LadyVioletLadyViolets Parfumblog

30.08.2019 14:02 Uhr
38 Auszeichnungen

Ende Mai und noch immer keine Urlaubspläne für den Sommer!

Da erreicht mich ein Newsletter aus Malaysia, von Auphorie. Die sagenumwobenen Parfümeure hinter dem exzentrischen Miyako. Sie halten einen 2-tägigen Workshop Ende August in Paris ab zum Thema orientalische Parfums. Manchmal hat die Globalisierung auch ihr Gutes, denke ich mir - und buche spontan. In Paris war ich auch schon länger nicht mehr...

Am Samstag Vormittag ging es dann los, in einer für private Veranstaltungen und Workshops liebevoll hergerichteten Pariser Altbauwohnung zwischen der Oper und dem Palais Royal. Ausgehend von der chinesischen Tradition des Räucherwerks spannen Eugene und sein Bruder Emrys einen Bogen über die chinesischen Kaiserdynastien und deren Duftvorlieben. So war das Räucherwerk der frühen Dynastien recht kräutrig, mich an indische Currys erinnernd – nix Hippie-Patchouli Süßliches! Im Lauf der Jahrhunderte werden die Zusammensetzungen der Räucherstäbchen holziger und komplexer, auch ein wenig blumiger. Viel Gewürznelke, Zimt, Agarholz, Sandelholz, Jasmin….

Das erste flüssige Parfum kommt erst spät auf, im 18. Jhdt. Zu diesem Zeitpunkt entwickeln sich auch globale Handelsrouten und Kolonialmächte, sodass diese Hölzer und Gewürze zunehmend in der westlichen Welt zum Einsatz kommen. Und unweigerlich irgendwann auch in Parfums.

Am Nachmittag des ersten Tags machen wir uns an die 23 Rohstoffe/Duftmoleküle/Öle, die Eugene und Emrys mitgebracht haben. Zusätzlich zu dem schon erwähnten Zimt sowie der Gewürznelke gibt es u.a. 2 Rosenvariationen, 2 Jasminvariationen, das unumgängliche Oud (verzichtbar für meine Nase), Weihrauch (hallo Sonntagsmesse), Moschus und auch Exotischeres (für mich) wie Cis-Hedion (Liebe auf den ersten Schnüffler), Ambergris (vegan….), Osmanthus (für mich arg ledrig, für die anderen Teilnehmerinnen nur marmeladig-fruchtig), Chen-Pi („aged mandarin peel“) oder auch ein traumhaft cremiges Mysore Sandelholz.

Wir riechen alle Inhaltstoffe und bewerten sie in einer Tabelle je nachdem wie sie für uns riechen. Also Cremig, Kräutrig, Grün, Zitrisch, Animalisch, Blumig, Holzig etc.

Danach schreiten wir zu den Harmonien. Also eine Kombination jener Duftstoffe, die wir für uns ähnlich bewertet haben. Cis-Hedion riecht z.B. traumhaft mit Jasmin und Gewürznelke. Jasmin dazu macht sich auch nicht schlecht. Ambergris bringt die Rose so richtig zum strahlen. Wir stellen ein hübsches Bouquet aus all unseren Teststreifen zusammen. Das wird dann am nächsten Tag der Ausgangspunkt für das jeweilige Parfum. Eugene und Emrys bringen uns auf immer neue Kombinationen und Varianten, die Hirne rauchen schon. Gut, dass jetzt Feierabend ist und wir in eine äußerst laue Pariser Sommernacht entlassen werden.

Am nächsten Tag beginnt das große Mischen. In kleinen Tröpfchen setzen wir unsere Basis-, Herz- und Kopfnote zusammen. Ich erwische irrtümlich das Bergamottöl, meine Komposition riecht plötzlich nach Orangen Nimm2. Eugene beruhigt, das gibt sich wieder, wenn die Basis steht. Und auf der Haut riecht es auch schlussendlich anders als auf dem Papierstreifen. Ich bin mittlerweile dem Sandelholz völlig verfallen, mehr noch als meiner ursprünglichen Idee mit dem Hedion, der Nelke und dem Jasmin. Die siamesischen Zwillinge Vanillin und Kumarin dürfen auch mitmachen. Ambergris sowieso, weil „Hallo Exotik“. Eugene empfiehlt auch noch einen Tropfen Zimt. In der Tat wird dadurch mein Gebräu irgendwie „austariert“. Und einen Tropfen Iso E Super.

In Summe landen von den 23 möglichen Duftstoffen 17 in meinem Säftchen!

Nachdem die Formeln dann grundsätzlich stehen, müssen sie auf 3ml Duftöl „aufgeblasen“ werden, bevor der Alkohol hinzukommt und jeder einen 10ml Spray abfüllt. Als erstes verdopple ich die Basis, dann in Relation die Herznote und zuletzt natürlich auch meine Chen-Pi Kopfnote. Auch hier kommt uns die Erfahrung von Eugene und Emrys zu Gute, die eindeutig schneller als wir die Schlussrechnung beherrschen…..

Zuletzt benennen wir unsere Kreationen, schnuppern sie gegenseitig und stellen sie den anderen vor. Am spannendsten ist hier die Tatsache, dass 8 Teilnehmerinnen völlig unterschiedliche Düfte kreiert haben, ausgehend von genau denselben 23 Inhaltsstoffen!

Meinen Duft habe ich Palais Royal benannt, in Anlehnung an den Austragungsort (und an Colette und Jean Cocteau, die sich dort herum getrieben haben????) Es ist ein orientalisches Parfum in der französischen Tradition (und definitiv ohne Oud!), sehr plüschig, cremig, sandelholzig. Dafür mit einer sehr wahrnehmbaren Zibetnote (es war heiss, ich hab mich vertan….)

Also Vintage Jicky trifft auf Bois des Iles unter Weglassung der Aldehyde und des Lavendels. Meine 10ml werde ich hüten wie man früher sein einziges kostbares Parfum nur für spezielle Anlässe gehütet, geschätzt und getragen hat.

Und wenn es eine Fortsetzung gibt, fliege ich sehr gerne nach Kuala Lumpur!

10 Antworten
03.01.2017 12:32 Uhr
30 Auszeichnungen

Im Herbst 2016 war es endlich soweit. Nach einigem Zögern hatte ich mich entschlossen, einen Workshop bei 4160 Tuesdays zu besuchen. Wir waren eine kleinere Gruppe mit 8 TeilnehmerInnen, am weiten war - wenig überraschend - ich angereist. Aber auch die anderen waren nicht nur aus London, sondern aus ganz Südengland, was ich nicht erwartet hätte. Ich bin dann noch quer durch die Stadt gefahren, vom Südosten ganz in den Westen, Intensivbesichtigung des öffentlichen Verkehrsnetzes gewissermaßen, eben nach Acton, weit und breit keine Touris in Sicht...

Wir gehen es gemächlich an, bis sich die Truppe einfindet. Einer der beiden Männer ist dabei, um seiner Partnerin ein Parfum als Überraschung zu kreieren, ein kollektiver Seufzer geht durch die Damenrunde:)- Der andere begleitet (wurde eingeteilt?...) seine Freundin. Der sagenumwobene Nick versorgt uns mit Tee, Kaffee und diesen herrlichen englischen Gingerkeksen. Sarah plaudert aus dem Nähkästchen, über ihren Werdegang und unter anderem ihrer Erfahrung mit Bloggern. Zum Bsp. mit jenen, die meinen, überall Iso E Super oder andere synthetische Duftstoffe zu riechen, obwohl diese nicht in der Formel enthalten sind. Einbildung ist auch eine Bildung, wie es bei uns so schön heißen würde, in so einem Zusammenhang.

Schön langsam wird es dann ernst, wir begeben uns nach oben, an den großen Arbeitstisch, ich würde "Misch-Tisch" sagen. Überall stehen kleine und größere Apos herum, in blau und in braun, mein Pulsschlag steigt, die Augen glänzen! Noch dazu sitze in gegenüber der Vintage-Vitrine, wo mich allerlei Schätze anlachen und mich gnadenlos ablenken.

Wir beginnen mit einer Runde "What are we smelling?" Sarah reicht die verschiedensten Duftstoffe, meistens zu 10% verdünnt und schon einsatzfähig, auf kleinen Blottern herum, wir notieren unsere Eindrücke. Neben den natürlichen, meist zitrischen Essenzen, die an dem Tag Thema waren und etwas leichter zuzuordnen sind, schnuppern wir auch grundlegende Synthetik-Klassiker wie Kumarin, Timbersilk (Iso E Super), Vanillin, Amber X-treme und Hedion. Manche dieser Duftstoffe wurden Laien-freundlich benannt, so z.B. Lakeside für Helional, das in der Tat nach einem See im Salzkammergut nach einem Regenschauer (und derer gibt es dort viele) riecht. "Cut-grass" steht für Cis-3-Hexanol. Moschus hat Sarah "Fluffy Bunnies" genannt. "Mister Fixer" ist eine Mischung, die alles wieder gut macht und Schnitzer beim Mixen wieder ausbügelt. "Wellington Boots" ist eine recht resche Chypre-Basis mit Eichenmoos, Patchouli und Oppopnax. Leather ist erwartungsgemäß Isobutyl-Quinolin.

Bevor es in die Mittagspause geht, wurde die Vintage-Versuchung auch für die anderen zu groß und wir dürfen uns an original Diorella erfreuen sowie an Chanel n.5 EdT aus Ende der 1940er! Sarahs Tante hatte gewettet, dass Churchill die Wahl nach dem Krieg nicht gewinnt, so war es dann bekanntlich auch... Erfreulicher Wetteinsatz jedenfalls für uns. Der Duft war für mich ein Mittelding zwischen der trockenen Cremigkeit von n.22 mit der Substanz von Eau Première und einem Schuss Spritzigkeit von n.5 l'Eau. Überhaupt nicht angestaubt, im Gegenteil! Seitdem habe ich eine weitere Suche in der Bucht auf Schnellwahl... Und Diorella hat auch schon Eingang in meine Sammlung gefunden. Gefährliche Folgekosten eines unschuldig gestarteten Workshops...

Am Nachmittag wird es dann noch viel ernster, am Misch-Tisch wird gemischt. Jeder hat seine kleine Digitalwaage vor sich, darauf kommen die kleinen Mischflakons und es geht los. Die Formeln mögen genau notiert werden, dafür gibt es ein genaues Blatt mit entsprechenden Tabellen, sogar mit Mods! Soweit habe ich es an dem Tag aber nicht geschafft. Um die Herausforderung der Schlussrechnung möglichst gering zu halten, wird vorerst in Gramm notiert, nicht in Prozenten...

Ich mische mir zuerst etwas mit Fenchel an, das poliere ich mit "London Smooth" (eine Sarah Mischung) und mit "Fluffy Bunnies" auf. Und töte es dann unabsichtlich mit Dihydromyrcenol. Das man nur spärlich verwenden sollte.... sehr spärlich.

Geläutert unternehme ich einen zweiten Versuch mit "Wellington Boots" (Im Hinterkopf Nancy Sinatra) und den beiden H's, Helional und Hedion. Letzteres riecht übrigens nach angenehmen Nichts und entwickelt sich an dem Nachmittag zu meiner Lieblingsingredienz. Nach mehreren Wochen der Mazeration im Duftschrank zu Hause, werde ich diesen zweiten Versuch mit ätherischen Ölen noch aufmotzen, da geht noch was:)-

Der dritte Versuch beruht auf Labdanum, auch da geht noch was mit aufhellenden Ölen, die zu Hause eh ein verkanntes Dasein fristen. Dazu kommt etwas Rosenholz und Rose, etwas Bergamotte, "Soft Bunnies" und natürlich Hedion. Mit meiner neuen besten Freundin Hedion komme ich mir gleich super-professionell vor.

Im vierten Versuch kommt "London Smooth" wieder zum Einsatz (allein der Name!!!), dazu etwas Yuzu und Orangenblüte, Zitrone, Tuberose sowie Iso E Super und besagte neue beste Freundin.

Zuguter letzt probiere ich noch etwas mit Ethyl Maltol (der Angel Karamell Gestank des Bösen, zumindest für mich), von Zeit zu Zeit muss man seine Vorurteile ja überprüfen. Dementsprechend ertränke ich es daher gnadenlos mit Limetten Oxid (in etwa Mojito in Kampfkonzentration, ohne Rhum), eine arme Rose muss auch noch daran glauben sowie Hedion. Aber Angel setzt sich schlussendlich durch. Mein Vorurteil ist für die nächsten 20 Jahre mindestens bestätigt.

Am Schluss erfolgt dann doch noch der Schlussrechnungs-Challenge. Nämlich die Hochrechnung eines kleinen Mischflakons auf 30 ml, die zum Mitnehmen abgefüllt werden. Bei mir wird es Versuch Vier, den ich "Lemony London Smooth" nenne. Ein Parfum ist es ehrlicherweise nicht so ganz, dagegen aber ein sehr limettiger Akkord.

Zur Feier des Tages gibt es noch eine Runde Champagner für alle, bevor wir uns wieder auf den Weg quer durch London machen. Ein wirklich gelungener Tag, einige Eindrücke verarbeite ich immer noch. Nase, was willst Du mehr?

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