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12.02.2019 10:31 Uhr
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Wie sollte James Bond riechen? Interview mit dem Herausgeber des CHAP-Magazins Gustav Temple



Bei unserer Winterreise nach Südengland gelang es uns, einen Interviewtermin mit Mr. Gustav Temple in seinem Büro in Lewes, nur wenige Kilometer nördlich von Brighton gelegen, zu vereinbaren. Als Herausgeber des CHAP, dem angesagten Herrenmagazin für augenzwinkernd betrachteten britischen Lebensstil, schien er uns ein kompetenter Gesprächspartner in Sachen „Duftgenuss“ zu sein. Der Begriff „Chap“, den wir im Deutschen nur in der Übersetzung als „Kerl“ oder „Bursche“ kennen, wird in Großbritannien für den Gentleman des 21. Jahrhunderts verwendet, der nicht mehr der Aristokratie entstammt, sondern einfach einem Lebensstil frönt nach dem Motto „Erweitere Deinen Geist, verfeinere Deine Garderobe“.

Das Interview wurde very british bei mehreren Tassen Tee auf einem alten Chesterfield-Sofa geführt. Mr. Temple erwies sich als sehr charmanter Gesprächspartner, aus dem Interview entwickelte sich zunehmend eine Plauderei über die Unterschiede der Parfumkultur in Great Britain und good old Germany. Wir haben viel gelacht - und vielleicht auch endgültig die Frage beantwortet: Wie sollte James Bond riechen?


In der Vorbereitung auf dieses Interview haben wir Dein Buch "How to be a Chap" gelesen. Jetzt wissen wir, welche Filme ein Chap gesehen haben sollte, welche Autos er fahren sollte, was er trinken, essen und rauchen sollte. Was wir jedoch vermisst haben, ist ein Kapitel mit dem Thema: Wie sollte ein Chap riechen?


Ja, das stimmt. Bis vor einiger Zeit haben wir immer im Scherz gesagt: Ein Chap sollte nach Whisky, Zigarren und altem Leder riechen. Aber seitdem ich in die Welt der Parfums eingetaucht bin, scheint mir die Sache doch etwas komplexer zu sein. Es wird Euch sicher überraschen, dass ich bis vor zwei Jahren noch gar kein Parfum trug. Aber inzwischen bin ich davon besessen.

Oh, wie kam es dazu?

Irgendwie fing alles an, als ich meine Freundin vor drei Jahren kennenlernte. Es war ihr Parfum, das mich zuerst anzog, und ich erinnere mich, sie gefragt zu haben, welchen Duft sie trägt. Später sagte sie, als ich sie nach ihrem Parfüm fragte, wusste sie, dass ich an ihr interessiert war. Ihr Duft löste in mir eine sehr starke Reaktion aus. Du magst dich zu Frauen hingezogen fühlen, aber wenn das Parfüm, das eine Frau trägt, falsch ist, ändert sich das Ganze. Es ist wirklich wichtig. Und das Parfüm dieser Frau hatte ich vorher nicht gerochen und ich dachte: Ich mag das! Das ist attraktiv.

Als wir dann ein Paar wurden, wollte ich ihr dieses Parfüm zu Weihnachten schenken. Seitdem schenke ich es ihr immer zu Weihnachten (lacht). Aber dann wollte sie mir einen Duft kaufen. Und so haben wir angefangen. Ich meine, es gibt eine Million Möglichkeiten zu beginnen. Also begann ich mit den klassischen männlichen Düften wie "Eau sauvage" von Dior, das ich sehr mag. Und ich entdeckte "Eight & Bob". Es wurde in Paris in den vierziger Jahren für John F. Kennedy hergestellt und in einem Buch versteckt, um durch den Zoll zu gelangen. Es wurde "Eight & Bob“ genannt, weil acht Flaschen für ihn und eins für Bobby Kennedy waren. Und schließlich habe ich auch einen modernen Duft gefunden, den ich sehr mag: Tom Ford "Noir".

Wo hast Du denn die Düfte getestet? In Deutschland findet man in Städten wie Brighton in der Innenstadt alle 500 Meter eine Parfümerie für Mainstream-Düfte und mindestens zwei oder drei Nischenparfumerien. Aber wir sind an keiner einzigen vorbeigekommen...

Ja, insgesamt sind in Großbritannien die Möglichkeiten, Parfums auszuprobieren und zu kaufen sehr begrenzt. Du kannst in die Drogerie gehen, ja, aber es ist ein verschlossener und seltsamer Markt. Ich denke nicht, dass Parfums bei uns genügend Beachtung bekommen.

Dabei hat Großbritannien eine lange Parfumtradition mit großen traditionellen Parfumhäusern haben, wie Trumper, Penhaligon`s, Floris usw.

Ja, aber Trumper ist eben auch ein gutes Beispiel für Dinge, die sich nie geändert haben. Vielleicht haben wir deshalb einen anderen Ansatz, vielleicht gibt es deshalb nicht so viele Parfümerien. Die reichen Leute gehen einfach zu Trumper, oder zu Taylors of Old Bond Street. Davon haben wir uns noch nicht losgelöst. Neben diesen traditionellen Unternehmen gibt es in London nur Läden, in denen Sie die gängigsten Mainstream-Parfums finden. Selbst der, den meine Freundin trägt (es ist "Faubourg 24" von Hermes), konnte ich hier in keinem Laden finden! Es war sogar schwer, ihn in den „High Streets“ in London zu bekommen!
Ich denke, in Spanien, Frankreich und Italien ist es eher üblich, dass Männer Parfums tragen. Weil Männer generell extravaganter sind, besonders in Italien. Sie denken mehr an ihre Kleidung und sie sind gut angezogen. Es könnte also am Verblassen der britischen Extravaganz liegen.

Wir haben einige britische Parfums ausprobiert undsie sind eher gesetzt, scheinen für die Banker von London gemacht zu sein. Sie schreien nicht: "Hier bin ich, rieche mein Parfüm!" Das ist vielleicht nicht britisch.

Ja, vielleicht habt Ihr Recht. Ich habe hier ein Floris-Parfüm. Es ist "Floris 89", das Parfum, das James Bond getragen haben soll, also der Charakter in den Büchern. Für mich riecht es eher nach einer Handwaschseife oder ähnlichem. Mehr wie ein Shampoo, für mich ist es nicht James Bond. Nun, es ist schön, aber für mich ist es sehr weiblich. Es ist frisch und zitrisch, aber es war nicht das, was ich suchte.

Klingt eher nach einem „Cologne“.

Ich weiß nicht, wie es in Deutsch ist, aber in Englisch ist das Wort "Cologne" im Allgemeinen mit männlichen Düften verbunden. Man kauft einem Mann kein "Parfüm", man kauft einem Mann ein "Cologne".

Oh, das ist in Deutschland anders. Wenn du in eine deutsche Parfümerie gehst und nach einem Cologne für einen Mann fragst, werden dir nur leichte und zitrische Parfums für den Sommer gezeigt, die typisch für ein EdC sind. In Deutschland wird der Begriff "Cologne" nur verwendet, um die niedrigste Konzentration eines Duftes zu bezeichnen.Aber das hat bei uns nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Okay, in Großbritannien wäre es sehr ungewöhnlich, einem Mann etwas zu kaufen, das "Eau de Parfum" genannt wird. Vielleicht klingt es zu feminin, ich weiß es nicht. Übrigens, was denkt Ihr über Unisex-Düfte? Für mich ist das absurd, weil ich denke, dass es zwei unterschiedliche Bedürfnisse für Männer und Frauen gibt.

Nun, wir schauen nicht, ob ein Parfum für Männer, Frauen oder beide Geschlechter gemacht wird. Eines unserer Lieblingsparfums ist "Patchouli", das von Reminiscence Paris als Frauenparfum verkauft wird. Es ist sehr dunkel und tief. Die gleiche Firma hat auch "Patchouli pour homme" hergestellt. Und wir haben das ausprobiert und gedacht: "Das ist für Frauen, es ist viel glatter, ein bisschen süßer und sauberer". Für uns ist das "Patchouli", das als Frauenparfum verkauft wird, also viel männlicher als das männliche.


Liegt das daran, dass Frauen abenteuerlustiger und fantasiereicher sind als Männer? Hat das Unternehmen gedacht, es könnte zu riskant sein, den Männern das Frauen-"Patchouli" anzubieten, und sie machten eine einfachere, konservativere Version davon? Mir scheint, dass Männer weniger abenteuerlustig bei der Auswahl ihrer Düfte sind, sie wollen etwas Vertrautes.

Nun, daran haben wir nicht gedacht, aber es könnte sein. Es könnte auch sein, dass besonders britische Männer nicht so abenteuerlustig sind – außer natürlich James Bond! Also, wie denkst Du, sollte James Bond riechen?

Ich denke, James Bond würde sicherlich einen Zibet-Duft tragen, sehr verführerisch, kraftvoll und männlich - und teuer. Vielleicht ist das der Grund, warum Parfum hier nicht so beliebt ist. Jeder ist von James Bond besessen. Er ist ein starkes Vorbild für Männlichkeit in Großbritannien. Er ist ein Bezugspunkt seit den 1950er und 60er Jahren. Und ich frage mich, wenn Daniel Craig - oder wer auch immer - in einem James-Bond-Film ein Parfum aufgelegt hätte, ob Düfte dann populärer werden würden. Denn in Großbritannien ist Parfum irgendwie mit Weiblichkeit verbunden. Auch das ist beispielsweise in Italien anders. Kein Mann erwartet dort, für homosexuell gehalten zu werden, nur weil er gut gekleidet ist. Und es ist dasselbe mit Duft. Denkt Ihr, dass im Allgemeinen mehr deutsche Männer Parfums tragen, sogar die jüngeren?


Es scheint so, ja. Es scheint aber auch, dass es eine Entwicklung ist, die mit einer generellen Entwicklung der Aufmerksamkeit für alles, was Genuss bereitet und Einzigartigkeit verleiht, verbunden ist. So, wie man guten Weinen jetzt mehr Aufmerksamkeit schenkt, Wein mit Schokolade oder Zigarren kombiniert, aktuell kommt in Deutschland gerade der Genuss von Whisky und Gin in Mode. Es ist sicher kein Zufall, dass in den letzten 10 – 15 Jahren eben auch viele neue Parfum-Firmen gegründet wurden. Und auch die meisten Nischen-Parfümerien wurden erst vor einigen Jahren eröffnet.

Ich frage mich, ob es da eine Parallele zwischen Kleidung und Duft gibt? Aus meiner Sicht hat alles, was ich mit dem CHAP-Magazin mache, etwas mit einem bestimmten Look zu tun, einer spezifischen Art, sich elegant zu kleiden. Und ich frage mich, ob es beim Parfum etwas Ähnliches gibt. Man könnte argumentieren, dass die Annäherung an Düfte die gleiche ist wie an Kleidung und dass die Chaps die klassischen Düfte bevorzugen, die zum Beispiel in den 1940ern getragen wurden. Sie experimentieren nicht, sie würden auch nicht mit einer neuen Art von Hosen experimentieren. Aber ist Duft nicht eine persönlichere Sache? Als ich damit anfing, nahm ich an, dass ich all die klassischen Düfte mögen würde, weil ich klassische Kleidung mag. Aber ich habe mich getäuscht. Ich mag zum Beispiel Tom Ford "Noir" und ich mag "Eau sauvage" auch. Aber es war nicht wichtig, dass es ein Klassiker war.

Unsere Erfahrung ist, dass manchmal klassische Parfüms sehr zeitgemäß riechen und umgekehrt. Und natürlich wird heute kaum noch ein Duft verkauft, der mit dem Originalrezept aus der Zeit hergestellt wird, in der er zuerst veröffentlicht wurde, aus allergischen Gründen oder weil synthetische Substanzen billiger sind ...

... oder aus ethischen Gründen. Heute wird Zibet nicht mehr aus der Zibet-Katze oder den Moschus aus dem Reh extrahiert...

… ja. Aber wir beobachten, dass einige neue Parfumhersteller versuchen, die älteren Düfte neu zu erfinden, zum Beispiel Oriza L. Legrand, die bis 1940 Parfums produzierten, dann schlossen und 2012 wiedereröffnet wurden und versuchen, den alten Parfums mit zeitgenössischen Rezepten nahe zu kommen. Wir denken, dass diese Entwicklung mit der Retro-Bewegung verbunden ist, die auch eine sehr junge Bewegung ist, Leute, die alte Sachen kaufen, zum Beispiel alte Telefone und sie benutzen und so weiter.

Ja, aber es scheint, dass Dufthersteller bisher noch nicht auf die Idee gekommen sind, das für ihre Marketing-Arbeit zu verwenden, obwohl es definitiv einen Markt dafür gibt, wenn Sie es mit der Retro-Bewegung verbinden. Es ist das gleiche mit Vintage-Kleidung. Vor 10 Jahren, wenn Ihr Vintage Style tragen wolltet, musstet Ihr Original Vintage-Kleidung tragen. Aber heute gibt es eine neue Industrie, die Reproduktionen aus alten Stoffen und Mustern herstellt. Es gibt Dutzende und Dutzende von neuen Unternehmen, die Kleidung im Retro-Stil machen. Warum hat kein Parfümhersteller diesen Markt ins Visier genommen? Vielleicht sollte es ich das machen!

Ja, das wäre eine Idee! Aber erst einmal herzlichen Dank für das Interview!

Interview und Übersetzung: Marie de Winter & Ferdinand Sturm (Redaktion WinterSturm)



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