Parfümleins Parfumblog

Von Parfumo empfohlener Artikel
29.12.2019
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Winterdüfte: Auf der Flucht vor dem Blues

Ich weiß nicht, wie es Euch geht - bei mir ist der große Winterwechsel in jedem Jahr das Gleiche. Ich genieße den Sommer in vollen Zügen, ich liebe die Wärme, die langen Nächte, die Leichtigkeit, die freien Tage an einem anderen Ort; in diesem Jahr war es bei mir Wales, und ich habe lange gezehrt von den Wanderungen über die grünen Hügel, durchs schroffe Gebirge zu den hochgelegenen Bergseen im Snowdon-Massiv, gezehrt auch von den Spaziergängen durch Bath, von den spätgotischen Kirchen, vom Jane-Austen-getränkten Klima überall.

Dann kommt der Herbst und mit ihm diese weichgezeichneten, goldenen Tage, an denen die Wärme erträglicher wird, an denen ein kühler, frischer Morgen im sonnigen Weinberg verzaubert, Nebel über dem Fluss aufsteigen und ich mich langsam auf den Winter freue. Ich überlege mir stets genau, wie ich den Winter verbringen möchte, mache Pläne, hole lange zur Seite geschobene Projekte wieder hervor und richte mich ein.

Dann ist es soweit: Schlag 1. Dezember beginnt für mich gefühlt der Winter. Ich versuche, die Adventszeit in vollen Zügen zu genießen, indem ich wirklich alles tue, was ich mir als wesentlich für einen beglückenden Dezember vorstelle: Ich schmücke Haus und Garten, versuche, die besten Kirchenkonzerte zu finden, plane das große Fest. Und immer, immer muss ich im Dezember so besonders viel arbeiten, dass ich nur einen Bruchteil meiner Pläne verwirklichen kann. Immer wünsche ich mir, eine Woche frei zu haben. Nach London zu reisen und dort das geschäftige Adventstreiben zu genießen. Nie kann ich es, nie kann ich mir freinehmen. Wenn das Fest dann vorüber ist und ich noch nicht einmal beginne, mich tatsächlich zu erholen, spüre ich erste, feine Anklänge dessen, was ich den Rest des Jahres vergesse: Ich spüre den Winter-Blues.

Wenn ich zum Fest für eine große Menge Gäste gekocht habe, setzt er bereits am zweiten Weihnachtstag oder am Tag danach ein, wenn alle gegen Mittag abreisen und sich plötzlich eine seltsame Stille im Haus breitmacht, die sich über das Küchenchaos, die Berge von Geschenkpapier und das allgemeine Chaos senkt. Wenn ich keine Gäste hatte und wir als Kernfamilie unter uns waren, kann ich diesen Moment noch aufhalten. Dann setzt er ein paar Tage später ein. Aber immer kommt er noch im alten Jahr, wenn der Himmel unbeteiligt grau und gelangweilt wirkt, die Erschöpfung nach der Anstrengung über mich kommt und kein Fest vor mir, sondern alle Feste hinter mir liegen. Der Gedanke an den öden, farblosen Januar und den grausamen, karnevalsgeschwängerten Februar verdirbt mir in Sekundenschnelle die gute Stimmung, die innere Helligkeit, den heiteren Optimismus. Ich flüchte mich in Urlaubspläne oder Ablageberge, die es zu bewältigen gilt. Und frage mich regelmäßig, ob ich wirklich am richtigen Ort bin, ob ich hier alt werden will, ob ich nicht aussteigen sollte aus allem, etwas Neues tun, solange ich noch kann, jedenfalls in diesem Leben. Unmut und Lustlosigkeit allerorten: Das ist der Winterblues.

Nun ist es an der Zeit, der Parfumo-Gemeinde meinen Dank auszusprechen für die vielen, wunderbar interessanten Stunden, die ich seit meinem Eintritt hier verbracht habe, für die netten Gespräche und die vielen Anregungen. Und vor allem dafür, dass mir in Lichtgeschwindigkeit ein neues Universum geöffnet wurde. Ich war reif dafür, davon gehe ich aus. Ich brauchte nach Jahren der intensiven Auseinandersetzung mit einzelnen Fachgebieten dringend ein leichtes Hobby, bei dem ich lesender Weise ständig Neues entdecken konnte und das mich gleichzeitig entspannte. Ich hätte Klavier spielen oder eine Rede für den nächsten friday for future verfassen können. Der Zufall spielte mir jedoch Parfum in die Hände. Zunächst suchte ich nur ein Geschenk für eine Verwandte, stolperte dabei über Penhaligon's "Heartless Helen" und setzte dann zu einem Dauerstolpern an, das mich seitdem jeden Tag erfreut. Meine gesammelten Düfte sind in der letzten Zeit mehr geworden, ich habe vieles Neue kennen- und schätzen gelernt und mich so in der Pflicht gesehen, über die Organisation meiner Düfte nachzudenken. Das haben hier sicher schon sehr viele, wenn nicht alle getan, und sollte es deshalb langweilig werden, bitte ich, einfach an dieser Stelle mit Lesen aufzuhören.

Ich jedenfalls habe meine Düfte nach Jahreszeiten geordnet und dabei auch auf ein quantitatives Gleichgewicht geachtet. Ich lebe sehr gern mit den Jahreszeiten, den Winterblues einmal ausgenommen; vor allem liebe ich die Wahrnehmung der Jahreszeiten in der Natur. Unbedingt möchte ich Düfte haben, die zur Jahreszeit passen und in der Lage sind, meine Gegenwart aufzufangen und widerzuspiegeln. Innerhalb der Jahreszeit teile ich meine Düfte dann noch einmal in Anlässe auf, damit ich nicht immer den gleichen Duft nehme, aber auch nicht vor der Qual der Wahl stehe. Ich habe festliche Düfte, Düfte für die Arbeit, für die City, für die Natur und für Wochenenden zuhause. Die Düfte für den Winter möchte ich Euch kurz vorstellen, in der Hoffnung, dass auch Ihr mir sagt, was Eure Winterdüfte sind.

Düfte für festliche Anlässe:

1. Portraits - Heartless Helen - Ich liebe Tuberose so sehr, und egal, was ich darüber lese, ich kann mich von ihr nicht lösen. Für mich ist ein guter Tuberose-Duft ungefähr so etwas wie ein guter Rotwein: für die festlichen, glitzernden und schimmernden Momente im Leben gemacht, für den großen Auftritt, die lupenreine Eleganz. Die Tuberose in Heartless Helen finde ich für die Situation perfekt.

2. Oud Satin Mood (Eau de Parfum) - Diesen Edelduft konnte ich vor Kurzem hier erwerben und bin noch dabei, seine Facetten kennenzulernen. Ich schätze ihn als überaus elegant und außergewöhnlich und bewahre ihn ebenfalls für die festlichen Anlässe auf. Der Duft für Museumsbesuche, Vernissagen und Konzerte.

3. The Secret Collection - Seta ist als leichter Orientale ein so sinnlicher Duft, dass er für funkelnde Nächte, für Parties genau das Richtige ist. Allein der Flakon ist so atemberaubend schön, dass er nur für die ganz besonderen Momente geschaffen sein kann.

4. Tihota ist für mich als - nun inzwischen bekannter - Vanille-Fan meine Edelvanille geworden, die wunderbar zu einem kuscheligen Diner zu zweit passt.

5. Les Absolus d'Annick Goutal - Vanille Charnelle ist die exquisite Vanille, die Diva unter den Vanilledüften. Harsch wie Marlene Dietrich, schmiegt sie sich nicht an, sondern umgibt ihre Trägerin mit einer hochherrschaftlichen Aura. Perfekt für einen offizielleren Abend, eine Kollegenfeier zum Beispiel.

6. Scandal by Night, der Umstrittene, der Verachtete, der Vielkritisierte - ich liebe ihn ob seiner Verführungskraft. Bevor ich mit ihm andere verführe, hat er schon mich verführt und aus mir ein Wesen des Gefallens gemacht.

7. Akkad, mein Neuer. Der Duft für die sakralen Momente im Leben, für den Besuch einer großen gotischen Kathedrale in der fahlen Wintersonne, für einen verschneiten Donjon oder auch für eine Stunde der Achtsamkeit.

So viele Düfte für die Feste im Leben. Das ist Parfum: das Leben festlicher gestalten, nach den besonderen Momenten suchen, sie ins eigene Leben einplanen, um die besonderen Parfums benutzen zu können. Insofern hat Parfum beinahe etwas Heilendes, Bewahrendes: Es ist Duft gewordene Achtsamkeit, indem es uns dazu bringt, unser Leben bewusster zu leben.

Düfte für die Natur:

In der Natur benutze ich im Winter nur einen Duft: Aura Pink Magnolia. Ich assoziiere ihn ganz deutlich mit Schnee, ich weiß nicht, warum, doch ich weiß, dass einige Benutzer ihn ähnlich wie ich dem Winter zugeordnet haben. Der feine Blütenduft ist so dermaßen rein und klar, dass man Eiskristalle vor sich sieht. Er gehört für mich untrennbar zu einem winterlichen Wald.

Düfte für die Arbeit:

In der Arbeit muss ich gleichermaßen auf Kollegen wie auf meine Klientel achten: Niemanden will ich durch eine Monster-Sillage (dieses wunderbare Wort habe ich hier bei Euch kennengelernt :-)) vergraulen. Ich wähle zaghafte, zurückhaltende Düfte, für jeden Arbeitstag einen:

1. Night Sky White ist ein Geschenk einer liebenswerten Parfuma an mich, und so liebenswert ist auch dieser kleine, unauffällige Duft - ein zarter Hauch von Nichts, der nur mich angenehm diskret einhüllt. Beinahe wäre er weiterverschenkt worden, ist dann aber doch bei mir geblieben.

2. Auch beim Arbeiten nach Vanille duften zu können, finde ich sehr schön. Vanille Extrême (Eau de Toilette) ist harmlos und süß und macht gute Laune. Gedanken an Plätzchenbacken, Weihnachtsmarktbesuche und ähnliche Assoziationen entspannen sofort.

3. Ein weiterer Gourmand für die Arbeit ist Vanille de La Réunion / Vanille Bourbon, der, ähnlich wie Lait de Biscuit und Salt Caramel unnachahmlich köstlich nach Popcorn und gebrannten Mandeln riecht.

4. Wild Cherry habe ich noch nicht, doch ich erinnere ihn als zarten, unaufdringlichen Kirschduft, den ich deshalb schon jetzt zum Winter-Arbeitsduft auserkoren habe. Ich kann nicht erwarten, dass er für das Sharing hier ankommt. Ohne anderen zu nahe zu treten, zaubert er mir ein Lächeln aufs Gesicht.

5. Der letzte Duft für die Arbeit ist Signorina Misteriosa, ein sanfter, zurückhaltender Tuberosenduft, mit dem ich mir eine kleine Freude der Festlichkeit in der Arbeit gönnen kann, ohne damit aufzufallen - wenn ich denn nur einen Sprühstoß nehme. Er erinnert mich stets daran, dass ich später am Tag einen freien Abend vor mir habe, und säuselt mir Verheißungen ins Ohr.

Düfte für die Stadt:

Ist ein Stadtbummel angesagt, darf ich aus dem Vollen schöpfen und mit einer Monster-Sillage auftreten, finde ich. Wenn ich schon die meiste Zeit so durch die Arbeit gebremst werde, möchte ich in der Stadt nicht auch noch Rücksicht nehmen. Warum auch? Hier ist alles so flüchtig, man begegnet Fremden, zieht an ihnen vorüber, durchschweift Geschäfte und hinterlässt nur für eine Sekunde einen Hauch von Duft. Warum also nicht einen geliebten, aber intensiven Duft? Meine beiden City-Favoriten sind Un bois vanille und Tonka und beide sprechen für sich von meiner großen Vorliebe für diese Duftrichtungen. Sie tragen mich notfalls durch einen ganzen Tag in der Stadt und ich fühle mich nie, als habe ich mich vernachlässigt, sondern dufte lange und gut und signalisiere mir so Respekt vor mir selbst - die richtige Stimmung für einen genussvollen Tag in der Stadt.

Cocooning-Düfte:

Schließlich bleiben die kuscheligen Wochenenden zuhause, die Wochenenden, an denen ich arbeite, relaxe, Erledigungen verrichte oder Freunde einlade: Für diese Entspannung liebe ich die Gourmanddüfte. Sie versüßen jeden Moment und sind gleichzeitig so intim, verraten so viel über mein Harmoniebedürfnis, dass ich sie am liebsten in der Privatheit meines Zuhauses benutze. Es sind vier an der Zahl:

1. Dolce Acqua - mein absoluter Gourmand-Favorit und überhaupt einer meiner allerliebsten Düfte. Mandel und nichts als Mandel. Intensiv, unendlich lange wahrnehmbar.

2. Nerocacao, über den ich heute schrieb: wohlig-warmer Schokoladengenuss. Wahrscheinlich der beste Seelentröster in Duftform.

3. Replica - By the Fireplace. Die Kuschel-Kamin-Vanille, die in jedem Moment an den Abend denken lässt, an prasselndes Feuer und Kerzenlicht. Etwas, worauf man sich freuen kann - dies zu vermitteln, ist eine Stärke dieses Duftes.

4. Salt Caramel - wie oben schon gesagt: köstlich gourmandig, kuschelig, für das innere Kind, das sich mit einem gemütlichen Buch auf dem Sofa lümmelt. Kindheitserinnerungen an Weihnachtsmarkt und Kirmes befrieden die Seele und schaffen so ein inneres Gleichgewicht.

Insgesamt, so meine Schlussfolgerung aus der Beobachtung meiner Winterdüfte, sind unglaublich viele Düfte in der Lage, unglaublich positiv auf die eigene Stimmung zu wirken. Sie nehmen positive Schwingungen auf, die als einzelne goldene Fäden im Dickicht der Seele / zwischen den Bergen von Arbeit / am grauen Himmel erscheinen, und flechten sie zu einem goldenen Band zusammen, das stark genug ist, den Moment in ein warmes, weiches Licht zu tauchen und Glück zu schenken. Düfte lösen keine Probleme, soviel denke ich mir. Aber ich bin überzeugt, sie können helfen, dem Winterblues, wenn er denn einmal vorbeikommt, was er ja zum Glück nicht ständig macht, ein paar Meter auszuweichen und heimlich, still und leise an ihm vorbeizuschleichen. Das wünsche ich uns allen. Und ich bin, um dies zu wiederholen, sehr gespannt, wie Eure Gedanken zu Winterdüften sind. Euch allen liebe Grüße, Euer Parfümlein

P.S. Ab und zu werde ich demnächst den ein oder anderen der hier vorgestellten Düfte kommentieren, was ich bisher nur für die Vanilledüfte getan habe. Und wenn Euch das mit den Jahreszeiten gefällt, melde ich mich vielleicht im Frühling wieder!




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