LeporelloLeporellos Parfumrezensionen

1 - 5 von 20
Leporello vor 5 Monaten 12
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
8
Flakon

Der schmale Grat zwischen Unvernunft und Emotion ...
oder warum eine Erinnerung manchmal unbezahlbar ist.

Es gibt wohl wenige Dufthäuser, die bemessen an Rezensionen in unterschiedlichsten Foren (allesamt nicht so gut wie Parfumo), auf so unterschiedliche Art und Weise polarisieren wie das Haus Creed. Mir scheint, dass Creed eine der Marken ist, ähnlich wie Apple, die man entweder heiß und innig liebt, ihr verfallen ist oder hasst. Nun versuche ich stets "nüchtern" und emotionslos Düfte zu testen, versuch dabei die Preisgestaltung und das Marketing außenvor zu lassen. Parfum ist für mich einfach ein Bereich meines Alltags, wo ich mir keine Dogmatik leisten möchte (obwohl mir hier und da ein Hang zur Dogmatik in Sachen Musik nachgesagt wird). Die lange Einlaufkurve zu meinem Kommentar soll einfach nochmal deutlich machen, dass ich immer bestrebt bin Düfte ohne Vorurteile zu testen (ok ich gebe zu bei Marken wie Gaultier, Diesel und Paco Rabanne gelingt es mir nicht). Mit Viking kam ich Anfang des Jahres in Kontakt, als ich bei einer anderen Creed Duftbestellung eine Probe erhalten habe. Mein erster Eindruck passt auf den weiter unten stehenden Kommentar von Sinairq, der genau treffend Viking als "besonders unbesonders" in seiner Headline beschreibt. Bereits kurz nach dem Aufsprühen war mein erster Gedanke ziemlich ernüchternd und ich dachte bei mir "na denen geht es wohl zu gut, sowas für eine UVP von 200€ anzubieten". Creed scheint mittlerweile mit ordentlich Chuzpe gesegnet zu sein. Kurzum meine Nase quittierte den Duft als recht simples "Würzwässerchen" drogeriemäßigen Ausmaßes. Versteht mich nicht falsch, Viking roch dem ersten Eindruck nach nicht schlecht, aber "besonders" ist was anderes. Dennoch gab ich dem Duft eine Chance, denn unter die Kategorie "man reiche mir schnell Kernseife und Wurzelbürste" fällt er eindeutig nicht.

Ich wartete also geduldig und merkte nach etwa einer knappen Stunde wie der Duft auffallend angenehmer wurde. Immer wieder strömte ein Duft in meine Nase, der mir ungemein bekannt und angenehm vorkam. Einen ganzen Nachmittag dachte ich darüber nach, woher ich den Duft kennen könnte und erst am Abend viel mir es mir ein. Mensch, das ist doch exakt der Geruch von Opas Rasierseife! Ja, genau so roch Opa wenn er sich rasierte! Plötzlich waren die Bilder wieder da, wie ich als kleiner Junge am Sonntagmorgen mit Opa vor dem Rasierspiegel stand und mich mit ihm rasieren durfte. Kurzum Viking erinnerte mich an diese herrliche Rasierseifen-Atmosphäre in Opas gelb-gekacheltem Bad. Mein Großvater entstammte einer Generation, für die es noch sehr wichtig war stets glatt rasiert zu sein. Ein Kirchgang ohne vorher sauber rasiert zu sein war blanke Blasphemie und so war mein Großvater stets drauf bedacht immer ausreichend mit Rasierseife und Klingen für seinen Rasierhobel versorgt zu sein. Ich weiß noch, dass Opa seine Rasierseife bestimmt fünfzig Jahre lang bei ein und demselben Ladengeschäft in unserer kleinen mittelalterlichen Stadt kaufte. Ein Ladentypus, den es so nie mehr geben wird. Wo die Waren noch in einer Art Körbchen dem Kunden angeboten wurde. Wo man sich noch nicht als Parfümerie, sondern Fachgeschäft für Toilettenartikel verstand.

Viking schafft es perfekt diesen Duft besagter frisch aufgeschlagener Rasierseife (ich meine damit jene Art, die man in den Rasiermug einlegt und von dort aus aufträgt) zu imitieren. Was zunächst als mittelmäßige "Gewürzkanonade" von Pfeffer und Zitrusfrucht beginnt, wandelt sich nach einer knappen Stunde in einen frischen, leicht minzigen Duft untermalt von warmen Holz- und Pfeffernoten. Da steht er mein Großvater im angewärmten Badezimmer und schlägt die Rasierseife auf während aus dem Waschbecken dicke Hitzeschwaden emporsteigen. Dieser warme Rasierseifen-Vibe bleibt auf meiner Haut sehr präsent und wird im Verlauf, gefühlt nach etwas mehr als zwei Stunden von einer warmen Sandelholznote unterstrichen. Gefühlt ist die hier angegebene Duftpyramide mir persönlich zu ausladend, denn die Noten von Patchouli, Lavendel und Vetiver vermag ich nicht heraus zu riechen. Erfreulicherweise bleibt Viking dann doch recht linear bei diesem Dufteindruck und bietet mir mit knapp acht bis neun Stunden diese wunderbare Retrospektive bis der Duft dann langsam ausklingt. Leider weiß ich bis heute nicht den Hersteller der Rasierseife und es ist legitim die Frage nach dem monetären Wert einer solchen Erinnerungen zu stellen. Mit persönlich war es den Preis wert dieses wunderbare Bild nun wieder olfaktorisch erleben zu dürfen, dennoch verstehe ich auch die Kritiker. Viking bietet einfach zu wenig Spektakuläres für den aufgerufenen Preis. Für mich selbst bewahrheitet sich aber mal wieder das alte Zitat von Oscar Wilde:

"Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und nicht den Wert"

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Leporello vor 9 Monaten 25
9
Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
8
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Ein Vergleich ist nur so gut wie die Kombattanten ...
Viel wurde über Green Irish Tweed und seinen Klon Cool Water geschrieben. In zahlreichen Internetforen, allesamt freilich nicht so gut wie Parfumo, hört man immer wieder, dass faktisch keine Unterschiede zwischen den beiden Düften existieren. Ich kann und möchte dies so nicht stehen lassen, denn ich kenne sowohl Cool Water als auch Green Irish Tweed und finde beide Düfte auf ihre Weise und Verwandtschaft großartig, sehe oder rieche aber doch einige, wenn auch feine Unterschiede. Beim Schreiben dieses Kommentars kam mir ein kürzlich geführter "Experten-Disput" in Erinnerung. Als Klassikliebhaber und leidenschaftlicher Hobby-Pianist debattierte ich leidenschaftlich mit einem lieben Kollegen (ebenfalls Hobby-Pianist) über unsere jeweilige Ausrüstung. Konkret ging es um den Streit ob sein Steinway oder mein Bösendorfer den bessere Klang liefert. Man merkt schon eine Diskussion auf hohem Niveau und weitab alltäglicher Sphären. Leidenschaftlich trat ich für meinen Bösendorfer ein, für mich die Perfektion in Sachen Klavier-und Flügelbau und so ließ ich mich hinreißen, den Klang seines Steinways als "unvollendet" und "zu spitz" und überhaupt gar nicht rund zu beschreiben. Nun haben wir immer mal wieder diese Diskussion, was unserer Freundschaft jedoch keinen Abbruch tut und so können wir für unsere Mitmenschen teilweise sehr "strange" Stunden darüber debattieren ob Rachmaninows 2. Klavierkonzert op. 18 in c-Moll auf meinem Bösendorfer oder seinem Steinway besser klingt. Worauf will ich hinaus? Nun am Ende ist es in Sachen Parfum wie in Sachen Musik eine "une question de goût" und die jeweilige Erfahrung bedingt den eigenen Standpunkt.

Ich habe bis dato immer gerne Cool Water benutzt, auch weil es für mich immer noch ein "Meilenstein" in Sachen Herrenparfum ist und ja, auch ich dachte lange Zeit nicht daran es mal mit Green Irish Tweed zu versuchen. Hab ich mich also lange Zeit von den zahlreichen Kommentaren um den Finger wickeln lassen? Es scheint so! In diesen Tagen, geprägt durch Monotonie, Arbeit und kultureller Einöde, habe ich die Zeit gewonnen einige neue Düften zu erwerben und ausführlich zu testen. So auch Green Irish Tweed. Was soll ich nun groß umherreden für mich riecht Green Irish Tweed (zumindest auf meiner Haut) bis auf die Basis überhaupt nicht wie Cool Water. Das beginnt schon unmittelbar direkt nach dem Aufsprühen wo ich saftige aber nicht beisende Zitronenaromen mit Pfefferminze wahrnehme. Schon das Opening wirkt sehr "rund" und gediegen und bietet einen "Frische-Kick" der mich allerdings weniger an schroffe Steilklippen, sondern mehr an taubedeckte Wiesen in der Morgenfrische erinnert. Dieser Eindruck hält auf meiner Haut für etwa fünfzehn Minuten an, bevor ich einen deutlichen floralen Einschlag wahrnehme, welcher sich mit der Zeit mehr und mehr unter die frisch-zitronige Kopfnote schieb und dem Duft eine deutlich blumig-herbe Komponente verleiht. Diese Mischung aus zitrisch-frischen und blumig-herben Noten verbleibt dann auf meiner Haut etwa für zwei Stunden, bevor sich eine äußerst angenehme holzige und ambrierte Basisnote breit macht, die erstaunlicherweise nun erstmal einen leicht "aquatischen" Eindruck erkennen lässt. Am Ende, nach etwa fünf Stunden, merke ich zwischen Green Irish Tweet und Cool Water keinen Unterschied mehr, mag heißen, dass der Drydown für mich identisch riecht. Jetzt mag man sagen, viele Wege führen nach Rom und entscheidend ist was hinten raus kommt, doch für mich zählt der zurückgelegte Weg dahin. Um nochmal die Metapher in Sachen Rachmaninow, Bösendorfer und Steinway zu bemühen, möchte ich sagen, dass Rachmaninows 2. Klavierkonzert ebenso grandios auf einem Steinway bestritten werden kann, wie auf einem Bösendorfer. Doch der geübte Kenner mag auf dem Weg vom Beginn bis zum Ende einen Unterschied merken. Beide Pianisten werden, sofern sie ihr Handwerk beherrschen, mit dem Applaus des Publikums belohnt werden, so verhält es sich auch analog mit Green Irish Tweed und Cool Water, doch beschreitet Green Irish Tweet den Weg runder, feiner und insgesamt austarierter, ja auch weniger "chemisch" im Gegensatz zu Cool Water.

So bleibt es am Ende eine Frage des Geschmacks und sicherlich auch der Hautchemie, wie und wo Unterschiede zwischen den beiden "Meisterwerken" zu entdecken sind, doch lohnt es sich vom jeweiligen Standpunkt aus mal links und rechts zu schauen.
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Leporello vor 2 Jahren 15
10
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Reden wir über Kouros, Charakter und Katzen ...
oder warum manche Düfte Zeit brauchen, bis man sie schätzen lernt. Zum Verständnis des folgenden Kommentars ist es zwingend notwendig, dass ich mich als Fan von Kouros, seinen Sommerflankern (bis zum Jahr 2006, die nachfolgenden waren Mist) und Zibet oute. Egal wie die Mehrheit der "olfactory society" sich zu Kouros positioniert, für mich ist und bleibt Kouros ein genialer und bemessen an heutigen "Duftbomben" ein wunderschöner, aber auch tragbarer Duft. Will heißen, bevor ich in den zweifelhaften "Genuss" eines gaultier´schen Kampfmittel komme, möge man mich lieber mit Kouros überschütten. Als Fan von Kouros, mochte ich auch stets die Sommerflanker, besonders der hier sehr gelobte Kouros Cologne Sport (2003), leider nun nirgends mehr zu erhalten und somit nur noch eine duftende Erinnerung. Als aufmerksamer Leser unseres geschätzten Forums, wurde ich alsbald auf Lapidus pour Homme Sport aufmerksam, angeblich ein Duftzwilling des erwähnten Kouros Cologne Sport und damit ein sofortiger Testkandidat. Düfte mit der Bezeichnung "Sport" lösen jedoch im Allgemeinen und Speziellen bei mir ein ganzes Orchester an Warnmeldungen aus, nur wenige sogenannte "Sportflanker" sind ernsthafte Testkandidaten und überhaupt sollte man Bezeichnungen wie Sport, Intense und Extreme aus der Parfümwelt verbannen. Bedienen wir uns doch lieber simpler Beschreibungen wie Cologne oder L´Eau und man weiß zumindest einigermaßen, was wir erwarten dürfen. So ist Lapidus pour Homme Sport für mich weniger ein "Sportduft" als eine Art Kouros Cologne oder Kouros L´Eau. Nun an Kouros und auch seinem Äquivalent aus dem Hause Lapidus scheiden sich ja wahrlich die Geister und so ist es nicht verwunderlich, dass auch Lapidus pour Homme Sport ein, nach heutigen Maßstäben sehr polarisierender Duft ist. Dennoch verdient er einen Kommentar und eine möglich genaue Beschreibung und Einordnung.

Lapidus pour Homme Sport, steht in einer Traditionslinie zu den Kouros Sommerflankern und das merkt man auch direkt und wahrlich unmittelbar nach dem Auftragen. Der Duft eröffnet mit einer Kanonade von scharf-zitrischen Bergamotten- und Zitrusnoten, die zugegeben erstmal einen "Overkill" für die Nase bedeuten kann. Doch wirkt dieser Auftakt nicht chemisch-künstlich, sondern trotz seiner Intensität sehr natürlich, wenn auch nicht das mildere Öl der Früchte, sondern die herb-frischen Zesten Pate standen für das Opening. Zugleich merkt man aber auch eine gute Portion frischer Kräuter, die dafür sorgen, dass die Zitrusnoten einigermaßen gebändigt werden, herausragend umgesetzt ist hier für mich der Rosmarin und das Basilikum. Sofort stellt sich ein mediterraner, wenn auch schroffer Dufteindruck ein, der durchaus bildlich die griechische Küstenlandschaft wiederspiegelt. Nach etwa einer halben Stunden gesellen sich florale Noten hinzu, die ausgesprochen gelungen und sehr natürlich wahrnehmbar den Duft für eine gute Stunden markant prägen. Den Duft der Orangenblüte nimmt man deutlich wahr und dieser verschmilzt regelrecht mit den "schroffen" Kopfnoten und mildert so den Dufteindruck erheblich ab, die Rosengeranie spendet dem Duft eine leichte florale an "überreife" Rosen erinnernde Süße. Lapidus pour Homme Sport spielt hier gekonnt mit sehr explizit weiblichen Noten und bettet sie sehr gut in das maskuline Thema ein. Nun würden wir nicht von einer riechbaren Verwandschaft reden, wenn nicht auch eine Portion animalischer Noten dem Duft beigefügt wurde. Jedoch handelt es sich hier nicht am einen Zibet-Kracher, hier spring einem die Katze nicht mit dem Gesäß ins Gesicht, nein, sie umschmeichelt einen, will gestreichelt werden und macht auf sich aufmerksam. So liegt eigentlich schon zu Beginn des Duftes ein leichter animalischer Schleier über dem Duft, süßlich und warm wirkend, ein bisschen dreckig und sehr charaktervoll.

Nach etwa einer guten Stunde verschmilzt der Duft zu einer einzigen, aus zitrisch-blumigen, durch Gewürze abgemilderten und animalisch untermalten Melange, deren Haltbarkeit enorm, aber deren Sillage sehr angenehmen und niemals störend ist. Nun mag kritisieren, dass Lapidus mit diesem Duft gute dreißig Jahre zu spät ist, dass er eigentlich nicht mehr dem heutigen Zeitgeist entspricht, ach und überhaupt nicht mehr tragbar ist. Meiner Meinung nach sind diese Attribute alle falsch! Lapidus pour Homme Sport gibt uns Korous-Freunden eine sehr tragbarer Neuinterpretation des doch nach wie vor geliebten Griechen. Und wenn wir schon von Griechen, Griechenland und Kouros reden, so finde ich den Dufteindruck der griechischen Inseln mit ihren schroffen Küsten, saftigen Plantagen und Gärten hier sehr gut umgesetzt. Irgendwie fühle ich mich an einen Garten an der griechischen Küste versetzt mit blühenden Zitrusbäumen, Steingärten mit Kräutern und einer kräftig schnurrenden Katze auf meinem Schoß.
3 Antworten

Leporello vor 2 Jahren 5
8
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
8
Flakon

Diese verflixte Shareholder Value ...
Dies wird ein sehr schwieriger Kommentar da ich mir überhaupt nicht sicher bin ob ich diesen Duft verteufeln oder mit Freude tragen soll. Was die Zino Davidoff SA sich auch immer bei einem ihren letzten "Abteilungsleiter-Gesprächen" in der Parfumsparte gedacht haben mag, dem großen Klassiker einen "jungen" Bruder an Seite zu stellen, es muss mit der Gier nach Geld zusammenhängen. Nun kam es wie es kommen muss, man nimmt den Namen, den Mythos und die Reputation eines Duftklassikers, verändert nicht mal das Design und haut einen Duft raus, nun ja der äußerst schwierig zu fassen ist. Cool Water ist und bleibt ein toller Duft, ein Klassiker zu recht und mit Sicherheit die "Cash-Cow" im Hause Davidoff. Da wird ein findiger Bursche sich gedacht haben "machen wir doch ein Neues Testament und springen auf den Intense-Hype auf" und schwups war die Idee geboren. Ich glaube ja, dass Davidoff bewusst hier auf den Nimbus des Klassikers setzt und die Neugierde (ja auch meine) anzusprechen versucht. Hat funktioniert! Es kam also, dass ich vor kurzem bei einem Bummel durch die Stadt (der erste Weg führt immer in meine Stammparfümerie) natürlich Cool Water Intense entdeckte. Testen? Na klar! Am Ende siegt immer die Neugierde und unsere Nasen sind ja auch erprobt und halten so manches Odeur aus. Also rauf damit auf den Handrücken und Eindrücke sammeln. Eindrücke? Welche Eindrücke? Heute beim Blick auf die Duftpyramide ist mir klar, wieso und warum der Eindruck (man kann von Eindrücken gar nicht reden) eher eindimensional blieb. Hier setzt aber nun der "Casus Belli" ein. Es darf eigentlich nicht sein, aber das "Zeug" riecht verdammt gut auf meiner Haut und gar nicht mal so chemisch. Bin ich geistig und olfaktorisch im Mainstream angekommen? Ich, der ich es liebe auf meinem Konzertflügel Bach, Chopin und Liszt zu spielen? Kann nicht sein!

Nun genug des Selbstzweifels. Was haut uns denn Davidoff hier um die Nasen? Tja, ich würde meinen einen tollen, wenn auch eindimensionalen Cocktail und recht natürlich dazu. Cool Water Intense eröffnet erstmal herrlich süßlich-spritzig frisch mit dem Eindruck einer Kanonade von allerlei Orangen- und Mandarinennoten (ich finde hier auch leichte Anklänge an Arancia di Capri von Acqua di Parma). Zugleich, nach etwa zehn Minuten, kommt eine sehr gelungene Kokos-Note hinzu, will meinen kein Bounty-Effekt oder zuckersüßer-Mädchen-Duschgel-Alptraum, sondern das Gefühl frisch aufgeschlagener Kokosnüsse. Bedeutet aber auch, die Kokosnote ist nicht überbordend, sonder wirklich eher frisch-wässrig, wie eben das Kokoswasser aus selbiger Nuss. Gekonnt gemacht von Frau Ménardo. Kokos und Männer ist ja immer so eine Sache. Das geht gerne nach hinten los, persönlich bei mir so geschehen mit Virgin Island Water von Creed (bekomme heute noch Karies beim Gedanken daran). Hier bei Cool Water Intense ist es wirklich nur eine sehr leichte Note, die nach etwas mehr als einer Stunde mit den Ambernoten das ganze umrundet und so einen eindimensionalen und sehr haltbaren Dufteindruck hinterlässt. Im Wesentlichen auf den Punkt gebracht mit den Worten frisch-warme Orangennoten treffen auf frisch geöffnete Kokusnuss auf warmen Sand. Dennoch gefällt mir der Duft sehr gut an mir, er wird nämlich erfreulicherweise nicht penetrant und ich mag ihn gerne an mir riechen. Für den Frühling sicher eine tolle Option wenn es mal legerer zugehen sollte, wenn statt Bach und Liszt mal wieder mehr Lust auf Eric Clapton, Die Beatles oder gute Laune Pop herrscht.
3 Antworten

Leporello vor 2 Jahren 7
8
Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Flakon

Lassen wir etwas Licht in den Elfenbeinturm ...
Wenn man sich bereits eine geraume Zeit mit Parfums beschäftigt, mal genauer hinsieht, testet und seine Nase in den duftenden Nebel hält, muss man aufpassen nicht die Bodenhaftung zu verlieren. So geschehen bei mir und daher durchaus auch selbstkritisch zu verstehen. Je mehr man testet, riecht und kennen lernt, umso mehr hat man bestimmte Vorstellungen von einem Duft. Man kreiert so glaube ich eine Art "perfekten" Duft in seinem Hinterkopf und nimmt ihn zum Vergleich hervor. Mir ist aufgefallen, dass je mehr "Luxus- oder Nischendüfte" ich getestet habe, umso harscher meine Kritik an den "Crowdpleasern" ausfällt. Das ist nicht zwingend gut und man läuft Gefahr so manchem Duft unrecht zu tun. Ein Paradebeispiel für solch einen zu unrecht abgewerteten Duft ist Baldessarini Eau de Cologne. Lassen wir die markante Werbung mit ihrem Slogan mal außen vor und gehen direkt in die Inhalte. Baldessarini Eau de Cologne ist ein Duft, welcher mittlerweile für kleines Geld online und offline zu beziehen ist. Ergänzt wird das Angebot durch After Shave, Duschgel und Deostick und das seit Jahren.

Nach langer Zeit habe ich mir diesen Duft mal wieder zugelegt, weil er mir eigentlich schon ab Erscheinen sehr gefiel und für mich eine Art Eierlegende Wollmilchsau darstellt. Hier wird das Rad freilich nicht neu erfunden aber die Kombination aus frischen eher süß-zitrischen Noten und Gewürzen mit Patchouli finde ich hier sehr rund und angenehm umgesetzt. So kann ich auch den Duft gar nicht wirklich in eine Kategorie einordnen, denn er ist weder klassischer Gewürzduft noch frischer Frühlingsschmeichler. Die Kopfnote eröffnet sodann auch nicht unmittelbar scharf-spritzig frisch, sondern eher warm-süßlich gedämpft und von leichten Gewürznoten begleitet. Ein wenig erinnert mich dieses Opening als würde man in einem Küchenmörser Mandarinenschale, Gewürze und Öl der Zitrusfrüchte zu einer Paste verstoßen. Glücklicherweise ohne Weihnachtsbäckerei Assoziationen. Diese Kopfnote verfliegt jedoch sehr schnell und macht nach etwa fünfzehn Minuten Platz für eine ziemlich interessante Mischung aus Patchouli (aber nicht das muffige Keller-Patchouli), balsamischen Noten (keine Ahnung was das sein soll) und Holz. Warum hier Minze aufgeführt ist vermag meine Nase nicht zu verstehen. Was hier als balsamische Note und Patchouli umschrieben wird, erinnert mich ein wenig an den Geruch von leicht feuchten Tabakfeinschnitt, wie wir sie früher in den Beutel gekauft haben. Dennoch fällt es mir schwer hier zu behaupten, es handele sich um einen reinen Tabakduft, vielmehr ist ein ein fruchtig würziger mit Nuancen von Tabak unterlegten Frühlingsduft. Erstaunlicherweise erinnert mich Carvens neuer Duft Paris La Havane an das Konzept von Baldessarinis Eau de Cologne, ein wenig als hätte Carven eine "Intense-Version" von diesem Duft geschaffen. Die Haltbarkeit dieses Eau de Cologne liegt bei knapp sechs Stunden mit eher hautnaher Sillage, was aber dennoch mitunter ausreichend sein kann.

Wenn ich den Duft von Baldessarinis Eau de Cologne in einer Assoziation beschreiben würde, dann am ehesten mit dem Bild einer hügeligen kubanischen Landschaft voller Tabak- und Fruchtplantagen umgeben von Wald und morgendlicher Nässe. Alles verschwimmt so in einer süßlich-würzigen und gedämpft fruchtigen Melange. Was wir und auch ich aber von diesem Duft lernen können ist, dass es sich lohnt mal wieder den Elfenbeinturm mit Licht zu durchfluten und sich in die Niederungen der "Mainstream-Düfte" zu begeben um auch dort kleine Schätze zu entdecken.
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