MeggiMeggis Parfumkommentare

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19.01.2020 21:05 Uhr
26 Auszeichnungen
Cierge de Lune. Ein des Nachts blühender Kaktus, deshalb auch „Königin der Nacht“ genannt. Aber nicht allein auf die Pflanze – deren Duft ich ohnehin nicht kenne - spielt der Name an, sondern ausdrücklich zudem auf die Mozart’sche Figur.

Mir scheint, das sei der Besprechung vorausgeschickt, jedoch ein Bezug etwa auf die berühmt-berüchtigte Höllen-Arie mit ihren Spitzen-Tönen völlig fehl am Platze. Von „crystalline high notes“, wie es beim Hersteller heißt, verspüre ich im Duft nichts – das Beißen des Transport-Alkohols wird wohl kaum gemeint sein. Falls wer das Stück nicht kennt: Online ist eine Vielzahl von Aufnahmen verfügbar. Die Spannbreite reicht von der spektakulär grausigen Darbietung Florence Foster-Jenkins‘ (youtube.com/watch?v=ZD-_2QEXCRk - in „erweiterten Fachkreisen“ kursiert die Platte seit Jahrzehnten, nicht erst seit dem Film) bis hin zu Weltklasse-Einspielungen, von denen jene der zur Unzeit verstorbenen Lucia Popp hervorgehoben sei (youtube.com/watch?v=Zt56hgQe1co).

Nee, nee, selbst die vergleichsweise zurückgenommene Arie „O zittre nicht, mein lieber Sohn!“ (youtube.com/watch?v=aJA1dFqr1QI) ist diesbezüglich gewagt. Wenn überhaupt Zauberflöte, dann fiele mir aus deren Personal die lyrischere Pamina ein. Die ist einfach einen Zacken entspannter, das passt besser…

…zum Duft: Zart-zahm-duftige Vanille auf einer dünnen Leder-Unterlage. Inklusive einer…staubig-steinigen Anmutung? Feuerstein, frisch zusammengedötscht? Nur ein Funken von einer Idee. Wären das besagte „high notes“, sie entstammten Mrs Foster-Jenkins‘ schütterer Kehle. Definitiv gibt’s allerdings ein bisschen was Bitteres als Ausgleicher. Das hat, um den Faden „Wild“leder auszuspintisieren, was vom sachten Muff eines Wild-Gerichts, Hirschgulasch mit Preiselbeeren vielleicht, ein Anflug von Fruchtig-Säuerlichem ist nämlich ebenfalls beteiligt.

Und Honig, bei weiteren Tests empfinde ich ihn als Klassen-Primus der ersten Stunde. Im Verein mit einer süßen Rauchigkeit, die ich vom Stil her aus 03.Apr.1968 von Rundholz kenne. Einschließlich eines gewissen „Stichs“, der dem bereits erwähnten Anflug von Frucht eine leichte Aura von Morbidität verleiht. Gut vorstellbar, dass ein Gewächs südlicherer Gefilde mit derlei nächtliche Flatterer anlockt.

Zwischenfazit: Insgesamt hatte ich mit deutlich mehr Vanille gerechnet.

Die zweite Phase des Duftes zeigt ein ganz anderes Gesicht. Im Laufe des Vormittags entwickelt er sich luftig-distanziert. Von der einstigen Süße bleibt lediglich ein Rest-Hauch, der von ferne an Backaroma erinnert. Herbe, aber keineswegs dunkle Vanille übernimmt allmählich und driftet in eine staubig-stumpfe Richtung. Ihr immanent ist gleichzeitig was Wächsernes, gar mit einer leisen Andeutung von Plastik versehen.

Am Nachmittag bildet sich auf der Haut ein Intermezzo in Form eines floralen Untertons, fast wie Fruchtbonbon-Rose. Doch bald kehren wir zurück zu unserer staubig-unsüßen Vanille, in der sich neben einer Spur Rauch meinetwegen weiterhin ledrige Aspekte entdecken lassen. Ich denke eher zunehmend an helles Holz. Bis in den Abend hinein hält der Duft, es flackern gelegentliche Honig-Reminiszenzen.

Fazit: Buchstäblich zu jedem Zeitpunkt fühle ich mich bei Cierge de Lune, als hätte ich das alles schon gerochen und das nicht bloß einmal. Trotzdem ist der Duft schlichtweg gelungen und in der Ausdauer seines hochwertigen Erscheinungsbildes sicherlich ein Test-Tipp.

Ich bedanke mich bei MisterE für die Probe. Den Rest davon habe ich meinem Sohn (12) geschenkt, der liebt Vanille-Düfte und hat sich tierisch gefreut. Eines Morgens kam er noch schelmischer als sonst aus dem Bad – er hatte sich damit eingesprüht. Soll er zur Schule ja nicht... Jetzt, wo ich’s bedenke: warum eigentlich? Hat doch offenbar Geschmack, der Junge!


12.01.2020 20:52 Uhr
36 Auszeichnungen
Mein letzter Englischlehrer (Leistungskurs 1987-1990) war ein recht unkonventioneller Typ, jedenfalls an einem altehrwürdigen Humanistischen Gymnasium mit jahrhundertelanger Tradition. Ein Rocker (und Jazzer!), der sich zum Beispiel nicht daran störte, wenn wer freitagabendfeierbedingt in den ersten beiden Stunden am Samstagmorgen nicht zu gebrauchen war. Die Person wurde dann eben einfach in Ruhe gelassen.

Einmal gab Herr B. uns schon am Samstag die erst donnerstags zuvor geschriebene 4-Stunden-Klausur zurück: „Ihr glaubt gar nicht, wie viele Zigaretten mich das gekostet hat!“ Camel ohne Filter übrigens. Die eine oder andere Unschärfe bei seinen Korrekturen nahmen wir bereitwillig in Kauf, weil er grundsätzlich in dubio pro discipulis entschied und nicht mit Punkten geizte.

Eines Tages eröffnete er die Stunde mit: „Boah, am letzten Sonnabend lief ja ‚Wetten, dass..?‘ und das war wieder so schlecht, dass meine Frau vor Ärger die Wehen gekriegt und ein Kind bekommen hat.“ Anschließend verteilte er Pralinen für die Damen und Zigarren für die Herren – aber ausdrücklich wahlweise gerne auch andersherum! Es war einer jener Zufälle, wie sie sich nicht besser ausdenken lassen, dass just in diesem Moment der Oberstufenleiter den Raum betrat. Unser Oberstufenleiter war… naja, halt der Oberstufenleiter eines altehrwürdigen Humanistischen Gymnasiums mit jahrhundertelanger Tradition. Er steckte die Sache indes verblüffend locker weg – begnügte sich allerdings mit einer vorschriftsmäßigen Praline.

Herr B. hatte für unsere Beschäftigung mit Gothic Novels eine Differenzierung des Vokabulars parat, welche zwei unterschiedliche Ebenen des Gruselns benennbar machen sollte. „horror“ stand oben auf der Skala des Schreckens, „terror“ war die ins mehr oder weniger Erträgliche abgeschwächte Form. Diesen Gedanken benötigen wir nachher noch, nun erstmal zum Duft:

Teer? Allenfalls moderat, kein Vergleich zum Birkenbomber ‚Hyde‘ etwa. Pfeffer – meinetwegen… Bisschen Safran-Muff ist plausibel. Ich denke alsbald an Vetiver aus der rauchigen Ecke, rasch und auch im Fortgang flankiert von warmem, honighaftem (Weih)-rauch. Auf Wunsch lässt sich vielleicht ein Anflug von Lakritz erahnen, einen Zacken deutlicher tatsächlich eine papierne Note, vermutlich aus Vetiver gespeist.

Kyphi ist als Angabe ein Fass ohne Boden, denn es handelt sich laut Wikipedia dabei um ein alt-ägyptisches Räucherwerk, das nicht bloß die üblichen Verdächtigen, sondern bis hin zu Blumen, Obst und Honig vieles anderes enthalten kann, was hier ebenfalls gelistet ist – oder sein könnte. Kurzum: Der Begriff steht für alles Mögliche, was sich verräuchern lässt und erschlägt pyramidal eigentlich praktisch alles.

Klingt, als käme vorliegend eine fürchterliche Kako-Osmie zum Einsatz. Aber mitnichten. Vielmehr bietet ‚Terror & Magnificence‘ eine homogene Mixtur, bei der es zwar trotzdem gelingt, die eine oder andere Einzelheit zu erkennen, sich jedoch keine davon in den Vordergrund spielt. Der Duft bleibt insgesamt überdies erstaunlich hautnah; kein Genörgele von meiner Frau, die auf meine Räuchermännchen-Attitüden meist sehr ungnädig reagiert.

Überschaubar auch die Duft-Entwicklung. Nachmittags würde ich den Kandidaten zunächst primär als charaktervoll-rauchigen Vetiver-(ylacetat)-Duft mit Gummi-Anwandlungen bezeichnen. Ein Klecks Süße verfeinert: Honig, vielleicht Amber, jeweils Spielarten der Rauch-Fraktion. Allmählich schieben sich die Begleiter weiter nach vorne und zitieren immer offener süße Raucher wie den unten bereits genannten ‚Sahara Noir‘ von Tom Ford. Der stillen Sillage nach zu urteilen, käme natürlich außerdem der zaghafte ‚Larmes du Désert‘ aus dem Hause Atelier des Ors als Partial-Referenz in Frage.

Eine Spur Vanilliges bilde ich mir ergänzend noch ein. Und zum guten Schluss wittere ich in den hinteren Stunden einen abrundenden Beitrag von Schoko-Patchouli, der mich ganz Ganz GANZ von Ferne an ‚Sandor 70’s‘ denken lässt. Womöglich vor allem deshalb, weil ich den so toll finde und ihn in den vergangenen Wochen oft getragen habe. Dessen ungeachtet freue ich mich, derlei zumindest im Ansatz hier zu entdecken.

Fazit: Wenn Horror das Grauen ist und Terror das Schaurige, dann beschränkt sich der sogenannte Terror aus ‚Terror & Magnificence‘ ungefähr auf ein Gefühl, als ginge es in einem in heimeliger Umgebung vorgelesenen Buch darum, dass irgendwem etwas über eine Kuschelgrusel-Geschichte erzählt wird.

Fernab der Übergriffigkeit einiger anderer Beauforts. Gleichwohl ein schöner, gelungener, durchaus kleidsamer Duft, dem es allerdings an Alleinstellungsmerkmalen fehlt.

Mein Dank geht an M3000 für sein Sharing.


05.01.2020 21:01 Uhr
28 Auszeichnungen
„Widersprich‘ nie einer Frau - warte, bis sie es selbst tut.“ So unterhaltsam dieser Aphorismus ist, in der täglich-praktischen Anwendung greift er natürlich zu kurz, denn für nachhaltigen Erfolg wäre entsprechende Einsicht vonnöten. Aber wie jeder weiß: „…she never gives in. She just changes her mind.“

Das allmähliche Reifen solcher Erkenntnisse während der Jahre einer Partnerschaft ist fraglos durchaus wünschenswert. Wer allerdings (und ich weiß, wovon ich rede) mit einem „Exemplar“ verheiratet ist, für das ‚dickköpfig‘ oder ‚stur‘ noch als euphemistisch gelten dürfen, wird bei buchstabengetreuer Befolgung irgendwann die ganze Veranstaltung (und sich selbst!) gleichsam sedieren. Da sind die Schlagworte ‚reinigendes Gewitter‘ und ‚Selbstachtung‘ im Kopf zu behalten: Man(n) muss es manchmal wissentlich und willentlich zum Knall kommen lassen, ja: im Einzelfall gar bewusst darauf zusteuern.

Pelargonium nun bleibt ziemlich weit vorne in diesem Gedankengang stecken. Er ließe sich als verduftizierte Versinnbildlichung eines gedeihlichen Miteinanders femininer und maskuliner Aspekte verstehen – Lippenstift-Iris und Herren-Würze. Bloß wäre ihm dann vor lauter (zunehmend einseitiger; siehe unten) Gedeihlichkeit leider eine gewisse Innenspannung abhanden gekommen. Der eine oder andere friedfertigende Begleiter der beiden Genannten tut ein Übriges dazu.

Bereits aus dem Röhrchen riecht es nicht nur nach Karotte, sondern, so bilde ich mir ein, reichlich ISO-frisch. Nach dem Auftragen wird besagte karottige Iris rasch von einer Herrenwürze begleitet, wie Muskatellersalbei und Rosengeranie sie charakterlich vergleichbar zu liefern vermögen. Der Pfeffer wird vor allem mit ein wenig Abstand von der Haut gut spürbar. Mischt sich lustig mit der unterschwellig limonadig-holzigen Frische und ist folgerichtig mehr luftig als scharf.

Überhaupt ist unsere Herren-Würze keineswegs stinkig oder muffig, im Gegenteil: Sanfte Andeutungen von warmem Gewürz und Frucht sorgen für eine heimelige Atmosphäre. Zudem ist ein sachter, moosig-schaumig-seifiger Hauch mit an Bord, der die allgemeine Zivilisiertheit und gute Ordnung („Ja, Schatz!“) unterstreicht. Ich fühle mich, als sei einem im Kern konservativen Herrenduft vermittels Lippenstift-Iris ein femininer Stempel aufgedrückt, der seinerseits durch die vermeinten Synthetik-Beigaben etwas aufgesetzt daherkommt.

Nicht unterschlagen sei, dass ich außerdem eine diffus-florale Note wittere und dass aus dem Untergrund alsbald ein wohlgeratenes Kunstholz grüßt (Cashmeran?). Beiwerk. Ein Beitrag von Vetiver ab der Mittagszeit schafft es ebenfalls nicht, nennenswerte Prägnanz zu entwickeln.

Sofern im Zentrum des Duftes tatsächlich ein Wechselspiel aus eher maskulinen und eher femininen Komponenten stehen sollte, wäre das nicht zu Ende gebracht. Obwohl nämlich (nach ungefähr gleichgewichtigem Auftakt) die Iris sukzessive die Geranie majorisiert, ein Eindruck übrigens, der sich von Testtag zu Testtag verstärkte, gelingt ihr dennoch keine originäre „Pracht-Entfaltung“ – welch eine Allegorie! Ich vermute, die Chemie hält die Dame zwar ausdauernd-frisch, raubt ihr im Gegenzug jedoch auch das Charakteristisch-Bittere. Wie viel spannender ist da der Kontrast in Iris Bleu Gris von Maître Parfumeur et Gantier. Dort fliegen praktisch die Fetzen!

Es lässt sich einwenden, dass derlei vermutlich nicht der (wie mir scheint) ätherischen Grund-Aufstellung des Hauses Aedes de Venustas entspräche. Mag sein, bloß bleibe ich hier nun irgendwie bei „bürotauglicher Frisch-Würzling“ hängen, der sich – so angenehm und fein er ist - aus meiner Sicht nicht groß hervortut. Schön ist er natürlich trotzdem, und es lässt sich einiges darin entdecken.

Drei von acht Düften aus dem Hause Aedes de Venustas kenne ich bislang, eine weitere Probe habe ich noch. Copal Azur finde ich klasse, Iris Nazarena schien mir in seiner fahlen Tönung allzu miesepetrig, mithin weniger gelungen. Pelargonium ist genau dazwischen. Ein „Immerrichtig“. Ich bin gespannt auf Cierge de Lune.

Fazit: Nein, Schatz!


29.12.2019 20:17 Uhr
36 Auszeichnungen
Der russische Winter mit seinen langen, kalten Nächten ist ein trefflicher Grund zum Saufen. Und im Sommer finden sich andere. Aber es war ja Winter. Außerdem braucht eine Truppe Jugendlicher auf Russland-Reise keine Gründe, sich reichlich von der billigen einheimischen Destillat-Flora auf die Lampe zu gießen.

Mein Kumpel und ich hatten klugerweise sogar die russischen Groß-Buchstaben gelernt. Es nützt dir schließlich - betankt durch die nächtlich-verschneite Stadt eiernd - nicht viel, zu wissen, dass du im „Prospekt Tschaikowskogo“ wohnst, wenn du das Schild nicht lesen kannst, obwohl du womöglich direkt davor stehst. Und draußen zu versacken ist bei deutlich zweistelligen Minusgraden keine gute Idee.

Schnee in Russland. Mit Sibirien kann ich diesbezüglich zwar nicht dienen, hingegen ist Schnee in russischer Großstadt (Moskau), Mittelstadt (Twer; nach unseren Maßstäben Großstadt) sowie auf dem Land Teil meiner verfügbaren Erinnerungen. Allein: Mit dem Duft kann ich rein gar nichts davon in Verbindung bringen.

Schon die Eröffnung ist cremig-süßlich-plastikhaft einerseits, säuerlich-bitter-rau andererseits. Die Frische der Minze ist allenfalls Hauch oder Ahnung, eher umweht eine das Nadelbaumhafte streifende Ätherik den Duft. Dazu gibt es Heftpflaster-Rauch und damit scheint mir der Bursche zunächst einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie einige weitere Amerikaner, ich denke konkret an ‚Wazo‘ aus dem Hause Monsillage oder Sonomas ‚Incense Pure‘.

Doch dann: Jasmin. Vornehmlich die sinnlich-schwere Richtung, die gleichwohl einen unleugbaren Anflug von tiefergelegtem Stink pflegt, der also nicht derart pointiert zugespitzt wie andernorts bölkt, sondern im Untergrund rumort. Die Kombination Jasmin und Weihrauch wirkt übrigens nullkommanull orientalisch. Hier bleibt es rustikaler, bodenständiger.

Was sich anschließend „da unten“ zwischen Jasmin und Zibet abspielt, könnte Gegenstand anstößig erregten Geflüsters der Nachbarn werden, wäre daran nicht allzu bald eine unerfreuliche diffuse Muffigkeit beteiligt. Nach längerem Überlegen führe ich sie auf frühes Holz im Verein mit dem Rest des strengen Jasmin-Parts zurück. Das riecht wie angeschimmelt. Und auch der Fortgang gibt mir Rätsel auf. Nach einer halben Stunde kommt mir verstänkerter Amber in den Sinn, wie gewollt dumpf gehalten. Was soll das denn? Wiederum mag ein miesepetriger Jasmin mitmischen.

Lediglich eine gewisse Labdanum-Animalik nach zwei Stunden ließe sich über drei Ecken konzeptionell einsortieren. Sie ist charakterlich nicht weit entfernt etwa von den schweinigelnden Auftritten in Oud Ispahan oder Cuir Garamante. Bloß ohne Rose und Leder. Und um einiges stiller. Hm… Wenn es nach neun Monaten Dauerfrost in Sibirien endlich taut, kommen vielleicht die Hinterlassenschaften der örtlichen Tiger als Vintage-Gestank raus?

Gegen Mittag enden die Gedankenspiele. Nun ist das Holz vornean und lässt den Duft sozusagen erlahmen. Von dieser Schiene vermag sich ‚Siberian Snow‘ nämlich nicht mehr zu lösen. Und da sich mir bereits der vordere Teil recht durchwachsen präsentierte, bleibt mir nur das folgende…

…Fazit: Einer der schwächeren Durgas. Immer noch ordentlich, zumindest nicht unspannend, versteht sich. Aber im Vergleich zu seinen mir bekannten Geschwistern fällt er ab. Seltsam unentschlossen und phasenweise geradezu muffig. Schade.

Ich bedanke mich bei Jumi für die Probe.


22.12.2019 18:57 Uhr
46 Auszeichnungen
Die Ärztin hat mich ermahnt, auf mein Gewicht zu achten. Nie wurde derlei sorgsamer befolgt. Jüngst etwa habe ich zu Abend eine Familien-Packung Backfisch verdrückt. Vier Stücke zu je 100 Gramm à 175 Kalorien, macht 700 Kalorien. Plus dänische Remoulade. Reichlich vier Esslöffel werden es gewesen sein, also wohl locker weitere 150 Kalorien. Zum Nachtisch gab’s eine Portion Profiteroles. Ungefähr ein Viertel des Packungs-Inhalts von 450 Gramm zu 277 Kalorien je 100 Gramm habe ich gegessen, macht bummelig noch einmal gut 300 Kalorien.

In Summe an die 1.200 Kalorien. Straffe Leistung für einen Abend, finde ich. Die Ärztin wird sehr zufrieden sein mit meinen Bemühungen. Ich kann schließlich nichts dafür, dass das alles nichts bringt. Jedes Jahr um die Weihnachtszeit versuche ich tapfer, via Gans, Knödel, Süßigkeiten etc. einige Kilos zuzulegen, kriege aber kaum mal die 65 auf die Waage. Nicht viel auf knapp einsachtzig Länge – und binnen weniger All-Tage ist eh alles wieder weg, runter auf 60. Ich habe übrigens bis heute den ersten Gürtel in Gebrauch, den ich mir im zarten Alter von vielleicht 15 Jahren selbst gekauft hatte, Mitte der Achtziger.

Säßen wir jetzt auf einem Parfumo-Treffen, wäre ich womöglich längst erschlagen worden. Nun höre ich auch auf damit – und empfehle einfach ‚Stardust‘: den Duft zum niveauvollen Genuss ohne Kalorien.

Die Betonung liegt auf „niveauvoll“, denn Süß-Bomben gibt’s ja viele, bloß eben nicht selten mit brutaler Karies-Gefahr auf der Meta-Ebene. Der Schnick ist vorliegend die großartige Balance, die von Anfang bis Ende gewahrt bleibt, um das gleich vorwegzunehmen. Als richtiger Genuss-Duft weckt ‚Stardust‘ nur wenig Motivation, den Einzel-Aromen besonders figelinsch nachzuspüren, doch ein paar Dinge seien genannt:

Orangen-Bitterschokolade eröffnet. Köstlich fruchtig und herb. Und derart lebensecht, es ist verblüffend. Den Ausgleicher spielt ein grün-saurer Einschlag. Und um sicherzugehen, wird die Schoki rasch unterfüttert und aufgeraut, wohl von (Kakao)-Patchouli. Toller Gourmand-Akkord, der trotzdem gekonnt das allzu Süße vermeidet.

Die Vanille ist hintergründig und herb, dunkel und voluminös. Ich habe bereits anderndufts erlebt, dass sie geradezu das Rauchige streifen kann, so scheint’s auch hier. Schleichend löst sie die Schokolade ab, die Orange bleibt ein Weilchen länger und dimmt nur ganz allmählich weg. Ein wächsern-luftiger Hauch sorgt nun mit dafür, dass die Sache weder zu süß noch zu essbar wird.

Erst zum späteren Vormittag hin erfolgt die pyramidal erwartbare Verjahrmarktung, behutsam tritt eine zarte, karamellig-zuckrige Note hinzu, fein abgeschliffen von einem floral-fruchtigen Rest und unserem Wachs. Die diversen weiteren Beigaben kann ich mir mehr oder weniger gut einbilden,

Ohnehin gilt, wie meist bei Neuffer: Dass neue Teilnehmer das Spielfeld betreten, bedeutet nicht zwangsläufig, dass die schon Anwesenden es verlassen. Den ganzen Nachmittag über und bis in den Abend hinein umschweben Vanille, Kakao, Wachs, sachte Frucht-Reste einander in immer wechselnder Gewichtung. Das führt dazu, dass sich von einem Tag auf den nächsten unterschiedliche Nuancen ergeben. Etwas schwächere Dosierung lässt beispielsweise bei mir den Jahrmarkt-Part subtil werden.

Fazit: Rundweg gelungen. Dass derlei nie vollends „meins“ sein wird, tut nichts zur Sache.

Ich bedanke mich heute dreifach: Einmal bei meinem Sohn, dass ich das Pröbchen ebenfalls versuchen durfte, welches er – dies mein zweiter Dank – von der ‚Stardust‘-Schöpferin höchstselbst bekommen hat, um seiner übersichtlichen, allerdings durchaus exklusiven Vanilleduft-(zumeist Pröbchen)-Sammlung ein wahres Kleinod beizusteuern. Ihm gefällt der Duft sehr, wenngleich er einen Zacken lieber zu Guerlains ‚Spiritueuse Double Vanille‘ greift. Ich kann ihm das nicht verübeln, ein Neuffer-Duft ist für einen Zwölfjährigen fraglos eine Herausforderung.

Und drittens bedanke ich mich bei allen lieben Leuten hier und wünsche allseits eine schöne Weihnachtszeit.


15.12.2019 21:02 Uhr
23 Auszeichnungen
Ein Weilchen ziert er sich ja und macht einige Schlenker. Etwa den holzig-säuerlichen Charakter der Oud-Note - übrigens eine der gefälligeren ihrer Art - die mir nach rund zehn Minuten für kurze Zeit sogar einen kunstholzhaften Kokos-Dreh anzunehmen scheint. Oder die alsbald folgende Spur von Vanille. Aber dann bestätigt sich, was schon vor dem Auftragen das erste Schnuppern am Röhrchen hatte vermuten lassen: Binnen einer Stunde (da bin ich völlig bei diversen Vorrednern) ist die Ähnlichkeit von Black Oud zu Black Afgano unleugbar.

Ein Eindruck, der im Laufe des Tages noch an Kontur gewinnt. Nun ließe sich abwertend verkünden, es sei schlichtweg ein weiterer Klon zum Gualtieri erschienen. Empörend? Mitnichten. Das Ganze passiert wissenschaftlich fundiert!

Lange war die Sache mit dem Handel für die Ökonomie recht simpel gewesen. Generationen von Studierenden hatten brav ein vor geraumer Zeit ersonnenes Beispiel auswendig gelernt, wonach England Tuch nach Portugal liefert und Portugal Wein nach England. Klingt ja zugegebenermaßen logisch.

Nur konnte irgendwann nicht mehr übersehen werden, dass Industrienationen seltsamerweise ständig ähnliche Güter untereinander austauschen. Blöd – denn wie passt das zu den altehrwürdigen Erklärungen? Es wurde die Idee vom intra-industriellen Handel geboren. Dort geht es um Produktvielfalt, größere Märkte etc. Auch ein Index zur Messung, garniert mit einer hübschen Formel, wurde erfunden. Sprich: Es wurde rundweg alles in die Welt gesetzt, was die Ökonomen gemeinhin an Anstrengungen unternehmen, um ihre Betätigung als möglichst exakte Wissenschaft erscheinen zu lassen. Mit der sie dann vorgeben, dass wirtschaftliche Vorgänge mit naturwissenschaftlicher Präzision beschreib- und erklärbar seien und um Himmels willen nicht das Ergebnis einer Fülle teils erratischer Einzel-Handlungen von Personen, die vielleicht ein paar originellere Verhaltens-Varianten in petto haben als Galileis Kugeln, Newtons Apfel oder selbst Heisenbergs unscharfe Teilchen.

Egal. Zurück zum intra-industriellen Handel:
Nasomatto (Black Afgano) – aus Amsterdam
Carner (Cuirs) – aus Barcelona
Liquides Imaginaires (Fortis - Eau Delà) – aus Paris
LM Parfums (Black Oud) – aus Grenoble, allerdings ist Herr Mazzone italienischer Abstammung
Hm. Nichts aus Deutschland dabei. Aber – o Wunder! – bei Black Afgano ist ein Elaborat von der Schlossparfumerie Wolff & Sohn Stuttgart als Duftzwilling aufgeführt: P - 100 Jubilée. Kenne ich leider persönlich nicht, freilich vertraue ich dem Urteil des werten Herrn Taurus1967, der auf genau dieses Verwandtschaftsverhältnis in seinem Kommentar hinwies. Na bitte. Jetzt können alle beteiligten Länder die Dinger einfach gemäß Präferenz-Nuancen hin und her schieben, mithin intra-industriellen Handel treiben und sogar die Wissenschaft ist zufrieden.

Und zum Thema Präferenzen kann Black Oud fraglos mit eigenen Facetten punkten. Neben dem oben Genannten ist etwa noch eine individuelle Tabaknote zu erwähnen, von der in einem Vorkommentar bereits berichtet wurde. Hervorhebenswert ist außerdem die insgesamt stärkere Betonung des Holzes (und der Vanille) auch in der zweiten Hälfte.

Doch am spannendsten ist wohl, dass Black Oud im Vergleich mit Black Afgano zuweilen als der Unzivilisiertere beschrieben wurde. Ich bin anderer Auffassung, finde ihn definitiv feiner, stiller und eleganter. Aber er bietet offenbar entsprechend breiten Spielraum. Toll.

Vielen Dank an 0815abc für die Probe!


08.12.2019 20:15 Uhr
34 Auszeichnungen
Was mach ich nur mit dir? Phasenweise kann ich ganz gut haben, was du tust. Anderes sortiere ich dann lieber wieder in die unteren Regalborde. Zum Beispiel streift dein anisig-süßer, sofort mit Vanille unterlegter Start leider das Drogerieduft-hafte, allemal, als er eine leicht grün-würzige Schärfe verpasst bekommt.

Ein paar Minuten vergehen, ehe du die Süße einfängst und die Würze in eine elegante Meinetwegen-Wacholder-Note überführst (ich hätte außerdem Pfeffer gesagt), deren Luftigkeit und Holzigkeit mich an deinen älteren Geschwisterduft ‚Juniper Sling‘ erinnern. Du machst es aber einen Zacken besser. BessER, nicht total toll, ich finde, es ist bereits jetzt arg viel helles Kunstholz an Bord.

Parallel dazu wittere ich eine pelzige Nennen-wir-es-Feige, deren Fruchtnote ich recht „allgemein“ finde, und die mir daher (unter Beteiligung womöglich auch des Blattgrüns Schwarzer Johannisbeere) zusammengebaut zu sein scheint. Reichlich süß obendrein. Da lässt sich der Lavendel nicht zweimal bitten und steuert ebenfalls seine honighaft-süße Erscheinungsform bei, ja, er wirkt geradezu backaroma-haft, nix krautig, nix bitter, nix stichig… Naja, abgesehen von einem Stechen im Zahn vielleicht ob derart viel Süße.

Die enervierende Zuckrigkeit macht schlichtweg alles platt. Ich denke an Vergleichsobjekte unterschiedlicher Unerfreulichkeit. Joops ‚Nightflight‘ und Eight & Bobs ‚Egypt’ gingen noch, schauerlich war hingegen Tesori d‘ Orientes ‚Africa‘. Tee? Also bitte… Völlig überzuckert wäre der.

Ich frage mich allmählich, ob mein Pröbchen hinüber ist, weil ich meine Eindrücke nicht mit denen anderer Rezensenten übereinander kriege.

Mittags klammere ich mich an einen Anflug grüner Krautigkeit. Erst denke ich an Wermut, aber gemeint ist hier wohl der grün-krautige Part des Lavendels, der doch auch noch mal ran darf. Unglücklicherweise beschränkt sich sein Beitrag auf die unmittelbare Nähe zur Haut, denn obenauf entsteht am Nachmittag eine unschöne, käsige Plastik-Vanille, die im Verein mit der verbliebenen Lavendel-Süße – variatio delectat – nun was von einem Back-Aroma der Sorte Vanille hat. Darunter nervt eine mittlerweile ziemlich penetrante, helle Holznote, die besonders bei Wärme allzu deutlich durchkommt.

Fazit: Die Mag-ich-Phase mit dem Wacholder ist mir entschieden zu kurz. Den Rest finde ich nicht gelungen.

Ich bedanke mich bei Gerdi für die Probe.


01.12.2019 20:54 Uhr
33 Auszeichnungen
Kürzlich merkte ich anlässlich meines Kommentars zu ‚Cornaline‘ an, dass Anatole Lebreton als Marke der einzige Anbieter mit halbwegs nennenswertem Portefeuille sei, von dem ich alle Düfte kenne. Buchstäblich umgehend wurde diese Feststellung durch das Erscheinen der vorliegenden Nummer sieben des Sortiments unwahr. Ein Umstand, den Derailroaded offenbar so nicht stehenlassen mochte, denn flugs wurde ich von ihr mit einer Probe versorgt, auf dass ich meine Aussage richtigstellen könne – vielen Dank dafür!

Na, wenn heute mal nicht Labdanum-Stink beteiligt ist. Gleich vorneweg denke ich daran, ehe mit Verzug auch andere Eindrücke ran dürfen. Obst (Birne und Himbeere – ja, Pflaume – nein, allenfalls unreife Zwetschge, einen Hauch von Apfel vielleicht; übrigens alles „Rosengewächse“) sowie vor allem Rose lassen sich in einer frisch-fruchtigen, fast luftig-ätherischen Weise riechen, die ich bei diesem Parfümeur nicht erwartet hatte. Und sie werden dann rasch weggewischt von einem teerigen Dreh, der meine obige Vermutung unterstreicht. Erinnert mich an Diors ‚Oud Ispahan‘. Klugerweise verbleibt freilich eine Andeutung seifiger Rose, gestützt vom ebensolchen Potential des Jasmin, so dass es nicht komplett angepieselt wirkt. Oder womöglich noch nicht, warten wir’s erstmal ab, wir haben es mit Herrn Lebreton zu tun…

Floraler Lippenstift wie aus dem Geschwister-Duft ‚Incarnata‘ tritt hinzu. Überhaupt bietet ‚Perfumista‘ im Verlauf des Vormittags durchaus kühlere, luftigere Anwandlungen, die sich allerdings dem saftig-zähflüssigen Gesamtbild unterordnen. Mittags wittere ich eine das hellrauchige streifende Holzigkeit, einerseits staubig, andererseits voluminös – wegen des Beitrags des Floralen und der Süße. Gar eine Ahnung von Leder wird, nun ja, eben erahnbar, gespeist fraglos aus Patchouli, doch zugleich unter Nutzung des herbfloralen Vermögens.

Außerdem zeigt sich eine Unterlage aus (vermutlich) Vetiverylacetat, die ich an nachfolgenden Testtagen mit dem Wissen darum bereits deutlich früher wahrnehme. Sie lotet ihre Nähe zum Harzig-Rauchigen aus und leitet damit über in den Schlussteil, denn für das Ende tippe ich auf Vetiverylacetat und Labdanum, also eine säuerlich-rauchige, leicht angepieselte Stimmung, die auf der Haut recht wuchtig, aber ansonsten keineswegs übergriffig ist, zumal sich durchweg ein cremig-floraler Schleier hineinmischt.

Die edle Spenderin des Pröbchens verwies schon bei Übersendung auf den „Ungewaschen-Eindruck“, den ihr der Duft lebreton-typisch vermittele. Mir hingegen ist das „Ungewaschene“ nicht allzu unsauber, ich fand den inkontinenten Gärtner in ‚Grimoire‘ diesbezüglich intensiver. Vielmehr wittere ich eine gewissermaßen souveräner angelegte Floranimalik, die Lebretons lebenslustige Ideen etwa aus ‚Cornaline‘ zitiert. Nur nicht ganz so, sagen wir, prall.

Kurzum, ‚Perfumista‘ macht einiges richtig, was, jetzt auch herstellerübergreifend gedacht (siehe oben), anderswo mehr oder weniger überdreht geraten war.

Fazit: Ein knackig-saftiger Floraler für diejenigen Damen, denen beispielsweise Ropions moderne Klassiker ‚Carnal Flower‘ oder ‚Une Fleur de Cassie‘ einen Zacken zu hell, vornehm und distanziert daherkommen. Die ‚Perfumista‘-Trägerin ist keine akribisch (selbst)-inszenierte Diva, die ihre Umgebung bewusst auf Abstand hält, sondern eine reife, gelassene, natürliche, freundliche, ebenso lebensfrohe wie -kluge Person von innerem Rang, die keinen sorgsam gezogenen Zaun benötigt, um rundum Respekt einzuflößen. Ich liebe und verehre solche Frauen, insofern kann es nicht verwundern, dass mir ‚Perfumista‘ gut gefällt.

Mein Lebreton-Favorit.


24.11.2019 20:41 Uhr
34 Auszeichnungen
Der Duft bietet eine süßlich-weiche, blumig-fruchtige Eröffnung, die mit Bergamotte wenig zu tun hat. Dies ist freundliche Fruchtbonbon-Rose, bestreut mit Kakao-Patchouli. Pfeffer nehme ich nur am Rande wahr. Ein bisschen ältliche Trockenfrucht lässt sich – sofern man’s weiß – gleichfalls rasch erahnen.

Binnen zehn Minuten wird es ganz deutlich rosig, über dem unverändert präsenten Erd-Kakao schwebt jene Aura, die all die verschiedenen Aromen der zahllosen Rosensorten unverkennbar…naja, eben „rosig“ macht, heute inklusive eines seifigen Anflugs nach etwa einer Stunde. Seien wir dankbar für diesen Auftritt: Die Rose adelt letztlich die bereits benannte obstige Komponente, bei der es sich um laborielle Allgemein-Frucht handeln dürfte. Eigenes inhaltliches Profil vermag das Obst nämlich nicht zu entwickeln, es bleibt wässrig, muffig und dünn.

Nerven kann es trotzdem, denn untenrum zeigt der Duft tatsächlich eine Art Wildleder-Anmutung, die ich recht gelungen finde. Es müsste nur mal jemand das alberne Möchtegern-Obst darüber entfernen, das versperrt mir den Durchruch. Schade.

Szenenwechsel:

Schon nach rund zwei Stunden dringt eine Basis aus Kunstholz durch, benetzt von fruchtig-zuckriger Süße. Eine Idee ansatz-karottiger Iris rettet da ein paar Punkte. Den späteren Vormittag stellt eine Mixtur aus Schoko-Patchouli und karottiger Iris. Das ist originell – ich hatte sowas jedenfalls bislang nicht, wie Schokoladen-Fondue mit Gemüse vielleicht. Aber ähnlich der Vorstellung von Mohrrüben mit Schokoladen-Überzug „in echt“ ist das nicht sonderlich attraktiv. Mittags hat sich die seltsame Mixtur, unterstützt von verbindender Cremigkeit, etwas besser zusammengefügt. Apart, wenngleich konzeptionell fragwürdig, ist eine weiß-säuerliche Rauchigkeit, wie von einer Spur sakralen Weihrauchs.

Der Fortgang wird zunehmend cremig, allerdings ziemlich diffus, weder Ambra noch Moschus können wirklich Charakter ausbilden. Der Duft wird insgesamt zu einer unauffälligen Basisnote, die mich je nach Tagesform oder womöglich Außentemperatur entweder eher reinlich oder mehr kakaohaft-ambriert-grenzgourmandig durch den Nachmittag führt – frau bzw. man suche sich aus, was behagt. Ansätze des gelungenen Leders sind, gespeist aus Variante 2, weiterhin spürbar, das hätte ich mir ambitionierter gewünscht.

Sollte die Schilderung verwirrt haben, bedauere ich das diesmal ausdrücklich nicht, es spiegelt exakt mein Empfinden. Mir fehlt hier die Linie.

‚Le Chypre du Nil‘ liefert von dem, was er als Namen trägt, allenfalls „Le“ und „du“. Er tut aber auch nicht weh.


17.11.2019 20:29 Uhr
32 Auszeichnungen
Milde Zitrusfrucht eröffnet, eher unsaure Orange als alles andere. Und Ananas, aus der Dose. Fast sofort gesellt sich Kakao-Patchouli hinzu. Ein Klecks Karamell ist mit dabei, sowie (denke ich #1) Vanille. Das ist ein guter Auftakt, im Gesamtbild sacht weihnachtlich angehaucht vielleicht. Die (denke ich #2) laborielle Allgemeinfrucht im Untergrund ignoriere ich.

Doch plötzlich ist er da, ein muffiger Stich, zunächst direkt auf der Haut. Leider bleibt er nicht dort – eine Kollegin murmelte was von „Riecht wie alter Mann…“. Das geht zwar vorüber, macht allerdings kaum Besserem Platz: Binnen einer Stunde kriegt der betagte Ritter eins mit dem Putzlappen übergezogen.

Alsdann breitet sich eine unausgewogene Mixtur von aufkeimender Zimt-Schnuckelamber-Süße mit geradezu tonka-esk-vanilligen Ambitionen und besagter schimmelig-putzlappiger Stichigkeit aus. Das durchaus knarzige, mehr an dunkles Holz denn an Erde erinnernde Patchouli ist nicht stark genug, die beiden konträren Aromen zu Satelliten seiner selbst zu machen, sondern wird schlichtweg erstickt. Daran ändert sich auch nichts, als es nach rund zwei Stunden gar einen Anflug von Rauleder ins Feld führt.

Mir ist schon klar, dass der Stich bzw. der olle Feudel ebenfalls auf Patchouli basieren dürften, aber es zeigt hier tatsächlich zwei getrennte Gesichter gleichzeitig. Und die muffige Putzlappigkeit ist außerordentlich penetrant. Sie begleitet mich derart beharrlich durch den Tag, dass mir die Lust schwindet, den Details weiter nachzuspüren.

„Ein Duft für moderne Helden und Heldinnen“ heißt es beim Anbieter auf der Seite. Das unterschreibe ich. Es sind nämlich die wahren Helden – bzw. ja zumeist Heldinnen! – unserer Zeit, die sich die Nacht um die Ohren schlagen, damit Sesselpuper wie du und ich es am kommenden Tag hübsch sauber haben.

All jenen hat Ciro heute ein unfreiwilliges Denkmal gesetzt.

Es hätte dafür nur gerne ein besserer Duft sein dürfen, das wäre angemessen gewesen.


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