NaaaseNaaases Parfumkommentare

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26.07.2014 16:37 Uhr
Es ist ein Ros' entsprungen - aus 1001 Nacht

1.
"Es ist ein Ros' entsprungen, aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art.
Und hat ein Blumlein bracht mitten im kalten Winter
Wohl zu der halben Nacht (...)"

Nach den "türkis-farbenen" Werbeankündigungen ist nämlich Giorgio Armani's "Rose d'Arabie" (aus dem Jahre 2010) eine majestätische Essenz der mystischen Damaszener Rose. Und zwar: "Pulsierend, sinnlich, fesselnd. Inspiriert durch die berühmte 'Scheherazade', die es durch unglaubliche Schönheit und Klugheit schaffte, den König mit den sagenumwobenen Geschichten aus 1001 Nacht von ihrer Einzigartigkeit zu überzeugen."

Diese "Damaszener-Rosen", die heute hauptsächlich in Bulgarien und in der Türkei gezüchtet werden, stammen ursprünglich aus Kleinasien. Sie waren schon im Jahr 1000 vor Christus auf der Insel Samos bekannt und spielen in den allseits beliebten "Märchen aus 1001 Nacht" eine Rolle. In diesen ist "Scheherazade" die Tochter des Wesirs (nach heutigen Verständnis eine Art Minister) des persischen Königs "Schahrayâr". Als dieser Herrscher feststellen muss, dass ihn seine Frau mit einem Sklaven betrügt, fasst er den -dem Grunde nach nachvollziehbaren- Entschluss, sich nie wieder von einer Frau betrügen zu lassen. Deshalb heiratet er jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Morgen töten lässt. Auch eine Lösung; wenn auch nach heutigem Verständnis wohl etwas zu martialisch. Das fand wohl (schon damals) "Scheherazade" und heiratet selbst den König. In der Nacht, ihrer vermeintlich letzten, beginnt sie jedoch, ihrem frisch angetrauten Ehemann eine Geschichte zu erzählen, deren Handlung am nächsten Morgen jäh abbricht. Neugierig auf das Ende der Geschichte lässt sie der König am Leben. Und so geht es 1001 Nächte. Schau an ! Am Ende ist ihr Ehemann von ihrer Treue derart überzeugt, dass er ihr das Leben schenkt. Und wenn sie nicht gestorben sind ...

2.
Und sicherlich hat er ihr nicht nur das Leben geschenkt sondern sie überdies mit Rosen überhäuft. Mit Damaszener Rosen. Sicherlich hätte er sie aber auch mit Giorgio Armani's "Rose d'Arabie" überrascht. Entgegen der Duftpyramide hätte "Scheherazade" dann wohl einen gewissen Duftverlauf festgestellt. Wenn auch keinen nennenswerten.

Gleich zu Beginn wäre sie von einer zarten -kaum merklichen Orangenblüte- begrüßt worden. Nur ein sanfter Hauch von Neroli inmitten des sie umgebenden heißen Wüstensandes. Doch dann sogleich hätte eine stattliche und stolze Rose ihre volle Schönheit gezeigt. Geheimnisvoll. Märchenhaft. Nicht dieses zarte und fast schon kristall-klare hellrosa Exemplar aus "Lumière Noire" von Francis Kurkdijan. Nein, unsere stolze und orientalische Rose in "Rose d' Arabie" ist blutrot. Dunkelrot. Ja fast schon schwarz. Doch: Cremig untermalt ist sie. Cremig untermalt von edlem Safran, der höchstwahrscheinlich seinen langen und beschwerlichen Weg mittels einer Karawane durch die unbarmherzigen Wüsten des Landes in den prunkvollen Königspalast gefunden hat. Umschmeichelt wird unsere edle Rose von diesem. Bleibt aber dennoch dunkel und geheimnisvoll. Ein Märchen eben. Ein solches aus 1001 Nacht. Dafür sorgen schon Oud und Patchouli. Alles sehr sehr fein aufeinander abgestimmt. Doch "Scheherazade's" stolze (und durch den Safran cremige) Rose überragt sie alle. Lediglich geheimnisvoll umhaucht von ihren Mitstreitern: Dem harzigen Oud; dem rauchigen Patchouli.

Und diese fremdländische Rose hätte "Scheherazade" dann über viele Stunden begleitet. Aber nicht nur "Scheherazade". Sondern auch ihren Ehemann, den König. Denn unsere Rose ist nicht (zart-) feminin. Daher auch ein wunderschöner Rosenduft für uns Männer. Um sich als König aus einem Märchen aus 1001 Nacht zu fühlen. Zumindest für einige Stunden. Denn dann klingt dieser wundervolle Duft mit einem leichten Hauch von Vanille leicht süß aus.

3.
"Rose d'Arabie" ist ein wundervoller und geheimnisvoller Rosenduft. Ein Märchen aus 1001 Nacht. Ein Duft für Königinnen und für Könige. Für Könige, die ihre frisch angetrauten Ehefrauen nicht schon nach der Hochzeitsnacht töten lassen...


26.06.2014 16:13 Uhr
Cinema Paradiso

Es funkelt mich an. Glamourös und herausfordernd. Die sommerlichen Strahlen des Sonnenlichts frech reflektierend. Auf dem von Line Vautrin entworfenen Flakon mit dem goldfarbenen Verschluss steht in schnörkellosen Lettern "Cinéma" geschrieben. Einfach nur "Cinéma".
Vielleicht eine Einladung zu einem Kinobesuch.

1.
Vielleicht, um gemeinsam den Film "Cinema Paradiso" anzusehen. Ja, das wäre schön, diesen Klassiker wieder mal zu sehen. Diesen -teils autobiographischen- Film von Giuseppe Tornatore aus dem Jahre 1988. Der Film erzählt die Geschichte der Menschen eines Dorfes auf Sizilien und ihres Kinos von den 1940er Jahren bis in die heutige Zeit:

Der erfolgreiche Regisseur Salvatore erfährt im Jahre 1980 in Rom, dass in dem Dorf seiner Kindheit, dem sizilianischen Fischerdorf Giancaldo, der Tod des örtlichen Filmvorführers Alfredo bevor stehe. Anlässlich dessen Beerdigung erinnert sich Salvatore an seine Kindheit in den späten 1940er Jahren, die er als Halbwaise zu einem großen Teil im Kino des Ortes mit dem Namen "Cinema Paradiso" verbrachte: Nachdem der örtliche Filmvorführer Alfredo bei einem Brand sein Augenlicht verloren hatte durfte der kleine Junge (der damals von allen nur "Toto" genannt wurde) in dem wieder aufgebauten Kino (dem "Nuovo Cinema Paradiso") arbeiten, wodurch er sich letztlich in die Filmkunst verliebte. Teils wegen einer unglücklichen Liebe, teils um selbst Filme zu machen, verließ Salvatore jedoch später den Ort seiner Kindheit und damit auch Alfredo.

Doch nunmehr kehrt Salvatore nach 30 Jahren wieder nach Giancaldo zurück. Nicht nur er selbst, sondern auch der Ort seiner Kindheit haben sich verändert. So soll das leerstehende Gebäude des "Nuovo Cinema Paradiso" abgerissen werden. Der Filmvorführer Alfredo aber hat Salvatore als Erinnerung eine Filmrolle mit aneinandergereihten Kuss-Szenen hinterlassen, die er auf Anweisung des örtlichen Pfarrers über die Jahre hinweg aus den in dem örtlichen Kino gezeigten Filmen heraus schneiden musste.

2.
Vielleicht nehmen wir bei unserem Kino-Besuch auch Jacques Cavallier-Belletrud mit. Von ihm stammen Düfte wie "L’Eau d’Issey" von Issey Miyake, "Givenchy Hot Couture" von Givenchy (gemeinsam mit Alberto Morillas) oder "Stella" von Stella McCartney. Und natürlich auch unser heutiger Testkandidat: "Cinéma" aus dem Hause "Yves Saint Laurent".

In der Ausgabe 9/09 sagte Jacques Cavallier-Belletrud gegenüber "First": "Schon als Kind haben mich die verschiedenen Gerüche in der Werkstatt meines Vaters, der ebenfalls Parfümeur war, sehr fasziniert. Ich fand es toll, dass man mit seiner Nase Geld verdienen kann, und wollte deshalb, seitdem ich denken kann, Parfümeur werden. Ich liebe die Abwechslung und verwende keine Rohstoffkombination zweimal. Aber ich bin nicht nur Parfümeur, sondern sehe mich auch als Übersetzer der Marke, für die ich den Duft kreiere."

3.
Doch, wie duftet "Cinéma" (EdP) denn eigentlich ?

Den Beginn macht eine reife Clementine. Reif und saftig öffnet sie uns das Tor zu diesem Duft. Keine säuerliche Erfrischung. Nein, einfach nur diese ausgereifte Fruchtigkeit. Wie früher bei Filmvorführungen üblich kommt also der Eisverkäufer mit seinem putzigen Bauchladen noch mal durch und wir entschließen uns sogleich zum Erwerb eines fruchtigen Clementinen-Eises. Als wir uns beim gierigen Verzehr dieser kalorienintensiven Köstlichkeit noch wundern, woher plötzlich der Hauch eines Alpenveilchens kommt (so hoch über dem Meeresspiegel ist nämlich unser "Cinema Paradiso" gar nicht gelegen) ist auch schon "Schluss mit Fruchtig". Unser Freund Jacques Cavallier-Belletrud hat sich nämlich nicht zum Kauf eines dezenten Fruchtspeiseeises entschließen können. Nein, typisch Mann, es musste natürlich wieder mal dieses "Magnum" mit den angeberischen Mandelsplittern sein. Und diese genießt er nunmehr. Nicht nur akustisch, sondern auch olfaktorisch deutlich wahrnehmbar. Direkt neben uns. Doch, holla: Das ist ja eine ganz angenehme Süße, die da unser Näschen erfreut. Etwas in Richtung "Mandorlo di Sicilia" von Acqua di Parma, wodurch wir thematisch schon wieder bei dem kleinen sizilianischen Fischerdörfchen "Giancaldo" wären, wo ja "Toto" seine Kindheit verbracht hatte. Es ist aber nicht diese leicht würzige (da unter anderem mit Kaffee unterlegte) Mandelsüße seines sizilianischen Bruders. Nein es ist schon die cremige Mandel eines (hochwertigen) Speiseeises. Vielleicht noch mit ein paar Clementinen-Stückchen. Ich meine diejenigen aus der Kopfnote.

Es läuft der Vor-Film. Eine Reportage über Blumen. Wir verlassen hiesige Gefilde und damit die Heimat unseres Alpenveilchens von vorhin. Wir erfahren, dass Arabischer Jasmin ("jasminum sambac") eine Pflanzenart der Gattung Jasminum in der Familie der Ölbaum-Gewächse ist, der wild in Indien vorkommt und weltweit kultiviert wird. Vor unserem geistigen Auge sehen wir das köstlich cremige Mandeldessert, zärtlich umhaucht von diesem zart-blumigen arabischen Jasmin. Dieser hat sich -sozusagen als Verstärkung- Amaryllis mitgebracht. Und in trauter Zweisamkeit umwehen diese beiden zarten Blumen nunmehr unsere edle Mandelnote. Nehmen ihr die Süße. Lassen sie locker und leicht an diesem angenehm warmen Sommertag erscheinen.

Der Vorfilm ist nun vorbei. Jacques Cavallier-Belletrud ist endlich mit seinem riesigen "Mandel-Magnum" fertig. Es liegt nur noch ein feiner Mandelhauch im Raum und zeugt von dem zurückliegenden Genuss. Die Leinwand wird dunkel. Dunkel und geheimnisvoll wie feinster Amber. Ein Schuss Vanille gesellt sich dazu. Nur ein Hauch. Es wird nicht zu süß. Da muss wohl jemand einen Vanille-Milchshake konsumieren. Es wird doch nicht schon wieder dieser Jaques ...
Nein, der schaut mich nur unschuldig und voller Vorfreude auf den Hauptfilm durch seine dicke Hornbrille an. Noch eine Brise rauen Moschus und schon öffnet sich der Vorhang. Der Film geht los. Und in großen Lettern lese ich auf der Leinwand:

"Cinema Paradiso".


26.06.2014 08:46 Uhr
Der Saubermann für den Abend

Vor mir steht der im Jahre 2006 erschienene und von Daniela Andrier kreierte Duft "Amber Pour Homme" aus dem Hause Prada. Ich bin schon sehr gespannt. Denn: Ich finde diese Prada-Flakons einfach chic. Edel liegen sie in der Hand. Das galt auch schon für "Infusion d'Homme". Fast schon minimalistisch. Doch in gleichem Maße auch modern. Einfach schnörkellos.

Und meine Vorfreude steigert sich noch mehr bei dem Versprechen dieses Duftes, dass uns hier etwas rund um das Thema "Amber" dargeboten werden soll.

1.
Amber ist nämlich einer der wertvollsten Rohstoffe, die die Natur je hervorgebracht hat. Lange Zeit konnte man sich die Herkunft dieses äußerst seltenen Rohstoffes nicht erklären. Ging man noch früher davon aus, dass die ebenso duftenden wie grauen Steine, die an die Küsten gespült wurden, von See-Ungeheuern stammten, so fanden Walfänger Anfang des 19. Jahrhunderts Amber im Darm von Pottwalen. Letztere ernähren sich nämlich von Tintenfischen und Kraken, die einen sehr schwer verdaulichen und scharfkantigen Kiefer besitzen. Es wird vermutet, dass sich Amber bei der Verdauung dieser unbekömmlichen Teile bildet. Wie das genau funktioniert ist aber immer noch unklar. Fest steht allerdings, dass sich Amber, nachdem er vom Pottwal ausgeschieden worden ist, stark verändert. Die auf der Meeresoberfläche treibenden Klumpen gehen unter dem Einfluss von Sonnenlicht und Sauerstoff eine chemische Reaktion ein. Dabei entstehen die wohlriechenden Amber-Körper, die mit den Gezeiten an die Meeresstrände gespült werden.

In früheren Zeiten stammte der meiste (natürliche) Amber aus dem Gebiet um Neukaledonien. Inzwischen ist jedoch dort der Handel nahezu zum Erliegen gekommen, da bei der Parfum-Herstellung überwiegend künstlich hergestellter Amber verwendet wird.
Natürlicher Amber wird hingegen nur noch vereinzelt dazu verwendet, den Duft dunkler und damit geheimnisvoller zu machen: Denn Amber verbindet und verfeinert blumige und süßliche Duftnoten, indem er als sogenannter "Fixateur" die Verdunstung leicht flüchtiger ätherischer Öle aus der Pflanze, verlangsamt.

Die Verarbeitung von natürlichen Amber erfolgt dergestalt, dass die Rohsubstanz zu einem feinem Puder zermahlen und Alkohol hinzugefügt wird. Diese Lösung muss dann mehrere Monate reifen, bevor sie dem Parfum beigemischt werden kann. Denn dann entfalten sich erst die charakteristischen Duftnoten. Der Parfumeur Nicolas Mamounas wird in einem Artikel von Hans Jürgen von der Burchhard für "Planet Wissen" (29.08.2013) wie folgt zitiert: "Vielleicht weckt Amber im Menschen unbewusst die Sehnsucht nach dem Meer, aus dem ursprünglich alles Leben hervorgegangen ist."

2.
Prada's "Amber Pour Homme" beginnt mit reifen Zitrusfrüchten: Eine (reife) Bergamotte und eine (nicht minder reife) Mandarine. Würzig unterlegt mit Kardamom und liebevoll umhaucht von einer Orangenblüte. Doch im Mittelpunkt stehen diese beiden reifen Früchte.

Doch nach meinem Eindruck nur sehr kurz. Man kann hier also nicht von einer ausgeprägten Kopfnote sprechen. Es wird nämlich dunkler. "Oh, kommt jetzt vielleicht schon der versprochene Amber zum Vorschein ?" rufe ich aus. In froher Erwartung. Aber -ebenso wie ein Kind am Weihnachtstage- müssen wir uns noch gedulden. Das Dunkle kommt nämlich nicht etwa von dem versprochenen Amber. Nein, hier hatte noch kein Pottwal Stuhlgang. Vielmehr erscheint grasig-erdiges Vétiver. In Begleitung von würziger Myrrhe. Ach ja, und so ein Blümchen liegt da auch noch rum: Eine Geranie. Aber alles ganz ganz weich und pudrig untermalt. Das müssen diese in der Duftpyramide angegebenen "Nirvanolide" sein. Diese haben sich bislang bei mir noch nicht vorgestellt. Doch eine Suche hiernach bei Parfumo führt insoweit nicht ins sprichwörtliche "Nirvana". Vielmehr erfahren wir, dass "Nirvanolide" ein (patentierter) Riechstoff sein soll "der intensiv nach einem fruchtigen, pudrigen, leicht animalischen Moschus mit laktonischen Nuancen" riechen soll. Ja, und genauso ist unsere Herznote bei "Amber Pour Homme": Erdiges Vétiver und würzige Myrrhe. Garniert mit diesem Blümchen. Und das Ganze pudrig unterlegt.

Was ebenfalls auffällt ist -wie schon bei "Infusion d'Homme"- diese unglaubliche "Sauberkeit". Alles wirkt hier rein - wie frisch geputzt. Nur eben im Vergleich zu "Infusion d'Homme" auf einer dunkleren, vielleicht sogar "abendlicheren" Ebene.

Und es wird süßer. Ja fast schon kuschlig. Auch wenn sich diese "pudrige Sauberkeit" in der Basis fortsetzt. Wir erleben nunmehr eine vanillige Süße, die einen leicht-rauchigen Beigeschmack (Patchouli !) hat. Gerade so viel, um dieser "pudrigen Süße" der Vanille und der Tonkabohne ein stützendes Korsett zu verleihen. Einen Touch ins Orientalische bekommt dieser Duft dadurch beileibe nicht. Das Ganze abgeschmeckt mit einer Brise Safran, einer Messerspitze Sandelholz und einem Teelöffel voll Leder. Und fertig ist unsere -nach wie vor sehr sauber und rein wirkende- pudrig-süße Basis.

Mein Fazit:
Und wo ist der versprochene Amber ? Möglicherweise wurde bei "Amber Pour Homme" Amber in der oben beschriebenen Art und Weise als "Katalysator" benutzt. So lobenswert dies auch erscheinen mag; aber dies macht aus ihm keinen ausgesprochenen "Amber-Duft" - so, wie der Name verheißt.
Dennoch ein gut gemachter Duft. Er führt das "Sauberkeits-Thema" von "Infusion d'Homme" auf einer dunkleren Ebene fort. Sozusagen der "Saubermann für den Abend".


25.06.2014 14:03 Uhr
Aufregung beim Waldspaziergang ?

Unser heutiger Testkandidat ist "Tumulte Pour Homme" aus dem Jahre 2005, von Nathalie Gracia-Cetto kreiert, aus dem Hause "Christian Lacroix". Wie bereits hier erwähnt steht der französische Begriff "Tumulte" für das verwirrende und lärmende Durcheinander aufgeregter Menschen sowie den Auflauf lärmender und aufgeregter Menschen. Oder -kurz- für ein "Chaos". So zeichnet sich ein "Chaos" dadurch aus, dass ein Ablauf gerade nicht plangemäß verläuft. Das kann man auch von dem Leben des berühmten Meisters Christian Lacroix behaupten.

1.
Christian Lacroix ist am 16. Mai 1951 in Trinquetaille, einem Stadtteil von Arles, geboren. Seine Großeltern, bei denen er aufwuchs, prägten ihn dahingehend, dass er sich bereits sehr früh für Stil und Eleganz interessierte. Nach dem Studium der Französischen Literatur zog er nach Paris und studierte an der "Sorbonne" Kunstgeschichte. Wollte er anfangs noch Museumskurator werden sollte es jedoch ganz anders kommen: Er lernte nämlich in Paris seine (spätere) Frau kennen. Diese war zu diesem Zeitpunkt Beraterin bei "Hermès". Unter anderen auf ihre Vermittlung hin arbeitete Lacroix ab 1978 als Zeichen-Assistent in der Modeabteilung von "Hermès". Von 1981 bis 1987 kreierte er die Haute-Couture-Kollektion von "Jean Patou", wobei er hierfür 1986 vom "Council of Fashion Designers of America" den Sonderpreis als einflussreichster ausländischer Designer erhielt. Ab 1987 (bis 2009) war Lacroix Chef-Designer seiner eigenen Modemarke. Neben diesen Tätigkeiten entdeckte er auch immer wieder die Liebe zum Kostümdesign. Nicht nur für Theater, Oper oder Ballet; so schuf er auch die Tournee-Outfits für Mireille Mathieu und Madonna. Als wenn das noch nicht genügen würde kreierte er im Jahre 2004 die Uniformen für das gesamte in Kundenkontakt stehende "Air France"-Personal. Außerdem stammt das Design des Innenraums derjenigen TGVs, die seit 2007 die Strecken Frankfurt-Saarbrücken-Paris und Stuttgart-Straßburg-Paris befahren, von Christian Lacroix. Letztlich gestaltete er in der Französischen Stadt Montpellier eine Straßenbahn-Linie im "Meeres-Design".

2.
Doch, wonach duftet "Tumulte" denn eigentlich ? Verläuft dieser Duft "chaotisch" - wie sein Name verspricht ? Man darf gespannt sein:

Zunächst ist "Tumulte Pour Homme" ziemlich kühl. Anders als bei so vielen Düften begegnet uns hier keine einzige Zitrusfrucht. Und dennoch ist der Beginn erfrischend. Erfrischend kühl. Dafür sorgt die distanzierte Kälte von Wacholder. Leicht würzig durch Lorbeer angehaucht begrüßt er uns. Fast schon unnahbar und distanziert. Aber zugleich erfrischend und reinigend. Durch den Lorbeer wirkt dieser kühle Beginn zugleich interessanter und tiefer, da der Lorbeer im Hintergrund unserer Wacholderbeere eine ebenso würzige wie interessante Note verleiht; ihr mithin Tiefe gibt.

Und es wird nicht wärmer. In der Herznote wartet Weihrauch auf. Zwar nicht dieser unnahbar-kühle Weihrauch aus "Bois d'Encens" (Armani Privé). Aber immerhin noch kühl genug. Darf bei "Bois d'Encens" der Weihrauch noch (fast) die alleinige Hauptrolle spielen, so ist dies unserem Weihrauch hier bei "Tumulte Pour Homme" nur für sehr kurze Zeit vergönnt (und dann auch nur im Zusammenspiel mit der bereits eingangs erwähnten würzigen Wacholderbeere). Denn: Ich muss den Vor-Kommentatoren recht geben: Wir betreten sogleich einen Wald. Genauer gesagt: Einen Zedernwald. Und noch genauer gesagt: Einen Zedernwald, in dem ein Weihrauch-Lüftchen weht. Es ist richtig: Hier handelt es sich in der Tat um einen Zedernwald im Frühling. Ich vermag an diesem Wald nichts Regnerisch-Feuchtes zu erkennen. Erst recht keine Modrigkeit. Ich denke, dieser Eindruck (bei mir !) kommt noch von der nach wie vor leicht präsenten Wacholderbeere, die uns (zusammen mit dem Lorbeer) in der Kopfnote dieses Duftes so kühl und distanziert begrüßt hatte. Nun ja, und unser Weihrauch-Hauch darf ja auch noch mitspielen.

Wir sind also in einem dichten Wald. Es ist Frühling. Es hat schon lange Zeit nicht mehr geregnet. Die Erde ist trocken; nicht jedoch (hoch-) sommerlich ausgedörrt. Die dichten Baumkronen lassen nur vereinzelte Strahlen der noch zaghaften Frühlingssonne zu uns vordringen. Doch diese wenigen Strahlen kitzeln unsere Nase, die ohnehin von dem kühlen Weihrauch-Hauch umschmeichelt wird. Es ist Morgen. Die Kühle der vorausgegangenen Nacht ist noch nicht ganz verschwunden. Liegt vielmehr noch wie ein grauer Schleier über unserem Zedernwald. Beruhigend wirkt dieser auf uns. Wir vergessen Raum und Zeit. Sind gefangen in unseren einsamen Gedanken und gefangen in der Einsamkeit des Waldes. Eines kühlen, eines unnahbaren Waldes. Und so verbringen wir mehrere Stunden in angenehmer Einsamkeit. Diese Einsamkeit können wir dann zu der Überlegung nutzen, ob und in welchem Umfang "Atlas-Zeder", "Chinesische Zeder", "Texas-Zeder" und "Virginia-Zeder" in unserem Frühlingswald angesiedelt sind - wie uns die Duftpyramide glauben lassen möchte. So sehr ich mich indes bemühe, diese verschiedenen Zedern-Arten olfaktorisch nach ihrer Herkunft und damit Ihrer Heimat zu sortieren, will mir dieses Unterfangen irgendwie nicht so recht gelingen. Mein Näschen scheint für derlei Kunststücke noch zu ungeübt zu sein. Und so belasse ich es mit der Feststellung eines frühlingshaft-kühlen Zedern-Waldes.

Mein Fazit:
Ein wirklich gut gemachter Duft. Vermittelt ein sehr sehr schönes Stimmungsbild. Nur, ist es das Stimmungsbild eines "Tumultes" ?
Zugegeben, der Duft ist sexy. Aber ob deswegen von diesem Duft magnetisch (oder gar erotisch) angezogene Personen um dessen Träger ein verwirrendes und lärmendes Durcheinander oder gar einen lärmenden und aufgeregten Auflauf veranstalten ? Nochmals: Der Duft ist verdammt gut gemacht. Aber im Falle eines "Tumults" um dessen Träger nur wegen des Duftes wäre es -um es mit William Shakespeare zu sagen- "Viel Lärm um Nichts".


24.06.2014 13:21 Uhr
Allure - einfach unbeschreiblich

"Allure - Unbeschreiblich und absolut unwiderstehlich"

... ist auf der Homepage von Chanel über diesen Duft zu lesen. Und wenn dieser Duft auch im wörtlichen Sinne "unbeschreiblich" wäre, dann könnte mein Kommentar an dieser Stelle jäh enden.

Aber wir haben ja gelernt, dass man diesen Werbeankündigungen nicht immer so recht vertrauen kann. Und so will ich doch mal den Versuch einer Beschreibung wagen. Vorwegnehmen möchte ich, dass ich der von mir sehr geschätzten "Turandot" zustimmen möchte, dass wir bei Chanel's "Allure" (EdP) aus dem Jahre 1999 nicht unbedingt eine Einteilung in Kopf-, Herznote und Basis vornehmen können. Dieser Duft entzieht sich nämlich einem stringenten linearen Duftverlauf.

Nein, sein Schöpfer, der geniale Jaques Polge, hat ganz andere Dinge mit uns vor: Unmittelbar nach dem Aufsprühen begrüßt uns eine wunderbar natürliche Mandarine. Eine reife Frucht. Keine säuerliche Erfrischung. Sondern vielmehr einfach eine ausgereifte Mandarine. Aber nicht einfach nur diese Frucht. Cremig untermalt ist sie. Ein köstlich-sommerliches Mandarinen-Dessert. An einem heißen Sommertag erfreut es unseren begierigen Gaumen. Wir befinden uns vor unserem geistigen Auge auf einer sonnenüberfluteten Terrasse unter einem betagten Mandarinen-Baum. Die spitzen grünen Blätter blicken ebenso zu uns herab wie die prallen reifen Früchte. Genießen mit uns die wärmenden Sonnenstrahlen und lassen sich von ihnen sanft umschmeicheln. Doch nur wir können dieses köstlich-cremige Mandarinen-Dessert genießen. Schmecken die angenehme Süße. Eine edle Bourbon-Vanille kommt zum Vorschein. Genuss pur. Trägt uns fort. Fort in ferne Länder. Ein zarter orientalischer Hauch verwöhnt uns nun.

Doch schon im nächsten Moment ist sie verschwunden: Unsere Mandarine. Eine edle Blume meldet sich zu Wort: Eine rosa Rose. Stolz begegnet sie uns. Aufrecht und selbstbewusst. Doch weiterhin cremig untermalt. Weich und zart. Und von Jasmin sanft und zärtlich umhaucht. Als geniales Gegenstück zu der weichen Cremigkeit. Dieser Jasmin gibt unserer stolzen (jedoch nach wie vor cremigen) Rose eine erfrischende Leichtigkeit. Lässt sie luftig und locker erscheinen.
Frühlingshaft begleitet von einem Hauch Magnolie und einer erfrischenden Seerose.

Auch diese Facette von "Allure" begeistert. Nun eben keine fruchtige Cremigkeit, sondern eben das selbe Spiel mit den -nach wie vor cremigen- floralen Tönen. Doch, bevor wir uns dieser blumigen Cremigkeit vollends hingeben können lugt auch schon wieder unsere anfängliche cremige Mandarine hervor. Spielt sich erneut vorlaut in den Vordergrund. Lässt die florale Cremigkeit in den Hintergrund treten.

Und so geht dieses Wechselspiel immer fort: Mal ist es die cremige Rose, die uns begeistert, mal die cremige Mandarine. Immerfort und immerfort. Im weiteren Verlauf nur immer dunkler und geheimnisvoller werdend: Edle Hölzer und erdiges Vétiver begleiten nunmehr immer mehr dieses liebevolle Wechselspiel, diesen zärtlichen Reigen, zwischen diesen fruchtigen und floralen Noten und lassen diesen wunderschönen Duft nach einigen Stunden liebevoll ausklingen.

Mein Fazit:
Ein wunderschöner Duft. Ein wunderschönes Wechselspiel ohne linearen Verlauf. Und wie cremig - einfach unbeschreiblich !


24.06.2014 08:57 Uhr
Rotkäppchen und Pu der Beer

"Rot, rot, rot sind alle meine Kleider,
rot, rot, rot ist alles, was ich hab'.
Darum lieb' ich alles, was so rot ist,
weil mein Schatz ein Feuerwehrmann ist."

1.
Diese Strophe des (zu) oft gesungenen Kinderliedes kommt mir beim Betrachten des Flakons des im Jahre 2013 erschienenen "Polo Red" aus dem Hause "Ralph Lauren" in den Sinn. Nun ist mein Schatz kein Feuerwehrmann, auch wenn ich zugeben muss, dass bei uns Zuhause manchmal ganz schön "die Hütte brennt." So zum Beispiel, wenn ich vergessen habe, die Geschirrspülmaschine auszuräumen.
Aber in diesen Momenten sollte ich dann vielleicht besser "Polo Red" tragen. Denn dessen Werbeankündigung klingt vielversprechend: "Polo Red ist ein Duft für den Mann, der die Herausforderung liebt: Geschwindigkeit, Adrenalin und Verführung sind seine Leidenschaft. Die Komposition überzeugt mit einer feurigen Mischung aus würzigem rotem Safran, frischer roter Grapefruit und rotem Zedernholz. Das macht Polo Red zu einem gefährlich-verführerischen und berauschenden Adrenalinkick."

2.
"Polo Red" beginnt dann auch -entsprechend dieser Ankündigung- zitrisch. Doch nur sehr kurz. Eine Grapefruit und auch eine Zitrone. Sie wirken weniger wie zwei einzelne Früchte. Eher wie ein Korb mit Zitrusfrüchten, den uns gerade der Obsthändler unseres Vertrauens (vorzugsweise südländischer Herkunft) voll gepackt hat. Wir philosophieren mit diesem Obsthändler gerade noch über die "Squadra Azzura" und deren WM-Titelchancen, als uns auffällt, dass dieser Obsthändler offensichtlich nicht nur Zitrusfrüchte in seinem liebevoll ausgewählten Sortiment führt, sondern möglicherweise in den frühen Morgenstunden auch eine umfangreiche Lieferung an sehr süßen Beeren erhalten hat. Ein ebenso kurzer wie verstohlener Blick in die Duftpyramide verrät uns, dass bei dem Großhändler wiederum seines Vertrauens angeblich "Cranberries" besonders günstig im Angebot gewesen sein müssen. Wahrscheinlich abgelenkt von den sehr emotional geführten Fußball-Diskussionen vermag ich diese "Großfrüchtige Moosbeere" nicht so deutlich zu erkennen. Mich erinnert das Ganze eher an ein Potpourri von Waldfrüchten, die man -vorzugsweise heiß serviert- an warmen Sommertagen auf der sonnenüberfluteten Terrasse eines unmittelbar an einer dicht befahrenen Straße befindlichen Ausflugslokals auf sein (beileibe nicht selbst produziertes) Vanille-Eis bekommt. Und so riecht das jetzt für mich. Natürlich muss man sich das Vanille-Eis dabei weg denken. Also eher ein Korb voller Früchte des Waldes, die Rotkäppchen (natürlich neben den obligatorischen Blümchen) möglicherweise auf seinem so verhängnisvollen Weg zur kränklichen Großmutter noch schnell im dunklen Wald eifrigst gesammelt hat.

Es wird dann würziger. Unser "Rotkäppchen-Wald" befindet sich wohl in Südfrankreich, da nunmehr etwas duftender Lavendel und würziger Salbei auszumachen sind. Rotkäppchen scheint aber bei seiner Beeren-Pflück-Aktion sehr fleißig gewesen zu sein. Denn: Nach wie vor dominiert dieses Gemisch von Beeren-Tönen. Nur, nunmehr etwas würziger, etwas mediterraner unterlegt. Den in der Duftpyramide angegebenen "Roten Safran" vermag ich leider nicht auszumachen. Offensichtlich wurde dieser in unserem Märchenwald gerade kurz vor Eintreffen des fleißigen Rotkäppchens von einem Produzenten eines hochwertigen Oud-Duftes restlos abgeerntet. Ist auch besser so. Obgleich unsere Großmutter und möglicherweise sogar der diese dann so grausam verschlingende böse Wolf sich über etwas Safran und vielleicht auch über einen hochwertigen Oud-Safran-Duft gefreut hätten. Nun ja, nun müssen sie halt mit den würzigen Beeren des unweiten Waldes vorlieb nehmen.

Und wie es sich für einen Wald gehört stehen da auch Bäume. In unserem Märchenwald zumindest vereinzelt. Man könnte an dieser Stelle fast sagen, dass es hier nicht so ist, dass man "den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht". Nein, nein, so viele Bäume und damit Hölzer sind's dann bei "Polo Red" in der Basis auch wieder nicht. Dafür ist's ein Mischwald. Was aus ökologischer Sicht durchaus begrüßenswert erscheint ist jedoch aus olfaktorischer Sicht dann eher bedauerlich, da ich leider nicht in der Lage bin, in diesem Märchen-Wald einzelne Sandel-, Zedern- oder auch Tannenhölzer auszumachen. Gesicherte Erkenntnis ist hingegen, dass sich unser Rotkäppchen nun langsam sputen muss, da langsam aber sicher die Dunkelheit herein bricht. Rein olfaktorisch gesehen sorgt Amber für diesen Effekt. Leicht im Hintergrund untermalt er unseren gefüllten Korb eifrigst gesammelter und anschließend sogleich mediterran gewürzter Waldbeeren. Und begleitet bei hereinbrechender Dunkelheit unser Rotkäppchen auf seinem verhängnisvollen Weg für einige Stunden.

Mein Fazit:
Da ist noch die Frage, die mich schon die ganze Zeit beschäftigt: Überliefert ist leider nicht, ob denn der böse Wolf aus dem berühmten Märchen der Gebrüder Grimm nach dem Verschlingen der besagten (und wohl auch betagten) Großmutter unmittelbar vor dem Erscheinen des eifrigen Försters zum Nachtisch die Beeren in Form von Ralph Lauren's "Polo Red" genossen hat. Ich denke, eher nicht. Denn sonst wäre ja in der Werbeankündigung gestanden: Benutze "Polo Red - dann klappt's auch mit dem Förster."


23.06.2014 12:49 Uhr
Pures Glück ist der schönste Duft

Ich sitze in einer Kirche. Dunkel und erhaben ist sie. Ein geheimnisvoller Geruch liegt in der Luft.

1.
Ich denke an den Schöpfer von "Bois d'Encens" -Michel Almairac-, der -gefragt nach seinem Lieblingsduft- in einem Interview mit "Liga Studios Online" am 19.06.2012 antwortete: "Der von normaler Sonnencreme am Meer." Ich erinnere mich an seine Erzählungen in just diesem Interview: "Ich wuchs in Grasse auf, die französische Stadt der Düfte, weltbekannt für ihre Rosen und Parfüm-Manufakturen. So war ich schon von klein auf immer von wunderbaren Düften umgeben. Das gefiel mir. Doch von dem Tag an, an dem ich als 15-Jähriger die Produktionsstätte von Roure besuchte, wusste ich, dass ich die magische Welt der Parfümproduzenten kennenlernen wollte. Nachdem ich also meine Leidenschaft entdeckte, besuchte ich die 'Roure' Parfümeursschule. Das war im Jahr 1971. Dort hatte ich dann später eine Praktikantenstelle. Die Insider-Tricks der Duftbranche lernte ich jedoch im Kreativ-Team von 'Roure' in Argenteuil. Während meiner Karriere war ich von großartigen Parfümeuren umgeben wie Jean-Maurice Martin als Chef-Parfümeur bei 'Roure', Edmond Roudnitska, Pierre Bourdon und Edouard Fl?chier, die alle ihr Wissen mit mir teilten. Dank ihnen lernte ich das Gewerbe erst richtig kennen und verstehen. Ich habe nie aufgehört zu lernen und mich zu hinterfragen. Immer aufgeschlossen zu sein für Neues - das ist wohl das Wichtigste. Natürliche Essenzen sind eine Quelle der Inspiration. Dazu komponiere ich dann gerne völlig neue und ungewöhnliche Duftnoten. Erst dann ergibt sich eine interessante Mischung mit dem gewissen Etwas – dem Besonderen, dem Signifikaten. Ich liebe es, Parfums zu kreieren – dabei habe ich keine Vorliebe für Männer- und/oder Frauen-Parfüms. Jeder Kunde ist anders, jedes Konzept ist anders. Da gibt es zwar fachliche Regeln, aber die Kreativität hat keine Regeln. Das finde ich spannend und ist immer wieder eine Herausforderung. Schließlich gibt es jeden Duft nur ein einziges Mal – es ist immer ein Unikat."

Es ist derjenige Michel Almairac, der in einem weiteren Interview bei "desired.de" am 05.02.2013 einmal sagte: "Pures Glück ist der schönste Duft, den eine Frau tragen kann." Dies als Ausdruck seines Traumes, den er wie folgt beschrieb: "Ich habe den Traum, maßgeschneiderte Produkte, also einzigartige Kreationen für Mann und Frau, zu entwickeln. Aber leider ist es noch sehr kompliziert. Aber ich liebe es, immer wieder an verschiedenen Duftnoten zu arbeiten. Bei den vielen Düften, die ich benutze, achte ich besonders auf die Harmonie zwischen den einzelnen Nuancen, denn erst das kennzeichnet einen schönen Geruch für mich. Bevor ich einen Duft in meiner Arbeit verwende, versuche ich im Vorfeld, den Geruch als solches zu verstehen und seine Geschichte herauszufinden."

2.
Und -bereits nach dem Namen des im Jahre 2004 in der edlen Armani Privé-Reihe erschienenen Duftes "Bois d'Encens" zu urteilen- will uns Michel Almairac hier eine Geschichte über Weihrauch erzählen.

Weihrauch - der Name kommt aus dem Althochdeutschen "Heiliges Räucherwerk"- ist das luftgetrocknete Gummiharz des Weihrauchbaumes. Gewonnen wird Weihrauch dadurch, dass man Stamm und Äste anschneidet. Dadurch erhält man eine klebrige Flüssigkeit, die anschließend getrocknet wird. Dadurch entsteht Weihrauchharz. Das "Endprodukt" Weihrauch besteht dann letztlich aus einem Gemisch aus ätherischen Ölen, Harzen, Schleim und Proteinen, wobei der Anteil an reinem Harz etwa bei 50 bis 70 % liegt.

Schon die alten Ägypter benutzten Weihrauch zur Mumifizierung. Sie nannten die Harzperlen des Weihrauchs den „Schweiß der Götter“. Dem Geruch des Weihrauchs beim Verglühen wurde eine bannende Wirkung gegen die Macht und den Geruch des Todes zugesprochen.

Auch die alten Römer wussten den Duft von Weihrauch zu schätzen. Jedoch in anderer Hinsicht: Kaisern und Statthaltern wurde beim Einzug in eine Stadt Weihrauch vorangetragen. Einerseits als Zeichen der Huldigung. Andererseits aber auch zur Verdrängung des unerträglichen Gestanks der Kloaken. Da die frühen Christen diese göttliche Verehrung des Kaisers ablehnten und dafür verfolgt wurden war der Gebrauch von Weihrauch in der christlichen Liturgie zunächst verpönt. Erst mit zeitlichem Abstand zu den Christenverfolgungen im Römischen Reich und mit der Übernahme von Elementen des römischen Kaiserkultes in den christlichen Gottesdienst wurde der Weihrauch akzeptiert. Zwischenzeitlich wird der Gebrauch von Weihrauch im Christentum auf den Kult der Israeliten zurückgeführt, in dem Tempel -als "Rauchopfer- zweimal täglich Ketoret zu verbrennen. Symbolisch steht dort der Gebrauch von Weihrauch für Reinigung, Verehrung und Gebet.
Die katholische Liturgie macht mit der Weihrauchverwendung deutlich, dass der Mensch eine Einheit aus Leib und Seele ist. Da das Wort Gottes in Jesus Christus Mensch geworden ist gilt Weihrauch daher auch als ein Zeichen der Gegenwart Gottes bzw. des Heiligen Geistes.

In der orthodoxen und in der orientalischen Liturgie gilt Weihrauch als "Duft des Himmels". Nach alter orientalischer Vorstellung ist eine Gottesbegegnung mit einem Dufterlebnis verbunden.

3.
"Bois d'Encens" beginnt würzig: Pfeffer. Er ist jedoch nicht brennend-scharf. Vielmehr ist es ein milder Pfeffer, dem jedoch eine gewisse Kühle innewohnt. Erfrischend und reinigend zugleich. Durch diese reinigende Kühle gibt er uns einen Vorgeschmack auf das, was uns dann sogleich erwartet: Feinster und edelster Weihrauch. Er legt sich auf unsere Haut. Kühl und unnahbar. Aber dennoch ein Teil von uns. Verfolgt jede Bewegung unseres Körpers. Schmiegt sich leidenschaftlich an uns an, um seinen Träger bereits im selben Moment wieder zurückzustoßen. Wissend, dass er trotz aller Distanz fortan ein Teil seines Trägers sein werde.

Ein Begleiter, der im weiteren Verlauf viele verschiedene Facetten von sich offenbaren wird: Ein kalter Marmorblock auf nackter Haut. Sperrig. Unförmig. Kühl und distanziert. Glatt und kaum zu greifen. Durch seine Form und Gestalt unfähig und unwillig, sich den feinen Rundungen des menschlichen Körpers anzupassen. Eigenwillig und starr in seiner Position verharrend.

Doch schon im nächsten Moment verwandelt sich unser Weihrauch in ein edles Tuch aus feinster Seide. Umschmeichelt seinen Träger. Schmiegt sich an ihn an. Glänzt funkelnd im hellen Sonnenlicht. Ist ein Teil des Körpers. Eine zweite Haut. Jedoch nie kuschlig-warm. Stets kühl und distanziert. Trotz aller körperlicher Nähe.

Doch erneut ändert er sein Gesicht: Eine stolze Raubkatze kommt zum Vorschein. Unnahbar. Gefährlich. Wild. Ein schwarzer Leopard blickt uns nunmehr stolz und unnahbar in die Augen. Jederzeit bereit zum Sprung. Einer ebenso raschen wie eleganten Bewegung des mächtigen Körpers.

Doch dann kommt plötzlich ein kühler rauer Sand zum Vorschein. Nicht der von einer mediterranen Sommersonne aufgeheizte Sand eines warmen Strandes. Nein, auch dieser Sand ist kühl und dunkel. Ein Sand, der den Boden eines dunklen und geheimnisvollen Gewölbes bedeckt. Trocken. Staubig. Grobkörnig.

Und so wandelt sich sein Gesicht immerfort. Ein steter Wandel. Es ändern sich die Facetten. Doch stets bleibt seine kühle Distanz bestehen. Seine dunkle Seele. Sein unnahbarer Charakter. Welche Gestalt er auch immer anzunehmen vermag.

Nach vielen Stunden klingt er dann geheimnisvoll-erdig nach edlem Vétiver-Gras duftend aus.

Mein Fazit:
"Bois d'Encens" ist ein traumhaft schöner Duft um das Thema "Weihrauch". Er zeigt uns alle Facetten dieses edlen Duftstoffes auf und bleibt dabei stets kühl und unnahbar. Ebenso wie der Flakon ist dieser Duft ein Meisterwerk. Ein "pures Glück" - soll ja angeblich der schönste Duft sein ...


21.06.2014 17:53 Uhr
Cool Water (fast) ohne Water

Die Homepage der deutschen Verkaufsstelle von "Aqua dell' Elba" beginnt mit einem Zitat von Karl Lagerfeld: "Ein Duft muss die besten Augenblicke des Lebens wieder wachrufen."

1.
Weiter erfahren wir dort zu den Zielsetzungen dieses traditionellen Familienunternehmens:

"Acqua dell` Elba – der Duft einer Insel: Ein (...) Duft aus reinen Naturprodukten und mit Liebe zur Handwerkskunst hergestellt. Unsere Parfüms wecken Erinnerungen an schöne Ferientage im Einklang mit der Natur und an das Meer mit dem bezaubernden Duft einer Insel im Mittelmeer. Jede Duftnote ist das Produkt einer kreativen Reise und wird in unserem kleinen Laboratorium in Marciano Marina, Elba hergestellt. Als Familienbetrieb legen wir Wert auf Tradition und verwenden nur Produkte, welche auf Elba vorhanden sind."

Unser heutiger Testkandidat "Classica Uomo" stellt im Bereich der Herrendüfte von "Acqua dell' Elba" den Basisduft dar. Ergänzt wird "Classica Uomo" durch "Blu Uomo" und "Arcipelago Uomo". Da sich diese Serie mit der Inselgruppe um die Insel Elba im Mittelmeer beschäftigt repräsentiert "Arcipelago Uomo" mit seinen würzigen Duftnoten die Inseln, während sich "Blu Uomo" (bereits dem Namen nach) mit seinen fruchtig-aquatischen Tönen für die Frische des azurblauen Mittelmeeres steht. Doch in welche Richtung geht der Klassiker von "Aqua dell'Elba" ? Wofür steht er ?

2.
"Classica Uomo" beginnt fruchtig: Mandarine und Zitrone. Nicht säuerlich frisch, sondern vielmehr reife Früchte. Natürlich und klar. Ein sanfter Hauch, der von einer sommerlichen Zitrusfrucht-Plantage herüber weht. Obwohl die Duftpyramide keine Orange aufführt fühle ich mich etwas erinnert an Aqua di Parma's "Arancia di Capri". Oder aber auch an die Mandarinen-(Kopf-) Note in dem kürzlich erschienenen "Aqva Amara" von "Bvlgari". Wenngleich die Frucht bei "Classica Uomo" mehr sommerlich-natürlich wirkt.

Doch schon sehr bald schlägt "Classica Uomo" von "Acqua dell' Elba" einen völlig anderen Weg ein: Es wird würziger: Rosmarin gesellt sich hinzu. Aber nur ein Hauch. Gerade so viel, das diese Fruchtnoten vielschichtiger und damit interessanter werden. Wir befinden uns also an Land: (Reife) Zitrusfrüchte mit einem Hauch Rosmarin. Doch was ist das ? Doch ! Da ist er doch: Ein leicht aquatischer Hauch weht vom nahen Mittelmeer herüber. Leicht salzige Algen. Sehr zurückhaltend. Sehr dezent. Dennoch behalten wir festen Boden unter den Füßen. Wir atmen ein und sehen vor unserem geistigen Auge im mediterranen Sonnenlicht wogende Wellen. Fröhlich auf ihnen tanzende Sonnenstrahlen an einem warmen Sommertag.

Dennoch befinden wir uns nach wie vor auf der Insel. Trotz der mediterranen Sommerwärme tauchen wir nicht ins einladende Nass ein. Vielmehr begleiten uns diese natürlich-reifen Zitrusfrüchte, die würzig-aquatisch umhaucht werden, über einen warmen Urlaubstag hinweg. Angenehm. Sommerlich. Fast schon ein Kurzurlaub.

Der Abend unseres Urlaubstages bricht herein. Die warme Mittelmeer-Sonne geht unter. Wir sitzen nach wie vor an der Küste und lassen uns von den Aromen dieser einzigartigen Insel verwöhnen. Der Boden unter unseren Füßen kühlt langsam aber sicher ab; bleibt jedoch warm und angenehm. Wir senken unseren Kopf in Richtung dieses wärmenden Bodens: Ein angenehm beruhigender Duft von angewärmten Moos kommt uns entgegen. Nicht das feuchte Moos des Bodens eines dichten und geheimnisvollen Waldes nach einem heftigen Regenguss. Nein ! Unser Moos hier ist von der mediterranen Sonne verwöhnt. Trocken, erdig, grasig. Und so klingt unser wunderschön sonniger Urlaubstag aus.

Mein Fazit:
Mit "Classica Uomo" bleiben wir an Land. Genießen aber dennoch den sanften Hauch des nahen Mittelmeeres, der zu uns herüber weht. "Classica Uomo" steht damit in der Mitte zwischen dem olfaktorischen Meeresbild "Blu Uomo" und dem Insel-Duft "Arcipelago Uomo" der italienischen Duftmanufaktur "Aqua dell' Elba". Bildet gleichsam die Basis. Ein "Cool Water" (fast) ohne "Water". Eben "Cool". Wie die Erinnerung an einen schönen Urlaubstag im sommerlichen Italien.


21.06.2014 10:44 Uhr
Der kleine Bruder der Arroganz

1.
Einen hab' ich noch:

"Als Gott mich schuf wollte er angeben."

Und noch ein paar:

- "Bei jeder Streitfrage gibt es zwei Standpunkte: Meinen und den Falschen."
- "Diese Ausstrahlung, dieses Lächeln, diese Intelligenz, dieses bezaubernde Gesicht, und erst noch die wunderschönen Augen...
Aber, genug von mir, wie geht es Dir ? "
- "Hier kann jeder machen was ich will !"
- "Ich bin nicht perfekt, aber so nahe dran, dass es mir selber Angst macht."
- "Ich brauche die Welt nicht. Die Welt braucht mich !"
-"Ich brauche dringend einen größeren Balkon, damit ich besser zum Volk sprechen kann !"
- "Ich würde meine Fehler ja zugeben, wenn ich welche hätte."
- "Jeder hat das Recht auf meine Meinung !"
-"Mich findest Du im Wörterbuch unter 'perfekt' !"

Bevor Ihr jetzt denkt, Ihr seid aus Versehen auf der Homepage des portugiesischen Fußball-Nationalspielers Christiano Ronaldo gelandet, komme ich ganz schnell wieder auf "Arrogance" zu sprechen. Und insbesondere auf "Arrogance Uomo", den im Jahr 1987 geborenen (kleinen) Bruder des "Arrogance Pour Homme", der im Jahr 1982 das Licht der Welt erblickte.

2.
Dieser Duft beginnt mit einer natürlichen, diesmal aber reifen, Bergamotte, die uns diesmal zwar fruchtig, indes nicht zitrisch-frisch begrüßt. Und vor allem mit Gewürzen: Muskat, Salbei, Beifuß und Lavendel. Nein, unsere Bergamotte spielt hier nicht die Hauptrolle. Sie ist kein Solist, der die Kopfnote -würzig untermalt- bestimmt. Sie ist vielmehr als reife und natürliche Frucht bestenfalls ein "Teamplayer" in einer Mannschaft. Und unsere olfaktorischen "Spice Girls" ? Auch da sticht niemand hervor. Selbst der ansonsten oftmals so mediterran-strahlende Lavendel erhält durch den Muskat einen leicht pfeffrigen Touch. Alles sehr schön ineinander verwoben. Wirkt fast leicht cremig.

In der Herznote klingelt es dann sogleich an der Türe. Es ist unser Freund vom "Fleurop-Lieferservice". Ihr könnt mir glauben: Er ist reich beladen. Die (fruchtig-reife) Bergamotte tritt in den Hintergrund und man reicht uns eine Rose. Eine würzige Rose. Ähnlich wie beim großen Bruder "Arrogance Pour Homme" ist es hier eine langstielige rosa Rose. Fein und natürlich duftend. Jedoch in Begleitung einer Gartennelke, die -im Zusammenspiel mit den nach wie vor (nur nicht mehr so stark) präsenten Gewürzen aus der Kopfnote- unserer "Fleurop-Rose" zwar ihre feminine Strahlkraft etwas nimmt, sie jedoch männlicher erscheinen lässt. Diese männliche Rose wird umhaucht von einer leichten Brise von Maiglöckchen und Jasmin. Nur ganz leicht; es bleibt würzig-männlich.

Und die Basis ? Da kommt dann wieder die "geballte Männlichkeit" durch: Erdiges Eichenmoos und grasiges Vétiver lenken diesen Duft in eine dunklere, in eine geheimnisvollere Richtung. Haben wir zunächst einen Spaziergang über eine herbstlich-würzige Blumenwiese unternommen sind wir nunmehr endgültig in einem dunklen Wald angekommen. Warm und geheimnisvoll umgibt er uns. Es ist nicht der feuchte Wald nach einem heftigen Regenschauer. Nein, rauchiges Zedernholz mit einer Brise geheimnisvollen Patchouli geben dieser Basis einen erdig-tiefgründigen und nach wie vor würzigen Touch. Anders als noch bei "Arrogance Pour Homme" spielt hier das Patchouli bestenfalls eine Nebenrolle, so dass auch diejenigen Duftliebhaber auf ihre Kosten kommen könnten, denen das "Patchouli-Solo" des großen Bruders zu heftig erscheint. Dennoch muss man würzige Düfte mögen. Denn: Hier ist nichts fruchtig-lieblich. Die dichten Baumkronen lassen nur noch vereinzelte Sonnenstrahlen zu der langstieligen rosa Rose aus der Herznote vordringen. Dafür umschmeichelt sie die wohltuende Wärme eines warmen (Amber !) Sommerabends. Die in der Duftpyramide angegebene Kokosnuss vermag ich nur sehr schwer wahrzunehmen. Wenn überhaupt sind es frische Kokosraspel; von etwas Leder umschmeichelt. Mithin keinesfalls eine pappig-süße Praline. Ein Gourmand ist "Arrogance Uomo" beileibe nicht.

Mein Fazit:
Vom Erscheinungsjahr (1987) her ein Duft aus den Achtzigern. Zwar kein hautnaher Leisetreter. Aber beileibe auch kein lärmender Powerhouse-Duft. Eher ein trocken-geheimnisvoller Gewürz-Kandidat. Alles sehr fein und schön aufeinander abgestimmt. Freunde von fruchtigen Düften oder gar Gourmands kommen hier wohl nicht so sehr auf ihre Kosten. "Arrogance Uomo" besticht jedoch vielmehr durch seine männlichen -cremig-verwobenen- Gewürze, die in der Herznote durch eine stolze Rose, in der Basis durch tiefgründig-warme Erd-Aromen bereichert werden. Sehr schön und edel gemacht. Mir persönlich gefällt jedoch sein großer Bruder "Arrogance Pour Homme" in seiner kompromisslos-männlichen Art etwas mehr. Aber, man muss halt Patchouli mögen ...


20.06.2014 15:34 Uhr
Das Tier im Manne

"Lieber ein Arroganter als gar kein Ganter, sagte die Gans" (Manfred Hinrich).

1.
Was hat jetzt diese Gans ausgerechnet mit dem Duft "Arrogance Pour Homme" aus dem Jahr 1982 zu tun ? Ehrlich gesagt: Gar nichts. Aber -um es sogleich vorweg zu nehmen- dieser Duft hat etwas mit Patchouli zu tun. Wir erinnern uns: Dem aus den Blättern des aus Malaysia stammenden Halbstrauches gewonnenen Öl wird eine geheimnisvolle und erotisierende Wirkung nachgesagt. Es war bereits im 19. Jahrhundert bei den feinen Damen sehr beliebt, da dieser süßliche, erdige und waldig-holzige Ton einem Duft eine exotisch-orientalische Note gibt und ihn geheimnisvoll, verführerisch und rauchig wirken lässt.

2.
Am Anfang müssen wir uns noch etwas gedulden. Das versprochene Patchouli lässt noch auf sich warten. Diese Wartezeit wird uns jedoch versüßt ... Pardon ...
Ganz im Gegenteil: Von "Versüßen" kann beim besten Wille bei einem erfrischend-zitrischen Auftakt mit Zitronen und Bergamotten nicht die Rede sein. Wie es sich für einen Duft aus dieser Zeit gehört sind diese Zitrusfrüchte doch schon von einer gewissen Säure gekennzeichnet. Zwar etwas abgemildert durch ein paar Gewürze im Hintergrund. Aber dennoch: Da steckt schon zu Beginn des Duftverlaufs eine gehörige Portion Kraft dahinter.

Doch dann ist es auch schon da: Das so sehr herbei gesehnte Patchouli. Erdig, tiefgründig und geheimnisvoll macht es sich breit. Ein orientalischer Markt ebenso wie ein feuchter Nadelwald. Eine dunkle Schokolade ebenso wie ein alter Kleiderschrank. Es macht sich breit und nimmt das Zepter des Duftverlaufes in die Hand. Die würzigen Zitrusfrüchte aus der Kopfnote treten in den Hintergrund. Sind aber noch als zarte Begleitung wahrnehmbar. Schön gemacht. Denn es sind jetzt andere, die unser Patchouli auf seiner Reise begleiten: Florale Töne kommen zum Vorschein. Eine Gartennelke im Knopfloch und ein rotes Röschen in der Hand. Dazu von einem zarten Jasmin-Hauch umweht. Ja, es ist eine rote Rose. Wie alles an diesem Duft tritt sie selbstbewusst auf. Nicht überheblich. Nicht arrogant. Einfach nur selbstbewusst. Sie ist nicht orientalisch-geheimnisvoll. Denn diesen Part übernimmt ja bereits das Patchouli. Nein, sie ist einfach eine natürliche, eine selbstbewusste rote Rose. Begleitet von einer würzigen Gartennelke.

In der Basis wird es dann warm. Ich gebe "DuftJunkie" in seinem Kommentar völlig recht: Obwohl Pstchouli bekanntermaßen ein Duft ist, der nur sehr langsam verfliegt, zieht sich in der Basis von "Arrogance Pour Homme" das die Herznote dominierende Patchouli etwas zurück. Es spielt nicht mehr die Hauptrolle. Es fügt sich vielmehr ein in ein Orchester an Düften, die nunmehr die Basisnote bestimmen.

Es wird nun etwas süßer. Konnte man bislang dem erdig-rauchigen Patchouli bestenfalls eine nach dunkler Schokolade duftende herbe Note zuschreiben, so erscheinen jetzt Zimt und Kokosnuss. Keine Angst, es entsteht nicht diese klebrige Süße wie bedauerlicherweise oftmals bei der Verwendung von Kokosnüssen (gerade bei Herrendüften). Vielmehr erscheint es, dass lediglich frische Kokosraspeln von einem Zimthauch umweht werden. Und diese leichte Süße ist auch von Nöten, denn jetzt wird's "tierisch tierisch". Zibet, Moschus und Leder. Die ganze "animalische Palette". Das Zusammenspiel von animalischen Noten und Süße (insbesondere Zimt) erinnert etwas an Maurice Roucel's in Frédéric Malle's "Autoren-Reihe" (18 Jahre später !) erschienenen "Musc Ravageur". Auch dort ergibt sich aus einem Zusammenspiel von animalischen und süßlichen Noten ein geheimnisvoller Reiz. Nur, dass bei "Arrogance Pour Homme" Zimt und Kokosnuss als Element der Süße, hingegen bei "Musc Ravageur" an dieser Stelle Vanille und Tonkabohne Verwendung finden. Aber auch hier muss ich "DuftJunkie" recht geben. Wie so oft. Bei "Arrogance Pour Homme" ist es eine angenehme -nur leicht angedeutete- Süße. Zudem wird's noch mal komplexer. Wir erinnern uns: Das die Kopfnote dominierende Patchouli tritt nunmehr in der Basis zurück, bleibt indes als leicht orientalisch-würziger Hauch von warmer Erde (zudem in Begleitung von leicht rauchigen Benzoe) zurück. Würziges Eichenmoos und grasiger Vétiver verstärken diesen erdig-tiefgründigen Eindruck. Auf dieser warmen Erde tanzen nun die (angedeuteten) süßen und (deutlich präsenten) animalischen Noten ihren geheimnisvoll-männlichen Tanz.

Mein Fazit:
Alles sehr sehr schön gemacht. Sehr komplex. "Arrogance Pour Homme " spielt wunderschön mit dieser Vielzahl verwendeter Zutaten. Diese sind klar herausgearbeitet und ihnen im "Konzert des Duftverlaufs" eine klar definierte Rolle zugewiesen. Man könnte diesem Duft einzig vorwerfen, dass er bestimmt kein Leisetreter für Softies ist. Nun, als "Kind seiner Zeit" musste er das ja auch nicht.


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