ParfumoBlog Neues & Interessantes aus der Welt der Parfums - Parfumo Blog

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Der kultige Nischenduft Gravel A Man’s Cologne ist seit November wieder erhältlich. Wir haben Christian Blessing, der die Marke im Sinne des ursprünglichen Inhabers weiterführt, ein paar Fragen gestellt.


Wie bist du zum Thema Parfum gekommen?

Wahrscheinlich so wie die meisten Leute. Ich habe es bei meinen Eltern gesehen und dann angefangen, selbst Parfum zu tragen. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass ich schon sehr früh angefangen habe, Parfum zu verwenden und es einfach großartig fand, verschiedene Düfte zu riechen. Ich hatte auch schon immer Gerüche in der Nase, wenn ich mich an Menschen erinnere und rieche gerne an den Düften, um mich zu erinnern.

Was bedeutet ein Parfum für dich?

Düfte können aus meiner Sicht durchaus als Spiegelbild des Charakters gesehen werden, oder zumindest zeigen, wie die Menschen sich gerne darstellen möchten. Oft sieht man jemanden aus der Ferne und weiß eigentlich schon genau, welche Art von Parfum diese Person trägt. Das verrät eine Menge über Charaktere und macht aus meiner Sicht auch einen großen Teil der Faszination Parfum aus.

Wie kommst du dann dazu, ausgerechnet ein Parfum von 1957 zu benutzen?

Als mir Gravel A Man’s Cologne zum ersten Mal in einer kleinen Parfumerie vorgestellt wurde, hatte ich nach etwas Klassischem gefragt, etwas das nicht jeder trägt, also ein Nischenduft. Bei Gravel bin ich dann sofort hängen geblieben.

Der Duft war wirklich einzigartig, schwer und würzig und dennoch weich genug, dass ich ihn als Student tragen konnte. Ich kannte nichts Vergleichbares und es hat sich sehr stark vom Einerlei der Düfte abgehoben, die dem Zeitgeist hinterherlaufen. Klassisch, jedoch ohne antiquiert zu wirken, vielleicht am besten mit dem Wort zeitlos beschrieben - das war auf Anhieb genau mein Duft.

Zudem gefiel mir die Gestaltung: einerseits das klassische schwarzweiße Etikett, unaufdringlich und klar, dazu in krassem Gegensatz der goldene Deckel. Das „besondere Etwas“ wurde dem Ganzen durch die Kieselsteine (engl. Gravel) im Flakon verliehen, das war schon außergewöhnlich.

Duft, Design und Name waren so stimmig und rund, dass ich sofort Fan wurde. Damals hatte ich aber noch keine Ahnung von der Geschichte hinter dem Duft.



Das Parfum verschwand dann vom Markt, wieso?

Michael B. Knudsen, der Schöpfer von Gravel, hatte das Parfum 1957 in New York entwickelt. Er hat es sein ganzes Leben lang hergestellt, bis zu seinem Tod im Alter von 98 Jahren. Es war also seine Leidenschaft und er hat sein ganzes Herzblut in die Herstellung gesteckt. Seine Erben wollten den Duft weiterhin produzieren, waren aber auch schon in fortgeschrittenem Alter. Alle Angebote, die Marke zu veräußern, wurden aber stets abgelehnt, da sie nicht an einen großen Hersteller verkaufen wollten. Der Wunsch, dass die Marke im Sinne des Gründers weitergeführt wird, stand im Vordergrund. Daher wurde die Produktion eingestellt und Liebhaber haben sich noch einige Jahre mit Restbeständen versorgen können. In Europa war der Duft einfach nicht mehr erhältlich.

Du hast Jahre später angefangen zu recherchieren, was aus der Marke geworden ist. Was hat dich so an Gravel fasziniert?

Im ersten Schritt fand ich es einfach schade, dass ich es nicht mehr kaufen konnte. Ich hatte noch ein paar Flaschen bei Online-Marktplätzen kaufen können, übrigens zu astronomischen Preisen, aber irgendwann war einfach Schluss. Durch Zufall habe ich dann mit jemandem gesprochen, der Michael Knudsen tatsächlich kennengelernt hatte und der auch Liebhaber dieses Duftes ist. Er erzählte mir, warum Gravel nicht mehr erhältlich war.

Mir ging das Thema dann nicht mehr aus dem Kopf. Der Name, der Duft und die Gestaltung sind so besonders, das kann man doch nicht einfach dem Vergessen preisgeben, dachte ich mir. Da begann ich online zu recherchieren und fand immer mehr über die Marke heraus. Die Geschichte hinter Gravel ist wirklich faszinierend.

Abgesehen davon, wie lange es das Parfum schon gibt, gilt es als Mitbegründer der Nischenparfums. Knudsen legte einen so starken Fokus auf Qualität, dass der Herstellungspreis zu hoch war, um das Parfum damals klassisch vermarkten zu können. Aus der Not heraus war Gravel einer der ersten Düfte, der nur an ausgewählte Boutiquen in den USA und im Direktvertrieb verkauft wurde. Im Grunde genau wie heute.

Als Michael Knudsen Gravel 1957 auf den Markt brachte, war es für Männer in den USA gänzlich unüblich, Parfum zu tragen. Ich habe oft gelesen, dass es wohl zu einem guten Teil sein Verdienst ist, dass Herrenparfums in den USA erfolgreich wurden. Er war jahrelang im Showbusiness aktiv und kannte viele Entertainer und Prominente, die zu seinem Kundenkreis zählten. Daher wurde Gravel Ende der 50er Anfang der 60er-Jahre oft in den Medien vorgestellt. Dies hat wohl einen großen Beitrag geleistet. Das fand ich sehr spannend.


Was geschah dann?

Ich trat an die Rechteinhaber heran und fragte, ob es Interesse gäbe, die Marke zu verkaufen. Das Interesse hielt sich aber stark in Grenzen (lacht).

Die Antwort war, dass es sich hierbei um ein Stück amerikanische Parfumgeschichte handle und man nach wie vor nicht verkaufen wolle.

In den nächsten 12 Monaten habe ich es dann zu meinem Hobby gemacht, ca. einmal wöchentlich anzurufen und wieder nachzufragen. Es ging vor allem darum, dass die Marke im Sinne Knudsen weitergeführt wird, also als Familienbetrieb nicht als Teil einer großen Maschinerie, die in erster Linie auf den Profit achtet.

Von der Idee, Gravel wieder auf den Markt zu bringen bis zu dem Punkt, an dem die Marke an uns überging, hat es letztendlich fast 2 Jahre gedauert.

Was war dir besonders wichtig, als ihr die Marke gekauft habt?

Gravel A Man’s Cologne so fortzuführen, dass die Werte, sozusagen die DNA, unangetastet bleiben. Das gilt vorrangig für den Duft, aber auch für die Gestaltung und den Markenauftritt. Es ist einer der ersten Nischendüfte und soll auch einer bleiben. Ich finde es schade, wenn man von einer Marke 15 Düfte hat und sie dadurch beliebig wird. Die Geschichte hinter dem Duft verpflichtet und das Profil von Gravel soll nicht aufgeweicht werden.

Gibt es Dinge, die du anders machst als Michael Knudsen 1957?

Die Zeit ist natürlich nicht stehengeblieben, erst recht nicht in der Parfumbranche. Die Ansprüche in Bezug auf Packaging, Materialien und Präsentation sind gestiegen. Da ist Gravel auch keine Ausnahme. Man kann Gravel nun sehen, riechen und anfassen, man hat ein echtes haptisches Erlebnis. Die verwendeten Materialen werden dem Duft in Sachen Qualität und Liebe zum Detail noch besser gerecht.

Was sind die Pläne mit Gravel?

Gravel Cologne ist nun seit November wieder erhältlich. Online in unserem Shop und in ausgewählten Parfümerien. Wir hoffen, dass die Leute unsere Begeisterung für den Duft und die Geschichte dahinter teilen und genauso viel Spaß an Gravel haben wie wir!

Unter allen Usern, die auf diesen Artikeln bis zum 09. Dezember 2018 um 23.59 Uhr geantwortet haben, verlosen wir 3 Flakons von Gravel!

138 Antworten
Vor 14 Monaten
34 Auszeichnungen

Gammon - eine Kultmarke, die in den 80er- und frühen 90er-Jahren sehr populär war. Der Slogan „Mit diesem Duft kann dir alles passieren“ dürfte noch vielen bekannt sein. Nun erlebt die Marke ihr Revival!
Wir haben Zhong Xiao, dem kreativen Kopf hinter dem Projekt, ein paar Fragen gestellt.

Wie hat es dich in die Welt der Düfte verschlagen?

Über 3 Jahre ist das inzwischen her. Ich hatte mich damals eigentlich nie intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich war eher der normale Konsument und absolut kein Experte. Mir ging es wie den meisten: Man geht ohne Ahnung in eine Parfümerie und wird regelrecht erschlagen. Es gibt Regale voller Düfte und man ist eigentlich völlig überfordert. Also lässt man sich bequatschen und kauft einen Duft, der einem spontan gut gefällt.

Wenn ich mich für ein Parfum entschieden hatte, war das nie eine bewusste Entscheidung, eher zufällig und spontan. Ich konnte zu dieser Zeit auch gar nicht so viel wahrnehmen von den einzelnen Düften. Übrigens gibt es auch Studien die belegen sollen, dass Männer Gerüche gar nicht so sensibel und facettenreich wahrnehmen, wie Frauen das können. Man(n) kann es aber antrainieren, das habe ich in den Jahren gemerkt. Inzwischen nehme ich die Parfums ganz anders wahr.

Auf jeden Fall war ich damals nicht Teil dieser Parfumwelt. Ich glaube, dass es heutzutage immer noch nicht einfach für Männer ist, in diese Welt hineinzukommen. Alles ist superkomplex, bunt, laut und auch sehr feminin, wie ich finde. Es gibt viele Flakons aus Glas, viel Bling-Bling und nichts ist wirklich simpel und puristisch. Ich finde es sehr schade, wie eine so emotionale und schöne Sache in eine so komische Richtung geht. Wenn ich den Markt neu erfinden müsste, würde ich es genau so nicht machen. Ich würde es so machen wie Gammon.

Kann ein Parfum mehr, als einen nur nett riechen zu lassen?

Ja, absolut! Die stärkste Wirkung, die Parfum hat, sind Assoziationen und Emotionen. Man riecht einen Duft und es versetzt einen in eine andere Zeit und Welt. Das ist eine Power, die kein anderes Produkt erreichen kann. Es ist einfach die naheliegende Verbindung zum Gehirn. Darum finde ich es wichtig, dass Parfum mehr ist, als einfach nur nett zu riechen. Man muss durch den Duft beflügelt werden. Hinter ihm muss ein Statement stehen, eine Welt, eine Story mit Sinn und Zweck dahinter!

Gammon war vor langer Zeit sehr populär, ist dann aber in Vergessenheit geraten. Was fasziniert dich so an der Marke?

Am Ende ist es pure Emotion. Ich habe aber auch einen sehr persönlichen Bezug zu Gammon. Als ich damals mit 8 Jahren nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Um in die Sprache hineinzufinden, hatte ich damals oft Fernsehen geschaut, vor allem Zeichentrickfilme. Ich bin ein sehr audio-visuell-getriebener Mensch. Für mich sind Sound und Bild viel stärker als Worte - und Duft ist nochmal viel stärker als Sound und Bild! „Mit diesem Duft kann dir alles passieren!“, das ist mir damals hängen geblieben. Gammon hatte immer diese gleiche einprägsame Musik, zeigte zwar unterschiedliche Welten, wirkte aber trotzdem konsistent und konsequent. Das hat mich fasziniert. Diese Marke wollte ich wieder aufleben lassen!

Heißt Gammon nicht „Schinken“?

(Lacht) Ja, eigentlich ungünstig in der digitalen Welt, wenn man z.B. danach googelt. Tatsächlich weiß niemand so genau, warum man damals den Begriff „Gammon“ genommen hat. Es gibt aber ein Gerücht, dass der damalige Erfinder der Marke wohl ein großer Backgammon-Fan war. Ich finde eine Marke muss primär stark klingen. Gammon - das klingt maskulin und entschieden!

Die neuen Parfums tragen den Zusatz „Eau de Performance“ im Namen. Was ist ein „Eau de Performance“?

Ein Duft muss dich motivieren, etwas zu erreichen, bereit zu sein für alles. Für mich war es schon immer wichtig, dass ein Duft die gewisse Power hat. Man baut auch die Beziehung zu einem Duft auf, indem man von anderen Menschen Zustimmung bekommt. Ich habe das selber erlebt. „Du riechst total super“, besser geht es nicht! Diese zwei Elemente, Power und positive Signale aus deiner Umgebung, das sind für mich die beiden Faktoren, die Gammon perfekt unterstreichen. „Eau de Performance“ fasst es einfach gut zusammen. Es ist dieser Kontrast aus Emotionen und Performance, der geschaffen werden soll.

Warum gibt es vier Düfte?

Die meisten Menschen haben statt olfaktorischen Erlebnissen viel mehr in Richtung „Geschmack“ erfahren. Man hat z. B. viele Früchte schon einmal gegessen, aber kaum intensiv gerochen. Deswegen finde ich es wichtig, dass bei den Düften eher diese Aspekte eine große Rolle spielen. Sie riechen dadurch nicht so synthetisch oder fremd, sondern einfach lecker. Außerdem verleiht man ihnen so einen Wiedererkennungswert.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und es ist unmöglich, jeden zu treffen. Es gibt inzwischen unzählige Parfums. Aber eigentlich sind es gar nicht so viele Duftrichtungen. Am Ende habe ich analysiert, was für Männer überhaupt in Frage kommt. Dazu habe ich die 100 Bestseller-Düfte analysiert und es kamen dabei dann die vier Richtungen Fougère, Oriental, Woody und Citrus heraus. Man hätte vielleicht sogar Woody herausnehmen können, weil heutzutage alles irgendwie holzig ist. Auch Citrus findet man eigentlich überall, gerade Bergamotte ist sehr präsent.

Für mich war letztendlich die Überlegung: Was ist die minimalste Menge an Duft, mit der man so viele Emotionen wie möglich abdecken kann?

Klar war, dass es jeweils ein Duft für den Tag, für die Nacht und für den Sport sein muss. Der vierte Duft war am Anfang etwas schwierig zu definieren.

Es gibt Tage, da wacht man auf und hat keinen Bock, der „Nice Guy“ zu sein. Man will einfach nur sein Ding machen. Dazu braucht man einen Duft wie eine Lederjacke. Das musste einfach in der Kollektion sein, sonst ist alles zu rund. So ist es schließlich zu den vier Düften gekommen. Für mich ist die Vier eine sehr „komplette“ Zahl.

Es ist nicht immer leicht zu erklären, was genau die vier Düfte sind. Wenn man es Männern erklären muss, ist es noch komplizierter. Frauen können wenigstens etwas mit den Assoziationen anfangen. Gammon soll wie eine Garderobe sein - mit den vier Must-Haves, die jeder Mann haben sollte und fast jeder Mann auch hat. Die Düfte heißen zwar 1, 2, 3 und 4, aber jeder hat einen Subtitle.

Ein T-Shirt (1 - The Black Tee) hat jeder, es ist super vielseitig, kann sportlich sein, aber auch elegant.

Dann gibt es den Anzug (2 - The Black Suit), der Klassiker für besondere Anlässe, der immer gut aussieht, vor allem wenn er gut sitzt.

Die Lederjacke (3 - The Leather Jacket) hat vielleicht nicht jeder, aber jeder Mann fühlt sich sicher manchmal danach, etwas unkonventionell zu sein.

Nummer 4 ist der Kapuzenpullover (4 - The Black Hoodie), der super angenehm ist, den man schön zum oder nach dem Sport tragen kann.

Welchen der 4 Düfte würdest du mit auf eine einsame Insel mitnehmen?

Das ist wirklich schwierig. Bei den eigenen „Kindern“ gibt es nun mal keinen Liebling. Das ändert sich auch von Monat zu Monat bei mir. Ich glaube ich würde aber zu 60% die Nummer 1 mitnehmen, denn die geht immer. The Black Tee sagt genau das aus, wofür der Duft steht.

Was hat dich inspiriert, diesen Flakon zu kreieren?

Tatsächlich gab es eigentlich keine Inspiration. Ich wollte einfach etwas, das Purismus und Minimalismus verkörpert - genau der Gegenkontrast zu dem, was es schon gibt. Alles wird derzeit immer bunter und pompöser. Wenn man diese Flakons dann in der Hand hält, ist man oft enttäuscht, weil alles nur Show ist, künstlich und aus Plastik. Dazu möchte ich einen Gegentrend schaffen. Etwas, das minimalistischer kaum sein kann, aber trotzdem nicht langweilig oder unedel wirkt. Außerdem soll es nachhaltig und mobil sein und einen lange begleiten.


Ich hatte immer diesen schwarzen Zylinder vor Augen gehabt. Rund ist einfach die perfekte Form. Es wirkt ästhetisch und harmonisch. Das Verhältnis zwischen Länge und Breite ist auch sehr wichtig. Da der Zylinder schlank ist, wirkt er elegant und trotzdem maskulin. Wenn er gestaucht wäre, wäre er zwar maskuliner, aber nicht so elegant. Diese Brücke zu schlagen zwischen Eleganz und Maskulinität, das liegt sehr in den Proportionen und ist gut gelungen, wie ich finde.

Wenn man den Flakon in der Hand hat, muss er sich auch wertig anfühlen und nicht wie ein Wegwerfprodukt. Ein spezielles Aluminum, das man z. B. auch von Macbooks kennt, ist dafür perfekt. Dieses spezielle Material gab es bisher in der Branche noch nicht und war gar nicht so einfach zu finden. Auch die Verarbeitung ist sehr aufwändig.

Ab wann kann man eigentlich sagen, dass ein Duft „fertig“ ist?

Eine sehr gute Frage, die leicht zu beantworten ist: Niemals! Es geht immer irgendwie besser. Es ist auch nicht unbedingt objektiv besser. Man entwickelt sich immer weiter, riecht etwas für mehrere Wochen, ist irgendwann „satt“ und dann geht es trotzdem wieder weiter. Wir hatten bei den Düften über 100 Änderungen. Dabei ging es teilweise nur um Nuancen. Am Ende konnten sicher nur noch eine Handvoll Menschen die einzelnen Varianten auseinanderhalten. Irgendwann muss man natürlich auf den Markt kommen. Ich denke, dass aus den 4 Düften letztendlich genau das geworden ist, was aus ihnen werden sollte. Der Prozess „Duft und Gammon“ ist aber nie abgeschlossen. Da geht es immer weiter!

Unter allen Antworten auf diesen Beitrag verlosen wir zehn Tester-Sets!
Antwortet bis zum 21. Oktober 2018 um 23:59 Uhr und ihr nehmt teil.

107 Antworten
Vor 16 Monaten
56 Auszeichnungen

Profis schauen anders auf Parfums als Laien, also die Parfumblogosphere oder wir hier auf Parfumo. Werden Parfumeurinnen und Parfumeure in einem Interview gefragt: wer inspiriert dich? Was sind für dich die großen Namen, die die Parfumerie prägten bzw. prägen und weiter bringen? Zum einen werden dann viele genannt, die auch unter Laien hoch im Kurs stehen, von deren Stil sich alle ein Bild machen können. Und dann gibt es da die anderen, deren Namen regelmäßig fallen. Alberto Morillas. Annick Ménardo. Olivier Cresp. Als Gesprächspartner nickt man dann bedächtig, um Kennerschaft zu suggerieren. Ohne wirklich eine Meinung zu haben. Sicher, dass Cresps Light Blue extrem sauber komponiert wurde und wegweisend war, ist auch für Laien zu erkennen – ob das Parfum nun gefällt oder nicht. Aber sein Stil? Was macht ihn aus, warum ist er so bedeutsam? Dafür hat Olivier Cresp zu viele Auftragsarbeiten angenommen mit begrenztem Budget, begrenzter Zeit oder begrenzter stilistischer Freiheit. Annick Ménardo und Alberto Morillas genauso. Leider scheint Frédéric Malle nie angerufen zu haben. Thorsten Biehl auch nicht. Profis kennen aus eigener Erfahrung besagte Grenzen bei Auftragsarbeiten – und können deshalb das Schaffen dieser Hidden Champions gut einschätzen. Wir Laien eher nicht.

Auch in diese Kategorie fiel Michel Almairac. Natürlich, großartige Parfums kommen von ihm: Zino, Rush, Gucci pour Homme. Aber schon bei so bedeutenden Düften wie Sculpture Homme oder Joop! Homme stellt sich die Frage: war das Budget für die Rohstoffe schon aufgebraucht oder warum riechen die jeweiligen Blütennoten so arg künstlich? Was bei Sculpture Homme z. B. möglich gewesen wäre, zeigt Francis Kurkdjian mit seiner offensichtlichen Hommage an diesen Duft APOM pour homme.

Seit 2016 jedoch gibt es die Chance, Düfte Almairacs kennen zu lernen, die ohne Einschränkungen bezüglich Budget, Zeit und stilistischer Freiheit entstanden sind: mit der Marke Parle Moi de Parfum - geboren aus der Idee seines Sohnes Benjamin, Vater Michel die Möglichkeit zu geben, die Parfums zu machen, von denen er schon immer geträumt hat. Zum Konzept gehört auch, dass man hinter die Kulissen der Parfumeurskunst blicken kann: im Showroom im Pariser Marais kann man einem jungen Parfumeur über die Schulter schauen, wie er neue Ideen Michel Almairacs zusammenmischt, aus denen vielleicht einmal ein weiterer Duft der Marke entsteht. Bisher sind 10 Parfums veröffentlicht. Hinter jedem Namen steht eine Nummer, die die Anzahl der Mischversuche von der ersten Idee bis zum fertigen Duft angibt.

Und was zeichnet nun Michel Almairac aus? Mark Buxton sagte im Parfumointerview in geradezu religiöser Verklärung: „Michel Almairac ist DER große Jazzer! Der absolute Jazzer der Parfumerie. Originell, perfekt, kurze Formeln.“ Er selbst sieht sich als Rock’n Roller und so könnte es sein, dass er bei Jazz nicht an Improvisation, Blue Notes, Offbeat denkt, sondern an die Atmosphäre in einem verrauchten Jazzclub. Aus Sicht eines Rock’n Rollers ist Jazz vermutlich vor allem: cool und lässig. Birth of the cool, irgendwie. Und das ist eine Beschreibung, die unbedingt auf Parle Moi de Parfum zutrifft. Es sind die Werke von jemandem, der nichts mehr beweisen muss. Souverän, mit ruhiger Hand skizziert er coole Akkorde. Die Parfums mit ihrer leisen, unspektakulären Art gehen bestimmt komplett unter in der Hektik einer Großstadtparfümerie – und ein Parfumoprobenpaket mit seinem Seriendurchtesten würde ihnen einfach nicht gerecht werden. Stattdessen: Zeit. Muße. Sich einlassen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Woody Perfecto/107, ein Vetiverduft. Parallel getestet mit anderen Parfums fiel er zunächst ziemlich durch als gewöhnlicher Vetiverduft. Und das soll gar nicht revidiert werden; das IST ein gewöhnlicher Vetiverduft. Aber beim längeren Tragen kommt sanft und leise immer eine andere Facette um die Ecke. Besonders augenfällig ist, wie mit der Textur gespielt wird – zunächst glatt, später samtig werdend und weich auslaufend. Die helle Vetiverqualität (da grün und süßholzig vermutlich auch das inzwischen seltener eingesetzte Vetiverylacetat) wurde mit Elemi verblendet. Damit werden die zitrischen Aspekte verstärkt und die Basis um Leder ergänzt. Etwas Cashmeran scheint die Basis abzurunden und wurde so gefühlvoll eingesetzt, dass zu befürchtende Assoziationen karamellisierter Holzkohle u.ä. ausbleiben. Stattdessen steuert es nur zum Spiel mit der Textur bei.

Eine supersaftige, aber überhaupt nicht spitze Zitronennote prägt den Start des Cedar Woodpecker/10. Diese hält lange durch, selbst der Basis wird damit noch Frische verliehen. Diese saure Frische setzt den Kontrast zur duftbestimmenden, warmen Zeder. Iris gibt Weichheit, aber dabei wird das Parfum nicht zu staubig-pudrig (vermutlich dank der saftigen Zitrone). Man sollte meinen, dass eine Kombination so weniger, altbekannter Noten nicht Neues sein kann. Nichtsdestotrotz wirkt es neu und unverbraucht und – obwohl kaum Duftverlauf – wird es nie langweilig, am Handgelenk zu schnuppern. Bei aller Coolness ein fröhliches, energiespendendes Parfum.

Totally White/126 ist eine Ode an die olfaktorische Gruppe der „anisigen Blüten“: Parfumerie ist keine Botanik und so werden Pflanzen auch nicht nach biologischer Verwandtschaft kategorisiert, sondern olfaktorischer Nähe (meist sind die wichtigsten Duftstoffe die gleichen und nur einige Nebenbestandteile definieren die Unterschiede). Die „anisigen Blüten“ („Anise Flowers“) umfassen Flieder, Weißdorn, Blauregen, Heliotrop. Und alle diese Blüten finden sich in Totally White/126 wieder, ergänzt um etwas Pfeifenstrauch (so genannter Bauernjasmin) und Moschus, um die Haltbarkeit zu erhöhen und etwas mehr Textur zu geben. Was klingt wie eine Fingerübung in der Parfumeursausbildung ist ein originelles Parfum, das mit unseren Duftgewohnheiten spielt: der üppige Fliederstart wirkt altmodisch, aber der Glanz und die Transparenz sind sehr modern und gegenwärtig. Und gerade die Kombination helle Blüten mit sauberem, pudrigem Moschus hat fast etwas Mädchenhaftes. So lässt sich der Duft keiner Generation zuordnen. Wenn sich der Flieder zurückzieht, erinnert Totally White/126 stark an L’Eau d’Hiver, was vielleicht sogar Absicht, sicher aber kein Zufall ist: Besagter Ellenaduft ist eine Hommage an Après L’Ondée, greift dessen kompositorische Idee auf und befreit sie von allem anderen Rezepturnebenlinien. Zurück bleibt bei L’Eau d’Hiver nur die Kernidee und die ist ebenfalls „anisige Blüten“.

Sehr ähnlich spielt auch Chypre Mojo/45 mit unserer alt/jung-Erwartungshaltung: zum 100jährigen Jubiläum von Chypre de Coty bringt Michel Almairac ein Chypre heraus. Und was für eins: Eichenmoos-Regulierung hin oder her, das ist ein Chypre wie aus dem Lehrbuch - die bittere Chyprekante, Chyprebogen, eine gewürzte, kräftige Blüte im Herzen (hier Nelke), dunkles Patchouli in der Basis. Zum Start ist sogar kurz ein rauer Pfirsichhauch zu riechen à la Mitsuoko, der aber sehr schnell in einem tropischen Obstsalat aufgeht (in der Pyramide ist passend Mango angegeben). Diese Tropenfrucht versetzt nun auch andere Noten in die Karibik, die da gar nicht hingehören: die Nelke aus europäischen Vorgärten wirkt fast wie tropische Ylang-Ylang, die klassische, seit 100 Jahren so bekannte Patchoulibasis erinnert an einen modernen Fruitchouli. Charmanter Brückenschlag.

Tomboy Neroli/65 startet wie ein klassisches Eau de Cologne – viel Neroli, dessen zitrische und grüne Facetten mit spritzigem Zitrus bzw. grünen Kräutern betont werden. Im Verlauf wird das Parfum orangenblütig üppiger und süßer und klingt auf einer ambrierten Basis aus.

Eine spritzige, saure Himbeere markiert den Start von Une Tonne de Roses/8. Diese geht auf in einer facettenreichen Rosennote – so facettenreich (fruchtig, grün, blütig, Honig) wie ein sehr hochwertiges, natürliches Rosenabsolue. Diese natürliche Essenz würde aber eher opak wirken und so ist Une Tonne de Roses/8 nun gar nicht. Im Gegenteil: die Rose erscheint sehr strahlend und transparent. Bis in die Basis hinein prägt diese prächtige Blüte den Verlauf und wird von herbgrünem Patchouli und trockenem Holz eingefasst.

Der Irisduft der Serie ist Orris Tattoo/29. Hier geht es nicht um die metallisch-kühle synthetische Iris, sondern cremige Irisbutter, wie der karottige Start bereits andeutet. Für natürliche Iris typisch ist der Duft komplex und erinnert an luxuriöse Körpercreme. Ein natürlich wirkendes Sandelholz kommt im Verlauf hinzu und stützt die Textur. In der Basis ist eine Rauchigkeit erkennbar, aber nur sehr verhalten und den Duft stützend. Orris Tattoo/29 ist ein erstaunlich eigenständiger Irisduft - weder metallisch, pudrig noch gourmandig. Er eignet sich daher hervorragend als Referenzduft für hochwertige Irisbutter.

Es lohnt, sich etwas Zeit beim Erschnuppern des Sandelholzakkordes zu nehmen: das Milchige des Sandelholzes ist früher als üblich wahrnehmbar. Das beruht ziemlich sicher auf den Zusatz von Milchlactonen, die hier so zurückhaltend eingesetzt werden, dass niemand Assoziationen zu Käse oder saurer Milch befürchten muss (wie bei Le Feu d'Issey oder Gucci Rush z.B.). Damit die Sandelholznote jetzt nicht zu sehr wabernd an Struktur verliert, wurde etwas erfrischende grüne Feige zugesetzt. Die Trilogie Sandelholz-Milch-Feige ist nicht nur sehr gelungen, sondern dürfte auch ein subtiles Zitat der Hermessence Santal Massoïa von Jean-Claude Ellena sein. Dort ist diese Kombination Zentrum des Duftes und wird von einem Hauch Iris ergänzt. Demgegenüber steht hier Irisbutter ganz im Zentrum und der Sandelholzakkord gibt nur den Rahmen.

Diese Trilogie passt nicht nur gut zu Iris, sondern auch Moschus, wie Milky Musk/39 beweist: die Milchlactone sind verbindendes Element zwischen zentralem Moschus und Sandelholz, die Feige scheint heruntergedimmt im Vergleich zum Irisduft, während die Röstaromen (Kaffee beim Mahlen, Holz beim Erhitzen, bevor es anfängt zu Kokeln) des Sandelholzes stärker hervortreten. Im Vordergrund von Milky Musk/39 ist freilich namensgebender Moschus, der sich im Duftverlauf verändert: zuerst eher cremig, an warme Haut erinnernd, wandelt er sich über Stunden und wird pudriger, durchlässiger, mit Facetten frisch gebügelter Wäsche.

Die souveräne, unspektakuläre Handschrift Michel Almairacs bedeutet keineswegs, dass nur leise, hautnahe Düfte unter Parle Moi de Parfum veröffentlicht werden. Flavia Vanilla/82 zum Beispiel ist ein raumgreifendes und präsentes Vanilleparfum. Ergänzt wird helle, süße, aber keineswegs dicke, sondern fluffige Vanille um eine Kombination exotischer und frischer gelber Blüten. Bei aller Präsenz ein für Vanille leichtes Parfum.

Vielleicht noch präsenter, zumindest süßer ist das ungemein witzige Guimauve de Noël/31: Guimauve ist das französische Wort für Marshmallow und davon gibt es in Frankreich unterschiedliche Qualitäten: zum einen die, die weitestgehend dem entsprechen, was wir auch in Deutschland oder den USA kennen. Zum anderen eine weichere Version, meist aus handwerklicher „artisanaler“ Produktion. Während erstere im Mund eine katuschukartige Textur behalten, werden die artisanalen Pendants mit der Zeit noch weicher, der Schaum zerfällt mit einem sanften Prickeln auf der Zunge. So ist auch der Duftverlauf von Guimauve de Noël/31: offensichtlich handelt es sich um Guimauves der Geschmacksrichtung Orangenblüte. Eine dichte, fleischig-sämige Orangenblüte. So fleischig, dass dies möglicherweisedurch Weißdorn unterfüttert wurde. Das würde erklären, dass der Start so sehr an 19 Louanges Profanes und Delial Sonnenmilch erinnert. Die Süße der duftbestimmenden Orangenblüte wird mit Ethylmaltol weiter aufgezuckert. Überraschenderweise führt dies nicht dazu, dass Almairacs Weihnachtserinnerung gourmandtypisch klebrig wird. Im Gegenteil: wie ein langsam im Mund schmelzender Guimauve wird das Parfum mit der Zeit luftiger und lockerer, ohne den Fokus auf Süße undOrangenblüte zu verlieren.

In der Gesamtschau ergeben alle Parfums ein (recht) klares der Handschrift Almairacs: er wählt kurze Formeln. Weil er es kann. Und seine parfumistischen Ideen können so besonders gut nachvollzogen werden, ohne dass die Parfums dafür laut oder plakativ sein müssten. Stattdessen unaufgeregt und lässig – zu Mark Buxtons vermuteter Jazzvorstellung passend. Darüber hinaus stilbildend ist der Fokus auf die Textur: Almairac arbeitet nicht nur mit Duftfarben, sondern auch der Haptik – wirkt die Duftnote hart oder weich, cremig oder pudrig, glatt oder rau? Almiracs Spiel mit haptischen Qualitäten führt meist zu leichter Luftigkeit und lässt das bodenhaftende Gewicht zurück … wobei aber die Cremigkeit erhalten bleibt.

Das Spiel mit Textur beherrschte auch Miles Davis in seiner besten Zeit: mal wählte er einen harten, spitzen Ansatz, mal einen so weichen, dass sein Trompetenspiel kaum von dem mit einem Flügelhorn zu unterscheiden war. Und so passt die Umschreibung Michel Almairacs als den „absoluten Jazzer der Parfumerie“ ausgesprochen gut. Mark Buxton mag ein Rock'n Roller sein. Aber auch ein Jazzkenner, irgendwie.

19 Antworten
Vor 16 Monaten
55 Auszeichnungen

Flakon-Fotoalbum mal anders. Was man alles erleben kann, wenn man sich, unterstützt von einem Photoshop-Profi, daran macht, seine umfängliche, vintage-lastige Sammlung auf Parfumo für die optimale Darstellung in der “Habe ich”-Ansicht in Szene zu setzen, also ohne visuelle Poesie, Blumenbouquets oder Instagram-Filter? Das schildert Parfusion in diesem Interview / Reisebericht aus dem Land der ambitionierten Amateurfotografie.


Was war die Motivation hinter diesem Fotoprojekt?

Meine Sammlung besteht zu einem gewissen Teil aus Vintage-Flakons (hauptsächlich sind das Herrenparfums der 60er bis 90er Jahre), von denen bei Parfumo aber öfters nur ältere, niedrig aufgelöste Bilder oder Fotos von Miniaturen hinterlegt waren. Und da ich einige, randvolle “new old stock”-Flakons aus diesem Segment besitze, kam die Idee auf, neue bzw. verbesserte Fotos einzureichen. Denn während die kostbaren Originalflaschen ja “dunkel und kühl gelagert” im Schrank überdauern, hat man ihre digitalen Pendants in Form seiner Parfumo-Sammlung schließlich ständig vor Augen.

Die fotografische Quellenlage bei Vintage-Parfums ist ja generell nicht optimal und so dachte ich, könnten solche Fotos auch dabei helfen, ein kleines Stück Parfumgeschichte in visuell verbesserter Form zu überliefern...ja, als Idee sah das alles noch ganz einfach aus.

Parfumflakons zu fotografieren stellte sich aber dann schnell als Crashkurs und unerwartete, kleine Meisterklasse der Produktfotografie heraus. Im Prinzip sind Flakons ja letztlich kompakte, detaillierte (Glas-)Objekte - nicht selten ambitioniert designt, manchmal auch erschreckend nachlässig gefertigt, aber sehr häufig transparent, gnadenlos reflektierend und in jedem Fall immer millimetergenau auszuleuchten. Und unpraktischerweise vereinen viele Flakons gleich mehrere dieser “Risikofaktoren” in sich. Aber das sollte sich zum Glück erst zeigen, als das Projekt schon in vollem Gang war.

Ohne die zahllosen Stunden an unermüdlicher, akribischer Arbeit von Svetosphera an der Kamera und am Computer wäre dieses Unterfangen aber in jedem Fall todsicher in den ersten zwei Stunden gescheitert, daher an dieser Stelle nochmal meinen riesigen Dank!


Wie geht man an ein typisches Flakonportrait heran?

Man begutachtet zuerst den Anteil der strahlenden, d.h. transparenten vs. der spiegelnden Komponenten eines Flakons, außerdem seine Proportionen, Haptik, Verarbeitung usw. Dann legt man sich eine Strategie zurecht: Einerseits möchte man immer möglichst viel Licht einsetzen, um das Objekt plastisch und brillant aussehen lassen. Andererseits darf nicht zu viel Licht auftreffen, da leicht tückische Brechungen (Glas!) oder grelle Reflexionen (Glas!!!) auftreten oder sich Teile des Studios oder Equipments in den reflektierenden Teilen spiegeln. Und da gläserne Flakons ja auch immer doppelwandig sind, spiegelt sich das Parfum, also die Flüssigkeit selbst, oft im eigenen Behältnis.

Dazu kommt, dass Flakondesigns häufig diverse Formen von eye candy verwenden, wie etwa Mattierungen, die nur im Gegenlicht sichtbar sind, aufgeprägte Logos, dekorative Reliefs, irgendwelche Glitzerelemente oder eine goldene Schrift, die beim Drehen des Flakons in der Hand funkelt. Dass diese goldene Schrift dann aber beim Fotografieren des statischen Objekts sogleich nicht mehr funkelt (und in den meisten Fällen sogar schwarz erscheint), ist erstmal eine ernüchternde Tatsache, die anschließend etwas Improvisation erfordert.

Denn wenn sich trotz Aufbietung aller Skills dieser eine, magische Blickwinkel nämlich nicht ergibt, der alle o.g. Risiken minimiert UND den Schriftzug gold erscheinen lässt, muss er leider doch per Photoshop vergoldet werden. Das oben erwähnte, reale Glitzerelement dann auch noch digital mit einem artifiziellen Highlight zu akzentuieren...soweit sollte man aber doch nicht gehen.

Gibt es noch weitere Faktoren, die bei der Aufnahme eine Rolle spielen?

Mindestens genauso wichtig ist der Hintergrund, da der Flakon bereits ab einem kleinen Anteil an durchsichtigen Komponenten nur “vor Weiß” überhaupt erst transparent wirken kann. So stellt ja auch Parfumo standardmäßig alle Flakons in der Datenbank- und Sammlungs-Ansicht dar. Ein weißes Setting war also für die Aufnahmen Pflicht: Um dem (Glas)korpus eine korrekte bis leuchtende, dreidimensionale Anmutung zu verleihen, die Färbung der Flüssigkeit exakt wiederzugeben und damit Glas auch wirklich wie Glas aussieht, also durchsichtig - und nicht etwa grau, wie das öfters im Schnellverfahren gelöst zu werden scheint. Außerdem muss man außerhalb des Sichtfeldes der Kamera auch immer noch einige dunkle, lichtabsorbierende Elemente aufstellen.

Die Ränder des Flakons werfen eine solche weiße Aufnahme-Umgebung aber immer auch zurück und es entstehen schnell unnatürlich leuchtende Kanten, die man mit rund um den Flakon platzierten schwarzen, grauen oder manchmal auch goldenen Reflektoren im Zaum halten muss. Sind die Reflexionen dann immer noch präsent, packt man zuerst die Kamera in eine Art selbstgebastelte, weiße Komplett-Verschalung und/oder den Flakon in ein professionelles Fotozelt, was dann aber wieder eine intensivere Ausleuchtung von außen verlangt usw.

Und es gibt natürlich noch den Fall, wo das Herstellerdesign vorsieht, dass für einen besonderen Effekt Licht auf eine bestimmte Weise durch den Flakon fallen sollte, wie z.B. bei Jacomo’s Anthracite pour l’Homme (1991). In der Hand sieht dieser Flakon nämlich erstmal unscheinbar und mattschwarz aus. Erst eine auf Parfumo entdeckte, zeitgenössische Produktwerbung machte klar, dass hier zwingend mit starkem, durch das satinierte Glas scheinendem Licht gearbeitet werden muss, um Glaskorpus und Kunstoffdeckel karminrot (Herrenversion) bzw. nachtblau (Damenversion) erstrahlen zu lassen.

Diese vielen Komponenten im Ganzen auszubalancieren, ist eine überraschend sensible Angelegenheit, die sich tatsächlich bei jedem Flakon anders gestaltet. Jeder Flakon ist auf seine Art anspruchsvoll und man muss sich wirklich Zeit zum Ausprobieren nehmen. So gesehen ähnelt der Versuch, Parfumflakons möglichst detailliert und “informativ” zu fotografieren - d.h. ohne Werbeästhetik, Effekte oder Stilisierungen - eher einer Art Architekturfotografie im Miniaturformat.


...und das Ziel war eine optimale Darstellung in der Parfumo-Sammlung?

Genau. Die wichtigste Leitlinie für die Ausrichtung der Fotoserie war natürlich der Modus, wie Flakons auf einer Plattform wie Parfumo angezeigt werden, nämlich ohne Effekte oder Schatten, straight und sachlich. Deswegen fiel unsere Herangehensweise auch so “dokumentarisch” aus, d.h. es ging darum, den Flakon (Form, Material- und Oberflächenbeschaffenheit, Haptik, Farbe der Flüssigkeit) nicht kreativ in Szene zu setzen - dazu hätte man ja sicher noch ganz andere Ideen gehabt - sondern ihn gemäß der Datenbank-Konventionen so abzubilden, wie er A) tatsächlich aussieht und B) sich gut in eine typische “Habe ich”-Darstellung integrieren lässt, ohne dabei perspektivisch “aus der Reihe zu fallen”...oder langweilig auszusehen.

Geht man hier ins Detail, tun sich aber sofort Grenzfälle auf. Parfumflakons sind ja nicht nur Kult- sondern auch Gebrauchsgegenstände und besonders Vintage-Flaschen weisen öfters kleine Macken auf, die man aber nicht zwingend eliminieren muss, da das zur Patina des Objekts gehört und solche Gebrauchsspuren schließlich sofort kommunizieren, dass es sich ggf. um ein mittlerweile historisches Produkt out of production handelt.

Ist auf dem ältlichen Flakon aber zusätzlich die Beschriftung erodiert, d.h. das mittels Pulverbeschichtung aufgebrachte Lettering bis zur Unleserlichkeit abgebröckelt - das begegnet einem übrigens sogar oft bei “new old stock”-Ware, die nie zuvor aus dem Karton genommen wurde - rekonstruiert man die Schrift digital. Das erfolgt dann manchmal komplett manuell auf Pixelebene, da man ja nicht einfach 1-1 den intakten Schriftzug von einem anderen Foto importieren und digital aufkleben sollte - und natürlich auch keine Originalfonts zur Hand sind, mit denen man, quasi wie der damalige Hersteller, den Flakon nochmal neu “beschriften” könnte.


Wie sieht sonst die digitale Nachbearbeitung aus?

Nach dem Fotografieren beginnen Säubern und Korrektur, d.h. das Eliminieren von Unregelmäßigkeiten und Staubpartikeln - und das können bei der Verwendung eines hochwertigen Objektivs viele sein, einige Hundert. (Natürlich wurde der Flakon schon vor der Aufnahme manuell gesäubert, aber diese Objektive sind wirklich schon fast ZU hochwertig.) Das Säubern erfolgt dann ganz traditionell mit dem Kopierstempel und häufig einzeln “one by one”, weil die Verläufe auf dem Material bei so starker Studio-Ausleuchtung letztlich zu vielgestaltig sind, um das pauschal mit einem automatisierbaren Filter zu erledigen. Das gleiche gilt auch für das Freistellen des Fotos nach der kompletten Bearbeitung, die pro Flakon insgesamt ca. 2 Stunden dauert.

Für die Postproduktion kommt nur der Camera RAW-Filter von Photoshop zum Einsatz - das war’s. Aber selbst so gibt es durch die technische Flexibilität des RAW-Formats (quasi ein digitales Roh-Dia in maximaler Qualität) einen großen Gestaltungsspielraum: Man könnte bereits auf dieser Ebene den Appeal und die wahrgenommene Wertigkeit eines Flakons dramatisch modifizieren.

Aber z.B. gerade die Verarbeitungsqualität eines Flakons sollte man möglichst exakt abbilden. Es ist nicht sinnvoll, einen billig anmutenden Flakon digital mit einer in der Realität nicht vorhandenen Aura eines exquisiten, kunsthandwerklichen Meisterstücks zu adeln. Kunststoffdeckel sollten Kunststoffdeckel bleiben - inkl. aller Nähte und dieser winzigen, konischen Spitze auf dem Deckel. Solche Details lässt man bei so einem “authentischen” Ansatz dann bewusst im Bild. (Entwarnung für die Community: Diese Einzelheiten sind bei den derzeit verwendeten Parfumo-Bildformaten bestenfalls in der maximal vergrößerten Ansicht zu erkennen.)

Etwas speziellere Photoshop-Filter kommen bei diesem Projekt nur für bestimmte, heikle Details zum Einsatz, z.B. der Matt-Filter bei tiefgehenden Kratzern oder eine Objektivkorrektur, die durch eine etwas unorthodoxe Aufnahmeperspektive entstehen kann. Und ein guter 4k-Monitor war natürlich ein Muss - nicht nur für die finale Farbkorrektur, sondern auch für größtmögliche Details. So kann man jetzt relativ sicher sein, dass die fotografierten Objekte auch noch ansehnlich sind, wenn sich die Parfumo-User diese Flakons auf zukünftigen, noch höher auflösenden Displays anschauen werden.

Fazit: Zu perfekt oder hyperreal durften die Ergebnisse dieser Serie nicht ausfallen, aber teilweise kann es aber auch recht aufwändig sein, einen Gegenstand alltagstauglich aussehen zu lassen, d.h. wie einen Flakon, der in einer real existierenden Sammlung stehen könnte. Eine gute Faustregel war, den ganzen Glamour und die Sexyness, die man komfortabel mit Software-Effekten erzielen könnte, sofort um mindestens 90% zu reduzieren...und dann trotzdem noch das Beste aus dem Objekt zu machen.

Gab es weitere Überraschungen oder Lerneffekte?

  • Dass eine (relativ) gute Kamera, ein (sehr) gutes Objektiv und viel (semi-) professionelles Licht die Arbeit eigentlich eher verkompliziert haben als sie zu erleichtern, da solche entlarvend präzisen Fotos auch wesentlich mehr Details und Ansatzpunkte bieten.
  • Dass Metall, um nach Metall auszusehen, diese allgegenwärtigen schwarzen, schmalen Streifen (das ist übrigens das Kameraobjektiv bzw. schwarze Metallteile der Lichtstative, die sich da spiegeln) aufweisen MUSS, sonst sieht z.B. ein Metalldeckel schnell aus, als sei er aus Plastik. Tatsächliche Kunstoffdeckel in Metalloptik sind dann wieder ein ganz anderes Thema: Die muss man regelrecht anblitzen, um ihre Künstlichkeit herauszuarbeiten.
  • Herauszufinden, dass es bei Ganzmetallflakons nicht darum geht, die Reflexionen zu minimieren, sondern sie zu maximieren: Erst wenn man spiegelnde Aufsteller zum Einsatz bringt, die das Objekt wieder auf sich selbst zurückwerfen, bekommt man diese cremigen, subtil schimmernden Verläufe auf der Metalloberfläche.
  • Festzustellen, wie verfälscht die Farben von Flakons selbst auf offiziellen Produktfotos wiedergegeben werden. Hier scheint sich jeder Hersteller / Vertrieb / Anbieter öfters nach Gusto im Computer eine Wunschfarbe auszuwählen. Es kann aber auch sein, dass die Hersteller für Neuauflagen ihrer Parfums über die Jahre manchmal leicht andersfarbige Materialien verwenden.
  • Herauszufinden, dass viele kommerzielle Produktfotos von Parfumflakons mittlerweile reine Photoshop-Artefakte sind. Das reicht von geklonten Verschlüssen, die z.B. einer kompletten Produktlinie identisch digital aufgesetzt werden über Flakons, die aus mehreren, in dieser Kombination fotografisch unmöglichen Perspektiven zusammenmontiert sind bis hin zu vollständig computergenerierten 3D-Flakon-Modellen, die gar nicht real existieren, aber täuschend echt aussehen...oder zumindest einer Ästhetik entsprechen, die man offenbar nicht (mehr) hinterfragt.

Hast Du noch ein paar Highlights aus der Praxis für uns?

  • Der komplizierteste Kandidat bisher war das McGregor Cologne (1986). Ein eher kleiner, eigentlich schmuckloser 60 ml-Splashflakon mit einem überproportional großen Schraubdeckel in Form einer Metallkugel, in dem sich DER GESAMTE AUFNAHMERAUM spiegelt - und natürlich auch jede Person, Vorrichtung und Initiative, um diese Spiegelung zu kaschieren. Hier haben wir wirklich alles versucht: Von freier Aufstellung über hermetische Fotobox bzw. -zelt bis hin zur digitalen Rekonstruktion eines Kugelverschlusses als sphärisches 3D-Objekt inkl. 360-Grad-Farbverlauf, der dann eher wie eine goldene Eiskugel aussah - ohne befriedigendes Ergebnis. Zu unserer schlussendlichen Lösung nur soviel: Das finale Foto zeigt als Spiegelung im Deckel weder das reale Studio noch mein Equipment...noch handelt es sich bei dieser goldenen Kugel überhaupt um den Verschluss eines Parfumflakons :-)
  • Die digitale Rekonstruktion der kompletten Frontseite eines 50 ml Flakons des AD Plus EdTs von Alain Delon (1987) , die in der Realität (angeblich ab Werk, ich hatte den Duft neu gekauft) leider durch etliche, mysteriöse und partout nicht zu entfernende Fingerabdrücke ruiniert worden war. Roccobarocco’s Joint pour Homme (50 ml Spray, 1993) sah im Original ebenfalls typografisch total desolat aus - hier musste die komplette Beschriftung, natürlich ausgerechnet ein bizarrer Font im Handschrift-Look, restauriert werden. Auch die Aufschrift des 125 ml EdT Sprays von Luciano Pavarotti (1994) war schon ziemlich zerfallen und wurde rekonstruiert.
  • Ja, und ein einziges mal wurde der Füllstand eines bereits zum Großteil in TZs abgefüllten Splashflakons mit Photoshop etwas vorteilhafter gestaltet, das war beim Henry Cotton’s In Red EdT von 1989.

Welches Fazit würdest Du ziehen und wie geht es jetzt weiter?

So eine Fotoserie ist eigentlich das perfekte Ferienprojekt: Man arbeitet non-stop mit Parfum, lernt viele neue, kleine Tricks dazu, betrachtet seine Kollektion noch einmal mit anderen Augen und tut etwas für die Community - na, vor allem für die Besitzer der entsprechenden Flakons.

Klar, man bewegt sich irgendwie auch permanent am Rande der Unfotografierbarkeit dieser Objekte und oft gibt es nur eine einzige Konstellation von Kameraeinstellungen, Aufbau, Licht und Schatten, Aufhellern und visuellem Dämm-Material, die einen idealen Shot gestattet. Und das manchmal nur, wenn man beim Auslösen der extra langen Belichtungszeit - die man braucht, weil man wieder mal einen stark spiegelnden Flakon in einen Kokon aus weißen (aber nicht ZU weißen!) Panels eingebaut hat - sich keinen Millimeter auf dem Parkett bewegt und die Luft anhält. Das kann schon etwas nervig sein, aber großen Spaß macht es trotzdem.

Gerade sind die Flakonportraits Nr. 149 bis 151 fertig geworden und ich möchte auf jeden Fall noch meine gesamte Sammlung schaffen. Damit hätte sich dieses Projekt aber bisher fast ausschließlich mit relativ dezenten Retro-Flakons von Herrendüften und eher minimalistischen Unisex-Flakons beschäftigt. Die klassische Damen- und die neueste Kleinserien-Parfümerie hält da sicher noch einige Herausforderungen bereit. Ja, das klingt jetzt schon fast nach einem Folgeprojekt. Vielleicht möchte uns ja sogar mal jemand einen, in seiner Darstellung auf Parfumo verbesserungswürdigen Flakon ausleihen, an dem wir uns versuchen könnten?


17 Antworten

Für die Gazette "Le Journal" No. 4 der "Boheme Sauvage" verfassten verfassten Marie de Winter und Ferdinand Sturm von der "Redaktion WinterSturm" einen hochkarätigen Artikel über die Parfumgeschichte zwischen 1880 und 1930. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu dürfen!



Liebe geht durch die Nase - Kleiner Leitfaden für einen duftigen Abend in mondäner Gesellschaft


Paris, 6. April 1919. Auf der Suche nach einem neuen Teeservice betritt ein großgewachsener Mann ein magasin de porcelaine. Seinem üppigen Bart entströmt ein intensiver Duft, der eine hinter ihm eintretende Dame innehalten lässt: Woher kennt sie nur dieses Parfum? Richtig, der letzte Liebhaber ihrer seit einiger Zeit spurlos verschwundenen Schwester hatte sich stets in eben jenen Duft gehüllt. Kurzerhand verlässt sie das Geschäft und vertraut sich an der nächsten Straßenecke zwei gelangweilten Gendarmen an. Diese fassen sich ein Herz und verhaften den großen Bärtigen beim Verlassen des Geschäfts. Zu Recht, denn Henri Landru, von Volkes Mund der „Blaubart von Paris“ genannt, hatte elf Frauen auf heimtückische Weise ermordet, zerstückelt und verbrannt! Und verraten hatte ihn „Mouchoir de Monsieur“, eine extravagante création aus Blüten- und Kräuteressenzen des berühmten Parfümeurs Jacques Guerlain aus dem Jahre 1904. Hätte sich Landru an die Gepflogenheiten der damaligen Männerwelt gehalten, ausschließlich nach Seife oder bestenfalls einem frischen Eau de Cologne zu riechen, wäre er womöglich weiterhin unentdeckt geblieben.

Diese makabre Anekdote zeigt, dass die Bestäubung mit üppigem Wohlgeruch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts überwiegend der Damenwelt vorbehalten war. Der parfümierte Mann galt als weibisch und verweichlicht. Dabei hatte doch ausgerechnet ein Herrenparfum bereits im Jahre 1882 für eine Sternstunde am Firmament der Parfümerie gesorgt: „Fougère Royale“ aus dem Hause Houbigant, dessen Hauptbestandteil erstmals ein vollsynthetischer Stoff namens Kumarin war. Als das älteste seit 1889 durchgehend hergestellte Parfum der Welt gilt „Jicky“ von Jacques Guerlains Onkel Aimé, welches neben Kumarin auch chemisch hergestelltes Heliotropin und Vanillin enthält.

Der Einzug der organischen Chemie in die verheißungsvolle Welt der Parfümerie war damit nicht mehr aufzuhalten, eröffnete sie doch völlig neue Freiheiten, die Grenzen des Natürlichen zu sprengen. Doch auch die „Revolution der Düfte“ brauchte ihre Zeit, bis die modernen Kreationen die Connaisseure zu verzücken vermochten. Zunächst wurden diese phantasmagorischen Parfums mit den selben Argumenten abgelehnt wie die flirrenden Bilder impressionistischer Maler, die ebenfalls den sinnlichen Eindruck vor die Abbildung der Wirklichkeit stellten. Drum blieben auch die der Nase vertrauten Blumenbouquets bis zum ersten Weltkrieg die beliebteste Duftfamilie, wenn auch in ihrer Opulenz unauffällig mit synthetischer Unterstützung gesteigert – wie das überaus erfolgreiche „Quelques Fleurs“ von Houbigant (1912) veranschaulicht.

Wer von Ihnen nun die Verwendung künstlicher Duftstoffe verteufeln sollte, der halte sich einmal vor Augen, dass par example ein Kilogramm Jasminblütenextrakt aus handgepflückten Blüten das dreitausendfache seines synthetischen Äquivalents kostete. So ermöglichte erst der wissenschaftliche Fortschritt am Fin de Siècle der Sekretärin aus der Dachmansarde, trotz kleinen Portemonnaies wie eine orientalische Königin duften zu dürfen, wenn sie sich ein paar Tröpflein „Shalimar“ (Guerlain, 1925) hinters Ohr tupfte.

Und damit, sehr verehrte Damen und Herren, Vorhang auf für die wohl kreativste Dekade der Parfumgeschichte:

Die goooldenen, eeextravaganten Zwaaanziger Jaaahre!!!

Der wilde Geist der Bohème Sauvage drückt auch den Duftkreationen seinen Stempel auf und gebiert eine nie dagewesene Vielfalt an olfaktorischen Verführungen. Mit „Mitsouko“ hatte Jacques Guerlain bereits 1919 das Tor in eine hellere und freundlichere Nachkriegswelt weit aufgestoßen - einem von der allgemeinen Begeisterung für den fernen Osten inspirierter, phantasievoller Pfirsichduft, dessen japanischer Name „Kind des Lichtes“ bedeutet.

1921 tritt dann das berühmteste Parfum aller Zeiten ins Rampenlicht: „Chanel No. 5“. Zu jener Zeit ist es noch ungewöhnlich, dass eine Modeschöpferin einen Parfum-Kreateur beauftragt, einen zu ihrer Kollektion passenden Duft zu entwickeln. Ungewöhnlich ist auch der schlichte, quadratische Flakon in grauer Pappschachtel. Noch ungewöhnlicher ist der Name: Bei der Präsentation seiner Kreationen baut Parfümeur Ernest Beau einige Proben vor Coco Chanel auf. Madame wählt entzückt das 5. der Reihe - und schreibt damit Weltgeschichte!

Für Chanels minimalistische Handschrift bei Duft und Couture ist allerdings nicht jede Dame zu begeistern. Der Hunger nach Ausschweifung bricht sich in verheißungsvollen Schöpfungen wie „Dans la nuit“ (Worth, 1924), „Trance“ (Schwarzlose, 1925) und „Adieu Sagesse“ („Auf Wiedersehen Weisheit“, Patou, 1925) bahn. Auch die exotischen Einflüsse des Orients auf Zeitgeist und Mode spiegeln sich in der Kreativität der Parfümeure wider. 1925 lanciert Jacques Guerlain das schon erwähnte opulente „Shalimar“, benannt nach dem Garten, den der Legende nach ein indischer Großmogul für die Schönste seiner Frauen gestalten ließ. Eine mélange aus Sandelholz, Ambra, Moschus und Zibet lassen die Trägerin wie einen Geist aus der Flasche in ferne Länder entschweben...

Der parfümierte Mann hingegen kann dank der kreativen Vielfalt der Duftschöpfungen nun endlich seine Kernigkeit zelebrieren - und wäre damit wohl dem Schicksal des blumenduftenden „Blaubarts von Paris“ entgangen. Erdig-holzige („Horizon“, Oriza L. Legrand, 1925) und ledrig-würzige Duftnoten („Knize 10“, Knize, 1925) versetzen die Damenwelt in Verzückung. Auch die zunehmende weibliche Selbstbestimmung in den années folles inspiriert die Parfümeure. 1929 kündigt Patou einen neuen Duft mit dem Slogan an: „Für die Frau, die das Freie liebt, die raucht, Golf spielt und einen Wagen mit 120 km/h fährt!“

Und damit schließen wir den Kreis unserer - wie wir hoffen - kurzweiligen geschichtlichen Betrachtung. Nun fragen Sie sich vermutlich: Dufte ich wahrhaftig wie jene mutigen Pariserinnen und Pariser, die 1889 zur Eröffnung des Eiffelturms auf die Weltausstellung strömten, wenn ich mich anno 2017 mit Guerlains „Jicky“ bestäube? Nüchtern betrachtet vermutlich nicht, denn selbst die Formeln von Düften, die heute noch annoncieren, nach Originalrezepturen hergestellt zu werden, müssen sich geltenden Gesetzen und Richtlinien - wie unter anderem des Allergikerschutzes - beugen. Aber wer betrachtet die wundervolle Welt der berauschenden Düfte schon nüchtern? Freuen wir uns doch, dass nicht wenige Parfum-Kreateure all ihre Inspiration sprühen lassen, um den Geist des Fin de Siècle und der Wilden Zwanziger wieder aufleben zu lassen!

Das traditionsreiche französische Haus „Oriza L. Legrand“ beispielsweise schloss zwar im Jahre 1940 seine Pforten. Seit 2013 sind jedoch viele, zum Großteil über einhundert Jahre alte Parfums wieder käuflich zu erwerben. Die Berliner Duftkünstler von „Schwarzlose“ gehen einen anderen Weg und interpretieren Klassiker des Hauses wie „Treffpunkt 8 Uhr“ (1900) oder das schon genannte „Trance“ (1925) auf zeitgemäße Weise neu.

Vielleicht erfreut es Sie gar zu erfahren, dass sämtliche Parfums, die hier Erwähnung finden, zumindest unter ihrem originalen Namen heute noch zu erstehen sind? Ja? Sie sind also bereits in Hut und Mantel, um noch schnell einen passenden Duft zu ergattern? ACHTUNG!!! Wir müssen Sie aus eigener Erfahrung vor der Suchtgefahr warnen, die das Betreten des ein oder anderen verführerisch glitzernden Parfumtempels unserer Metropolen mit sich bringt. Leicht könnten Sie sich selbstvergessen im Duftrausch verlieren und bei der nächsten mondänen Gesellschaft verspäten!

Jetzt hoffen Sie womöglich, en passant von uns zu erfahren, welche Düfte wir selbst auserwählen, wenn wir uns ins Nachtleben stürzen? Quel malheur, dieses Mysterium geben wir nicht preis! Begeben Sie sich selbst auf die Reise, aber nehmen Sie sich Zeit, denn das Schöne ist nicht im Vorbeigehen zu erhaschen. Wenn Sie Ihren persönlichen Nasenschmaus gefunden haben, halten auch Sie dessen Identität trotz möglicherweise schmeichelnder Komplimente anderer Salongäste tunlichst geheim! Oder legen Sie Wert darauf, dass demnächst die halbe mondäne Gesellschaft den selben Traumduft verströmt wie Sie selbst?

Sollten Sie allerdings eine der neugierigen Personen überaus reizend finden, dann schlagen wir eine galante Antwort dieser Art vor: „Bitte dringen Sie nicht weiter in mich, Sie werden mir mein kleines Geheimnis nicht zu entlocken vermögen. Aber wenn Sie geneigt wären, mich zu einem Drink einzuladen, Monsieur (sich von mir zu einem Drink einladen zu lassen, Mademoiselle), dann erlaube ich Ihnen vielleicht, zu späterer Stunde ein wenig näher an mir zu schnuppern...“.

Denn mitnichten geht die Liebe durch den Magen… Sie geht durch die Nase!

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