MeggiMeggis Parfumkommentare

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20.08.2019 20:52 Uhr
28 Auszeichnungen
Eine seifig-zitrische Frisiersalon-Frische eröffnet. Doch rasch ist Minze vornean, in einer kräftigen ätherischen Wolke. Inklusive reichlich passenden Blattgrüns. Denkbar wäre auch Brennnessel, was absolut nicht negativ gemeint ist.

Und als bereits binnen weniger Minuten eine diffuse, synthetische Holzigkeit durchdringt, ist glücklicherweise jene Cremigkeit zur Stelle, die ich nicht anders als „italienisch“ nennen kann, ohne dass ich das fundiert begründen könnte. Zunächst leicht angeraut (Rosengeranie), später vorrangig grün (Galbanum). Das tut dem ganzen Konstrukt insofern gut, als das Kunst-Holz davon im Untergrund gehalten wird und nicht die ihm gern mal eigene Penetranz entwickelt.

Na ja, und wie viele seiner Marken-Kollegen gleitet ‚Colonia Club‘ nun Stunde um Stunde solide vor sich hin, die „italienisch“ wirkende Melange aus Grün und Creme hält mit Hilfe von Lavendel wacker einen Anflug einer Rasierwasser-Attitüde aufrecht. Das Holz schrammt durchweg just nahe genug an einem tapferen Fragment unseres Brennnessel-Grüns entlang, um nicht nervig zu werden. Ein bisschen was Herbes nach hinten raus (wie ein Hauch von Tabak-Bitterkeit) hilft ebenfalls gegen Holz-Ödnis.

Das Problem ist, dass insbesondere bei den Vertretern aus der blauen Acqua-Serie oft ein Auftakt zum Niederknien für die folgenden Stunden milde stimmt. Heute war die Minze zwar sehr ordentlich und der grün-blättrige, recht lebensnahe Einschlag darf sich hiermit ausdrücklich als gebührend gewürdigt betrachten – aber zum Dahinschmelzen ist er nicht. Und da der Rest dann eher routiniert runtergekurbelt wirkt, stimmt der Saldo einfach nicht.

Fazit: Ein (zugegebenermaßen stilvoller) Immergeher für den Herrn. Bedient seine Zielgruppe zuverlässig.

Ich bedanke mich bei MisterE für die Probe.


08.08.2019 21:01 Uhr
30 Auszeichnungen
Ein unauslöschliches Cologne – will ich das überhaupt? Ist das nicht wie Michael Endes Schlamuffen? Naja, irgendwie hat eine Dauer-Frische natürlich schon was, immerhin schätze ich nicht ohne Grund Laliques ‚White‘ sehr. Und unauslöschliche Acqua-di-Parma-Kopfnoten wären ebenfalls eine gute Idee.

Doch zunächst musste ich spontan an eine meiner Lieblingssymphonien denken: Die Nr. 4 „Das Unauslöschliche“ des Dänen Carl Nielsen, entstanden während des ersten Weltkriegs, als Hommage an das Leben, die Lebenskraft, den Lebenswillen. Ein solcher Titel ist großer Anspruch an das darunter dargebotene Getön, dem das Werk freilich vollauf gerecht wird. Das Pauken-Duell im Finalsatz ist singulär.

Hm… Ziemlich großwurfig, derlei in Bezug zu setzen zu einem Cologne, welches… Tja, wie isses denn nun?

Viel 4711-Neroli eröffnet, kurz geradezu scharf-schneidend im Auftritt. Dazu gesellen sich rasch einige Spritzer harsches Stängel-Grün, in direkter Überleitung zur Narzisse. Dadurch dreht der Gesamt-Eindruck für mich schnell von Omas Brokat-Deckchen auf dem WC-Spülkasten weg (original so stand das gute, alte ‚4711‘ seinerzeit bei ihr!). Die Narzisse verbreitet eine recht gestrenge Frische, die perfekt zu gesetzteren Damen passen würde – was keineswegs negativ zu verstehen ist. Könnte wieder Ropions mutmaßlichem Ansatz geschuldet sein, Floralität alter Schule ins Heute zu heben.

Dabei helfen entscheidend die mildernden Zutaten: Die Orangenblüte tritt nach bummelig einer Viertelstunde bereits sacht abgecremt auf. Den dafür zuständigen Moschus empfinde ich eher als grün denn als weiß, will heißen, die Frische scheint mir weniger wäschehaft als botanisch angehaucht. Die Narzisse drückt offenbar auch ihm ihren Stempel auf. Und als Originalitäts-Häubchen liegt nach einer guten Stunde gar ein Anflug einer nahezu zimtigen Würze über dem Duft (vielleicht Petitgrain-Gestrüpp?), als sei die Orange…

Nein, ich fange anders an: Ein unauslöschliches Cologne hält selbst unter Abzug eines gewissen Marketing-Augenzudrückens nun mal allermindestens bis Weihnachten. Und deshalb hat sich die heutige Orange womöglich mit einer Spur Eugenol garniert. Eine Hommage an den Geschwisterduft ‚Noir Epices‘, der offensiver Weihnachtliches beschwört?

Das führte sicherlich zu weit, schließlich ist die Orangenblüte echt eher Orangenblüte als Orange. Und im Verein mit dem Moschus dreht sie den Duft gegen Mittag doch ein bisschen mehr in Richtung Wäsche, aber zweifellos eine edel-botanisch beduftete. ‚Cologne Indélébile’ kommt mithin schlichtweg würdevoller daher als etwa der sozusagen „formal“ im Auftritt ähnliche ‚Puredistance I‘.

Viel passiert hinfort nicht mehr: Den ganzen Nachmittag hindurch gibt’s zitrisch betupfte Creme, wie sie im Zusammenwirken von Neroli, Orangenblüte und Moschus nicht allzu schwer vorzustellen ist; von unten stützt eine Winzigkeit Kunstholz. Das ist angenehm, weich und gut tragbar insbesondere für Damen, nunmehr einschränkungslos aller Altersstufen bis hin zu den sehr jungen. Und von ordentlicher Haltbarkeit insgesamt, wenngleich nicht eben unauslöschlicher.

Vom Habitus der hinteren 80-90 Prozent des Duftes her verweise ich zu guter Letzt auf den dänischen Original-Titel der Symphonie, der, wie viele dänische Worte, für unsere Ohren freundlich, ja geradezu niedlich klingt:

Det Uudslukkelige.

Ich bedanke mich bei Gerdi für die Probe.


30.07.2019 19:49 Uhr
28 Auszeichnungen
Vor rund dreißig Jahren habe ich gelernt, dass es sich bei Regenwäldern keineswegs zwingend um gigantische, nebelfeuchte Tropen-Dschungel handelt. Ich war auf Schüleraustausch in Australien und die Familie wollte mit mir einen Ausflug in einen „kleinen Regenwald“ „in der Nähe“ des (subtropischen) Heimatortes Brisbane unternehmen. Wobei „klein“ wie auch „Nähe“ unbedingt aus dem Blickwinkel eines Australiers zu verstehen sind. Denn die entsprechenden National-Parks mögen sich im Vergleich zu Amazonien mickrig ausnehmen, haben allerdings für einen Mitteleuropäer eine durchaus bemerkenswerte Größe, allemal in ihrer Gesamtheit. Die deutschsprachige Webseite der australischen Tourismus-Behörde bezeichnet die „Gondwana Rainforests“ immerhin als „riesiges Gebiet“.

Und für die Fahrt waren bummelig eineinhalb Stunden zu veranschlagen, die in für Australiens küstennahes Hinterland typischer Weise zwar (noch) nicht durch die Outback-Wüsteneien führten, aber schon – jedenfalls wiederum für einen Mitteleuropäer – von einer gewissen Ödnis sein können. Und bereits dort gilt, was im Outback existenziell werden kann. Wer danach aussieht, möglicherweise Hilfe zu benötigen, wird aktiv angesprochen.

Und so befuhren wir eine einsame, recht staubige Straße, als in der Ferne eine Gestalt in Sicht kam, die in unsere Richtung am Rande der Straße entlangwanderte. Beim Näherkommen wurden nach und nach einschlägige Details deutlich und ließen die Augen des diesbezüglich leidgeprüften Kenners (also meine) größer und größer werden: Gelbes T-Shirt, kurze blaue Schlabberhose, weiße Tennis-Socken, Sandalen, Baumwoll-Sonnenhut. Obwohl die Kamera mit Tele-Objektiv auf dem Bauch fehlte (sie hing halb auf dem Rücken), konnte es sich nur um einen Deutschen handeln. Und tatsächlich, der Herr stammte aus Darmstadt und war froh, dass im Auto jemand Deutsch sprach, wenngleich er letztlich keine Hilfe brauchte. Zufälle gibt’s…

Wo war ich? Ach ja, der Regenwald! Ach nein, dies ist doch eine Parfüm-Besprechung! Auf Regenwald komme ich bloß, weil uns die Firma Schwarzlose für ‚Parfum Captive #3‘ die Spritzigkeit eines Regenwaldes verspricht. Wir werden sehen. Ganz bald, denn an sich genügen für den Duft ein paar rasche Worte:

Auf einer muffig-holzigen Unterlage entfaltet sich eine für Grapefruit verblüffend zahme Zitrus-Note. Von Pfeffer spüre ich nicht viel, der Herr hält sich hintergründig. Auch im Verlauf bleibt die Frucht erstaunlich zurückhaltend. Laut Hersteller wurde von der Grapefruit eine natürliche Öl-Essenz eingesetzt. Das passt zum schalig-öligen Habitus, der mir durchweg vom Holz gleichsam gebremst scheint.

Gegen Mittag deutet sich eine Spur außerpfeffriger Würze an, die sich im Fortgang aber eher als Holz entpuppt. Künstlich dürfte es sein, obschon es erfreulicherweise nicht nach Baumarkt riecht. Bis in den Abend hinein bietet ‚Parfum Captive #3‘ dann unauffällig-vornehme Frische in guter, nach hinten raus mutmaßlich per Vetiver gestützter Stabilität.

Neben der bereits erwähnten leicht muffigen Holz-Unterlage mag es ein Anflug von Wässrigkeit an der Schwelle zum Blütigen sein, der den Bezug zu einem Regenwald rechtfertigt. Mutig finde ich, für 25ml des Stöffchens 145 Euronen aufzurufen.

Ich bedanke mich bei Garcon für die Probe.


23.07.2019 21:04 Uhr
29 Auszeichnungen
Ein regelrecht ekelhaftes Gebräu aus Nadel-Sud und kandiertem Obst eröffnet. Zügig wölbt sich rauchige Zistrosen-Süße empor, gefolgt von einer kirschig-zuckrigen Anmutung wie aus Agonists ‚Black Amber‘. Völlig unausgewogen, wie blind zusammengerührt wirkt dieser Auftakt auf mich. Wir dürfen, ja müssen einfach gespannt auf den Fortgang sein.

Nach einer halben Stunde ist eine kirschig-rauchige Nah-Amber-Erfahrung erreicht. Moment mal – kirschig? Der Duft beruft sich auf „Moos und Holz im Schwarzwälder Dickicht“. Schwarzwald? Schwarzwälder Kirsch? Das wäre in der Tat eine besondere Variante davon.

Doch das Amber-Thema ist nicht von Dauer. Die seltsame obstige Grundstimmung erinnert mich nunmehr an ‚Rausch‘ aus selbem Hause, nur dass der heutige Kandidat ein kleines bisschen weniger Appetit auf „Chinesisch süß-sauer“ entwickelt. Was wäre das auch für eine Attitüde bei einem Duft zu EUR 145 je 25ml? Da müsste schon ‘ne Peking-Ente drin sein. Schräg ist es natürlich trotzdem.

Ab mittags wird es bitterer, ein allmählicher, aber deutlicher Charakterschwenk in Richtung Tabak und Leder erfolgt. Alles zunächst mehr angedeutet als nachweisbar, wenngleich ich mir rasch ein ungerauchtes Sumatra-Zigarillo als Bild zum Duft sehr gut vorstellen kann. Ein Hauch von Cumin-Schwitzigkeit mag außerdem beteiligt sein und den Wandel unterfüttern. Im Gegenzug schwindet das komische Obst und ist am frühen Nachmittag dahin. Der herbe, neue Part hat vollends übernommen und tönt dann – recht hautnah – anhaltend bis in den Abend hinein. Eine gewisse Penetranz lässt sich leider nicht leugnen.

„Captive“ trifft es begrifflich insofern nicht ganz, als der vorliegende Duft nicht gefangen nimmt oder (womöglich im Sturm) erobert. Der tölpelt sich ran und braucht dazu ziemlich lange. Schwer zu bewerten, wenn ein ordentlicher Tabak-Teil auf einen für meine Nase missglückten Auftakt folgt. Da hilft nur ein Durchschnitt, der leider nicht allzu dolle ausfällt. Für mich ist #2 der Schwächste aus der Reihe.

Ich bedanke mich bei Garcon für die Probe.


14.07.2019 21:15 Uhr
25 Auszeichnungen
Das Zeug hieß „Sigaprim“ und war in meiner Kindheit eines der diversen Penicillin-Präparate. Ich habe noch gut einen schreiend rosafarbenen Saft vor Augen. Und ebenso künstlich schmeckte es, sämig, wie lokal-anästhesierend.

Daran erinnert mich der Auftakt von ‚Parfum Captive #1‘. Pilzig-pelzig wäre ein weiteres treffendes Adjektiv. Und dazu wird heute Pfeffer gereicht, mehr scharf als aromatisch. Im Hinblick auf sein Gewicht in den pyramidalen Angaben finde ich ihn im Einsatz allerdings moderat – bin jedoch kein Maßstab, weil ich gerne scharf esse. Ob das der Grund ist, dass mir der vorliegende Kandidat insgesamt wässrig-blass vorkommt? Selbst das angesagte helle Holz ist lediglich ein Hauch. Nun riecht es in einem Birkenwald (auf einen solchen beruft sich der Hersteller) nicht wie im Sägewerk, also sei’s drum.

Außerdem scheint mir, als sei ein Anflug ihrerseits wässriger Frucht dazwischen. Derart ent-aromatisiert, dass ich sie gar nicht näher benennen kann. Vielleicht ein ausgelutschtes Stück Wassereis*. Eigentlich nicht im engeren Sinne Frucht, eher ein ansatz-fruchtiger, säuerlicher Aspekt von etwas anderem. Hm. Bergamotte tritt gelegentlich völlig entobstet und allein zitrisch-adstringierend auf. Ähnlich ist es hier.

Und schließlich lese ich, dass Szechuanpfeffer – sicherlich aus gutem Grund – auch Zitronenpfeffer genannt werde und ein leicht betäubendes Gefühl im Mund hinterlasse. Das passt alles perfekt, zumal ich auf die ersten Absätze ehrlich ganz ohne lektürielle Nachhilfe gekommen war. Womöglich ist große Duft-Gestaltungskunst zu wittern, obwohl mir die Phantasie fehlt, was das mit einem Birkenwald zu tun haben soll.

Im Verlauf des Vormittags gewinnt der fruchtige Part an Substanz und entwickelt Trocken-Aprikosen-Ambitionen. Die Iris bleibt demgegenüber zurückhaltend. Frisch ist sie und nur minimal karottig; die entsprechende Süße ähnelt jener eines Schluckes Süßwasser nach einem ausgiebigen Bad im Meer. Am zweiten Testtag nehme ich die Iris zwar stärker, aber weiterhin als dezent wahr. Ein winziger Spritzer von ergänzendem Bitterem, eventuell ein Nanoliter Bergamotte, macht die Dame noch aparter. Und wenn ich’s recht überlege: Ja, ‚Captive #1‘ darf cum grano salis (zumindest auch) als Iris-Duft bezeichnet werden.

Im Fortgang liefern die säuerlich-fruchtige Richtung und das Sacht-Süße aus der Iris-Ecke fraglos eine gewisse Innenspannung, bloß leider wird mir die Angelegenheit über den Nachmittag hinweg in ihrer Unveränderlichkeit auf Dauer eintönig.

Fazit: Der Funke mag nicht wirklich überspringen, trotzdem ist ‚Captive #1‘ ein edler und universell tragbarer Duft, letztlich mehr Aura als Parfum.

Ich bedanke mich bei Garcon für die Probe.

* Bei unserem Höker im Dorf war besagtes Wassereis damals erhältlich für – meine ich – einen Groschen das Stück; auf dem sommerlichen Heimweg von der Grundschule Ende der 70er-Jahre. Für die Jüngeren unter uns: Der „Groschen“ ist mittlerweile gefallen, nämlich dem Euro zum Opfer.


05.07.2019 21:45 Uhr
35 Auszeichnungen
„Ich bin um acht mit Lukas verabredet.“ Derartige Sätze sind für Eltern grundsätzlich nicht ungewöhnlich – gewundert hatte ich mich allerdings, dass sich mein Sohn mit kaum zwölf Jahren um diese Uhrzeit mit einem Klassenkameraden treffen wollte, Wochenende hin oder her. Das sollte meine Frau ihm erlaubt haben? Nicht einmal der unleugbar niedlichste und charmanteste (bei Bedarf jedenfalls) aller Söhne hätte seine Mama dazu gekriegt.

Naja, des Rätsels Lösung war natürlich, dass die Verabredung in der Art und Weise des voranschreitenden 21. Jahrhunderts stattfinden sollte, nämlich am Computer, verbunden über Skype oder einen ähnlichen Dienst und als gemeinsame Daddel-Runde ausgelegt war. Na toll. Die Zeiten, wo in diesem Alter noch irgendwo rumgestromert wurde, sind schlichtweg vorbei.

Oder ist morgens um acht Uhr gemeint? ‚Treffpunkt 8 Uhr‘ scheint mir näher dran am Büro als am abendlichen Ausgehen, denn er ist ein transparenter Vetiver-Duft, für den die anderen genannten Zutaten allenfalls Staffage sind.

Vetiver-Nussigkeit eröffnet, und zwar lange bevor ein Gedanke an Frucht überhaupt aufkommt. Frische liefert eine vermutlich chemie-gestützte, wässrige Unterlage. Die allmählich aufdämmernde Frucht ist ebenfalls mehr wässrig als obstig, wenngleich ich sie am zweiten Testtag bereits etwas deutlicher wahrnehme. Dass das nun Mango ist – na gut. Ich hätte auf Pfirsich aus der Dose getippt.

Das Vetiver entwickelt im Laufe des Vormittags sukzessive eine rauchige Note. Einen begleitenden blütigen Hauch direkt auf der Haut gestehe ich meinetwegen zu. Eher wittere ich einen Anflug von Kunstholz. Salbei müsste ich mir gänzlich einbilden.

Und auch der nachmittägliche Fortgang kratzt nicht an der Vorherrschaft des Süßgrases – trotzdem legt es (laboriell) noch einen drauf: Ich rieche die –ylacetat-Säuerlichkeit, sogar recht intensiv, doch geschmackvoll in einen passenden Kontext eingebunden und daher weniger aggressiv als etwa in Geza Schöns entsprechendem Solisten ‚Molecule 03. Gefällt mir hier wesentlich besser.

Fazit: ‚Treffpunkt 8 Uhr‘ überzeugt als relativ schlanker Vetiver-Duft. Wer derlei mag, teste aber unbedingt außerdem ‚II-III (homage to) Hemingway‘ aus dem Hause Masque. Dort ist das Thema Vetiver vielleicht einen Zacken beherzter aufgefächert.

Ich bedanke mich bei Serenissima für die Probe.


25.06.2019 20:59 Uhr
24 Auszeichnungen
Früher wurde ich oft „Bohnenstange“ genannt. Das hörte irgendwann auf. Nicht, weil ich keine mehr wäre (60 Kilo auf knapp einsachtzig mit Ende 40 – wer hält dagegen?), sondern natürlich von wegen „gehört sich nicht“. Mit ‚Galantuomo‘ werde ich nun allerdings unversehens von der Bohnen- zur Zimtstange. Dazu, zur diesbezüglich erdrückenden Beweislage sowie zur Frage, warum wir Letztere benötigen, kommen wir im Folgenden.

Ein Anflug von anisig-zuckriger Süße. Auf rau-grüner Unterlage (Muskatellersalbei ist abgehakt) wird rasch Zimt nebst eugenoliger Verstärkung gut spürbar. Die fruchtigen Aspekte befinden sich hinter dieser Schicht und können lediglich einen Tupfer setzen. Gleichwohl sind die Angaben Tangerine wie vor allem auch Ingwer mit Ansage gut nachvollziehbar.

Der Zimt-Gedanke mischt sich hinfort ganz lustig mit der Lakritz-Behauptung. In der gut präsenten Süße sehe ich persönlich das Thema Anis/Lakritz vornean – die Außenwirkung indes ist eine völlig andere. Von den beiden üblichen Verdächtiginnen im Büro war ich bereits auf eine satte Portion Zimt angesprochen worden, den Schlusspunkt lieferte freilich ein kurzer Wortwechsel zwischen einer Dame aus der Grafik, die sich nie parfüm-interessiert gezeigt hatte und meiner Lieblingskollegin (eine der „beiden“ von oben, versteht sich):
„Was riecht das hier so nach Zimt?“
„Das ist der Herr M., der hat heute ein spezielles Parfüm drauf.“

Damit war alles geklärt. Fast – denn: Was heißt eigentlich „heute“…?

Allmählich geht der extern zimtige und intern anisig-süßholzige Schwerpunkt elegant und nahtlos in einen eher grünen Eindruck über. Der grüne Part am Duft erinnert mich an die Gentleman-Parfüms ‚Nouvelle Collection – Notes‘ und ‚Cravache‘ aus dem Hause Piguet. Keineswegs als Zwillinge, ich meine einfach diese vornehm-distinguierte, cremig angehauchte Art des Grünens.

Gegen Mittag findet gewissermaßen ein Szenenwechsel statt. Zunächst in Richtung Grün mit Vanille. Es könnte auch Tonka-Süße drin sein. Unverriechens entwickelt ‚Galantuomo‘ dann aber zusätzlich eine Halspastillen-Leder-Anmutung wie in einigen süßeren Leder-Düften, oder solchen, die basal mit Süße arbeiten, bis hin zu Knallern wie ‚Knize Ten‘. Leider weckt die Leder-Idee im Laufe des Nachmittags zumindest zum Teil den Verdacht, als sei ein pelzig-erbsiges Kunstholz beteiligt. Nicht einmal die Vanille, die in kräftiger Löffelei mehr und mehr hinzugefügt wird, vermag das zu übertünchen. Ertappt!?! Oh ja, in meinem Büro hängt bei Rückkehr nach längerer Abwesenheit eine olfaktorische OBI-Werbung.

Als stilistische Referenz fällt mir jetzt ‚Aviation Club‘ von Monsillage ein, welcher mir einen ähnlichen Weg von Grün über Camouflage-Leder (wahlweise eines aus der Irish-Leather-Ecke) hin zu Kunstholz zu beschreiten schien. Unschärfen bitte ich abermals zu entschuldigen, doch die Richtung dürfte klar sein. Den Abend erlebt ‚Galantuomo‘ nur noch als Ahnung.

Fazit: Ein ordentlicher Duft, der gewiss nicht anstoßen wird. Leider vermeidet er es entschlossen, die eine oder andere unerwartete Wendung in Unterhaltungswert umzumünzen. Den Geschwisterduft ‚Gourmand‘, getestet vor rund einem Jahr, fand ich fingerschnippiger.

Ich bedanke mich bei Garcon für die Probe. Genau genommen sind es sogar zwei Testerchen, die ich von ihm bekommen habe und nun verzupfen darf.


18.06.2019 20:24 Uhr
38 Auszeichnungen
Es naht der Tag, an dem ich mein halbes Leben gemeinsam mit meiner Frau verbracht haben werde. Dieses Datum hat sie gar nicht auf dem Zettel – nur ich. Was ich zur Feier des Tages tue, weiß ich noch nicht. Es muss überhaupt nichts Großes sein. Dass bei derlei stets das Bemerken und nicht das Bohei im Vordergrund steht, ist wunderbar typisch für sie. Ich bin schon auf das Gesicht gespannt, wenn sie aus allen Wolken fällt und überlege noch, ob ich die Kinder vorher einweihen soll oder nicht.

Was trägt eine Frau, bei der du immer – wirklich immer – weißt, woran du bist, für Düfte?

Was trägt eine Frau, die immer – wirklich immer – aufrecht durchs Leben geht, für Düfte?

Was trägt eine Frau, die sich immer – wirklich immer – selbst treu bleibt, für Düfte?

Was trägt eine Frau, die immer – wirklich immer – unbedingt mitten durch die Wand muss, für Düfte?

Was trägt eine Frau, die immer – wirklich immer – Frau ist und nie Mädchen, für Düfte?

Was trägt eine Frau, mit der das Zusammensein immer – wirklich immer – eine Herausforderung geblieben ist, für Düfte?

Geradeheraus müssen sie sein, dürfen auch gerne mal Schmackes haben und der Umgebung ‘ne Ansage machen. Nichts Ziseliert-Artifizielles, Gebiegbrecht-Originelles oder Zartverwischt-Elfenhaftes kommt da in Frage.

Der eine oder andere Armani aus der Privé-Reihe trifft ihren Geschmack sehr gut und so stehen für unterschiedliche Einsatzgebiete bei uns ‚Rose d’Arabie‘ (der edle Wuchtige für besondere Tage oder den besonderen Auftritt an normalen Tagen), ‚Pierre de Lune‘ (ein prima Kampf-Duft etwa für Besprechungen mit der Chefin) und eben ‚Pivoine Suzhou‘ zur Verfügung, als ihr liebstes Gute-Laune-Parfüm.

Sacht seifige, fruchtige Rosenfrische, hell und klar und ohne Fisimatenten, aus einem belüftenden Beitrag der Chemie macht der Duft keinen Hehl. Er kommt weit weniger stichig daher, als Päonie (meine jedenfalls) es sonst tut, deren Duft ich knapp als „fruchtige Rose mit Benzin“ umreiße. Himbeere geht in Ordnung; dass sie sich dem Thema Rose unterwirft, ist durchaus schlüssig, es gibt Sorten mit intensiven Beeren-Aromen, darunter Himbeere. Ein Beispiel ist „Leander“, eine Züchtung des im vergangenen Jahr verstorbenen Vaters der Englischen Rosen: David Austin.

Die fruchtige Rosigkeit hält sich geradlinig und stabil über den Tag hinweg, die Päonie bleibt von Anfang bis Ende dezent. Alles allmählich abgerundet von gut nachvollziehbarem Amber und Moschus. Letzterer ist tatsächlich nicht gänzlich sauber geraten, wenngleich gewiss nicht animalisch zu nennen.

Klingt alles so weit einigermaßen gängig. ‚Pivoine Suzhou‘ ist kein „Großer“ – sondern halt ein Gute-Laune-Duft, vorzugsweise für Tage mit frühlingshaften Temperaturen.

Wenn nicht… Tja, an meiner Frau entwickelt ‚Pivoine Suzhou‘ zum Ende hin einen leichten Anflug von Tabak-Asche, den ich bei mir selbst nicht verspüre. Nur ein bisschen, um Himmels willen keinen Gestank und ich bin fast sicher, dass das da draußen wenige bis keine Leute en détail mitbekommen. Doch die Aura des Duftes prägt es für mich riechlich, grenzt sie deutlich vom Mädchenhaften ab.

Ob ‚Pivoine Suzhou‘ sich in diesem speziellen Fall herausgefordert fühlt, seiner Trägerin auch ja gerecht zu werden?


12.06.2019 20:19 Uhr
31 Auszeichnungen
Bei uns im Ort gibt es eine kleine Malschule, die von zwei Künstlerinnen (Mutter und Tochter) betrieben wird. Meine Kinder hatten vor Jahren dort mal den einen oder anderen Kursus besucht. Eine der beiden Damen meinte seinerzeit, sie würde nach den Veranstaltungen die vielen kleinen Farb-Reste immer einfach zusammenkippen. Das ergebe ein lebendiges Grau, ganz im Gegensatz zu einem lediglich aus schwarz und weiß gemischten.

Ein rund um Iris und Weihrauch gestrickter Duft trifft bei mir auf einen Platzhirsch, muss sich nämlich dem Vergleich mit dem großartigen ‚1681‘ von Carthusia stellen, dem fraglos grauesten Duft aus meiner Sammlung. Aber was für ein warmes, lebendiges, einhüllendes Dunkel-Grau ist das!

‚Citizen X‘ geht demgegenüber einen völlig anderen Weg. Nach einem Hauch aquatischer Frische fegt sofort eine kräftige Ladung Pfeffer durch, rasch gefolgt von hellem Holz und Iris. Eine Kombination, die oft recht gut harmoniert, vorliegend freilich einen etwas muffigen Start hinlegt. Doch es klart auf, helles Harz mit Zitrusfrisch-Ambitionen (entnommen vermutlich dem Spektrum der Weihrauch-Möglichkeiten) sowie mit einem Synthetik-Einschlag, der mich an Lösungsmittel denken lässt – was mich dann einerseits an ‚Nudo‘ von Morph erinnert, während andererseits ganz von fern im Stil der Schwarze Afghane grüßt. In erster Linie allerdings kommt mir das helle, überdrehte Kunstholz aus den MGO-Düften oder aus Filippo Sorcinellis ‚Nebbia Fitta‘ in den Sinn.

Nicht bloß die Iris gerät da ins Hintertreffen, ist heute nur (kühlendes) Mittel, wo sie im Carthusia noch Zweck sein durfte. Auch die für die Basis außerdem versprochenen Kollegen haben es schwer. Ich jedenfalls stelle mir unter „ambriert“ bei Hölzern anderes als einen Anflug von Süße vor. Und der Moschus ist zwar gewiss nicht sauber-weiß, vermag aber kaum mehr, als einen leicht animalischen Akzent zu setzen. Grau ist er und verharrt im Grau, selbst als er im Laufe des Nachmittags allmählich die Regie und abends schließlich eine skelett-dürre, sinustonhafte Nahezu-Alleinherrschaft übernimmt.

Und damit sei der Bogen zum Beginn geschlagen. Der Duft ist insgesamt von hellem Grau, erzeugt aus einzelnen, scharf konturierten Aromen, nicht aus einem üppigen Vielerlei. Mir bleibt er ebenso kalt wie elektronische Musik.

Nicht, dass er nicht auf seine Weise ablieferte. Er verströmt anhaltend und zuverlässig über den Tag hinweg eine holzige, ja hölzerne Frische. Mithin ist unser ‚Citizen X‘ in geradezu unfreiwilliger, bitterer Komik exakt so, wie die Politik den Bürger am liebsten hat: Er funktioniert.

Ich bedanke mich bei Garcon für die Probe.


02.06.2019 21:01 Uhr
21 Auszeichnungen
Die eröffnende Rose wird nach sanftem Auftakt rasch verblüffend teerig, fängt sich jedoch bald wieder und steuert ihre konträren Erscheinungsformen in ein apartes Spannungsfeld aus zarter Duftigkeit einerseits und Bitterem andererseits ein. Schön zu erleben, dass mal beides nebeneinander geht.

Himbeere als Ansage passt zwar prima, ist inhaltlich aber unnötig. Es gibt hinreichend viele aus sich selbst heraus intensiv fruchtig, vereinzelt sogar geradezu „himbeerig“ duftende Rosen, als dass ein externer Beitrag explizit vonnöten gewesen wäre. Aus meinem Bestand kann etwa die Englische Rose „Leander“ von David Austin das Aroma von Himbeere recht gut allein darstellen. Botanisch erstaunen kann das nicht, die Himbeere gehört, wie diverse weitere Obst-Sorten, schließlich zu den Rosengewächsen.

Nach einer halben Stunde ist der Teer weg und hinterlässt lediglich einen reizvollen, bitteren Unterton, während die Frucht an Gewicht gewinnt. Im Gegenzug verliert sie ein wenig an Eindeutigkeit, was allerdings kein Schaden ist, sondern für Abwechslung sorgt: Ich nehme neben der Himbeere im Laufe der folgenden Stunden Birne und – mit Einschränkungen – auch Steinobst wie Aprikose oder womöglich Pfirsich wahr, sämtlich gleichermaßen Verwandte der Rose und mir insofern plausibel. Ein erwähnenswertes Plus ist, dass der Duft nicht oder allenfalls minimal (und dann sehr edel!) bonbonhafte Züge entwickelt.

Es bleibt zudem durchweg klar und frisch und die Innenspannung luftig vs. rest-bitter hält sich ebenfalls. Sie ähnelt vielleicht derjenigen zwischen der perlenden Ober- und der schreitenden, teils stampfenden Unterstimme in den ersten gut hundert Takten im Impromptu Nr. 4 aus Franz Schuberts erster Sammlung (youtube.com/watch?v=V0z7mUV5rSc).

Gegen Mittag wird die olfaktorische Unterstimme allmählich übernommen von einem das Holzige streifenden Aroma, das durchaus an Papier (konkret: feuchtes) zu erinnern vermag, so wir den Angaben folgen wollen – und eine bessere Idee habe ich nicht. Das Obstige weicht zurück, die Rose betont hinfort ihre herbere Seite, garniert mit nun doch mehr Bonbon. Ich denke, hinter dem Euphemismus „weißer Amber“ verbirgt sich schlichtweg eine gewisse Zuckrigkeit, die dafür mit verantwortlich zeichnet.

Der fortschreitende Nachmittag bringt nur noch wenig Veränderung. Die Süße hält sich erfreulicherweise weiterhin sehr bedeckt. Die feuchte Zeitung dünstet friedlich vor sich hin, betupft von einem Rest obiger Bonbon-Rose und klingt ab der achten Stunde in Richtung reineren Ambers aus.

Fazit: ‚Rose of No Man's Land’ ist ein angenehmer, eher leichter Frühlings- oder Sommerduft, den ich mir am besten an etwas jüngeren Damen vorstellen kann.


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