Paloneras Parfumblog

03.10.2012
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Das Schloß der Düfte - "das Parfum im Spiegel der Gesellschaft" auf Roche-Jagu

 

Wenn eine eine Reise tut, dann kann sie was erzählen. Führt diese Reise in die nördliche Bretagne, so handeln die Reiseberichte in der Regel von malerischen Fischerdörfern, dicht an den Boden geduckten Häusern aus dicken Steinwänden, schroffen Klippen und malerischen Granitfelsen, von Austernbänken und kilometerlangen Wattwanderungen und dem selbst für gebürtige Franzosen oft unverständlichen Dialekt, den die Einheimischen sprechen: Breiz'h ist als eigenständige Sprache der Bretagne anerkannt und seit einigen Jahren wird an den bretonischen Grundschulen im Rahmen des bilingualen Unterrichts auch Breiz'h gelehrt, Ortsnamen werden offiziell zweisprachig ausgeschildert. So lebten wir für zwei Wochen in einem traumhaften Holzhaus in der Nähe von Paimpol – oder Pempoull, je nachdem.

Als bekennende Parfumista ist frau natürlich stets mit neugierig-weit geöffneten Nüstern unterwegs in der Hoffnung, außer salz- und algenhaltiger Meeresluft, den tausend Blüten opulent bepflanzter Gärten und Straßenränder und dem tiefen, krautigen Feuchtgrün der Wälder auch das eine oder andere einheimische Parfum kennenzulernen, ungekannte Schätze zu heben und die Nische in der Nische zu entdecken. Das ist so abwegig nicht, stammt doch Jean Patou, eine der größten französischen Nasen, aus der Bretagne und auch die Creationen der Nischenmarke Lostmarc'h gelten offiziell als Hommage an diesen wunderbaren, rauh-herzlichen Landstrich.

Zunächst schien es so, als blieben meine diesbezüglichen Sehnsüchte unerfüllt – außer auf einen nicht weiter bemerkenswerten Türkisen in Lannion stieß ich nur noch in der alten Piratenstadt Saint Malo auf einen kleinen Laden von Lostmarc'h, der mein Herz einen kleinen Hüpfer vollführen ließ, doch da es bereits mit eilig trippelnden Schritten auf Ladenschluß zuging und ich mich außerdem meiner schlechten Sprachkenntnisse wegen nicht so recht traute, blieb es bei der im Wortsinne außenstehenden Bewunderung.

Doch bevor ich das Schicksal verfluchen konnte, hielt es mir ein großformatiges Plakat vor die Nase: "Le Parfum – miroir de la société" – das Parfum im Spiegel der Gesellschaft sollte zu besichtigen und hoffentlich auch zu beschnuppern sein im mittelalterlichen Chateau de la Roche-Jagu, das hoch auf einem Felsen oberhalb des Flusses Trieux thront. Ein echtes Schloß als Kulisse edler Düfte und ihrer Geschichte – keine zehn Pferde hätten mich davon abgehalten, mich gleich am nächsten Tag zum Ort des Geschehens zu begeben, doch zum Glück stieß mein Anliegen beim fast schon ebenso duft- wie fotobegeisterten Liebsten auf keinerlei Widerstand.

Die Gartenlandschaft von Le Roche-Jagu gilt als herausragendes Werk zeitgenössischer Landschaftsarchitektur und verbindet auf sehr beeindruckende Weise mittelalterliche und moderne Elemente. In diese besondere Umgebung eingebettet sind bereits außerhalb des Schlosses faszinierende Exponate, die auf die duftende Ausstellung im Inneren hinweisen. So wirken überdimensionierte geflochtene "Parfumflacons" wie von Riesenhand auf dem Rasen vergessen, entschweben einem Duftbrunnen zart parfümierte Schwaden und machen neugierig auf die Schätze, die im märchenhaften Gemäuer auf uns warten.

Vom Erdboden bis hinauf in das ausgebaute Dach begeben wir uns auf eine Reise, die in der Antike beginnt und den Bogen der olfaktorischen Leidenschaften von Griechen, Römern, Pharaonen über die diversen Abschnitte des Mittelalters, durch wasserscheue Zeiten hinein in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart schlägt. Viel Geschichte ist zu erfahren, doch noch mehr kostbare Kleinodien sind zu bewundern in den liebevoll ausgestatteten und mit ebenso viel Phantasie wie Hingabe arrangierten Vitrinen und Ausstellungskästen – nicht nur das Auge schwelgt, auch die Nase hat ihre helle Freude an den Zerstäubervorrichtungen, die das Kennenlernen großartiger Klassiker wie "Jicky" ebenso wie unbekannterer Creationen ermöglichen.

Natürlich stehen die großen französischen Häuser Guerlain, Molinard, Patou und andere im Fokus, doch Seite an Seite finden sich Creationen aus Mainstream und Nische, steht Dior neben Pierre Guillaume mit der Parfumérie Générale und Huitième Art, findet sich Hermès neben L’Artisan Parfumeur.

Wir erfahren bisher Unbekanntes über frühere und moderne Produktionsmethoden, spüren den verästelten Zweigen der Duftfamilien nach und bestaunen die schwebenden "Stammbücher", in denen etwa die diversen Chyprearten in Wort und Duft(beispiel) vorgestellt und erklärt werden. Ich vergesse die Zeit in der Bibliothek, in der ungezählte Bücher zum Thema Parfum zusammengetragen worden sind, und möchte am liebsten in der folgenden Nacht ins Schloß einbrechen, um ganz in Ruhe die Hunderte von Duftstoffen zu erschnuppern, die sich in Reih und Glied in dicht verschlossenen Alubehältern dem Zugriff der Besucher verweigern.

Irgendwann ist die Öffnungszeit um, müssen wir das Schloß und seine Schätze verlassen – bedauernd und zugleich randvoll mit großartigen Eindrücken, die ich hier und jetzt gern mit Euch teilen möchte. Leider lassen sich keine Fotos in den Text einfügen, doch im Album kann man sich gut ein Bild machen.


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