein erster Tragetest von meiner Frau mit der Frage quittiert wurde, welcher Gruft ich denn entstiegen sei. Und ich muss eingestehen: so genial ich ihn fand, so schwierig tragbar fand ich ihn auch.

Nun haben ja schon einige Düfte von Zoologist eine Überarbeitung erfahren, wie z.B. Beaver oder auch Panda. Und natürlich sind die Befürchtungen der Fans immer groß, dass eben jenes Besondere das einen Duft ausmacht, mit seiner Reformulierung verloren geht.

Während der überaus sympathische Markeninhaber Victor Wong sich das Feedback seiner Kundschaft zu Herzen nahm und Beaver wie auch Panda zugunsten der Gefälligkeit und Tragbarkeit überarbeitete, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass auch ein Idealist wie er am Ende des Tages Geld verdienen muss, um seine Geschäfte am Laufen zu halten. Bat hatte eine große Fangemeinde und es gab keinen Anlass den Duft zu verändern.

Bei der Überarbeitung von Bat waren die Gründe jedoch anders gelagert. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, liegen die Rechte an den Düften bei den jeweiligen Parfümeuren, die ihre Kreationen in zeitlich begrenzter Lizenzierung durch die Marke Zoologist vertreiben. Als es um die Lizenzverlängerung bei Bat 2015 ging, wollte die verantwortliche Parfümeurin Dr. Ellen Covey jedoch deutlich höhere Gebühren für die Verlängerung der Lizenz von Bat erzielen. Victor Wong lehnte dies ab, da eine für ihn angemessene Preisgestaltung nicht mehr möglich schien. Er suchte also nach anderen Möglichkeiten, den erfolgreichen Bat weiterhin vertreiben zu können.

Mit Prin Lomros hat Victor Wong einen aus meiner Sicht genialen Parfümeur gewonnen, der innovative Wege geht, kreativ und mutig zugleich ist.

Bat 2020 startet mit einer kräftigen und fülligen fruchtigen Note. Das zarte unsüße Grün der Feige harmoniert auf fantastische Weise mit dem süß-sauren Aroma der Guave und der exotischen Fruchtigkeit der Passionsfrucht, wobei ich mir nicht anmaße diese Noten blind hätte erkennen zu können.

Begleitet wird diese durchaus gefällige Fruchtigkeit durch wohlriechend aromatisch-erdige Noten. Hier finden sich durchaus Parallelen zur alten Version, nur dass das Ganze hier wesentlich geschmeidiger, harmonischer und gefälliger wirkt. Während Bat
2015 noch konsequent das Thema umzusetzen versuchte, setzt die neue Version auf mehr Tragbarkeit. Ist das nun schlimm oder verwerflich? Keineswegs, denn ich kann mich für die neue Komposition gleichermaßen begeistern.

Die anfängliche Fruchtigkeit bleibt zwar in Ansätzen erhalten, hinzu gesellen sich im weiteren Verlauf aber sehr natürlich wirkende mineralische Noten. Man hat das Gefühl den gesamten Mikrokosmos einer Handvoll aromatisierter, leicht süßlicher Erde zu schnuppern. Für einen naturverbundenen Menschen wie mich eine Offenbarung.

Eine gewisse Animalik ist vielen Düften von Zoologist gemein. Teilweise auf die Spitze des Erträglichen getrieben, sorgt sie bei Bat für das gewisse Etwas, das dem Duft zusätzliche Spannung verleiht. Alle Noten sind aber so feinsinnig verwoben, dass sich kein urinös-schmuddeliges Bild einstellen mag.

Auch ich war skeptisch, ob ein würdiger Nachfolger die alte Version ersetzen kann und wurde eines Besseren belehrt. Und Prin Lomros? Den werde ich im Auge behalten, dankbar dafür, dass Victor Wong ihn ins Boot geholt hat und es nicht bei diesem einen Projekt geblieben ist. Bat hat es direkt auf meine Wunschliste geschafft.

Und für alle die der 2015er Version von Bat trotzdem hinter her trauern, gibt es zum Schluss noch die gute Nachricht: es gibt ihn noch.
Ich hatte zwar noch keine Gelegenheit ihn zu testen, aber die Marke Olympic Orchids Artisan Perfumes hat den Duft unter dem Namen Night Flyer neu aufgelegt. Verantwortliche Parfümeurin – wie sollte es anders sein: Dr. Ellen Covey.









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Kovex vor 7 Monaten 24
7.5
Duft
7
Haltbarkeit
7
Sillage
4
Flakon

Aromatherapie
Florascent ist ein deutsches Unternehmen mit Sitz in Karlsruhe. Neben der Parfümerie bieten sie auch einige Produkte im Bereich der Aromatherapie an. Therapiesprays mit Namen wie „Headache Master“ oder „Never Sleepless“ lassen mich erst mal schmunzeln aber wer sich mal mit der Wirkungsweise von bestimmten Gerüchen auf unsere Seele beschäftigt hat, wird vielleicht auch den ebenfalls angebotenen Chakrendüften etwas abgewinnen können.

Der erste Duft von Florascent, den ich getestet habe war Nuoro. Schaue ich mir meine Notizen von damals an, ist da von Sauna-Aufguss die Rede. Angenehm zu riechen aber als Duft? Natürlich dauerte es nicht lange bis ich auf Quarzazate stieß und sowohl die Duftnoten wie auch die wenigen Statements zu dem Duft ließen mich aufhorchen: Weihrauch (ich liebe das Zeug), Nadelholz, Harze und das Ganze in einem grünen Gewand. Das kann nur gut sein.

Ich bin ja eigentlich kein Blindkäufer, aber das Risiko bei einem 30ml-Flakon erschien mir überschaubar. Wobei die Bezeichnung Flakon sehr schmeichlerisch ist. Sprechen wir lieber von einem Glasbehältnis mit Zerstäuber. Wer eine ansprechende Haptik sucht, ist hier falsch.

Quarzazate startet scharf und grün. Mir kommt sofort Kampfer in den Sinn, begleitet von einem frischen, harzigen und ätherischen Nadelholz. Die Kombination aus Minze, die vermutlich meine Kampfer Assoziation verursacht hat und dem Piment, welches für eine ordentlich pfeffrige Schärfe sorgt, lässt tatsächlich Gedanken an eine Aromatherapie aufkommen. Die Nase ist jedenfalls erst mal frei.

Weihrauch ist hier weder rauchig, noch kommen Gedanken an Gebetsstätten auf. Vielmehr tut er hier in gewohnter Weise seinen Dienst, indem das Ganze auf eine aufgelockerte und luftige Ebene gehoben wird, ein wenig Transparenz in den Duft bringt.

Ouarzazate ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Süden Marokkos. Florascent bewirbt den Duft mit einem Spaziergang in der kühlen Medina (nordafrikanische Begriff für die Altstadt) von Ouarzazate. Sogleich erscheinen Bilder von Städten aus Lehmbauten mit Fenstern in Schießschartengröße, malerisch gelegen inmitten des Hohen Atlas- und Antiatlas-Gebirges. Vereinzelt ein paar Palmen. Die letzten grünen Oasen, bevor die Sahara alles im Sand verschlingt.

Das blöde ist nur, Quarzazate ist für mein Empfinden überhaupt kein orientalischer Duft und Assoziationen an die lebhaften Märkte Marokkos mit all ihren ungewohnten Dufteindrücken mögen so gar nicht aufkommen. Es bleibt in erster Linie (blass-)grün, harzig-nadelholzig. Die Minze sorgt erstaunlich lange für einen frischen Einschlag der den Duft für nahezu jede Jahreszeit tragbar macht.

Ich mag den Duft, wenngleich sich nach mehrmaligen Tragen Ernüchterung breit macht. Die Aromatherapie- und Sauna-Gedanken sind auch bei diesem Duft nicht von der Hand zu weisen. Das macht ihn im Alltag vielleicht etwas sperrig.

Denn eines ist Quarzazate ganz gewiss: markant und einprägsam. Somit könnte er bei häufigem und regelmäßigem Gebrauch unfreiwillig zu einem Signaturduft werden. Vielleicht nicht für Dich, definitiv aber für Dein Umfeld.
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Kovex vor 11 Monaten 23
8.5
Duft
7
Haltbarkeit
6
Sillage

Oranzo, der Kühle
Sylvaine Delacourte war über 15 Jahre als VIP-Kundenberaterin bei Guerlain tätig und konnte insbesondere beim Kreieren von kundenspezifischen persönlichen Parfüms reichlich Erfahrung sammeln, die sie fortan lieber in eigene Kollektionen einbringen wollte. Sie machte sich hierbei ihre Begabung zu nutze, auch durch die Auswahl der Rohstoffe, bestimmte Merkmale einzelner Duftnoten heraus zu arbeiten, eine andere Facette hervorzuheben oder gar den ganzen Charakter eines Geruchs zu verändern.

Nachdem sie sich bereits den Duftnoten Moschus und Vanille mit jeweils 5 Düften gewidmet hatte, ist nun die Orange Blossom Collection erschienen bei der sich alles um die Orangenblüte dreht. Ich muss gestehen, dass mir das Vermarktungskonzept gleich mehrere Düfte mit sich überschneidenden Duftnoten herauszubringen ein augenzwinkerndes Lächeln ins Gesicht treibt. Anfangs dachte ich, dass Sylvaine sich aus den 200 Versuchen ein Parfüm zu entwickeln (so viele Versuche benötigt sie laut eigener Aussage), letztlich nicht entscheiden konnte, welches das beste ist. Also gleich die 5 besten genommen und alle gemeinsam herausgebracht. Soll doch der Kunde entscheiden. Aber ich denke, das würde ihrem Anspruch nicht gerecht werden.

Da ihre Probensets im Vergleich zu vielen anderen Marken sehr günstig sind, macht man sicher nichts verkehrt, sich ihrer Herangehensweise zu nähern und die feinen Unterschiede nach-zu-riechen.

Aus der Orange Blossom Collection hat mir Oranzo am besten gefallen, Möglicherweise liegt es daran, dass sich die Orangenblüte hier von ihrer unsüßen und unblumigen Seite zeigt und für mich außerdem der maskulinste Duft aus der Reihe ist. Wobei ich mir durchaus bewusst bin, dass auch viele Damen Gefallen an diesem Duft finden könnten.

Oranzo beginnt frisch-würzig, die zitrischen Noten - allen voran Bitterorange - spielen sich nicht allzu sehr in den Vordergrund und werden schon bald von leichtem Jasmin und hauchzarter Orangenblüte begleitet. Jeglicher Süße beraubt, vermag auch die Orangenblüte keine fruchtigen oder weicheren Akzente zu setzen. Vielmehr übernehmen holzige und grüne Noten, die sicherlich auf das Mastix zurück zu führen sind. Das Mastixharz aus den Stämmen der wilden Pistazie gewonnen, verströmt einen fast schon ätherisch-grünes, leicht bitteres Aroma das mich an frisch geschälte Baumstämme erinnert. Zugleich erzeugt es ein erfrischendes und belebendes Gefühl, das Oranzo direkt auf die Merkliste für Sommerdüfte katapultiert.

Im weiteren Verlauf gesellt sich „Sauber“-Moschus hinzu, begleitet von einer trockenen Pudrigkeit, aber auch diese will von Süße nichts wissen und belässt Oranzo in seiner – ja, man könnte es ihm vorwerfen – gradlinigen , wandlungsunwilligen leicht bitter-grünen Holzigkeit. Aber es gibt ja Leute die so was mögen. Ich zum Beispiel.

Oranzo ist aus der Reihe sicher nicht das Aushängeschild für das Thema Orangenblüte, denn tatsächlich ist sie hier im Vergleich zu den anderen 4 Düften für mich am wenigsten wahrzunehmen. Dennoch ist Oranzo ein unkomplizierter, erfrischender Sauberduft, der aber keineswegs weichgespült ist.

Das Konzept mit der thematischen Auseinandersetzung einzelner Duftstoffe gefällt mir mittlerweile richtig gut. Die anderen 4 aus der Reihe riechen nämlich gänzlich anders. Und so begibt man sich auf die Spurensuche nach der Orangenblüte und entdeckt dabei, dass da noch viel mehr dahinter ist.
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Kovex vor 12 Monaten 31
10
Duft
9
Haltbarkeit
7
Sillage
7
Flakon

Des Meisters Handschrift
Einige Parfümeure und auch Dufthäuser haben eine wiedererkennbare Handschrift, die oftmals an den gleichen Rezeptoren in unserem Gehirn andockt. Ich denke da nicht nur an die berühmte Guerlinade sondern viel mehr an Parfümeure wie z.B. Francesca Bianchi, Annette Neuffer, Elisavet Isabella Sacky, Kurkdjian um nur wenige zu nennen.

Vor ein paar Jahren noch habe ich den Namen der Künstler hinter den Düften zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Bis zwei Ereignisse fast zeitglich geschehen sind und ich merkte, dass ich nun ein neues Level erreicht hatte.

Es war einer der vielen belanglosen Düfte unter irgendeinem Markennamen, den ich schon wieder vergessen habe. Ich roch daran und wusste sofort, dass es eine Geza Schön Kreation ist. Und siehe da, ich hatte richtig getippt. Stolz, das erste Mal einen Parfümeur erkannt zu haben wurde mir bewusst, dass ich meinen Geruchssinn mittlerweile gut geschult hatte und nun imstande war, meine Herangehensweise an Düfte zu variieren.

Das zweite Ereignis war, dass ich feststellte, dass der Name Bertrand Duchaufour in meiner Sammlung am prominentesten vertreten war. Ohne gezielt nach seinen Düften zu suchen kamen in Lauf der Zeit Weitere von ihm hinzu, nur eines kannte ich noch nicht: seine Handschrift.

So war es auch bei The Tycoon. Noch nie von der Marke St Giles, geschweige dem Duft gehört, Teil eines Probenpäckchens, also wieder so ein zufälliger Glückstreffer, dem wir doch alle nachjagen, nicht wahr?

The Tycoon beginnt mit einer erfrischend alkoholischen hellgrünen Barbershop-Note, die aber schon zu Beginn eine elegante Lässigkeit ausstrahlt, die mehr an Lebenserfahrung, denn an jugendliche Rebellion denken lässt. Zitrusaromen die eher ihre sauren Noten Preis geben, als sommerlich-fruchtige Spritzigkeit vorzugeben, haben gegen das stärker werdende Galbanum kaum eine Chance. Seine hellgrünen, in Pastell gezeichneten Noten schälen sich hervor wie die frischen Triebe von Gräsern an den ersten Frühlingstagen.

Für mich ein Duft wie er nicht besser als in den März passen könnte. Der Monat der sich nicht entscheiden kann ob er noch dem Winter angehört oder doch lieber den Frühling einleitet. Wenn die Morgenluft kühl ist, die ersten Sonnenstrahlen noch gegen die Windböen ankämpfen, dann strotzt der Tycoon vor energiegeladener kühl-grüner Frische, die zum Glück jegliche eventuelle Blütensüße vermissen lässt.

Der Tycoon verbindet für mich zwei differenzierte Sinneseindrücke, die man von einem Menschen bzw. seines Dufteindrucks haben kann. Da ist zum einen diese herbe, ja fast schon trocken-spröde hellgrüne Frische, die wegen des Verzichts auf süße Anteile, eine gewisse Sachlichkeit und eine Distanziertheit vermittelt, die einem Tycoon gerecht werden sollte. Zum anderen wirkt der Duft aber so gradlinig sauber, gepflegt und reinlich, dass man sich automatisch in einem Gefühl von Vertrautheit der Seriosität des Trägers hingeben möchte. Zwei Eindrücke also, die auf den ersten Blick gar nicht zusammen gehören wollen, hier aber einen interessanten Spannungsbogen von Nähe und Distanz schaffen.

Der Tycoon ist ein sehr ausdauernder Duft, der einen langen Arbeitstag ohne Probleme überdauert, wobei eine Duftentwicklung hier kaum stattfindet. Von dezenter Präsenz verschafft er seinem Träger eine gleichbleibende Aura von solider Gediegenheit und unprätentiöser Stilsicherheit, die Lebenserfahrung gleichermaßen vermittelt wie eine gewisse Autorität.

Passend hierzu ist der Flakon von schlichter, gradliniger Eleganz und einer Akkuratesse die dem Inhalt gerecht wird.

Der für St Giles verantwortliche Kreativdirektor Michael Donovan hat für all seine 5 Werke Bertrand Duchaufour verpflichtet, was aber scheinbar nur als temporäres Projekt ausgelegt war, denn einige der Düfte, wie auch der Tycoon sind schon jetzt offiziell nicht mehr verfügbar. Mit etwas Glück wird man in ausgewählten britischen Parfümerien noch fündig.

Mittlerweile gelingt es mir schon bei einer Handvoll Parfümeure sie meist blind zu erkennen. Da ist zum einen der Stil, die verwendeten Rohstoffe, aber auch die persönliche Vorliebe des Kreativen zu erkennen.

Bertrand Duchaufour hat auch eine Handschrift, nur ist mir bis heute noch nicht klar welche das sein könnte. Zu verschieden und eigenständig sind viele seiner Kreationen. Eines ist all seinen Düften aber gemein: sie sprechen mich auf besondere Weise an, begeistern und faszinieren mich. Wahrscheinlich hat er einen supergeheimen Zusatzstoff – eine Art Pheromon für Duft-Junkies – den er seinen Werken hinzufügt. Irgendwas muss da drin sein. Ich weiß nur noch nicht was es ist.

Ich bedanke mich bei Ergoproxy für die Probe.
17 Antworten

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