Ästhetische Theorie der Parfumerie + Faits Divers

10.04.2014
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SOS für Parfum: 3 Monate Petitions-AG - mein persönlicher Bericht

Es war Mitte Januar, als im Parfumo-Forum, im Eichenmoos-Thread, zum ersten Mal das Wort „Petition“ ins Spiel gebracht wurde… von meinem Ehemann, dem ich abends dazu sagte: „Haha… Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Parfumo so was schaffen könnte und damit das unproduktive Rumgeheule und –geschimpfe aufhören würden!“
Zu dem Zeitpunkt war ich nämlich ganz schön genervt, namentlich von DrPablo, den ich als polemischen Schreihals erfuhr und Äußerungen anderer Mitglieder zum Thema, die ich völlig daneben fand à la „Ooch… Allergie ist doch nix Schlimmes, die sollen sich nicht so haben!“ oder „Die böse EU-Mafia! Die machen unser Leben kaputt – und das mit unseren schönen Steuergeldern!“.

Tatsächlich brachte dann aber die Diskussion um eine Petition etwas Ordnung in den Diskurs. Allein das Bewusstsein der Möglichkeit, nicht ins online-Nirvana hinein zu motzen, sondern sich demokratisch zu beteiligen und aktiven Anteil am Gestalten zu nehmen, wirkte positiv auf die Auseinandersetzung mit einem Thema, das auf einmal in seinem ganzen komplexen Umfang gesehen wurde. Ich selbst begann, mich tiefer einzulesen und richtig zu interessieren.
Als es dann konkret wurde und um realen Einsatz von Arbeitsstunden ging, wollte ich die Sache mit meinem Beitrag unterstützen: Ich meldete mich für die AG (zuerst nur für einen sehr klar umrissenen Anteil an der Textredaktion).

Schon bald erfuhren wir von der öffentlichen Konsultation. Bei EU-Gesetzesvorhaben gibt es diese Möglichkeit, an der Diskussion teilzunehmen als Interessenvertretung, als politische oder irgendwie betroffene Gruppe und ebenso als einzelne/r EU-Bürger/in ohne institutionelle Untermauerung – einfach weil man denkt, dass die eigene Meinung von der Kommission gehört werden sollte. Schnell war klar: Da nehmen wir teil!
Die Idee war geboren, die Unterschriftenaktion zu koppeln mit einem Beitrag zur öffentlichen Konsultation.
Es ging nun also um zwei Texte:
Einen ausführlicheren, der detailgenau recherchiert war und einen darauf fußenden, komprimierten, der den Inhalt als Petition formuliert.
Zeitgleich mit der Eröffnung des öffentlichen Konsultationsverfahrens wurde bekannt gemacht, wie sich der Gesetzesänderungsentwurf mittlerweile geändert hatte: Es hatte eine informelle Konsultation stattgefunden, bei der das ursprüngliche Gutachten die Basis war. Die neuen Ergebnisse waren gut. Die anfängliche Empfehlung, die einen entsetzlichen Horror für Parfum bedeutet hätte, war einem wesentlich vernünftigeren und moderateren Entwurf gewichen. Wir waren erleichtert über diesen Fortschritt, mussten jetzt aber das inhaltliche Problem noch genauer fassen, noch dezidierter fragen, was genau warum eigentlich das Problem darstellt und wieso dieser Fortschritt noch lange nicht genügt – das tut er nämlich nicht. Immer noch wird der Fall vielleicht allergen wirkender Inhaltsstoffe aufgrund fragwürdiger wissenschaftlicher Erkenntnisse betrachtet, ohne die Position von Parfum als Kulturgut zu sehen und die entsprechende Sorge und Sorgfalt anzuwenden. Immer noch ohne die Wahlfreiheit und Selbstbestimmung der Verbrauchenden ernst zu nehmen.
Immer noch bedarf es lauten Widerspruchs.
Wir machten uns also erneut an die Arbeit.

Was dann in den folgenden Wochen bis heute geschah, war
- anstrengend,
- immer mehr und mehr und dann noch mehr Arbeit
und gleichermaßen
- lehrreich
- und ein Beispiel für Teamwork.
DrPablo empfand ich nicht mehr als dauerschreiend, sondern im Gegenteil war er ein unermüdlicher und geduldiger Erklärer wie Informationsbeschaffer. Diskussionen mit ihm waren durchgängig ergiebig. Seine Ausdauer, aus erster Entrüstung ein fundiertes, schlagkräftiges Argument zu machen, war enorm.
MiavonTrost übernahm die Koordination. Die Leitung der AG wurde von ihr so professionell, verantwortlich und persönlich integer erledigt, dass ich aus dem Staunen echter und massiv großer Bauklötze nicht mehr rauskam. Das gewaltige Arbeitspensum, das sie in 3 Monaten als Organisatorin, Netzwerkerin und Textredakteurin mit jeweils hervorragenden Ergebnissen leistete, beeindruckt mich tief.
Mit diesen beiden Team-Jokern durfte ich also in der Kerngruppe der AG arbeiten (denn ich hatte es mal wieder nicht geschafft, mich aus der intensiven Arbeit rauszuhalten).
Und es war mir ein Fest.
Zwar zeitaufwändig und oft nervig, aber grundsätzlich produktiv und mit freundschaftlicher und positiver Grundhaltung.
Ich bin froh, dankbar und inspiriert von dieser unbezahlten, aber dafür unbezahlbar wertvollen Erfahrung!

Die Kerngruppe hatte noch Unterstützung von engagierten Parfumomembern, ohne deren Beitrag wir nicht vom Fleck gekommen wären. Viele engagierte Leute leisteten einen Teil. Ich mag nicht aufzählen und versuchen, alle namentlich zu nennen, denn dann würde der Blogtext hier sehr lang und ich würde trotzdem bestimmt jemanden vergessen. Deshalb mag ich mein „Danke“ allgemeiner formulieren – die, dich meine, wissen, was sie geleistet haben:
Vielen, vielen, herzlichen, aufrichtigen und inständigen Dank für die Textkritik, die Übersetzungsarbeit, die Unterstützung bei der PR-Arbeit, die Recherche von Details und die eingesetzte Kreativität, das Mut machen, genauso wie das Hinterfragen sowie das Hinterherräumen hinter der inhaltlichen Textredaktion mit Formatierung, Zeichensetzung und Fußnotenfisselarbeit!

Die Arbeit und Unterstützung von Don muss gar nicht erwähnt werden; sie ist für jede/n auf den ersten Blick offenkundig. Trotzdem: Danke, Don!

Außer den aktiven Parfumomembern und Don möchte ich ausdrücklich den Leuten im Privatumfeld danken, die uns immer wieder den Blick „von außen“ gegeben haben mit Feedback, das wir brauchten und Kompetenzen aus jeweiligen Spezialgebieten, die wir selbst nicht einfließen lassen konnten.

Die harte, aber schöne Arbeit brachte ein Ergebnis, dass ich nicht nur theoretisch unterschreiben würde, sondern auch faktisch unterschreiben konnte. Das habe ich bereits getan – mit einem großen, uneingeschränkten „Ja“... und mit nicht wenig Stolz auf das Ergebnis unserer Arbeit.
Ich hoffe, dass dieses Ergebnis hier auf Parfumo und an den vielen Orten im Netz, die sich der Initiative angeschlossen haben, noch zahlreiche weitere „Jas“ bekommt. Dass es uns gelungen ist, Euch Texte vorzulegen, die unser gemeinsames Interesse gut darstellen.
Wenn wir die Wichtigkeit des Themas und die Notwendigkeit einer sorgfältigeren Problemlösung durch Öffentlichkeitswirkung und Aufmerksamkeit unübersehbar und unüberhörbar machen, können wir es schaffen!

Wir haben jetzt die Chance, dass unsere Meinung Gewicht in der politischen Entscheidungsfindung bekommt.
Ich wünsche mir tonnenweise mehr und immer mehr Gewicht!
Bringt die Waagschale zum Beben und Bersten!
Lang lebe der Duft!

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