KovexKovex’ Parfumkommentare

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29.10.2019 19:20 Uhr
21 Auszeichnungen
Sylvaine Delacourte war über 15 Jahre als VIP-Kundenberaterin bei Guerlain tätig und konnte insbesondere beim Kreieren von kundenspezifischen persönlichen Parfüms reichlich Erfahrung sammeln, die sie fortan lieber in eigene Kollektionen einbringen wollte. Sie machte sich hierbei ihre Begabung zu nutze, auch durch die Auswahl der Rohstoffe, bestimmte Merkmale einzelner Duftnoten heraus zu arbeiten, eine andere Facette hervorzuheben oder gar den ganzen Charakter eines Geruchs zu verändern.

Nachdem sie sich bereits den Duftnoten Moschus und Vanille mit jeweils 5 Düften gewidmet hatte, ist nun die Orange Blossom Collection erschienen bei der sich alles um die Orangenblüte dreht. Ich muss gestehen, dass mir das Vermarktungskonzept gleich mehrere Düfte mit sich überschneidenden Duftnoten herauszubringen ein augenzwinkerndes Lächeln ins Gesicht treibt. Anfangs dachte ich, dass Sylvaine sich aus den 200 Versuchen ein Parfüm zu entwickeln (so viele Versuche benötigt sie laut eigener Aussage), letztlich nicht entscheiden konnte, welches das beste ist. Also gleich die 5 besten genommen und alle gemeinsam herausgebracht. Soll doch der Kunde entscheiden. Aber ich denke, das würde ihrem Anspruch nicht gerecht werden.

Da ihre Probensets im Vergleich zu vielen anderen Marken sehr günstig sind, macht man sicher nichts verkehrt, sich ihrer Herangehensweise zu nähern und die feinen Unterschiede nach-zu-riechen.

Aus der Orange Blossom Collection hat mir Oranzo am besten gefallen, Möglicherweise liegt es daran, dass sich die Orangenblüte hier von ihrer unsüßen und unblumigen Seite zeigt und für mich außerdem der maskulinste Duft aus der Reihe ist. Wobei ich mir durchaus bewusst bin, dass auch viele Damen Gefallen an diesem Duft finden könnten.

Oranzo beginnt frisch-würzig, die zitrischen Noten - allen voran Bitterorange - spielen sich nicht allzu sehr in den Vordergrund und werden schon bald von leichtem Jasmin und hauchzarter Orangenblüte begleitet. Jeglicher Süße beraubt, vermag auch die Orangenblüte keine fruchtigen oder weicheren Akzente zu setzen. Vielmehr übernehmen holzige und grüne Noten, die sicherlich auf das Mastix zurück zu führen sind. Das Mastixharz aus den Stämmen der wilden Pistazie gewonnen, verströmt einen fast schon ätherisch-grünes, leicht bitteres Aroma das mich an frisch geschälte Baumstämme erinnert. Zugleich erzeugt es ein erfrischendes und belebendes Gefühl, das Oranzo direkt auf die Merkliste für Sommerdüfte katapultiert.

Im weiteren Verlauf gesellt sich „Sauber“-Moschus hinzu, begleitet von einer trockenen Pudrigkeit, aber auch diese will von Süße nichts wissen und belässt Oranzo in seiner – ja, man könnte es ihm vorwerfen – gradlinigen , wandlungsunwilligen leicht bitter-grünen Holzigkeit. Aber es gibt ja Leute die so was mögen. Ich zum Beispiel.

Oranzo ist aus der Reihe sicher nicht das Aushängeschild für das Thema Orangenblüte, denn tatsächlich ist sie hier im Vergleich zu den anderen 4 Düften für mich am wenigsten wahrzunehmen. Dennoch ist Oranzo ein unkomplizierter, erfrischender Sauberduft, der aber keineswegs weichgespült ist.

Das Konzept mit der thematischen Auseinandersetzung einzelner Duftstoffe gefällt mir mittlerweile richtig gut. Die anderen 4 aus der Reihe riechen nämlich gänzlich anders. Und so begibt man sich auf die Spurensuche nach der Orangenblüte und entdeckt dabei, dass da noch viel mehr dahinter ist.


13.10.2019 12:46 Uhr
23 Auszeichnungen
Einige Parfümeure und auch Dufthäuser haben eine wiedererkennbare Handschrift, die oftmals an den gleichen Rezeptoren in unserem Gehirn andockt. Ich denke da nicht nur an die berühmte Guerlinade sondern viel mehr an Parfümeure wie z.B. Francesca Bianchi, Annette Neuffer, Elisavet Isabella Sacky, Kurkdjian um nur wenige zu nennen.

Vor ein paar Jahren noch habe ich den Namen der Künstler hinter den Düften zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Bis zwei Ereignisse fast zeitglich geschehen sind und ich merkte, dass ich nun ein neues Level erreicht hatte.

Es war einer der vielen belanglosen Düfte unter irgendeinem Markennamen, den ich schon wieder vergessen habe. Ich roch daran und wusste sofort, dass es eine Geza Schön Kreation ist. Und siehe da, ich hatte richtig getippt. Stolz, das erste Mal einen Parfümeur erkannt zu haben wurde mir bewusst, dass ich meinen Geruchssinn mittlerweile gut geschult hatte und nun imstande war, meine Herangehensweise an Düfte zu variieren.

Das zweite Ereignis war, dass ich feststellte, dass der Name Bertrand Duchaufour in meiner Sammlung am prominentesten vertreten war. Ohne gezielt nach seinen Düften zu suchen kamen in Lauf der Zeit Weitere von ihm hinzu, nur eines kannte ich noch nicht: seine Handschrift.

So war es auch bei The Tycoon. Noch nie von der Marke St Giles, geschweige dem Duft gehört, Teil eines Probenpäckchens, also wieder so ein zufälliger Glückstreffer, dem wir doch alle nachjagen, nicht wahr?

The Tycoon beginnt mit einer erfrischend alkoholischen hellgrünen Barbershop-Note, die aber schon zu Beginn eine elegante Lässigkeit ausstrahlt, die mehr an Lebenserfahrung, denn an jugendliche Rebellion denken lässt. Zitrusaromen die eher ihre sauren Noten Preis geben, als sommerlich-fruchtige Spritzigkeit vorzugeben, haben gegen das stärker werdende Galbanum kaum eine Chance. Seine hellgrünen, in Pastell gezeichneten Noten schälen sich hervor wie die frischen Triebe von Gräsern an den ersten Frühlingstagen.

Für mich ein Duft wie er nicht besser als in den März passen könnte. Der Monat der sich nicht entscheiden kann ob er noch dem Winter angehört oder doch lieber den Frühling einleitet. Wenn die Morgenluft kühl ist, die ersten Sonnenstrahlen noch gegen die Windböen ankämpfen, dann strotzt der Tycoon vor energiegeladener kühl-grüner Frische, die zum Glück jegliche eventuelle Blütensüße vermissen lässt.

Der Tycoon verbindet für mich zwei differenzierte Sinneseindrücke, die man von einem Menschen bzw. seines Dufteindrucks haben kann. Da ist zum einen diese herbe, ja fast schon trocken-spröde hellgrüne Frische, die wegen des Verzichts auf süße Anteile, eine gewisse Sachlichkeit und eine Distanziertheit vermittelt, die einem Tycoon gerecht werden sollte. Zum anderen wirkt der Duft aber so gradlinig sauber, gepflegt und reinlich, dass man sich automatisch in einem Gefühl von Vertrautheit der Seriosität des Trägers hingeben möchte. Zwei Eindrücke also, die auf den ersten Blick gar nicht zusammen gehören wollen, hier aber einen interessanten Spannungsbogen von Nähe und Distanz schaffen.

Der Tycoon ist ein sehr ausdauernder Duft, der einen langen Arbeitstag ohne Probleme überdauert, wobei eine Duftentwicklung hier kaum stattfindet. Von dezenter Präsenz verschafft er seinem Träger eine gleichbleibende Aura von solider Gediegenheit und unprätentiöser Stilsicherheit, die Lebenserfahrung gleichermaßen vermittelt wie eine gewisse Autorität.

Passend hierzu ist der Flakon von schlichter, gradliniger Eleganz und einer Akkuratesse die dem Inhalt gerecht wird.

Der für St Giles verantwortliche Kreativdirektor Michael Donovan hat für all seine 5 Werke Bertrand Duchaufour verpflichtet, was aber scheinbar nur als temporäres Projekt ausgelegt war, denn einige der Düfte, wie auch der Tycoon sind schon jetzt offiziell nicht mehr verfügbar. Mit etwas Glück wird man in ausgewählten britischen Parfümerien noch fündig.

Mittlerweile gelingt es mir schon bei einer Handvoll Parfümeure sie meist blind zu erkennen. Da ist zum einen der Stil, die verwendeten Rohstoffe, aber auch die persönliche Vorliebe des Kreativen zu erkennen.

Bertrand Duchaufour hat auch eine Handschrift, nur ist mir bis heute noch nicht klar welche das sein könnte. Zu verschieden und eigenständig sind viele seiner Kreationen. Eines ist all seinen Düften aber gemein: sie sprechen mich auf besondere Weise an, begeistern und faszinieren mich. Wahrscheinlich hat er einen supergeheimen Zusatzstoff – eine Art Pheromon für Duft-Junkies – den er seinen Werken hinzufügt. Irgendwas muss da drin sein. Ich weiß nur noch nicht was es ist.

Ich bedanke mich bei Ergoproxy für die Probe.


28.12.2018 12:26 Uhr
26 Auszeichnungen
Beim einem Blick in meine Sammlung wird man feststellen, dass dort überwiegend Düfte mit herbstlicher/winterlicher Ausrichtung zu finden sind. Dies liegt nicht daran, dass mir die kalten Jahreszeiten so liegen (im Gegenteil: ginge es nach mir, dürften sich Frühjahr und Sommer im ständigen Wechsel befinden), sondern dass ich bisher einfach keine sommerlichen Düfte gefunden habe, die mich vor Verzücken in die Knie gehen lassen.

Dies hat sich mit der Entdeckung von Coros geändert. An dieser Stelle vielen lieben Dank an Ergoproxy, der mir diese Probe überließ.

Die bisher hierzulande wenig bekannte Marke Acqua die Sardegna wurde 2008 von Mauro Aprea gegründet, nachdem er zuvor als Kommandant eines Schiffes in Alghero – Sardinien anlegte, sich in die Insel verliebte und sich der Gedanke verfestigte, die Geschichte Sardiniens anhand des Elementes, das ihm am nächsten stand einzufangen: das Wasser.

Es entstanden verschiedene Linien (Klassik, Maijda und Scalo Porto Cervo), welche es den Besuchern Sardiniens ermöglichen sollten, einen Teil der gewonnenen Eindrücke mit nach Hause zu nehmen. Kristallklares Meerwasser dessen Brandung an die Klippen der von Ginster überwucherten Felsen schlägt, der Geruch von weißer Myrte im Morgengrauen eines neuen Tages, üppiger Safran auf den milchigen Feldern des Hinterlandes, Feigenblätter auf den schmalen von holzigen Aromen durchzogenen Wanderwegen entlang unberührter Strände mit ihrem typischen Geruch nach Meeresalgen. Während jede dieser Linien eigene Wege geht, ist ihnen allen gemeinsam, die geheimnisvolle Schönheit Sardiniens einzufangen.

Dies drückt sich auch in der Gestaltung der Flakons aus. Während die Behältnisse selber an eine Meereswelle erinnern sollen, sollen die Deckel Assoziationen an einen Poller im Hafen wecken, an dem die Schiffe befestigt werden.

Die 2017 entstandene neue Linie „Sandalia Luxury Collection“, der auch der hier besprochene Duft Coros angehört, ist die Speerspitze der Düfte Acqua di Sardegnas, auch preislich gesehen. Eine Linie welche von den geheimnisvollen Mythen und Legenden Sardiniens erzählt, vom Fall der Feen (Domus de Janas), prähistorischen Turmbauten (Nuraghe) und dem Obsidian Tal (Monte Arci), dessen schwarze Farbe des Halbedelsteins Obsidian sich in der Farbgebung der Flakons dieser Linie wieder findet.

Der Duft Coros bezieht sich auf die prähistorischen Felsengräber Domus de Janas (Häuser der Feen) aus der Zeit der Ozieri-Kultur vor ca. 5 -6 Tausend Jahren. Der Legende nach sollen dort Feen im Schutze der Feigenbäume zwischen Zistrose- und Mastixsträuchern Geheimnisse erzählt und Goldfäden gesponnen haben, die auf der Flakonvorderseite von Coros symbolisch dargestellt werden.

Coros eröffnet mit sanften Hesperidien, die weniger an einen typischen Zitrusauftakt denken lassen, als vielmehr an das Öffnen eines Fensters des Strandhauses, wenn die Morgensonne mit ihrer ersten Wärme die Aromen der umliegenden mediterranen Vegetation durch das Fenster weht. Dazu die feuchte Brandung des Meeres die ihrerseits den frischen Eindruck zu verstärken vermag.
Schon nach kurzer Zeit zeigt sich der typisch grüne und unsüße Geruch von Feigen, wobei ich Frucht und Blatt olfaktorisch kaum unterscheiden kann. Das gefällt mir außerordentlich gut, ist der Geruch von Feigen mir doch erst durch dieses Hobby bewusst und vertraut geworden. Die hier verarbeitete Feige zeigt sich in einer unheimlich cremigen, von zarter grüner Fruchtsüße eingebetteten Facette. Die in der Herznote genannten Harze mit ihren durchaus zitrischen, indes auch würzig-pfeffrigen Aromen ergänzen die Feige perfekt, um das oben erwähnte Bild einer mediterranen Landschaft zu erzeugen. Dieser frische frühlingshafte Eindruck bleibt nun über Stunden erhalten, bis Coros in der sinnlichen und moschusartigen Wahrnehmung von Ambrette und sehr leichtem Patchouli verebbt.

Flakon und ganz besonders der Duft wirken sehr edel und wertig (ok, der Deckel hätte nicht aus Kunststoff sein müssen). Man spürt aber die Qualität der Ingredienzien. Hier beißt keine üble Synthetik (Synthetik ist nicht per se schlecht!), sondern es werden die beglückenden Momente erzeugt, wenn man – im Urlaub angekommen – endlich den ersten Gang an das Meeresufer macht, die frische und ungewohnt südländische Luft der Umgebung einsaugt und die Gesamtheit der Eindrucke vereint. Urlaub, eingefangen in der Flasche.

Nachdem ich nun in Coros einen für mich perfekten Sommerduft gefunden habe (ein Flakon durfte bereits bei mir einziehen), werde ich mich wohl noch näher mit dieser interessanten Marke auseinandersetzen müssen, um meine Sammlung in Bezug auf Jahreszeiten etwas ausgeglichener zu gestalten. Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht. Nach weit über tausend getesteten Düften endlich wieder ein olfaktorisches Erlebnis der Extraklasse. Ich bin begeistert.


24.08.2018 21:10 Uhr
19 Auszeichnungen
Die Marketing-Strategen haben´s einfach drauf. Was Neues muss her. Wer will denn noch Eau de Toilette, Eau de Parfum, Parfum, Parfum Intense? Irgendwann wird die Steigerung doch albern. Da geht doch bestimmt mehr, oder?

Die uralte Kunst der Alchemie soll´s richten. Die Lehre der Eigenschaften der Stoffe und ihre verschiedenen Reaktionen aufeinander sind doch prädestiniert für eine Anwendung in der Parfüm-Industrie. Alchemie. Im Grunde genommen geht´s um Chemie und Pharmakologie. Nur halt ein bisschen geheimnisvoller. Aber Achtung: bei Hermetica werden auch natürliche Rohstoffe verwendet.

Revolution Nummer 1: synthetische und natürliche Duftstoffe miteinander verbinden

Die Wirkungsweise der ursprünglich angewendeten Alchemie kann selbstverständlich nur erreicht werden, wenn die perfekt molekular-chemische Verbindung mit der Haut hergestellt werden kann. Hierzu hat der Weltkonzern Symrise keine Kosten und Mühen gescheut die einzigartige patentierte Technologie Innoscent ™ zu entwickeln. Nur mit ihr ist es gelungen Naturphilosophie und Synthetik in Einklang zu bringen. Eindrucksvoll wird das auf dem Prospekt in Form einer chemischen Formel der drei Duftstoffe in Verbindung von Begriffen wie „die Offenbarung“, „erleuchtet“ und „der erste Tag auf der Erde“ dargestellt. Dazu der Name: Source1. Ich mach mir gleich in die Hose.

Kann es mehr geben? Oh ja, es kann!

Revolution Nummer 2:

Alkoholfrei. Ist das zu fassen? Als Parfüm-Junkie ohnehin dem Sprit verfallen, könnte das das Ende allen Lasters sein? Endlich nicht mehr das unentwegte Schnüffeln am Handgelenk oder am Hemdkragen? Alkoholfrei ohne Entzugserscheinungen?

Es hat nur der knallharte Selbsttest geholfen. Wie nicht anders zu erwarten hat Source1 eine ölige Konsistenz und kann daher laut Hersteller auch in der Sonne getragen werden. Hat sogar pflegende Eigenschaften. Das wäre ja fast Revolution Nummer 3 geworden, wenn da nicht die Ölflecken wären....

Genug der Revolutionen. Es riecht im Prinzip wie oben bei den Duftnoten angegeben. Man hat nicht viel zu erwarten. Eine Kopfnote ist nicht wirklich vorhanden, von einer Entwicklung möchte ich gar nicht sprechen. Es ist ein holzig ambriertes Duftöl mit zitrisch-gewürzter Einfärbung. Nicht unangenehm aber auch so gar nichts Besonderes. Geht zu jeder Jahreszeit und für beide – ach ne, gibt ja jetzt ein drittes Geschlecht – also ok: alle Geschlechter. Vielleicht fällt Anderen mehr dazu ein. Mir nicht. Ist bestimmt gut zum layern geeignet. Mit Molecule01. Oder so.


17.07.2018 16:13 Uhr
34 Auszeichnungen
Ob meine frühkindliche Leidenschaft für alles Japanische oder die Marketing-Abteilung von The Merchant Of Venice meine Assoziationen hervorrufen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls verkörpert für mich Asian Inspirations wie kein anderer Duft die Essenz der japanischen Kultur.

Die Grundlage für das starke Bedürfnis der Japaner nach Harmonie wurde bereits im Jahre 604 n.Chr. in Japans erster Verfassung gelegt. Es war eine Art Gesetzeswerk, welches auch viele Fragen der Manieren und Höflichkeit regelte um Harmonie herzustellen. Es war auch die Zeit, in der der Buddhismus Japan erreichte und zusammen mit Einflüssen des Taoismus sowie des Konfuzianismus zu einer synkretischen und harmonischen Koexistenz mit der japanischen Urreligion Shinto führte. Das Ziel blieb stets das gleiche: Harmonie

Das Streben nach dieser Harmonie ist in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens offensichtlich. Will man das weniger öffentliche Leben der Japaner mit all seinen Ritualen, Höflichkeitsfloskeln und Benimmregeln in ursprünglicher Weise ergründen, muss man sich in das gebirgige Hinterland Japans begeben.

Asian Inspirations nimmt mich mit auf eine Reise in das traditionelle Japan, fernab der großen Städte. Eine schmale Straße führt auf einer hügeligen Straße zwischen unzähligen kleinen dicht bewachsenen Bergen entlang. Ab und an blitzt das gewölbte, goldene Dach eines Tempels aus den satt-dunkelgrün überschatteten Hängen hervor. Unzählige Wasserlandschaften. Das Teehaus in der Nähe ist bewusst sehr schlicht gehalten um seinen Gästen die Möglichkeit zur inneren Einkehr zu geben. Die Luft ist jetzt klarer und feuchter geworden. Das Plätschern von Wasser ist allgegenwärtig, dennoch liegt eine beruhigende, fast träge Stille in der Luft.

Asian Inspirations startet mit einer außergewöhnlichen grün-würzigen Frische, die mich sofort an klares Gebirgswasser denken lässt, das auf seinem schmalen Weg durch das dicht bewachsene, von Moosen und Kräutern gesäumte Ufer, glasklar in einen Teich mit Koi-Karpfen rinnt.

Während sich bereits recht früh ein zarter Teppich aus feinstem Velourleder als Grundlage für den Duft zeigt, versuchen die anderen Gewürze, Kräuter, Hölzer und Harze erst gar nicht um die Vorherrschaft zu kämpfen. Auch Vetiver ordnet sich unter, wenngleich es neben den flankierenden Hölzern als unsüßes stabiles Gerüst dient, dem tief grüne Gewürze und abrundende milde Harze zur Seite gestellt werden.

Alles verschmilzt zu einer vollkommenen Symbiose, die Ruhe und Gelassenheit aber auch eine stille Autorität ausstrahlt.

Asian Inspirations ist ein eher leiser Duft mit moderater Sillage und mittelmäßiger Haltbarkeit. Hier aber empfinde ich diese Merkmale als perfekt austariert und harmonierend mit dem Duft. Nach 4-5 Stunden hat er sich hautnah zurückgezogen und hinterlässt eine zarte Melange, der etwas sanft Meditatives anhaftet.


Da der Duft weder blumige noch süße Anteile in sich trägt sehe ich ihn entgegen meines Vorkommentators fast mehr auf der Männerseite, wenngleich die Statistik (siehe rechts) gegen mich spricht ;)

Das Konzept, im vollkommenen Einklang mit der Natur zu sein, Ruhe einkehren zu lassen und zu sich zu finden, erscheint mir hier hervorragend umgesetzt. Ein Konzept, das umso mehr in der heutigen hektischen und schnelllebigen Zeit aufgehen sollte. Für mich tut es das.



17.05.2018 18:53 Uhr
36 Auszeichnungen
Zu Beginn meiner Parfumo-Zeit, als ich noch unangemeldet hier herumschlich, bezog ich meine Parfümproben in Ermangelung der Kenntnis eines Souks, überwiegend auf Online-Plattformen. Dies führte dazu, dass ich Unwissender teilweise an Vintage-Proben gekommen bin (und diese selbstverständlich auch verbrauchte), für die der ein oder andere Liebhaber sicherlich eine Fingerkuppe geben würde. Ok, sei´s drum. Es diente der olfaktorischen Erweiterung meines Bewusstseins, insofern alles gut.

Wie viele Neulinge dienten auch mir die Top100 als erste Orientierungshilfe. Schnell wurde mir klar, dass Guerlain hier eine besondere Position einnahm. Vetiver war mir gänzlich unbekannt und meine Neugierde war umso mehr geweckt, als auch diese Duftnote aus Vetivergraswurzeln niemals bewusst Einzug in meine Nase gehalten hatte.

Als ich den Verschluss des Vintage-Mini-Flakons öffnete, wusste ich noch nicht, dass dies der Beginn einer großen Duftleidenschaft werden sollte. Es war meine erste aktiv besorgte Probe.

*

Als sich der 21 jährige Jean-Paul Guerlain an einem Frühlingsmorgen im Jahre 1958 auf den Weg in die Firma seines Onkels machte, ahnte er noch nicht, dass er den Auftrag erhalten sollte Großes zu vollbringen.

Sein Onkel Jean-Pierre Guerlain, der damals zusammen mit seinen Bruder Jacques das Unternehmen leitete, beobachtete mit Argwohn, wie der 1957 lancierte Vetiver-Duft von Carven sich immer größerer Beliebtheit erfreute. Auch der Umstand, dass Guerlain schon seit Erscheinen von Mouchoir de Monsieur im Jahre 1904 keinen eigenständigen Herrenduft mehr kreiert hatte, veranlasste ihn dazu, seinen Neffen mit der Modernisierung der Duftpalette zu beauftragen.

Inspiriert durch Carvens Vetiver wollte Jean-Paul den Geruch eines Gärtners erschaffen. Tabak und Gras sollten die zentralen Duftnoten sein. Symbolisch stand ihm hierbei der Gitanes-rauchende Gärtner einer befreundeten Familie Pate.

*

Vorsichtig und neugierig tröpfelte ich mir vermutlich die Urversion von Vetiver auf den Handrücken. Der Auftakt wirkte leicht aldehydisch. Er erinnerte an die kühle, dunstige Frische eines nebligen Morgens auf dem Land. Die Art, wie Mandarine, Koriander, Muskat und Holz auf Grundlage der rauchigen Vetivergraswurzel ein grün-frisches und zugleich heiseres Cello spielten, war einzigartig. Im weiteren Verlauf schuf Jean-Paul eine seinerzeit einzigartige salzig-aschige Note, welche golden und klar wie halbgetrocknete Tabakblätter roch.

*

Als Jacques, welcher seinerzeit noch Chefparfumeur war, die Kreation seines Neffen das erstemal roch, bekam er Gänsehaut, so authentisch war ihm das Gärtner-Thema gelungen. Als er dem damaligen Guerlain Sprecher – ein gewisser Roja Dove – davon erzählte, fasste man den Entschluss, entgegen der ursprünglichen Planung, Vetiver nicht nur in Südamerika zu vertreiben, wo Vetivergras schon seit 1840 bekannt war und in vielfältiger Weise verwendet wurde.

Aus unbestätigten Quellen (Lang lebe die Legende!) geht hervor, dass Vetiver drei Reformulierungen durchgemacht haben soll. Die 1988 lancierte Version gilt auch heute noch unter Kennern als die Rundeste und Grünste im besten Sinne des Wortes (wobei Vetiveröl eher rauchig als blättrig-grün riecht). Sie entfaltete eine rauhe, windgeblasene, natürliche Wärme aus getrocknetem Gras und feuchten Wurzeln, der eine minimale Seifigkeit anhing.

Die Version aus 2000 hatte eine hellere und freundlichere Ausstrahlung mit intensivierten Zitrusfrüchten und Baummoos, als Ersatz für das zarte Eichenmoos, welches der Allergen-Verordnung zum Opfer fiel. Diese Version wurde jedoch von all jenen dankbar angenommen, die mit der typischen Seifigkeit vieler Düfte vergangener Zeiten ihre Schwierigkeiten hatten.

Der aktuell erhältlichen Version (die mit dem grünen Holzdeckel) wurden nun sämtliche potentiell allergen wirkenden Inhaltsstoffe ausgetrieben. Gerüchten zufolge soll der Wechsel auf die heutige Version mit der Vereinheitlichung der Flakons im Jahre 2016 einhergegangen sein.

Hier hat frisches, grün-saftiges Vetiver von Anfang an das Zepter in der Hand. Zitrusnoten, so pikant-frisch, wie ein sonniger Frühlingsmorgen nach einer verregneten Nacht. Die wärmende Morgensonne spiegelt sich in den Tautropfen auf der Wiese. Lüstern reckt sich das Gras auf dem feucht-dampfenden Boden der Sonne entgegen. Während mit der Zeit Muskat und Pfeffer ein wenig Ernsthaftigkeit beisteuern, wirkt der Duft stets sauber, seriös und markant männlich.
Während bei vielen Vetiverdüften die rauchig-würzigen Noten im Vordergrund stehen und unter Umständen auch recht harsch wirken können, ist es Guerlain gelungen dem Vetiver eine grüne Leichtigkeit und Frische einzuhauchen, die ihn auch - und vielleicht gerade deswegen - perfekt für die wärmeren Tage machen.

Wenn Jean-Paul auch heute mitunter noch behauptet, die Formulierung sei noch die Gleiche wie damals, nehme ich das augenzwinkernd zur Kenntnis und freue mich darüber, dass dieser grandiose Klassiker sehr gelungen in die heutige Zeit reformuliert wurde. Unbedingt möchte ich ihn auch Jüngeren empfehlen, die dem gängigen Duftgeschmack etwas entgegenhalten wollen. Aus meiner Sicht hat er eventuell assoziierte Opaduft-Attitüden gänzlich abgelegt.

Ich hatte mich nach dem Test meiner Vintage-Probe zunächst über Guerlains „Vetiver Extreme“ (der eine jüngere Klientel ansprechen soll) dem Thema genähert. Umso mehr freue ich mich heute, beim Original gelandet zu sein.


15.12.2017 15:09 Uhr
52 Auszeichnungen
Ich studierte Medizin im 7. Semester. Das begleitende Arbeiten auf dem Universitäts-Gelände war selbstverständlich. Momentan schob ich die Nachtschicht in der Pathologie.

Meist waren die Nächte sehr ruhig. Das gleißend helle Licht wurde von den bis an die Decke gefliesten weißen Wänden noch verstärkt. Alle anderen Materialen im Raum waren aus Edelstahl. Der Seziertisch in der Mitte hatte einen Abfluss, damit austretende Körperflüssigkeiten direkt abgeleitet werden konnten. Auf einem Edelstahltisch lagen die Gerätschaften: Knochensäge, Augenschere, Arterienklemmen, Rippenschere, Schädelspalter sowie mein Lieblingsgerät, das Seziermesser.

Es faszinierte mich immer wieder, wie leicht man mit der scharfen Klinge durch das Körpergewebe fahren konnte. Geschmeidig wie durch warme Butter drang das Messer durch das Fleisch. Sogleich öffnete sich je nach Schnitttiefe ein mehr oder minder breiter Spalt, welcher Knochen und innere Organe offenlegte.

Es war 4 Uhr morgens. Beim Blick aus dem Fenster schaute man in ein schwarzes Nichts. Der Herbstregen prasselte an die Fenster und ich freute mich schon auf mein warmes Bett.

Plötzlich hörte ich hektische Stimmen. Der Oberarzt schob eine frische Leiche begleitet von weiteren Studenten auf einem Tisch in den Saal. Das Grauen stand meinen Kommilitonen ins Gesicht geschrieben. Es war Sophie. Sie war ein Semester unter uns. Jeder kannte sie, denn sie war bei den männlichen Studenten ob ihrer Attraktivität und Ausstrahlung hoch im Kurs.

Der Oberarzt übergab mir die Verantwortung und erklärte, dass sie vermutlich vergiftet worden sei und das wir uns beeilen müssen, wenn wir das unter Umständen sehr flüchtige Gift und somit die Todesursache noch feststellen wollten.

Ich zog zunächst das Laken von ihrem toten Körper und der professionelle Abstand zu meinen Patienten ging schlagartig verloren. Eine Traurigkeit lag in ihrem Gesicht, die ich nicht vergessen werde. Sie war so jung.

Ich öffnete ihr die Augen um eventuelle Vergiftungserscheinungen zunächst optisch zu eruieren. Ein ganz zarter Hauch von künstlicher Blumigkeit entströmte ihr. Vielleicht hatte der Tod schon alles Natürliche von ihr genommen. Ihre Haut war milchig weiß und die leichte Kokosnote ihres Haares konnte den blumigen, leicht süßlichen Leichengeruch nicht überdecken. Nie hatte mich der ozonische, von verschiedenen medizinischen Desinfektionsmitteln geschwängerte Geruch des Operationssaales gestört. Das war heute anders. Sie war noch warm.

Als ich mit dem Seziermesser ihren Oberkörper öffnete trat sofort eine große Menge Blut daraus hervor. Es lief warm und dickflüssig über meine behandschuhten Hände. Die metallische Geruchsnote des Blutes schien durch den kalten Stahl meines Messers potenziert zu werden. Erste Würgeerscheinungen ließen mich beim Schneiden kurz innehalten. Das Blut hörte gar nicht mehr auf zu fließen, meine Hände zitterten und alles um mich herum begann sich zu drehen. Der Raum war erfüllt von der metallischen Erbarmungslosigkeit des kühlen Stahls und des noch warmen Blutes, das so sehr nach Unschuld roch.

Kurz bevor ich auf dem Boden aufschlug, hörte ich meinen Professor mich noch anschreien, was mit mir los sei. Dann wurde alles dunkel.

Und wenn ihr wissen wollt wie Sécrétions Magnifiques riecht, dann lest den Kommentar doch einfach nochmal.


10.10.2017 16:40 Uhr
19 Auszeichnungen
Das Parfumo-Leben ist schön.

Gerät man doch ab und zu unerwartet an eine Duftprobe (oft als zusätzliche Beigabe einer Parfumo-Probenaustauschsendung) die einen direkt innehalten lässt. Wohlige Schauer fahren in Wellen durch den Körper. Kann etwas so schön riechen?
Das limbische System signalisiert: Volltreffer – angekommen.

Dann spielt es letztendlich auch keine Rolle, ob er als Damenduft deklariert ist. Der muss dann sofort einziehen, da reicht keine Abfüllung. Zumal er derzeit gar nicht im Souk angeboten wird. Kein Wunder: die 12 Benutzer werden wissen warum sie ihn lieber für sich behalten.

Ich vermute mal, dass mich Rocca Della Signoria direkt mit dem in der Kopfnote angegebenen Sternanis in seinen Bann gezogen hat. Schon bei Opium Pour Homme war ich fasziniert von dieser leicht süßlich-würzigen Anisnote. Auch eine ganz feine aromatische Holznote ist von Anbeginn auszumachen, viel früher als in der Pyramide angegeben.

Bergamotte spielt hier nur ein unterstützende Rolle und ist keineswegs einer der Hauptdarsteller. Vielmehr ist der Weihrauch recht schnell am Start. Bei Rocca della Signoria jedoch liegt der Schwerpunkt des Weihrauchs eher auf der Intensität seiner Aromen und weniger auf seiner Rauchigkeit.

Warme und süßliche Winteraromen stehen im perfekten Einklang mit balsamischen Hölzern und aromatischen weichen Weihrauch. Der Duft verschmilzt mit der Haut, legt sich wie eine schützende Hülle über den Träger. Er verschafft eine Aura der Sinnlichkeit, der Berührtheit. Man möchte sentimental werden, sich anlehnen, fallen lassen und nur von Gutem umgeben sein.

Selten hat es ein Duft geschafft, eine so starke Stimmung in mir zu erzeugen. Im Einklang mit mir selbst und meiner Umwelt zu sein. Ein Schutzschild welches niemand durchbrechen kann. Ein Rückzugsort, wenn ich für mich sein möchte.

Tatsächlich habe ich beim ersten Test an einen meiner Lieblinge denken müssen. Der Vergleich brachte Gewissheit: Akkad von Lubin geht in eine ähnliche Richtung nur ist Rocca della Signoria süßer, wärmer und - hier macht die Bezeichnung als Damenduft vielleicht ihren Sinn – damenhafter.

Da ich jedoch weiß, dass es auch unter den männlichen Parfumos einige Naschkatzen gibt möchte ich Euch Männern diesen Duft ebenso sehr ans Herz legen wie den Damen.

Bei mir spielt Rocca della Signoria die Klaviatur des Wohlbefindens rauf und runter.
Gar nicht auszudenken wie ich reagieren würde, würde ich Rocca della Signoria an einer Frau riechen. Vermutlich wäre ich ihr hoffnungslos verfallen.

Ich bedanke mich bei Terra für die Probe.


30.12.2016 21:01 Uhr
44 Auszeichnungen
Der namensgebende „Angriff auf die Sonne“ bezieht sich auf das inoffizielle Hauptwerk de Sades „Die 120 Tage von Sodom“, welches zu großen Teilen nur als Torso existiert, also einer detaillierteren Beschreibung seiner ausgedachten Perversionen entbehrt.

Vor ca. 15 Jahren habe ich die wesentlichen Werke de Sades gelesen. Was bis heute in meiner Erinnerung geblieben ist, ist für die meisten Parfumo-Ästheten unter uns nur schwer zu ertragen: das Verspeisen von Fäkalien jungfräulicher Knaben und Mädchen die Tags zuvor mit reichlich Fleisch gefüttert wurden....Und das waren erst die ersten 30 Tage von Sodom, die folgenden Kapitel sollten sich steigern.

Donatien-Alphonse-Francois Marquis des Sade wurde 1740 in Paris geboren. Schon als 14jähriger wurde er Soldat. Nach seiner Teilnahme am 7jährigen Krieg erhielt es das Amt eines königlichen Statthalters und Gouverneurs in der Provence. Auf Schloss Lacoste führte er ein ausschweifendes Leben. Er spielte, verschuldete sich und umgab sich mit Mätressen an denen er all seine Gelüste zu befriedigen ersuchte. Da seine Ausschweifungen nicht verborgen blieben, ließ ihn schließlich seine einflussreiche Schwiegermutter in Sicherungsverwahrung nehmen, aus der er sich 1789 durch die französische Revolution befreien konnte.

Dem 1785 in der Haft entstandenen Werk sind inhaltlich und äußerlich die Spuren der Gefangenschaft de Sades anzumerken. Die Fantasie des zur Enthaltsamkeit gezwungenen Autors verausgabt sich im gedanklichen Entwurf eines sexuellen Exzesses von 600 auf einen Zeitraum von 120 Tagen verteilten Perversionen.

Ein Herzog hält gemeinsam mit drei anderen Wüstlingen – einem Kirchenfürsten, einem Richter und einem Finanzier – 42 Jungen und Mädchen auf seinem Schloss gefangen. Ziel ist es, alle nur denkbaren Perversionen an den Gefangenen auszuleben. Die Ausschweifungen verteilen sich auf 4 Blöcke á 30 Tage, deren Einzelheiten ich Euch an dieser Stelle lieber erspare.

Mit seiner skandalösen Mischung aus Pornografie und Philosophie trat de Sade neue Pforten auf. Seine wüsten Visionen gingen sogar soweit, dass er auch nicht davor zurückschreckte, die Sonne angreifen zu wollen – Sinnbild für das Grenzenlose des Vorstellbaren.

Ein Lebensentwurf, eine Philosophie, ein Ausleben alles Vorstellbaren manifestiert in einer Duftnote!?

Zistrose.

Zugegebenermaßen noch nie isoliert gerochen. Aber aus Zistrosen, kleinen buschigen Sträuchern - vornehmlich im Mittelmeerraum anzutreffen - wird das Harz Labdanum gewonnen, was in zahlreichen Düften verwendet wird und das ich olfaktorisch schon eher einzuordnen weis.

Bei der Namensgebung des Parfüms wäre mir ein Duft wie „Sécrétions Magnifiques“ (aus dem gleichen Haus) plausibel erschienen.

Attaquer Le Soleil jedoch geht eine ganz andere Richtung und hat weder etwas mit Blut oder Ozon, noch mit metallischer Grausamkeit gemein.

Die Kopfnote startet kurzfristig hell, klar und transparent. Es ist eine leicht zitrische Rauchigkeit zu vernehmen, der sich schon bald eine milde Harzigkeit hinzugesellt, die sicherlich der Zistrose zugeordnet werden kann. Die von meinem Vorkommentator VonK beschriebene leichte Schwülstigkeit kann ich auch wahrnehmen. Das Schwülstige hat jedoch nichts mit Opulenz, Schwere oder Schwitzigkeit zu tun, sondern es handelt sich hierbei eher um eine vordergründig zart verwegene Schwülstigkeit. Aber was verbirgt sich dahinter?

Der Marquis scheint auf den ersten Blick ein ganz harmloser Mann zu sein. Doch beugt er sich ganz dicht heran, ist sein alkoholischer Atem zu spüren. Aus seinen Poren dringt eine harzig-rauchige Würze, die genauso verführt, wie auch Geheimnisvolles in sich birgt. Beängstigend geheimnisvoll.
Wer weiß wozu der Mann im Stande ist?

In der Herznote verbindet sich das Harzige mit einem Amber- und/oder auch Weihrauch-artigen Dufteindruck, keinesfalls süß, sondern mild-holzig unterlegt. Ich meine Nadelholz inklusive seiner Harze wahrzunehmen.

Alles in allem ist keiner der Dufteindrücke hervorstechend, sondern es ergibt sich eine stimmige Gesamt-Komposition, die relativ unspektakulär aber dennoch sehr interessant ist. Ich würde ihn eher uns Männern zuordnen, aber damit habe ich ja schon öfter daneben gelegen ;).

Attaquer Le Soleil haut nicht drauf, von Provokation keine Spur. Er versteht es einen Dufteindruck zu hinterlassen, der ein Statement setzt, aber nur eine flüchtige Momentaufnahme eines Gefühls, das man mit einem Duft verbindet und bevor man es ganz erfassen kann, ist es auch schon wieder weg. Und trotzdem beschäftigt Dich der Duft – auch Stunden danach noch.

Denn wenn der Marquis wieder kommt, riechst Du ihn schon kurz bevor er seine vor Vorfreude schon zitternde Hand auf Deine Schulter legt. Und obwohl der Duft Dich in seinen Bann zieht, weißt Du nicht, was Dich heute erwartet...


11.07.2016 17:14 Uhr
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Schwarzer Afghane ist eine Haschisch-Art die überwiegend in Afghanistan, aber auch in Pakistan, Nepal und Indien angebaut wird. Seine charakteristische schwarze Farbe erhält der schwarze Afghane durch den zu anderen Sorten unterschiedlichen Ernte- und Weiterverarbeitungsprozess.
Hierbei wird am Ende der Blütezeit, wenn die Tage wieder deutlich kürzer werden, das Harz von den Blättern und Blüten abgerieben und ergibt dann eine klebrige grün-bräunliche Masse, die erst in dem sich daran anschließenden Fermentierungsprozess ihre schwarze Farbe annimmt. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die weiblichen Blütenstände mit den darum wachsenden Blättern über einem Sieb zu zerreiben, diese Bestandteile nach einer ca. 1-jährigen Lagerungszeit unter Zugabe von Wasser zu einer knetähnlichen Masse zu verarbeiten.
Im Gegensatz zu anderen Haschischarten muss Schwarzer Afghane nicht mit Feuer erhitzt werden um als Betäubungsmittel eingesetzt zu werden. Erwärmen in der Hand ist aufgrund seiner Harzigkeit ausreichend und kann dann in Form eines hauchdünn-gerollten Fadens in Tabak eingerollt werden. Überdosierung führt zu heftigen Husten-Flash´s und zu einem entsprechenden High (sagt man).

Was hat das jetzt mit Black Afgano zu tun? Genaugenommen – außer der Farbe – nichts.

Als Bestandteil der Kopfnote ist Cannabis angegeben. Nun, im Gegensatz zu schwarzem Afghanen (Haschisch) ist mit Cannabis die eigentliche Pflanze gemeint (Cannabis Sativa). Schon in der Wachstumsphase hat die Pflanze ihren typischen „Cannabis“-Geruch, der sich von dem Geruch von Haschisch deutlich unterscheidet. Wenn jedoch gegen Ende des Sommers die Blütezeit beginnt (hierbei sind zur Verwendung als Betäubungsmittel lediglich die weiblichen Pflanzen relevant), bilden sich klebrige und harzige Blütenstände, die unter Sonneneinstrahlung einen so starken, wabernden Cannabis-Geruch erzeugen, dass man sie schon aus vielen Metern Entfernung deutlich wahrnehmen kann. Ist dieser Geruch nun in Black Afgano wahrnehmbar? Nein, auch hier vermute ich eher einen Marketing-Gag wie auch bei der Namensgebung.

Aber nun zum Duft von Black Afgano:
Der Auftakt ist für mich in erster Linie von Oud geprägt. Dieser ist hier holzig-animalisch bis balsamisch und sogar ein wenig süßlich. Krautige Noten – ja, kann man durchgehen lassen. Sie verleihen dem Oud ein wenig Würzigkeit und lassen es nicht so eindimsional erscheinen. Kaffee und Tabak kann ich hier nur in sehr geringer Dosierung wahrnehmen, da das Oud, neben Holz, aus meiner Sicht in Black Afgano die Hauptrolle spielt.
Das Holz - hier stelle ich mir einen Adlerholzbaum vor, vom Schimmelpilz Phomopsis aquilariae zum Ausstoßen seines beliebtes Harzes genötigt, ein paar Tage nachdem ein Feuer über ihn hinweg gefegt ist – ist dunkelbraun bis schwarz und riecht noch leicht angekokelt. Die vom Feuer erwärmten Oud-Harze hängen noch in der Luft und schließen hier den Kreis zur Bezugnahme auf die Namensgebung. Einzig die starke Harzigkeit von Black Afgano kann in Verbindung gebracht werden mit Cannabis in der Blütezeit, wenngleich aus olfaktorischer Sicht keine Ähnlichkeit festzustellen ist.

Mit der Zeit wird Black Afgano dann immer weicher, anschmiegsamer und gefälliger, verliert aber nie seine Grund-DNA, die auch in anderen Düften von Nasomatto (Duro, Pardon) wieder zu finden ist. Oud mit Holz. Das sollte man schön mögen.
Alles in allem ein ausgefallener „harter Kerl“ (echt unisex?), den man in behutsamer Dosierung für die kälteren Tage empfehlen kann. Er ist das Gegenteil von frisch, leicht und sommerlich, aber das sagt ja schon die Farbe.

Ich mag ihn, es war wieder einmal eine olfaktorische Bewusstseinserweiterung (ganz ohne Drogen).


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