Laetitia11Laetitia11s Parfumblog

14.11.2018 19:50 Uhr
62 Auszeichnungen

Vertauschte Männer, verwechselte Geschenke – „Femme“ von Rochas

Fast jeder kennt den Roman „Rebecca“ von Daphne du Maurier oder eine seiner zahlreichen Verfilmungen.
Nicht ganz so bekannt, aber mindestens genauso gut ist ihr Roman „The Scapegoat“ – Der Sündenbock – der 1957 erschien und 1959 und 2012 verfilmt wurde. The Scapegoat spielt in der Zeit seiner Entstehung und erzählt die Geschichte eines Rollentauschs.

John, ein alleinstehender englischer Lehrer, trifft auf einer Reise in einem Landgasthof auf den französischen Grafen Jean, der ihm wie ein Zwillingsbruder ähnelt. Jean ist verheiratet und hat eine große Familie, die er allerdings am liebsten loswerden würde. Am Morgen ihrer Begegnung wacht John im Hotel mit Jeans Kleidern und Gepäck auf, Jean hat sich mit seinen Habseligkeiten aus dem Staub gemacht. Nachdem John vergeblich versucht hat, den Irrtum aufzuklären, schickt er sich in die Situation und übernimmt die Rolle des Grafen. Unbegreiflicherweise scheint außer dem Hund niemand etwas von der Täuschung zu bemerken, auch wenn John mit einer Reihe verwirrender Situationen konfrontiert ist.

Ein Betrug - beinahe entlarvt durch Parfüm

In Bedrängnis gerät er jedoch durch die Verwechslung der Geschenke an seine Familie, wobei Parfüm eine wichtige Rolle spielt. Im Gepäck von Jean befinden sich nämlich mehrere Pakete, die jeweils mit Anfangsbuchstaben gekennzeichnet sind. Beim Präsent für die Ehefrau Francoise – ein Medaillon mit seinem Bildnis – trifft John ins Schwarze. In seiner Begeisterung beschließt er, die anderen Pakete im Beisein der ganzen Familie am Frühstückstisch auszupacken. Peinlich wird es, als sich das Geschenk für seinen Bruder als Potenzmittel entpuppt; auch das sexy Nachthemd für die Schwägerin ist offensichtlich nicht für die Augen der Anderen bestimmt. In das allergrößte Fettnäpfchen tritt John jedoch, als er seiner Schwester Blanche, einer frommen, verhärmten Jungfer, das mit B gekennzeichnete Paket übergibt. Am selben Abend berichtet ihm seine Tochter Marie=Noël:
„Weißt du, Papa, (…) mit dem Geschenk für Tante Blanche hast du dich geirrt. Sie hat es nicht auspacken wollen, und so haben Maman und ich das für sie getan, und drin war ein Zettel: „Für meine schöne Béla, von Jean“, gar nichts von Blanche, und es war eine riesige Flasche Parfüm darin, Femme heißt es, in einer reizenden Schachtel, ganz aus Cellophan, und auch der Preis war noch daran – zehntausend Francs.“

Sichtlich gekränkt komplimentiert Francoise John aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. Im Ankleideraum steht nun ein Feldbett mit Kissen und Decke, und auf der Kommode prangt einsam und unberührt die Parfümflasche mit dem leuchtenden Etikett Femme. Schon wenig später leistet John sich den nächsten Fauxpas und erfährt dabei, für wen das Parfüm bestimmt war.

Mitbringsel für die Geliebte

Als Marie=Noël versehentlich zwei Porzellanfiguren zerbrochen hat, die Francoise am Herzen liegen, will er die Figuren heimlich kitten lassen, und packt die Bruchstücke in die leere Parfümverpackung. In der Stadt schickt er Marie=Noël mit dem Paket in den Antiquitätenladen, während er selbst noch Bankgeschäfte tätigt. Als er später in das Geschäft kommt, ist das Kind längst weg, stattdessen empfängt ihn eine blonde Frau mit den Worten: „Warum um Himmels Willen, hast du die zerbrochenen Figuren in Cellophan und Papier gewickelt und eine Karte für mich beigelegt?“ Noch am gleichen Nachmittag landet John in Bélas kuscheligem Bett und erfährt bei dem Schäferstündchen, warum sein Doppelgänger seiner Geliebten stets Femme mitbringt:

„Weil er den Geruch gern hat und ich auch“
„Bedeutet das, der Gier dienen?“
„Das hängt von der Größe der Flasche ab.“
„Es ist eine sehr große Flasche.“
„Dann nenne ich es Voraussicht.“

John ist sich nicht sicher, ob er den Geruch von Femme kennt. „Parfümierten Frauen ging ich aus dem Weg; sie waren mir zuwider. Doch diese Frau war nicht parfümiert, sie duftete nach Aprikosen.“
Möglicherweise irrte John, und der Aprikosenduft hatte durchaus mit Femme zu tun. In Femme von Rochas kommt ein Duftbaustein vor, der an Pfirsiche und Pflaumen erinnert. Es handelt sich „Aldehyd C14“ (chemisch gesehen kein Aldehyd, sondern ein Laktat), das 1916 zum ersten Mal bei dem Duft Mitsouko von Guerlain eingesetzt wurde.

Abgesehen davon ist die Geschichte von Femme fast ebenso spannend wie der Roman.
Es war der erste Damenduft, der nach dem 2. Weltkrieg als Neuschöpfung auf den Markt kam, und zwar auf folgende Weise: Der Modemacher Marcel Rochas und seine Frau Hélène hatten ihr Couture-Haus leidlich durch den Krieg manövriert und trafen im Spätsommer 1944 mit einem Winzer namens Albert Gosset zusammen, der ihnen ein Geschäft vorschlug. Gosset hatte von Edmond Roudnitska die Formel für ein Parfüm erworben. Ihm war jedoch klar, dass er den Namen eines bekannten Designers brauchte, um den Duft zu vermarkten. Er klopfte bei Piquet, Balenciaga und Rochas an, und letzerer griff beherzt zu, weil der Duft seine Gattin auf Anhieb begeisterte.

Erfolg durch limitierte Edition mit Spitze

Gosset und Rochas gründeten eine Gesellschaft, errichteten vor den Toren von Paris eine Fabrik mit Laboratiorium und begannen mit der Herstellung. Kein leichtes Unterfangen, denn es war 1944 eine Mammutaufgabe, die über 100 Ingredienzen für Femme zu beschaffen. Zunächst konnte nur eine limitierte Auflage hergestellt werden, die exorbitant teuer war. Der Flakon wurde von Lalique gestaltet, die Packung war mit schwarzer Spitze bedruckt. Die ersten Flakons waren zudem in echte schwarze Chantilly-Spitze gewickelt. Schon im Dezember 1944 fanden rund tausend ausgewählte Damen aus betuchten Kreisen einen handgeschriebenen Brief in ihrem Kasten, mit dem Hinweis, sie könnten nun eine kleine Menge des limitierten Dufts ordern. Für die Adressatinnen war es im Grunde unwichtig, wie das Parfüm roch, Hauptsache, es war limitiert und teuer.

Die Konkurrenz schläft nicht

Schon bald nach Kriegsende drängten jedoch neue Parfüms auf den Markt, und auch die alten Klassiker waren nun wieder erhältlich. Rochas und Gosset mussten sich umstellen: Mit teuren Kleinauflagen war kein Gewinn zu erzielen, Femme musste breit vermarktet werden. Hélène Rochas hatte die passende Idee: In den Räumen des Modehauses Rochas organisierte sie eine Ausstellung mit dem Titel „Parfüm im Wandel der Mode von 1765 bis 1945“. Alle dort präsentierten Parfüms konnten von den Besuchern probiert werden, einschließlich Femme, das sich trotz des immer noch sehr hohen Preises zum Verkaufsschlager entwickelte.

Im Roman von 1957 kostet die „Riesenflasche“ 10.000 Francs. Eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass das 1961 das vom französischen Arbeitsministerium festgelegte Existenzminimum bei 1.400 Francs im Monat lag.

Die schöne Béla wusste das großzügige Geschenk ihres Liebhabers mit Sicherheit zu schätzen, und der Ärger von Ehefrau Francois galt nicht nur der Nebenbuhlerin, sondern auch der unanständig hohen Geldsumme, die John alias Jean für die Geliebte auszugeben bereit war.

Heute ist Femme als (überaus intensives und sehr haltbares) Eau de Toilette für einen Spottpreis zu bekommen. Der Duft wurde mehrfach neu formuliert, zuletzt 1989 von Oliver Cresp, hat aber noch immer seinen klassischen Chypre-Charakter bewahrt.

Eine perfekt ausbalancierte, zeitlos schöne Duftsinfonie aus Pflaume und Pfirsich, kombiniert mit Jasmin, Rose, Veilchen, Kümmel und Gewürznelke.

Deshalb hier gleich drei Tipps:

1) Den Roman „Der Sündenbock“ von Daphne du Maurier lesen

2) Femme ausprobieren

3) Die Verfilmung des Romans von 2012 mit Matthew Rhys in der Titelrolle ansehen




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