ParfumoBlog Neues & Interessantes aus der Welt der Parfums - Parfumo Blog

09.07.2019 10:59 Uhr
57 Auszeichnungen

Konsument trifft Produzent - zu Besuch bei der MGO Duftmanufaktur Ein Interview mit Hans Georg Staudt am 06.04.2019 in Dierdorf

Vorwort

In einem beschaulichen Ort im Westerwald und eher unprätentiös sitzt ein Mann, der in jeder freien Minute an ausgefeilten Düften komponiert, sich selbst aus dem Orient rare Substanzen beschafft und damit ungewöhnliche Nischendüfte kreiert, die er dann in kleinen Auflagen auch noch selbst vertreibt. Wenn mir also irgendjemand das Thema der Duftherstellung von A bis Z aus eigener Erfahrung erklären kann, dann wohl Hans Georg Staudt von MGO Duftmanufaktur.

Also auf nach Dierdorf...


Begrüßung

Ich bin heute bei der MGO Duftmanufaktur und mir gegenüber sitzt Hans Georg Staudt, Inhaber und Parfümeur in Personalunion. Vielen Dank für die Einladung!

Sehr gerne. Schön, dass du da bist!

Georg und ich kennen uns schon seit geraumer Zeit durch die Parfumo.de Community. Daher haben wir uns darauf verständigt, dass wir uns, wie es auch bei Parfumo.de Sitte ist, bei diesem Interview duzen.


Die Geschichte

Wie fanden Düfte in dein Leben?

Meine ersten einschneidenden Dufterlebnisse hatte ich in frühester Kindheit, als in unserem Ort LKWs mit frischem Teer an mir vorbeigefahren sind. Während andere diesen Geruch schrecklich finden, war ich davon fasziniert. Mit 14 Jahren kaufte ich dann meinen ersten Duft in einer Parfümerie namens Altpeter in Neuwiedt, einen Laden, den es heute leider nicht mehr gibt. Der erste bewusst ausgesuchte Duft war "Brut 33" von Fabergé. Diesen erwarb ich mit 19 Jahren in einer Mall in El Paso während meiner Ausbildung bei der Luftwaffe. Die äußeren Umstände und daran geknüpften Erinnerungen machen den Duft für mich bis heute unvergesslich.


Gibt es eine Geschichte oder ein konkretes Ereignis, was dich dazu bewog, dich der Schaffung von Düften hinzuwenden?

Es war ein weiter Weg der mich dazu geführt hat der Olfaktorik auf den Grund zu gehen und ihre Wirkungsweisen durch handwerkliche Umsetzung selbst anzuwenden. Bereits 1974 wurde ich im Zuge meiner Ausbildung bei der Luftwaffe in den USA im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg psychologisch geschult. Das Thema "Psychologie" hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Nach meinem Elektrotechnik Studium bei der Bundeswehr in Fort Bliss arbeitete ich als Unternehmensberater, Trainer und Coach, hauptsächlich in der Immobilienbranche. Zudem hatte ich 1996 eine Marketingfirma gegründet. 2001 kam dann ein wesentlicher Einschnitt in meinem Leben. Durch einen Schlaganfall war ich plötzlich gesundheitlich erheblich eingeschränkt. Daher wand ich mich wieder verstärkt der Psychologie zu, um mir selbst aus der Krise zu helfen. In dieser Zeit lies ich mich zunächst in den USA und anschließend in Deutschland umfassend zum klinischen Hypnotiseur ausbilden. Ich erinnerte mich auch an die von mir belegten Seminare zur neurolinguistischen Programmierung (NLP). Hierbei geht es unter anderem um die Verknüpfung von Umweltwahrnehmungen (Anmerkung: sehen, hören, spüren, riechen und schmecken) mit einem Ereignis bzw. einer Erinnerung. Um so eine Verbindung herzustellen, können auch sogenannte "Duftanker" eingesetzt werden. Das war also der Zeitpunkt, wo ich Düfte selbst zusammengestellt habe. Allerdings verfolgten die ausgerechnet nicht den Zweck Wohlgefallen daran zu finden. Ganz im Gegenteil. Diese Düfte mussten so konzipiert sein, dass sie mit keinen anderen Duftwahrnehmungen aus dem Alltag verwechselt werden konnten. Nur so kann man die gewünschte Reaktion konkret beim Klienten evozieren. Etwa zwei Jahre später beendete meine Ehefrau den Betrieb ihres Teeladens. Und plötzlich stand mir ein Konvolut nicht mehr benötigter ätherischer Öle zur Verfügung. Ich verband also reine medizinische Wirkung mit olfaktorischem Wohlgefallen und so wurde Duft Nummer 1, von mittlerweile weit mehr als 300 Düften, geboren. Das liegt nun zirka neun Jahre zurück.


Die Philosophie

Wieso war es für dich wichtig die Herstellung von Düften selbst in die Hand nehmen und das nicht anderen zu überlassen?

Die Düfte, die ich suchte, fand ich nirgends. Und es war auch gar nicht sicher, ob diese überhaupt irgendwo existieren. Für mich war es daher logisch und erfolgversprechender, dass ich diese Suche durch eigene Herstellung verkürze und bestenfalls beende.


Wie hast du dir das Wissen für die Herstellung von Düften angeeignet?

Ich habe mir sehr viel zum Thema angelesen. Das Internet ist hierbei eine große Hilfe. Darüber hinaus studierte ich auch viele alte Bücher, die teilweise aus dem Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts stammen. Dabei wurde mir bewusst, wie aufwändig Verfahren zur Gewinnung der natürlichen Rohstoffe sein können und dass es hierbei um ein echtes Handwerk geht. Danach begann ich dann meine ersten Versuche nach dem Verfahren Trial-and-Error. Auf diesem Weg habe ich mich abwechselnd mit lesen und experimentieren ständig weiterentwickelt.


Welche Materialien verwendest du?

Ich habe relativ schnell erkennen müssen, dass mein Plan, ausschließlich mit natürlichen Duftstoffen zu arbeiten, nicht einzuhalten ist. Die Palette an verfügbaren natürlichen Duftstoffen ist relativ beschränkt. Viele Komponenten werden entweder gar nicht mehr produziert oder sie werden auf Grund von Restrektionen nicht mehr auf dem Markt gehandelt. Wenn man aber das gesamte Spektrum der Duftwelt in seine Kreationen einbeziehen will, kommt man um künstliche Ergänzungen nicht herum. Ich möchte jedoch betonen, dass für mich die Seele eines Parfüms wesentlich ist. Und aus diesem Grund stellen für mich natürliche Duftstoffe auch einen wesentlichen Bestandteil meiner Düfte dar. Diese beziehe ich von verschiedenen Herstellern aus der ganzen Welt als fertige Tinktur oder als Rohmaterialien, die von mir selbst zu Essenzen weiterverarbeitet werden.


Arbeitest du auch mit Akkorden oder nur mit Einzelsubstanzen?

Noten, die so in der Natur nicht vorkommen, werden von mir als Akkorde hergestellt. Das sind z. B. weiche und harte Lederdüfte, verschiedene Amber-Töne oder Tabak. Sie werden von mir immer wieder angesetzt und stehen dann neben den anderen Substanzen bei mir in der Duftorgel.




Gibt es eine typische MGO-Handschrift, oder arbeitest du ohne jede Einschränkung in alle Richtungen?

Grundsätzlich bin ich für alle Duftstoffe offen, denn es wäre nicht zielführend bei einer derartig kreativen Tätigkeit von vornherein Möglichkeiten auszuschließen. Dennoch gibt es eine MGO-DNA, die in etwa 80 % meiner Düfte zu finden ist. Diese DNA speist sich aus einigen Dutzend Ingredienzien, die ich vorzugsweise anwende und in ständig variierenden Konzentrationen und Verhältnissen dazu gebe. Mein ureigenes Interesse galt allerdings schon immer den orientalischen Düften. Was nicht heißen soll, dass ich nicht auch andere Richtungen – auch als individuelle Auftragsarbeiten – bediene. Da ich die Düfte überwiegend für mich selbst mache, lande ich früher oder später olfaktorisch jedoch immer wieder im Orient.


Von was (Erlebnisse, Gedanken, andere Düfte) wird deine Arbeit maßgeblich inspiriert?

Anfangs waren es die niedergeschriebenen Wahrnehmungen anderer, z. B. auch auf Parfumo.de, die in mir häufig eine wahre Sehnsucht geweckt haben, den beschriebenen Duft in eigener Interpretation nachzubauen. Denn häufig waren für mich diese Düfte nicht verfügbar. Und daher schaffte ich Abhilfe durch die Umsetzung meiner Vorstellung davon mit eigenen Mitteln.

Eine kleine Anekdote dazu: Roja Dove, Clive Christian und Amouage waren anfänglich heroische Namen für mich. Wenn ich über deren Düfte gelesen habe, war ich ehrfürchtig und neidisch zugleich. Leider kam ich oft an diese Düfte nicht heran, weswegen ich sie mir in Gedanken vorstellte und dann auch oft meiner Anschauung nach umsetzte. Dass das Ergebnis natürlich nichts mit dem ursächlichen Duft zu tun hat, sollte klar sein. Es war meine persönliche Interpretation aus Rezensionen, Beschreibungen, Bildern und Marketing. Ein traumatisches Beispiel war hier Amber Aoud von Roja Dove. Ich musste diesen Duft, dessen Beschreibung in meiner Vorstellung so viel ausgelöst hatte, unbedingt testen. Alleine dafür bin ich dann irgendwann einmal mehrere Hundert Kilometer nach Stuttgart gefahren. Ich kam in diese kleine Parfümerie mit sehr netten Verkäuferinnen und war voller freudiger Erwartung. Der Flakon wurde geöffnet, mir gereicht und dann müssen mir wohl sämtliche Gesichtszüge entglitten sein, was natürlich auch der Verkäuferin nicht verborgen geblieben ist. Ich war zutiefst enttäuscht und mir tat auch die Dame leid, die sicherlich eine positivere, zumindest gemäßigtere Reaktion erwartet hat. Anstandshalber habe ich dann doch noch irgendwas gekauft, um nicht als nicht zahlender Nutznießer zu gelten. Danach hatte ich jedoch Gewissheit. Zum einen, dass diese berühmten Hersteller auch nicht das liefern können, was ich erhofft und erwartet habe, zum anderen, dass nun endgültig der Anlass gegeben war, meine Interpretation von meiner Vorstellung zu diesem Duft umzusetzen. Soll das heißen, dass ich mich mit diesen Ikonen vergleichen möchte? Nein, das ist weit gefehlt. Das sind Künstler, in dem was sie tun. Sie produzieren ein Leben lang mit großer Unterstützung, aber genauso mit großer Einflussnahme und Zwängen durch den Markt und ihrer Auftraggeber. Ich habe mittlerweile sehr viele von deren Düften testen können und kam überwiegend zu dem Schluss, dass sie nicht das sind, was ich suche. Und genau aus diesem Grund stelle ich meine Düfte selber her.

Mittlerweile entstehen meine Ideen aus unterschiedlichsten Anlässen. Manchmal ist es das entspannte Nachdenken, ein andermal ein innerer Druck und nicht selten aktuelle Ereignisse, wie Urlaubsimpressionen oder Erinnerungen an weichenstellende Begebenheiten aus der Vergangenheit. In den letztgenannten Fällen versuche ich, die Wahrnehmung dieser Ereignisse als abrufbare Erinnerung in den Düften zu verankern. Daher auch der Name "Duftanker" in meinem Logo.


Düfte nicht nur für mich

Ab welchem Zeitpunkt hast du darüber nachgedacht Düfte nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere herzustellen?

Als ich mit der Duftherstellung anfing, waren diese ausschließlich für mich konzipiert. An eine Vermarktung oder wie Andere die Düfte wahrnehmen würden, habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Erst im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass meine Vorlieben auch noch von anderen geteilt werden. Gegenüber dem Mainstream sind das natürlich weitaus weniger Anhänger. Aber im Wissen über diese Anhängerschaft finden heute schon auch Modulationen statt, die diesen Personenkreis mit einbeziehen sollen. Dies jedoch ohne hierbei meine Handschrift aufzugeben, oder in eine Beliebigkeit abzudriften.


Darüber hinaus stelle ich jedoch mittlerweile auch Düfte nach Kundenwünschen her. Dabei treten meine Vorlieben völlig in den Hintergrund. Nach intensiven persönlichen Gesprächen und gegebenenfalls auch nach der Aufnahme und Einbeziehung des Eigengeruchs des Kunden, werden individuelle Auftragsarbeiten entwickelt. Diese betrachte ich jedoch stets getrennt von meinen sonstigen Kreationen, die im Wesentlichen meinen Duftvorlieben unterworfen sind.


Die Idee und deren Ausarbeitung

Wie konkret ist für dich das Ziel zu Beginn deiner Arbeit an einem neuen Duft?

Anfänglich habe ich einfach mit den vorhandenen Substanzen herumexperimentiert. Mittlerweile läuft es nach dem Motto "Ein neuer Duft entsteht zunächst im Kopf", worüber ich bereits ein Parfumo.de-Blog geschrieben habe. Mir kommt zunächst eine Duftkomposition ins Bewusstsein. Anschließend fange ich an, diese in die einzelnen Ingredienzien aufzuschlüsseln. Dabei notiere ich mir dann die Mengen und Verhältnisse der einzelnen Stoffe. Wenn ich dann die Zeit und Muße habe, gehe ich an meine Duftorgel um diese Idee umzusetzen.



Ich stelle mir das so vor, dass auf dem Weg zum Ziel sehr viele Abzweigungen auftauchen. Und je nach getroffener Entscheidung wird die Reise eine andere Entwicklung nehmen. Man nähert sich dem Ziel, man entfernt sich vom Ziel weg, man entdeckt neue Ziele oder man wähnt sich in einer Sackgasse. Wie gehst du mit diesen Situationen um und was passiert konkret mit den bis dahin entstandenen, noch unfertigen Produkten/Mischungen?

Insgesamt ist es so, dass man einen misslungenen Duft eigentlich nur noch verschlimmbessern kann. Dann ist es besser, man bricht an dieser Stelle die Arbeit ab und stellt das Ergebnis zurück. Gegebenenfalls kann man später die neu erschaffene Substanz in einem sehr geringen Anteil als eigene Note in weiteren Düften einbauen, so es überhaupt ins Konzept passt. Die ursprüngliche Idee muss ich allerdings in solchen Fällen von Neuem aufsetzen. Das mache ich so lange, bis der Duft so ist, wie ich ihn haben will.


Das Prinzip der Herstellung und die handwerkliche Umsetzung

Welche Arbeitsschritte, von der Idee, über die Herstellung bis zu Verpackung, Vermarktung und Verkauf begleitest du selbst und an welcher Stelle bedienst du dich der Hilfe von Anderen?

Tatsächlich ist MGO Duftmanufaktur ein Einmann-Unternehmen. Ausgenommen die Internetpräsenz, die vor einigen Jahren durch meinen großen Sohn entwickelt wurde, stammt alles aus meiner Hände Arbeit. Seit meinem Krankenhausaufenthalt im Februar dieses Jahres unterstützt mich meine Frau beim Sortieren und Labeln der Abfüllungen.


Beschreib doch mal kurz das grundlegende Prinzip bei der Herstellung eines neuen Duftes.

Bevor ich die Komponenten der niedergeschriebenen Rezeptur zusammenführe, wird jede Einzelne von ihnen noch einmal von mir beschnuppert. Es kann dann sein, dass eine Substanz in einer geringeren oder auch höheren Menge als angedacht verwendet wird, oder dass sie ganz entfällt und gegebenenfalls durch eine ähnliche Note ersetzt wird. Erst jetzt werden alle Bestandteile entsprechend der abschließenden Rezeptur vermengt.


Mit welchen Mengen und Konzentrationen wird in diesem Entwicklungsstadium gearbeitet?

Meist setze ich zwischen 20, maximal 30 Milliliter der Grundsubstanzen an. In manchen Fällen auch nur etwa 10 Milliliter, wenn sehr teure Materialien zum Einsatz kommen. Diese Mischung der Grundsubstanzen wird dann mit 66 % Ethanol, also reinem Weingeist verdünnt.


Steht das Ergebnis mit der letzten Rezepturveränderung schon fest?

Natürlich muss erst noch ein Reifeprozess abgewartet werden. Nur wenn dabei und danach die Entwicklung innerhalb meiner Erwartungen liegt und sich keine negativen Veränderungen gezeigt haben, wird der Duft mit der letzten Rezeptur von mir als abgeschlossen und marktreif betrachtet.


Wie sieht dieser Reifeprozess aus?

Die mit 66 % aufgefüllte Mischung der Grundsubstanzen muss zirka drei Monate reifen. Davon steht der Duft die ersten Wochen im Kühlschrank und wandert von dort aus in ein Regal in einem dunklen kühlen Raum. Während der Reifung schnupper ich immer wieder an der Probe, um zu prüfen, ob sie sich so wie erhofft entwickelt.


Warum dieser Ablauf bei der Reife?

Erst wenn nahezu keine Änderungen mehr feststellbar sind, kann man den Duft auch verlässlich und mit sicherem Gewissen produzieren und nach erneuter Reifezeit, jetzt aber mit bekanntem Ergebnis, veräußern. Bei meinen jüngeren Düften, die mit Ethanol angesetzt sind, haben sich nach den drei Monaten keine Veränderungen mehr gezeigt. Lediglich die in der Anfangszeit meines Schaffens mit Isopropanol angesetzten Düfte scheinen nun nach Jahren etwas an Schärfe verloren zu haben. Sie wirken heute auf mich weicher, runder und voller. Verwendung findet jedoch nur noch reiner Weingeist, um jedweden Eigengeruch auszuschließen. Die Lagerung im Kühlschrank für die ersten Wochen habe ich an verschiedenen Stellen gelesen und ich bin zu dem Schluss gekommen, dies ebenso zu halten.


Wie geht es weiter, wenn du auch nach dem Reifeprozess mit dem Duft noch zufrieden bist?

Wenn ein Duft von mir als "produktionsreif" erachtet wird, erfolgt die Festlegung der Konzentration. Bei leichteren Düften mit Zitrusnoten kann unter Umständen eine Halbierung der Konzentration vorgenommen werden, um auch eine gewisse "Leichtigkeit" zu erreichen ohne, dass hierbei die Haltbarkeit wesentlich beeinträchtigt wird. Oud-Düfte hingegen werden eher wenig bis gar nicht zusätzlich verdünnt. Steht also die Rezeptur und die Konzentration, so wird der Duft in größeren Mengen, z. B. 500 Milliliter mit der gleichen Rezeptur und Konzentration angesetzt. Und auch diese Mischung durchläuft dann natürlich noch den oben beschriebenen Reifeprozess, ehe er tatsächlich fertig ist.


Was passiert aber, wenn du mit dem Ergebnis nicht zufrieden bist?

Wie bereits vorher angeschnitten werden solche Düfte nicht entsorgt, sondern zurückgestellt. Immer wieder werden diese dann von mir beschnuppert und ich mache mir Gedanken, ob und wie man sie weiter verwenden oder daraus etwas entwickeln kann.


Ist es denn nicht belastend neben den ständig neu hinzukommenden Ideen diese alten, unfertigen Projekte mit sich herumzuschleppen?

Überhaupt nicht. Es gibt Tage, wo ich mich nach langer schwerer Arbeit im Job hierher flüchte und nicht selten an bis zu 20 dieser unvollendeten Düfte schnuppere und mich an die Situation ihrer Entstehung und der zugrundeliegenden Intension zurück erinnere. Bei einigen weiß ich, dass ich sie nie mehr weiter verfolgen werde. Bei anderen kommen mir wieder neue Ideen. Es ist also alles andere als belastend für mich.


Gab es wirklich nie völlige Fehlentwicklungen, die du am liebsten schnell wegkippen wolltest?

Doch! Einmal bei über dreihundert Ansätzen ist mir das passiert. Und ich kann mir bis heute nicht erklären, was sich in dieser Mischung so missverstanden hat. Um das herauszufinden und bei weiteren Düften derartige Fehlschläge zu vermeiden wurde davon ein geringer Rest aufbewahrt. Du kannst ihn später mal testen. Er wird dir anfangs unglaublich gut gefallen, aber nach ein-zwei Stunden Tragen wird er grausam.


Wie lange kann der Prozess von der ersten Idee bis zur Produktreife dauern, bis er abgeschlossen ist?

Den Fall, dass dieser Prozess oft mehrere Jahre braucht, wie oft zu lesen ist, hatte ich bisher bei ganz wenigen Düften. Häufig ist es so, dass es nur fünf Minuten dauert, um ihn im Kopf zu entwickeln. Dann bedarf es zirka zwei Stunden, um ihn zu mischen. Und wenn er für mich gelungen ist, erfolgt ein ca. dreimonatiger Reifeprozess, der natürlich durch ständige Kontrollen von mir begleitet wird. Danach wird er "der Öffentlichkeit" präsentiert, was in meinem Fall zwei, drei Personen in meinem Bekanntenkreis sind. Wenn auch die ihn für gelungen betrachten, dann ist der Duft fertig. Es gibt aber auch sehr komplexe Düfte mit bis zu 47 verschiedenen Substanzen, bei denen ich jahrelang an der Rezeptur schreibe und feile, ehe es überhaupt zur Umsetzung kommt.


Wie dokumentierst du deine Arbeit?

Tatsächlich habe ich Hunderte, wahrscheinlich über tausend Zettel unterschiedlichster Formen mit Rezepten und Rezeptideen. Manchmal nehme ich mir die Zeit und liste wenigstens die Noten und Anteile der Düfte, die im MGO-Programm sind, sauber im Computer auf. Es geht also nichts verloren, ausgenommen der Stunden bei der Suche nach diesen Aufzeichnungen. Und auch hier unterstütz mich in letzter Zeit meine Frau, die im Gegensatz zu mir, diesbezüglich sehr strukturiert ist, um diese Daten zu sortieren, zu archivieren, um sie so auch der Nachwelt zu erhalten.


Wie anstrengend, frustrierend oder erbaulich kann diese Arbeit sein?

In keiner Weise frustrierend, sondern ausschließlich erbaulich. Es ist für mich das Frönen eines Hobbies. Die Befriedigung, die ich daraus ziehe, überwiegt die Anstrengungen bei Weitem.


Ab welchem Zeitpunkt entscheidest du dich dafür, einen Duft "auf den Markt" zu bringen?

Ein Duft ist für mich dann abgeschlossen, wenn er für mich gut ist. Ab diesem Zeitpunkt versuche ich ihn, auch mit anderen zu teilen. Das muss allerdings nicht zwingend bedeuten, dass er vielen anderen gefällt. In manchen Fällen finden sich einige Anhänger, in anderen Fällen verschwindet er ohne auch nur ein Statement wieder in der Versenkung.


Stehst du ewig hinter deinen Düften, oder werden dir manche mit der Zeit auch fremd?

Nein. Ich distanziere mich nie von meinen Düften, auch wenn ich manche nicht mehr ansetzen werde. Sie sind Zeugnis für eine Zeit, ein Ereignis oder eine Begebenheit von einem Teil meines Lebens, an den ich mich durch diese Düfte per Zeitreise zurückversetzen kann.



Ist es deiner Meinung nach wichtig, weniger, dafür sehr hochwertige Ingredienzien einzusetzen, oder ist nicht die Vielfalt aus einer sehr breit gefächerten Palette, wie sie die Industrie bereitstellt, das erfolgversprechendere Modell?

Die Industrie würde sicherlich sagen, dass sie alles liefern kann, was gebraucht wird. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass Körper und Seele eines Parfüms nur durch den Einsatz von natürlichen Substanzen entstehen können. Dabei muss ich, wie eingangs schon erwähnt, auch immer wieder Kompromisse eingehen, weil verschiedene Stoffe am Markt nicht mehr verfügbar sind. Zudem sind es bei manchen Ingredienzien auch wirtschaftlicher Aspekte, die ein synthetisches Substitut erforderlich machen. Aber Düfte ohne einen wesentlichen Anteil an natürlichen Substanzen wird es bei MGO Duftmanufaktur nicht geben.


Für mich ist eine ordentliche Performance eines Duftes sehr wichtig. Mein Wunsch ist es dahingehend, dass ein morgens angelegter Duft bis abends anhält. Welche Möglichkeiten gibt es hier für dich Einfluss zu nehmen.

In erster Linie liegt das natürlich an der Konzentration des Duftes. Daneben können Fixateure eingesetzt werden. Neben synthetischen Fixateuren gibt es auch natürliche Fixateure wie Benzoe. Diese Mittel machen den Duft "haftbarer". Man kann damit aber auch den Verlauf ändern und so zum Beispiel nach der Basis- nochmals über die Herz- zurück zur Kopfnote gelangen. Das sind natürlich Glücksmomente, die nicht sehr häufig gelingen. Mir ist ebenfalls eine gute Performance sehr wichtig und daher ist diese auch bei den meisten meiner Düfte gegeben. Es gibt allerdings Düfte, deren Charakter würde durch die Zugabe von Fixateuren zu stark leiden. In solchen Fällen verzichte ich zugunsten der Qualität auf die Haltbarkeit und nehme mir, wenn ich unterwegs bin, einen Taschenzerstäuber zum Nachlegen mit.


Besorgt es ich dich die Ingredienzien in ausreichender Menge und gleichbleibender Qualität beschaffen zu können, vor allem wenn diese möglicherweise auch für dich unerwartet positiv "einschlagen"? Beeinflussen solche Gedanken deine Arbeit?

Nein. Man muss damit leben, dass diese Düfte dann eben nicht mehr produziert werden können, sollten die Grundstoffe vergriffen sein. Und es ist natürlich auch nicht wirtschaftlich, zu jedem Ausgangsstoff auf Verdacht eine Lagerhaltung zu betreiben. In manchen Fällen tauchen zwar manche verlorengeglaubte Substanzen unerwartet nach Jahren wieder auf oder es gelingt mir, diese durch andere zu ersetzen, allerdings wird das dann nicht mehr zum exakt gleichen Ergebnis wie beim ursprünglichen Duft führen.


Ich war vor zirka zwei Jahren sehr von deinem Duft Just Black angetan, um dann von dir erfahren zu müssen, dass er vergriffen ist und du an eine Ingredienzie nicht mehr herankommst. Wie hast du das "Problem" gelöst?

Zunächst mit Bedauern, denn auch mir hat dieser Duft gefehlt. Durch hervorragende Kontakte konnte ich zwischenzeitlich jedoch nahezu identische Rohstoffe wiederbeschaffen und Just Black steht erneut, aber nicht etwa reformuliert zur Verfügung. Das würde ich mir und meinen Anhängern nicht antun wollen. Hier möchte ich als Negativbeispiel die Neuauflagen von Zino von Davidoff nennen. Dieser stellt heute nur noch einen Abklatsch seiner selbst dar.


Welche Menge setzt du für einen Duft an, der definitiv an den Markt gehen soll?

Je nach meinen persönlichen Einschätzungen liegen die Auflagen zwischen 250 und 1000 Milliliter. In Abhängigkeit von der Verfügbarkeit der Ausgangsstoffe und der Nachfrage kann ich die meisten meiner Düfte nachproduzieren.



Hat es in deiner Manufaktur schon ärgerliche Unfälle (z. B. Verwechslungen von Behältern/Gefäßen) gegeben, von denen du mir erzählen magst?

Das passiert leider immer wieder. Und dann häufig mit den teuersten Rohstoffen. Wenn du mal ein Sandelholzöl im Wert von 300 bis 400 Euro über die Arbeitsfläche geschüttet hast, dann ist das einfach verloren. Du kannst dich dann vielleicht noch damit einreiben, um wenigstens selbst noch die nächsten 24 Stunden was davon zu haben, aber dann ist es endgültig vorbei.


Technik und Materialien

Kannst du was zu deiner Arbeitsstätte und der technischen Ausstattung deiner Manufaktur sagen?

Im Wesentlichen gleicht mein Arbeitsplatz einem Büro mit riesigem Schreibtisch. Die Arbeitsfläche wird von meiner, aus drei Etagen bestehenden Duftorgel eingerahmt. Die Teile haben die ideale Größe für meine Gefäße mit den Ausgangsstoffen und sind im Prinzip auch im weiteren Sinne Büroeinrichtungsartikel. Davor befinden sich noch zwei weitere Reihen mit Duftstoffen. Und was ich dann nicht mehr auf dem Schreibtisch unterbringen kann, befindet sich in Griffweite in weiteren Regalen oder im Kühlschrank. Beim Zusammenstellen und Mischen arbeite ich mit Einwegpipetten, Reagenzgläsern, Messbecher, Feinwaage und Duftstreifen. Die Duftstreifen setzte ich aber nicht vorrangig wegen der Duftwahrnehmung ein, sondern vielmehr um die Haltbarkeit bestimmen und vergleichen zu können.



Woher stammen die von dir verwendeten Rohstoffe?

Ich kaufe in Amerika, England, Niederlande und Deutschland bei den einschlägigen Produzenten und Anbietern. Viele meiner Ouds besorge ich bei Ensar Oud und anderen bekannten internationalen Oud Händlern. Daneben habe ich einen guten Freund aus Pakistan, der mich ebenfalls mit Ouds und anderen orientalischen Grundstoffen direkt aus arabischen Ländern und Indien beliefert. Mittlerweile betreibt er sein Netzwerk aus Deutschland und macht mir darüber die hochwertigen und seltenen Rohstoffe zugänglich, die meinen Düften eine Seele verleihen. Und ungeachtet der hohen Kosten lohnt sich das immer. Was sich hingegen nie lohnt, ist die Verwendung von synthetischem Oud. Dagegen kaufe ich z. B. echte Vanille seit jeher in der Apotheke um die Ecke, weil ich noch nirgends eine vergleichbare Qualität gefunden habe.



Gibt es Rohstoffe, die vor der Anwendung durch dich noch irgendeine Veränderung erfahren?

Natürlich gibt es Auszüge und Essenzen, die ich aus festen Rohstoffen gewinne. Ambra, Castoreum, Moschus und Hyrax wären hierzu Beispiele. Ich möchte in solchen Fällen die Qualität schon am Ausgangsstoff kennen und dann das Bestmögliche davon herausholen. Das Material wird von mir mit dem Mörser zerlegt und in hochwertigem Sandelholzöl eingelegt. Darin reift es dann teilweise mehrere Jahre. Ambra lohnt sich nicht vor dem Ablauf eines Jahres anzuwenden und mit zunehmender Zeit wird es nur noch besser.


Was müssen Menschen am meisten beherzigen, die damit beginnen wollen ihre eigenen Düfte herzustellen?

Sei frei und ohne Hemmungen und probiere alles aus. Und wenn dir dann das Ergebnis selbst gefällt, hast du alles richtig gemacht.


Der Ausblick

Du hast mir erzählt, dass du demnächst noch mehr Zeit und Engagement in die MGO Duftmanufaktur investieren willst. Was ist der Grund?

Das Herstellen von Düften ist ja nicht mein Hauptberuf. Ich bin als Unternehmensberater und Trainer in der freien Wirtschaft tätig, und bin jährlich viele Wochen im ganzen Land und halb Europa unterwegs. 2018 sollte eigentlich mein letztes Jahr sein, aber mein Arbeitgeber hat mich überredet noch ein Jahr zu verlängern, ehe ich dann endgültig Ende 2019 diese Kariere beenden werde. Ich möchte mich dann noch intensiver mit der Duftmanufaktur beschäftigen und freue mich schon jetzt sehr auf diesen neuen Abschnitt in meinem Leben. Bereits jetzt werden die ersten Pläne geschmiedet und deren Umsetzung in die Wege geleitet.


Wie sehen diese Pläne konkret aus?

Zunächst einmal ist ein neuer Internetauftritt geplant, der meine Düfte und meine Arbeit vollumfänglich und übersichtlicher beschreiben soll. Neben dem Webshop möchte ich parallel dazu auch in meinem Ebay-Shop alle aktuell verfügbaren Düfte anbieten. Mit Ebay erreiche ich viele Interessierte und Käufer, die sonst nicht zu meinem Angebot finden würden. Eine völlig neue Idee wäre ein eigener Youtube-Kanal, der alles über Parfüm, von der Idee, über die Beschaffung der Rohstoffe, bis hin zur Herstellung in entsprechenden Videobeiträgen beleuchtet. Daneben werde ich mich abermals dem Thema Verpackung und Flakons widmen. Ich habe da schon sehr viel ausprobiert, bin aber noch immer nicht zur optimalen Lösung gekommen. Allerdings ist die Herstellung von Flakons nach eigenen Wünschen eine sehr kostspielige Angelegenheit, die sich nur mit entsprechenden Stückzahlen finanziell rechtfertigen ließe.


Du hast ja jetzt die "technische" Umsetzung deiner Zukunftspläne beschrieben. Gibt es darüber hinaus auch eine Vision, die damit verbunden ist?

Ein wesentlicher Teil meines Lebens bestand daraus, Seminare und Vorträge zu halten. Daher möchte ich auch in diesem Bereich mein Wissen an andere weitergeben. Dazu hoffe ich, durch die gewonnene Zeit über andere Wege an neue Duftideen zu kommen. Einfach mal ohne Skript entspannt an der Duftorgel sitzen und völlig unvoreingenommen herumexperimentieren. Und schließlich möchte ich auch endlich die Düfte umsetzen, die noch immer in meinem Kopf sind und auf ihre Geburt warten.


Wird deine Suche nach neuen Düften jemals ein Ende finden?

Meine Suche wird erst dann zu Ende sein, wenn auch ich am Ende bin und sechs Fuß tiefer liege.


Herzlichen Dank Georg, für deine Zeit und die vielen aufschlussreichen Informationen.

Ich danke dir für dein Interesse an meiner Geschichte und meinen Düften.



Das Interview mit Hans Georg Staudt in der MGO Duftmanufaktur in Dierdorf führte am 06.04.2019 Caligari.


18 Antworten