Mikadomanns Parfumblog

Von Parfumo empfohlener Artikel
27.06.2020
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Was haben Anna, Dorian, Effi und Rodion mit Parfumo zu tun?

Zu mir: ich bin Lehrer – Deutschlehrer.
Meine Leidenschaft sind Bücher.
Und Düfte.

Also: Was haben Anna, Dorian, Effi und Rodion mit Parfumo zu tun?

Beginnen wir am Anfang. Oder besser: beginnen wir ein wenig vor dem Anfang.
Es geht auch:
Beginnen wir am Ende. Oder besser: beginnen wir ein wenig nach dem Ende.

Da liegt das Buch. Noch, oder wieder geschlossen. Die Erwartungen, die der Klappentext vor der Lektüre geweckt hat, sind noch nicht überprüft.
Oder aber am Ende der Lektüre nimmt man die Spuren wahr, die das häufige Umblättern, der Transport des Buches oder eine Nachlässigkeit am Einband hinterlassen haben.

Da liegt also das Buch.

Aber wo ist der Text? Wo sind die Figuren und wo die Handlungen?
Alles, was da liegt ist nichts, außer ein Bündel Papier, säuberlich übereinander gelegt, fest gebunden und darauf schwarze Zeichen, Flecken ordentlich angeordnet in Zeilen, Blöcken, Abschnitten, Kapiteln. Alles, was da liegt ist nichts.

Das geheimnisvollste für mich an dem Phänomen „Text“ ist, dass er eigentlich gar nicht IST. Er ist nicht an sich. Er wird erst Text, in dem Augenblick, wenn er gelesen wird. Es existiert keine Geschichte, solange es keine Leserin und keinen Leser gibt, der sie liest.
Anna Karenina bleibt ein Frauenname, mit dem wir allenfalls ein Bild einer berühmten Darstellerin verbinden, die sie im Film verkörpert hat. Dorian ist möglicherweise der Name einer Kneipe. Effi Briest eine Erinnerung an unsere Schulzeit. Rodion - keiner käme darauf, dass der Mann ein Mörder wird.

Wer immer sie sind, wo immer sie sind - zwischen diesen beiden Pappdeckel sind sie nicht. Es gibt sie nicht. Und auch ihre Geschichten gibt es nicht. Keine tödlich endende Liebe, keine mit moralischem Verfall bezahlte ewige Schönheit, keine unglückliche, viel zu jung geschlossene Ehe mit einem Pädagogen und keine göttliche Vergebung für eine unerhörte Tat.

Aber dann, wenn es einem Leser oder einer Leserin gefällt und wenn sie das Buch öffnet und zu lesen beginnt…
Dann werden aus diesen Punkten, aus diesen Flecken, aus diesen Zeichen Welten.
Dann entstehen die Geschichten von unglücklichen Familien, Verträgen mit dem Teufel, Morden aus Überzeugung und das alles ist ein weites Feld.

Und noch etwas geschieht: jede einzelne dieser Figuren ist so vielfältig und so vielzählig, wie es Leserinnen und Leser gibt, die sich entscheiden, sie durch ihre Lektüre existieren zu lassen, SEIN zu lassen. In den Vorstellungen der einzelnen Leserin oder des einzelnen Lesers entstehen andere Bilder zum gleichen Text.
Gelesen werden die Figuren existent. Aber für jede und für jeden sehen Sie anders aus, bewegen sich anders, klingen sie anders. Rote oder braune Haare sind gelockt oder glatt. Hände sind weich und weiß oder gebräunt und fest. Eine Figur, eine Beschreibung löst mannigfache Vorstellungen aus. All diese Weißflecken werden gefüllt von jeder einzelnen und von jedem einzelnen und immer anders.

Was aber haben Anna, Dorian, Effi und Rodion mit Parfumo zu tun?

Da steht also der Flakon.

Aber wo ist der Duft? Wo sind die Aromen und wo sind die Gefühle und Gedanken, die sie auslösen? Alles, was da steht ist nichts, außer eine Flasche aus Glas mit einer Flüssigkeit, säuberlich verschlossen und verpackt in einen kleinen Karton.
In der Flasche eine Mischung aus Ölen, Flüssigkeiten, natürlich oder synthetisch.
Das ist alles, was da ist.

Alles, was da ist IST nichts.

Das geheimnisvollste für mich an dem Phänomen „Duft“ ist, dass er eigentlich gar nicht IST. Er ist nicht an sich. Er wird erst Duft, in dem Augenblick, wenn er gerochen wird. Es existiert kein Duft, solange es keine Riechende und keinen Riechenden gibt, der ihn durch die Nase wahrnimmt.

Taklamakan bleibt ein Name, mit dem wir allenfalls ein Bild verbinden, das ein begabter Duftrezensent erfunden hat, um sein Dufterlebnis zu beschreiben. Aventus möglicherweise die Assoziation mit einem Reiter. Cool Water eine Erinnerung an unsere Schulzeit. Herod - keiner käme darauf, dass er eine Signatur werden könnte.

Wer immer sie sind, wo immer sie sind – in der Flasche sind sie nicht. Es gibt sie nicht. Und auch das, was sie auslösen können gibt es nicht. Keine Bilder der Erinnerung, keine Verbindungen mit Reisezielen – ob erlebt oder in der Fantasie, keine Übelkeit und keine begeisterte Blindkaufwut..

Aber dann, wenn es einer Parfuma oder einem Parfumo gefällt, wenn sie oder er die Flasche öffnet und mit dem Inhalt ihre oder seine Haut benetzt, einen Sprühstoß in die Armbeuge, auf den Hals, auf das Handgelenk auf die Brust gibt… Wenn die Parfuma oder Parfumo ihn wahrnimmt, riecht, sich in ihn hineinschnüffelt…

Dann beginnt der Duft zu existieren.

Ein Duft braucht, um zu sein eine Rezipientin oder einen Rezipienten. Erst dann entstehen die Leidenschaften, die Abneigungen, die Gedanken, die Fantasien, die Bilder, die Geschichten, die wir alle mit diesen wunderbaren Düften verbinden. Erst dann entstehen Kopfnote, Basisnoten, Herznoten. Erst dann entstehen Auftakte und Drydowns. Erst dann kann der Duft SEIN.

Und genau so, wie beim Lesen eines Textes die Vorstellungen so viele sind, wie es Leserinnen oder Leser gibt, so sind die Wahrnehmungen eines Duftes so viele, wie es Mengen an Riechenden gibt.
Daher riechen Menschen Noten aus Düften heraus, die nie in einer Duftpyramide aufgeführt sind.
Daher assoziieren Menschen mit Düften so unterschiedliche Dinge.
Und so unsinnig wie es in der Schule war, dass die Interpretation einer literarischen Figur nur dann gut war, wenn sie die gleiche war, wie die der Lehrerin oder des Lehrers, so unsinnig ist es, die Bewertung oder die Wahrhaftigkeit der Beschreibung eines Duftes am eigenen Maßstab zu messen.
Noch mehr als bei der Interpretation eines Textes gilt bei der Interpretation eines Duftes: Nichts, von dem, was Du über Deine Wahrnehmung schreibst ist falsch! Und es gibt keinen Duft, der nicht zu dir passt, solange du weißt, dass er zu dir passt.

Und doch: Es gibt einen Unterschied zwischen Text und Duft.

Meistens, wenn wir einen Text rezipieren, tun wir das alleine. Das gilt zumindest meistens für die Texte, die wir in Büchern lesen. Nur im Kino oder im Theater oder dann, wenn wir laut vorlesen, dann gibt es viele Rezipienten eines Textes.

Bei Düften sind die, die ihn riechen so vielzählig, wie es die Zahl derer ist, denen wir begegnen und die ihn an uns wahrnehmen. Und wenn ein Text in unserem Kopf Bilder entstehen lässt, dann lässt ein Duft, den wir tragen Bilder entstehen in den vielen Köpfen der Menschen, denen wir begegnen.
Im Tragen eines Duftes werden wir eine Bühne. Wir sind das Theater und das Kino.
Für mich eine wunderbare Vorstellung!

Was folgt daraus?

Wenn wir lesen erschaffen wir Geschichten und Figuren. Erst durch uns WERDEN sie.

Wenn wir Düfte auflegen und tragen, erschaffen wir Bilder, Geschichten, Assoziationen, Gefühle. Erst durch uns WERDEN sie.

Wir sind also Kreateure. Wir erschaffen. Wir bringen etwas, das nicht IST zum SEIN.

Und noch etwas. Ein Letztes:

Hier bei Parfumo finden beide zusammen. Duft und Text.
Menschen schreiben über Düfte, über ihre Erfahrungen, ihre Leidenschaften, ihre Abneigungen. Wir schreiben über Bilder, Reisen, Erfahrungen und Erinnerungen. Wir fantasieren, schreiben Gedichte, Berichte, Rezessionen, Märchen, Blogs.
Wir treten in den schriftlichen Dialog, schreiben uns Nachrichten und vergleichen unsere Vorlieben und Erfahrungen.

Ich bin Lehrer - Deutschlehrer.
Ich habe eine Leidenschaft für Bücher.

Und für Düfte.


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