LeporelloLeporellos Parfumrezensionen

6 - 10 von 20
Leporello vor 2 Jahren 7
8
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
6
Flakon

Zwischen Schwarzwaldklinik, Live Aid und der ersten Zigarette ...
oder warum die achtziger Jahre einmalig waren. Die achtziger Jahre waren ein äußerst spannendes und ereignisreiches Jahrzehnt für uns Deutsche. Gefühlt lebte man zwischen Schwarzwaldklinik, Samstagabendshow, Waldsterben, Friedensdemo, Mauerfall und das Ganze garniert mit deutscher Spießigkeit. Für viele sind die achtziger Jahre aber auch ein Jahrzehnt des Aufbruchs und dem Start ins eigene Leben. Ich mag die achtziger Jahre vor allem für ihr Lebensgefühl, die Düfte und nicht zuletzt die wunderschönen Autos. Modisch waren die achtziger Jahre eine Katastrophe, umso interessanter, das viele meiner Lieblingsdüfte in diesem Jahrzehnt auf den Mark kamen, so auch Open von Roger & Gallet.

Wenn man eine Verknüpfung zwischen Open und dem Gefühl der achtziger Jahre herstellen möchte, dann kann man dies zu einem recht frühen Zeitpunkt schon fühlen. Denn wenn Open auch mit dem Image eines "Sportduftes" kokettiert, ist der Auftakt alles andere als sportlich-frisch und zurückhaltend. Vulgär gesagt, haut dir Open ziemlich brutal, mit einer Kanonade von Aldehyden und Seife garniert mit Zitrusnoten, sowas von in die Fresse, dass ich mir zunächst nicht sicher war, ob ich das aushalten kann. Liebe Güte was ist das für ein Auftakt, hier findet sich kaum ein Attribut, was mein Gefühl beschreiben kann. Ich rieche eine solche Ladung Aldehyd geschwängerter Seife mit stechenden Zitrusnoten, da ist Ata Reiniger ein Scheißdreck dagegen. Da helfen auch keine Sprüche oder Floskeln á la "Junge davon bekommst du Haare auf der Brust" mehr. Der Auftakt ist ekelhaft.

Kurzum ich war bitterlich enttäuscht und fest entschlossen schnellstmöglich die Dusche aufzusuchen um dieses ekelhafte Gebräu von der Haut zubekommen. Der Zufall wollte aber, dass ich noch eine kurze Zeit beschäftigt war und feststellen musste, dass ich mal wieder vorschnell geurteilt hatte. Denn bereits nach etwa zehn Minuten war der Ekel einem Staunen gewichen, die brachiale Seifen-Aldehyde-Zitrus Kanonade war fast verschwunden und ich roch allmählich diesen herrlich dunklen Tabak. Eindeutig schwarzes Kraut, kein feiner Virginia, kein Orientabak,sondern tief dunkles Kraut Marke Schwarzer Krauser. Muss man mögen, riecht für mich aber frisch geöffnet einfach herrlich. Auch die heftigen Zitrusnoten, die wahrlich kein Bergamottenaroma verbreiten, wurden viel angenehmer und begleiteten den Tabak auf frisch angenehme Weise. Nach etwa einer halben Stunde verbleibt dann auf der Haut für eine gefühlte Ewigkeit das holzig-warme Aroma frischem Tabakfeinschnitt, aufgefrischt mit leichter Zitrusnote und minimaler Seife.

Vielleicht liegt es an einem Gefühl ungebremster Nostalgie aber ich mag den Duft nun doch sehr gerne und bin bereit im sein freches und ungestümes Auftreten zu Beginn nachzusehen. Vielleicht sehe ich mich auch in Adidas Allround Sneakers mit weißen Sportsocken, Karottenjeans und Trainingsjacke meine erste Zigarette drehen. Kurzum der Open darf bleiben und wird jetzt im Herbst öfters aufgelegt werden, auch wenn ich nicht mehr in den Klamotten von damals rumlaufen möchte, hab ich das Gefühl das wir damals verglichen mit heute einfach die "geileren" Düfte trugen. Sozusagen Live Rock statt uniformer Retortenmusik.
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Leporello vor 2 Jahren 5
7.5
Duft
10
Haltbarkeit
8
Sillage
8
Flakon

Irgendwo zwischen Fahrenheit, M7 ...
und einem alten Tabakladen in einer deutschen Kleinstadt Ende der 1980er Jahre. Als denkender Mensch sollte man meinen, dass es nicht sinnvoll erscheinen mag, einen Duft "blind" zu kaufen, will meinen ohne ihn vorher getestet zu haben. Aber wer kennt das nicht, man liest irgendwo ein paar Zeilen über einen Duft, schnappt Schlagworte auf, die einem gefallen und am Ende beschließt man den Duft blindlings zu kaufen. So erging es mir mit Hommage à l'Homme von Lalique. Grund für das Ganze war, dass ich vor geraumer Zeit einige Zeilen über den Duft gelesen hatte , die mir einen Eindruck vermittelten, es handele sich hierbei um einen "Tabakduft". Wer meine Kommentare liest, der wird schnell merken, dass ich Düfte mit prominenter Tabaknote äußerst schätze. Darin liegt schon die Krux, denn oftmals setzt dann meine Vernunft aus und ich bestelle mir den Duft dann gerne blind. Ich sollte es eigentlich besser wissen. So bin ich dann auch, offensichtlich mit der vollkommen falschen Erwartung, an den Duft herangegangen.

Zwar war mit klar, nach der Lektüre hier auf Parfumo, dass der Duft auch prominente Vorbilder wie M7 und Fahrenheit hat, aber der Reihe nach. Direkt nach dem Aufsprühen stieß mir eine ich möchte sagen "verwässerte" Mixtur aus M7 und Fahrenheit entgegen, die mich alles andere als begeisterte. Nun wollte ich dem Duft naturgemäß seine Chance geben und erstmal abwarten wohin die Reise geht. Und siehe da, nach etwa zwanzig Minuten wurde der Duft deutlich angenehmer, will heißen runder und mild würzig, zeitgleich holzig und leicht rauchig. Der erste Eindruck der Kopfnote wurde positiv ergänzt und ich glaubte, der Duft könne mir am Ende doch gefallen. Leider kam es anders. Nach etwa einer guten Stunde wird der Duft extrem linear auf meiner Haut, die Entwicklung stagniert und es macht sich ein Duft, naja eigentlich mehr ein Aroma breit, was Luca Turin einmal in einer seiner Kolumnen ein "Parfum d' Ambiance" nannte. Eben dieses "Parfum d' Ambiance" birgt zwar schöne Erinnerungen an meine Kindheit, doch möchte hier nicht so recht eine "verträumt" angenehme Retrospektive aufkommen. Nur woran erinnert mich nun dieses lineare Aroma von Hommage à l'Homme?

Es erinnert mich an den an den Tabakladen eines alten Freundes meines Großvaters. Mein Großvater, seines Zeichens passionierter Pfeifenraucher, pflegte oftmals am frühen Abend, wenn er seine Firmenpost noch schnell in die nahe gelegene Stadt zum Hauptpostamt brachte, mit mir als kleiner Bub im Schlepptau noch schnell gegenüber dem Tabakladen eines alten Freundes einen Besuch abzustatten. Schließlich galt es, noch schell etwas Nachschub an Tabak zu besorgen, wollte man es sich nach getaner Arbeit am Abend in kleinem Maße gut gehen lassen. So kam es dann, dass ich oftmals Opa begleitete und meistens gegen halb sechs Uhr abends noch mit ihm besagtem Tabakladen einen Besuch abstatte. Der Inhaber und mein Großvater kannten sich seit Kriegszeiten und gefühlt, hat sich in dem Laden seit Mitte der dreißiger Jahre auch nichts mehr verändert. Massiv holzgetäfelte Wände, Regale aus dunklem Holz und Vitrinen aus verzierten Glas schmückten nebst allerlei unterschiedlicher Tabaksorten (in großes Gläsern bzw. Tontöpfen den Laden) und dämmerigen Licht den Laden. Ein wundervolles Ambiente und meistens blieb mein Großvater doch einige Minuten länger um einfach einen Plausch zu halten. Manchmal, meistens samstags am frühen Nachmittag, natürlich war ich wieder dabei, besuchte mein Großvater den Laden um mit dem Besitzer auch eine Tasse Kaffee zu trinken, nachdem man seinen Vorrat für das Wochenende aufgefüllt hatte. Der Duft des Ladens war einmalig, eine Mischung aus dunklem Holz, feuchten Tabaksorten und einer gewissen fruchtigen Süße. Ich bilde mir heute noch ein, dass der Laden auch nach überreifen Sauerkirschen roch.

Eben hier setzt Hommage à l'Homme für mich in seiner linearen Struktur an. Denn Hommage à l'Homme riecht auf meiner Haut exakt nach dem Geruch dieses über hundert Jahre alten Ladens. Eine wunderbare Erinnerungen aber leider zeigt sich Hommage à l'Homme so haltbar, dass ich nach gefühlten zwölf Stunden, dieses Geruch einfach nicht mehr ertragen kann. So gerne ich dem Laden mit Opa einen Besuch abstattete, aber ich möchte nicht den ganzen Tag nach einem hundert Jahre alten Tabakladen riechen. Vielleicht mag es auch daran liegen, dass es mit Erinnerungen ist wie mit manchem Kuchen, schnell hat man sich dran satt gegessen. An diesem Punkt möchte ich auch meine Kritik anknüpfen, denn Hommage à l'Homme entwickelt sich auf meiner Haut mehr zu einem Raumduft, denn zu einem Parfum. Die Haltbarkeit und Sillage sind dementsprechend auch zu stark, selbst nach einer Dusche konnte ich noch Reste des Duftes am Handgelenk erschnuppern und auf Kleidung hält der Duft gefühlt ewig. Das alles ist zwar eine schöne Erinnerung, aber am Ende ist Hommage à l'Homme für mich kein wirkliches Parfum.
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Leporello vor 2 Jahren 11
9
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
9
Flakon

Gefühlte 120 Jahre zu spät ...
oder warum Cartier scheinbar eine Tiefe Sehnsucht nach der Belle Époque plagt. Zu Beginn möchte ich kurz deutlich machen, dass ich ein Fan der Cartier Düfte bin. Meiner Nase nach, hat sich Cartier im Herrensegment bis dato keinen Patzer geleistet. Pasha, Santos und Déclaration sind für mich Düfte, die mehr als um es "neudeutsch" zu sagen "safe" sind. Auch L'Envol reiht sich meiner Meinung nach in diese Riege der großen Düfte von Cartier nahtlos ein. Auch möchte ich vorabschicken, dass ich die Eau de Parfum Variante nicht kenne und ich so keinen Vergleich zwischen den beiden Konzentrationen vornehmen kann.

Zugegeben, zu Beginn meiner Tests (und ja L'Envol brauchte mehrere Tests um ihn zu verstehen) war ich etwas skeptisch, soll meinen, dass ich den Duft überhaupt nicht einordnen konnte und mir nicht sicher war, was Cartier mir mit L'Envol sagen möchte. Auch jetzt, wo ich den Kommentar verfasse, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten, den Duft komplett verstanden zu haben. Das Problem der möglichst genauen Einordnung von L'Envol beginnt schon unmittelbar nach dem Aufsprühen. Mein erster, zweiter und auch gefühlt zehnter Gedanke ist nach wie vor "das riecht irgendwie extrem gediegen und aus der Zeit gefallen" dicht gefolgt von einem ungläubigen Blick auf das Erscheinungsjahr. Man man mag mich bitte nicht kreuzigen, aber auch Gedanken wie "das könnte auch ein Guerlain um 1900 sein" oder "so rochen bestimmt die Höflinge zu Potsdam" kamen mir in den Sinn. Nun gilt es zu erklären wie ich auf diese Gedanken und Eindrück gekommen bin.

Direkt nach dem Aufsprühen schlägt mir ein ziemlich kräftiger Hauch von allerlei zitrischen Noten entgegen, jedoch weit entfern von heutiger Putzmittel und billig Chemie Attitüde, sondern vielmehr in der Art eines feinen Eau de Cologne aus Italien oder Spanien gepaart mit einer ordentlichen Portion pudrigem Moschus und feinem Heckengehölz. Zugegeben hat mich das erstmal nicht sonderlich beeindruckt, das Rad erfindet man damit wahrlich nicht neu und dazu braucht es auch nicht den "Nimbus" einer Luxusmarke wie Cartier. Kurzum die Enttäuschung war groß und ich war mir nicht sicher, ob es sich hierbei um einen Männerduft handelt (was der Duft auch einfach nicht ist, er ist unisex par excellence). Was ich dann aber knappe zehn Minuten später roch, hat mir die Sprache verschlagen und ist eigentlich, bemessen an den oben genannten Duftnoten nicht zu verstehen. Ich nahm und nehme auch immer noch bei Auftragen eine wunderbare Eichenmoos-Note wahr, die mich (man möge mich nicht kreuzigen) an jene in Mitsouko (Eau de Toilette) erinnert. Sofort zauberte mir L'Envol ein breites Lächeln ins Gesicht, ein Duft aus dem Jahr 2017 mit einer so tollen Eichenmoos Note, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Erfreulicherweise bleibt auf meiner Haut über den gesamten Duftverlauf diese Eichenmoos Note unterschwellig präsent und wird abwechselnd changierend begleitet von aufleuchtenden Zitrusnoten, feinem Gehölz und einer leichten Bienenwachs Note ähnlich jener bei hochwertigen Bienenwachskerzen.

Sofort kommen mir wieder Gedanken und Bilder aus der Zeit der Belle Époque in den Sinn. Ich rieche und sehe große Altbau Villen mit Holzgetäfelten Räumen in den Ottomanen, schwere Vorhänge und Kerzenleuchter stehen. Der Krieg scheint noch in weiter Ferne und doch glimmen erste üble Anzeichen am Horizont auf, während die Hautevolee aus Adel und Großbürgertum sich dem Vergnügen großer Abendgesellschaften widmet und dabei parlierend über die neuste Mode und Düfte aus Paris und Mailand die Zeit totschlägt. Dennoch ist L'Envol für mich weniger ein Duft für den großen Auftritt, sondern vielmehr ein "stiller Duft" für den eigenen Genuss, bevorzugterweise in der eher nun anbrechenden frischen Jahreszeit. Persönlich trage ich L'Envol gerne an solchen Tagen, die nicht gefüllt sind mit Terminen oder Arbeit, sondern eher im Zeichen der Ruhe stehen, an Tagen an denen man mal wieder Zeit hat zwei oder drei Stunden Bach am Flügel zu spielen, einen ausgiebigen Spaziergang durch den Stadtpark zu machen, ein gutes Cafe zu besuchen oder einfach den Tag bei einem guten Buch verbringt. Man darf von L'Envol jedoch keinen großen Duftverlauf erwarten, denn nach etwa zwanzig bis dreißig Minuten hat sich der Duft eingependelt auf ein Aroma aus Zitrusnoten mit frischem Gehölz, Bienenwachskerzen und Eichenmoos. Erstaunlich ist jedoch die Haltbarkeit und Sillage. L'Envol hält auf meiner Haut mehr als acht Stunden durch und dies mit einer angenehmen unmittelbar präsenten Sillage.

Für den Mut mit L'Envol einen vollkommen aus der Zeit gefallenen Duft mit deutliche retrospektiver Haltung zu schaffen, hat Cartier und Madame Laurent meinen Respekt verdient. Chapeau.
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Leporello vor 2 Jahren 22
9
Duft
8
Haltbarkeit
7
Sillage
10
Flakon

Tom Fords Interpretation von Sex ...
oder warum uns Tom Ford glaubhaft machen möchte, dass seiner Meinung nach Frauen auf den Geruch verschwitzter Hoden stehen.

Bevor man mir nun jedwede Form von olfkatorischer Perversität attestiert, möchte ich darauf hinweisen, dass oben genannte Behauptung auf einem Interview des New York Magazine mit Tom Ford unter dem Titel „Tom Ford After Sex“ aus dem Jahr 2007 basiert (May 18, 2007). Über Tom Ford in Sachen Sex ist eigentlich genug in den letzten Jahren geschrieben worden. Wer den Werdegang von Tom Ford verfolgt hat, wird feststellen, dass Tom Ford immer wieder bewusst mit Sexualität oder auch ganz plakativ zur Schau gestelltem „Sex“, was auch immer Mr. Ford darunter versteht, kokettiert und geworben hat. Sei es während seiner Zeit bei Gucci, man denke an die Skandalwerbung 2003, oder an die doch eigentlich schon sehr primitiv und plakative sexistische Werbung zu diesem Duft, inszeniert und fotografiert von Terry Richardson. Nun mag man darüber denken und urteilen wie man will, das Ziel größter Aufmerksamkeit aus Sicht des Marketings wurde erreicht. Übrigens wurde auch ich durch die Fotokampagne auf den Duft erstmals im Herbst 2007 aufmerksam. Ausgehend von dem sehr interessanten Interview in der oben genannten Ausgabe des New York Magazine (im Onlinearchiv abrufbar), darf man sich schon etwas wundern, wieso Mr. Ford glaubt, dass Frauen nach verschwitzen Hoden riechen möchten (ich gehe davon aus er spricht über den Duft Black Orchid) und was dies im Umkehrschluss für seinen ersten Herrenduft bedeutet, vor allem gemessen an der Skandalkampagne. Sitte und Anstand verbieten an dieser Stelle darüber zu spekulieren ob Tom Ford For Men mit dem Anspruch und der Annahme kreiert wurde, dass Männer riechen möchten wie […] und ob dies auch so kampagnentechnisch suggeriert werden sollte.

Lassen wir nun den Ford´schen Dirty-Talk bei Seite und widmen uns dem Duft selbst. Denn ich finde ihn trotz aller Sexual-Koketterie unglaublich tragbar und grandios. Wir sprechen hier über einen Tom Ford Duft, den ich als eine Art „Door Opener“ in die Welt der Private Blend Reihe interpretieren möchte. Bei mir hat er dies allerdings nicht geschafft, denn so sehr ich Tom Ford mag (ich finde ihn irgendwie „witzig“ und extrem elegant), kann ich nur mit wenigen Düften aus der Private Blend Reihe was anfangen. Abgesehen davon, dass die Preispolitik im Hause Ford geradezu lächerlich dreist hoch ist, ich aber zugeben muss, dass ich seinen berühmten Cardigan aus James Bond ein Quantum Trost für mein Leben gerne trage und ihn unbedingt haben musste (ein Stückweit ist man doch manchmal ein Marketing-Opfer). Zurück aber zum Duft. Was Tom Ford uns Männern hier unter seinen Namen anbietet, ist für mich einer der besten Männerdüfte überhaupt. Nun soll das keine Lobhudelei werden, sondern ein seriöser Kommentar und deshalb möchte ich nun eine ausreichende Begründung darlegen. Tom Ford For Men ist dem ersten Eindruck nach zunächst einmal ein langweiliger Mainstream-Duft seiner Zeit. Die Duftnoten versprechen klassisch zitrisch-holzige Langeweile für den Mann ab dreißig. Da hat der Markt nun wahrlich nicht drauf gewartet. Doch weit gefehlt, denn was als Erwartung zitrisch-holziger Langeweile beginnt, endet schnell im Eindruck, dass man hier einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat. So eröffnet Tom Ford For Men zwar mit reichlich Zitrusnoten, jedoch sind diese nicht beißend spritzig, sondern eher warm natursüß. Vor allem die Kombination aus Bergamotte und Mandarine, die sehr ölig und reif daher kommt in Verbindung mit einer prominenten Basilikumnote macht den Beginn des Duftes schon sehr interessant. Eben diese Basilikumnote ist so herrlich grün-aromatisch-würzig, dass man glauben mag, man hätte einen Kübel Basilikum vor der Nase und rechts und links eine Schale mit allerlei Zitrusfrüchten. Wer hier an Pesto denkt, liegt daneben, vielmehr könnte man den Eindruck als einen „Smoothie“ beschreiben. Aber Tom Ford wäre nicht so besessen in Sachen Sex, wenn er dem Duft nicht einen, ich entschuldige mich für den Anglizismus, „dirty-vibe“ mitgeben würde. Denn spätestens nach dreißig Minuten macht die Kopfnote den Weg frei, für eine wunderbare, leicht animalische und süßlich-würzige Mixtur aus Pfeffer und Tabak begleitet von Orangenblüte.

Diese Mixtur wirkt ein wenig, ich möchte sagen „leicht verschwitzt“ als hätte man einen leichten „schmutzigen“ Schleier über die Noten gelegt. Das zeigt sich auch nach knapp einer Stunde, wenn der Duft, auf meiner Haut leichte Noten von frischem Tabak (als würde man an einer Schachtel Zigaretten riechen) entwickelt. Wohlgemerkt es handelt sich nicht um einen Tabakduft, aber diese warm süßlich-würzigen Noten des Tabaks machen den Duft sehr interessant. Wenn man überhaupt nochmal die Thematik Sex aufgreifen möchte, könnte man ab dieser Stelle von einer Ford´schen Interpretation sprechen, denn der Duft wird „körperlicher“ aber trägt dabei noch eine gute Portion der frischen Zitrus- und Blütennoten mit sich. Wahrlich keine Animalik-Bombe wie ein Ur-Kouros, aber irgendwas lässt den Duft „animalisch“ im Sinne von körperlich wirken. Ich vermute dieser Eindruck kommt durch das Cypriol (Nagarmotha), was als erdig und balsamisch exotisch beschrieben wird und durch die tasmanische Scheinulme, die ja einen besonders guten Honig geben soll. Wenn wir hier also Tom Fords olfaktorische Interpretation von Sexualität vor uns haben, so fällt es mir schwer darüber zu urteilen, dafür riecht der Duft einfach zu gut. Was Haltbarkeit angeht, haben wir es hier auch nicht mit einem Quickie zu tun, denn auf meiner Haut hält der Duft locker acht Stunden bei eher leichter Sillage durch.

Was kann man abschließend über den ersten Männerduft von Tom Ford sagen? Sicherlich, dass es ein grundsolider und angenehmer Herrenduft ist, der von einer breiten Altersklasse zu allen Gelegenheiten, sofern diese eher an den „kühleren“ Tagen stattfinden, getragen werden kann. Außerdem schafft es der Duft gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen animalischen Noten, frisch-süßlich würziger Kopfnote und warmer Basis zu balancieren. Olfaktorisch betrachtet, braucht es keinen großen Mut diesen Duft zu tragen, er ist eine sichere Bank und riecht einfach verdammt gut. Und was bleibt von Tom Ford Lieblingsthema Sex? Nun ja, am ehesten die skandalöse Kampagne und die befremdlichen Vorstellungen des Mr. Ford in Sachen menschlicher Sexuallockstoffe und deren Konzeption in seinen ersten beiden Düften.

PS: Ich empfehle jeden, der sich ein wenig über Tom Ford, seine Konzeption von Kleidung, Stil und Düften informieren möchte, einmal das Interview im New York Magazine zu lesen.

(http://nymag.com/news/features/32120/)
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Leporello vor 2 Jahren 9
9
Duft
8
Haltbarkeit
8
Sillage
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Flakon

Der Abend ...
oder warum der Mainstream von damals heute die eigentliche Nische ist. Ich habe lange mit mir gerungen, ob es überhaupt sinnvoll wäre, einen Kommentar zu einem schon lange eingestellten Duft zu schreiben. Wem nützt es, wenn ich einen Kommentar zu einem nicht mehr erhältlichen Duft schreibe? Nur um der Nostalgie willen? Was wäre der Nutzen für die Leser? Dennoch möchte ich einige Zeilen zu Escada pour Homme schreiben. Zunächst muss ich sagen, dass sich dieser Duft erst seit geraumer Zeit in meiner Sammlung befindet. Dies ist einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass ich vor einiger Zeit abends durch das nahe gelegene Städtchen getigert bin, eigentlich mit dem Ziel in meiner Stammparfümerie, dringend benötigte Rasierutensilien wieder aufzufüllen. Als treuer Nassrasierer bedarf es schließlich einiges an Zubehör für eine perfekte Rasur. Geschockt musste ich feststellen, dass meine Stammparfümerie alsbald schließen wird, da sich das Geschäft laut Aussage der Besitzerin (einer wunderbaren reiferen Dame) nicht mehr lohnt und es nun doch endlich an der Zeit sei mit fast siebzig Jahren in Rente zu gehen. Das ist umso mehr dramatisch, weil ich diese kleinen Inhaber geführten Geschäfte und dieses im speziellen sehr mag. Zum Glück hatte man noch meine üblich benötigten Rasierutensilien vorrätig (in der Regel versagen hier die großen Ketten, oder man wird mit einem Ausdruck von Entsetzen angesehen wenn man nach Alaunsteinen, Rasierseife und Dachshaarpinsel fragt) und so konnte ich fürs Erste meinen Vorrat wieder befüllen. Nach dem obligatorischen Gespräch ging sodann die Besitzerin kurz in den "Keller" (die Parfümerie befindet sich in einem Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert) um sogleich mit einer Kiste voller älterer Parfums wieder zu kommen, welche man kürzlich beim Aufräumen der Lagerräume gefunden hat. Ich traute meinen Augen nicht, denn was ich zu sehen bekam, ließ mein Herz höher schlagen. Eine ganze Kiste mit original verpackten Düften, die lange Zeit schon nicht mehr erhältlich sind. Vieles war leider nicht nach meinem Geschmack, aber zum Glück waren noch zwei original verpackte 75ml Flakons von Escada pour Homme zu haben (und das ganze zu einem mehr als fairen "Ausverkaufs-Preis"). Nun aber zurück zu Escada pour Homme. Jetzt wo die Hitze deutlich nachgelassen hat und die Abende angenehm frisch waren, musste ich direkt den Escada testen.

Escada pour Homme eröffnet äußerst alkoholisch mit starken Noten von Cognac, was wahrlich nicht jedermanns Geschmack ist, denn auch ich war erst enttäuscht und die Angst, dass der Duft gekippt sei war plötzlich präsent. Nun habe ich nichts gegen einen Schluck Cognac aber penetrant danach riechen möchte ich nun auch nicht. Zum Glück bemerkte ich nach knappen zehn Minuten, wie sich Zitrone, Bergamotte und Orange unter den Cognac mischten und dem ganzen einen ziemlich spritzig fruchtig-herben Twist geben. Besonders schön finde ich, dass man hier nicht auf die Süße der Früchte oder das Öl eingegangen ist, sondern vielmehr das Gefühl frisch gerissener Zesten mit dem Cognac kombiniert hat. Salopp könnte man den Eindruck auch als beschwipste Zitrusfrüchte beschreiben. Nach etwa dreißig Minuten beginnt sich dann allmählich der Gewürzschrank zu öffnen, wobei hier nicht ein einzelnen Gewürz sondern vielmehr eine Art warm-würziges "Bouquet garni" sein Aroma verbreitet. Die beschwipsten Zitrusfrüchte werden hierdurch geerdet und auf ein erträgliches Level gedimmt. Assoziationen von herbstlichen Aromen machen sich breit und die strahlenden Noten von Cognac, Zitrusfrüchten und Gewürzen wärmen einen von innen heraus. Doch der eigentlich beste Part findet erst mit dem Beginn der Basisnote statt, denn hier feuern Sandelholz und würzige Vanille aus allen Rohren und geben dem Duft einen völlig neuen Eindruck. Die Spritzigkeit der Zitrusnoten tritt komplett zugunsten des Sandelholzes, der Vanille und der Gewürze zurück und geben dem Duft ein eher holziges und leicht tabak-artiges Aroma, was dann auch eine gefühlte Ewigkeit sich auf der Haut hält. Escada pour Homme ist nach meinen Eindrücken ein absoluter Herbstduft, der nicht alleine durch seine goldene Farbe den Oktober einfängt, sondern durch die Komposition der Duftnoten olfaktorisch den goldenen Oktober herrlich unaufgeregt präsentiert. Überhaupt wirkt mit Ausnahme der fünf minütigen Cognac-Bombe zu Beginn, der Duft unheimlich warm-geschliffen.

Ich stelle mir von meinem inneren Auge einen gut gekleideten Mann bei einem herbstlichen Spaziergang im Stadtpark vor, leuchtendes Laub liegt auf den Wegen und die Sonne taucht alles in warmes Licht. Der Duft strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus, er verlangt dem Träger mit Ausnahme des Beginns keinerlei Mut oder Courage ab, er legt sich um ihn wie ein feiner Kaschmirschal, alles wirkt äußerst fließend und austariert. Ich werde meine zwei Flakons nun äußerst sorgsam hüten und den Duft vor allem zum eigenen Genuss verwenden, bevorzugt an kühlen Abenden, egal ob alleine oder zu zweit.

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