LouceLouce’ Parfumkommentare

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22.09.2015 20:48 Uhr
Bergamotte und Sandelholz?
Natürlich sind da noch andere Sachen drin, aber was man riecht, sind tatsächlich nur diese beiden Noten. Ein simples Duftkonzept. Und genau in dieser Simplizität liegt die Kunst:
Zwischen der klaren, bitteren, zitrischen, hellen, schmalen und kalten Bergamotte und dem pastösen, holzigen, ein klein wenig süßlichen, milchigen, warmen und ganz leicht rauchigen Sandelholz wird ein geruchlicher Bogen gespannt, der Spannung und Dramaturgie bringt. Die beiden Akkorde sind nicht einfach zusammengemischt, so dass sie nur nebeneinander stehen. Sie beziehen sich aufeinander, vollziehen Annäherung und nehmen dabei aber auch immer wieder Distanz, begegnen sich an den Schnittmengen und unterscheiden sich in ihren Eigenheiten.
Gleichklang ohne Vermengung.
Verblüffend ist die Haltbarkeit des Bergamotteneffekts.
Nach 2 Stunden dachte ich: „Wow! Es stimmt, was Frau Bosetti Tonatto über die ungeheuren Gewichtsprozente Bergamottenessenz sagt. Der notorischen 3-Minuten-Startnote geht nicht die Puste aus. Schön!“
Nach 3 Stunden dachte ich: „OK… da muss ein Trick dabei sein. Irgendeine helle, klare, eventuell synthetische und zitrusaffine Note greift die Bergamotte auf und führt sie weiter in die Mitte der Entwicklung. Das geht doch nicht allein über die Menge! Das Zeug müsste doch irgendwann verdunstet sein, während das Sandelholz gerade Fahrt aufnimmt.“
Aber egal, wie die Parfumeurin es technisch gemacht hat: ich rieche nur Bergamotte. Inzwischen etwas weniger schallend am Vordrängeln, aber immer noch ganz typisch.
Nach 4 Stunden wurde mir Indaco langsam unheimlich.
Nach 5 war ich konsterniert, verwundert, sprachlos.
Nach 6 Stunden wird das Parfum insgesamt sehr leise, hat keine Sillage mehr und zieht sich zurück, bleibt aber ganz hautnah noch eine ziemliche Weile zu riechen. Immer noch mit beiden Akteuren.

Laura Bosetti Tonatto sagt, dass ihr Konzept zum großen Teil auf den ausgesuchten Rohmaterialien beruht.
Das stimmt exakt so, zumindest im Fall Indaco.
Bergamotte ist bitterzitrisch, strahlend, klar – und hat dabei noch einige andere Aspekte, die man kaum kennt, da sie fast nur als Startkomponente und Servierhilfe für anderes benutzt wird, selten aber eine Komposition Raum und Zeit gibt, um ihr Charakteristisches auszubreiten und herauszuarbeiten. Die in Indaco verwendete Bergamotte bringt diese Aspekte mit: ein hellgrünes Schillern, eine geringfügige Süße, die beinahe verschwindend unter dem Herbfrischen liegt, ein winziger Hauch Röstaromatik.
Ebenso das hier verwendete Sandelholz: über die bekannten Eigenschaften hinaus zeigt es Aspekte, die man in billigen und/oder synthetischen Sandelnoten nicht findet. Es ist weniger laut, als man es kennt, dabei aber sehr deutlich, die Milchigkeit ist sahnig, aber nicht undurchlässig dick und cremig, sondern mutet flüssig an. Auch das Holzige wird nie massiv und hat eine gewisse Jungholz-Gelbgrünlichkeit, dabei aber gleichzeitig auch diesen Anklang von Rauchigkeit. Der typische Sandelholzeffekt findet hier statt, aber wesentlich weniger breit, dicht und schwer als sonst, sondern sehr hell und schlank.

In der Beschreibung der Seitenaspekte habe ich auch schon die Schnittmengen aufgezählt. Die zwei Noten begegnen sich überraschend im Hellen, im unerwartet Süßen, im Gelbgrünlichen und im Röst-Rauchigen. In der Basis wird das getriggert von einem dezent ahnbaren Vetiver, wie ich vermute.
Reizvoll das riechend immer wieder mitzuerleben.
Weder Bergamotte noch Sandelholz sind für mich persönlich Favoritennoten, die mich schon an sich vom Hocker reißen könnten.
Aber diese Bergamotte und dieses Sandelholz sind exzellent.

Und ihr Zusammenspiel ist grandios.


13.03.2015 23:32 Uhr
Was da beim Erstkontakt entgegen kommt, besticht sofort: eine enorm positive, freudestrahlende, lebhafte Frucht, die ein olfaktorisches „Ja, ja, ja!“ trällert.
Die unbestreitbare Hauptrolle in diesem bejahenden Fruchtbouquet hat Cassis. Die Duftnote Schwarze Johannisbeere ist der Geschmacksnote ziemlich ähnlich: Sie bringt eine tiefe, dunkle, beerige Süffigkeit mit einer darauf tänzelnden, spitzen Säure und hat einen blank-glatten, leicht metallisch anmutenden Aspekt mit einem Quäntchen ätherischen Echos.
All das kann ich im Start von Aube Rubis ausmachen (in den ersten Momenten unterstützt von irgendeiner Bergamotten-Grapefruit-Kombo) ...
… und noch etwas anderes, nämlich Patchouli. Das schwant von Anfang an hinter der Cassisfruchtnote herum. Und überraschenderweise verdirbt es mir nicht geradewegs die Freude an der appetitlich strahlenden Beere. Nein, meine Duftnemesis Patchouli braucht nur kurze Zeit, um neben die Cassisnote ins Rampenlicht zu treten, verbündet sich dort mit ihr ohne nötige Annäherungsphase und duftet ab sofort harmonisch und gleichgesinnt mit der schönen Frucht.
Etwas verwirrt bin ich jetzt: Das ist unverkennbar richtiges, echtes Patchouli. Nicht gezähmt, gemildert und salonfähig gemacht, um es besser mit anderen Noten verkuppeln zu können, sondern eindeutig wieder erkennbar und typisch. Aber gleichzeitig ist es fröhlich, dynamisch, ohne Kellermuff oder nekrophilen Grufthauch. Die schwarze Johannisbeere tut dem Patchouli so gut! Sie bringt die Aspekte des Patchoulis zum Leuchten, die im Regelfall untergehen in der feucht-erdigen, pflanzlich-sekrethaften und modrigen Wucht. Patchouli hat auch etwas außergewöhnlich Lebendiges. Es riecht gewissermaßen „wuselig“, schwungvoll, drängend, energetisch. Es hat Power. Ganz viel Bewegung. Diese Potenz wird von der Cassisnote in Aube Rubis effektvoll in Schwingung gebracht. Das Ergebnis ist ein überraschend fröhliches, ungemein bewegtes Patchouli. Alle meine Patchoulivorurteile sind dahin und ich erlebe ziemlich gespannt den weiteren Duftverlauf.
Das kongeniale Zusammenspiel der beiden Akteure Cassis und Patchouli hält lange an. Es ist die prägende Hauptlinie des Parfums. Ab der Duftmitte wird die Frische der Fruchtigkeit naturgemäß matter, aber der Charakter hält sich weiterhin: Süß-sauer-fruchtiges, viriles Patchouli mit Kir-Kick.
Richtung Basis wird der Cassiseindruck verhaltener und etwas anderes übernimmt die Rolle des Patchouli-Sidekicks: Holzigkeit kommt auf. Patchouli hat auch holzige Aspekte und die sind hier eine wunderbar geeignete Andockstelle für eine nicht allzu trockene, leicht warme und etwas rauchige Holzigkeit (müsste ich einen Tipp abgeben, würde ich auf Guajak als Hauptakteur der Holznote setzen). Dazu ein bisschen natürliches Vetiveröl, das nach nassem, braunem Laub riecht. Immer noch ist ein kleiner Rest Cassis dabei und immer noch wirkt das Patchouli charmant jung und wendig, wenn jetzt die Patchoulikontur von Holz gerahmt und das Ganze ein wenig ruhiger und breiter wird.
Der Verlaufsbogen dauert lange. Aube Rubis hat eine erhebliche Haltbarkeit – allerdings ist es nicht Ultraextrem-Pattex, wie das bisweilen Patchoulidüfte sind.
Aube Rubis hat mich, eigentlich notorische Patchouliverächterin, mit dieser Cassis-Patchouli-Verpaarung ziemlich verzaubert. Übrigens auch Ronin, an mir wie an sich selbst, denn es ist vollkommen unisex.

Die 2015 ganz neue Marke Atelier des Ors mag ein wenig das Retortenbaby ein paar geldschwerer Investoren sein, die eine gute Marktplatzierung nicht mit kühnen, künstlerisch verblüffenden Parfums erzielen wollen, sondern mit bewusst klassisch genießbaren Düften antreten. Trotzdem sind die Parfums nicht gefällig auf eine beliebige Art, trotzdem riechen sie nicht altbekannt und schon mal da gewesen. Ich konnte alle fünf kennen lernen und rieche in jedem handwerklich solide und deutlich hochwertig gemachten Duft einen bemerkenswerten Twist, etwas Neues und Spannendes. Von der verantwortlichen Parfumeurin erfuhr man zunächst nur den Vornamen, seit der Esxence in Mailand weiß man, dass es Marie Salamagne ist.
Sie hat da etwas goldrichtig gemacht und ein paar Parfums komponiert, die riechenswert sind.


18.02.2015 16:08 Uhr
Extrasynthetisch, ultramodern, metallisch, urban und arty. Dabei gleichsam auf eine widersinnige Art natürlich.
Völlig und komplett unisex und dabei völlig und komplett sexy, irgendwie eher männlich, dabei gleichsam irgendwie eher weiblich.
Widersprüchlich.
Widerspruch, der sich nicht hermeneutisch auflösen lässt und keine dialektische nächste Stufe hervorbringt, also keiner, der am Ende dann doch wieder in Frieden und Sinn endet. Aber trotzdem eine Art Sinn im Widersinn, trotzdem Struktur und System… nur halt nicht auflösbar, nicht reduzierbar auf einzeilige Antworten.
Der Un-Sinn dieses Duftes ist programmatisch und passt 1:1 zur Jahrtausendwenden-Mode von Comme des Garçons. Er passt auch 1:1 zu Mark Buxton, der diesem Weg weiter folgte, als das Modelabel nur noch so grob und ungefähr in die Richtung tapste, die es einmal wies (und als die CdG-Parfumlinien sich verzettelten).
Buxton ist inspiriert, mutig, witzig und duft-abenteuerlustig, gleichzeitig aber so profund handwerklich sicher als Parfumeur, dass seine manchmal schwindelig machenden Gimmicks immer ausgewogen integrierter Teil von reifen, durchdachten Kompositionen sind. Dabei zeigt sein Oeuvre eine Linie, wie mir scheint. Wenn ich z.B. Buxtons „Devil in Disguise“ von 2012 rieche, erkenne ich eine Verbindung zu CdG2, so als hätte sich die Duftidee verpuppt und wäre nach einer Metamorphose in der Gegenwart in ausgebildeter Form wieder geschlüpft. Noch konsequenter widersprüchlich (und damit für viele Nasen zu schräg). Vielleicht rieche ich diese Zeitlinie aber auch nur, weil die Idee so schön ist und weil ich Buxtons Magnolieneinsatz unwiderstehlich finde. Magnolie hat nämlich eine ziemlich wichtige Rolle bei beiden.

Magnolie ist in sich bereits widersprüchlich. Intensiv. Sehr, sehr intensiv ultra-blumen-süß, saftig mit dicker Cremigkeit und einer hellen Honigkomponente. Dabei ist aber auch ein dünner, zitrischer, frischer, frühlingshaft anmutender Aspekt und eine darunter liegende leichte Würzigkeit. In der Natur meide ich Magnoliengeruch, finde ihn zu fett, pastös zu dicht, zu dröhnend, zu süß… zu viel einfach. In Parfums meide ich ihn auch… außer Mark Buxton setzt ihn ein. Er hat nämlich ein Händchen oder besser Näschen für die vielen Andockstellen, die die Magnoliennote bietet: Man kann sie zu etwas Frischem, Saurem, Bitterem, Alkoholischem oder Trockenem setzen und bekommt so eine Zuspitzung, eine Auffälligkeit, eine sehr reizvolle Pointierung. Und genau das (und zwar alles) passiert in CdG2.
Die Turboblumenblüte Magnolie wird konterkariert mit lauter Widersprüchen. Sie ist im Herzen des Duftes eingebettet, nein, vielmehr umstellt von Antagonisten, die ihr olfaktorisch entgegentreten. Das Gegensätzliche wird durch Kontrast zum Klingen gebracht.
Metallisch, so dass es scheppert.
Synthetisch, so dass es knistert.
Kühl, luftig und klar, so dass es zischt.
Jedoch sind da auch, verhalten, aber erkennbar, das Blumige, das Süße, das Weiche und das Warme. Der Duft wird dabei nie chaotisch. Denn die Noten sind viel zu feinfühlig komponiert und unter einer so selbstbewussten Regie in Ordnung gebracht, dass sich all dieser Reiz entfalten kann, ohne dass Wirrnis entstünde. So viele einander widersprechende Aspekte auszubalancieren, ist solides Handwerk. Sie überhaupt zu einander stellen und reagieren lassen zu wollen, ist Kunst.
Die metallische Linie rieche ich bruchlos von Kopf über Herz bis in die Basis; ich vermute, von der Aldehydnote, dem Wacholder, der Tintennote und der silbrig-kalten Weihrauchnote gebildet, dabei wieder und wieder reflektiert von Grünem, Blumigem und Holzigem, das auch metallische Seitenaspekte haben kann, wie sie hier herauskomponiert wurden (in der Pyramide: Blätter, Angelika und Zeder). Die quasiwürzige, trockene und dennoch blumige Angelika korrespondiert wunderschön mit dem Metallischen, aber genauso mit dem cremig-saftig Blumigen der Magnolie, die wiederum abgestoßen und gleichzeitig festgehalten ist vom Metallkonstrukt, das ihre vorhandenen Andockstellen besetzt.
Obwohl in CdG2 so viel passiert, ist der Duft ruhig. Er lässt sich in seinen Entfaltungskapiteln Zeit. All diese Duftaction und doch behält der Duft über den ganzen (langen) Verlauf bemerkenswerte Geradlinigkeit, und wirkt bei allem was animiert und anreizt eher gut gelaunt ausgleichend auf Trägerin oder Träger… und auf alle drumherum, denn die Sillage ist gehörig.

Ein Parfum, das Brüche zeigt und diese nicht wieder verschließt. Kalt und warm, männlich und weiblich, glatt und rau, künstlich und natürlich, trocken und saftig, frischsauerbitter und süß, luftdurchlässig und dicht, komplex und simpel…
… bleiben kalt und warm, männlich und weiblich, glatt und rau, künstlich und natürlich, trocken und saftig, frischsauerbitter und süß, luftdurchlässig und dicht, komplex und simpel.
Keine Auflösung, Synthese, Vereinigung.
Dafür schwingen, klingen, vibrieren die Räume, die sich zwischen den Kanten der Brüche aufgetan haben.
Eine enorme Schönheit, die sonst verborgen bliebe, wird so sichtbar oder viel mehr ruchbar.


04.01.2015 15:47 Uhr
Cuir d´Ange… engelsgleiches Leder, himmlisches Leder… hmm.. aber auch Leder von Engeln, so wie bei cuir de vaux oder cuir de crocodile. Und ich glaube, dieser kleine mögliche Engelsleder-Wortwitz ist kein Falschverstehen, sondern ganz im Sinne des Parfumeurs, denn die Idee, einem Engelchen die Haut abzuziehen und zu gerben mag zwar geschmacklos brutal sein – hilft aber gut dabei, sich eine Vorstellung vom Duft Cuir d´Ange zu machen. Denn begrifflich fassbar hierin liegt der ganze watteweiche, fluffige, helle und leichte Moschus, der neben Leder dieses Parfum ausmacht: es ist ein Leder-Moschus-Duft.
Das Leder ist ein deutlich Gummiartiges. Der Gummiaspekt, den einige Ledernoten haben, ist Ergebnis einer Birkenteer-Lederinterpretation, wie sie in der Russisch-Leder-Juchten-Linie traditionell komponiert wird und zum Beispiel klar duftbestimmend wirkt im Etro-Lederparfum, das bezeichnenderweise den Namen „Gomma“ trägt. Ein solches Gummi-Leder mit künstlicher Anmutung und einem Hauch Autoreifen haben wir hier. Der Gummiwhiff wird sogar herausgestellt, am Anfang unterstrichen durch die Eröffnung mit Weißdorn (sämig-dicht, ein wenig fleischig, dabei blütig) und dann im gesamten Duftverlauf weiter getragen. Die Irritation, die das zunächst auslöst, wird beantwortet mit ganz viel superflaumigem, luftigem, zärtlichen Weichweichweich-Moschus. Was die eine oder andere Nase widrig angehen mag, wird mit so viel kompensatorischer und versöhnlicher Moschusgefälligkeit eingepackt, dass aus etwaigem Naserümpfen ein Lächeln wird: Lederhärte und Teer-Exsudat kommen gebändigt und zahm daher.
Das Unnachgiebige wird mit etwas Nachgiebigem kombiniert. Eine sehr reizvolle Paarung. Das Kosakenstiefelleder wird einerseits ausnehmend schmiegsam, der Moschus bleibt andererseits nicht knochenlos und undefinierbar dunstig. Die Vanilleblume Heliotrop ist der perfekte Begleiter hierfür, hilft dem Moschus, das Leder leicht zu machen, hilft auf der anderen Seite aber genauso dem Leder, dem Moschus Substanz und Form zu geben, dabei erfüllt sie diese vermittelnde Rolle mit sanfter Süße. Aus dem Reifengummi wird ein softer, pastellfarbener (zum Radieren völlig ungeeigneter) Radiergummi, aus dem derben, undurchlässigen Leder wird edelstes Veloursleder und aus dem buschigen Wölkchen-Moschus ein klares Leuchten. Der animalische Charakterzug, der bei Leder fast unvermeidlich immer dabei ist, kommt hier sehr, sehr ungewohnt und beinahe unmerklich daher: untergründig und mehr geahnt, als wirklich präsent, umspielt er die äußersten Ränder des Duftes.
Ellena ist eigentlich nicht unbedingt der Moschusfan und erst recht bei seinen extra-extra-transparenten Hermessencen überrascht ein so offensichtlicher Moschuseinsatz. Aber es ist wohl gerade das Spiel mit Pastosität und Transparenz, das bei Cuir d´Ange die kreative Herausforderung war und er hat sie gemeistert mit einem hell-leichten, weichen Ledermoschus, der bei aller Sanftheit immer noch Kante, Charakter und Linie aufweist.
Ein feinfühliger, freundlicher Begleiter, nicht imposant oder grell, aber mit Eigenheit und Profil. Indirekt und über einen kleinen Umweg, aber eben doch im Grunde sehr ellenaesk und hermessenceartig.


16.03.2014 11:31 Uhr
Die Different Company Colognes (zwar in EdT-Stärke, aber betont "Cologne" genannt: "Esprit de Cologne") sind Émilie Bevierre-Coppermann bislang verdammt gut gelungen und die Symrise-Parfumeurin werde ich im Auge, bzw. der Nase behalten, wenn sie außerhalb der normalen Marken-Auftragsarbeit zum Duftgestalten kommt, so wie hier. Die kann was.

Der Anspruch an ein Cologne ist ein anderer als an sonstiges Parfum: Hier darf die Komposition nicht so komplex, dicht verwoben und tiefschichtig sein, dass sie den Vorder-, Mittel- und Hintergrund einnimmt und den (Luft-)Raum verstopft. Ein Cologne muss immer einen erfrischenden Effekt haben und auch über die Kopfnote hinaus, möglichst bis zum Ende der Dufterfahrung, einen erquickenden, jung-natürlich-gesunden, gerne auch kühlenden Charakter aufweisen.
Es muss leicht sein und erleichternd wirken.
Wenn die Different Company Colognes macht, kommt dazu noch die Erwartungshaltung, dass das ganze trotz des obligatorischen Frische-Gebots ein spannendes und modernes Parfum sein und sich nicht zu belanglos in die 0815-Aquas oder 4711-Varianten einreihen soll.

Mission accomplished auf ganzer Linie:
Alle Different Company-Colognes habe ich als echte, im Sommer gut tuende und bei Hitze besonders taugliche Eaus de Colognes erfahren, die Nase und Hirn freuen mit interessanten, riechenswerten und ungewohnten Duftbögen, die dabei aber nicht fordernd (und damit irgendwie anstrengend), sondern aufheiternd, anregend und belebend sind. Jetzt hat mich eines davon so sehr bezaubert, dass ich es gar nicht erwarten kann, es bei über 25°C auszuprobieren und es als ganz heißen Kandidaten für den Sommer 2014 auf meine Wunschliste setze: South Bay.

South Bay fängt an mit einer außerordentlich natürlich wirkenden Grapefruitnote. Nicht die, die einem öfter begegnet in Kopfnoten und seit TdH zum Kanon zeitgenössischer Zitrusstarts gehört, sondern eine hyperrealistische: Nicht eingebettet in Kontext, sondern unmittelbar, ruft die Grapefruitnote (laut Pyramide unterstützt von sauer-bitterer Quasizitrus-Tamarinde und herbem Mandarinenblatt, was ich gut nachvollziehen kann) mit hohem Ikonizitätsgrad eine direkte Geschmackserinnerung an den ersten Schluck frisch gepressten Grapefruitsafts am frühen Morgen auf. Und genau diese Auswirkung hat sie auch olfaktorisch: sie weckt, rüttelt auf und bringt die Sinne auf die Reihe.
Die Bitternote zieht sich langsam zurück, aber das Säuerliche bleibt und das, was dann entsteht, ist blumig. Aber es entspricht überhaupt nicht bekannten Blumenakkorden und erfüllt kein gewohntes Sommerblumenklischee: Eine gut erkennbare, supercharmante Freesie duftet gut gelaunt neben etwas Süßsaurem, Schwungvollem, das ein wenig holzig und rosig ist und unter dem Eindruck enorm Vitamin C-haltiger Frische eine Idee von Fülle, Dichte und Reife mitbringt. Keine Ahnung, wie das gemacht wurde, aber der Name „Hagebutte“ passt 1:1! Auf ihrer Website nennt die Different Company das "Églantine", was "Heckenrose", oder deren Frucht "Hagebutte" bedeuten könnte... obwohl der Akkord durchaus auch etwas Rosenhaftes hat, bin ich mir sicher, dass es mit Hagebutte exakt richtig übersetzt ist. Diese Hagebuttennote ist verblüffend und auffallend, sie macht für mich den Hauptreiz dieses Colognes aus. Nicht süß-mehlig, wie Hagebuttenmark oder extrasauer wie Hagebuttentee (der ja eigentlich ein Hibiskus-Hagebutten-Tee ist), sondern wie Hagebuttenfruchtfleisch um die vielen kleinen Kerne, wenn man die Frucht direkt vom Strauch gepflückt und aufgepuhlt hat.
Diese hagebuttig-blumige Mitte zeigt für ein Cologne eine erstaunliche Puste und hält lange an, bis sie sich schrittchenweise zu einer hellen, leichten Holzigkeit wandelt, die dann immer weiter verblassend und sich in Hautduft integrierend, ausklingt. In diesem letzten, holzigen Kapitel wird der Duft ausgeglichen und ruhig, dabei aber nicht fester oder weniger durchlässig. Der Wildlederaspekt bedeutet hier keine eigentliche Ledrigkeit mit hinterrücks kickender animalischer Beinote, vielmehr ein Heben der Holzigkeit zu streichelig-weicher Leichtigkeit.

Ein attraktiver, sehr vergnüglicher Duft - frisch, erst bitter, dann sauer, dann süßsauer, zuletzt hellholzig, leicht und bei aller Unschwere dennoch kraftvoll und charakterstark, Gegenmittel gegen Hitzemüdigkeit und Wärmephlegma, voller Lebendigkeit… das macht SOLCHE Lust, South Bay im Sommer zu tragen. Der braucht Sonne, Sonne und noch mehr Sonne, um sein ganzes Potenzial an Energie zu entfalten und bestimmt mächtig viel Spaß zu bringen.
Bravo, Émilie!


28.02.2014 16:59 Uhr
Coven ist grün.
Coven ist schwarz.
Coven ist bitter, saftig, erdig, holzig, harzig, rauchig.
Und Coven ist die olfaktorische Tür zu dem, was dahinter liegt.

Der Auftakt ist fast schmerzhaft grün. Ein unversöhnliches Grün, das keinen Raum bietet für romantische Interpretationen. Diese Natur ist nicht die der grünen Wiese, Ort für zärtliche Küsse und fühlige Gedichte. Nichts blüht hier und nichts ist mild, friedlich oder gutartig. Es ist vielmehr die reine, satte, rücksichtslose Lebenskraft. Natur ohne alles Humane… echte Natur. Die, die ohne ein Ego zu besitzen, dennoch oder gerade deshalb maximal egoistisch sein kann.
Das Grün ist ein sticheliges Nadelholzgrün mit etwas geschnittenem Gras. Ich tippe auf Tanne, Pinie und Gras, aber wie auch immer die natürlichen und synthetischen Noten heißen mögen, die diesen Grünakkord hervorbringen, er ist so konfrontativ und konsequent, dass er zunächst richtiggehend abstößt. Das Grün wehrt sich gegen die Einnahme durch Menschennase und -hirn, die es doch schön finden wollen. In dieser grünen Unzugänglichkeit ist es aber paradoxerweise reizvoll.
Geruchliche Bitterkeit kommt auf. Die Coven-Bitterkeit erinnert sehr an die von „Eau de Gentiane Blanche“ und deren unempfindliche Härte. Wo jedoch Ellena vermittelnde Pudrigkeit und entgegenkommende Blumigkeit bemüht, ist Maack, bzw. der/die von Maack beauftragte/r Parfumeur/in, nicht so konziliant, sondern lässt Coven weiter einen sehr eigensinnigen Weg gehen: recht bald kommt neben dem kompromisslosen, bitteren Grün ein Geruch tiefschwarzer Erde auf. Die Erde, an die man beim Riechen denkt, ist nass, frisch und voller Insekten. Wie Walderde unter der Schicht aus Laub und Moos, wenn man nach Regen ein paar Zentimeter tief gräbt.
Und dann, ab der Herznote, kommt dieser eindrucksvolle Kniff mit dem Whisky, der das ganze nicht unbedingt freundlicher und gefälliger macht, aber immerhin einen ausgleichenden, tröstlichen Effekt bringt. Der Whisky ist extrem torfig (erinnert an die Islay-Whiskyart) und sehr rauchig. Ein großer Anteil daran wird von Weihrauch ausgemacht und Weihrauch ist es auch, der dieses Parfum weiter in die lange andauernde Basis trägt. Der Weihrauch ist zunächst von frischem und dann langsam dunkler werdendem Grün geprägt, dann mehr und mehr von einem tiefdunklen und schwer wirkenden. Der Pinienweihrauch wird fließend zum Eichenmoosweihrauch, begleitet von frisch geronnenem, erst leicht angetrocknetem Harz. Dazu eine geschwärzte Holzigkeit. Ich erkenne Zeder, aber sie hat hier nichts Leichtes, Helles, sondern eine dunkle Massivität - es ist eher ein Zedernwurzelholz.
Dieser Weg in immer dichter und undurchdringlicher werdende Dunkelheit, in lücken- und lichtlose Finsternis, lässt dann überraschenderweise doch wieder Raum für menschliches Assoziieren und Projizieren von Gefühl:
Das ist Mystik.
Olfaktorische Mystik, geheimnisvoll, rätselhaft und unergründlich. Dabei durchaus beunruhigend, vielleicht gefährlich. Faszinierend, anziehend und auf eine unheimliche Art erotisch.

Erst eine bedingungslos natürlich wirkende, radikale Absage an kultürliche Interpretation, dann jedoch die Öffnung eines tiefen, magischen und unbegrenzten Lands der dunklen Träume und Bilder.
Coven ist ein Kulturwolf im Naturschafspelz: Das Parfum kommt für erstes Riechen und Erfahren als unbequemer und unfügsamer Naturduft daher, ist aber gleichsam ein Ausbreiten von Leinwand, Projektionsfläche und Platz für Fantasie und Gefühl.
Ich bin dem Zauber erlegen, auch wenn oder gerade weil es ein böser ist.


03.02.2014 17:23 Uhr
Chamarré habe ich 2 mal intensiv getestet mit anderthalb dazwischen liegenden Jahren. Beide Male gemeinsam mit Ronin und ohne Blick auf die Angaben der Duftpyramide.
Wir rochen einen faszinierenden, betörenden Duft, der nicht Muster von Bekanntem wiederholt, sondern auf eine schöne, wenngleich seltsame Art eigen ist und beide Male rätselten wir ob der Kopfnote und der sich aus ihr ergebenden, die komplette Komposition bestimmenden Hauptnote.
Was ist das?
Irgendwas Quasi-Zitrisches…? Mit Ingwer, aber nicht so spitz betont, wie Ingwer das häufig fordert, sondern breit und gedämpft? Clementine statt Mandarine, weil nicht so süß und ebenso breiter in der gerochenen Textur? Mit lavendeligem Kraut dabei, aber auch dieses nicht pointiert in Szene gesetzt, sondern gewissermaßen „flach“? Eine Seifigkeit ist da auch, aber woher kommt die? Und diese wächserne Wirkung? Nicht wie Bienenwachs, sondern deutlich an Paraffinkerzen erinnernd.

Mona di Orio kann mich nicht mehr schockartig überraschen, dachte ich.
Immer wieder staunen lassen schon, so kenne und schätze ich ihre Parfums. Ich habe gelernt, ihnen (und mir mit ihnen) Zeit, richtig viel Zeit zu geben und die Überraschung paradoxerweise zu erwarten. Ihre Düfte musste ich mir immer erschließen, mich auf einen Weg begeben, mich gewissermaßen riechend bewegen und jedes Mal begegnete ich beim Kennenlernen ungewohnten Wendungen und Kombinationen sowie neuartigen Lösungen. Aber die erschütternde, aufrüttelnde und umwälzende Wahrnehmungsüberraschung erwartete ich nicht mehr. Dazu kenne ich ihre Handschrift zu gut… dachte ich.

Die völlige Verblüffung erlebten wir, als wir die Pyramide sahen: ALDEHYDE?
Da sind Aldehyde drin?
Und wir haben sie nicht erkannt, nicht mal erahnt?
???
Aber klar… mit dem Wissen um dieses eine Wort „Aldehyde“ wurde alles, was wir wahrgenommen hatten, logisch. Das Wächserne mit der seifigen Spur: Klar! Das flächig und glatt Anmutende bei einer gewissen Breite ohne Spitze: Klar!
Nur dass die althergebrachte, von Chanel No. 5 und anderen Klassikern bekannte Bezogenheit auf das kanonisierte Blumenbouquet diesmal umgangen wurde… DAS war die unvermutete Lösung!
Die wichtigen Parts von Rose und Iris wurden sozusagen ausgelagert… sie kommen ab der Herznote hinzu, sind aber nicht Kern der Aldehydkombo, sondern Akzente, gleichsam von außen auf die Aldehyde wirkend. Ein gut erkennbares, liebliches Veilchen gesellt sich neben die Iris und macht das Blumige schön soft und matt. Der notorisch in Aldehyd-Blumen- Modellen auftauchende Jasmin ist hier komplett weg gelassen.
Aber was ist dann dieser „Aldehydkern“, wenn mit den stilmäßigen Kandidaten so anders umgegangen wurde?
Ich glaube, dass die Ingwer-Clementinen-Idee beschreibend ziemlich nahe kommt und der gedimmte krautige Aspekt dabei von einem starken Lavendel und Muskatellersalbei geliefert wird.
Eine ganz fremde, erneuerte, aufregende und außergewöhnliche Art Aldehyde zu riechen!

Eine echte Gänsehaut krabbelt immer wieder über Arme und Schultern, wenn ich diese merkwürdige und ungewohnte Aldehydnote rieche.
Und jetzt ist das ganz klar: natürlich (!) rieche ich da Aldehyde, kann mir gar nicht mehr vorstellen, das jemals verkannt zu haben.
Mona di Orio hat mir mal wieder die Fassung geraubt.
Und das mit einem bestrickend schönen, noblen, weich-emotional daher kommenden und herzergreifend berührenden Duft.
Die Basis ist sonnig warm, dabei aber ganz zart bleibend und nicht in Schwere abgleitend, deutlich und schön ambriert mit einem süßlich-milchigen Cashmerantouch und einem pudrigen, leicht harzigen, typischen Opoponax (der wieder das Lavendelige vom Anfang aufnimmt). Die Aldehyd-Hauptlinie bleibt lange erhalten, nur etwas abgeschwächt und in kleinen Schrittchen immer verhaltener werdend.

Jetzt kann ich nicht mehr sagen, ich könnte mit Aldehyden nichts anfangen.
Mona di Orio hat mir einen Quantensprung des Aldehydduftes gezeigt und gegeben.
Meine Güte, war die gut!


29.11.2013 09:54 Uhr
Die ganze Bandbreite von Iris wird gekonnt und genüsslich durchexerziert in diesem Parfum, so dass man es treffend als parfumistische Talentprobe bezeichnen kann: als Studie, die das ganze Iris-Iron-Ionon-Prisma ausbreitet, um zu zeigen wie der Bogen über die möglichen Facetten verläuft. Dieses begabte Entfalten des Irispotenzials lässt die Idee aufkommen, Rosine Courage (von der man sonst nichts kennt) habe Nirmal als Abschlussprojekt ihrer Parfumeurinnenausbildung vorgelegt, womit sie zeigte, was für ein gutes Verständnis des ganzen Iron-Segments sie sich erworben hat und mit welchem Fingerspitzengefühl sie damit umgehen kann.
Gleichzeitig ist Nirmal aber auch ein sehr tragbares, schmeichelndes Parfum, das gutlaunig und unaufdringlich (dabei aber immer wieder bemerkbar) begleitet und die Trägerin oder den Träger nicht als beliebige Leinwand für Duftkunst benutzt, sondern recht „persönlich“ riecht: Es unterstreicht Individualität statt zu überschreiben. Bei allen gezogenen Parfumkunstregistern Raum zu lassen für Menschliches sowie eine gewisse Leichtigkeit und Helligkeit zu bewahren geht ganz hervorragend mit Iso-E-Super - und davon ist auch eine gehörige Menge drin.
Nirmal ist so richtig unisex. Nicht ein bisschen mehr dies oder das, sondern tatsächlich genau in der Mitte. Dennoch möchte ich es mit Nachdruck den Herren zum Test empfehlen, die bislang in der Irisecke für sich noch nichts richtig Passendes gerochen haben und den quadrierten Kreis nicht in der Iris-Vanille-Lösung von Dior Homme finden.
Auch alle (Geschlecht egal), die die Karottigkeit natürlicher Iriswurzel oder die Stahligkeit synthetischer Iris jeweils alleine nicht richtig mögen oder für die die herkömmlichen pudrigen Irisinterpretationen zu „platt“ sind, sollten mal an Nirmal riechen.

Nirmal beginnt mit dem was in der Pyramide ein wenig augenzwinkernd-kaltschnäuzig einfach „Karotte“ genannt wird: Im ersten Moment bergamottig flankiert, kommt da eine natürlich anmutende Irisnote mit der vollen Möhre, die reale Iriswurzel haben kann. Es riecht nicht wirklich gemüsig… aber auch nicht blumig. Frischer Karottensaft riecht seltsam dicht, eng gepackt, gehaltvoll, aber gleichzeitig bemerkenswert frisch. Er riecht gewissermaßen „jung“. Diesen Aspekt lässt Nirmal zur Geltung kommen, ohne Süße dazu zu addieren.
Dann wandelt sich die Iris: Der Karottenschein wird weniger und dafür kommt etwas auf, das deutlich nach der synthetische Irisnote riecht, die man von vielen Parfums kennt. Klarer, schlanker und merklich kühler.
Das Kühle wird durch irgendeinen Kniff betont und pointiert heraus gestellt. Ich komm nicht drauf, was es sein könnte, irgendwas Grünliches.
Nachdem dieses etwas herbere, schattig-frische Muster herausgestellt ist, wandelt sich die Iris erneut: Sie wird blütiger und bekommt eine gewisse Lieblichkeit. Die Schnittmenge zwischen Iris und Veilchen wird nun ausgebreitet. Ohne den niedlich-holden Versuchungen der mädchenhaften Veilchennote zu erliegen, spannt Nirmal den Bogen zu einer sanften, breiter werdenden Blumigkeit.
Die angelegte Iris-Pudrigkeit wird – in allen verschiedenen Stadien - nicht voll ausgespielt, sondern bleibt immer nur angedeutet.
Nachdem dieses Irispanorama nun spannend und kunstfertig ausgefächert wurde, kommt der ganze Duft runter zu einer leise-charmanten Basis mit einer deutlichen moschusaufgehellten Ledernote. Das angelegte Puderpotenzial wird aufgefangen in einer flaumig-weichen Wildledrigkeit, die sacht ambriert und nur ganz leicht wärmer anmutend, den Duft bis zu seinem Ausklingen trägt.

Man kann nun diesen versiert und feinfühlig komponierten, schlau gemachten Duft tragen und sich ständig freuen an den Etappen, die er durchläuft, mit der erfahrenen Nase immer wieder nachriechen und sich fragen, wie das gemacht wurde und warum es jeweils so gut gelingt, den einen oder anderen Aspekt hervorzubringen. Das macht Spaß.
Man kann aber auch einfach ein reizvolles Parfum tragen, das bei zufälliger Selbstwahrnehmung freut, weil es vielschichtig und dabei trotzdem aufgeräumt ist, weil es durchaus Strahlkraft hat, aber nicht Aufmerksamkeit heischend laut wird und weil es keinem bekannten Parfumklischee entspricht.
Nirmal flirtet mit einem und spricht immer wieder an.
Das macht noch mehr Spaß.


06.06.2013 10:06 Uhr
Der Schweizer Tauer hat mir bereits ein paar wundervolle Duftgeschenke gemacht und mit Le Maroc pour elle das Herz gebrochen (ich reagiere kopfschmerzig), aber bei Rêverie au Jardin wähnte ich mich testend auf der sicheren Seite, denn ich mag allermeistens keinen Lavendel und flüchtiges erstes Schnuppern ergab: Hardcore-Lavendel!
Lavendel bringt mich nicht direkt zum „Wäh!“-Schreien, Davonrennen, Abwaschschrubben oder Weinen,… ich mag ihn einfach nicht, habe bisher genau zwei lavendellastige Düfte kennen lernen dürfen, die mich „kriegen“ konnten („Esquel“ und „Jicky“), ansonsten ist Lavendel ein gutes ALM (Anti-Louce-Mittel).
Entsprechend abschreckend wirkt die Kopfnote von RaJ auf mich: Sie ist superlavendelig und frischkrautig grün. Der nadelspitze Startlavendel hat enorm Kraft und Saft, wird begleitet von einer fiesen, kalten Bergamotte und einem Schwapp Latschenkiefermuskeleinreibzeugs. Mir schaudert.
Aber halt,.. da passiert was mit diesem Lavendel! Nach der ALM-Startphase geschieht etwas absolut Riechenswertes: der zuerst neongrüne RaJ wird langsam schattig grün, dann dunkelgrün und zuletzt finstergrün mit violetten Einsprengseln und goldenen Tupfern, immer schwerer, süßer und breitflächiger wirkend. Rose blitzt auf. Kein frischjunges Rosaröschen, sondern eine volle, überreife dunkle Rose. Räucheraromen werden immer kräftiger, geben dem Duft eine luftige Trockenheit und führen später zu einem mattsanften, schummerigen Amber. Gehaltvolle Süße flirtet mit einer leicht bitteren Note (hier habe ich eine Winz-Ahnung vom Tauertypischen) und fluffig-waldmeisterig-nussig-vanillige Tonka kleidet zusammen mit dem Amber die Basis mit hochflorigem Samt aus. Eine ordentliche Cremigkeit macht den Duft noch unkantiger. Ich kann kein Iris-Puder riechen, aber diese Falten glättende Creme schreibe ich Iriswurzel zu. Zuletzt kommt eine ruhige, friedliche Holzigkeit hinzu.
Mit dem späten Drydown bemerke ich angenehm überrascht diesen Hautduft, der von anderen Rezensierenden unten beschrieben wird.

Bei diesen Metamorphosen bleibt der Lavendel präsent, ist immer auszumachen… aber er verändert sich stark.
Und irgendwie lande ich bei meinen Versuchen, diesen Duft zu beschreiben beim Wort „orientalisch“.
Dieser Lavendelduft ist sehr weit weg von Fougere (trotz Eichenmoos plus Cumarin) und noch weiter weg vom Lavendelduftsäckchen im Kleiderschrank. Die süßschwere Entwicklung zu Gehalt und Hall auf einer harzigen, warmdunklen und sehr reichhaltigen Basis kann ich höchstens mit „orientalisch“ halbwegs treffend beschreiben…. und wenn wir diesen Garten aus Mitteleuropa oder Südfrankreich ein gutes Stück weiter südlich versetzen, wird auch die Gartenträumerei des Namens stimmiger.
Kein Parfum, das ich unbedingt brauche, aber ein spannendes Dufterlebnis, das eine weitere – sogar für mich sehr reizvolle – Facette von Lavendel zeigt.


21.04.2013 13:52 Uhr
Ambre Doré ist die Einlösung des Versprechens, das uns "Amber Oud" von by Kilian gab, aber nicht (auch nicht halb) hielt.
Weiterhin ist es ein Duft, der sich nicht der grimmen Oud-Dominanz beugt, sondern Amber folgt und es schafft, dass sich sogar das selbstherrliche Oud überraschend diszipliniert nach dem Takt des Ambers wiegt.
Und es ist der männlich-erotische Amber, der unter den vielen süß-harmonisch-gemütlichen, häufig eher weiblich duftenden Amberparfums markant und verdammt anziehend hervorsticht.

Amber und Oud sind Noten, die ich gut kenne und oft selbst trage. Bei beiden interessiere ich mich für die generellen Entwicklungen und Ausprägungen, die sie in den letzten Jahren erfahren haben und schon länger hatte ich die Parfumidee, oder vielmehr den Parfumwunsch, mal diese beiden mächtigen, großen Orientalen in einem Duft vereint riechen zu können.
Mit großer Erwartung also testete ich letztes Jahr „Amber Oud“ von by Kilian… und war enttäuscht. Calice Becker hat die Aufgabe gelöst, indem sie beide Stoffe runter gedimmt hat bis zur übersoften Breiigkeit. Alle reizvollen Kanten, alle provokanten und attraktiven Ecken beider Powerdüfte wurden so lange geglättet, bis die zwei kastrierten Protagonisten so nett und harmlos waren, dass sie mit ein wenig zusätzlich besänftigender Vanille bedenkenlos zusammen gemischt werden konnten.
Ganz anders hier:

Unmittelbar nach dem ersten Sprühen ist ohne Zweifel klar: Das hier ist ein Amberduft!
Eine trockene, aufgefrischt-süßliche Ambernote nimmt sich Raum und zeigt bald eine zunächst sehr dünne, dann langsam etwas stärker werdende herbe Schokoladigkeit. Sie erinnert deutlich an den Amber von „Ambre Précieux“ und passt zu der Aussage von Jean-Paul Millet Lage im Parfumo-Interview, dass es einen speziellen „Hausamber“ gibt, seinen Lieblingsamber, mit dem er grundsätzlich in der Amberrichtung arbeitet.
Nachdem man den charaktergebenden Amber kennen gelernt und sich im Duft etwas orientiert hat, ist da plötzlich etwas anderes zu bemerken: Ein harter, klarer, kräftig und richtig rabiat wirkender Oud-Impuls stellt sich gegen den vorgegebenen Strich. Huch! Irritierend und rebellisch kommt da etwas auf gegen die dunkel-trockene Weichheit der Hauptnote.
Jeder angelegten Süße wird jetzt widersprochen.
Das harmonische Fließen, dem man bisher riechend folgte, stockt.
Schluss mit Kuschellaune…. alle Antennen werden ausgerichtet, alle Aufmerksamkeit konzentriert.
Und jetzt beginnt eine stufenweise Harmonisierung. Langsam findet eine fortschreitende Versöhnung statt, ein Mischen und Glätten, bis der Oudaspekt gemäßigt ist. Das Mildern und Beruhigen, das Zähmen des Oud ist aber keine Unterdrückung. Kein Kampf, der mit der Unterlegenheit des einen Gegners endet, sondern eine ganz sanfte, zärtliche Entwaffnung.
Die beiden, auch hier eingesetzten, notorischen Oud-Begleiter, Safran und Koriander sind nämlich auch ganz hervorragende Amberpartner und grundsätzlich gewillt, überzulaufen. Sie bilden so eine Anknüpfungsstelle und verbinden die beiden Akkorde. Eine süße-herbe Myrrhe kann ich riechen, die hinzukommt und hierbei unterstützt.
Mit dem Drydown ist es erreicht: Der Oud-Anteil fügt sich der Ambermelodie. Noch erkennbar Oud, aber in einer nachgiebigen und fügsamen Art, die man sonst nicht kennt.
Und nun, nach der Befriedung des Oud, entfaltet der Duft seine ganze Pracht: Er glänzt golden.
Die Vergoldung des Ambers im Namen „Ambre Doré“ ist nicht nur ein hübscher Produktname, sondern tatsächlich Programm. Ein sondergleichen warmer, schwerer Glanz, ruhig, aber sehr kraftvoll, durchzieht jetzt den Duft.
Ambre Doré wird rund und wohlproportioniert. Ausbalanciert. Dennoch ist Oud immer noch ein erkenn- und identifizierbarer Aspekt. Allerdings kein eigener mehr, sondern perfekt integrierter Teil eines Ganzen.
Tief, warm, dunkel und sehr amberig beeindruckt dieser schöne Duft jetzt bis er vergeht, wobei die gute Haltbarkeit nicht durch ein Auseinanderfallen des Duftes begrenzt ist, sondern das Ende einfach ein schwächer und immer schwächer Werden ist.

Ambre Doré erzählt die spannende Geschichte von der Mäßigung des Oud und seiner Unterordnung unter Amber, um dadurch einen wundervollen sinnlichen Goldglanz hervorzubringen.
Diese Geschichte von Zähmung, von Härte und Kraft, die sich in Widerspruch zu Weichheit und Anmut erst aufstemmen und dann ganz langsam durch Zärtlichkeit und weiche Bindung schrittweise korrumpiert werden, bis das Oud in ein Ganzes eindringt und darin aufgeht, passt ausgezeichnet zu Bildern von Männlichkeit, so dass ich den Duft eher männlich nennen möchte, bzw. den vollen Genuss dabei habe, wenn ich ihn nicht an meiner, sondern der Haut des Liebsten rieche.
In dieser Kombination fordert und bekommt Ambre Doré all meine Aufmerksamkeit.


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