MNGRMNGRs Parfumrezensionen

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MNGR vor 7 Monaten 6 2
7.5
Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Flakon
An den guten Vorsätzen haftet immer etwas Verhängnisvolles, sie werden unweigerlich zu früh gefasst. (Oscar Wilde)
Mit den „guten Vorsätzen“ ist es immer so eine Sache. Wer welche hat, ist irgendwann mal falsch abgebogen und gesteht sich nun seine(n) Fehler ein. Wer keine anführt, ist wohl oder übel in seiner reaktionären Eitelkeit gefangen.

Wann, wenn nicht am ersten Tag des Jahres, können illusionäre Vorhaben bedenkenloser verkündet werden?
Wenngleich einige an Euphemismus nicht zu überbieten sind, verkörpern „gute Vorsätze“ im Allgemeinem die menschliche Fehlbarkeit und versprühen so etwas wie Aufbruchsstimmung.
Dieser Aufbruch zu neuen Gefilden kann auf vielerlei verschiedene Weisen interpretiert werden. Eine davon liegt im, für Neuanfänge wohl verheißungsvollsten Datum überhaupt, begründet, dem Ersten Ersten eines jeden Jahres. Heute Anno 2022.

Eine weitere Lesart bietet das Profil des vorliegenden Duftes, dessen Chronik bislang noch keinerlei Rezension aufweist (ich hoffe, das bleibt auch so, bis ich diesen Text fertiggestellt habe. Andernfalls verliefe eine stringente Aurgumentationskette ins Bodenlose und Prätentiöse, sodass sie sich als Beispiel außerordentlicher Peinlichkeit im Gedächtnis der Lesenden verfangen würde.)

Die fundierteste Analogie birgt jedoch die Symbolik des grünen Apfels in sich. Er verkörpert bekanntermaßen „den Aufbruch zum Neuen“ in der Hülle eines unscheinbaren Obstes. Das tut er auf sehr fruchtbare und lebensbejahende Art und Weise. Dabei wohnt ihm auch immer etwas Mysteriöses und Verbotenes inne, das das Verlangen nach ihm ungemein vergrößert.
Diese Charakterzüge verleiht er unweigerlich dem zugrundeliegenden Duft.

Fast schon auf wundersame Art versprüht er diese liebliche und fast verspielt anmutende Aura, die man so von einem Hause wie Brioni nicht erwarten möchte. Dahingehend beschreibe ich ihn eher als Wagnis-Kandidat denn als solide Blind-Buy-Bank.

Als süße Versuchung beweist er Ausdauer, macht jedoch gekonnt einen Bogen um bleischwere und penetrante Schwaden, die tagelang in der Kleidung verweilen. Die Zitrik der Kopf-Kaskade bringt die nötige Portion Frische mit, um als innovativer Flanker einer doch eher subtilen, italienischen Traditionsschneiderei zu überdauern. Als Flanker nehme ich ihn insofern wahr, als dass er mit einer wohldosierten aber doch synthetischen Ambroxan-Atmosphäre einem gewissen Zeitgeist nachstellt. Das sehr Hintergründige Oud, aber die recht helle und sanfte Vanille schlagen ebenso in diese Kerbe.

Dahingehend muss ich einem Statement weiter unten beipflichten und ebenfalls die fehlende Eigenständigkeit kritisieren. Jedoch in Maßen und nicht unverhältnismäßig. In den Phasen seines Entstehens sind m.E. Parallelen zum Apfel-Klassiker schlechthin „Hugo Boss Bottled“ nicht von der Hand zu weißen.

Alles in Allem ist er ein Duft der nicht so wirklich zu Brioni passen soll bzw. zu dem, was man wohl erwarten möchte. Andererseits passt er wiederum sehr gut, möchte man dem Traditionshaus eine fortan kommerziellere Ausrichtung nachsagen, ohne qualitative Abstriche einräumen zu müssen. Bleibt zu hoffen, dass diese Vorsätze nicht zu früh gefasst worden sind.
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MNGR vor 12 Monaten 7 2
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
10
Flakon
Die Kunst des bewussten Tragens
Dieser Duft ist wahrlich kein "No-Brainer", also kein Duft, den man unbedacht in nahezu jeder Situation auftragen kann, ohne anzuecken. Ganz im Gegenteil, er ist ein wahrer "Brainer", also einer, den man mit Bedacht wählen sollte. Ein Duft, über den man sich Gedanken machen sollte. Und allein deshalb ist er derzeit zu einem meiner liebsten avanciert.
Darüber hinaus kursiert die Haltung, dass AdP CS eher dem gesetzten Mann im besten Alter zuzuordnen sei. Bei ersterem, dem Geschlecht, gehe ich mit. Für mich ein ganz klarer Männerduft.
Beim Alter bin ich zwiegespalten. Ich denke, hier trägt die edle und erhabene DNA ihren Teil dazu bei, dass dieser Duft mit Präzision und Stilsicherheit getragen werden sollte. Natürlich fällt es einem "erwachsenen Mann" leichter (ich möchte bewusst kein Alter festlegen) diese Atmosphäre der Selbstsicherheit und Authentizität zu erzeugen, als bspw. einem unsteten, suchenden und in Teilen unsicheren bis naiven "jungen Mann". Aber auch dieser kann ihn tragen, bloß die Gefahr, sich dabei zu "verheben" ist vermutlich größer.

AdP CS ist zwar der einzige dieser "Eau de Cologne Concentree"-Reihe, den ich bisher gerochen habe, ich wage jedoch zu behaupten, dass allen Releases dieses distinguierte, italienisch-stilsichere, klassisch-edle Label angeheftet werden kann. Allein die Aufmachung: braunes Glas mit bronze-schimmerendem Etikett, auf dem das traditionelle Wappen prangt, deutet in meinen Augen darauf hin. Im Vergleich dazu wirkt die Blu Mediterraneo Reihe doch weitaus jugendlicher, verspielter und leichter. Hinzu kommt die Unisex-Einordnung, die sich fast ausnahmslos durch die komplette Reihe zieht. Letzlich entsprechen diese Düfte zwar ausgesprochenen Summer-Scents, mit Blick auf die Flakongestaltung (nicht zuletzt untermauert durch die aktuellste Neuerscheinung, den AdP
Blu Mediterraneo Bergamotto Di Calabria La Spugnatura) wird damit aber bewusst eine breitere und leichter zu beeindruckende Zielgruppe angesprochen. Was ich absolut nicht schlecht reden will, denn letztlich dienen die "blauen" als Einsteigstor in die Welt von AdP. So auch in meinem Fall. Über Fico de Amalfi lernte ich das italienische Traditionshaus lieben und bin nachgerade ein Fan davon geworden.
Und gerade durch den AdP CS wurde diese Zuneigung ungemein gestärkt.
Er hat ein Auftreten, das nur sehr schwer zu fassen und zu beschreiben ist. Entsprechend überrascht war ich, als ich ihn das erste Mal roch. Erworben habe ich ihn hier im Souk als fast vollen 100 ml Flakon, samt OVP. Mehr oder weniger blind, denn ausschließlich die Rezensionen und Statements hier haben mich dazu bewegt, ihn mir zuzulegen. Und ich bin sehr froh darüber.

Wenn von AdP und der hauseigenen DNA die Rede ist, so kann ich sagen, dass hier sehr viel Wert darauf gelegt wird. Die typische Zitrik schwingt immer mit, vor allem natürlich am Anfang. Geht aber nie ganz weg, wird in der Performance lediglich um weitere Töne ergänzt. Gerade in Verbdingung mit Lavendel und Kardamon entwickelt sich daraus eine Liason, die für mich die Assoziation an eine helle/weiße und warme Sommerbrise bildet. Nicht so eine, die einem im Hochsommer fast erschlägt. Viel mehr eine, die einem am Abend, bei abgekühlten Temperaturen, fernab von eingeölter, schwitzender und gebräunter Haut umsäuselt. Hier schlägt keine Keule zu und erst recht möchte ich hier nicht von einem "beast" oder "Sillage-Monster" sprechen, aber für einen Understatement-Duft ist er schon sehr understatement oder besser, er strahlt diesen Understatement-Charakter sehr stark nach außen, als ob wirklich jeder wahrnehmen soll, dass es sich hier um einen Duft handelt, der diesen subtilen, feingesitigen, selbstbewussten und erhabenen Gestus ausstrahlt.
Sofern ein gewisses Feingefühl besteht und man sehr bewusst diesen Duft wählt, so ist er das absolute Fundament dessen, was die Person des Trägers ausmacht. Er gibt dir diese in sich selbst ruhende Kraft, Geduld, Ausgleich und sehr viel Würde. Er lässt die Menschen in deiner Umgebung in keinster Weise an deiner Wahl zweifeln. Er geht diese Verbindung mit dir als Träger ein, die nicht jeder Duft so zielgenau hinbekommt. Das führt dazu, dass Duft und Person ein Gleichgewicht bilden, ein Ying und Yang, das eine Einheit bildet und nicht losgelöst voneinander zu betrachten ist. Daher wird er auch keine Komplimente heraufbeschwören, aber nicht, weil er zu schwach ist oder nicht wahrgenommen wird. Nein, die Komplimente bleiben aus, weil dieser Duft aussagt, dass er keiner Komplimente bedarf. Er ist sich seiner Leistung jeder Sekunde zu 100% bewusst und braucht daher keinerlei Anerkennung. Er möchte viel lieber unkommentiert den Moment genießen lassen, ohne auf einzelne Elemente zu projezieren.

Wie schon erwähnt, ist die Gefahr, sich mit AdP CS zu verkleiden immer da. Das möchte ich an dieser Stelle nochmals betonen (!) Aber bei gezielter Auseinandersetzung und dem Verständnis für diesen Duft, bringt er unheimlich viel Freude mit sich, weil er einem zeigt, dass kein Duft der Welt seinen Träger verwandeln kann. Was er jedoch kann ist, den Gespür einer Person für sich selbst, das gute Selbstverständnis und die gekonnte Reflexion nach außen zu tragen. Und zwar nicht plakativ, sondern außerordenltich einzigartig.
2 Antworten
MNGR vor 12 Monaten 7
8.5
Duft
9
Haltbarkeit
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Sillage
9
Flakon
Der stereotype Acquat
Wenn von einem Duft die Rede ist, der die Vorstellungen von einem maskulinen Aquaten sinnbildich vereint, gibt es an Acqua di Gio Profumo wohl kein Vorbeikommen. Viel zu verwoben ist dieser Klassiker mit den stilbildenden Tugenden eines aquatisch-frischen Parfums.
Ich lehne mich sogar soweit aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass Jeder (natürlich immer auch Jede), dem diese Dufrichtung zusagt, bereits von diesem hier - oder dem originalen Ursprungsduft - gehört, gelesen oder ihn wahrscheinlich auch schon einmal gerochen hat. Und weil dieser markante Duft so einzigartig ist, kann sich vermutlich der Großteil an eben diese Wahrnehmung erinnern.
Ich persönlich nehme diesen Duft immer ganz bewusst wahr, das letzte Mal besonders eindrücklich im April beim Umzug eines Freundes. Er wohnte zur Miete in einer völlig überdimensionierten, aufwändig-restaurierten und denkmalgeschützten Altbau-Stadtvilla der Gründerzeit. Als ich am Morgen den Eingangsbereich bzw. die Lobby betrat, roch ich es sofort. Nach dem ersten Kaffee suchte ich das Badezimmer auf und konnte mich vergewissern. Ich sah und roch Acqua di Gio in seiner Ursprungsform. Wahrscheinlich handelte es sich um einen recht alten Batch, denn die Intensität war atemberaubend und flutete das ganze Haus. Und so wie ich den Träger des Duftes einschätze, hat er ihn beim Auftragen nicht überdosiert und ist sicher auch nicht durch alle Räume gelaufen, um überall einen Sprüher zu hinterlassen. Dieser Tag im April hat mir den Duft wieder ins Bewusstsein gerufen und mir gezeigt, wie sehr er das Bild bzw. die Wahrnehmung von einer Person formen kann.
Einige Wochen später habe ich bei einem Einkauf in einer großen Drogerie dann bewusst den Profumo-Flanker getestet, zusammen mit einem anderen Duft. Beide Handrücken waren in Verwendung und ich muss gestehen, dass der AdG Profumo an diesem Tag nicht gut abgeschnitten hat.
In einer Duftpost vor ca. zwei Wochen bekam ich dann einen Tester des AdG Profundo zugeschickt, sprühte ihn gleich auf und roch die altbekannte AdG-Note. Diese Version gefiel mit auf Anhieb besser als jene in der Drogerie.
Anfang dieser Woche bekam ich eine weitere Duftpost und darin enthalten war als Überraschungsbeigabe eine 5ml Abfüllung des AdG Profumo. Ich muss gestehen, ich habe mich sehr gefreut und sofort am Sprühkopf gerochen. Mir gefiel, was ich da wahrnehmen konnte und nahm mir vor, den Duft am darauffolgenden Tag aufzutragen und ihn über den Tag zu "beobachten". Bewusst entschied ich mich dagegen, die Abfüllung mit zur Arbeit zu nehmen. Ich wollte die Entwicklung riechen und nicht alle zwei Stunden die Kopfnote auffrischen. Diese ist zwar in seiner Spritzigkeit ebenso unverkennbar und erfrischend, ich wollte jedoch den Kern des Duftes ergründen.
Nach der, zugegebenermaßen eher großzügigen Dosierung am Morgen im Bad (muss ja für den ganzen Tag reichen), machte ich mich auf den Weg und war von der tollen Projektion enorm begeistert. Es war gar nicht nötig, das Handgelenk zur Nase zu bewegen. Ich roch ihn auch so, ohne dass er in geringster Weise zu aufdringlich schien. Ebenso wenig denke ich, dass er für meine Mitmenschen in der näheren Umgebung eine störende Aura verkörperte. Sicher roch man ihn im Gespräch mit mir, im Treppenhaus oder beim Hinterherlaufen, aber niemand wich aus oder machte eine entsprechende Anmerkung, weder positiv noch negativ. Ich denke, das ist die wahre Kunst des AdG: er fällt auf, wird als solcher identifiziert, stört aber trotz der prominenten Wahrnehmung und Sillage nicht. Er ordnet sich gekonnt unter, ohne zu verschwinden. Es sorgt stets für diese frische Aura, auch noch 4-5 Stunden nach dem Auftragen. Das ist faszinierend, wie ich finde. Diese frische, krautige Würze, die der Duft in einer sehr schön abgerundeten Art und Weise einnimmt, ist in dieser Form einzigartig. Die mediterranen Kräuter verleihen ihm einen wohldosierten Herbheitsgrad, der der Aquatik unterschwellig beisteht und mit der Zeit immer mehr zum Tragen kommt. Das gefällt mir unheimlich gut. Die patchoulieske Naturverbundenheit ist darüber hinaus immer gegeben, wird im Verlauf sogar stets besser in der Projektion.
Abschließend kann ich sagen, dass der AdG Profumo mich einmal mehr nachhaltig begeistert hat. Dieses Mal sogar das erste Mal auch an mir.
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MNGR vor 1 Jahr 12 3
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Flakon
Im Angesicht
Jeder kennt diese Tage, an denen man förmlich nicht anders kann, als sich zu erinnern. Man beginnt damit, an etwas zu denken, sich zurückzufantasieren und ist plötzlich wie im Bann und gefesselt, aufgrund der eigenen Vita. Diese Art, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen wird schnell reflexiv, wenn man soweit geht, sich zu fragen, was wäre, wenn? Was wäre, wenn ich damals mit meinem heutigen Verstand in dieser Situation gewesen wäre? Vielleicht gäbe es gar keine bemerkenswerten Unterschiede. Beim Lesen, Hören und vor allem Riechen des Dior Addict denke ich mich jedoch unweigerlich in das Jahr 2010 zurück.

Ich war damals gerade 20 und absolvierte meinen Zivildienst im Notfallbereich eines Klinikums. Das war ziemlich spannend. Die Bandbreite der Fälle war enorm und ich sah es als geeignete Vorbereitung, auf ein möglicherweise bevorstehendes Medizinstudium, an. Meine Aufgabe bestand vor allem darin, Menschen vom Rettungswagen entgegenzunehmen, ihnen auf eine Liege zu helfen und sie in den Behandlungsbereich zu schieben. Die neuankommenden Patienten mussten natürlich in das Krankenhaus-System aufgenommen werden, um eine Dokumentation, Diagnosen etc. festhalten zu können. Diesen Job übernehmen keine Zivildienstleistenden, sondern erfahrene Pflegerinnen. In meinem Fall gab es da eine besonders fähige und außergewöhnliche Frau. Sie war vielleicht so alt wie meine Mutter und überaus aufmerksam, sensibel, witzig und einfühlsam. Viele Dienste absolvierten wir gemeinsam und kamen dabei immer sehr ausführlich ins Gespräch.
Sie hat eine Tochter, die ungefähr in meinem Alter war und zu diesem Zeitpunkt ein Auslandsjahr in Irland absolvierte. Sie war also verhältnismäßig weit weg. Rückblickend denke ich, ich war vielleicht eine Art kommunikativer Ersatz für ihr Kind, das zwar kontaktierbar aber doch irgendwie unerreichbar war. Sie erzählte mir viel von ihr und ich hörte sehr gerne zu. Sie zeichnete ein Bild, dass mich sehr authentisch an ihrer Mutter-Tochter-Beziehung teilhaben ließ. Nicht nur die schönen Seiten, sondern auch Probleme, Bedenken, Sorgen und Ängste teilte sie mit mir. So auch, dass ihre Tochter derzeit viel weine und überaus unglücklich sei. Die Gastfamilie akzeptiere sie wohl nicht so, wie sie es erwartete. Das war traurig und tat mir sehr leid. Die Situation in Irland wurde immer drastischer, sodass ihre Tochter das Auslandsjahr nach zwei Monaten abbrach und wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Vermutlich erzählte ihre Mutter ihr ebenso viel von mir, wie sie mir von ihr erzählte. Und so kam sie eines warmen Apriltages, um ihre Mutter vom Dienst im Krankenhaus abzuholen. Ich war auch da, wusste dass sie kommen würde und freute mich, war vermutlich sehr aufgeregt. Ich hatte vorher kein Bild von ihr gesehen, aber als sie mir gegenüberstand, hatte ich sie mir genauso vorgestellt. Sie trug einen beigen Trenchcoat und sah sehr smart, verlegen, süß und irgendwie rein und schön aus. Ich war von diesem Zeitpunkt an gefühlsmäßig sofort auf einem anderen Level.
Aus den Erzählungen ihrer Mutter wusste ich, dass es da aber noch jemanden gab, der ihre Rückkehr vermutlich drängender herbeisehnte als ich, ihr Freund.
Ich weiß nicht mehr genau an welchem Wochentag wir uns das erste Mal gegenüberstanden, aber an dem Samstag danach war ich mit Freunden in einem Club feiern. Und auf dem Weg zur Bar lief sie mir über den Weg. Wir unterhielten uns eine gefühlte Ewigkeit, bis ihre Freundinnen heim wollten. Wir tauschten Nummern aus und schrieben uns die halbe Nacht. Wir verabredeten uns und wenn nicht beim ersten, so zumindest beim zweiten Treffen küsste ich sie. Sie erwiderte den Kuss und seitdem ist er wohl einer der, wenn nicht DER eindrücklichsten in meinem Erinnerungsschatz. Danach sagte sie, dass das leider nicht ginge und ich entschuldigte mich.
Nach kurzer Funkstille schrieben wir wieder. Ich schätze, sie konnte genauso wenig ohne mich, wie ich ohne sie. Wir trafen uns wieder und küssten uns. Ich wusste, dass sie einen Freund hatte und alles irgendwie aussichtslos erschien, aber wir waren so jung und alles so bittersüß. Es war ein schöner Sommer. Sie erwiderte jeden Kuss und bereute es kurz darauf jedes Mal auf‘s Neue. Mein (nicht ausgesprochener) Wunsch, sie löse sich von ihrem damaligen Partner, blieb jedoch lange unerfüllt. Zu lange. Wir trafen uns wieder und wieder, bis es nicht mehr ging. Ich konnte es nicht mehr, wenn ich es doch umso stärker wollte.
Ich schrieb ihr einen Abschiedsbrief, den ich in eine Schachtel packte, gemeinsam mit einem neuen Flakon jenes Duftes, welchen sie seit unserem ersten Aufeinandertreffen sehr oft trug, Dior Addict. Das war mein Abschiedsgeschenk.

Wie der Name des Duftes schon anmerkt, so war auch ich einer Sucht verfallen. Einer, die mich im Rausch in höchste Höhen katapultiere, um mich nur wenige Augenblicke später im tiefsten Blau des Meeres versinken zu lassen. Es ist ein Duft, der mir das Lieben mit Anfang zwanzig in seiner vollen Breite offenbarte. Jedes Mal, wenn ich ihn roch, fühlte ich mich geborgen, wenngleich ich wusste, dass dieses Gefühl nur von kurzer Dauer sein wird. Er strahlte Würde und Ruhe aus, wo oftmals nur Ungewissheit und Naivität waren. Ich verbinde mit diesem Duft eine tiefe Intimität und Nähe. Ein Duft, der mir, wenn ich allein wieder daheim agenkommen, noch so lang in der Nase stand. Ich liebte ihn und doch hat er mich getäuscht und tief traurig gemacht. Es ist ein Duft, der die Erinnerung an die Schönheit und Verletzlichkeit auslöst.
Dass „Königin der Nacht“ den Herzakkord dominiert ist dabei ebenso folgerichtig wie schicksalshaft ironisch. Ich weiß nicht, ob in einem Spiegelschrank unweit von mir, noch dieser eine Flakon stehen mag. Wenn dem so ist, dann weiß ich, dass immer etwas bleibt. Und irgendwie ist das ein schöner Gedanke.
3 Antworten
MNGR vor 1 Jahr 12 3
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Duft
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Haltbarkeit
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Sillage
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Flakon
Der Grauschleier
Wo immer man einen Grauschleier unterbewusst wahrnimmt, hinterlässt er einen markanten Fußabdruck. Nicht immer wird damit Positives assoziiert. Ganz im Gegenteil, oftmals ruft er Missmut hervor. So setzt er sich, bspw. nach mehrmaligem Waschen in weißer Kleidung fest. Oder er vernebelt Fotografien, nimmt ihnen ihre Klarheit, die Brillianz und den Kontrast. Das mögen Manche als fehlerhaft, unschön und störend betiteln, in meinen Augen vermittelt das eine gewisse Unwägbarkeit, Unplanbarkeit und die Ambivalenz der Imperfektion, der Unvollkommenheit per se.

Ganz gewiss streben wir Menschen danach, möglichst Vieles im Voraus durchzuexerzieren und Standards zu etablieren, um Abläufe nachvollziehbar, weniger fehleranfällig und vor allem, einander ähnlich zu machen. Gerade dieser Grauschleier, der sich in Form von Unberechenbarkeit in menschliche Entscheidungen einschleicht, ist zwar sowohl als störend und "noisy" wahrzunehmen, lässt andererseits die Dinge jedoch umso authentischer, individueller und einzigartiger erscheinen, wenn auch oftmals ungewollt.

In dieser Hinsicht emfinde ich den Namen "Gris Charnel" bereits als überaus gelungene Wahl. Er trägt den Duft in meinen Augen sehr gekonnt und ehrwürdig in die Welt. Die gräulich-violette Färbung des Duftstoffes untermauert den Ansatz einmal mehr. Das Schleierhafte festzuhalten ist gewiss ein ambitioniertes Vorhaben. Dass und vor allem wie es geht, stellt Mathilde Bijaoui hier gekonnt unter Beweis.

Im Opening dominiert eine feine Würzigkeit, die durchaus unerwartet zu Tage tritt, da die Wahrnehmung direkt am Sprühkopf viel fruchtiger und süßlicher erscheint. Das ist sie, diese leichte Anstößigkeit, die als störend oder unplanbar daherkommt, wie ein Schleier, der sich niederlegt, ohne darum gebeten worden zu sein. Nun ist er aber da und beginnt, sich zu entwickeln.
Nach und nach nimmt er Züge an, die eine Aura der Gemütlichkeit erzeugen. Allein der Umstand, dass eine pudrige Iris hier im Drydown eine anheimelnde Wärme erzeugt, spiegelt die Ambivalenz eines Duftes wider, der die Unerwartbarkeit im Namen trägt. Das ist mysteriös und unverhofft, aber doch ebenso logisch und folgerichtig. Vor allem aber inszeniert bdK dieses Parfum äußerst bedachtvoll und scharfsinnig. Chapeau.
Mit der Zeit hüllt der Schleier einen ein. Er legt sich sanft und zärtlich wie eine Creme auf die Haut und bleibt an ihr haften. Wie ein seidiges Tuch wird er allmählich leichter und unauffälliger. So, als ob er schon gar nicht mehr da wäre. Ruft man sich ihn jedoch wieder ins Gedächtnis, so ist er parat. Subtil, nicht anbiedernd nimmt erst die Würze ab und verkehrt in eine cremige Süße. Bevor diese jedoch ins überzuckerte abdriften kann, übernimmt eine holzige Cremigkeit das rudert und schaukelt das Schiff in den Hafen.

All das passiert nebenbei und bleibt in gewisser Weise unergründlich und schleierhaft. Nichts gerät aus der Spur. Kurze Ausflüchte in Sillageexplosionen werden sofort wieder eingefangen. SIe ziehen sich zurück, wie ein Schleier im Wind, der seine Existenz wunderbar an die Umgebung anschmiegt. Er lässt sich nur schwer in Form bringen und noch weniger verleiht er eine andere Identität, aber er verdeckt das Unwesentliche und hüllt das Schützenswerte ein. Man kann ihn weder halten noch verleugnen. Er passt sich dir an, so wie du bist und nicht so, wie du sein willst.
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