Paloneras Parfumblog

31.05.2018
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Divergent: anders. Nicht artig.

Wer sich über Jahre, Jahrzehnte hinweg mit Düften beschäftigt, sei es als Hobby oder professionell, in jedem Fall mit Leidenschaft, gerät vielleicht unweigerlich früher oder später an einen Punkt, an dem die Nase und das Duftgedächtnis sagen: Das war's, mehr gibt es nicht, alles schon gerochen, war alles schon mal da!

Die Klassiker der großen Häuser sind nicht mehr, wie sie einmal waren, der sogenannte Mainstream zirkuliert mit zahllosen Lancierungen um eine Handvoll Themen und auch die Nische gibt nicht mehr viel Nische her, was sicher manche Nase freut.

Nicht so die meine, die neugierige, nach Neuem gierende, die, der scheinbar immer gleichen Düfte schon ein wenig überdrüssig, nach einer Pause zu verlangen schien, nach Abstand und Vergißerstmal.

Genau zu dieser Zeit erreichte mich ein Päckchen, lang angekündigt und flankiert von eindrucksvollen Worten: "So etwas hast Du noch nicht gerochen – Du wirst sie lieben, Du wirst seh'n!“.

Das klang gut, noch besser fast der Markenname: Divergent – andersartig.

Anders also und nicht artig, wie mir schien.

Acht Creationen, nirgendwo gelistet, ersonnen und realisiert von einem Mann namens Tomaya.

Ich war gespannt und begab mich in den Test mit


Palpat

Welch ein Duft!

Er streichelt, er schmeichelt, liebkost mein Ich, verführt mein Du.

Balsamisch harzig-holzig schmiegt er sich an meine Haut, staubig, pudrig, puderzuckrige Anklänge erinnern an Balenciagas "Cristobal" und das alte, wunderbare "Fenjala".

Herbwürziges Weihrauchharz vermählt sich mit Bienenwachs, bernsteinterracotta ambriert.

Warmer Hautmoschus, nicht sauber, nicht animalisch, doch sehr erotisch, nur vordergründig ein Kuscheltier mit feinen, scharfen Kanten.

Auf wenige Düfte habe ich so viele so deutlich positive Reaktionen männlicher wie weiblicher Umwelt erhalten, nahezu jeder Mensch in meiner Nähe sprach mich auf "Palpat" an.

Dabei ist "Palpat" keineswegs laut, sondern zeichnet sich aus durch eine unaufdringliche Intensität bei spürbarer Aura, die keine Schleppe zieht.

Vom ersten Augenblick an avancierte "Palpat" zu meinem Wunschkandidaten, der irgendwann, so hoffe ich, als Flacon meine Sammlung bereichern wird.


Im tiefen Wald

Der zweite Duft der Serie offenbart ätherische Fichtennadel im Auftakt, nahezu medizinisch bitter-streng, daraus sich entwickelnd Laub- und Nadelwald, viel dunkles Blattgrün, gebrochenes, geschreddertes Gezweig, einzelne kleine Blümchen im Moos.

Nach meiner Empfindung balanciert "Im tiefen Wald" im Fortgang zwischen Barbershop und Chypre, entwickelt bei viel Wärme ordentlich Cumin und erinnert im weiteren Verlauf an Erik Kormanns "Famagusta", bleibt jedoch konsequent dunkelgrün-unsüß und verliert mit der Zeit jede Seifigkeit.


Fruityver

präsentiert mir eine deutliche Feige mit viel Blatt und Holz und sich in der Eröffnung komplett unsüß, herb, beinahe streng.

Sehr früh schon macht sich Rauch bemerkbar, nicht dunkel-stickig freilich – rauchiger Vetiver, so scheint mir, silbergrüngrau, dazu etwas später Kaugummi (Tuberose?) und schwer definierbare Frucht – Mango? Passionsfrucht? Hibiscus?

An kühlen Tagen nehme ich deutlich mehr Feige wahr, nur langsam fruchtig-fleischig, dabei niemals süß.

An warmen Tagen entwickelt sich auf meiner Haut schneller der Eindruck vollreifer, leicht angetrockneter Frucht, Mango-Papaya sind denkbar, mit deutlicher Fruchtsüße, jedoch nicht zuckrig und in der Abstrahlung sehr viel deutlicher wahrnehmbar als nah der Haut.

Ein balsamisch-cremiger Drydown lenkt die Gedanken zu Sandelholz.

Die Sillage ist nicht zu unterschätzen - mein Partner roch mich noch im 1. Stock des Treppenhauses, derweil ich schon vor zehn Minuten aus dem Haus gegangen war.

Ebenso bemerkenswert ist die sehr lange Haltbarkeit, die kennzeichnend ist für fast alle Divergent-Düfte.

"Fruityver" ist für mich ein latenter Kopfschmerzkandidat und sollte vorsichtig dosiert werden.


Metamorph

Sehr authentische Melone (Galiamelone?) in sofortiger Vereinigung mit Rauch und Leder erinnert mich unmittelbar an Frucht-Rauch-Kombinationen wie "Tuscan Leather" und Geschwister.

"Metamorph" ist ein Hinriecher, der unweigerlich auffällt und lange im olfaktorischen Gleichgewicht bleibt, bevor aus zunächst gleichberechtigt nebeneinander stehendem Rauch und Leder rauchiges Leder wird, sehr schwarz, sehr rauh, leicht schmutzig.

Meine Nase findet deutliche Anklänge an Ellen Coveys "Salamanca"; "Metamorph" erscheint ebenso teerig mit Gummiabrieb und verbleibt nach Rückzug der Frucht sehr bitter-dunkel.

Der Duft übersteht zahlreiche Duschen und Haarwäschen bei nur einem Sprühstoß – er wirkt sehr maskulin und ist sehr anhänglich, sollte vorsichtig dosiert und möglichst nicht ins Haar gesprüht werden, da er sich dort über viele Tage hinweg festkrallt.


Ein lächelndes Biest

Harzige Noten und verbranntes Karamell im Auftakt stellen gourmandige Anklänge neben trocken-herbes Holz, die sich jedoch alsbald zurückziehen und die Bühne freigeben für herb-würziges Harz und eine ausgeprägte Animalik, die beinah streng anmuten, gemildert nur von einem Eindruck tropischer Vanille, wie ich sie aus Düften wie "Noir Tropical", "Eau des Missions" etc. kenne.

"Ein lächelndes Biest" wirkt auf mich dunkelrostbraun mit goldenen Schlieren und findet schließlich seine animalisch-harzig-knarzige Mitte, in der es über viele Stunden hinweg ruht.

Für Liebhaber machtvoller Orientalen wie "Youth Dew" und "Cinnabar" ist das Biest ein ultimativer Kennenlern-Kandidat und unbedingt mit Vorsicht zu dosieren: Schon ein einziger Sprüher zieht eine ordentliche Schleppe, das ist insbesondere an warmen Tagen schnell too much.


Gaztelugatxe

Der Duft mit dem unaussprechlichen Namen erinnert mich auf Anhieb überdeutlich an Il Profvmos "Pioggia Salata" und evoziert bei warmer Witterung zusätzlich Impressionen von sonnengewärmtem Holz, winzig kleinen Blümelein, einer kargen Lichtung inmitten großer Steine - all das umweht von ätherischen Noten wie Eukalyptus, Kampher, wasweißich.

Eine deutliche Verwandtschaft findet meine Nase außerdem in "Aria di Mare", ebenfalls von Il Profvmo, und Maria Candida Gentiles "Finisterre".

"Gaztelugatxe" verliert alle Lieblichkeit jedoch innerhalb weniger Stunden und verharrt den Rest der Tragezeit bei Salz und Eukalyptus.

Ich empfinde die Meer-Salz-Felsen-Wald-Attitüde als sehr authentisch; Liebhaber salziger Aquaten werden "Gaztelugatxe" ohne Zweifel mögen.

Über den reinen Dufteindruck hinaus wirkt "Gaztelugatxe" auf mich aromatherapeutisch entspannend, lungenerweiternd und atemvertiefend – ein perfekter Wellness-Duft.


Aufheller

Kandierte Orangen an sonnenwarmem Holz, tiefdunkelgolden, dabei sogleich rauchig, harzig, ledrig auch - ein bißchen "Metamorph" mit Orangen statt Melonen.

Gelegentlich entflammt ein Blitz Neroli, bevor der "Aufheller" eindunkelt mit Anklängen an Birkenteer und Oud wie Sentifiques "Testostérone".

Warmwürzige Orange bleibt stets präsent, vermittelt Licht und Samtigkeit, verhindert eine allzu dichte Schwere – ideal im Herbst, jedoch auch bei moderaten Temperaturen im Frühling tragbar, da "Aufheller" weniger intensiv wirkt als andere Divergents.

Der Drydown zieht für mich deutliche Parallelen zu "Arabi Cana", einer runderen und wärmeren Version der Rauch-an-Frucht-Thematik.


Mantis

Sommerlicher Blätterwald mit viel dunklem Grün und klarer Luft, etwas weiter weg frisch geschlagenes Holz, hier und da ein Waldsee und pudersüße Veilchen in sattem Sonnenglast prägen die ersten Augenblicke.

Nicht viel später erinnern rasierseifige Anklänge an einen Barbershop, klassisch akzentuiert, doch sehr schnell erscheint ein dunkelwürzigholziger Untergrund aus Ambroxan und/oder Birkenteer, wie er mir schon in ähnlicher Form in "Metamorph" und "Aufheller" begegnet ist.

In "Mantis" wird er jedoch je nach Außentemperatur sehr schnell sehr intensiv und schluckt alle sonstigen Noten, wirkt schließlich stechend und synthetisch wie viele aktuelle Herrendüfte.

Das ist schade, ich hätte mir einen längeren Erhalt des Blätterwaldes gewünscht, doch meine Haut ist schon in der Vergangenheit eine besonders intensive Verbindung mit eben diesen Noten eingegangen, worüber ich nicht in jedem Fall sehr glücklich war.

Auch "Mantis" erweist sich insbesondere im Haar als extrem haltbar und übersteht ohne spürbare Verluste mehrere Haarwäschen.


Alle von mir getesteten "Divergent"-Düfte zeigen ein großes Tragbarkeits-Potential und haben meiner Ansicht nach durchaus gute Chancen, sich auf dem Markt zu etablieren – insbesondere "Palpat", mein Einstiegskandidat, hat mich nachhaltig beeindruckt.

Doch auch alle anderen Divergents werden mit Sicherheit ihre Freunde, vielleicht sogar Liebende finden, so sie denn die Chance erhalten, außerhalb eines sehr kleinen und überschaubaren Zirkels be- und erkannt zu werden – daher, lieber Tomaya, hoffe und wünsche ich sehr, daß Du wie einstmals Andy Tauer, Erik Kormann, Annette Neuffer und manche andere hochtalentierte Nase den Mut, die Zeit und alles findest, was sonst dazu gehört, Deine Düfte in die Welt zu senden – denn anders sind sie und nicht artig, dafür durchaus andersartig!


PS: Rotkehlchen, Mamski - vieltausendfachen Dank!


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